Hergerichet, abgerichtet, hingerichtet: Unser Dorf soll hässlich werden

Dieter Wieland: Ein bayerischer Filmemacher, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feierte, wie man sagt. Er drehte in den 1970er Jahren eine Menge Filme fürs Bayrische Fernsehen mit solch aufmerksamkeitsfördernden Titeln wie „Unser Dorf soll hässlich werden“ oder „Grün kaputt“.

Diese Filme zu schauen, ist ungemein aufschlussreich. Zum einen, weil Wieland eine Sprache spricht, die es sonst nicht gibt:

„Begradigung, Bereinigung, Erschließung, Beschleunigung, Kanalisierung, Neuordnung, Verordnung, Verödung. Das Land wird hergerichtet, abgerichtet, hingerichtet. Am Ende bleibt nur das Korsett des öden Rasters, der Triumph des rechten Winkels, Serienlandschaft.“

Thomas Bernhard hatte sicher seine Freude an Wieland gehabt, mal abgesehen von der leicht weinerlichen Stimme.

Zum anderen ist Wieland für mich interessant, weil er eine Umgebung kritisiert, die ich in meiner Sozialisation erlebte und somit als die normale wahrnahm, also eben diese Begradigungen, Kanalisierungen, Verordnungen, die Ziergehölze in den Vorgärten und die zugeteerten Garageneinfahrten. Es war für mich die Normalität und die Frage, ob das früher mal anders war, stellte sich nicht.

Alles eine Frage des Standpunkts.

Wieland kann man in vielem sicher recht geben. Man hat mit der Intenvisiverung der Landwirtschaft eine „rücksichtslose Produktionslandschaft“ geschaffen, in Teilen „eine ausgeräumte, nackte Maschinensteppe“, eine „Landschaft ohne Spuren“. Andererseits kommen auch ziemlich kulturkonservative Haltungen zum Vorschein, die auf ein „früher war alles besser“ hinauslaufen. Für Wieland scheint es im ländlichen Raum keine Entwicklung geben zu dürfen. Die Kritik der realen ist das eine, das Alternativangebot die andere Seite. Häuser niedrig, einfach, kleine Fenster, Fensterkreuze, das Holz ist zum Heizen aufgestapelt, alte Bauernhäuser

Wieland beklagt beispielsweise das Sterben der großen bayrischen Vierseithöfe und vergisst zu erwähnen, dass die nur einen Sinn machten, solange es die wirtschaftliche Notwendigkeit für Bauernhöfe in dieser Größe gab. Die Vierseithöfe waren auch irgendwann mal neu und verdrängten etwas Altes. Im Film (ab 4:30) beschwert er sich darüber, dass bei solch einem Vierseithof eine Seite abgerissen wurde, um ein neues Haus reinzustellen, das aber eine andere Grundform aufweist:

„Der Neubau hält sich nicht im geringsten an die alte Ordnung. Er steht da, zu hoch, zu kurz. Das ist kein Bauernhaus, das ist ein Arbeiter-, ein Angestelltenhaus.“

So wird es sein, deshalb sieht es auch nicht aus wie ein Bauernhaus. Warum sollte es? Vermutlich nur, um Wielands Meinung nicht zu stören, wonach es keine Veränderung geben dürfe.

Dann kommt der merkwürdige Satz:

„So haben sich die Standesunterschiede schon verwischt.“

Das scheint beklagenswert zu sein.

Man hat den Eindruck, Wieland geht es nicht um die Bewohner, sondern nur um ein Bild der formalen Idylle, das es zu bewahren gilt. Die geteerte Einfahrt sorgte dafür, dass man nicht ständig schmutzige Schuhe bekommt und das Wasser abläuft. Das sieht man heute unter ökologischen Gesichtspunkten anders und nachhaltiger, aber es war in den 60ern verständlich, dass man sich auf den Teer freute. Wieland versteht das nicht.

Oder Fachwerkhäuser, die so umgebaut wurden, dass die Fensterordnung zerstört wurde. Für Wieland ein Unding, man sollte sich wohl eher weiterhin mit den kleinen Fenstern in dunklen Räumen zufrieden geben. Dass es heute keine Notwendigkeit mehr für die kleinen Fenster gibt, interessiert nicht. Und eine neue Sparkasse darf nicht in einem modernen Gebäude realisiert werden und eine großflächig verglaste Ladenzeile ist ebenso tabu. Warum? Weil es das früher nicht gab. Genauer: Weil es das nicht gab, als Wieland sozialisiert wurde. Wielands Argumentation hat etwas störrisch-egozentrisches. Gotik und Barock sind heilig, rein formal. Jede Änderung, die sich an neuen Baupraktiken und neuen Nutzungsbedürfnissen orientiert, wird von ihm ignoriert. An den Dörfern scheinen vor allem die Menschen zu stören. Wären die weg, gäbe es auch keine Veränderung. Neue Häuser jedenfalls sollen sich „bescheiden einfügen“. Obrigkeitsstaat.

Nebenbei: Wieland spracht noch vom „Bundesbürger“, nicht vom Deutschen, sehr angenehm. Und wie weit entfernt mittlerweile. „Deutscher“ scheint ein rein neurotischer Begriff zu sein.

Ins Schwarze trifft Wieland mit seiner Kritik am Ziergarten. Was sich in den 1950er oder 1960 Jahren in den Gärten der Neubaugebiete breit machte, ist ein merkwürdiges Phänomen, das kaum gewürdigt wird: „Natur“ wird symbolisiert in allerlei Ziersträuchern und sinnlosen Zuchtpflanzen, alles streng geordnet und reglementiert und dazu kommt ein Zierrasen, in dem jegliche Abweichung von der Norm „Unkraut“ genannt wird, das selbstverständlich mit chemischen Keulen vernichtet werden darf und muss. Besonders bemerkenswert: Man liebte das fremde Gesträuch, es war irgendwie exotisch. Migranten aus diesen Ländern waren und sind weniger willkommen. Das Gesträuch lässt sich wohl besser assimilieren und hält den Mund. Der Biodeutsche kann es beschneiden, wie er will, es beschwert sich nicht.

Überhaupt kann man Wieland in vielem auch zustimmen, gerade aus der zeitlichen Entfernung. Die Verkitschung des Raumes ist so ein Punkt. Mit der zwanghaften Einbeziehung vermeintlicher Tradition wie an die Fassade darpierte alte Holzräder, in die noch Blumenkübel installiert wurden oder dem „Jodlerstil“ werden nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks überschritten, wie Wieland meint, sondern reale Geschichte instrumentalisiert und banalisiert. Der Fortschritt wird hier unmöglich, weil die Vergangenheit absurdisiert wird.

Recht hat Wieland sicher auch mit seiner Klage, dass vielen Flurgehölze, Obstbäume und Alleen der Garaus gemacht wurde.

Und sicher gab es gerade zwischen 1950 und 1980 viel sinnlose Zerstörung alter Bausubstanz und Flurbereinigung. Das hat wohl auch mit deutscher Gründlichkeit zu tun. Undenkbar, dass in einer deutschen Großstadt ein Stadttor 2000 Jahre lang stehenbleibt, obwohl es keine Funktion mehr hat. Wo in Rom heute die Autos durch- oder drumherum fahren und offenbar niemand auf die Idee kommt und 2000 Jahre lang nicht kam, es abzureißen, hätten nervöse deutsche Zeitgenossen schon längst von Chaos gesprochen und den Abrissbager angefordert. Es ist kein Zufall, dass von den einst 20 Berliner Stadttoren nur noch eins übrig geblieben ist: das Brandenburger Tor, und das muss nun als perfekt gesäubertes Touristenobjekt herhalten. Man könnte hier vom deutschen Zwangscharakter reden, der einerseits für Abrissorgien von originaler Bausubstanz verantwortlich war genauso wie für die andere Version, die Neuerrichtung originaler Schlösser heutzutage. Beides zeigt ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Geschichte, zu fehlender Gelassenheit, zur Tabula-Rasa-Raserei.

Eine ernsthafte Kritik der Zustände ist überdies nicht auf rein formal-ästhetischer Ebene ohne eine ökonomische Kritik möglich. Bauwirtschaftsindustrie, Lobbypolitik, Bodenpreise, Gentrifizierung: all das müsste man mitberücksichtigen.

Sinnvoll wäre nicht, dass sich alles Neue bescheiden einfügt. Sinnvoll wäre ein emanzipierter Umgang mit historischer Bausubstanz einerseits und andererseits Neubauaktivitäten, die sich am Stand der Technik und am Stand der Bedürfnisse messen lassen. Das kann dann – oder es muss dann – anders, neu, aussehen. Ist es inhaltlich vermittelbar, wird es auch formal akzeptiert. Es macht dann Sinn, wie man sagt.

Kürzlich bilanzierte er übrigens desillusioniert:

„Da haben wir nichts erreicht. Die Artenvielfalt ist in einer Weise zurückgegangen, das war uns damals gar nicht möglich, uns das in diesen Dimensionen vorzustellen. Die Bodenverdichtung, die Bodenentwertung, die Güllemassen – das war für uns unvorstellbar. Die Neubaugebiete schauen immer noch so aus, wie damals als ich meine ersten Filme gegen Neubaugebiete gemacht habe.“

Im letzten Punkt würde ich ihn korrigieren. Die Neubaugebiete schauen heute weitaus schlimmer aus als damals. Es sind die wahren Belege der gesellschaftlichen Regression.

Aber auch das ist wohl eine Frage des Standpunkts.

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Eine Antwort zu Hergerichet, abgerichtet, hingerichtet: Unser Dorf soll hässlich werden

  1. miesvandenbergh schreibt:

    Von Berlin aus in eine 1700 Seelen Gemeinde gezogen habe ich viele Ansichten kennenlernen dürfen. Einzig beständig ist die Veränderung, und die Menschen sind so vielfältig in ihrer Bewertung dieser Veränderung, wie es Menschen gibt. Das Leben kann derart schwer und ungewöhnlich sein oder auch so leicht und interessant. Wie Du sagst: … je nach Standpunkt. LG

    Gefällt 1 Person

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