Kabelwerk Wien: Wie man gut und günstig wohnen kann

Ein neuer Stadtteil in Wien, außerhalb des Zentrums, gebaut vor rund zehn bis 15 Jahren auf dem Gelände einer ehemaligen Kabelfabrik, die 1996 schloss. Danach wurde der Bereich kulturell zwischengenutzt, wenig später begannen nach einem breit angelegten Bürgerbeteiligungsverfahren die Bauarbeiten. Heraus kam dieses ziemlich verdichtete Viertel, entwickelt von mehreren Architekturbüros, mit völlig verschiedenen Gebäudehöhen und -volumen, -typen und -anmutungen. Maghreb-artige Kuben, konventionelle Wohnhochhäuser, Reihen- und Atriumhäuser, ein paar Ladenpassagen, Kindergarten, Schwimmbad, ein Kulturzentrum mit Theater. Heute wohnen hier 3.500 Menschen.

Ich weiß nach einem Kurzbesuch nicht, ob das Viertel funktioniert, aber es macht zumindest diesen Eindruck. Es herrscht eine relative Enge vor, Autos bleiben außen vor, keine Verkitschungen, keine Verhübschungen. Es bleibt der Eindruck der provozierten Heterogenität. Dazu kommen ein neu angelegter Park und der nahe U-Bahnhof.

Die Mieten sind für Berliner Verhältnisse unglaublich: Runde 7,60 Euro pro Quadratmeter inklusive der Betriebskosten, plus Gas und Strom. Außerdem zahlt man bei Einzug eine Einlage von 430 Euro pro qm, die man, wie bei einer Genossenschaft, beim Auszug zurückbekommt. Es gibt Einkommensobergrenzen für diese Wohnungen, die aber so hoch liegen, dass es offenbar nur darum geht, Millionäre rauszuhalten. Ein Einpersonenhaushalt beispielsweise darf ein Jahresnettogehalt von bis zu 44.700 Euro beziehen. Eine klassische Familie mit zwei Kindern kommt auf 84.130 Euro netto pro Jahr.

Dieses neue Viertel ist in Wien keine Seltenheit. Bewegt man sich außerhalb der Innenstadt, trifft man immer wieder auf solche Siedlungen, die in Berlin als Luxusneubauten durchgehen würden.

Es wäre ein weiteres Beispiel, das man in Berlin übernehmen könnte, wenn die Funktionselite dieser Stadt nicht komplett korrumpiert wäre. Das Verhältnis dieser Funktionselite zu Lebensnotwendigkeiten wie Wohnen ist ein außerordentlich und ganz und gar perverses. Lassen wir das.

(Fotos: genova 2014)

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4 Antworten zu Kabelwerk Wien: Wie man gut und günstig wohnen kann

  1. hANNES wURST schreibt:

    Provozierte Heterogenität? Was ist das denn für eine neue Schweinerei. Ein Sozialbauprojekt ist das aber auch nicht, wenn ich für 65qm knapp 30.000€ Einlage leisten muss (Wohnungsbaugenossenschaften nehmen so 1000-2000€). Sind das eher 10 oder eher 20% vom Verkehrswert? Steigt der Wert der Einlage mit dem Objektwert? Grundsätzlich finde ich den Ansatz mit Teilhabe nicht schlecht, aber es kommt auf die Konditionen im Detail an. Jedenfalls gut, dass sich die Stadt Wien meinen Vorschlag (https://exportabel.wordpress.com/2010/07/15/vom-saft-abstellen-und-platten-horen/) genau angesehen hat.

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  2. genova68 schreibt:

    Nein, es geht nicht um den Verkehrswert, weil der bei diesem Projekt überhaupt nicht existiert. Die Einlage ist hoch, aber angesichts der niedrigen Mieten verschmerzbar. Da könntest du sogar einen Kredit aufnehmen. Und du bekommst das Geld zurück, wenn du ausziehst. Dein Einlagenproblem ist kein wirkliches, vor allem, wenn man die Alternative sich anschaut: Dem Kapital sein Geld in den Rachen zu verfen.

    Ich wollte mit dem Artikel auch wieder einmal zeigen, wei scheiße Deutschland ist. Was mir erneut gelang.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    In diesem Punkt – dass Deutschland genauso scheiße ist wie alle, die darin leben – sind wir uns natürlich einig.

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  4. genova68 schreibt:

    Das freut mich sehr. Es ist immer gut, wenn man übers Selbstverständliche nicht noch streiten muss.

    Hier eine schöne Aktion:
    http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/berliner-peng-kollektiv-trollt-vermieter-die-geister-der-entmieteten-rufen-zurueck/20633090.html

    Das Künstlerkollektiv, wie man sagt, Peng, organisiert Widerstand gegen Terrorvermieter.

    Interessant sind die Reaktionen in den Kommentaren. Typisch deutsch halt:

    Tja, was soll man dazu sagen? Da stellt sich ein Verein mal wieder über das Gesetz.

    … bin ich mir nicht sicher, ob ich deswegen auch „Kunstaktionen“ wie die angekündigte gut finde. Gleiches mit Gleichem, Aug um Aug, Pranger und
    Rache, das Recht in die eigenen Hand nehmen. darüber sollten wir doch
    eigentlich hinaus sein.

    Der Deutsche klammert sich ans Gesetz, das in einer kapitalistischen Gesellschaft vor allem die Aufgabe hat, den Wert zu mehren. Politiker können noch so abgefuckt sein, aber der Deutsche braucht sein Gesetz. Das ist wahrscheinlich die deutsche Kultur, die er zu bewahren sucht. Das Gesetz kann sich objektiv gegen den Deutschen stellen, er wird erst etwas dagegen unternehmen, wenn ein Gesetz verabschiedet wurde, das ihm erlaubt, seine Interessen in die eigene Hand zu nehmen. Und von wegen Aug um Aug: Wäre das so, wären die Villenvororte längst geräumt.

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