Daniel Libeskind und das „radikale Umdenken“ in Berlin

Der Architekt Daniel Libeskind fordert im Spiegel ein „radikales Umdenken“ im Wohnungsbau. Seine Sorge: Das Wohnen wird – auch in Berlin – unbezalbar. Im Interview ist er deutlich:

Libeskind: Ich bin gegen den Markt! Der Markt hat die Städte ruiniert. Er vertreibt willkürlich die Menschen aus der Stadt, die in der Stadt arbeiten, der Stadt dienen, sich die Stadt aber nicht mehr leisten können. Der Markt entrechtet die Bürger, die eigentlich in der Mitte der städtischen Gesellschaft stehen, die arbeitende Bevölkerung. Soziale Gerechtigkeit und Gleichheit sind nicht nur intellektuelle Ideen, sie müssen sich in der Art und Weise niederschlagen, wie Städte Bautätigkeit planen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Städte, die in den vergangenen Jahrzehnten ihren Charakter verändert haben?

Libeskind: Schauen Sie sich London an. Sie werden dort keine einzige Person mehr finden, die in der Innenstadt arbeitet und auch in der Innenstadt wohnt. Dort gibt es fast nur noch Oligarchen. New York wird immer mehr so. Die Menschen ziehen nach Brooklyn, Queens, New Jersey, um bezahlbaren Wohnraum zu finden. Wer kann sich Paris noch leisten? Niemand. Es ist eine Museumsstadt geworden.

Das ist alles sehr richtig analysiert. Der Haken bei der Sache: Libeskind macht bei der Gentrifzierung in Berlin aktiv mit und verdient vermutlich ziemlich gut daran. Sein jüngstes Projekt heißt Sapphire, ein dekonstruktivistischer Luxuswohnungsbau (Quadratmeterpreis bis 15.000 Euro) direkt gegenüber der neuen, milliardenteuren Zentrale des BND in Berlin-Mitte. Libeskind sorgt mit dem Bau für eine massive Gentrifizierung des kompletten Viertels – alleine schon wegen seines guten Namens.

Zu seinem Sapphire-Projekt sagt Libeskind:

„Es zählt seine Ganzheitlichkeit: das Licht des Saphirs und seine Weichheit zugleich. Aber ein Saphir ist auch rau, er ist hart, er ist beständig, er ist schroff, er ist in seiner Materialität widerstandsfähig. All das sind auch die Charakteristika der Berliner und von Berlin selbst“

Die Berliner sind zu schätzungsweise 95 Prozent finanziell nicht in der Lage, den Sapphir, der so gut zu ihnen passt, zu beziehen. Dazu kommt, dass Libeskind sein Gebäude von dem neoliberalen Stadtzerstörer Nikolaus Ziegert und seiner „Immobilienconsulting“ vermarkten lässt. Über Ziegerts Wirken wurde in diesem Blog schon hier , hier und hier berichtet. Libeskind redet von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit und kooperiert allen Ernstes mit Ziegert. So etwas nennt man wohl Heuchelei.

Vielleicht könnte man ganz altmodisch sagen, dass es der Anstand verbietet, mit einem Kameraden wie Ziegert zusammenzuarbeiten. Anstand als gesellschaftlicher Standard: Das tut man nicht, Punkt. Man haut nicht seinem U-Bahnsitznachbar aufs Maul und man kooperiert nicht mit Ziegert. Eigentlich Selbstverständlichkeiten. Aber mit dem gesellschaftlichen Anstand ist es in einer kapitalistischen Gesellschaft naturgemäß so eine Sache.

Ich werden morgen den ökologischen Verkehrsumbau fordern und dann mit dem Panzer zum einkaufen fahren.

An anderer Stelle redet Libeskind von dem tollen Licht, das in sein Gebäude fällt. Dumm nur, dass der Sapphire vermutlich in Teilen den größten Teil des Jahres leer stehen wird; es ist typische Investorenarchitektur, die gebaut wird, damit das Kapital dieser Welt etwas zum rentieren hat. Nicht, damit da jemand ernsthaft wohnt. Nicht einmal die von Libeskind erwähnten Oligarchen.

Auf seine Luxusinvestorenaffinität angesprochen, zieht sich Libeskind ziemlich dümmlich aus der Affäre:

Libeskind: Sehen Sie, ich bin Architekt. Ich habe nichts damit zu tun, was die Bauherren für das Gebäude verlangen. Ich erfülle lediglich ihre Kriterien von Architektur…

So ähnlich argumentiert jeder willfährige Gehilfe. Man muss Libeskind sein Verhalten als Architekt nicht unbedingt vorwerfen. Er macht rein architektonisch gute Sachen. Und er hat beim Jüdischen Museum und bei seinen Äußerungen zum Potsdamer Platz aus den 1990er Jahren Maßgebliches gebaut und gesagt. Aber er ist eben auch Teil des Problems, dessen Lösung er nun fordert. Er ist jemand, der vom Markt, der angeblich die Städte ruiniert, bestens profitiert.

Es ist darüber hinaus zwiespältig, wenn Libeskind betont, dass er in nicht-demokratischen Ländern keine Aufträge annimmt – Hoch lebe die Moral! -, aber via Sapphire maßgeblich zur sozialen Zerstörung eines Stadtviertels beiträgt. Ob die Stadtzerstörung diktatorisch oder neoliberal-kapitalistisch daherkommt: Pech und Schwefel, Pest und Colera, Merkel und Steinmeier.

Skurril schließlich, wenn Libeskind zwei Spiegel-Fragen später meint:

Gute Architektur muss nicht teuer sein. Das ist ein Mythos.

Man möchte ihm zurufen: Ja, dann mach doch mal, Alter! Ob man dekonstrukivistisch preiswerte Gebäude bauen kann, müsste wohl noch bewiesen werden. Die vielen Schrägen und Auskragungen sind statisch nun mal aufwändiger. Er würde jedenfalls bei jeder kommunalen Wohnungsbaugesellschaft und bei jeder Genossenschaft mit Kusshand genommen. Mit Honoraren wie beim Sapphire wäre es dann allerdings vorbei.

Libeskinds Meinung zum Berliner Stadtschloss ist – wie auch generell seine Architektur als solche -nicht zu bekritteln:

„Einen preußischen Prunkbau wiederzuerrichten und Disney-mäßige Möbel reinzustellen – eine Farce ist das.“

Stimmt. Was ist es aber, in ein altes Arbeiterviertel einen 15.000-Euro-pro-Quadratmeter-Kasten reinzustellen, der, schon aufgrund des Namens des Architekten, die Gegend komplett gentrifiziert? Und mit zusammen mit einem professionellen Stadt- und also Menschenzerstörer dafür PR zu machen?

Eine Farce ist dagegen harmlos.

P.S.: Es wäre ein eigenes Thema, sich die Architektur des Sapphires genauer anzuschauen. Die Loggien zumindest machen den Eindruck, als gehe es hier rein um die Fassade, die irgendeinem Konzept entsprechen musste:

Jeder Sozialwohnungsbau der Nachkriegszeit hat besser nutzbare Loggien oder Balkons. Es ist ein Phänomen, das man bei Berliner Investorenarchitektur oft beobachten kann: Der Gebrauchswert ist lächerlich, der Tauschwert um so höher. Man könnte einmal gesondert untersuchen, ob sich diese Beziehung bedingt.

(Fotos: genova 2016)

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6 Antworten zu Daniel Libeskind und das „radikale Umdenken“ in Berlin

  1. edda schreibt:

    danke
    Haben Sie dies gesehen? https://www.worldarchitecturefestival.com
    „The theme for this year’s festival talks programme is ‘Housing for Everyone’.“

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für den Link. Im Programm sehe ich allerdings nirgendwo das Thema der Ökonomie ernsthaft berücksichtigt. Also Bodenfrage und überhaupt die Notwendigkeit von Rentabilität beim Hausbau. Solange man den Markt nicht ausschaltet, ist das Thema nur halbherzig angegangen. Es wird dort über 0 Prozent energy nachgedacht, aber nicht über 0 Prozent profit. Sowas wie Genossenschaften kommt dort zumindest nicht als Leitgedanke vor.

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  3. Petra Ristow schreibt:

    Libeskind ist langweilig. Und teuer.
    http://www.leuphana.de/campus/entwicklung/online.html
    Und hat die Leuphana-Uni in Lüneburg in einen niedersächsischen BER-Skandal gestürzt.
    Als Hausfrau habe ich mich schon beim ersten Besuch der Jüdischen Museums gefragt, wer und wie da jemals die Fenster-Schißescharten geputzt werden sollen

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  4. genova68 schreibt:

    Zum Putzen sollte dir als Hausfrau aber etwas Sinnvolles einfallen, das ist dein Job.

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  5. philgeland schreibt:

    Also, wenn ich mir das Ding so anschaue … Es ähnelt doch verdammt dem Hauptsitz der brasilianischen Bundespolizei in São Paulo:

    http://www.panoramio.com/photo/7639496

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  6. genova68 schreibt:

    Naja, abgesehen vom Dekonstruktivismus.

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