Marc Friedrich oder: Die Lust an der Katastrophe

Das Ende eines lesenswerten Streitgesprächs zwischen dem relativ linken Wirtschaftsweisen, wie man sagt, dem Keynesianer Peter Bofinger, und dem Bestseller-Autor Marc Friedrich im Spiegel+. Letzterer prophezeit einen totalen Wirtschaftscrash in den nächsten drei Jahren inklusive folgendem Bürgerkrieg, ersterer hält den Ball flach.

Nach einer langen Diskussion wissen die Kontrahenten Bescheid:

Friedrich: Sie haben keine Ahnung, bei allem Respekt.

Bofinger: Ich verstehe davon mehr als Sie, mein Lieber!

SPIEGEL: Herr Bofinger, Herr Friedrich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

In dem Gespräch wird Friedrich einigermaßen vorgeführt. Er ist eine Art shooting star der Katastrophenprognosenbranche, schreibt, zusammen mit seinem Kompagnon Matthias Weik, Bestseller über den kommenden Crash, und hat bei unterhaltungsshowartigen Auftritten volle Häuser. Dazu betreibt er eine Firma zum Thema „Vermögenssicherung“.

Er versucht, einigermaßen Abstand zur AfD zu halten, ist im Grund jedoch auf deren Linie und Niveau. Als Lösung des Problems, als Vision für die Zeit nach dem Crash, fordert er einen totalen Kapitalismus. In einem aktuellen Video von ihm zu Corona kann er seine Freude über eine kommende Panepidemie kaum verbergen:

Es sind Leute, für die youtube eine wunderbare Bühne ist. Je unseriöser, je plakativer, je katastrophischer und je alarmierender, desto größer die Anziehungskraft fürs entfremdete Publikum.

Die Lust an der Katastrophe ist dem Menschen offenbar inhärent. Vermutlich glaubt er, er könne sich den Untergang im live stream anschauen und komme selbst unbeschadet davon. Vernünftig argumentierende Menschen wie Bofinger sind rationale Sieger. Doch wen interessiert schon die ratio?

Vielleicht ist die Lust an der Katastrophe, am Untergang, so alt wie die Geschichte von der Sintflut. Großes Reinemachen. Das Bedürfnis wird mit Krimis, Horror-, Katastrophen- und Psychofilmen ebenfalls gesättigt.

Bedürfnisbefriedigung im Kapitalismus. Es läuft.

(Foto: genova 2019)

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11 Antworten zu Marc Friedrich oder: Die Lust an der Katastrophe

  1. neumondschein schreibt:

    Es gibt andere Videos von ihm, die sind noch mehr meschugge. Und dann gibt es noch Dr. Markus Krall. Der ist fast noch schlimmer.

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  2. neumondschein schreibt:

    Zu den sogenannten Zombie-Unternehmen, von denen die Crash-Propheten immerzu sprechen, gehören u.a. Procter&Gamble sowie Netflix und McDonalds. Wenn diese Unternehmen ausradiert werden, dann freut sich bestimmt auch exportabel-genova. Leider gehören aber Apple und Microsoft nicht dazu. Die totale Verbreitung von Linux muß noch eine Weile warten.

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  3. genova68 schreibt:

    Markus Krall ist ein schönes Beispiel für die Verbundenheit von Liberalismus und Rechtsradikalismus. Er ist vermutlich Fan der österreichischen Schule und fühlt sich im AfD-Umfeld wohl. Es gibt einen Ausschnitt aus einer Sendung von Ken Jebsen, einer Talkshow. Dort ging es um Immobilienpreise, ein Teilnehmer erklärte das Wiener Modell. Es interessierte Krall nicht im geringsten, denn dann hätte er zugeben müssen, dass ein kommunale Wohnungsinstitution für die Betroffenen besser agieren kann als der sogenannte Markt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Krall hält sich für unwiderlegbar und ist doch nur ein Beispiel für einen fanatischen Dogmatismus eines Marktapologeten. Und da das nahe dran ist am Sozialdarwinismus, hängt er halt bei der AfD ab.

    Netflix und McDonalds und Procter und Gamble sind also Zombieunternehmen? Das meint wohl, dass die Unternehmen bei höheren Zinsen keine Kredite mehr bekämen, oder? Tja, dann könnte man sich ja fragen, was an niedrigen Zinsen eigentlich so schlimm ist? Es ist ja klar, je höher die Zinsen, desto weniger Unternehmen können sich Kredite leisten.

    Gibt auch deutsche Zombieunternehmen?

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  4. neumondschein schreibt:

    In Amerika war es in der Vergangenheit üblich, massenhaft Aktien rückzukaufen und Aktionenrückkäufe und Dividenden mit Hilfe von billigen Krediten zu finanzieren, um des schnöden Shareholder-Value willen. Netflix verwendete viel billigen Kredit, um auf Teufel komm raus, zu wachsen. Zu viel billiges Geld, meinen viele. Wenn jetzt der Kredit nicht mehr so wohlfeil wird, dann haben die betreffenden Firmen ein Problem, das nicht jede Firma überleben wird. Und mit diesen Firmen auch deren Zulieferer. Und wenn die amerikanische Wirtschaft erst anfängt, um das Überleben zu kämpfen, dann kann man in etwa das erwarten, was man in der Berliner Immobilienwirtschaft nach dem Mietdeckel erwarten kann. Es kommt dann nicht mehr darauf an, Kunden zu aquirieren, indem man gute Produkte und Dienstleistungen zu guten Preisen anbietet, und sie davon abzuhalten, bei der Konkurrenz zu kaufen, sondern es geht um das nackte Überleben, also darum, als letzter übrigzubleiben. Das wird derjenige sein, der Rücklagen bilden konnte oder sich aus anderen nicht betroffenen Geschäftsfeldern finanzieren kann. Derjenige, der zum Schluß übrigbleibt, wird dann das Monopol besitzen, und Preise und Qualität bestimmen dürfen. In einem solchen Modus kommt es darauf an, den Service und die Qualität herunterzufahren und so hohe Preise wie möglich zu fordern. Firmen, die sich vertraglich verpflichtet haben, den Gewinn nicht an erste Stelle zu setzen, werden als erste untergehen. In Berlin also Genossenschaften, weil sie an ihre Statuten gebunden sind oder Kleinvermieter, die in der Vergangenheit Streitereien mit Mietern scheuten, um des lieben Friedens willen, und auf mögliche Mieterhöhungen verzichteten. Es werden die Firmen sein, die auch am schäbigsten mit Mitarbeitern umgehen, auf „Sozial-Klimbim“ und Frauenquote verzichten. Und die Politik wird derartiges Treiben nach Kräften unterstützen, wegen der Arbeitsplätze, die nur noch Arschloch-Firmen anbieten können. Darauf freut sich Markus Krall schon.

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  5. neumondschein schreibt:

    Mythen und Wahrheiten um den sagenhaften Wiener Wohnungsmarkt:

    https://t.co/zRkJAlmDUu?amp=1

    Ergebnis: etwa so teuer wie Hamburg. Mieter haben mehr Pflichten, mehr Ärger und mehr Bürokratie und sind schlechter geschützt. Insbesondere gibt es mehr versteckte Kosten. Mietsystem ist also intransparenter, und mit deutschem Mietsystem schwer zu vergleichen. Also nicht wirklich besser als in Berlin.

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  6. neumondschein schreibt:

    Tja, dann könnte man sich ja fragen, was an niedrigen Zinsen eigentlich so schlimm ist?

    Erstens: Private Altersvorsorge funktioniert nicht mehr. Zweitens, die Preise für Sachwerte schießen in die Höhe, u.a. auch die Bodenpreise in Berlin, die Frau Lompscher als nächstes deckeln möchte. Und noch mehr Probleme.

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  7. genova68 schreibt:

    Die Studie zu Wien ist vermutlich eine unwissenschaftliche Propagandaarbeit. Zumindest legt das die Zusammenfassung nahe,bei der alles falsch ist. In Wien wohnen 60 Prozent der Mieter sehr günstig, und zwar die der kommunalen Vermieter. Die 40 Prozent auf dem privaten Markt sind mittlerweile sehr teuer, was gerade am Kapitalismus liegt und für das Wiener Modell spricht. Intransparenz und Bürokratie ist der gleiche Quatsch, das ist frei erfunden. Du solltest nicht auf jede Kapitalpropaganda reinfallen, neumondschein.

    Solche Untersuchungen gibt es mehrere, es ist allesamt dummes Zeug und motiviert dadurch, dass das Kapital im Immobiliensektor zu verschleiern versucht, dass es ausbeuterisch tätig ist.

    Schwer vergleichbar ist immer das lustigste Argument, wenn einem nichts mehr einfällt. Ich halte dich, neumondschein, für intelligent genug, um diese Propaganda zu erkennen. Warum postest du sowas? Bist du selbst Vermieter und siehst deine Fälle davonschwimmen?

    Private Altersvorsorge auf Aktienbasis funktioniert nicht, weil das nur Spekulation ist. Der einzige, der Werte schafft, ist der Arbeiter. Das Hin- und Hergeschiebe von Aktien produziert null Reichtum, das ist Lottospielen für Intelligente, ein netter Zeitvertreib, sonst nichts. Altersvorsorge auf Basis von Staatsanleihen funktioniert deshalb theoretisch, weil eben auch da jemand arbeitet, also der, der für das investierte Staatsgeld arbeitet. Irgendwer arbeitet immer, wenn Werte entstehen, da kann man verschleiern, soviel man will.

    Die Bodenpreise schießen nicht wegen niedriger Zinsen in die Höhe, sondern weil wir in einem asozialen Wirtschaftssystem leben, das sowas zulässt.

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  8. genova68 schreibt:

    Der Berliner Mietermarkt sollte nichts mit Netflix zu tun haben. Fernsehen ist Markt, Wohnen sollte es nicht sein. Anonsten: Ja, je höher die Zinsen, desto mehr Firmen gehen pleite oder machen weniger Gewinne. Deshalb gibt es ja Geldpolitik, und über die Zinshöhe kann man immer streiten. Allerdings lag das Wirtschaftswachstum in der Eurozone in den vergangenen vier Jahren irgendwo zwischen einem und drei Prozent, aus dem Gedächtnis gesagt. Das war in der Vergangenheit nie ein Grund, Zinsen zu erhöhen, weil die Wirtschaft überhitzen könnte. Wie auch immer man Wirtschaftspolitik beurteilt, aber eine massive Erhöhung des Leitzins zu fordern, würde vermutlich direkt eine Rezession auslösen, und dann würden weniger Kredite nachgefragt und der real gezahlte Zins wäre bei weitem nicht so hoch, wie sich das die sich betrogen fühlenden Sparer einreden.

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  9. genova68 schreibt:

    Geradezu eklig: Marc Friedrich sieht sein Crashszenario angesichts von Corona bestätigt.

    „Unsere Zeit ist gekommen… Siehe da, unsere Prognosen sind eingetroffen. Wir freuen uns nicht darüber, aber es war halt mathematisch unabdingbar, was gerade passiert.“

    Der Typ nimmt jetzt ernsthaft die Corona-Krise als Beleg für seine Crash-Prophetie. Und freut sich sichtlich darüber. Und sagt gönnerhaft: „Wir geben unseren Kritikern die Hand.“

    Falls man über das Niveau dieser Leute noch nicht im Bild ist: Markus Krall hält sich für einen tollen Analysehecht, und dementsprechend behauptet er, dass vor drei Monaten eine Packung Nudeln 39 Cent gekostet habe, heute kostete sie 3,50 Euro (ab 20:00). Ohne das gerade überprüfen zu können, ist der Satz offensichtlicher Blödsinn. Und so einer erklärt einem täglich die Welt.

    Später behauptet Krall, wir werden schnell venezuelanische Verhältnisse bekommen.

    Wie ist sowas psychologisch zu erklären? Der Typ will sein Gold verkaufen und braucht deshalb wüste Untergangsphantasien? Sind das einfach nur Demagogen? Angeblich steht sein neues Buch auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste.

    Immer wieder frappierend, welche Leute via Internet und youtube nach oben gespült werden. Andererseits ein cleveres Geschäftsmodell: Katastrophenbücher schreiben und gleichzeitig den Leuten eine „Vermögenssicherung“ anbieten. Der in diesem Gespräch auch anwesende Markus Krall empfiehlt den Empfängern der staatlichen Hilfsgeldern, das Geld direkt irgendwie anzulegen, in Gold und Whisky vermutlich.

    Später erzählt Friedrich noch, ihm liege das Wohl der „Mitbürger am Herzen“.
    Wie gesagt: eklig.

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  10. neumondschein schreibt:

    Armer Genova! Muß jetzt andauernd solche Videos anschauen! Schau doch lieber mal etwas, was mehr Spaß macht! Wie das da:

    Weltklasse 😂 pic.twitter.com/dWHrZqmCEd— Florian Harms (@FAHarms) March 26, 2020

    https://platform.twitter.com/widgets.js

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  11. genova68 schreibt:

    Sehr geil, vielen Dank.

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