Arno Brandlhuber und die freiwillige Erkenntnis des Kapitals

Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie, unter anderem von Arno Brandlhuber auf die Beine gestellt, beschäftigte sich mit Stadtarchitektur, Stadtpolitik, Stadtboden. Eine gute Idee, aber schon in der Einführung zeigen die Macher  – dazu gehört der Architekt Arno Brandlhuber, der eigentlich ziemlich gute Sachen baut und denkt -, dass sie etwas Grundsätzliches nicht verstanden haben. Sie fragen:

„Wie führen wir den städtischen Boden wieder einem gemeinschaftlichen Interesse zu, ohne das private Eigentum anzutasten?“

Thema verfehlt, setzen.

Von Belang ist das gemeinschaftliche Interesse, nicht das private Eigentum. Wenn letzteres hinderlich für ersteres ist, dann muss es infrage gestellt werden. Wenn Brandlhuber und Co. das auf keinen Fall wollen, sind sie Teil der neoliberalen Ideologie, ob sie das wollen oder nicht. Und es geht bei städtischem Boden nicht um selbstgenutzte Wohnungen, die in privatem Eigentum sind, sondern um das Privateigentum an Spekulationsmitteln.

Brandlhuber checkt das nicht und das scheint auch in dem dicken Katalog zur Ausstellung – der insgesamt sehr verdienstvoll und lesenswert ist – rüberzukommen. Neben vielen interessanten Beiträgen unterhält sich Brandlhuber allen Ernstes mit dem Immobilienspekulanten und Vorzeigegentrifizierer und also Stadt- und Menschenzerstörer Nikolaus Ziegert, der hier schon mehrfach gewürdigt wurde.

Um einen kleinen Eindruck zu bekommen:

Ziegert sucht jede Möglichkeit zu nutzen, Stadtviertel um Stadtviertel neoliberal umzubauen. Dieser Kamerad hat offensichtlich eine Stiftung gegründet. Das macht man so, wenn man viel Geld verdient hat, keine Steuern zahlen und außerdem sein Image aufpolieren will.

Was Ziegert im Gespräch mit Brandlhuber von sich gibt, ist Realsatire, orwellsches Geschwätz. Er hat Wohnungen im Angebot, die bei einer Miete von 20 Euro den Quadratmeter kalt beginnen bzw. für um die 8.000 Euro zu kaufen sind. Im Interview sagt er dann:

„Der Boden gehört allen. Es ist hart, dass ich das so sage, aber das sehe ich auch als einen Ansatz für Entwicklung“.

„Ansatz für Entwicklung“ klingt immer gut. Außerdem stimmt er der These zu, dass Wohnen keine Ware sei, will aber nicht, dass der Staat sich in diese Diskussion einmischt. Statt dessen brauchen wir

„einen offenen Diskurs quer durch alle Gesellschaftsschichten“.

Was man halt so sagt, wenn man trendy sein und nichts sagen will. Sein konketer Vorschlag:

„Die Wirtschaft muss hier selbst einen Erkenntnisschritt machen. Sie muss sagen, wir geben Teile ab und wir geben sie ab in gemeinnützige Stiftungen. Der Boden könnte freiwillig überführt werden. Freiwillig, aus Erkenntnis!“

Überflüssig zu sagen, dass es sich hier um Geplapper handelt. Es ist Teil der neoliberalen Ideologie, faktische Gegensätze zu verschleiern, irgendwas von Verantwortung zu erzählen und sich dieser zum Schein zu stellen. Es gibt in der offiziellen neoliberalen Ideologie keine Interessengegensätze, sondern wir sind alle Teil des Fortschritts. Man muss den imaginären Markt, der nicht existiert, nur machen lassen.

Vielleicht hat sich Brandlhuber mit dem Typen unterhalten, um ihn zu demaskieren. In einer Zeit, in der systemische Zusammenhänge ignoriert werden, ist das Interview allerdings Ausdruck von Postpolitik und Postideologie in seiner schlechtesten Form. Man will Zusammenhänge nicht mehr verstehen, weil man dann raus wäre aus dem tollen pluralistischen Dialog mit der ganzen Zivilgesellschaft, die Pluralismus so gerne simuliert. Man darf dann über alles diskutieren, aber auf keinen Fall die Verwertungslogik des Kapitals in Frage stellen. Es ist bezeichnend, dass Ziegert auf Erkenntnis und Freiwiligkeit des Kapitals baut. Es ist natürlich lächerlich.

Vor solchen Hintergründen sind pseudoaufgeklärte Gespräche zwischen einem Brandlhuber und einem freundlich lächelnden Sozialdarwinisten wie Ziegert eine Zumutung. Brandlhuber ist somit ein realer Erfüllungsgehilfe kapitalistischer Akkumulationslogik. Statt einen Ziegert zu kompromittieren, wird ihm dialogisch Ablass gewährt, damit er künftig seine Geschäfet noch ungehemmter fortführen kann.

In den Berliner Stadtumbauten in den 1980ern existierten von Spekulanten so eine Art Fahndungsfotos im Stil der BKA-Plakate mit den RAF-Leuten drauf. Die Spekulanten seinerzeit hatten dann vielleicht wirklich Probleme, sich in den Vierteln sehen zu lassen. Den Ziegerts von heute wird der sogenannte Dialog angeboten, das PR-Gespräch zur Selbstaufwertung. Üble Zeiten.

Postmoderne Vernebelung.

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2 Antworten zu Arno Brandlhuber und die freiwillige Erkenntnis des Kapitals

  1. besucher schreibt:

    Er erinnert optisch an diesen Kollegen hier:

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  2. genova68 schreibt:

    :-) Guter Vergleich.

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