„Der Trump der Architektur“ (2)

[Das ist die Fortsetzung dieses Artikels]

Der Dekonstruktivismus wollte die Wahrheit hinterfragen. Er wollte das Ganze untergraben. In der Architektur ist das, zumindest was die Stars dieses Genres angeht, in weiten Teilen in die Hose gegangen. Sie sind nun Teil der Wahrheit und des Ganzen, und die ist eine kapitalistische und das ist ein kapitalistisches. Die Logik des Kapitalismus ist ideologiefrei und bemächtigt sich jeder Strategie, die Rendite verspricht. Stararchitektur, die kritisch daherkommt, lässt sich leicht ins Spektakuläre drehen, dem jede Kritik abhanden gekommen ist. Dies haben wir, wie man sagt, in Teil 1 unserer kleinen Serie plausibel dargelegt.

Wie radikal sich der Dekonstruktivismus in den Dienst des Kapitalismus stellen kann, zeigt der deutsche Architekt Patrik Schumacher:

schumacherDer 55-Jährige ist nicht irgendwer, sondern seit dem Tod der Gründerin vergangenes Jahr der Chef des Büros Zaha Hadid. Laut Guardian und dezeen will er den sozialen Wohnungsbau auf null herunterfahren, Bauregulierungen weitestgehend abschaffen und sogar Straßen, Plätze und Parks privatisieren. Bemerkenswerterweise sagte er das kürzlich bei einer Konferenz in Berlin. Auch gegen Zweitwohnungen in Metropolen hat er nichts einzuwenden. Seine Begründung:

„I know a lot of people that have second homes in London and I’m so glad they do,“ he continued. „Even if they’re here only for a few weeks and throw some key parties, these are amazing multiplying events.“

Amazing multiplying events, soso. Vermutlich dann, wenn er eingeladen ist. Klingt nach einem Egozentriker.

Genügend Wohnraum will er so schaffen:

„Housing for everyone can only be provided by freely self-regulating and self-motivating market process.“

Der Markt soll es richten. Angesichts der Verhältnisse in London eine mutige Behauptung. Der Neoliberalismus hat die aktuellen Verhältnisse geschaffen, aber egal: Wir erhöhen einfach die Dosis. Es ist völlig klar, dass mehr Markt bei naturgemäß begrenztem Boden zu höheren Preisen führt. Man mag nicht glauben, dass Mister Schumacher so dämlich ist, das nicht zu wissen. Er weiß es sicher.

In die Städte sollen, und hier zeigt Schumacher, was er eigentlich will, nur “the most economically potent and most productive users who serve us most effectively” einziehen. Wobei man erst einmal klären müsste, ob die economically Potentesten auch die sind, die us most effectively nutzen. Wie auch immer, in London sind doch schon lange nur noch die ökonomisch Potentesten in der City. Er trägt Eulen nach Athen.

Wenn gerade keine Party angesagt ist, sitzt Schumacher laut Guardian gerne bei Architekturkonferenzen in der ersten Reihe und bezichtigt die Redner, Teil einer „lefty liberal conspiracy“ zu sein.

Auf Facebook sind die Meinungen über Schumacher deutlich:

hadid1

hadid2

hadid3Die Engländer scheinen weitaus meinungsfreudiger als die Deutschen zu sein, wenn es um Architektur geht. In Berlin sind solche Auseinandersetzungen undenkbar. Hier macht die sogenannte intellektuelle Elite jeden Wunsch des Kapitals mit und will architektonisch entweder das Schloss oder gar nichts.

Wie auch immer: Von dekonstruktivistischer zu einer zeitgemäß faschistischen Architektur ist es offenbar nicht weit.

Interessant ist auch Schumachers politischer Werdegang: Er bezeichnete sich früher, kein Scherz, als  Marxist. Nun jedoch sei er desillusioniert. Vielleicht ist nicht nur der Trump, sondern auch der Jürgen Elsässer der Architektur. Nun liest Schumacher Ludwig von Mieses, Friedrich Hayek und Murray Rothbard. Leute also, für die die FDP eine sozialistische Partei ist.

Was sagte Zaha Hadid zu Schumacher, der seit den 1980er Jahren in Hadids Büro arbeitete? Sie hielt wohl nicht viel von seinen Überlegungen zur Architektur und laut Schumacher war sie Guardian-Leserin, was er keineswegs als Lob versteht. Konnte Schumacher nur durch den plötzlichen Tod Hadids den Laden übernehmen? Hat sie nicht aufgepasst?

Fade out

(Fotos: Facebook und dezeen)

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2 Antworten zu „Der Trump der Architektur“ (2)

  1. Jakobiner schreibt:

    Pol Pot wollte die Städte als Zentren von Intellektualität und dekadenten Reichtums auslöschen und die Stadtbevölkerung in militärisch-egalitäre Landwirtschaftskommunen umsiedeln, die Städte entvölkern, um den kommunistischen edlen Wilden ala Rousseau auf dem Lande zu züchten. Neoliberale sozialdarwinistische Pol Pots in der Architektenszene des Westens wollen nun den entgegengesetzten Weg gehen und die Städte von sozial schwachen und bildungsfernen Schichten und Klassen entvölkern, diese vertreiben und die Städte so zu wahren Zentren von einer Oberklassenelite der Exzellenz machen.

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