Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Was noch? XI

1. Interview mit dem Börsenhändler Volker Handon in der Berliner Zeitung:

“Ich halte die Behauptung, der Aktienmarkt sei eine zuverlässige Säule für die Altersvorsorge einer breiten Bevölkerungsschicht, für eine vorsätzliche Volksverdummung.”

Warum das?

“Weil das schon aus mathematischen Gründen nicht funktionieren kann. Wenn nur 40 Prozent der Deutschen einen nicht unerheblichen Teil ihres Geldes in den Aktienmarkt stecken wollten, würden sie die Kurse gewaltig nach oben treiben, weil es so viele Unternehmen und deren Aktien gar nicht gibt, um die Nachfrage zu befriedigen. Der Kuchen ist eben nicht unbegrenzt teilbar. Die Folge wäre eine Blase, die irgendwann platzen würde. Dieses riskante Spiel kann niemals eine Altersvorsorge für alle ersetzen. Das wird nur von der Branche nicht kommuniziert, weil sonst ganze Geschäftsmodelle wegfliegen würden.”

Und die Politik?

“Die ist viel zu stark mit der Finanzlobby vernetzt, um ernsthaft gegen deren Interessen zu agieren.”

Eigentlich alles bekannt, aber gut, dass darauf mal wieder jemand hinweist. Schröder und Maschmeier im Partykeller, so wird deutsche Politik gemacht.

Kapitalismus erzeugt systemische Dummheit und Bauernschläue. Die Dauerbehauptung, wonach die gesetzliche Rentenversicherung versage und man deshalb privat vorsorgen müsse, ist eine vom Prinzip her absurde.

2. Die Berliner Polizei hat kürzlich eine Woche lang kontrolliert, inwieweit Verkehrsteilnehmer bei roter Ampel die Straße überqueren. Ergebnis: Ein Drittel aller Radfahrer fuhr bei rot. Jetzt könnte man fragen: Was machen die übrigen zwei Drittel in der Zeit? Sind die mit Nasebohren beschäftigt? Stattdessen herrscht allgemeine Besorgnis: Die Verkehrsmoral, wie man sagt, liegt am Boden. Dabei ist doch eh klar: Ampeln sind für Autofahrer da, nicht für Radfahrer oder Fußgänger.

Shared space täte Not. Verkehrstechnisch wie gesellschaftlich. Ich empfehle bei beiden Aspekten Kairo.

3. Sehr angenehm: Die Antilopen-Gang spielt für die Unterstützung der Flüchtlinge im sächsischen Freital. Flüchtlingskinder auf der Bühne, aus dem Flüchtlingsheim im Hintergrund werden sie tatkräftig unterstützt.

4. Die Post beendet ihren Streik. Ergebnis: 2015 Einmalzahlung von 400 Euro, 2016 2,0 Prozent Lohnerhöhung, 2017 1,7 Prozent. Kaum mehr als Inflationsausgleich. Dafür streikt man Wochen, von angeblich 63 Prozent der Deutschen unterstützt. Der Post geht es gut:

2014 erfreute der Dax-Konzern, der noch immer zu einem Fünftel dem Staat gehört, seine Aktionäre mit einem Gewinn von fast drei Milliarden Euro.

Bei der GdL sieht es ähnlich aus. Statt die Züge wochen- oder monatelang im Bahnhof stehenzulassen und eine möglichst große Solidarität von außen einzufordern, geben die sich mit 3,5 Prozent in diesem Jahr und 1,6 Prozent im nächsten Jahr plus einer Einmalzahlung von 350 Euro zufrieden. Ihre Kollegen in Benelux, Frankreich, Spanien und anderswo verdienen rund 20 Prozent mehr, bei den Schweizer Schaffnern sind es 100 Prozent, kaufkraftbereinigt 50 Prozent. Die Deutsche Bahn will dieses Jahr einen Gewinn von 1,7 Milliarden Euro erzielen.

20 Prozent mehr wäre für die GdL eine maßvolle und bescheidene Forderung gewesen, man hätte sich bei 19 Prozent treffen können. Stattdessen: einknicken. Bei der Post begünstigt durch Leiharbeiter schon ausgegliederter Sparten.

Die Berliner S-Bahn, die der DB gehört, fährt übrigens den kompletten Sommer mal wieder unpünktlich. Es fallen wegen der Reparaturanfälligkeit älterer Wagen reihenweise Züge aus. Ganz ohne Streik.

5. Sascha Lobo über deutschen Neo-Nationalismus. In dieser Deutlichkeit lesenswert.

Für eine Vertreibung aus der Heimat

Der Philosoph Vilem Flusser:

“Wer aus der Heimat vertrieben wird (oder den Mut aufbringt, von dort zu fliehen), der leidet. Die geheimnisvollen Fäden, die ihn an Dinge und Menschen binden, werden zerschnitten. Aber mit der Zeit erkennt er, daß ihn diese Fäden nicht nur verbunden, sondern angebunden haben, daß er nun frei ist, neue zwischenmenschliche Fäden zu spinnen und für diese Verbindungen die Verantwortung zu übernehmen.” (aus: Heimat und Heimatlosigkeit, arch+, Nr. 116 (1992), S. 12f.)

Meine Rede. Es gibt ja Leute, die wohnen immer dort, wo sie schon immer wohnten. Die schon als Grundschüler wissen, auf welchem Friedhofsfeld einmal ihr Grab ausgehoben wird. Denen fehlt etwas. Der bewusste Blick auf ihre Umgebung, vermutlich. Es sind oft genau die, die von Heimat reden, sie aber nicht kennen. Damit hängt auch die bewusst-unbewusste Ablehnung von Verwandtschaft zusammen. Statische Beziehungen zu Leuten, die einem meist doch eher auf den Keks gehen, von Eltern und Geschwistern abgesehen.

Ich bin in Nachhinein froh, in einem gewissen Sinn migrantisch aufgewachsen zu sein. Man entwickelt dadurch früher ein Gespür für die Verlogenheit des populären Heimatbegriffs. Ein Begriff, der in der Moderne vorwiegend zur Abwehr missbraucht wird, nicht zur eigenständigen Füllung.

Heimat ist, wenn man in die Kirche rennt, Kinder prügelt und auf seinen Acker rotzt.

Heimat ist als Begriff nur sinnvoll, wenn er täglich neu definiert wird. Alles andere ist Pegida. Zur Heimat gehört ihr Verlassen. Zum Drinnen gehört das Draußen.

Berlin ist die Stadt, wo die Leute aus Heimweh hinziehen, singt Sven Regener irgendwo. Das macht die Stadt angenehm. Die von Geburt verankerte Schollenverbundenheit ist vermutlich vor allem Dumpfheit. Nur durch Wanderschaft ist Heimat erfahrbar.

Es müsste eine Zwangsvertreibung für alle geben, ein paar Jahre lang. Danach entscheidet jeder selbst, was und wo Heimat ist. Und es dürfte dann kaum noch jemand auf die Idee kommen, zwölf Monate im Jahr dort zu wohnen, wo er geboren wurde.

Eine zornige Anmerkung zu Amzig/Leipdam

Was kann man machen, wenn man auf der Durchreise in Amsterdam landet, dort fünf Stunden Zeit hat und es dauerregnet? Nicht viel, so stellte ich kürzlich fest. Es gibt in der gesamten Innenstadt, also südlich in etwa bis zum Rijksmuseum, kaum noch Cafés, in denen man sich länger aufhalten möchte. Der Damrak: übel. Fastfood mit Theke und ohne Bedienung dominiert. Die meisten Stühle sind Hocker, ohne Lehne. Dann bleiben die Gäste nicht so lange und machen Platz für die nächsten. Es muss sich halt rentieren. Bei Ladenmieten von teilweise 150 Euro pro Qudratmeter bleibt dem Betreiber wohl nichts anders übrig. Die Vermieter könnten mit einem Zehntel der Mieten immer noch gute Renditen einfahren. Doch warum sich bescheiden, wenn mehr rauszuholen ist?

Die Innenstadt ist Kulisse. Schöne Grachten und schiefe Häuser, auf die jeder Touristenführer hinweist, dienen im Kapitalismus dem Umsatz via Tourismus. Vermarktung ist alles. Es ist die Logik der unerbittlichen Verwertung, der unaufhörlichen Effizienzsteigerung. Und es ist die Transformierung von Stadt in einen Walt-Disney-Park. Je höher die Mieten, desto banaler die Atmosphäre. Coffeeshops werden verdrängt, zu indifferent. Aber auch die sind Klischee. Kiffen und kotzen. Man muss schon Respekt haben vor dem Joint. Und billige Pornoläden mit immerhin lustigen DVD-Titeln. Es scheint Millionen fetter Touristen zu geben, die es hier krachen lassen. Ballermann. Es folgen Galerien und Prada.

Leipzig, ebenfalls kürzlich bereist, bietet ein ähnliches Bild, nur ohne Ballermann. Die Innenstadt ist mittlerweile komplett aufgehübscht, die gute Bausubstanz – viel Jugendstil – renoviert. Es steht in der gesamten Innenstadt praktisch keine Bank. Wer sich setzen will oder muss, muss das in einem Café tun und einen bestellen. Wohnungen entstehen nur noch im Hochpreisbereich, “Residenzen” genannt, wo vermutlich niemand wohnt, sondern nur sein Geld anlegt, wie man sagt.

Manche schwärmen in diesem Zusammenhang von der Dynamik des Kapitalismus. Vielleicht schwärmen die auch von der Dynamik eines Flüchtlingsbootes, wenn es kentert. Es sind gesellschaftliche Perversionen.

Es ist egal, wohin man reist. Ob Amsterdam oder Leipzig, Stadt wird zur bloßen Kulisse mit den immergleichen Geschäften, den Ketten. In Amsterdam gibt es mehr Pommes, in Leipzig mehr Bratwurst. Das war´s schon. Die wenigen Buchläden verkaufen massenhaft Ramsch, im Dreierpack günstiger, zu mehr reicht es nicht. Moderne Architektur wird abgerissen und durch aufgehübschte Mittelalter-Buden mit Wärmedämmung aus Pappmaché ersetzt. Ob der Flagstore oder der Touristenkrempelladen in einem Jugendstilgebäude oder in einem Op-Vlucht-Haus untergebracht ist, ist egal. Es guckt eh keiner hoch, wenn nicht gerade der Touristenführer mit seinem Regenschirm nach oben zeigt. Wer sich eines der Jugendstilhäuser, die die Marketingabteilung der Stadt Leipzig als  Alleinstellungsmerkmal in Deutschland betont, anschauen will, wird von Touristenmassen weggeschwemmt. Der typische Blick ist der nach links und rechts, auf EG-Höhe. Mir ist unklar, wie einen dieses Dauershopping so anturnen kann. Wohnen die alle in Zonenrandgebieten, wo es keine Läden gibt? Oder sind alle so gedrillt, dass Stadt ohne Kaufen nicht mehr denkbar ist?

Stadt als Möglichkeit des zwanglosen Zusammentreffens verschiedener und unterschiedlicher Menschen, des Austauschs wird zur Frage des Geldbeutels und in Zeiten des Massentourismus zu der nach oberflächlichstem Sightseeing im 24-Stunden-Takt. Heute Amsterdam, morgen Leipzig, übermorgen Legoland, hop on hop off. Es ist ein Einheitsbrei, auf den man trifft. In Teilen hat die Innenstadt von Leipdam die Atmosphäre eines Outlets.

Stadt ist nur noch von den Rändern aus erlebbar (was sowohl im Amsterdam als auch in Leipzig außerordentlich interessant ist). Es werden nicht nur Bewohner verdrängt. Sondern alle, die ein ernsthaftes Interesse haben.

In Amsterdam gibt es immerhin ein neues Kleinod. Die 2007 erbaute Zentrale Bibliothek, selbst sonntags bis 22 Uhr geöffnet, mit vielen Fachzeitschriften und bezahlbarem Kaffee, wo man nach Herzenslust, wie man sagt, stöbern kann. Mit Stühlen mit Lehnen. Mit sechs Etagen, die durch riesengroße Fenster den Blick auf die Stadt ermöglichen. Man kann gucken, solange man will. Eine kapitalismusfreie Zone, direkt neben dem Hauptbahnhof.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

(Foto: genova 2015)

Noch ein Kommentar zur Frage der Perspektive


.
.
.
.
.
.
.
.
.

.
(Fotos: genova 2015)

Ich bin nicht homophob, aber…: eine Anmerkung zu Perspektivfragen

Vorbemerkung:
Dieser Blogartikel bezieht sich auf Veröffentlichungen in den Blogs von hf99, Bersarin, summacumlaude und dem FAZ-Blogger Don Alphonso und eine anschließende Schlammschlacht – auch Diskussion genannt – bei hf99. Ich nenne die Blogger im Folgenden aus Gründen der Einfachheit “diese Leute”, wenn ich sie nicht einzeln namentlich aufführe. Die Gemengelage ist mittlerweile unübersichtlich. Ich hoffe dennoch, verständlich geblieben zu sein.

Worum geht´s? Um diese Ratgeberkolumne, die in der OWL-Zeitung, der Sonntagsausgabe des Westfalen-Blatts erschien:

11264374_10203242816830438_397392084_n_image_630_420f_wn

Ein Vater hat Angst, dass seine Kinder verwirrt werden, wenn sie bei der Hochzeit des schwulen Bruders bzw. Onkels Blumen streuen. Das ist religiös motivierte Homophobie, aus Ängsten gespeist. Der Vater stellt eine Frage, so weit, so gut.

Das Problem beginnt bei der Antwort von Barbara Eggert.

Vollumfängliche Zustimmung

Meine Interpretation: Die Ratgeberin Barbara Eggert stimmt dem Vater vollumfänglich zu. Sie ist der Meinung, dass eine schwule Hochzeit Mädchen und damit Kinder verwirrt. Man solle sie zu einer Hochzeit nicht einladen und schon gar nicht mitbringen. Der Bitte des Bruders/Onkels solle eine klare Absage erteilt werden. Eggert weist den Vater mit keinem Wort und auch nicht im  Subtext darauf hin, dass es nicht um die öffentliche Zurschaustellung sexueller Praktiken geht, sondern um zwei sich liebende Menschen. Beides darf nicht öffentlich gezeigt werden, und zwar wegen eines angeblichen Kinderschutzes. Kinder müssen vor Schwulen geschützt werden. Eggert übt in keinster Weise Kritik an der Einstellung des Vaters, sondern bekräftigt ihn in seiner Haltung ausdrücklich. Sie geht auch nicht darauf ein, dass es der eigene Bruder und Onkel ist: Die Kinder werden weiterhin Kontakt zu ihm haben und irgendwann werden sie “aufgeklärt” werden müssen. Inwieweit das zu einem Schaden der Kinder führt, wird nicht thematisiert. Eggert weist den den Vater auch nicht im Ansatz darauf hin, dass er sich möglichst flott dem Thema stellen sollte: Die Kinder entsprechend informieren, zum Wohle aller. Der Vater wusste vermutlich schon bei der Geburt der ersten Tochter von der Homosexualität seines Bruders. Er hätte schon längst agieren müssen. Er bräuchte wohl Hilfe. Nichts von alledem wird thematisiert, es kommt von Eggert auch kein Hilfsangebot. Stattdessen bekräftige sie komplett die homophoben väterlichen Ansichten. Der Vater macht alles richtig. Schlimmer noch: Sie macht dem Onkel Vorwürfe: Bei allem Respekt (wie verlogen) müsse es nicht sein, Kinder einzuladen. Der Bruder hätte sich das bitteschön vorher überlegen sollen.

Notwendig gewesen wäre ein Hinweis darauf, dass der Vater seine Kinder instrumentalisiert, sie vorschiebt, weil er, wohl aufgrund der wirkungsmächtigen menschenfeindlichen katholischen Kirche, absurde Vorstellungen hat.

Was bedeutet der Rat für den Onkel und überhaupt für Schwule? Wenn sie ihr Schwulsein in der Öffentlichkeit zeigen, also Küssen bei der Hochzeit, Umarmen oder Händchen halten und ganz allgemein beim Bekenntnis, dass ein Mann einen Mann liebt, verhalten sie sich kindesgefährdend. Um Geschlechtsverkehr geht es bei Sechs- und Achtjährigen sowieso nicht. Die logische Folge, da kein Mensch sich für eine Gefährdung von Kindern aussprechen wird: Schwule dürfen in der Öffentlichkeit ihr Schwulsein nicht zeigen. Schwule müssen die Öffentlichkeit meiden. Schwule sollen, wenn sie sich irgendwie zu erkennen geben, aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Oder erst nach 22 Uhr auftauchen. Flott zurück in den darkroom oder ins Schlafzimmer, wo sie sich in den 1950ern sowieso aufhielten. Eine schwule Hochzeit mit Auftreten vorm Standesamt ist dann nicht möglich, weil da jederzeit “konservativ” erzogene Kinder vorbeikommen könnten, das Pärchen sehen würden und verwirrt wären. Eine Homoehe – wie jede Hochzeit auch als Mitteilung an die Öffentlichkeit definiert – könnte nur unter Auschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Oder man heiratet nach 22 Uhr.

Schwule werden in der Öffentlichkeit nur geduldet, wenn sie nicht schwul sind.

Und weiter: Die Eltern, die der konkreten Hochzeit beiwohnen wollen, müssten ihre beiden Mädchen am Hochzeitstag irgendwohin bringen, ihnen etwas vorlügen, sie müssten die Hochzeit im Vorfeld verschweigen, zu planende Spiele müssten unter Ausschluss der Mädchen stattfinden, die Hochzeitsgeschenke müssten vor dem nächsten Besuch der Kinder beim Onkel und dessen Mann außer Sichtweite gebracht werden, der zu Besuch kommende Onkel (er hat ein gutes Verhältnis zu den Kindern) dürfte über die Hochzeit nicht reden, auch danach müsste er seinen Ehebund verschweigen. Wie lange? Vielleicht zehn Jahre, bis die Mädchen alt genug sind, um nicht mehr verwirrt zu werden. Bei Fragen der Mädchen an den Onkel, warum er denn nicht heiratet, warum er keine Frau hat und keine Freundin, müsste der Onkel lügen: Er hat noch keine abbekommen, keine Zeit oder ähnliches. Sein Mann sitzt vielleicht daneben und hört sich das an. Den dürfte jener auch nicht allzu oft mitbringen, das könnte auffallen. Ehering? Besser abstreifen, wenn er seine Nichten besucht. Überhaupt immer in der Öffentlichkeit, es könnte einem konservativen Kind auffallen. Der Onkel müsste sich auch von seinem Bruder anhören, dass er seine Kinder gefährde, wenn die Blumen streuen. Kinder, die ihren Onkel nach Aussage des Vaters “sehr mögen” und wohl oft Kontakt haben. Und schließlich müsste sämtlichen Bekannten und Verwandten der Familie eingeschärft werden, in Gegenwart der Kinder die Hochzeit niemals zu erwähnen.

Man könnte sagen, dass es Eggert ist, die dem Kindeswohl schadet. Was das Dauerlügen beim Onkel anrichtet, ist ihr egal. Besser gesagt: Sie hat es nicht im Blick.

Es wird vom Onkel verlangt, einen wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit, nämlich seine Sexualität, die Frage, wen er liebt, in der Öffentlichkeit zu unterdrücken und zu lügen, was das Zeug hält. Und das müsste, auf die generelle Ebene gehoben, jeder Schwule in Bezug auf Kinder machen. Es sei denn, die wurden ausdrücklich liberal erzogen. Aber da müsste man sich vorher gut informieren, denn anonsten  sind sie vielleicht doch nicht so liberal erzogen und schwupps gefährdet man das Kindeswohl.

Oder man sondert die konservativ erzogenen Kinder von der Öffentlichkeit ab. Man stelle sich diese Konstellation umgekehrt vor: Von Heteros wird all das verlangt.

Ich behaupte, der Eggertsche Rat ist homophob, also schwulenfeindlich. Sie selbst sieht das anders, ich komme noch darauf. Für den Onkel jedenfalls hätte die konsequente Befolgung des Rates die genannten Folgen. Diese Leute behaupten: Nein, der Rat ist nicht homophob. Die Eggertsche Antwort beinhalte Kritik am Vater, wenn auch zu milde. Belege wurden auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht gebracht. Es zeigt sich, dass selbst simpelste Lesefähigkeiten verloren gehen, wenn man ideologisch verbohrt ist.

Homophobie: nur eine Frage der Eloquenz

Summa nennt den Rat “unmodern”, also einfach altmodisch. Man muss ja nicht jede Mode mitmachen. Er nennt ihn auch “leicht verunfallt”. Es handelt sich um eine Bagatelle, um einen Parkrempler, vielleicht hat die Stoßstange einen Kratzer, nicht der Rede wert. hf99 nennt den Rat “belanglos”, “hilflos” und “unüberlegt”. Alphonso, der schon öfter mit bemerkenswerten Ansichten, meint:

“Es gab sicher schon mal klügere Ratschläge und die Formulierung an sich hätte auch eloquenter sein können.”

Es geht nicht vor allem um ein inhaltliches Problem, sondern um eines der Sprachfertigkeit. Eine Journalistin, die halt nicht richtig schreiben kann. Was soll´s, Thema durch.

Konsequenterweise bringt Alphonso im direkten Kontext dieser bürgerlichen Blumenhochzeit die Begriffe “Leder”, “darkroom” und “Kindesmissbrauch” unter. Der Subtext ist eindeutig.

Dann wird der stilbewusste Egoblogger einigermaßen ehrlich:

Selbst bei meinem sorgsam gehegten Selbstbild als moralfreier Libertin hätte ich da nicht ohne einen Gedanken gesagt, dass man die Mädchen dort unbedingt eine Funktion übernehmen lassen sollte. Es spielt da vieles mit hinein, wie etwa die frühe Sexualerziehung…

Frühe Sexualerziehung – den Kindesmissbrauch hat der Leser noch im Hinterkopf – hat was genau zu tun mit Blumenstreuen? Man sollte diesem Alfons für seine Ehrlichkeit in Bezug auf seine funktionale Gedankenwelt dankbar sein.

Dieses FAZ-Geschreibsel wird vom selbsternanten Denk- und Sprachpapst Bersarin ausdrücklich als  “bemerkenswerter, abgewogener und kluger Artikel” gelobt. Autor Alphonso

gehört immer noch und weiterhin zum Klügsten, was die politische Blogosphäre hervorbringt, weil er sich dem simplen Schema rechts/links nicht beugt, weil er eine Komplexität und Unabhängigkeit des Denkens von politischen Markierungen sich bewahrt hat”.

Wer zwischen Blumenwerfen und sexueller Früherziehung nicht so recht unterscheiden kann, wer sich heroisch nicht beugt, denkt komplex und unabhängig.

Nach viel Palaver sind diese Leute – nicht Alphonso, der diskutierte nicht mit – bereit, die Kolumne als “dumm und unreflektiert” zu beschreiben. Das höchste der Gefühle. Sie bleiben dabei, dass der Rat von Frau Eggert nicht gegen Schwule gerichtet ist.

Es sei eine “Provinzposse”, heißt es noch, “unbedeutend” meint das wohl. Das Blättchen, in dem der Ratgeber erschien, hat eine Auflage von mehr als 300.000. Die FAZ beispielsweise hat eine Auflage von 280.000. Unbedeutend ist der Blog exportabel.

Der Kern meiner Argumentation:

Diese Leute kommen zu ihrer Einschätzung, es handele sich nicht um Schwulenfeindlichkeit, weil sie die Perspektive des eigentlich Betroffenen, nämlich des Onkels, komplett ausblenden. Ich habe sie in der Schlammschlacht mehrfach aufgefordert, sich einmal darüber Gedanken zu machen, was der Rat für den Onkel bedeutet. Reaktion: lange Zeit Ignoranz, und dann, immerhin von einem, nämlich summa, das:

Dann zu dem ständig hier reklamierten Bruder: Es fällt einem schwer, über diesen Bruder, der jetzt ohne Blumenkinder dasteht, etwas zu sagen, ganz einfach deswegen, weil es Äußerungen von ihm nicht gibt.

Zwar handelt die ganze Kolumne von ihm, aber was soll man da schon sagen? Und er fragt ganz aufgeklärt:

Wieso MUß dieser Bernhard seine Kinder verleihen, auch wenn er es aus (wahrscheinlich) religiösen Gründen nicht will? […] Meine Güte, es geht um das Bereitstellen von Blumenkindern für eine Hochzeit, übrigens ein ziemlich konservatives Bedürfnis. Wenn dieser Bernhard das aus seinen – für mich falschen – Prämissen heraus nicht will, muß man und v.a. Der Bruder das so hinnehmen.

Natürlich muss der Bruder das hinnehmen, was auch sonst. Hat jemand gefordert, dem Vater die Kinder wegzunehmen und sie für die Hochzeit zwangszurekrutieren? Wohlmöglich die Schwulenlobby? Immer lustig, wenn eine Selbstverständlichkeit betont wird, als müsse man die erst mutig erkämpfen.

Im Subtext dieser Behauptung schwingt das derzeit populäre Thema der Verschwulung von Kindern mit (“besorgte Eltern”) , die möglich wird, weil der böse linke Staat die Kinder via Schule pro Verschwulung indoktriniert. Dagegen müssen wir uns wehren! Lassen wir uns unsere Kinder nicht wegnehmen!

In der Schlammschlacht wurden dann noch unzählige Fässer aufgemacht: 1789, Kachelmann, Vergewaltigung, ob man noch “Neger” sagen darf etc.blabla. Keine einzige vernünftige Analyse des Rates von Frau Eggert, aber ersatzhalber über alles Mögliche lamentieren.

Zu dieser verqueren Sicht passt, dass hf99 meint:

Frau Eggert ist nicht homophob, sondern der Ideologie des totalen Kinderschützens und Kinderoptimierens auf den Leim gegangen.

Als wäre diese Kolumne in den 1950ern, wo es das Kinderoptimieren noch nicht gab, humaner ausgefallen. Homophobie wird auf das Level von “Soll mein Kind beim Radfahren einen Helm tragen?” gedownsized. Auch hier: Der Onkel ist wurst.

Barbara Eggert nennt sich Diplom-Soziologin und verfasst seit elf Jahren Ratgeber (dazu unten mehr). Sie ist also eine Expertin oder will eine sein. hf99 labelt sie mal flott zur unbedarften Hausfrau, die dem Zeitgeist auf den Leim gegangen ist, die arme. Auf keinen Fall ist sie verantwortlich für das, was sie schreibt.

Diese Leute tun alles dafür, dass Eggert ein Opfer ist.

Und damit sind wir beim zweiten Teil dieser unappetitlichen Geschichte.

Der Mob tobt sich aus

Nachdem der Onkel zuerst ignoriert und dann entsubjektiviert wurde, zeigen diese Leute ihre volle Emphatiefähigkeit, nämlich die mit Frau Eggert. Es habe “fanatische Angriffe” auf sie gegeben, es handele sich bei der Kritik an ihr um “Beiß- und Ereiferungsreflexe”, es sei “moralisch aufgeladenes Haberfeldtreiben” und “pawlowsches Absabbern”. Es werden angebliche “Umerziehungslager” ins Spiel gebracht, Homophobie werde “beleglos unterstellt”. Es sei ein “Mob” und ein “Lynchmob” unterwegs, der seine Haltung “durchs Netz peitscht”. Eggert sei einem Verhalten jeneits des menschlichen Anstands ausgesetzt. Eggerts Standpunkt sei “immer noch auf der liberaleren Seite der Bevölkerung zu verorten”, sie könne vermitteln. Wer sie kritisiere, sorge erst für Homophobie. Es handele sich um eine “elende Shitstormkultur”. Wer die Kolumne homophob findet, lebe in einer “Kreuzberger Blasenwelt”, komme aus dem eigenen Kiez “in der Regel niemals hinaus”: “Da tönt es sich dann leicht, schnell und bequem: Homophob, homophob, homophob. Das ewige Kikeriki derer, die weitab vom Schuß in ihren selbstgezimmerten Blasenwelten festgefahrener dualer Begrifflichkeiten leben.”

hf99 beklagt, dass der schwule Grüne Volker Beck, der zum Thema twitterte, es “der Eggert so richtig besorgt hat”. Und bemerkt direkt danach, dass Beck im Bundestag Kriegen zugestimmt habe.

Merke: Wer als Schwuler Kriegen zustimmt, muss sich homophobe Ausfälle gefallen lassen. So geht das bei diesen Leuten.

Ich stelle die wertenden Begriffe nebenbeinander: Eine hilflose, eher nicht eloquente, belanglose und unbedeutende Kolumne auf der einen, fanatische, absabbernde, peitschende und elende Mobber auf der anderen Seite.

Hintergrund der Solidarität mit Frau Eggert ist also der angebliche shitstorm, der sich im Netz über sie ergossen hat. Was ist ein shitstorm? Man wird von massenhaft stürmisch auftretender verbaler Scheiße umgehauen. Als Beleg  präsentieren mir diese Leute exakt einen Hinweis: Jemand hat Frau Eggert im Netz “Faschistenschwein” genannt. Ich habe noch eine “Schlampe” gefunden. Indiskutable Ausdrücke, keine Frage, aber im Netz Alltag.

Es handelte sich bei diesem Shitstorm, soweit ich das sehe, im Wesentlichen um Meinungsäußerungen, nicht um Beleidigungen. Es gibt eine Menge Tweets von Leuten, die sich empören und das kundtun.

Der Twitterer Falk Schreiber bringt es auf den Punkt:

“Was da beim Westfalenblatt passierte, war übrigens kein shitstorm, sondern die Auseinandersetzung mit unerträglichen Positionen.”

So ist es.

Wie nennt man diese Leute, die Schwulenfeindlichkeit nicht sehen wollen, sich stattdessen über Kritik daran maßlos echauffieren? Genau: Schwulenfeinde. Was nicht bedeutet, dass diese Leute zu anderen Themen nicht Lesenswertes bloggten. Im Gegenteil. Aber darum geht es gerade nicht.

Es gibt im Netz auch massenhaft Solidarisierungen mit Frau Eggert. Auszüge:

“Opfer von Internet und der Homolobby”

“Organisierte Verfolgung durch grüne Schwulenlobby”

“Shitstorm der Pädo/Homolobby (u.a. pädophile Grüne) gegen mutige Journalistin, bis sie Job verliert!”

“Ihr Würmer habt keine Zukunft.”

“Der Meinungsterror in Deutschland nimmt faschistische Züge an.”

“Schwulen Siff in Deutschland auch noch fördern?”

“Müssen 98 Prozent der Bürger wegen 2 Prozent Homos schwul denken und empfinden?”

“An Hexenjagd gegen Eggert beteiligte Lynchmobber gingen zu weit! Pädophilennaher Lynchmob, widerliche Hetzmeute!”

“Homosexualität ist eine Krankheit, man sollte dagegen was tun.”

“Perverses Pack  … ich finde es absolut abartig und hochgradig pervers, wenn Männer sich gegenseitig in den After ejakulieren…”

“Kinder sollten so früh wie möglich lernen, dass Homosexualität in keinster Weise normal ist.”

“Homosexualität ist eine psychische Krankheit. Punkt.”

“Ist doch egal. In wenigen Jahren gibt es nur noch Schwuchteln, Lesben und Hirntote.”

“Mutige Frau, bravo. Jetzt flippen die Gayfreunde wieder reihenweise aus. Muhaha.”

“Richtig so. Kinder mit geistig kranken Homosexuellen zusammenzubringen, ist falsch.”

“Selbstverständlich sind Schwule auch Menschen. Aber sehr erkrankt!!”

“Es reicht. Es wurde schon viel zu sehr geduldet.”

Und so weiter und so fort. Es sind auch und vielleicht vor allem solche Leute, die Eggert bedient. Wie gesagt, das ist nur ein kleiner Auszug, den ich nach drei Sekunden suche bei twitter und bei facebook gefunden habe. Nur zum Fall Eggert. Ich finde kaum erträglichere Kritik an ihren Kritikern.

Davon wiederum bei diesen Leuten kein Wort. Drei Sekunden googlen sind nun wirklich nicht zumutbar.

Bersarin betonte in der Schlammschlacht, dass er die Grünen für eine “Kinderfickerpartei” hält. Und ich habe seiner Meinung nach im Internet nichts verloren, weil ich gefährlich bin. Kein Widerspruch dieser Leute. Soviel zu deren Behauptung, dass es ihnen um Verständigung, um Diskurs, um Ausgleich in der Gesellschaft gehe. Hoffentlich darf ich wenigstens im real life existent sein, sonst muss ich mir ernsthaft Gedanken machen.

Die Redaktion des Westfalen-Blatts hat nun die Zusammenarbeit mit Frau Eggert beendet. Im Wesentlichen soll diese Reaktion den shitstorm belegen. Wenn ein Baum umgefallen ist, muss ein Sturm getobt haben. Diese Leute fragen nicht, wie die Prozesse dieses Rauswurfs aussehen.

Barbara Eggert und die totale Ignoranz

Nochmal die Frage: Wer ist Barbara Eggert? Wie gesagt, nach Eigenaussage Diplom-Soziologin, andere Medien behaupten Diplom-Psychologin. Sie schreibt angeblich seit elf Jahren Kolumnen, “meist in überregionalen Zeitungen”, selbst in kanadischen Medien. Früher hatte sie “eine Praxis für Beratung bei Alltags-, Ehe- und Partnerschaftsproblemen. Bevor ich selbst angefangen habe zu schreiben, habe ich viele Ratgeber gelesen”, erzählt sie der  Süddeutschen Zeitung. Versucht man, via google etwas über sie herauszufinden, findet man: nichts – abgesehen von den Artikeln über ihre aktuellen Kolumne. Seit vielen Jahren als Journalistin unterwegs, vor allem in überregionalen Blättern, und keine Spuren? Ich weiß nicht so recht. Aber das nur nebenbei.

Eggert selbst sieht nun ihr komplettes Leben “zerstört” und behauptet gleichzeitig:

Ich habe mir die Kolumne inzwischen 20 Mal durchgelesen und kann nichts finden, was daran schlimm sein soll. Der Text richtet sich nicht mit einem einzigen Satz gegen Homosexuelle.

Ich nehme ihr das ab. Sie erkennt es wirklich nicht. Sie sagt auch:

“Ich bin der Meinung, dass der Text weder mit Homosexualität noch mit Homophobie etwas zu tun hat.”

Die langjährige Psycho-Beraterin ist komplett ignorant, wenn sie meint, dass ihr Rat nichts mit Homosexualität zu tun hat. Fällt einem dazu noch was ein? Es ist exakt das oben beschrieben Ausblenden von Schwulen, die Nichtexistenz des Bruders, die zu solch einer wahnsinningen Aussage führt.

Und schließlich:

Es geht um die Frage, ob zwei konservativ erzogene Kinder, sechs und acht Jahre alt, die ein traditionelles Familienbild im Kopf haben, korrigiert werden sollen. Wenn ein Vater dazu gezwungen wird, kann das doch nicht gut sein!

Wer wollte den Vater zwingen? Der Onkel? Kein Mensch auch nur im Ansatz. Auch sie behauptet eine Übermacht von Schwulen und ihren Unterstützern in der Gesellschaft, die den Vater zwingen können, die Kinder zum Blumenstreuen zu schicken. Offenbar musste sie den Vater in Schutz nehmen. Die Zeitung erscheint im Großraum Paderborn. Gut möglich, dass man dort in dieser Blasenwelt lebt.

“Hier geht es nicht um meine Weltanschauung oder einen gesellschaftlichen Konflikt, sondern um ein ganz privates, nicht repräsentatives Problem eines verunsicherten Vaters”

erklärt sie noch.

Die Frau ist völlig ahnungslos.

Letztes Zitat:

“Nun habe ich das Gefühl, wenn ich auf einem Marktplatz stünde, würde ich gelyncht. “

Da haben es die Schwulen leichter. Die dürfen gar nicht erkennbar auf einem Marktplatz stehen.

Eggerts Ruf sei durch den shitstorm geschädigt worden, empören sich diese Leute. Welchen Ruf hatte sie denn? Dass sie ihn mit ihrer Kolumne selbst beschädigt hat, darauf kommen sie nicht. Dass man mit dieser (behaupteten) Dauerpräsenz in verschiedenen Medien in der Öffentlichkeit steht und es zu massiver Kritik der Öffentlichkeit kommen kann, wird nicht bedacht. Wer journalistisch arbeitet und dabei Hunderttausende erreicht, kriegt bei kontroversen Themen alle naselang heftige und auch unsachliche Kritik ab. Wobei Eggerts Ruf in vielen Kreisen vermutlich nicht beschädigt wurde. Sie ist jetzt nur präzise auf ihre Peergroup ausgerichtet. Eggert erwähnt auch einen homophoben Kommentar des FAZ-Redakteurs und Alphonso-Kollegen Jasper van Altenbokum, den sie nicht gut fand, immerhin. Der habe aber viel Beifall bekommen. Ja, und auch viel Kritik, so wie sie. So geht das.

Ich gebe zu: Die Sache hat einen faden Beigeschmack. Die Chefredaktion der Zeitung hat in einer ersten Stellungnahme die Homophobie des Rates bestritten, in einer kurz darauf veröffentlichten zweiten sich über Eggerts Homphobie empört. Das ist scheinheilig. Die Kolumne wurde ja bei vollem Bewusstsein ins Blatt gehoben. Vielleicht ist Eggert ein Bauernopfer.

Die Autorin hat nun eine wöchentliche Kolumne weniger. Es ist nachvollziehbar, wenn der homosexuelle Volker Beck es ok findet, dass die homophobe Eggert ihre Homophobie künftig zumindest an einer Stelle weniger verbreitet. Es geht nicht um Geschmacksfragen. Vielleicht könnte sie in Zukunft zu harmlosen Themen ratgebern. Krawattenfarben oder Gartengestaltung.

hf99 spricht bei der Auflösung der Zusammenarbeit übrigens davon, sie sei “rausgedroschen” worden. Mit Gewalt? “Rausgeschmissen” wäre begrifflich wohl schon zu lasch.

Öffentlichkeit im Zeitalter des Internets

Man könnte eine grundsätzliche Debatte über Meinungsäußerungen in Zeiten des Internets führen. Heute hat fast jeder die Möglichkeit, via soziale Netzwerke seine Meinung kundzutun. Es laufen Debatten aus dem Ruder, es wird gestalkt, beleidigt, täglich. Aber bitte diese Debatte nicht auf der Basis führen, dass man eine homophobe Ratgeberautorin als Opfer einer primitiven, mobbenden Übermacht darstellt. Es haben sich viele Leute empört, die Kolumne hat, vielleicht auch vor dem Hintergrund der irischen Entscheidung pro Homoehe, eine größere Bedeutung, als man meinen könnte. Und natürlich gibt es im Internet keine lokalen Begrenzungen mehr.

Vielleicht bekommt Eggert demnächst einen Anruf von  Jasper van Altenbockum, vielleicht einen der jungen freiheit, vielleicht einen der Bistumszeitung von Paderborn. Sie wäre in diesen Umfeldern gut aufgehoben.

Schließlich: Mir wird “Subtext-Schnüffelei” unterstellt. Jeder Text hat unendlich viele Möglichkeiten, ihn zu lesen, ihn zu interpretieren. Diese Leute, die sich gern zu geisteswissenschaftlichen und literaturaffinen Superhirnen aufbrezeln, reden von Fakten. Was nicht schwarz auf weiß geschrieben steht, existiert nicht. Summa, dessen Blog den Untertitel “Sprache und Gestaltung” trägt, schreibt:

Sie sagt aber nirgendwo: Igitt! Sie schreibt nie: Pfui Homos!

Genau. Wer in einer Zeitungskolumne nicht “Igitt!” und “Pfui!” schreibt, kann nicht homophob sein. Und da die Kolumne nur von Blumenstreuen redet, geht es nur und ausschließlich ums Blumenstreuen. Das ist so unterkomplex, dass es wehtut. Diese Leute behaupten folgerichtig, nur wer “blutgeil” gegen Schwule sei und mit dem “Messer” losrenne, könne als homophob bezeichnet werden. Es geht da auch intellektuell flott in Grauzonen. So macht man sich in diesen Kreisen Gedanken über Sprache und Gestaltung.

Diese Leute nutzen hier, vermutlich ganz bewusst, die Entwicklung der letzten 30, 40 Jahre, dass Kritik an vielen Randgruppen verklausulierter vorgetragen wird als zuvor. So wie die, die nichts gegen Juden haben, aber “die Zionisten” als das Übel der Welt betrachten.

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Die komplette Weigerung, sich zu überlegen, was dieser Rat in der Konsequenz für den Betroffenen, für Schwule bedeutet, führt zu deren Verschwinden. Es geht um die Zementierung gesellschaftlicher Verhältnisse oder auch um den Rollback in die 50er.

Wir sind die Opfer!

Diese Leute machen sich das alles wohl wirklich nicht klar, warum auch immer. Sie wollen unbedingt die Diskurshoheit behalten.

Schwule ja, aber nur, wenn wir bestimmen, was geht und was nicht. Die sollen in den darkroom und auf den CSD. Das tolerieren wir, so zeigen wir, dass wir tolerant sind. Aber bitte nicht bürgerlich. Dann müssen wir sie leider in die Schranken weisen.  Sonst werden wir verwirrt. Dann sind es eben Kinderficker, shitstormer. Die nutzen unsere Gutmütigkeit aus. Haben wir uns denen nicht schon genug angepasst? Jetzt muss mal Schluss sein.

Die wollen uns beherrschen! Nicht übertreiben mit der Emanzipation!

Aber wir sind zivilisiert. Deshalb sagen wir das alles nicht offen. Sondern sind Opfer. Wir sind die Bedrängten. Stellvertretend für uns alle ist es heute Barbara Eggert. Geheiligt sei ihr Name.

Man hätte sich einfach mal bei queer.de oder anderen Interessengruppen, bei Betroffenen, informieren können, wie die den Fall sehen. Stattdessen meint hf99:

Ich selber bin zum Beispiel heterosexuell – natürlich sagt mir die schwule Szene, sagen mir schwule Lebenswelten nichts und müssen das auch nicht.

Natürlich ist das nicht. Man könnte sich informieren. Dass man das nicht muss, ist eh klar. Diese Leute behaupten, für Schwule einzutreten und lassen diesen Vorsatz durch Instrumentalisierung bei der erstbesten Gelegenheit fahren. Sie treten weder für sie ein noch nehmen sie sie wahr.

Das eine bedingt das andere.

P.S.: Hier noch ein TV-Beitrag zum Thema vom WDR.

Von Birgit Kelle und anderen rechten Jammerlappen

Kürzlich schaute ich mir eine TV-Diskussion des österreichischen Senders Puls-TV an (ehrlich gesagt nur nebenbei). Jutta Ditfurth war ein Gast. (Sie hatte die Aufzeichnung auf ihrer Facebook-Seite erwähnt.) Es ging um Feminismus. Mit in der Runde saß ein Herr Franz vom rechtspopulistischen Wahlbündnis “Team Stronach” und Birgit Kelle, eine deutsche Rechtsaußenpublizistin und Mutter von vier Kindern.

Das Bemerkenswerte war nun nicht, dass sich Ditfurth und Kelle uneins waren. Das Bemerkenswerte war, dass man in dieser Diskussion schön sehen konnte, dass zeitgemäße Rechte ohne Manipulationen nicht auskommen. Konkret: Frau Kelle behauptete, sie werde als vierfache Mutter diskriminiert, weil sie zwölf Jahre nicht gearbeitet habe. (Vermutlich ist das eine Lüge: Sie selbst schreibt auf ihrer Webseite: 1975 geboren, Jura bis zur “Zwischenprüfung” studiert, danach Volontariat, danach Redakteurin, dann Kinder, 2005 Arbeit wieder aufgenommen. Wo sollen da die zwölf Jahre reinpassen? Sie behauptet also, sie habe mit 18 wegen der Kinder aufgehört zu arbeiten. Wohl eine Konstruktion, um sich als gute deutsche Mutter präsentieren zu können. )  “Freundinnen” würden ihr das übelnehmen. Ob es so eine Freundin gibt oder nicht, ist egal. Tatsache ist, dass man als vierfache Mutter ohne gesellschaftliche Diskriminierung zuhause bleiben kann. Und wenn sie eine dämliche Freundin hat, kann sie das Problem mit ihr privat klären. Wenn man mit vier Kindern einen Mann oder eine Frau hat, der oder die das alles locker finanziert, ist man privilegiert, nicht diskriminiert.

Kelle, Trägerin des von der Jungen Freiheit verliehenen “Gerhard-Löwenthal-Preises”, macht also aus der angeblichen Bemerkung einer angeblichen Freundin ein gesellschaftliches Problem, eine Diskriminierung. Da besteht offenbar politischer Handlungsbedarf. Die Linken wollen der Frau ihren Mutterinstinkt wegnehmen! Sogar die eigene Freundin ist infiltiert! Die gesunde Gesellschaft ist im Kern gefährdet! Und zwar von Volksverrätern!

Und diesen Quark erzählt sie dann in der Öffentlichkeit. Andererseits betont sie gerne, dass sie Schwule nicht akzeptiert. Das ist normal, da die ja krank sind. Sie dagegen ist eine Mutter, eine deutsche dazu!!! Sie engagiert sich auch gegen die von Linken betriebene Verschwulung unserer armen Kinder.

Kelle, deren Hauptbeschäftigung das Diskriminieren anderer ist, jammert über Diskriminierung. Nennt man das schizophren? Oder ist das politisch zu erklären? Oder ist das so eine Art unbewusstes Ranschmeißen an den Mann, dem man gefügig sein will und der die Ordnung aufrechtzuerhalten hat?

Es ist gleichzeitig diese implizite Haltung, dass die Deutschen und die deutsche Kultur von Natur aus das Gegenteil dessen seien, was Linke vertreten. Nur eine Kelle samt ihrer schwarz-braunen Kameraden sind die wahren Vertreter einer toitschen Kultur, sprich: Frau an den Herd. Die anderen sind nicht normal. Und eine Kelle und ihr Umfeld sind auch nicht ohne den aktuellen Boom von Verschwörungstheoretikern zu sehen: Nur wer bereit ist, jegliche Analysefähigkeiten zugunsten einer herbeifantasierten linken Übermacht auszuschalten, ist bereit, sich in Kelles Paralleluniversum zu begeben.

Kelle ist selbstredend gläubige und engagierte Christin.

Es ist eine beispielhafte Geschichte, weil Rechte heute nur noch so argumentieren. Sie haben nichts gegen Schwule, aber die wollen uns dominieren. Sie haben nichts gegen Schwarze, aber die wollen unser Geld. Sie haben nichts gegen Juden, aber die Zionisten sind das Übel der Welt. Sie haben nichts gegen Feministinnen, aber die sind dafür verantwortlich, dass es keine Heterosexualität mehr gibt. Man wehrt sich nur noch gegen die böse linke Übermacht. Rechte von heute sind Jammerlappen. Sie wollen diskriminieren, es ist ihre Essenz, anderen die Würde oder gar das Lebensrecht abzusprechen. Und gleichzeitig drehen sie den Spieß einfach um.

Pegida funktioniert genauso: Flüchtlinge ja, aber keine Wirtschaftsasylanten. Politiker ja, aber nur die, die machen, was wir (i.e. das Volk) wollen. Menschenrechte ja, aber nicht für Fremde. Übertreiben wollen wir es nicht.

Früher war das einfacher: Da war der Neger dumm und der Schwule krank und der Osten unser natürlicher Lebensraum. Kelle und ihre Kameraden meinen heute das Gleiche, nur sagen sie es nicht mehr. Man wäre dann aus dem Rahmen gefallen und Kelle das letzte Mal im TV gewesen. Stattdessen wird die Akzeptanzforderung für Homosexuelle kritisiert, Toleranz reiche doch. Eine bei diesem Thema naturgemäß sinnlose Differenzierung, das weiß auch eine Kelle. Wie weit diese rechten Konstruktionen gehen, sah man seinerzeit an Jasper van Altenbokum, dem FAZ-Mann fürs Grobe, der anlässlich des Hitzlsperger-Outings meinte, demnächst gehöre in Deutschland Mut dazu zu sagen, dass man heterosexuell sei. Es ist objektiv dummes Zeug, zumal in Altenbokums Kreisen.

In der österreichischen TV-Diskussion schoss der besagte Herr Franz den Vogel ab. Er beschwerte sich darüber, dass man wegen der blöden “hässlichen” Feministinnen (er meinte Ditfurth) keine Frauen mehr kennenlerne. Schuld sei, dass die Feministinnen gegen das “normale Volksempfinden” agierten. Die Moderatorin fragte zweimal nach, wie sich das denn konkret gestalte. Keine Antwort. Stattdessen meldete sich gegen Ende der Sendung eine Frau aus dem Publikum: Es war die Ehefrau von Franz. Sie stellte sich hinter ihren Mann. Ich frage mich, warum Franz so verzweifelt Frauen kennenlernen will. Will er fremdgehen und kriegt keine ab? Und dann sind wieder die bösen Linken schuld? Und checkt das Frau Franz überhaupt? Oder sind in Wahrheit beide offensive Fremdgänger, weil sie sich gegenseitig auf den Keks gehen? Und wie wird jemand so primitiv und sagt einer Mitdiskutantin, dass sie hässlich sei? Vermutlich Frauenverachtung. Wer nicht blond ist und die Bluse aufknöpft, ist hässlich, will heißen: für den Mann nicht zu gebrauchen.

Es ist eine Crux mit den Neuen Rechten. Sie sind gesellschaftspolitisch die Verlierer der vergangenen 30 Jahre. Die Deppen der Nation. Man sollte Mitleid haben.

P.S.: Ein nettes Detail: Es gibt ein Heftchen, das “Lust auf Düsseldorf” heißt. Untertitel: “Das Beste aus der schönsten Stadt am Rhein” Wer meint, das sei ironisch gemeint, irrt. Der gemeine Düsseldorfer ist fest davon überzeugt, nicht nur in der schönsten Stadt am Rhein, sondern der Welt zu leben. Dieses Blättchen jedenfalls hatte kürzlich Birgit Kelle auf dem Titel:

Unbenannt-3 Kopie

So weiblich ist Düsseldorf, jo. Wahrscheinlich meinte der Setzer “peinlich” und hat sich nur versetzt. Der Herausgeber heißt Wolfgang Osinski und ist ein alter Bekannter: Früher auf seinem Blog bekennender Fan des rechtsextremen Internetblogs Politically Incorrect, heute im lokalen Vorstand der AfD. Osinski ist ein schönes Beispiel für den Extremismus der Mitte. In Düsseldorf betreibt er eine PR-Agentur, ist offensichtlich gut vernetzt mit den Honoratioren der Stadt,  nebenbei ist er rechtsradikal.

Da darf, um zum Thema zurückzukommen, Madame Kelle nicht fehlen.

Und noch ein P.S., was meine Einschätzung der Kelles dieses Landes als Verlierer der vergangenen 30 Jahre angeht: Ein 16-jährige Hannah aus Weimar schrieb hier einen lesenswerten Kommentar zu Kelle, der deutlich macht, das diese Frau und ihr Treiben nicht zu verharmlosen sind. Natürlich sind all diese rechten Kameraden gefährlich. Ob Pegida, AfD, PI und wie die anderen braunen Konstrukte heißen: In neoliberal zugerichteten Gesellschaften hat auch Menschenverachtung ihren Platz.

Deutsche Realitäten, die x-te

Eine weitere der zahlreichen Grafiken, die Deutschlands Sonderweg beschreiben, auf dem diese Gesellschaft immer noch unterwegs ist, allen Unkenrufen wie dem von Christopher Clark (oder der deutschen Leseweise seines Schlafwandler-Buches) zum Trotz:

b03-abb06-bruttoanlageinvestitionen-staat

Derzeit jammert man ja gerne über die verrottende Infrastruktur. Die Grafik zeigt, warum sie verrottet. Drei Prozent sind eine wohl sinnvolle Größe, um den theoretischen Wohlstand in einen praktischen zu verwandeln. Nicht so hierzulande. Bei einem jährlichen BIP von rund 2,5 Billionen Euro sind diese auf den ersten Blick geringen Abweichungen real drastisch. Es ist das bewusste Verlotternlassen von Infrastruktur, um dem Kapital kurzfristige Gewinne zu bescheren oder um die schwarze Null zu propagieren.

Die höheren Infrastrukturausgaben in den anderen EU-Ländern sorgten auch für die Erfolge der deutschen Exportindustrien.

Zweierlei sticht besonders ins Auge:

1. Die Sparorgie wurde vor allem von rot-grün angestoßen, und zwar ohne jede Not, ähnlich wie bei der Agenda-Politik. Wer heute über undichte Schuldächer lamentiert, kann sich auch bei Roth, Hofreiter, Özdemir, Trittin und den anderen Helden beschweren. Es ist ein weiterer Beleg für die These, dass rot-grün eine wirtschaftspolitisch neoliberale und damit rechte Politik durchzog, von der die FDP nur träumen konnte.

2. Im Zuge der Finanzkrise stiegen die staatlichen Infrastrukturausgaben in Deutschland an, aber nur leicht, um danach wieder auf Talfahrt zu gehen. Das könnte auch System haben. Wirtschaftsminister Gabriel ist derzeit sehr bemüht, dem Kapital bei Autobahnsanierungen via Public Private Partnership Milliardengewinne zuzuschanzen, obwohl der Bund Kredite zum Nulltarif bekäme.

Die kleine Minderheit seriöser deutscher Journalisten weist auf die diesbezügliche kriminelle Energie von Gabriel hin. Aber kriminelle Energie gehört im kapitalistischen Politbetrieb vermutlich zur notwendigen Grundausstattung.

Und dann noch das hier:

Öffentlicher-dienst-Griechenland-OECD1

Angeblich hat Griechenland einen riesigen öffentlichen Sektor. In vernünftigen Medien ist schon länger zu lesen, dass das nicht stimmt. Es scheint eine Variante deutscher neoliberaler Berichterstattung zu sein, die mit Schubladen arbeitet. Der Grieche ist Südländer, also faul, also Beamter. Und da in Griechenland nichts klappt, müssen da haufenweise Beamte nichtstuend rumhocken. In Berlin hat Finanzsenator Sarrazin für massiven öffentlichen Stellenabbau gesorgt mit dem Ergebnis, dass man nun mehrere Monate auf einen Termin oder terminlos locker vier Stunden auf die Ausstellung eines internationalen Führerscheins wartet, was eigentlich in fünf Minuten erledigt ist.

Bemerkenswert, dass ausgerechnet in den skandinavischen Ländern die Öffentlicher-Dienst-Quote ziemlich hoch ist. Nach neoliberaler Logik müssten diese Gesellschaften schon längst ökonomische Failed States auf dem Level von Jemen oder Somalia sein.

P.S: Gerade veröffentlichte das Statistische Bundesamt die endgültigen Zahlen des deutschen Außenhandels für 2014. Ergebnis: trotz dem Russland-Boykott 217 Milliarden Euro Überschuss, das ist im Vergleich zu 2013 ein Anstieg um 11 Prozent.

Die FAZ findet ein Korn

Claudius Seidl über den verstorbenen Architekten und Ingenieur Frei Otto, der auch das Zeltdach fürs Münchner Olympiastadion entworfen hat:

Und selbst wer sich heute durchs Sandsteinlego des neuen Berlin bewegt oder den Boutiquenschick Münchner Neubauten betrachtet, wird irgendwann fragen: Kann es sein, dass Architekten und Bauherren, die solche Ödnis für modern und zeitgemäß halten, niemals das Münchner Zeltdach gesehen haben? Oder hat sich Deutschland in den Jahren, die seit 1972 vergangen sind, so zu seinem Nachteil verändert, dass die Leichtigkeit, die Offenheit, die Transparenz, welche bei Frei Otto ja keine Metaphern, sondern direkt spürbare Raumerfahrungen waren, gar kein angemessener architektonischer Ausdruck dessen wären, wie wir heute leben und wie wir leben wollen?

Frei Ottos Konstruktionen, die sich immer an der unfassbaren Vielfalt des Organischen und den Möglichkeiten des Materials orientierten, sind ja nicht nur das genaue Gegenteil des Sims-und-Säulchen-Schwachsinns der Berliner Republik. Auch mit jener Mischung aus Willkür, Prätention und Schockeffekten, mit welchen zum Beispiel die Büros von Zaha Hadid oder Frank Gehry heute die deutsche Provinz beeindrucken, wollen diese Entwürfe nichts zu tun haben, was umgekehrt aber nicht gilt: Es war Frei Otto, der Forscher, der die Biegsamkeit und Tragfähigkeit jener Materialien erst erprobt hat, aus welchen die Architekturstars heute ihre Sensationsbauten formen.

Abgesehen von der diskutierbaren Gleichsetzung von Gehry und Hadid: Seidl ahnt immerhin, dass der Sims-und-Säulchen-Schwachsinn wie auch das Berliner Schloss Ausdruck einer regressiv gewordenen und nach rechts gekippten Angst-Gesellschaft sind. Dass die auch von der FAZ täglich verursacht wird, sieht er nicht oder will es nicht sehen.

Architektur als Ausdruck, wie wir leben und es wollen: Letzteres ist eine komplizierte Frage, wenn man kapitalistisch doktriniert ist. Streng genommen kann man in einer konsumistischen Warengesellschaft keinen Ausdruck des Wollens mehr Ernst nehmen, weil präformiert. Die Raumerfahrungen, die heute gemacht werden wollen, sind solche der Abgrenzung, des Einmauerns, des Kokons.

Man könnte auch sagen, dass die Sims-und-Säulchen-Regression Ausdruck einer Gesellschaft ist, unterbewusst verzweifelt nach Haltepunkten sucht, sie aber ohne sinnvolle Analyse nicht findet und stattdessen AfD und Schloss konstruiert. Man sitzt neben dem Säulchen und hampelt mit dem iphone herum, auf dem man in das Chaos der Welt blickt, dem man sich mit der Säule entziehen will.

Frei Otto oder auch Gottfried Böhm: Architekten, deren Arbeiten heute im Establishment keine Chance mehr hätten. Dort haben sich Kameraden wie Dudler, Kleihues, Braunfels, Kahlfeldt und und unzählige devote No-Name-Karrieristen breitgemacht ohne den Hauch einer innovativen Idee. Was ist eigentlich aus der Westberliner Baumafia geworden? Abgedankt oder nur begünstigt durch machtaffine Journalisten? Man weiß es nicht.

Und woran man immer wieder erinnern sollte, um die komplette Barbarei vor der eigenen Haustür zu erahnen: der Abriss des Ahornsblattes vor mittlerweile 15 Jahren.  Genauer gesagt am 19. Juli. Man sollte dieses Datum zum Gedenktag erklären.

Nebenbei und als Gegensatz zum Besprochenen: Werner Sobeks neues Haus B10 in Baden-Württemberg produziert doppelt so viel Strom wie es verbraucht. Genug, um nebenher E-Auto zu fahren.

023(Foto: genova 2014)

150 Tote und der Zweck der Repräsentation

Ist es zu fies zu notieren, dass der Flugzeugabsturz in Frankreich Politikern gelegen kommt?

Steinmeier und Dobrindt fliegen direkt an die Unglücksstelle, stapfen dort ein wenig umher und geben betroffene Interviews. Was kann einem Politiker in Zeiten, in denen von Dschungelcamp bis Wulf-Eigenheim vor allem Authentizität gefragt ist, besseres passieren? Die beiden müssen zwar vor Ort geschützt werden, es muss ein erheblicher logistischer Aufwand betrieben werden, es ist sowieso eng in einem Alpental, es zieht noch mehr Journalisten an: Sie stören die Bergungsarbeiten. Sie fliegen aber trotzdem hin, aus einem einzigen Grund: Damit es Bilder von einem Politiker zwischen oder vor Rettungsleuten gibt, einer der aktiv ist, wenn es darauf ankommt, der die Situation im Griff hat, und der gleichzeitig gramvoll irgendeinen Text ableiert, in dem “bestürzt” und “fassungslos” vorkommen müssen.

Ob diesen Kameraden schon jemals aufgefallen ist, dass die Aussage, man sei fassungslos, eine Lüge sein muss, weil Fassungslosigkeit in ihrer Aktualität eine solche Aussage unmöglich machte. Wären Politiker fassungslos, würden sie sich auf den Boden setzen und heulen. Der Gipfel diesbezüglich ist der Satz “Sie sehen mich fassungslos.” Genauso verhält es sich mit “schockiert”.

Politiker simulieren Betroffenheit, die doch nur dann ernsthaft sein könnte, wenn sie sich der Selbstdarstellung wenigstens in solchen Situationen entziehen würden.

Steinmeier hat das sowieso gut drauf: der betroffene Gesichtsausdruck, die bedeutungsvollen Pausen, das Repräsentierende. Mir fällt Murat Kurnaz ein. Es ist schon ekelhaft.

Es geht auch anders: Der Bürgermeister von Haltern fand genau die richtigen Worte in genau der richtigen Form: Er war geschockt, redete authentisch und bot keine einzige Floskel. Ein ganz besonderer Medienmoment, der eine ganz besondere Konstellation erfordert. Sofort danach wieder: Steinmeier.

Anwesenheit bei einer staatstrauerlichen Angelegenheit wäre natürlich selbstverständlich, inklusive Kanzlerin und Bundespräsident, aber das hier, am Tag der Katastrophe, ist etwas anderes. Die Politik nutzt ungemein effektiv und instinktsicher ein solches Ereignis, um sich in Szene zu setzen. Journalisten machen mit, ein eingespieltes Team. Und diese Szene ist so wertvoll, weil man echte Gefühle, eben Authentizität vermitteln kann.

Fade out

Wo Stimmann eine ideologische Erektion bekommt: der neue BND

Der Architekturkritiker Falk Jäger (Quelle: vergessen) über das neue Hauptquartier des BND in Berlin-Mitte:

Ein “Haus” mit 14.000 identischen Fenstern bleibt in Berlin-Mitte ein “Alien”. Wie ein letzter, schwerer Paukenschlag markiert das hypertrophe Gebäude Ende und Höhepunkt der Ära des Senatsbaudirektors Stimmann, der dem Nachwende-Berlin mit dieser Art preußisch-rationalistisch verstandener Architektur seinen Stempel aufgedrückt hat…

Der BND in Mitte ist ein stadtstrukturelles Problem, eine Exklave, ein zehn Hektar großes, autistisches, hermetisch verschlossenes Areal, das in dieser Hinsichrt fatal an die ummauerten Stasi-Einrichtungen erinnert. Den BND hier zu situieren, war ein städtebaulicher Fehler der Nachwendezeit erster Ordnung.

Mit seinen 14.000 identischen Fenstern ist das Haus im neopreußischen Berlin zwar kein Alien, sondern passt ganz gut hier her, aber den Rest von Jägers Verriss kann man unterschreiben. Es ist einer der zahlreichen Fälle, die eine Medienkampagne legitimieren würden, aber deutsche Journalisten – ich meine nicht Jähger – regen sich lieber über Berlusconi, Putin, Erdogan und andere Bösewichte auf, die weit weg und außerhalb der eigenen Interessenskonflikte agieren.

Auf dem jetzigen BND-Gelände stand zu DDR-Zeiten ein großes Sportstadion mit Platz für 70.000 Zuschauer. Das musste weg. Stattdessen: Baukosten von knapp einer Milliarde Euro mitten in der Stadt für Leute, deren größtes Bestreben ist, sich abzuschirmen. In einer Stadt, die dringend Wohnraum benötigt.

Eine Geschichte, die man mit wenigen Änderungen nach Nordkorea verpflanzen könnte, mit dem Vorteil, dass der gemeine bürgerliche Journalist sein Erregungspotenzial nach außen trüge: 14.000 identische Fenster für eine neue Stasi: Mannomann, diese Nordkoreaner!

14.000 Fenster: preußisch-stimmanscher Rationalismus at it´s best. Es erinnert an die eine Seite des im Bau befindlichen Berliner Stadtschlosses: Frank Stellas italienischer Extrem-Rationalismus kommt hier zum Vorschein wie auch die misslungenen Teile von Rossis Gallaratese.

Die Stimmansche Logik war ja schon immer die eines rechten Phantasielosen: Identische Fenster plus billige Granitplatten an den Beton kleben, mehr fiel dem Kamerad in den vergangenen Jahrzehnten nicht ein.

Man – genauer gesagt: der preußische antikulturelle Geist – ließ ihn machen. Wenn nun ein extrem großes Gebäude positioniert werden muss, zeigt sich das deutsche Wesen erneut: Wir weichen vom einmal vorgegebenen Pfad des identischen Rasters nicht ab, koste es, was es wolle. Lieber ein autistisches Gebäude errichten als Grundsätze aufgeben, die schon zum Zeitpunkt ihrer Formulierung rechter, deutscher, regressiver Scheiß waren. Der Architekt heißt Jan Kleihues. Man könnte vermuten, dass er von Beruf Sohn ist.

Allerdings ist das BND-Gebäude nicht das Meisterstück der Ideologie von Stimmann, dem Sarrazin der Architektur. Hunderte und Aberhunderte schlimmerer, aber leider gebauter Gebäude gehen auf dessen Konto (bis 3.45, danach wird es unangenehm):

Der klassische Investorenkasten  – ein eigenes Thema diesbezüglich wäre der aktuelle Hotel-Bau: möglichst billig, aber irgendwie soll es doch etwas hermachen. Es ist der derzeit meistgebaute Stil in Sachen Investorenarchitektur. Max Dudler auf dem Leipziger Platz ist im Grunde noch grotesker, weil seine Bauaufgabe nicht so umfangreich war:

leipzplatz

Solch ein Stil (eigentlich egal, welches von den drei Gebäuden nun der Dudler ist) wird in Berlin gerne als “seriös”, “unaufgeregt”, “gelassen”, “in der Berliner Tradition stehend” und “hochwertig” bezeichnet. Die Tiefenstrukturen solcher Fassaden ermöglichen ein “heiteres Spiel mit Licht und Schatten”. Dudler hat in den vergangenen 20 Jahren diverse solcher Kästen in Berlin untergebracht, immer an städtebaulich bedeutsamen Stellen, wie die Areale renditeträchtiger Investorenarchitektur euphemistisch genannt werden.

Wäre Berlin so groß wie Bielefeldt, die Stadt wäre in den vergangenen 20 Jahren von Stimmann und seinem Clan komplett zerstört worden.

Umgekehrt gilt: Ich kenne keine Stadt, in der die Außenwahrnehmung so extrem auseinanderklafft mit der Binnenrealität. Während Berlin von außen hip, cool, kreativ, modern, zeitgemäß ist, was auf viele seiner Bewohner und ihrer Aktivitäten (naturgemäß die von außen zugezogenen) zutrifft, ist die herrschende Politik das Gegenteil. Die wichtigsten Berliner Baumaßnahmen der Gegenwart, unter sozialdemokratischer Führung:

  • ein Schloss
  • eine Autobahn
  • eine U-Bahn unter der breitesten Straße der Stadt

Und der 14.000-Identische-Fenster-BND. Dazu die sozialdemokratische Herzensangelegenheit: Mieten erhöhen. Dazu der Pleitenflughafen und neuerdings das nächste größenwahnsinnige Projekt, die Olympia-Bewerbung. Das Kapital lässt nicht locker.

Es ist egal, in welche europäische Metropole man fährt: Ich gehe jede Wette ein, dass in keiner eine solch reaktionäre Städtebaupolitik betrieben wird.

Nikolaus Bernau, ein weiterer Architekturkritiker, fragte vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung zur Berliner Architektur der letzten 20 Jahre:

War hier nur ein riesiges Architekturbüro tätig, das mit Variationen immer den letztlich gleichen Fassadenentwurf ablieferte, streng gerastert mit hochrechteckig-stehenden, raumhohen Fenstern?

Bernau macht bürokratische Behörden mit verantwortlich, denn vor ihnen würden Architekten kuschen, um kein Sand im Getriebe der Baudurchführung zu bekommen.

Das schroffe Aufsteigen der Fensterreihen hinter dem Garten der Kanzlerin demonstriert genauso wie die vieltausendfenstrige Festung, die sich der BND nach den Plänen von Jan Kleihues an der Chausseestraße errichtet hat, ein in der Demokratie fatales Behördenselbstbewusstsein: Wir herrschen, egal wer gerade regiert. Und wir haben diese Macht, weil wir nicht erkennbar sind.

Es ist eine Männer-in-Grau-Architektur. Diese Bauten leben vom Wahn, dass alles ohne Verantwortung kontrollierbar und planbar ist.

Beim BND hat das seinen Sinn: 14.000 Fenster sind 14.000 potenzielle Spitzel, die dich beobachten.

Und alles immer mit Bezug auf Schinkel. Der musste schon vor gut hundert Jahren für die Begründung der größten Mietskasernenstadt der Welt herhalten. Selbstredend, dass Schinkel von heutigen Reaktionären in Beschlag genommen wird, so wie die NPD sich auf das Hambacher Fest beruft. Es ist geschichtswissenschaftlicher Nonsens, prüft man Schinkel in seiner Zeit und schaut sich außerdem in Planung gebliebenes an, beispielsweise sein Kaufhaus Unter den Linden. Schinkel wollte nie zurück, immer nach vorn. Wenn heute Stimmann, Jan Kleihues, Dudler und andere Kameraden der Berliner Szene sich auf Schinkel berufen, ist das Geschichtsklitterung. Das rechte Bürgertum ist, analog zum Kapitalismus, auf Klitterung angewiesen, weil solche Leute noch nie etwas Eigenständiges hervorgebracht haben. Kapitalisten leben ideengeschichtlich wie auch Tag für Tag vom Klauen; ihre Architekten machens genauso.

Es ist der Traum von der europäischen Stadt, der da weitergeträumt wird, allerdings auf Walt-Disney-Level. Wir wollen Bürgersteige und irgendwie bürgerliche Viertel mit kleinen Läden, mit menschlichem Maß, mit Stein etc. Dumm nur, dass diese Stadt nicht mehr existiert. Man kauft bei Amazon und Zalando und fordert nach jeder neuen Bestellung noch zwanghafter weiter den architektonischen Schritt zurück, ins vorvermassierte Zeitalter. Nach 45 gaben Leute wie Schwarz, Böhm, Eiermann oder Ruf den Ton an: leicht, filigran, verletzlich, schwebend, die aktuellen technischen Neuerungen nutzend. Das NS-Geprotze war verpönt, doch die Zeiten heute sind andere. Zurück zur deutschen Normalität. Architekten mit Vorhaben wie Ruf sind in Berlin des Jahren 2015 chancenlos. Stadthäuser müssen wie SUVs aussehen.

Es gibt architektonische Ausnahmen in Berlin, das kann man fairerweise dazusagen. Bernau nennt das Total-Hochhaus am Hauptbahnhof, völlig zu Recht. Dazu viele kleine Büros mit mutigen Bauherrn.

Bernau empfiehlt den Berlinern unter anderem einen Blick auf Brüssel und Amsterdam. In Amsterdam werden ganze Wohnviertel mit einer progressiven Architektur hochgezogen, an die man in der Reichshauptstadt nicht einmal denken kann.

Damit soll nichts gegen Reihung, gegen Serialität oder gegen Monotonie gesagt sein. Es geht nicht um Hundertwasser. Es gibt bekanntlich kaum Anregenderes als eine große Sichtbetonwand. Es geht, wie immer im Kreativen, ums Konzept. Im konkreten Fall ist die Serialität schon dann gescheitert, wenn sie mit polierten Granitplatten mit hohlen Fugen verbunden ist. Aus dieser Perspektive muss man den BND-Kleihues sogar ein bisschen verteidigen. Die Oberflächenstruktur ist nicht billig. Es ist die Billigkeit seines Konzepts. Vier Sichtbetonwände mit jeweils 300 Metern Länge wären interessanter geworden.

Andererseits ist alles in Ordnung: Deutschland als reaktionäres und naturgemäß sozialdarwinistisches Land leistet sich die entsprechende Architektur. Eigentlich konsequent.

(Foto: Max Dudler)