Archiv der Kategorie: Gesellschaft

150 Tote und der Zweck der Repräsentation

Ist es zu fies zu notieren, dass der Flugzeugabsturz in Frankreich Politikern gelegen kommt?

Steinmeier und Dobrindt fliegen direkt an die Unglücksstelle, stapfen dort ein wenig umher und geben betroffene Interviews. Was kann einem Politiker in Zeiten, in denen von Dschungelcamp bis Wulf-Eigenheim vor allem Authentizität gefragt ist, besseres passieren? Die beiden müssen zwar vor Ort geschützt werden, es muss ein erheblicher logistischer Aufwand betrieben werden, es ist sowieso eng in einem Alpental, es zieht noch mehr Journalisten an: Sie stören die Bergungsarbeiten. Sie fliegen aber trotzdem hin, aus einem einzigen Grund: Damit es Bilder von einem Politiker zwischen oder vor Rettungsleuten gibt, einer der aktiv ist, wenn es darauf ankommt, der die Situation im Griff hat, und der gleichzeitig gramvoll irgendeinen Text ableiert, in dem “bestürzt” und “fassungslos” vorkommen müssen.

Ob diesen Kameraden schon jemals aufgefallen ist, dass die Aussage, man sei fassungslos, eine Lüge sein muss, weil Fassungslosigkeit in ihrer Aktualität eine solche Aussage unmöglich machte. Wären Politiker fassungslos, würden sie sich auf den Boden setzen und heulen. Der Gipfel diesbezüglich ist der Satz “Sie sehen mich fassungslos.” Genauso verhält es sich mit “schockiert”.

Politiker simulieren Betroffenheit, die doch nur dann ernsthaft sein könnte, wenn sie sich der Selbstdarstellung wenigstens in solchen Situationen entziehen würden.

Steinmeier hat das sowieso gut drauf: der betroffene Gesichtsausdruck, die bedeutungsvollen Pausen, das Repräsentierende. Mir fällt Murat Kurnaz ein. Es ist schon ekelhaft.

Es geht auch anders: Der Bürgermeister von Haltern fand genau die richtigen Worte in genau der richtigen Form: Er war geschockt, redete authentisch und bot keine einzige Floskel. Ein ganz besonderer Medienmoment, der eine ganz besondere Konstellation erfordert. Sofort danach wieder: Steinmeier.

Anwesenheit bei einer staatstrauerlichen Angelegenheit wäre natürlich selbstverständlich, inklusive Kanzlerin und Bundespräsident, aber das hier, am Tag der Katastrophe, ist etwas anderes. Die Politik nutzt ungemein effektiv und instinktsicher ein solches Ereignis, um sich in Szene zu setzen. Journalisten machen mit, ein eingespieltes Team. Und diese Szene ist so wertvoll, weil man echte Gefühle, eben Authentizität vermitteln kann.

Fade out

Wo Stimmann eine ideologische Erektion bekommt: der neue BND

Der Architekturkritiker Falk Jäger (Quelle: vergessen) über das neue Hauptquartier des BND in Berlin-Mitte:

Ein “Haus” mit 14.000 identischen Fenstern bleibt in Berlin-Mitte ein “Alien”. Wie ein letzter, schwerer Paukenschlag markiert das hypertrophe Gebäude Ende und Höhepunkt der Ära des Senatsbaudirektors Stimmann, der dem Nachwende-Berlin mit dieser Art preußisch-rationalistisch verstandener Architektur seinen Stempel aufgedrückt hat…

Der BND in Mitte ist ein stadtstrukturelles Problem, eine Exklave, ein zehn Hektar großes, autistisches, hermetisch verschlossenes Areal, das in dieser Hinsichrt fatal an die ummauerten Stasi-Einrichtungen erinnert. Den BND hier zu situieren, war ein städtebaulicher Fehler der Nachwendezeit erster Ordnung.

Mit seinen 14.000 identischen Fenstern ist das Haus im neopreußischen Berlin zwar kein Alien, sondern passt ganz gut hier her, aber den Rest von Jägers Verriss kann man unterschreiben. Es ist einer der zahlreichen Fälle, die eine Medienkampagne legitimieren würden, aber deutsche Journalisten – ich meine nicht Jähger – regen sich lieber über Berlusconi, Putin, Erdogan und andere Bösewichte auf, die weit weg und außerhalb der eigenen Interessenskonflikte agieren.

Auf dem jetzigen BND-Gelände stand zu DDR-Zeiten ein großes Sportstadion mit Platz für 70.000 Zuschauer. Das musste weg. Stattdessen: Baukosten von knapp einer Milliarde Euro mitten in der Stadt für Leute, deren größtes Bestreben ist, sich abzuschirmen. In einer Stadt, die dringend Wohnraum benötigt.

Eine Geschichte, die man mit wenigen Änderungen nach Nordkorea verpflanzen könnte, mit dem Vorteil, dass der gemeine bürgerliche Journalist sein Erregungspotenzial nach außen trüge: 14.000 identische Fenster für eine neue Stasi: Mannomann, diese Nordkoreaner!

14.000 Fenster: preußisch-stimmanscher Rationalismus at it´s best. Es erinnert an die eine Seite des im Bau befindlichen Berliner Stadtschlosses: Frank Stellas italienischer Extrem-Rationalismus kommt hier zum Vorschein wie auch die misslungenen Teile von Rossis Gallaratese.

Die Stimmansche Logik war ja schon immer die eines rechten Phantasielosen: Identische Fenster plus billige Granitplatten an den Beton kleben, mehr fiel dem Kamerad in den vergangenen Jahrzehnten nicht ein.

Man – genauer gesagt: der preußische antikulturelle Geist – ließ ihn machen. Wenn nun ein extrem großes Gebäude positioniert werden muss, zeigt sich das deutsche Wesen erneut: Wir weichen vom einmal vorgegebenen Pfad des identischen Rasters nicht ab, koste es, was es wolle. Lieber ein autistisches Gebäude errichten als Grundsätze aufgeben, die schon zum Zeitpunkt ihrer Formulierung rechter, deutscher, regressiver Scheiß waren. Der Architekt heißt Jan Kleihues. Man könnte vermuten, dass er von Beruf Sohn ist.

Allerdings ist das BND-Gebäude nicht das Meisterstück der Ideologie von Stimmann, dem Sarrazin der Architektur. Hunderte und Aberhunderte schlimmerer, aber leider gebauter Gebäude gehen auf dessen Konto (bis 3.45, danach wird es unangenehm):

Der klassische Investorenkasten  – ein eigenes Thema diesbezüglich wäre der aktuelle Hotel-Bau: möglichst billig, aber irgendwie soll es doch etwas hermachen. Es ist der derzeit meistgebaute Stil in Sachen Investorenarchitektur. Max Dudler auf dem Leipziger Platz ist im Grunde noch grotesker, weil seine Bauaufgabe nicht so umfangreich war:

leipzplatz

Solch ein Stil (eigentlich egal, welches von den drei Gebäuden nun der Dudler ist) wird in Berlin gerne als “seriös”, “unaufgeregt”, “gelassen”, “in der Berliner Tradition stehend” und “hochwertig” bezeichnet. Die Tiefenstrukturen solcher Fassaden ermöglichen ein “heiteres Spiel mit Licht und Schatten”. Dudler hat in den vergangenen 20 Jahren diverse solcher Kästen in Berlin untergebracht, immer an städtebaulich bedeutsamen Stellen, wie die Areale renditeträchtiger Investorenarchitektur euphemistisch genannt werden.

Wäre Berlin so groß wie Bielefeldt, die Stadt wäre in den vergangenen 20 Jahren von Stimmann und seinem Clan komplett zerstört worden.

Umgekehrt gilt: Ich kenne keine Stadt, in der die Außenwahrnehmung so extrem auseinanderklafft mit der Binnenrealität. Während Berlin von außen hip, cool, kreativ, modern, zeitgemäß ist, was auf viele seiner Bewohner und ihrer Aktivitäten (naturgemäß die von außen zugezogenen) zutrifft, ist die herrschende Politik das Gegenteil. Die wichtigsten Berliner Baumaßnahmen der Gegenwart, unter sozialdemokratischer Führung:

  • ein Schloss
  • eine Autobahn
  • eine U-Bahn unter der breitesten Straße der Stadt

Und der 14.000-Identische-Fenster-BND. Dazu die sozialdemokratische Herzensangelegenheit: Mieten erhöhen. Dazu der Pleitenflughafen und neuerdings das nächste größenwahnsinnige Projekt, die Olympia-Bewerbung. Das Kapital lässt nicht locker.

Es ist egal, in welche europäische Metropole man fährt: Ich gehe jede Wette ein, dass in keiner eine solch reaktionäre Städtebaupolitik betrieben wird.

Nikolaus Bernau, ein weiterer Architekturkritiker, fragte vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung zur Berliner Architektur der letzten 20 Jahre:

War hier nur ein riesiges Architekturbüro tätig, das mit Variationen immer den letztlich gleichen Fassadenentwurf ablieferte, streng gerastert mit hochrechteckig-stehenden, raumhohen Fenstern?

Bernau macht bürokratische Behörden mit verantwortlich, denn vor ihnen würden Architekten kuschen, um kein Sand im Getriebe der Baudurchführung zu bekommen.

Das schroffe Aufsteigen der Fensterreihen hinter dem Garten der Kanzlerin demonstriert genauso wie die vieltausendfenstrige Festung, die sich der BND nach den Plänen von Jan Kleihues an der Chausseestraße errichtet hat, ein in der Demokratie fatales Behördenselbstbewusstsein: Wir herrschen, egal wer gerade regiert. Und wir haben diese Macht, weil wir nicht erkennbar sind.

Es ist eine Männer-in-Grau-Architektur. Diese Bauten leben vom Wahn, dass alles ohne Verantwortung kontrollierbar und planbar ist.

Beim BND hat das seinen Sinn: 14.000 Fenster sind 14.000 potenzielle Spitzel, die dich beobachten.

Und alles immer mit Bezug auf Schinkel. Der musste schon vor gut hundert Jahren für die Begründung der größten Mietskasernenstadt der Welt herhalten. Selbstredend, dass Schinkel von heutigen Reaktionären in Beschlag genommen wird, so wie die NPD sich auf das Hambacher Fest beruft. Es ist geschichtswissenschaftlicher Nonsens, prüft man Schinkel in seiner Zeit und schaut sich außerdem in Planung gebliebenes an, beispielsweise sein Kaufhaus Unter den Linden. Schinkel wollte nie zurück, immer nach vorn. Wenn heute Stimmann, Jan Kleihues, Dudler und andere Kameraden der Berliner Szene sich auf Schinkel berufen, ist das Geschichtsklitterung. Das rechte Bürgertum ist, analog zum Kapitalismus, auf Klitterung angewiesen, weil solche Leute noch nie etwas Eigenständiges hervorgebracht haben. Kapitalisten leben ideengeschichtlich wie auch Tag für Tag vom Klauen; ihre Architekten machens genauso.

Es ist der Traum von der europäischen Stadt, der da weitergeträumt wird, allerdings auf Walt-Disney-Level. Wir wollen Bürgersteige und irgendwie bürgerliche Viertel mit kleinen Läden, mit menschlichem Maß, mit Stein etc. Dumm nur, dass diese Stadt nicht mehr existiert. Man kauft bei Amazon und Zalando und fordert nach jeder neuen Bestellung noch zwanghafter weiter den architektonischen Schritt zurück, ins vorvermassierte Zeitalter. Nach 45 gaben Leute wie Schwarz, Böhm, Eiermann oder Ruf den Ton an: leicht, filigran, verletzlich, schwebend, die aktuellen technischen Neuerungen nutzend. Das NS-Geprotze war verpönt, doch die Zeiten heute sind andere. Zurück zur deutschen Normalität. Architekten mit Vorhaben wie Ruf sind in Berlin des Jahren 2015 chancenlos. Stadthäuser müssen wie SUVs aussehen.

Es gibt architektonische Ausnahmen in Berlin, das kann man fairerweise dazusagen. Bernau nennt das Total-Hochhaus am Hauptbahnhof, völlig zu Recht. Dazu viele kleine Büros mit mutigen Bauherrn.

Bernau empfiehlt den Berlinern unter anderem einen Blick auf Brüssel und Amsterdam. In Amsterdam werden ganze Wohnviertel mit einer progressiven Architektur hochgezogen, an die man in der Reichshauptstadt nicht einmal denken kann.

Damit soll nichts gegen Reihung, gegen Serialität oder gegen Monotonie gesagt sein. Es geht nicht um Hundertwasser. Es gibt bekanntlich kaum Anregenderes als eine große Sichtbetonwand. Es geht, wie immer im Kreativen, ums Konzept. Im konkreten Fall ist die Serialität schon dann gescheitert, wenn sie mit polierten Granitplatten mit hohlen Fugen verbunden ist. Aus dieser Perspektive muss man den BND-Kleihues sogar ein bisschen verteidigen. Die Oberflächenstruktur ist nicht billig. Es ist die Billigkeit seines Konzepts. Vier Sichtbetonwände mit jeweils 300 Metern Länge wären interessanter geworden.

Andererseits ist alles in Ordnung: Deutschland als reaktionäres und naturgemäß sozialdarwinistisches Land leistet sich die entsprechende Architektur. Eigentlich konsequent.

(Foto: Max Dudler)

Neues zum rechtesten Kulturprojekt Deutschlands und der ganzen Welt

Moritz Müller-Wirth nennt den Wiederaufbau des Berliner Schlosses (demnächst ist Richtfest) in der Zeit (26. Februar, S. 41)

“das anspruchsvollste kulturpolitische Projekt der kommenden Jahre in Deutschland, viele sagen: in Europa, manche sagen: weltweit.”

Genau. Heute Deutschland und morgen die ganze Welt. Drunter läuft es hierzulande nicht. Aber bitte anspruchsvoll! Journalistisch ganz toll ausgefeilt ist dieses “viele sagen”. Ich dachte bislang, sowas Abgedroschenes wird nur noch satirisch benutzt. Und da ein neues Schloss im Jahr 2015 eine doch eher peinliche Angelegenheit ist, nennt man den Kasten offiziell “Humboldt-Forum”.

Man bekommt am Ende des Zeit-Artikels über das Humboldt-Forum die nicht unwesentliche Information:

“Es gibt bislang weder ein Konzept für das Projekt noch jemanden, der es umsetzen könnte.”

So ist es. Es wird seit Jahren geplappert: Vielleicht ein Museum aus dem Südwesten Berlins in die Schlosshülle holen, vielleicht eine Bibliothek, vielleicht den Hauptsitz des Goethe-Instituts, vielleicht ein Veranstaltungszentrum, trendy Agora genannt, vielleicht, vielleicht. Klar ist, dass diese neuen Räume niemand braucht, es geht nur um Verlegung. Und wenn man sich die finanzielle Ausstattung der Berliner Bibliotheken anschaut (Öffnungszeiten im Sommer oft nur ein paar Stunden die Woche wegen Geldmangels), wird deutlich, dass solche Projekte reine Augenwischerei sind.

Eine Absurdität findet also kaum Beachtung: Das Schloss wird schon gebaut, aber die Nutzung ist offen. Ohne ein klares Nutzungskonzept kann die Architektur, die Grundrisskonzeption, nicht adäquat geplant werden. Man stelle sich vor: Wir bauen irgendeinen Kasten auf die Wiese und entscheiden danach, ob ein Krankenhaus, ein Einkaufszentrum oder 1.000 Wohnungen reinkommen. Nicht denkbar, beim Schloss aber machen wir eine Ausnahme.

Die einzige Legitimation, die ein zu bauendes Schloss hat, ist ein Monarch. Traut sich nur niemand zu sagen. Noch.

Dazu kommt: Es gibt in Berlin das Haus der Kulturen der Welt, das die Funktion eines interkulturellen Dialogs seit den 1980er Jahren mit vielen interessanten Veranstaltungen erfüllt, zudem in anspruchsvoller, angenehmer und zeitgenössischer Architektur. Dieser Dialog wird nun in eine diktatorisch-absolutistische Form gegossen.

Eigentlich ehrlich: Man weiß, wohin die Reise gehen soll.

Das Berliner Schloss ist das politisch rechteste Architekturprojekt in Deutschland (viele sagen: in Europa, manche sagen: weltweit): Man will Eindruck schinden, indem man Wilhelm II. hervorkramt und will ausgerechnet in diesem Bau, der auch für deutschen Kolonialismus steht, ein “Völkerkundemuseum” einrichten mit haufenweise den Völkern geklauten Exponaten. Die Deutschen weigern sich gleichzeitig, den Völkermord an den Herero anzuerkennen, weil das teuer werden könnte. Die deutsche Wirtschaft hat gleichzeitig nichts gegen den laufenden Neokolonialismus, indem subventionierte EU-Lebensmittel afrikanische Märkte überschwemmen und die lokale Produktion vernichten, um nur ein Beispiel zu nennen.

Ganz vorne dabei beim Schloss-Hype: Außenminister und Folterexperte Steinmeier.

Diese Idee ist auch Ausdruck der derzeitigen Verfasstheit dieser Gesellschaft: juristisch nicht greifbare Korruption. Konkrete Gebäudeplanung, ohne die Nutzung zu kennen, auf kolonialer Basis.

Möglich, dass hier ein zweites BER entsteht. Die Voraussetzungen dafür sind teilweise erfüllt: eine korrupte politische Klasse samt eines Journalisten, der sich zu ihrem Büttel macht.

So sehen Scheißerchen aus

Ein schnelles  Portrait, stellvertretend für deutsche Befindlichkeiten:

Der Sachse und No Name Alex Schöne ist eine prima Möglichkeit, die Verfasstheit von bürgerlichen Nazis zu verstehen. Sein aktueller Kommentar auf der Facebook-Seite von Pegida zu Flüchtlingen:

Willkommen Ihr Fachkräfte,Ärzte,Ingenieure …für Euch räumen wir nicht nur Turnhallen!!in Zukunft werden wir auch gern Kindergärten und Schulen frei machen…Wir verzichten gern auf unsere kulturellen Werte,auf unsere Kultur auf unsere Tradition

Das an sich wäre keine Meldung wert, sowas wird dort im Sekundentakt geschrieben. Auch der Eindruck, dass die Beherrschung der muttersprachlichen Zeichensetzung nicht zu den kulturellen Werten gehört, drängt sich dem Betrachter dieses Milieus häufig auf. Interessant ist vielmehr der Hintergrund, den Herr Schöne bereitwillig der Öffentlichkeit präsentiert.

Den Einträgen seiner Facebook-Seite der vergangenen Wochen entnimmt man:

Wenn die Burka erlaubt ist, kommt er mit der Ku-Klux-Klan-Kostümierung (“Sachsen wehrt sich”). Der Orient gefällt ihm, wenn er mit der Aida hinschippert. Er geht gerne essen und findet jedes Restaurant “lecker” und sonst nichts. Außerdem hat Herr Schöne sich ein “Baby” bestellt: einen Audi Q7. Sein Kommentar: “Endlich mal wieder Gas geben.”

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Er wohnt in einem Fertighaus in einer Mischung aus toskanischer Villa und Bauhaus, rein formal. Dazu perfekt geschnittene Zierpflanzen, symmetrisch angeordnet. Er hat sich völlig entäußerlicht eingerichtet. Das Haus und die Bäumchen sollen ihn wohl als modern und erfolgreich präsentieren, aber er checkt vermutlich hin und wieder selbst, was für ein entfremdetes Scheißerchen er ist. Seine kulturellen Werte, seine Kultur und seine Tradition sind Rassismus, Neureichenästhetik und Q7, mit dem er Flüchtlinge von der Straße schubsen kann. Man muss sich ja wehren. Ein weiterer Vorteil seines großen Autos: Er kann beim Fahren die Ku-Klux-Klan-Kapuze aufbehalten.

So sieht er aus, der gebeutelte arme Hartz-IV-Ossi, der in seiner Not bei Pegida mitrennt.

Danke für den Anschauungsunterricht.

Wann ist ein Kommunist ein Kommunist?

Waren Stalin und Pol Pot Kommunisten? Waren die Deutschen Christen Christen? War Filbinger ein christlicher Demokrat? Ist jemand, der die Grundrechenarten beherrscht – und sonst nichts – ein Mathematiker?

Darüber habe ich vor ein paar Tagen kurz auf Facebook diskutiert. Ich würde die These in den Raum stellen, dass es einerseits eine vernünftige Definition von Begriffen braucht. Der Mathematiker wäre wohl keiner, weil die Grundrechenarten alleine ihn nicht zum Tragen dieses informellen Titels berechtigen, auch wenn er ihn trägt. Beim Kommunismus würde ich das ähnlich sehen. Wo ist die Kommunismusdefinition, die Stalin als einen solchen ausweist?

Andererseits geht es um Wirkungsmacht. Stalin, Pol Pot und andere haben angerichtet, was sie angerichtet haben. Sie hatten die ganz reale Macht, Marx und andere in ihre Dienste zu stellen. Insofern ist zu fragen, wie es dazu kommen konnte. Eine Frage, der viele Linke gerne ausweichen und damit das Grauen erneut ermöglichen. Es beginnt schon bei solch diktaturaffinen Grüppchen wie Cuba-Sí von der Linkspartei. Ganz zu schweigen von den Querfrontdeppen dort. Und ganz aktuell die Beschwichtigung deutscher Linker in Sachen griechischer Querfront. Alles halb so wild, solange nur etwas passiert.

Vielleicht geht darum, dass die Aussicht auf das Paradies den Menschen zum Schlächter macht. Es geschieht dann ja alles im guten Namen, sei es Gott, Allah, Marktwirtschaft oder Kommunismus.

Aber soll man deswegen den Fortschritt auf Eis legen? Es kann meines Erachtens nur um Selbstreflexion gehen. Die Dialektik der Aufklärung verinnerlichen und immer wieder auf die Bremse treten. Und wissen, wann man Gas geben sollte. Wobei viel Gas nur mit einem zittrigen Fuß gestattet ist – und einem Copiloten, der das Bremspedal bedient.

Schnell hingerotzt, vielleicht ergibt sich ja die bei facebook gewünschte Diskussion.

Kurze Betrachtung über zwei ganz normale Deutsche

Zwei Leserbriefe aus der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Jahr (Datum leider nicht notiert) zu einem Artikel des Historikers Hans-Ulrich Wehler (damals noch lebendig) über die zunehmende soziale Spreizung in Deutschland und die wachsenden Einkommensunterschiede.

Der erste Leserbrief:

“In jüngster Zeit häufen sich derartige tendenziöse, von nur wenig Kenntnis der Praxis getrübte Texte wie jener von Hans-Ulrich Wehler… Es untergräbt eine Leistungsgesellschaft, von der wir schließlich alle leben, wenn den Bürgern ein Großteil ihrer Lebensleistung wegbesteuert wird, sei es zu Lebzeiten oder den Erben, regelmäßig den Kindern, denen nach diesem Vorschlag bis zu 50 Prozent (!) weggenommen werden sollen… Wie lange lässt sich der überwiegende Teil der Gesellschaft noch solche Neid- und Hasstiraden gefallen.”

Professor Karl Winkler, München

Der zweite Leserbrief:

1:200 Na und! Das ist eine beliebige Zahl. Tarifautonomie und Vertragsautonomie sind Kennzeichen eines freien Landes. Dringt der Gesetzgeber regulierend dazwischen, wird das Tor auch zu noch anderen Regulierungen zwischen den Menschen geöffnet.”

Dr. Martin Wöhrle, Stuttgart

Ein Professor und ein Doktor reden Klartext, wie man sagt. Wöhrle ist Chef eines Hotels in Stuttgart, Winkler ist Honorarprofessor an der juristischen Fakultät der Uni München. Zwei ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft. Die drücken sich nicht so pöbelhaft aus wie das Pegidavolk, sind aber noch sozialdarwinistischer.

Wobei man untersuchen könnte, inwieweit der Wirtschaftsteil der Süddeutschen solche Haltungen hervorbringt bzw. unterstützt.

Ganz normale Deutsche und eine ganz normale deutsche Zeitung.

Von wüsten Komikern und Belastbarkeitsgrenzen

Ein neuer Komiker strahlt am Expertenhimmel: Clemens Fuest heißt er, Volkswirt ist er. Die taz hat ihn interviewt:

taz: Die neue griechische Regierung hat die Privatisierung des Hafens von Piräus gestoppt. Nachvollziehbar: Warum soll man Anlagen verkaufen, die Jahr für Jahr Gewinne für den Staat erwirtschaften können?

Clemens Fuest: Die umgekehrte Frage muss man stellen – warum erscheint es notwendig, dass der Staat Hafenanlagen betreibt?

Geilomat. Der mit 170 Prozent des BIP verschuldete griechische Staat macht mit dem Hafen jedes Jahr Gewinn und der Experte will das verhindern. Lieber die Frage anders stellen. Fuest lockt mit der einmaligen Verbuchung des Kaufpreises, danach kommt das dauerhafte Einnahmeminus.

Außerdem findet er die angekündigte Erhöhung des griechischen Mindestlohns – derzeit 3,35 Euro die Stunde – “unverständlich”. Seine Sicht ist verständlich: Mit monatlich 550 Euro brutto (Syriza will 750 Euro) kann man auch in Griechenland kaum überleben und angesichts der hohen Arbeitslosigkeit ist nur ein toter Grieche ein guter Grieche. Rein volkswirtschaftlich natürlich.

Fuest, 1968 geboren, ist Chef des Mannheimer “Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung”, das zu 53 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert wird. Die Drittmittel kommen vom Kapital und der Europäischen Kommission, also zu 100 Prozent von uns allen. Damit fördert er eine Politik für schätzungsweise zehn Prozent. Auf seinem Portraitfoto auf der Website des Zentrums sieht Fuest aus wie jemand, den man einen coolen Hund nennt. Vielleicht ist er ja wirklich ein Komiker.

Warum erscheint es notwendig, dass Staat und Gesellschaft ein sozialdarwinistisches Institut betreiben?

Vermutlich muss ich laut Fuest die Frage umgekehrt stellen.

Der wueste Fuest ist

  • Mitglied bei der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
  • im Wirtschaftsrat der CDU
  • im wissenschaftlichen Beirat von Ernst & Young
  • Mitglied der Stiftung Marktwirtschaft
  • Mitglied am Center for Economic Studies der Uni München, das mit dem neoliberalen ifo-Institut kooperiert
  • und, Achtung, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums.

Nebenbei ist er noch VWL-Professor an der Uni Mannheim.

Ein Lobbyist des Kapitals, der aus staatlichen Töpfen sicher fürstlich bezahlt wird, um den Staat den Bedürfnissen des Kapitals anzupassen, um den Staat zu plündern. Es ist ein zweckrationaler Sachverstand, der standardmäßig auf Bild-Niveau argumentiert, nicht nur in Sachen Griechenland:

“Also dieses alte Motto ‘Die Reichen sollen mal zahlen’ funktioniert deshalb nicht, weil es so viele Reiche nun auch wieder nicht gibt”

Der deutsche Kleinbürger stimmt zu. Hat Herr Fuest eigentlich schon bei Pegida gesprochen? Herr Bachmann sollte ihn schleunigst einladen. Die Fuests dieses Landes bringen Bachmann Zulauf.

Ich stelle mir vor, wie Fuest von einer Beiratssitzung zur nächsten rennt und ähnlich skurrile Aussagen macht wie in der taz und im Deutschlandradio. Und an der Uni sitzen vor ihm 19-jährige Erstsemester und schreiben das alles mit. Irgendwann forscht er sicher noch.

Dieses Denken bringt solche Zeitungsartikel hervor:

Die Berliner Zeitung (das hätte in jeder anderen bürgerlichen Zeitung stehen können) räsonnierte vergangenen Donnerstag über die “Grenzen der Belastbarkeit” bei den Mieten in Berlin. Im “unteren Segment” sei der Mietzins im letzten Jahr um durchschnittlich 8,6 Prozent gestiegen. Diese Mieter waren bislang offenbar nicht genug belastet. Jetzt vielleicht? Wir müssen noch ausloten und melden uns nächstes Jahr wieder.

Wohnen wäre in einem zivilisierten und nicht barbarischen – also fuestfreien – Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ein Bedürfnis, das möglichst günstig, möglichst sozial, möglichst ökologisch und generell möglichst nach den Bedürfnissen der Bewohner ausgestaltet würde und keine Frage von finanziellen Belastbarkeitsgrenzen der Mieter. Undenkbar im Kapitalismus. Da testen wir nämlich, wie lange ein Bewohner sich gängeln und ausbeuten lässt, wie lange er bereit ist, Melkkuh für die Renditemaschine zu spielen. Und wo der Grenzpunkt liegt, an dem er vom Balkon springt. Das wäre blöd, weil er dann keine Miete mehr zahlt.

Die Berliner Zeitung spricht von “Preisdruck”, ein schönes Wort. Wer drückt? Der Markt vermutlich, denn dann kann man niemanden verantwortlich machen.

It´s the nature, stupid.

041 (2)(Foto: genova 2015)

Antisemitismus: Elsässer, Jebsen und Müller in guter Gesellschaft

Der Tagesspiegel über eine aktuelle Studie zum Israel-Bild der Deutschen, bezeichnenderweise am 27. Januar veröffentlicht:

Auch der Antisemitismus mit Bezug zu Israel scheint zu wachsen. Während 2007 rund 30 Prozent der Deutschen die israelische Politik gegenüber den Palästinensern mit dem Nationalsozialismus gleichsetzten, waren es zuletzt bereits 35 Prozent.

35 Prozent Vollidioten. Kaum zu glauben, aber offenbar wahr.

Strategisch ist es nachzuvollziehen, dass Antisemiten wie Ken Jebsen, Jürgen Elsässer oder Albrecht Müller sich das Geschäft nicht entgehen lassen. Vermutlich fordern diese Kameraden auch den berühmten Schlussstrich, wie 60 Prozent ihrer Landsleute. Naheliegend, dann lässt es sich noch unbeschwerter hetzen.

Da diese Leute auch gerne Verschwörungstheorien aushecken, biete ich vorsorglich eine an:

Die Studie ist von der Bertelsmann-Stiftung, die ist in der Hand der Amis aka Juden und die wollen uns nur ein schlechtes Gewissen machen und unterstellen uns aufrechten Deutschen deshalb Antisemitismus, auf dass wir noch lange für gewisse Fehlleistungen unserer Vorväter zahlen müssen. Das Volk (99 Prozent) ist immer Opfer, meistens das der Juden (ein Prozent). Mahlzeit (CC 3.0).

084 (2)(Foto: genova 2014)

Leipzig oder: Wenn der Führer zum Volk spricht

Schöner Anschauungsunterricht für Soziologie-Studenten im Grundstudium: Der erste Redner, offenbar ein Rechter aus Frankreich, stellt bei der Legida-Demo vom 12. Januar in Leipzig die richtigen Fragen:

“Das Volk zu sein bedeutet, eine Geschichte zu haben. Habt ihr eine Geschichte? Habt ihr ein Erbe? Habt ihr Werte, die ihr weitertragen wollt? Habt ihr eine Kultur?”

Die Fragen werden vom Volk naturgemäß johlend bejaht. Und daraus schließt der Führer:

“Wir sind das Abendland! Wir sind wir selbst! Wir unterwerfen uns nicht!

Das Volk schreit: “Niemals!”, x-fach wiederholt.

Ganz hervorragend. Der Führer weiß, worauf es ankommt. Und das Volk weiß, was es gerne hätte und bejaht.

Mich würde interessieren, ob diesen Kameraden nicht doch im Hinterstübchen dämmert, dass sie weder Geschichte noch Erbe noch Kultur haben – zumindest nicht die, die sie gerne hätten, sondern nur eine entäußerlichte – und dass sie genau deshalb Nazis hinterherrennen und Fremdes anfeinden. Diese Leute haben keinerlei kulturelles Fundament, entsorgt von NSdAP und SED und später von der Bundesrepublik. Der Führer spricht exakt die Probleme an, die diese Leute haben: Sie sind nicht sie selbst, sondern Gebeutelte. Oder sollte man das Thema via Psychoanalyse erklären? Narzissten und Borderliner?

Man könnte argumentieren, dass die Gidaler sich der Logik des neoliberalen Leistungssubjekts verweigern, das darauf aus ist, die Gründe seines Unwohlseins, seiner Angst bei sich selbst zu suchen statt in gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhängen und dann sich selbst zu bestrafen. Die Gidaler sind die, die mit ihrer Angst am wenigstens produktiv umgehen können und deshalb am ehesten geneigt sind, Sündenböcke zu konstruieren, weil Selbstbestrafung ab einem gewissen Umfang in den Tod führt. Wer will das schon? Neoliberalismus verlangt deshalb geradezu nach einem externen Feind. Und da ökonomische Zusammenhänge kompliziert sind und so schlecht zum Feindbild taugen, wird etwas anderes zusammengebraut.

Die Gidas sind nur vor ihrem Führer nicht einsam, nur dort existieren sie überhaupt. Deshalb müssen die da hin.

Nach dem Franzosen redet der Chef der Legida, ein Militaria-Händler, dessen Stil von Hitler nicht weit entfernt ist. “Bringt euren Kindern Werte bei!” Die Masse jubelt. Die Kinder schweigen.

Die Werte, die sie weitertragen könnten, wären Helene Fischer, Freiwild und löslicher Espresso. In dieser Praxis spürt man die Schalheit, die Lüge, deshalb das Bedürfnis nach dem Feind. Der Fischer- und Freiwild-Praxis ist die Lüge inhärent, die ist spürbar, aber von diesen Leuten nicht exakt zu analysieren. Vielleicht gibt es deshalb das Ausweichen auf die “Lügenpresse”. Den Fischer-Fans ist der Rechtsradikalismus vermutlich genauso eingewoben wie den Anhängern der Dresdner Disney-Altstadt. Wer letzteres gut findet, muss sich ja irgendwie entlasten oder in die Elbe springen.

Auf den Espresso, der ihnen von den Wessis empfohlen wurde als nötiges Distinktionsobjekt, könnten sie verzichten, wenn sie selbstbewusst wären. Sind sie aber nicht, deshalb bieten sie ihn an, aber leider als löslichen und schon geht der Distinktionsmechanismus in die Hose, verkehrt sich ins Gegenteil. Schon wieder ein Eigentor. Es ist alles so kompliziert im Kapitalismus.

Apropos Werte: Lutz Bachmann schrieb auf twitter:

“Tanzt Ihr Nutten, der König hat Laune!”

Der König ist er. Wenn gerade keine Ausländer da sind, werden halt Frauen zu Nutten. Irgendwen findet man immer, wenn man will. So viel zu den Werten.

Der Führer in Leipzig hätte nur fragen müssen, um welche Geschichte und welche Werte es sich handelt, dann wäre der Ofen schon aus gewesen. Es ist der für die Medien aufbereitete Duktus von Bachmann, wenn der von Dreckszeug und ähnlichem redet.

Was würde hier eigentlich abgehen, wenn wir ökonomische Verhältnisse wie in Spanien oder Portugal hätten?

Mit der AfD haben die Gidas eine Partei,  die sich immer offener zu denen bekennt, die einen neuen Hitler wollen. Proto-Nazis wie Alexander Gauland – der keine Nazis sieht, selbst wenn sie vor ihm stehen – versuchen, eine Koalition aus sogenannten Bürgerlichen und Nazis zu installieren. Gauland zeigt, ähnlich wie sein Freund Elsässer, dass es nur ein kleiner Schritt ist vom schicken Tweed-Sakko zur Kollaboration mit Faschisten. Elsässer wollte kürzlich ja ganz offen die Hogesa-Leute als seine SA installieren, die dem Begriff der sozialen Geographie eine erweiterte Bedeutung gäbe. Sie ziehen noch nicht so richtig mit.

Wobei man nicht unbedingt die AfD braucht. Die sächsische CDU, die sich in den vergangenen 25 Jahren schon häufig schwer tat mit der Abgrenzung zu Nazis, bemüht sich derzeit, die Pegidas bei der Stange zu halten. Der Ministerpräsident Tillich meinte vorgestern, Muslime seien willkommen, doch:

“Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört.”

Muslime sind also willkommen, wenn sie keine sind. Auch solche Verrenkungen dienen dazu, Nazis ins bürgerliche Lager zu holen. Mit diesen Leuten reden und sie entlarven ist etwas anderes. Da würde der Hinweis auf die 0,2 Prozent Muslimenanteil reichen.

Perfide auch, wenn Tillich behauptet, Muslime würden sich nicht vom Terror distanzieren:

“Die muslimischen Verbände könnten den Menschen diese Ängste nehmen, wenn sie klar formulieren, dass es sich um einen Missbrauch ihrer Religion handelt”, sagte Tillich. Dies wäre “ein überzeugender Beitrag, die Ängste in diesem Land zu reduzieren”.

Man kann davon ausgehen, dass Tillich die zahllosen Distanzierungen mitbekommen hat. Dennoch sagt er im Umkehrschluss, dass die Verbände den Terror unterstützen. So einen nennt man Brandstifter. Fehlt nur noch das Tweed-Sakko.

Udo Ulfkotte übersetzte den Tillich-Satz bei einer Pegida-Demo kürzlich, indem er als Beleg für die Islamisierung islamische Friedhöfe anführte. Frenetische Zustimmung im Publikum. Wer sich ohne Sarg beerdigen lässt, ist eine Bedrohung.

Ein wenig verwunderlich ist die Waschlappenhaftigkeit der Gidas: Sie fühlen sich alle naselang von irgendwem bedroht und müssen ständig betonen, dass sie alle sind, das Volk, bis auf die Volksverräter natürlich. Sie vertrauen nicht sich selbst, sondern brauchen eine Konstruktion dahinter, die allerdings nicht aus mehr oder weniger humanitären Werten gebastelt ist, sondern aus Abgründen ihres Innern.

Keine richtigen Männer, die Nazis, die sie doch so gerne wären.

Man kann es wohl so klar sagen: Diese Leute, 6.000 oder 12.000 an der Zahl plus die 20.000 in Dresden plusplusplus sind eine Gemengelage, die das ungefähre Ziel hat, einen neuen Hitler zu installieren, einen ohne Russlandfeldzug. Einen, der aufräumt. Es ist die Saat, die seit vielen Jahren im Internet gedeiht. Die gewollte Dummheit, das demonstrative Befreien von jedem intellektuellen Anspruch, um seinen Hass ohne Hemmung ausleben zu können, die komplette Verrohung, die man schon an den Stimmen erkennt, muss damals ähnlich gewesen sein.

P.S.: Die Pediga-Chefin Oertel bot kürzlich bei einer Kundgebung einen aufschlussreichen Einblick in ihre verkorkste Gefühlswelt: Sie zeigte sich bitter enttäuscht darüber, dass der Schlagerstar Roland Kaiser sich gegen Pegida ausgesprochen hat. Der stern zitiert sie: “Wir hätten mehr Rückgrat von Ihnen erwartet. Viele Pegida-Anhänger haben Karten für Ihre Konzerte gekauft. Da hätten Sie etwas mehr Neutralität uns gegenüber zeigen können. Nie sind Sie auf uns zugekommen, um mit uns zu reden. Wir sind zu Ihnen gekommen.”

So funktioniert die Gefühlswelt eines entfremdeten und zweckrationalen Menschen, der sich unbestimmt selber scheiße findet. Sie argumentiert vordergründig monetär und schließt absurderweise, dass die Fans mit dem Kauf einer Eintrittskarte für ein Konzert über die politische Meinung des Bezahlten bestimmen dürfen, meint aber, dass Kaiser auf ihrer Seite stehen muss, weil er ihr mit seiner Musik schöne Gefühle macht. Entpuppen die sich als Geschäft, ist sie frustriert, die Oertel. Und sie beschwert sich wie ein Kind, dass sie zuwenig Aufmerksamkeit bekommt.

Schrei nach Liebe nannten die Ärzte dieses Phänomen.

Wie gesagt, diese Leute haben keinerlei Kultur. Jetzt nicht mal mehr Roland Kaiser. Eigentlich tragisch. Genau deshalb sollte man mit ihnen reden.

030(Foto: genova 2014)

Neues zum Untergang des Abendlandes

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