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Von Birgit Kelle und anderen rechten Jammerlappen

Kürzlich schaute ich mir eine TV-Diskussion des österreichischen Senders Puls-TV an (ehrlich gesagt nur nebenbei). Jutta Ditfurth war ein Gast. (Sie hatte die Aufzeichnung auf ihrer Facebook-Seite erwähnt.) Es ging um Feminismus. Mit in der Runde saß ein Herr Franz vom rechtspopulistischen Wahlbündnis “Team Stronach” und Birgit Kelle, eine deutsche Rechtsaußenpublizistin und Mutter von vier Kindern.

Das Bemerkenswerte war nun nicht, dass sich Ditfurth und Kelle uneins waren. Das Bemerkenswerte war, dass man in dieser Diskussion schön sehen konnte, dass zeitgemäße Rechte ohne Manipulationen nicht auskommen. Konkret: Frau Kelle behauptete, sie werde als vierfache Mutter diskriminiert, weil sie zwölf Jahre nicht gearbeitet habe. (Vermutlich ist das eine Lüge: Sie selbst schreibt auf ihrer Webseite: 1975 geboren, Jura bis zur “Zwischenprüfung” studiert, danach Volontariat, danach Redakteurin, dann Kinder, 2005 Arbeit wieder aufgenommen. Wo sollen da die zwölf Jahre reinpassen? Sie behauptet also, sie habe mit 18 wegen der Kinder aufgehört zu arbeiten. Wohl eine Konstruktion, um sich als gute deutsche Mutter präsentieren zu können. )  “Freundinnen” würden ihr das übelnehmen. Es ist eine der zahlreichen Geschichten, die Frau Kelle erfindet. Ob es so eine Freundin gibt oder nicht, ist egal. Tatsache ist, dass man als vierfache Mutter ohne gesellschaftliche Diskriminierung zuhause bleiben kann. Und wenn sie eine dämliche Freundin hat, kann sie das Problem mit ihr privat klären. Wenn man mit vier Kindern einen Mann oder eine Frau hat, der oder die das alles locker finanziert, ist man privilegiert, nicht diskriminiert.

Kelle, Trägerin des von der Jungen Freiheit verliehenen “Gerhard-Löwenthal-Preises”, macht also aus der angeblichen Bemerkung einer angeblichen Freundin ein gesellschaftliches Problem, eine Diskriminierung. Da besteht offenbar politischer Handlungsbedarf. Die Linken wollen der Frau ihren Mutterinstinkt wegnehmen! Sogar die eigene Freundin ist infiltiert! Die gesunde Gesellschaft ist im Kern gefährdet! Und zwar von Volksverrätern!

Und diesen Quark erzählt sie dann in der Öffentlichkeit. Andererse its betont sie gerne, dass sie Schwule nicht akzeptiert. Das ist normal, da die ja krank sind. Sie dagegen ist eine Mutter, eine deutsche dazu!!! Sie engagiert sich auch gegen die von Linken betriebene Verschwulung unserer armen Kinder.

Kelle, deren Hauptbeschäftigung das Diskriminieren anderer ist, jammert über Diskriminierung. Nennt man das schizophren? Oder ist das politisch zu erklären? Oder ist das so eine Art unbewusstes Ranschmeißen an den Mann, dem man gefügig sein will und der die Ordnung aufrechtzuerhalten hat?

Es ist gleichzeitig diese implizite Haltung, dass die Deutschen und die deutsche Kultur von Natur aus das Gegenteil dessen seien, was Linke vertreten. Nur eine Kelle samt ihrer schwarz-braunen Kameraden sind die wahren Vertreter einer toitschen Kultur, sprich: Frau an den Herd. Die anderen sind nicht normal. Und eine Kelle und ihr Umfeld sind auch nicht ohne den aktuellen Boom von Verschwörungstheoretikern zu sehen: Nur wer bereit ist, jegliche Analysefähigkeiten zugunsten einer herbeifantasierten linken Übermacht auszuschalten, ist bereit, sich in Kelles Paralleluniversum zu begeben.

Kelle ist selbstredend gläubige und engagierte Christin.

Es ist eine beispielhafte Geschichte, weil Rechte heute nur noch so argumentieren. Sie haben nichts gegen Schwule, aber die wollen uns dominieren. Sie haben nichts gegen Schwarze, aber die wollen unser Geld. Sie haben nichts gegen Juden, aber die Zionisten sind das Übel der Welt. Sie haben nichts gegen Feministinnen, aber die sind dafür verantwortlich, dass es keine Heterosexualität mehr gibt. Man wehrt sich nur noch gegen die böse linke Übermacht. Rechte von heute sind Jammerlappen. Sie wollen diskriminieren, es ist ihre Essenz, anderen die Würde oder gar das Lebensrecht abzusprechen. Und gleichzeitig drehen sie den Spieß einfach um.

Pegida funktioniert genauso: Flüchtlinge ja, aber keine Wirtschaftsasylanten. Politiker ja, aber nur die, die machen, was wir (i.e. das Volk) wollen. Menschenrechte ja, aber nicht für Fremde. Übertreiben wollen wir es nicht.

Früher war das einfacher: Da war der Neger dumm und der Schwule krank und der Osten unser natürlicher Lebensraum. Kelle und ihre Kameraden meinen heute das Gleiche, nur sagen sie es nicht mehr. Man wäre dann aus dem Rahmen gefallen und Kelle das letzte Mal im TV gewesen. Stattdessen wird die Akzeptanzforderung für Homosexuelle kritisiert, Toleranz reiche doch. Eine bei diesem Thema naturgemäß sinnlose Differenzierung, das weiß auch eine Kelle. Wie weit diese rechten Konstruktionen gehen, sah man seinerzeit an Jasper van Altenbokum, dem FAZ-Mann fürs Grobe, der anlässlich des Hitzlsperger-Outings meinte, demnächst gehöre in Deutschland Mut dazu zu sagen, dass man heterosexuell sei. Es ist objektiv dummes Zeug, zumal in Altenbokums Kreisen.

In der österreichischen TV-Diskussion schoss der besagte Herr Franz den Vogel ab. Er beschwerte sich darüber, dass man wegen der blöden “hässlichen” Feministinnen (er meinte Ditfurth) keine Frauen mehr kennenlerne. Schuld sei, dass die Feministinnen gegen das “normale Volksempfinden” agierten. Die Moderatorin fragte zweimal nach, wie sich das denn konkret gestalte. Keine Antwort. Stattdessen meldete sich gegen Ende der Sendung eine Frau aus dem Publikum: Es war die Ehefrau von Franz. Sie stellte sich hinter ihren Mann. Ich frage mich, warum Franz so verzweifelt Frauen kennenlernen will. Will er fremdgehen und kriegt keine ab? Und dann sind wieder die bösen Linken schuld? Und checkt das Frau Franz überhaupt? Oder sind in Wahrheit beide offensive Fremdgänger, weil sie sich gegenseitig auf den Keks gehen? Und wie wird jemand so primitiv und sagt einer Mitdiskutantin, dass sie hässlich sei? Vermutlich Frauenverachtung. Wer nicht blond ist und die Bluse aufknöpft, ist hässlich, will heißen: für den Mann nicht zu gebrauchen.

Es ist eine Crux mit den Neuen Rechten. Sie sind gesellschaftspolitisch die Verlierer der vergangenen 30 Jahre. Die Deppen der Nation. Man sollte Mitleid haben.

P.S.: Ein nettes Detail: Es gibt ein Heftchen, das “Lust auf Düsseldorf” heißt. Untertitel: “Das Beste aus der schönsten Stadt am Rhein” Wer meint, das sei ironisch gemeint, irrt. Der gemeine Düsseldorfer ist fest davon überzeugt, nicht nur in der schönsten Stadt am Rhein, sondern der Welt zu leben. Dieses Blättchen jedenfalls hatte kürzlich Birgit Kelle auf dem Titel:

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So weiblich ist Düsseldorf, jo. Wahrscheinlich meinte der Setzer “peinlich” und hat sich nur versetzt. Der Herausgeber heißt Wolfgang Osinski und ist ein alter Bekannter: Früher auf seinem Blog bekennender Fan des rechtsextremen Internetblogs Politically Incorrect, heute im lokalen Vorstand der AfD. Osinski ist ein schönes Beispiel für den Extremismus der Mitte. In Düsseldorf betreibt er eine PR-Agentur, ist offensichtlich gut vernetzt mit den Honoratioren der Stadt,  nebenbei ist er rechtsradikal.

Da darf, um zum Thema zurückzukommen, Madame Kelle nicht fehlen.

Und noch ein P.S., was meine Einschätzung der Kelles dieses Landes als Verlierer der vergangenen 30 Jahre angeht: Ein 16-jährige Hannah aus Weimar schrieb hier einen lesenswerten Kommentar zu Kelle, der deutlich macht, das diese Frau und ihr Treiben nicht zu verharmlosen sind. Natürlich sind all diese rechten Kameraden gefährlich. Ob Pegida, AfD, PI und wie die anderen braunen Konstrukte heißen: In neoliberal zugerichteten Gesellschaften hat auch Menschenverachtung ihren Platz.

Deutsche Realitäten, die x-te

Eine weitere der zahlreichen Grafiken, die Deutschlands Sonderweg beschreiben, auf dem diese Gesellschaft immer noch unterwegs ist, allen Unkenrufen wie dem von Christopher Clark (oder der deutschen Leseweise seines Schlafwandler-Buches) zum Trotz:

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Derzeit jammert man ja gerne über die verrottende Infrastruktur. Die Grafik zeigt, warum sie verrottet. Drei Prozent sind eine wohl sinnvolle Größe, um den theoretischen Wohlstand in einen praktischen zu verwandeln. Nicht so hierzulande. Bei einem jährlichen BIP von rund 2,5 Billionen Euro sind diese auf den ersten Blick geringen Abweichungen real drastisch. Es ist das bewusste Verlotternlassen von Infrastruktur, um dem Kapital kurzfristige Gewinne zu bescheren oder um die schwarze Null zu propagieren.

Die höheren Infrastrukturausgaben in den anderen EU-Ländern sorgten auch für die Erfolge der deutschen Exportindustrien.

Zweierlei sticht besonders ins Auge:

1. Die Sparorgie wurde vor allem von rot-grün angestoßen, und zwar ohne jede Not, ähnlich wie bei der Agenda-Politik. Wer heute über undichte Schuldächer lamentiert, kann sich auch bei Roth, Hofreiter, Özdemir, Trittin und den anderen Helden beschweren. Es ist ein weiterer Beleg für die These, dass rot-grün eine wirtschaftspolitisch neoliberale und damit rechte Politik durchzog, von der die FDP nur träumen konnte.

2. Im Zuge der Finanzkrise stiegen die staatlichen Infrastrukturausgaben in Deutschland an, aber nur leicht, um danach wieder auf Talfahrt zu gehen. Das könnte auch System haben. Wirtschaftsminister Gabriel ist derzeit sehr bemüht, dem Kapital bei Autobahnsanierungen via Public Private Partnership Milliardengewinne zuzuschanzen, obwohl der Bund Kredite zum Nulltarif bekäme.

Die kleine Minderheit seriöser deutscher Journalisten weist auf die diesbezügliche kriminelle Energie von Gabriel hin. Aber kriminelle Energie gehört im kapitalistischen Politbetrieb vermutlich zur notwendigen Grundausstattung.

Und dann noch das hier:

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Angeblich hat Griechenland einen riesigen öffentlichen Sektor. In vernünftigen Medien ist schon länger zu lesen, dass das nicht stimmt. Es scheint eine Variante deutscher neoliberaler Berichterstattung zu sein, die mit Schubladen arbeitet. Der Grieche ist Südländer, also faul, also Beamter. Und da in Griechenland nichts klappt, müssen da haufenweise Beamte nichtstuend rumhocken. In Berlin hat Finanzsenator Sarrazin für massiven öffentlichen Stellenabbau gesorgt mit dem Ergebnis, dass man nun mehrere Monate auf einen Termin oder terminlos locker vier Stunden auf die Ausstellung eines internationalen Führerscheins wartet, was eigentlich in fünf Minuten erledigt ist.

Bemerkenswert, dass ausgerechnet in den skandinavischen Ländern die Öffentlicher-Dienst-Quote ziemlich hoch ist. Nach neoliberaler Logik müssten diese Gesellschaften schon längst ökonomische Failed States auf dem Level von Jemen oder Somalia sein.

P.S: Gerade veröffentlichte das Statistische Bundesamt die endgültigen Zahlen des deutschen Außenhandels für 2014. Ergebnis: trotz dem Russland-Boykott 217 Milliarden Euro Überschuss, das ist im Vergleich zu 2013 ein Anstieg um 11 Prozent.

Die FAZ findet ein Korn

Claudius Seidl über den verstorbenen Architekten und Ingenieur Frei Otto, der auch das Zeltdach fürs Münchner Olympiastadion entworfen hat:

Und selbst wer sich heute durchs Sandsteinlego des neuen Berlin bewegt oder den Boutiquenschick Münchner Neubauten betrachtet, wird irgendwann fragen: Kann es sein, dass Architekten und Bauherren, die solche Ödnis für modern und zeitgemäß halten, niemals das Münchner Zeltdach gesehen haben? Oder hat sich Deutschland in den Jahren, die seit 1972 vergangen sind, so zu seinem Nachteil verändert, dass die Leichtigkeit, die Offenheit, die Transparenz, welche bei Frei Otto ja keine Metaphern, sondern direkt spürbare Raumerfahrungen waren, gar kein angemessener architektonischer Ausdruck dessen wären, wie wir heute leben und wie wir leben wollen?

Frei Ottos Konstruktionen, die sich immer an der unfassbaren Vielfalt des Organischen und den Möglichkeiten des Materials orientierten, sind ja nicht nur das genaue Gegenteil des Sims-und-Säulchen-Schwachsinns der Berliner Republik. Auch mit jener Mischung aus Willkür, Prätention und Schockeffekten, mit welchen zum Beispiel die Büros von Zaha Hadid oder Frank Gehry heute die deutsche Provinz beeindrucken, wollen diese Entwürfe nichts zu tun haben, was umgekehrt aber nicht gilt: Es war Frei Otto, der Forscher, der die Biegsamkeit und Tragfähigkeit jener Materialien erst erprobt hat, aus welchen die Architekturstars heute ihre Sensationsbauten formen.

Abgesehen von der diskutierbaren Gleichsetzung von Gehry und Hadid: Seidl ahnt immerhin, dass der Sims-und-Säulchen-Schwachsinn wie auch das Berliner Schloss Ausdruck einer regressiv gewordenen und nach rechts gekippten Angst-Gesellschaft sind. Dass die auch von der FAZ täglich verursacht wird, sieht er nicht oder will es nicht sehen.

Architektur als Ausdruck, wie wir leben und es wollen: Letzteres ist eine komplizierte Frage, wenn man kapitalistisch doktriniert ist. Streng genommen kann man in einer konsumistischen Warengesellschaft kein Ausdruck des Wollens mehr Ernst nehmen, weil präformiert. Die Raumerfahrungen, die heute gemacht werden wollen, sind solche der Abgrenzung, des Einmauerns, des Kokons.

Man könnte auch sagen, dass die Sims-und-Säulchen-Regression Ausdruck einer Gesellschaft ist, unterbewusst verzweifelt nach Haltepunkten sucht, sie aber ohne sinnvolle Analyse nicht findet und stattdessen AfD und Schloss konstruiert. Man sitzt neben dem Säulchen und hampelt mit dem iphone herum, auf dem man in das Chaos der Welt blickt, dem man sich mit der Säule entziehen will.

Frei Otto oder auch Gottfried Böhm: Architekten, deren Arbeiten heute im Establishment keine Chance mehr hätten. Dort haben sich Kameraden wie Dudler, Kleihues, Braunfels, Kahlfeldt und und unzählige devote No-Name-Karrieristen breitgemacht ohne den Hauch einer innovativen Idee. Was ist eigentlich aus der Westberliner Baumafia geworden? Abgedankt oder nur begünstigt durch machtaffine Journalisten? Man weiß es nicht.

Und woran man immer wieder erinnern sollte, um die komplette Barbarei vor der eigenen Haustür zu erahnen: der Abriss des Ahornsblattes vor mittlerweile 15 Jahren.  Genauer gesagt am 19. Juli. Man sollte dieses Datum zum Gedenktag erklären.

Nebenbei und als Gegensatz zum Besprochenen: Werner Sobeks neues Haus B10 in Baden-Württemberg produziert doppelt so viel Strom wie es verbraucht. Genug, um nebenher E-Auto zu fahren.

023(Foto: genova 2014)

150 Tote und der Zweck der Repräsentation

Ist es zu fies zu notieren, dass der Flugzeugabsturz in Frankreich Politikern gelegen kommt?

Steinmeier und Dobrindt fliegen direkt an die Unglücksstelle, stapfen dort ein wenig umher und geben betroffene Interviews. Was kann einem Politiker in Zeiten, in denen von Dschungelcamp bis Wulf-Eigenheim vor allem Authentizität gefragt ist, besseres passieren? Die beiden müssen zwar vor Ort geschützt werden, es muss ein erheblicher logistischer Aufwand betrieben werden, es ist sowieso eng in einem Alpental, es zieht noch mehr Journalisten an: Sie stören die Bergungsarbeiten. Sie fliegen aber trotzdem hin, aus einem einzigen Grund: Damit es Bilder von einem Politiker zwischen oder vor Rettungsleuten gibt, einer der aktiv ist, wenn es darauf ankommt, der die Situation im Griff hat, und der gleichzeitig gramvoll irgendeinen Text ableiert, in dem “bestürzt” und “fassungslos” vorkommen müssen.

Ob diesen Kameraden schon jemals aufgefallen ist, dass die Aussage, man sei fassungslos, eine Lüge sein muss, weil Fassungslosigkeit in ihrer Aktualität eine solche Aussage unmöglich machte. Wären Politiker fassungslos, würden sie sich auf den Boden setzen und heulen. Der Gipfel diesbezüglich ist der Satz “Sie sehen mich fassungslos.” Genauso verhält es sich mit “schockiert”.

Politiker simulieren Betroffenheit, die doch nur dann ernsthaft sein könnte, wenn sie sich der Selbstdarstellung wenigstens in solchen Situationen entziehen würden.

Steinmeier hat das sowieso gut drauf: der betroffene Gesichtsausdruck, die bedeutungsvollen Pausen, das Repräsentierende. Mir fällt Murat Kurnaz ein. Es ist schon ekelhaft.

Es geht auch anders: Der Bürgermeister von Haltern fand genau die richtigen Worte in genau der richtigen Form: Er war geschockt, redete authentisch und bot keine einzige Floskel. Ein ganz besonderer Medienmoment, der eine ganz besondere Konstellation erfordert. Sofort danach wieder: Steinmeier.

Anwesenheit bei einer staatstrauerlichen Angelegenheit wäre natürlich selbstverständlich, inklusive Kanzlerin und Bundespräsident, aber das hier, am Tag der Katastrophe, ist etwas anderes. Die Politik nutzt ungemein effektiv und instinktsicher ein solches Ereignis, um sich in Szene zu setzen. Journalisten machen mit, ein eingespieltes Team. Und diese Szene ist so wertvoll, weil man echte Gefühle, eben Authentizität vermitteln kann.

Fade out

Wo Stimmann eine ideologische Erektion bekommt: der neue BND

Der Architekturkritiker Falk Jäger (Quelle: vergessen) über das neue Hauptquartier des BND in Berlin-Mitte:

Ein “Haus” mit 14.000 identischen Fenstern bleibt in Berlin-Mitte ein “Alien”. Wie ein letzter, schwerer Paukenschlag markiert das hypertrophe Gebäude Ende und Höhepunkt der Ära des Senatsbaudirektors Stimmann, der dem Nachwende-Berlin mit dieser Art preußisch-rationalistisch verstandener Architektur seinen Stempel aufgedrückt hat…

Der BND in Mitte ist ein stadtstrukturelles Problem, eine Exklave, ein zehn Hektar großes, autistisches, hermetisch verschlossenes Areal, das in dieser Hinsichrt fatal an die ummauerten Stasi-Einrichtungen erinnert. Den BND hier zu situieren, war ein städtebaulicher Fehler der Nachwendezeit erster Ordnung.

Mit seinen 14.000 identischen Fenstern ist das Haus im neopreußischen Berlin zwar kein Alien, sondern passt ganz gut hier her, aber den Rest von Jägers Verriss kann man unterschreiben. Es ist einer der zahlreichen Fälle, die eine Medienkampagne legitimieren würden, aber deutsche Journalisten – ich meine nicht Jähger – regen sich lieber über Berlusconi, Putin, Erdogan und andere Bösewichte auf, die weit weg und außerhalb der eigenen Interessenskonflikte agieren.

Auf dem jetzigen BND-Gelände stand zu DDR-Zeiten ein großes Sportstadion mit Platz für 70.000 Zuschauer. Das musste weg. Stattdessen: Baukosten von knapp einer Milliarde Euro mitten in der Stadt für Leute, deren größtes Bestreben ist, sich abzuschirmen. In einer Stadt, die dringend Wohnraum benötigt.

Eine Geschichte, die man mit wenigen Änderungen nach Nordkorea verpflanzen könnte, mit dem Vorteil, dass der gemeine bürgerliche Journalist sein Erregungspotenzial nach außen trüge: 14.000 identische Fenster für eine neue Stasi: Mannomann, diese Nordkoreaner!

14.000 Fenster: preußisch-stimmanscher Rationalismus at it´s best. Es erinnert an die eine Seite des im Bau befindlichen Berliner Stadtschlosses: Frank Stellas italienischer Extrem-Rationalismus kommt hier zum Vorschein wie auch die misslungenen Teile von Rossis Gallaratese.

Die Stimmansche Logik war ja schon immer die eines rechten Phantasielosen: Identische Fenster plus billige Granitplatten an den Beton kleben, mehr fiel dem Kamerad in den vergangenen Jahrzehnten nicht ein.

Man – genauer gesagt: der preußische antikulturelle Geist – ließ ihn machen. Wenn nun ein extrem großes Gebäude positioniert werden muss, zeigt sich das deutsche Wesen erneut: Wir weichen vom einmal vorgegebenen Pfad des identischen Rasters nicht ab, koste es, was es wolle. Lieber ein autistisches Gebäude errichten als Grundsätze aufgeben, die schon zum Zeitpunkt ihrer Formulierung rechter, deutscher, regressiver Scheiß waren. Der Architekt heißt Jan Kleihues. Man könnte vermuten, dass er von Beruf Sohn ist.

Allerdings ist das BND-Gebäude nicht das Meisterstück der Ideologie von Stimmann, dem Sarrazin der Architektur. Hunderte und Aberhunderte schlimmerer, aber leider gebauter Gebäude gehen auf dessen Konto (bis 3.45, danach wird es unangenehm):

Der klassische Investorenkasten  – ein eigenes Thema diesbezüglich wäre der aktuelle Hotel-Bau: möglichst billig, aber irgendwie soll es doch etwas hermachen. Es ist der derzeit meistgebaute Stil in Sachen Investorenarchitektur. Max Dudler auf dem Leipziger Platz ist im Grunde noch grotesker, weil seine Bauaufgabe nicht so umfangreich war:

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Solch ein Stil (eigentlich egal, welches von den drei Gebäuden nun der Dudler ist) wird in Berlin gerne als “seriös”, “unaufgeregt”, “gelassen”, “in der Berliner Tradition stehend” und “hochwertig” bezeichnet. Die Tiefenstrukturen solcher Fassaden ermöglichen ein “heiteres Spiel mit Licht und Schatten”. Dudler hat in den vergangenen 20 Jahren diverse solcher Kästen in Berlin untergebracht, immer an städtebaulich bedeutsamen Stellen, wie die Areale renditeträchtiger Investorenarchitektur euphemistisch genannt werden.

Wäre Berlin so groß wie Bielefeldt, die Stadt wäre in den vergangenen 20 Jahren von Stimmann und seinem Clan komplett zerstört worden.

Umgekehrt gilt: Ich kenne keine Stadt, in der die Außenwahrnehmung so extrem auseinanderklafft mit der Binnenrealität. Während Berlin von außen hip, cool, kreativ, modern, zeitgemäß ist, was auf viele seiner Bewohner und ihrer Aktivitäten (naturgemäß die von außen zugezogenen) zutrifft, ist die herrschende Politik das Gegenteil. Die wichtigsten Berliner Baumaßnahmen der Gegenwart, unter sozialdemokratischer Führung:

  • ein Schloss
  • eine Autobahn
  • eine U-Bahn unter der breitesten Straße der Stadt

Und der 14.000-Identische-Fenster-BND. Dazu die sozialdemokratische Herzensangelegenheit: Mieten erhöhen. Dazu der Pleitenflughafen und neuerdings das nächste größenwahnsinnige Projekt, die Olympia-Bewerbung. Das Kapital lässt nicht locker.

Es ist egal, in welche europäische Metropole man fährt: Ich gehe jede Wette ein, dass in keiner eine solch reaktionäre Städtebaupolitik betrieben wird.

Nikolaus Bernau, ein weiterer Architekturkritiker, fragte vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung zur Berliner Architektur der letzten 20 Jahre:

War hier nur ein riesiges Architekturbüro tätig, das mit Variationen immer den letztlich gleichen Fassadenentwurf ablieferte, streng gerastert mit hochrechteckig-stehenden, raumhohen Fenstern?

Bernau macht bürokratische Behörden mit verantwortlich, denn vor ihnen würden Architekten kuschen, um kein Sand im Getriebe der Baudurchführung zu bekommen.

Das schroffe Aufsteigen der Fensterreihen hinter dem Garten der Kanzlerin demonstriert genauso wie die vieltausendfenstrige Festung, die sich der BND nach den Plänen von Jan Kleihues an der Chausseestraße errichtet hat, ein in der Demokratie fatales Behördenselbstbewusstsein: Wir herrschen, egal wer gerade regiert. Und wir haben diese Macht, weil wir nicht erkennbar sind.

Es ist eine Männer-in-Grau-Architektur. Diese Bauten leben vom Wahn, dass alles ohne Verantwortung kontrollierbar und planbar ist.

Beim BND hat das seinen Sinn: 14.000 Fenster sind 14.000 potenzielle Spitzel, die dich beobachten.

Und alles immer mit Bezug auf Schinkel. Der musste schon vor gut hundert Jahren für die Begründung der größten Mietskasernenstadt der Welt herhalten. Selbstredend, dass Schinkel von heutigen Reaktionären in Beschlag genommen wird, so wie die NPD sich auf das Hambacher Fest beruft. Es ist geschichtswissenschaftlicher Nonsens, prüft man Schinkel in seiner Zeit und schaut sich außerdem in Planung gebliebenes an, beispielsweise sein Kaufhaus Unter den Linden. Schinkel wollte nie zurück, immer nach vorn. Wenn heute Stimmann, Jan Kleihues, Dudler und andere Kameraden der Berliner Szene sich auf Schinkel berufen, ist das Geschichtsklitterung. Das rechte Bürgertum ist, analog zum Kapitalismus, auf Klitterung angewiesen, weil solche Leute noch nie etwas Eigenständiges hervorgebracht haben. Kapitalisten leben ideengeschichtlich wie auch Tag für Tag vom Klauen; ihre Architekten machens genauso.

Es ist der Traum von der europäischen Stadt, der da weitergeträumt wird, allerdings auf Walt-Disney-Level. Wir wollen Bürgersteige und irgendwie bürgerliche Viertel mit kleinen Läden, mit menschlichem Maß, mit Stein etc. Dumm nur, dass diese Stadt nicht mehr existiert. Man kauft bei Amazon und Zalando und fordert nach jeder neuen Bestellung noch zwanghafter weiter den architektonischen Schritt zurück, ins vorvermassierte Zeitalter. Nach 45 gaben Leute wie Schwarz, Böhm, Eiermann oder Ruf den Ton an: leicht, filigran, verletzlich, schwebend, die aktuellen technischen Neuerungen nutzend. Das NS-Geprotze war verpönt, doch die Zeiten heute sind andere. Zurück zur deutschen Normalität. Architekten mit Vorhaben wie Ruf sind in Berlin des Jahren 2015 chancenlos. Stadthäuser müssen wie SUVs aussehen.

Es gibt architektonische Ausnahmen in Berlin, das kann man fairerweise dazusagen. Bernau nennt das Total-Hochhaus am Hauptbahnhof, völlig zu Recht. Dazu viele kleine Büros mit mutigen Bauherrn.

Bernau empfiehlt den Berlinern unter anderem einen Blick auf Brüssel und Amsterdam. In Amsterdam werden ganze Wohnviertel mit einer progressiven Architektur hochgezogen, an die man in der Reichshauptstadt nicht einmal denken kann.

Damit soll nichts gegen Reihung, gegen Serialität oder gegen Monotonie gesagt sein. Es geht nicht um Hundertwasser. Es gibt bekanntlich kaum Anregenderes als eine große Sichtbetonwand. Es geht, wie immer im Kreativen, ums Konzept. Im konkreten Fall ist die Serialität schon dann gescheitert, wenn sie mit polierten Granitplatten mit hohlen Fugen verbunden ist. Aus dieser Perspektive muss man den BND-Kleihues sogar ein bisschen verteidigen. Die Oberflächenstruktur ist nicht billig. Es ist die Billigkeit seines Konzepts. Vier Sichtbetonwände mit jeweils 300 Metern Länge wären interessanter geworden.

Andererseits ist alles in Ordnung: Deutschland als reaktionäres und naturgemäß sozialdarwinistisches Land leistet sich die entsprechende Architektur. Eigentlich konsequent.

(Foto: Max Dudler)

Neues zum rechtesten Kulturprojekt Deutschlands und der ganzen Welt

Moritz Müller-Wirth nennt den Wiederaufbau des Berliner Schlosses (demnächst ist Richtfest) in der Zeit (26. Februar, S. 41)

“das anspruchsvollste kulturpolitische Projekt der kommenden Jahre in Deutschland, viele sagen: in Europa, manche sagen: weltweit.”

Genau. Heute Deutschland und morgen die ganze Welt. Drunter läuft es hierzulande nicht. Aber bitte anspruchsvoll! Journalistisch ganz toll ausgefeilt ist dieses “viele sagen”. Ich dachte bislang, sowas Abgedroschenes wird nur noch satirisch benutzt. Und da ein neues Schloss im Jahr 2015 eine doch eher peinliche Angelegenheit ist, nennt man den Kasten offiziell “Humboldt-Forum”.

Man bekommt am Ende des Zeit-Artikels über das Humboldt-Forum die nicht unwesentliche Information:

“Es gibt bislang weder ein Konzept für das Projekt noch jemanden, der es umsetzen könnte.”

So ist es. Es wird seit Jahren geplappert: Vielleicht ein Museum aus dem Südwesten Berlins in die Schlosshülle holen, vielleicht eine Bibliothek, vielleicht den Hauptsitz des Goethe-Instituts, vielleicht ein Veranstaltungszentrum, trendy Agora genannt, vielleicht, vielleicht. Klar ist, dass diese neuen Räume niemand braucht, es geht nur um Verlegung. Und wenn man sich die finanzielle Ausstattung der Berliner Bibliotheken anschaut (Öffnungszeiten im Sommer oft nur ein paar Stunden die Woche wegen Geldmangels), wird deutlich, dass solche Projekte reine Augenwischerei sind.

Eine Absurdität findet also kaum Beachtung: Das Schloss wird schon gebaut, aber die Nutzung ist offen. Ohne ein klares Nutzungskonzept kann die Architektur, die Grundrisskonzeption, nicht adäquat geplant werden. Man stelle sich vor: Wir bauen irgendeinen Kasten auf die Wiese und entscheiden danach, ob ein Krankenhaus, ein Einkaufszentrum oder 1.000 Wohnungen reinkommen. Nicht denkbar, beim Schloss aber machen wir eine Ausnahme.

Die einzige Legitimation, die ein zu bauendes Schloss hat, ist ein Monarch. Traut sich nur niemand zu sagen. Noch.

Dazu kommt: Es gibt in Berlin das Haus der Kulturen der Welt, das die Funktion eines interkulturellen Dialogs seit den 1980er Jahren mit vielen interessanten Veranstaltungen erfüllt, zudem in anspruchsvoller, angenehmer und zeitgenössischer Architektur. Dieser Dialog wird nun in eine diktatorisch-absolutistische Form gegossen.

Eigentlich ehrlich: Man weiß, wohin die Reise gehen soll.

Das Berliner Schloss ist das politisch rechteste Architekturprojekt in Deutschland (viele sagen: in Europa, manche sagen: weltweit): Man will Eindruck schinden, indem man Wilhelm II. hervorkramt und will ausgerechnet in diesem Bau, der auch für deutschen Kolonialismus steht, ein “Völkerkundemuseum” einrichten mit haufenweise den Völkern geklauten Exponaten. Die Deutschen weigern sich gleichzeitig, den Völkermord an den Herero anzuerkennen, weil das teuer werden könnte. Die deutsche Wirtschaft hat gleichzeitig nichts gegen den laufenden Neokolonialismus, indem subventionierte EU-Lebensmittel afrikanische Märkte überschwemmen und die lokale Produktion vernichten, um nur ein Beispiel zu nennen.

Ganz vorne dabei beim Schloss-Hype: Außenminister und Folterexperte Steinmeier.

Diese Idee ist auch Ausdruck der derzeitigen Verfasstheit dieser Gesellschaft: juristisch nicht greifbare Korruption. Konkrete Gebäudeplanung, ohne die Nutzung zu kennen, auf kolonialer Basis.

Möglich, dass hier ein zweites BER entsteht. Die Voraussetzungen dafür sind teilweise erfüllt: eine korrupte politische Klasse samt eines Journalisten, der sich zu ihrem Büttel macht.

So sehen Scheißerchen aus

Ein schnelles  Portrait, stellvertretend für deutsche Befindlichkeiten:

Der Sachse und No Name Alex Schöne ist eine prima Möglichkeit, die Verfasstheit von bürgerlichen Nazis zu verstehen. Sein aktueller Kommentar auf der Facebook-Seite von Pegida zu Flüchtlingen:

Willkommen Ihr Fachkräfte,Ärzte,Ingenieure …für Euch räumen wir nicht nur Turnhallen!!in Zukunft werden wir auch gern Kindergärten und Schulen frei machen…Wir verzichten gern auf unsere kulturellen Werte,auf unsere Kultur auf unsere Tradition

Das an sich wäre keine Meldung wert, sowas wird dort im Sekundentakt geschrieben. Auch der Eindruck, dass die Beherrschung der muttersprachlichen Zeichensetzung nicht zu den kulturellen Werten gehört, drängt sich dem Betrachter dieses Milieus häufig auf. Interessant ist vielmehr der Hintergrund, den Herr Schöne bereitwillig der Öffentlichkeit präsentiert.

Den Einträgen seiner Facebook-Seite der vergangenen Wochen entnimmt man:

Wenn die Burka erlaubt ist, kommt er mit der Ku-Klux-Klan-Kostümierung (“Sachsen wehrt sich”). Der Orient gefällt ihm, wenn er mit der Aida hinschippert. Er geht gerne essen und findet jedes Restaurant “lecker” und sonst nichts. Außerdem hat Herr Schöne sich ein “Baby” bestellt: einen Audi Q7. Sein Kommentar: “Endlich mal wieder Gas geben.”

Unbenannt-1 Kopie

Er wohnt in einem Fertighaus in einer Mischung aus toskanischer Villa und Bauhaus, rein formal. Dazu perfekt geschnittene Zierpflanzen, symmetrisch angeordnet. Er hat sich völlig entäußerlicht eingerichtet. Das Haus und die Bäumchen sollen ihn wohl als modern und erfolgreich präsentieren, aber er checkt vermutlich hin und wieder selbst, was für ein entfremdetes Scheißerchen er ist. Seine kulturellen Werte, seine Kultur und seine Tradition sind Rassismus, Neureichenästhetik und Q7, mit dem er Flüchtlinge von der Straße schubsen kann. Man muss sich ja wehren. Ein weiterer Vorteil seines großen Autos: Er kann beim Fahren die Ku-Klux-Klan-Kapuze aufbehalten.

So sieht er aus, der gebeutelte arme Hartz-IV-Ossi, der in seiner Not bei Pegida mitrennt.

Danke für den Anschauungsunterricht.

Wann ist ein Kommunist ein Kommunist?

Waren Stalin und Pol Pot Kommunisten? Waren die Deutschen Christen Christen? War Filbinger ein christlicher Demokrat? Ist jemand, der die Grundrechenarten beherrscht – und sonst nichts – ein Mathematiker?

Darüber habe ich vor ein paar Tagen kurz auf Facebook diskutiert. Ich würde die These in den Raum stellen, dass es einerseits eine vernünftige Definition von Begriffen braucht. Der Mathematiker wäre wohl keiner, weil die Grundrechenarten alleine ihn nicht zum Tragen dieses informellen Titels berechtigen, auch wenn er ihn trägt. Beim Kommunismus würde ich das ähnlich sehen. Wo ist die Kommunismusdefinition, die Stalin als einen solchen ausweist?

Andererseits geht es um Wirkungsmacht. Stalin, Pol Pot und andere haben angerichtet, was sie angerichtet haben. Sie hatten die ganz reale Macht, Marx und andere in ihre Dienste zu stellen. Insofern ist zu fragen, wie es dazu kommen konnte. Eine Frage, der viele Linke gerne ausweichen und damit das Grauen erneut ermöglichen. Es beginnt schon bei solch diktaturaffinen Grüppchen wie Cuba-Sí von der Linkspartei. Ganz zu schweigen von den Querfrontdeppen dort. Und ganz aktuell die Beschwichtigung deutscher Linker in Sachen griechischer Querfront. Alles halb so wild, solange nur etwas passiert.

Vielleicht geht darum, dass die Aussicht auf das Paradies den Menschen zum Schlächter macht. Es geschieht dann ja alles im guten Namen, sei es Gott, Allah, Marktwirtschaft oder Kommunismus.

Aber soll man deswegen den Fortschritt auf Eis legen? Es kann meines Erachtens nur um Selbstreflexion gehen. Die Dialektik der Aufklärung verinnerlichen und immer wieder auf die Bremse treten. Und wissen, wann man Gas geben sollte. Wobei viel Gas nur mit einem zittrigen Fuß gestattet ist – und einem Copiloten, der das Bremspedal bedient.

Schnell hingerotzt, vielleicht ergibt sich ja die bei facebook gewünschte Diskussion.

Kurze Betrachtung über zwei ganz normale Deutsche

Zwei Leserbriefe aus der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Jahr (Datum leider nicht notiert) zu einem Artikel des Historikers Hans-Ulrich Wehler (damals noch lebendig) über die zunehmende soziale Spreizung in Deutschland und die wachsenden Einkommensunterschiede.

Der erste Leserbrief:

“In jüngster Zeit häufen sich derartige tendenziöse, von nur wenig Kenntnis der Praxis getrübte Texte wie jener von Hans-Ulrich Wehler… Es untergräbt eine Leistungsgesellschaft, von der wir schließlich alle leben, wenn den Bürgern ein Großteil ihrer Lebensleistung wegbesteuert wird, sei es zu Lebzeiten oder den Erben, regelmäßig den Kindern, denen nach diesem Vorschlag bis zu 50 Prozent (!) weggenommen werden sollen… Wie lange lässt sich der überwiegende Teil der Gesellschaft noch solche Neid- und Hasstiraden gefallen.”

Professor Karl Winkler, München

Der zweite Leserbrief:

1:200 Na und! Das ist eine beliebige Zahl. Tarifautonomie und Vertragsautonomie sind Kennzeichen eines freien Landes. Dringt der Gesetzgeber regulierend dazwischen, wird das Tor auch zu noch anderen Regulierungen zwischen den Menschen geöffnet.”

Dr. Martin Wöhrle, Stuttgart

Ein Professor und ein Doktor reden Klartext, wie man sagt. Wöhrle ist Chef eines Hotels in Stuttgart, Winkler ist Honorarprofessor an der juristischen Fakultät der Uni München. Zwei ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft. Die drücken sich nicht so pöbelhaft aus wie das Pegidavolk, sind aber noch sozialdarwinistischer.

Wobei man untersuchen könnte, inwieweit der Wirtschaftsteil der Süddeutschen solche Haltungen hervorbringt bzw. unterstützt.

Ganz normale Deutsche und eine ganz normale deutsche Zeitung.

Von wüsten Komikern und Belastbarkeitsgrenzen

Ein neuer Komiker strahlt am Expertenhimmel: Clemens Fuest heißt er, Volkswirt ist er. Die taz hat ihn interviewt:

taz: Die neue griechische Regierung hat die Privatisierung des Hafens von Piräus gestoppt. Nachvollziehbar: Warum soll man Anlagen verkaufen, die Jahr für Jahr Gewinne für den Staat erwirtschaften können?

Clemens Fuest: Die umgekehrte Frage muss man stellen – warum erscheint es notwendig, dass der Staat Hafenanlagen betreibt?

Geilomat. Der mit 170 Prozent des BIP verschuldete griechische Staat macht mit dem Hafen jedes Jahr Gewinn und der Experte will das verhindern. Lieber die Frage anders stellen. Fuest lockt mit der einmaligen Verbuchung des Kaufpreises, danach kommt das dauerhafte Einnahmeminus.

Außerdem findet er die angekündigte Erhöhung des griechischen Mindestlohns – derzeit 3,35 Euro die Stunde – “unverständlich”. Seine Sicht ist verständlich: Mit monatlich 550 Euro brutto (Syriza will 750 Euro) kann man auch in Griechenland kaum überleben und angesichts der hohen Arbeitslosigkeit ist nur ein toter Grieche ein guter Grieche. Rein volkswirtschaftlich natürlich.

Fuest, 1968 geboren, ist Chef des Mannheimer “Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung”, das zu 53 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert wird. Die Drittmittel kommen vom Kapital und der Europäischen Kommission, also zu 100 Prozent von uns allen. Damit fördert er eine Politik für schätzungsweise zehn Prozent. Auf seinem Portraitfoto auf der Website des Zentrums sieht Fuest aus wie jemand, den man einen coolen Hund nennt. Vielleicht ist er ja wirklich ein Komiker.

Warum erscheint es notwendig, dass Staat und Gesellschaft ein sozialdarwinistisches Institut betreiben?

Vermutlich muss ich laut Fuest die Frage umgekehrt stellen.

Der wueste Fuest ist

  • Mitglied bei der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
  • im Wirtschaftsrat der CDU
  • im wissenschaftlichen Beirat von Ernst & Young
  • Mitglied der Stiftung Marktwirtschaft
  • Mitglied am Center for Economic Studies der Uni München, das mit dem neoliberalen ifo-Institut kooperiert
  • und, Achtung, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums.

Nebenbei ist er noch VWL-Professor an der Uni Mannheim.

Ein Lobbyist des Kapitals, der aus staatlichen Töpfen sicher fürstlich bezahlt wird, um den Staat den Bedürfnissen des Kapitals anzupassen, um den Staat zu plündern. Es ist ein zweckrationaler Sachverstand, der standardmäßig auf Bild-Niveau argumentiert, nicht nur in Sachen Griechenland:

“Also dieses alte Motto ‘Die Reichen sollen mal zahlen’ funktioniert deshalb nicht, weil es so viele Reiche nun auch wieder nicht gibt”

Der deutsche Kleinbürger stimmt zu. Hat Herr Fuest eigentlich schon bei Pegida gesprochen? Herr Bachmann sollte ihn schleunigst einladen. Die Fuests dieses Landes bringen Bachmann Zulauf.

Ich stelle mir vor, wie Fuest von einer Beiratssitzung zur nächsten rennt und ähnlich skurrile Aussagen macht wie in der taz und im Deutschlandradio. Und an der Uni sitzen vor ihm 19-jährige Erstsemester und schreiben das alles mit. Irgendwann forscht er sicher noch.

Dieses Denken bringt solche Zeitungsartikel hervor:

Die Berliner Zeitung (das hätte in jeder anderen bürgerlichen Zeitung stehen können) räsonnierte vergangenen Donnerstag über die “Grenzen der Belastbarkeit” bei den Mieten in Berlin. Im “unteren Segment” sei der Mietzins im letzten Jahr um durchschnittlich 8,6 Prozent gestiegen. Diese Mieter waren bislang offenbar nicht genug belastet. Jetzt vielleicht? Wir müssen noch ausloten und melden uns nächstes Jahr wieder.

Wohnen wäre in einem zivilisierten und nicht barbarischen – also fuestfreien – Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ein Bedürfnis, das möglichst günstig, möglichst sozial, möglichst ökologisch und generell möglichst nach den Bedürfnissen der Bewohner ausgestaltet würde und keine Frage von finanziellen Belastbarkeitsgrenzen der Mieter. Undenkbar im Kapitalismus. Da testen wir nämlich, wie lange ein Bewohner sich gängeln und ausbeuten lässt, wie lange er bereit ist, Melkkuh für die Renditemaschine zu spielen. Und wo der Grenzpunkt liegt, an dem er vom Balkon springt. Das wäre blöd, weil er dann keine Miete mehr zahlt.

Die Berliner Zeitung spricht von “Preisdruck”, ein schönes Wort. Wer drückt? Der Markt vermutlich, denn dann kann man niemanden verantwortlich machen.

It´s the nature, stupid.

041 (2)(Foto: genova 2015)