Domenig in Ossiach: Dekonstruktivismus auf die Spitze getrieben

Kärnten ist unangehm. So der sofortige und unmittelbare Eindruck, wenn man an dieses österreichische Fleckerl Land denkt. An international bekannten Seen werden schlechte Vorabendserien gedreht und es gibt überall Kitsch und ein Faschist war dort Gott und Gott ist dort Kitsch. In Kärnten habe die Entnazifizierung nie stattgefunden, die meisten seien einfach in die Sozialdemokratische Partei gewechselt, schrieb der Spiegel vor zwei Jahren. Immerhin haben Rechtsradikale nur noch gut 20 Prozent statt vormals gut 40.

Wie Kärnten wirklich ist, weiß ich nicht, denn bei meinem letzten Österreichbesuch habe ich das Fleckerl naturgemäß in hohem Tempo durcheilt. Neben dem also durch und durch unsymphatischen Kärnten liegt die durch und durch sympathische Steiermark mit leeren Tälern und Hochburgen der Kommunistischen Partei. Dort lohnt das Aussteigen.

In Kärnten steigt man nur am Ossiacher See aus.

Dort baute Günther Domenig ab 1982 sein Steinhaus. Es sollte 31 Jahre dauern, bis es fertig war:

 

Ein großer und extrem zerklüfteter Kasten aus Beton, Stahl, Draht und Blech. Man kann das dekonstruktivistisch nennen. Ein großer Kubus wurde konsequent so beschnitten, dass nur noch das übrig bleibt, was man braucht. Es ist eine radikale und angenehme Form der Architektur, eine Außenseiterposition, die sich leider nie durchgesetzt hat. Der Besucher kommt nur langsam voran, will er die Eindrücke verarbeiten. Selbst nach drei Stunden hat man den Eindruck, einen nur unvollkommenenen Eindruck zu haben.

Das Raumgefühl ist ein betörendes. Mit jedem Schritt, sei er auch noch so klein, ändern sich die Perspektiven, die Aussichten, es ändert sich auch das Gleichgewichtsgefühl. Jeder Perspektive, jeder Schnitt, Das Vertraute aus heutiger Sicht sind die typisch dekonstruktiven Elemente, der Sichtbeton, der Stahl. Das wirkt heute nicht revolutionär, 1982 wohl schon noch. Ein Zeichen dafür, dass sich diese Materialität durchgesetzt hat.

Mir scheint diese Form der Beschneidung des Kubus authentisch, nicht aufgesetzt. Die Formen haben inhaltlichen Sinn. Großzügige Räume im Erdgeschoß, schmale Wege und Treppen weiter oben, wo man nicht mehr Platz braucht. So gesehen könnte man den Dekonstruktivismus als konsequente und radikale Weiterentwicklung strukturalistischer Architektur interpretieren. Nicht umsonst sieht man Gemeinsamkeiten zwischen Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus, wenn letzterer nicht gar einfach eine Untergruppe des ersteren darstellt. Es ist eine Innerlichkeit, die so deutlich sich artikuliert, dass sie radikal extrovertiert sich präsentiert. Domenig nannte den Bau „mein Körper, mein Fühlen, mein Denken“.

Vier Jahre brauchte Domenig, um die Baugenehmigung zu erhalten. Heute steht der Kasten unter Denkmalschutz. Vielleicht auch nur, weil er sich touristisch vermarkten lässt. Ein Fremdkörper in Kärnten.

Einzig das Schlafzimmer hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl. Will man dort nächtigen? Oder Sex betreiben? Da ich dort beides nicht praktiziert habe, enthalte ich mich eines Urteils. Andererseits: Gewohnt hat noch niemand dort. Es ist ein Veranstaltungshaus und vor allem eins, das man besichtigt. Wie gesagt, mindestens drei Stunden.

(Fotos: genova 2019)

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