Das Bauhaus – vom Politikum zur Distinktionsmaschine

Das Bauhaus wird 90 und die kommerzielle Berliner Kulturbranche feiert das mit einer großen Ausstellung im Gropius-Bau. Sie ist so aufwendig inszeniert, dass man sich fragt, wie man das wohl zum hundertsten Geburtstag toppen wird. Antwort: gar nicht.

Die Schau arbeitet daraufhin, dass das Bauhaus heute vor allem eine Marke und damit ein Distinktionsmerkmal ist, wie das die Soziologen so schön sagen. Das Bauhaus ist  massenkompatibel, und genau das macht es für das Kapital interessant. Die einigermaßen gut verdienende und sich orientierende Mittelschicht nutzt das Bauhaus als Ego-Verstärker. Sich mit dem Bauhaus ein bisschen auszukennen, ist Allgemeinbildung, die auch Günter Jauch abfragen könnte. 90.000 Besucher in knapp sechs Wochen belegen das eindrucksvoll. Distinktionstechnisch grenzt man sich so von Leuten ab, die Geld haben, aber keinen Geschmack, unter anderem von Neureichen. Das dürfte für das, was gerne Bildungsbürgertum wäre, ein ganz wichtiger Aspekt sein. Anders herum: Dem Neureichen wird hier eine Möglichkeit gegeben, das bildungsbürgerliche Lager zu betreten, wenigstens ein bisschen.

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Das Bauhaus wird, im Gropius-Bau wie auch in der Praxis (siehe Foto) reduziert auf Ästhetik. Schönes Design, elegant, schlank, zeitlos. Der politische Aspekt fällt weitgehend weg, der sozialistische Ansatz unter dem Bauhaus-Chef Hannes Meyer kommt praktisch nicht mehr vor. Schlimmer noch: Für die Anfeindungen, denen das Bauhaus in Dessau ausgesetzt war, werden die Bauhäusler selbst verantwortlich gemacht. Auf den Schrifttafeln der Ausstellung liest sich das so:

„Doch in der von Krisen geprägten Zeit gelang es Meyer nicht, die Offenheit und Radikalität des Bauhauses in der Thematisierung politischer und gesellschaftlicher Probleme zu zügeln, was ihm innerhalb und außerhalb des Bauhauses Kritik einbrachte. Die Stadt Dessau fand den Ausweg in der Kündigung des Direktors.“

Man staunt. Die Aufgabe des Bauhauschefs ist also, seine Dozenten und Studenten zu „zügeln“. Tut er das nicht, wird er nicht nur kritisiert, sondern beruflich liquidiert. Die Ausstellungsmacher haben im Jahr 2009 offenbar vollstes Verständnis dafür, dass Meyer 1930, unter anderem auf Druck der NSDAP, „von hinten abgekillt“ wurde, wie er das unmittelbar nach seinem Rauswurf  ausdrückte. Und das war nur das Vorspiel: 1932 musste das Bauhaus in Dessau komplett schließen, weil die Nazis in dieser netten Stadt schon die Ratsmehrheit hatten.

Dazu passt eine andere Lesart des Bauhauses (wobei fairerweise gesagt werden muss, dass die Gropius-Ausstellung diese Haltung nicht einnimmt): Die Bauhäusler selbst waren Nazis. In der Tat haben sich Gropius und van der Rohe nach 1933 an Wettbwerben in Deutschland beteiligt. Die Bauhäusler waren also auch nicht besser als andere, will man damit sagen. Diese Logik funktioniert, weil es einen Bedarf dafür gibt: Die Rechten werden damit moralisch entlastet, den Linken wird erschwert, dieses Erbe anzunehmen. Natürlich ist der Nazi-Vorwurf Blödsinn. Der dicke und träge Mies hat versucht, nach 33 in Deutschland weiterzuarbeiten, was Zugeständnisse an die Nazis bedeutete, doch die Nazis wollten nicht, verständlicherweise. Ein paar Jahre später ist er in die USA ausgewandert. Mies hätte kooperiert, sicher, bis zu welchem Grad, weiß man nicht. Ist ihm daraus ein Vorwurf zu machen? Meines Wissens war kein Bauhäusler naziaffin, geschweige denn, dass einer im 3. Reich Karriere gemacht hätte – im Unterschied zu vielen konservativen Architekten, die sich Hitler andienten (und nach 1945 munter weitermachten).

Viel interessanter ist Mies´ Werk, sein Bemühen, Form und Inhalt zusammenzubringen. Alleine diese Ansatz macht klar, dass er keine ernsthafte Nazi-Architektur zustande gebracht hätte. Erklärt man Kunst und somit auch Architektur aus ihrem Sosein (wow!) in der realen Welt, wird der Nazivorwurf absurd.

Beispielsweise das Revolutionsdenkmal von 1926 in Berlin (Bild): Für damalige Verhältnisse war nicht nur das Thema, sondern auch die Formgebung revolutionär. Die auftraggebenden Sozialisten wollten übrigens ein neoklassizistisches Denkmal mit dorischen Säulen. (Worüber man schon wieder einen ganzen Aufsatz schreiben könnte: Spießer-Sozis, die später in der DDR ihr Paradies fanden.) Mies lehnte die Vorstellungen der Sozialisten als „für einen Bankier“ geeignet ab und schlug eine modellierte Mauer vor, weil Revolutionäre gerne vor Mauern erschossen werden. Die Nazis haben das Denkmal 1935 abgerissen.

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Zurück zur Ausstellung in Berlin. Das Bauhaus als lukratives Investitionsobjekt. Eckehard Fuhr, Feuilletonchef der Welt, hat das kürzlich in einer Diskussion ganz gut beschrieben. Die Sonderbeilage der Welt zum Thema „Bauhaus“ habe den enormen Umfang von 30 Seiten, weil sich die Anzeigekunden geradezu gedrängt hätten, in diesem Umfeld zu inserieren. Texte habe man nicht so viele. Anders ausgedrückt: Die Beilage gibt es nur, weil die Anzeigekunden das so wollen. Selbst die konservative Welt hat keine Berührungsängste mehr mit dem Bauhaus. Dem entkernten, versteht sich.

Dem Bauhaus als mal mehr, mal weniger linker Angelegenheit wird das Gesellschaftliche, das Praxisnahe, die Ideologie entfernt, um als ästhetischer Schein um so strahlender weiterzuleben. Der Mainstream ignoriert die notwendige Verbindung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Form und Inhalt. So lebt das Bauhaus weiter.

Der 90. war ein willkommener Anlass, die immer noch einflussreiche Kunstschule endgültig als Marke zu etablieren, die weiterhin für Qualität steht, für gutes Design, für Haptik, für Praxisnähe und für neue Perspektiven. Die Leiter hinauf zur Metaebene wurde zusammengeklappt. Die politische Sicherung ist eine doppelte: Der linkspolitische Bauhausaspekt wurde gekappt, und falls das nicht reicht, kommt man mit der Nazi-Keule, die natürlich nur vorsichtig geschwungen wird, denn die edle, hochwertige Atmosphäre inmitten des schönen Designs darf nicht über Gebühr gestört werden.

Läuft alles im Sinne der Verantwortlichen, ist eine Feier zum 100. Geburtstag nicht mehr nötig. Die Marke wird etabliert sein. Irgendwann wird sie sich abnutzen. Spätestens dann wird man sich auf die Suche nach dem nächsten Opfer machen.

(Fotos: genova und Bundesarchiv Bild)

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