Die üblichen Verbrechen

Götz Aly kritisiert erneut die Ausstellungspraxis des Berliner ethnologischen Museums, das nun bezeichnenderweise in der Schlossatrappe in Mitte untergekommen ist. Die Herkunft der Exponate, so sein Vorwurf, werde bewusst im Unklaren gelassen.

So schrieb er am 20. September in der FAZ:

Unter engagierter Mithilfe der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der die Berliner ethnologischen Sammlungen gehören, verhinderten fast alle Direktoren ähnlicher deutscher Sammlungen die Veröffentlichung ihrer Objektverzeichnisse.

Üblich sei das

Ausbremsen moderner Erfassungsmethoden […] (Es fallen) bei schon vorliegenden Objektbeschreibungen die häufig inhaltsleeren, irreführenden oder unwahren Angaben auf, mit denen die Staatlichen Museen das Publikum an der Nase herumführen.

Als Beispiel führt Aly 142 Museumsobjekte auf, deren Herkunft die Verantwortlichen derzeit bewusst verschleierten. Sie seien, so die offizielle Angabe, anlässlich einer „Expedition“ ins Deutsche Reich gekommen.

Aly beschreibt, wie es sich wirklich verhielt:

1899 war das Kanonenboot „Möwe“ bei der Insel Pak, die zu den Admiralitätsinseln gehörte, für eine Strafaktion unterwegs. Bei Ankunft des Schiffes flohen die Bewohner ins Inselinnere und

die deutschen Herren begingen ihre üblichen Verbrechen: Um „den Kanaken einen fühlbaren Denkzettel zu hinterlassen, wurden die Dörfer niedergebrannt“ und auf beiden Seiten der Insel „die Kanus zerstört“. Vorher wurden aber aus dem reichen Bestand der Eingeborenen besonders wertvolle Gegenstände zur Überweisung an das Museum für Völkerunde in Berlin in Sicherheit gebracht.

Die erwähnten 142 Objekte kommen laut Aly „mit allergrößter Wahrscheinlichkeit“ von dieser Expedition. Im Wording gibt man sich heute gerne konziliant, doch würde man zugeben, dass all die Objekte auf Raub und Mord gründen, könnte man den Schlosskasten vermutlich gleich wieder zumachen.

Es ist ein Beispiel von vielen. Wobei das Verhalten der beteiligten Museen und Siftungen und sonstigem Gedöns nur konsequent ist: Zum aufgebauten Schloss gehört Kolonialismus, gehören erschlagene Eingeborene und gestohlene Kunstwerke. Das Schloss steht in exakt dieser Tradition und es nähme nicht Wunder, würde ein Großteil der Schlossbewürworter immer noch so denken: Den Kanaken eine aufs Maul geben. Es ist aus der Sicht der Opfer der kolonialisierten Gebiete und ihrer Nachfahren auch ein pikantes Zeichen: Wir bauen das absolutistische Schloss wieder auf, um genau darin die gestohlenen Gegenstände auszustellen. Darauf muss man erstmal kommen. Statt die geklaute Hehlerware zurückzugeben, demütigt man die Ex-Besitzer.

Man sollte nicht vergessen, wer sich seinerzeit für die Schlossattrappe ausgesprochen hat: der unsägliche Wolfgang Thierse zum Beispiel, der schon immer zu allem eine Meinung hatte, und Karl Lammert, der heitere Ex-Bundestagspräsident. Die Allianz und die Deutsche Bank betonten ihre Unterstützung, Antje Vollmer war dabei und Gerhard Schröder, der damit „dem Volk eine Seele geben“ wollte. Bemerkenswert, was ein Arbeiterführer im Spätkapitalismus so alles zu plappern bereit ist.

Es ist der feuchte Traum der Reaktion. Das DDR-Außenministerium wurde vorsorglich schon 1995 gesprengt, der Palast der Republik war etwas später dran, die Mitte Berlins muss unbedingt Puppenstube werden. Wobei dieser Begriff verharmlost, denn das Schloss steht eben nicht für das Spielerische, sondern für Rassenwahn, Sozialdarwinismus und deutschen Untertanengeist. Und für Imperialismus mit neuen Vorzeichen: Heute erledigen wir das diskret ökonomisch.

Die Rechtsradikalen um die junge freiheit freuten sich seinerzeit am offensten über den neuen Hohenzollernkasten, monierten aber die Nutzung. Sie haben recht: Eine dauerhafte Propagandaschau über Proissens Glanz und Gloria wäre ehrlicher.

Ich vermute, man arbeitet daran.

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2 Antworten zu Die üblichen Verbrechen

  1. Jakobiner schreibt:

    Wäre mal interessant,wie wohl die deutsche Öffentlichkeit und Politik reagieren würde,wenn man in einem afrikanischen Museum einen Schrumpfkopf eines deutschen Häuptlings wie etwa Merkel ausstellen würde.Umgekehrt würde dies ja schon gemacht.

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  2. hANNES wURST schreibt:

    Lieber Herbert, ich schreibe Dir auf diesem Weg, weil Du unbekannt verzogen bist und auch nicht ans Telefon gehst. Den Kindern geht es gut. Aber Erna und ich hatten eine schwere Zeit. Du weißt ja, dass ich diese Erektionsstörung hatte. Der Urologe hat mich zum Kardiologen geschickt und als der nichts finden konnte sollte ich täglich Beckenbodenübungen machen und viele Radieschen essen. Es half natürlich alles nichts. Ich lief durch die Stadt und beäugte neidisch all diese – vermeintlich – potenten Männer, die am Abend ihre Frauen mit einem eisenharten Prachtständern beglücken, während die arme Erna die „Neue Revue“ liest. Es kam, wie es kommen musste, eines Abends komme ich von der Maloche und da liegt ein Zettel auf dem Küchentisch: „Es tut mir leid, Günther. Ich hoffe, es ist nicht zu hart für Dich.“ Ich war endgültig am Boden zerstört. Plötzlich hatte ich eine Idee: mein Onkel war bis ins späte Alter als Weiberheld bekannt, und als ich ihn fragte, was sein vitales Geheimnis sei, sagte er: „Donnerschdag Blotworscht un am Sonndag in die Kirch.“ Ich befolgte einfach sein Rezept und ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich für einen harten Ständer betetet, schließlich ging es um meine Erna! Als ich zwei Wochen später im Goldenen Kessel saß, um wie jeden Donnerstag meine Blutwurst zu verzehren, sah ich Erna im Jägerstübchen tief über ihr Bier gebeugt sitzen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und ging zu ihr. „Erna, ich habe das Geheimnis von Onkel Hans ergründet und fühle mich jetzt stark genug, Dein Mann zu sein.“ Sie stammelte: „Günther, aber was ist mit Deiner Potenz?“ Sie war wirklich schon ziemlich besoffen. „Ich habe gebetet, Erna!“ So ließ sie sich von mir überreden, das Ehebett aufzusuchen, aus dem ich erst einmal die Kinder herausschmeißen musste, die sich dort schon eingerichtet hatten und maulten, weil sie in ihr Zimmer geschickt wurden. Was soll ich Dir sagen, Herbert, vielleicht lag es nur daran, dass Erna so besoffen war, dauernd einnickte und keine Ansprüche stellte, vielleicht lag es aber auch an Blutwurst und Gebet, jedenfalls nahm ich die Erne heran wie eine Stute, oder besser gesagt wie eine Hengst, also ich war der Hengst und seitdem läuft es bei mir prächtig. Ich bin wieder wer! Und die Erna ist auch glücklich. Ein Lob auf den Onkel Hans, den alten Schwerenöter. Ich hoffe natürlich, es geht Dir auch gut. Man hört ja kaum noch von Dir aber das ist ja auch verständlich in den Wechseljahren. Ich würde mich freuen, wenn wir uns bald wieder treffen können, ganz egal ob bei Dir, bei mir, oder im Goldenen Kessel.

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