Seltsames Berlin 12

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Giancarlo de Carlo (2) – Ausflug nach Terni

Giancarlo de Carlo hat eine Universtität in Urbino gebaut – hier beschrieben – und eine Wohnsiedlung in Terni, runde 100 Kilometer nördlich von Rom.

Die Siedlung wurde von 1969 bis 1975 errichtet und war viel grlßer geplant. Tatsächlich gebaut wurde nur der kleine Teil im Modell ganz rechts – 240 von 840 Wohnungen. Man verzichtete, weil das tonangebende Stahlwerk in Terni in den 1970ern in Probleme geriet und der vermutete Zuzug an Arbeitskräften sich nicht einstellte.

Gebaut wurde eine strukturalistische Siedlung. Das bedeutet erstens Anwohnerbeteiligung, zweitens eine Planung von innen nach außen und drittens (schon damals) eine Separierung des Autoverkehrs.

Zur Partizipation sagte de Carlo:

Ich habe das fast bei allen meinen Arbeiten versucht – und ich habe, je nach den Umständen, mehr oder weniger Erfolg gehabt. Am besten ist es beim Bau einer Arbeitersiedlung in Terni gelungen, wo es mir gelungen ist, den Bauherren die Partizipation richtig aufzudrängen, und ich habe gemeinsam mit den Arbeitern die Wohnungen erörtert … Das dauert viel länger, es kostet viel mehr und es wird vor allem scheel angesehen … Natürlich haben die Leute nicht immer recht – aber es öffnen sich einfach andere Perspektiven und die Möglichkeit zu größerem Reichtum. (archplus 57/58, Juli 1981)

Wie diese Partizipation aussah, beschrieb eine Mitarbeiterin:

„Während ich mit den zukünftigen Nutzern sprach, zeichnete De Carlo. Er fertigte hunderte von Skizzen an. Es war faszinierend zuzusehen, wie die Idee Form annahm.“ (aus: werk, bauen + wohnen, 12/2018)

An anderer Stelle sagte de Carlo:

Es braucht keine Theorie der Partizipation, sondern (…) Energie, um aus der Autonomie herauszukommen», um sich «die Hände dreckig zu machen», um sich mit dem Ort zu «infizieren». (zitiert nach werk, bauen + wohnen, 12/2018)

Das sind gute Selbstbeobachtungen: Nicht der Architekt als scheinautonomer Künstler ist gefragt, sondern einer, der Macht abgibt, und zwar an die, die mit den Ergebnissen der architektonischen Arbeit leben müssen. Der lächerliche Begriff der Autonomie, den sich viele Architekten gerne anheften (der unsägliche O. M. Ungers fällt da ein) ist für de Carlo einer, der als Makel anhaftet. Stattdessen: die Hände dreckig machen, indem man sich mit Leuten abgibt, die keine Ahnung haben und zugleich die besten Experten sind: die Bewohner. Die dreckigen Hände und das Infizieren mit dem Ort, die Kontamination mit dem Minderwertigen bringt das beste Ergebnis.

Leider finde ich keine O-Töne der künftigen Bewohner, insofern bleiben hier Fragezeichen. Wem das Baugelände gehörte und inwieweit die auch in Italien damals allgegenwärtige Bauspekulation in Terni eine Rolle spielte, bleibt leider unentschlüsselt.

Die Bilder zeigen eine typische Strukturalismus-Siedlung:

Eindrücke eines Spaziergangs: Der vorherrschende Baustoff ist naturgemäß Beton, im Stil der Zeit unverkleidet. Der Beton ist durchweg skulptural eingesetzt. Es fehlen massive Wände, Barrieren, abweisende Zonen. Pflanzen, Grünzeug, mediterrane Bäume schaffen eine Atmosphäre, die das Schroffe des Betons zurücktreten lässt. Vermutlich alle Wohnungen haben Balkone und viele größere Freiflächen davor. Freiflächen, zu denen prinzipiell alle Zugang haben, was in der Praxis sich aber auf die Bewohner von drei, vier oder fünf Wohnungen begrenzen dürfte. Überhaupt sind die Freiflächen wohl das Geheimnis der Siedlung. Die Eingangssituationen sind nicht beengt, sondern jederzeit erweiterbar, indem man etwa Blumen dort postiert oder einen Stuhl. Es steht nichts im Weg.

Autos sind im Untergeschoß oder im Erdgeschoß geparkt, von wo aus man direkt nach oben in die Wohnungen gelangt.

Es ist eine Wohnanlage, deren Größe man nirgendwo spürt, weil man permanent auf eher schmalen Wegen unterwegs ist. Es ist eine Neuinterpretation eines italienischen Dorfes, das auch noch mit kleinen Wegen, mit menschlichem Maß arbeitete.

Die Siedlung ist bis auf wenige Ecken sehr gepflegt, kein Vandalismus, kein Müll. Sie scheint zu funktionieren. Die wenigen Leute, mit denen ich dort sprach, äußerten sich rundum zufrieden. Bemerkenswert auch: Es gab seit den 1970ern fast keine baulichen Veränderungen. Die Leute scheinen zufrieden, die Langzeitqualität ist gegeben.

Aus heutiger Sicht könnte man bemängeln, dass die Siedlung etwas außerhalb liegt und dort deshalb niemand ohne Auto wohnt – zumal es dort auch schnell hügelig wird. Es gibt direkt im Viertel auch keine Läden, was zu einer ziemlich ruhigen Atmosphäre führt. Auch die Passegiata am späten Nachmittag findet dort wohl nicht statt. Und der Clou wären Schwimmbäder auf den Flachdächern, was im sozialen Wohnungsbau in Wien zum Standard gehört. Das alles hängt damit zusammen, dass, wie gesagt, aufgrund außenliegender wirtschaftlicher Zusammenhänge, nur ein Bruchteil der geplanten Gebäude realisiert wurde.

Dennoch finden wir hier ein Stückchen Architektur und Städtebau, das einzigartig ist. Es ist wie mit aller strukturalistischen Architektur: Es war eine kurze Zeit, in der hervorragende Ideen realisiert wurden: Weg vom Bauwirtschaftsfunktionialismus, hin zu einer partizipativen Architektur, die den Begriff des Funktionalen wieder an dessen Ursprüngen in den 1920er Jahren orientierte, also kleinteiliger, an die konkrete Lösung denkend. Es war eine Architektur, die schwieriger zu verwirklichen war, wenn man an die Mitsprache der künftigen Bewohner denkt. Aber schon deshalb nachhaltiger. Strukturalismus bedeutete auch nie nur Architektur, sondern immer Architektur und Städtebau zusammengehörig.

Es ist eine Architektur, die im Weiteren vergessen wurde. Auffällig ist heute, dass diese Phase in der Architekturgeschichtsschreibung nicht vorkommt. In der offiziellen Lesart wurde der Bauwirtschaftsfunktionalismus von der Postmoderne abgelöst. Aktuell schiebt sich in der Geschichtsschreibung noch der Brutalismus dazwischen. (Wobei dieser Begriff sich als sinnlos erweist. Die Matteotti-Siedlung wird heute gerne als brutalistisch bezeichnet. Allein: Diese Kategorisierung sagt nichts aus.)

Strukturalistische Architektur gab es in ganz Europa und hier im Blog lassen sich viele Beispiele finden. Es ist eine Architektur, die heute notwendiger denn je wäre, aber vielleicht angesichts der rechten, reaktionären Tendenzen hierzulande ferne denn je ist. Betrachtet man sich eine durchschnittliche deutsche Neubausiedlung, erkennt man die große und übergroße Architektur- und also Geisteskatastrophe, in die wir schon längst geschlittert sind.

Man kann an der Matteotti-Siedlung auch ganz gut die beiden grundlegenden Möglichkeiten architektonischen Gestaltens aufzeigen: Einerseits die erwähnte Partizipation de Carlos, andererseits der Künstlerarchitekt, der sich für ein Genie hält und von einer authentischen Öffentlichkeit nicht gestört werden will. Eine diesbezügliche Unterscheidung in der Architekturgeschichte harrt noch der Dinge.

(Fotos: genova 2019)

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Was vermutlich meist zutrifft:

(Foto: genova 2019)

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Prachtboot und Schokolade

Prachtboot

Manchmal gibt es gute Nachrichten. So schrieb kürzlich der Spiegel über das Berliner Stadtschloss:

Warum das Fake-Schloss in seiner jetzigen Form nicht zu retten ist

Das Humboldt-Forum sollte zu einem neuen Zentrum der Weltkultur werden. Doch an vielen der geraubten Kunstwerke klebt Blut. Kolonialverbrechen werden bis heute systematisch verharmlost.

Über diese Kolonialverbrechen hat der Historiker Götz Aly nun ein Buch verfasst („Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten“, 242 Seiten). Das „Prachtboot“ soll tatsächlich prominent am Eingang des neuen Museums stehen. Über das Buch berichtet der Deutschlandfunk:

Götz Aly hat einen persönlichen Zugang zu dem Boot: Sein Urgroßonkel Gottlob Johannes Aly war zeitweise Militärgeistlicher der Kaiserlichen Kriegsmarine und nahm an einigen Eroberungsfahrten in die Südsee teil. Und zwar in die damalige deutsche Kolonie Deutsch-Neuguinea und in den Bismarck-Archipel. Heute gehört beides zum Staatsgebiet von Papua-Neuguinea.

Die deutschen Kolonien dort waren streng organisiert. Die Kokosplantagen-Besitzer konnten über ihre einheimischen Arbeiter wie Sklaven verfügen. Götz Aly beschreibt, wie die Einwohner der Inseln schon unter „normalen“ Bedingungen unter der Herrschaft der Europäer litten. Diese schleppten Krankheiten wie Masern und Syphilis ein, dazu kamen die Zerschlagung der gut funktionierenden Subsistenzwirtschaft und die Verpflichtung zur Arbeit auf den Plantagen.

Wehrten die Einheimischen sich, wurden Strafexpeditionen der Kriegsmarine angefordert. Eine der schrecklichsten fand 1882 statt. Ihr Ziel waren die Hermit-Inseln, deren größte mit etwa sechs Quadratkilometern die Insel Luf ist.

Innerhalb weniger Wochen töteten die Deutschen dort einen Großteil der Bevölkerung, die überlebenden Männer verschleppten sie als Arbeitssklaven auf Plantagen, die Hütten und die großen hochseetauglichen Boote der Menschen wurden zerstört.

Den Eroberern folgten die Kunsträuber. Berliner Ethnologen, die in ihrer Gesinnung zwar keine Rassisten waren – Felix von Luschan vom Berliner Völkerkundemuseum betonte beispielsweise immer wieder die Gleichwertigkeit von Völkern –, kauften gerne von den Militärs und den Plantagenbesitzern, wohl wissend, dass diese sich die Kunstschätze meist nicht legal aneigneten.

Alles in allem ganz gewöhnliches deutsches Verhalten also.

Überhaupt rezensierte die Fachwelt das Buch einhellig positiv.

Deutsche „Vergangenheitsbewältigung“ geht heute so: Man baut das Schloss der herrschenden Klasse wieder auf, das für den Massenmord und die Versklavung verantwortlich war und stellt das geraubte Prachtboot hinein, dessen Geschichte man absichtlich verschweigt. Die Verantwortlichen haben die Hintergründe verschwiegen, die dank Aly nun ans Licht kamen.

Deutsche Traditionen. Man erkennt an solchen Verhältnissen, wie reaktionär dieses Land nach wie vor ist, jenseits der Heuchelei. Alleine der Anspruch, ein „Zentrum der Weltkultur“ zu sein, ist ein typischer Auwuchs deutsch-dämlicher Zwanghaftigkeit. Wir sind die Besten der Welt. Was denn sonst?

Schokolade

Ein paar Naive freuen sich über sanfte Sprachregelungen, ansonsten gehen die Geschäfte wie gewohnt weiter. Von einer Tafel Schokolade, die wir hier für einen Euro kaufen, bekommen die Kakaobauer in Westafrika sechs Cent, las ich gerade. Die Wahrscheinlichkeit, dass den Kakao Kinder geerntet haben, ist hoch. Dafür hat Bahlsen seine Waffelsorte Afrika in Perpetum umbenannt. Sogenannte Linke hatten sich beschwert, der Name Afrika sei rassistisch. Bahlsen versicherte:“Wir nehmen eure Meinungen und die Kritik sehr ernst“.

Fast schon lustig: Bahlsen verringerte bei der Umbenennung die Füllmenge. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat eine versteckte Preiserhöhung von 34 Prozent berechnet. Es ist davon auszugehen, dass sich der Bahlsen-Gewinn um 34 Prozent erhöht hat, die Bezahlung des Bauern gleich geblieben ist. Die Markenbindung junger Menschen an Bahlsen hat dennoch zugenommen, vermute ich. Bahlsen hat sich schließlich proaktiv gegen Rassismus gewandt. Und aus dem PR-Desaster von vor ein paar Jahren gelernt.

Das Bahlsen-Beispiel ist so bezeichnend, dass man es in Schulbüchern erwähnen sollte: So funktioniert Kapitalismus unterm Signet der politischen Korrektheit.

Der Massenmord an Menschen in der Südsee wird heute allgemein bedauert. Die Ausbeutung auf Basis kapitalistischer Verwertungslogik ist intensiver denn je. Antirassist*innen freuen sich über ihnen genehmes wording.

Es läuft.

Angesichts der unzähligen Äußerungen von Politikern in den vergangenen Jahren, wonach man „Afrika“ unterstützen müsse, damit die Flüchtlingsströme versiegen, sollte man sich über den Zusammenhang zwischen dem Talkshowdauergeplapper und dem effektiven Ergebnis (=0) Gedanken machen. Reden (und Sprachkorrekturen) als Ersatzhandlungen sogenannter liberaler Gesellschaften.

Aber das führte jetzt zu weit.

(Foto: genova 2019)

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(Foto: genova 2021)

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o.T. 592

(Foto: genova 2019)

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Christoph Mäckler und die Ideologie

Ich halte ideologische Fragen in der Architektur, im Städtebau, aber auch in der Politik für völlig unangebracht.

sagte der Architekt Christoph Mäckler jüngst, wie man sagt, im Interview mit der Frankfurter Rundschau. Wer ist Mäckler und was ist für ihn Ideologie? Im Folgenden mäandern wir ein wenig.

Christoph Mäckler ist ein arrivierter Architekt mit Büro in Frankfurt und hat schon viel gebaut. Darunter allerdings solch problematische Sachen wie 1994 das neokonservative Lindencorso in Berlin:

Es ist typische Stimmann-Architektur. Der Architekturkritiker Gerhard Matzig schrieb damals in der Süddeutschen Zeitung, das Lindencorso sei

von neuteutonischer Natur, die auch dem Führer gefallen hätte.

Das war vielleicht ein bisschen böse, aber nicht ganz falsch. Die Stimmann-Architektur hatte und hat eine gewisse Affinität zum deutschen Faschismus. Schon deshalb, weil man so zwanghaft zur steinernen Fassade zurückkehrte und alles andere verunmöglichte. Hans Stimmann – in den 90ern Staatssekretär für Stadtplanung – ist ein schönes Beispiel für die frühe Liaison von Sozialdemokratie und rechter Ideologie. Neoliberalismus und steinerne Fassaden. Dass die neoliberale Ideologie zeitgleich mit dieser restaurativen Architektur sich ausbreitete, ist kein Zufall.

Die Herrschaft tut heute gerne so, als habe es eine progressive Weiterentwicklung des deutschen Nationalismus gegeben: Wir sind jetzt ganz locker. Nö. Es ist heute noch interessant, sich die Diskussion in den 1990er Jahren zur Architektur in Berlin anzuschauen: Die Progressiven wurden ausgebootet, der Titel eines Arch+-Heftes war:

Von Berlin nach Neuteutonia

Vor dem Krieg stand an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden übrigens ein Historismus-Gebäude mit dem mondänen Café Bauer im Erdgeschoß:

Das Café rühmte sich damit, täglich 800 Tageszeitungen auszulegen. Kein Scherz. Man kann eine Ahnung davon bekommen, wie international Berlin damals war. In den 1960er Jahren baute die DDR das Lindencorso in zeitgemäßer Architektur wieder auf, es soll ein beliebter Treffpunkt gewesen sein. Da nachder Wende DDR-Architektur nicht nur bei stramm Rechten verhasst war, wurde das Corso 1993 abgerissen. Ein Jahr später begann Mäckler dort zu bauen. Das Gebäude beherbergt heute im Erdgeschoß einen VW-Händler und eine Restaurant-Kette. Darüber gibt es Büros, wo man für ein Acht-Quadratmeterbüro 799 Euro bezahlt. Immerhin warm.

Der Architekt Christoph Mäckler fungierte also an der angeblich wichtigsten Ecke Berlins als Reaktionär und Förderer neoliberaler Politik.

In gewisser Weise kann man an diesem Eckgrundstück Teile der reaktionären deutschen Geschichte ablesen. Immer obrigkeits- und kapitalaffin.

Zurück zur Ideologiefrage. Was für Mäckler Ideologie ist, kann kaum beantwortet werden, da in Mäcklers Kopf diesbezüglich Unklarheit herrscht. Im FR-Interview beklagt er sich über zu teures Wohnen in der Stadt Frankfurt, über zu viel „freien Markt“, über soziale Entmischung in vielen Vierteln, und er lobt indirekt die DDR-Verhältnisse:

Da wohnten der Professor der Charité und der Straßenbahnfahrer noch in einer Nachbarschaft.

So weit, so gut. Fragt man Mäckler aber konkret danach, was sich ändern müsste, kommt ein katastrophale Verwirrung der Begriffe zum Vorschein. Das Problem ist für Mäckler nicht das ausufernde Kapital, sondern:

Fatal ist auch, dass Stadtplanung und Architektur in der Ausbildung getrennt werden.

Und weiter zu den Ursachen der Gentrifizierung:

Weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können. Das ist ganz schlecht. Dahinter steht das grundsätzliche Problem, dass dem Städtebau in der Politik zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Das mag eine Rolle spielen, aber es ist letztlich egal. Unterm Kapital wird die Stadt verwertungsoptimiert, egal ob von Architekten oder von Stadtplanern. Es geht nicht um das Verhältnis von Städtebau und Architektur. Beide Felder werden vom Kapital totalitär in Beschlag genommen. Mäckler erkennt das Problem nicht einmal im Ansatz.

Wie kann ein prominenter Architekt im Alter von 70 Jahren nur so wenig Wissen mitbringen?

Noch absurder: Mäckler hält die Entwicklung des Westhafens in Frankfurt für vorbildlich – dort wurde ein ehemaliger Binnenhafen in ein Wohnviertel transformiert:

Man kann das Ergebnis in Teilen für gelungen halten, wobei die entmischte Nutzung offensichtlich ist: nur Wohnen, kein Arbeiten, kein Einkaufen, keine Kultur. Also letztlich Langeweile.

Doch davon abgesehen – Wie viel zahlt man im Westhafen fürs Wohnen? Für ein möbliertes Appartment mit 42 Quadratmetern läppische 1.500 Euro, für 22 Quadratmeter sind es nur noch 1.023 Euro. Es werden auffällig viele Wohnungen möbliert angeboten. Das ist für Mäckler also hervorragendes Wohnen.

Christoph Mäckler zeigt in dem FR-Interview unfreiwillig, woran es auch krankt: Wenn Architekten denken, ist das Ergebnis meist enttäuschend. Sie sind in weiten Teilen Büttel des Kapitals, wie wir alle. Frappierend allerdings, wenn das ein exponierter Vertreter der Branche so wenig Ahnung hat. Vielleicht überschätze ich aber generell den Bildungsstand der Menschen. Die Hinwendung zur Partei „Die Grünen“, die derzeit in Umfragen sichtbar wird, kann auch problematisch beurteilt werden. Die Berliner Grünen wollen die Möglichkeit des bundesweiten Mietendeckels. Habeck lehnt das ab. Eine Konkretisierung des grünen Wahlprogramms lehnte die Mehrheit der Delegierten vergangenes Wochenende beim Bundesparteitag ab: Vergesellschaftung hat bei den Grünen keine Chance. Eine zunehmend unangenehme Partei.

Der smarte Neoheld zeigt damit schon vor dem Wahltag sein wahres Gesicht: Plappern, aber bitte keine realen Veränderungen. Er war es auch, der ein Tempolimit auf Autobahnen zur unabdingbaren Voraussetzung für eine grüne Regierungsbeteiligung machte. Symbolpolitik, um die Massen zu beruhigen. Die Grünen werden die Besitzverhältnisse verfestigen, lediglich ihr Management aktualisieren, so scheint es. Die relativ linken Berliner Grünen werden das Feigenblatt sein.

Noch einmal zurück zu Christoph Mäckler: Seine Meinung, dass es nur um Kompetenzgerangel zwischen Architekten und Stadtplanern gehe, hängt damit zusammen: Ablenkung von den echten Problemen.

Vollends ernüchternd wird das Mäcklersche Denken bei der Frage, ob man Gebäude der 1960er und 1970er Jahre abreißen solle. In einer NDR-Reportage über brutalistische Architektur und Denkmalschutz sagt der, ähm, Experte:

Vieles würde man sehr gerne abreißen. In vieles würde man gerne eine Bombe reinwerfen. Weg damit, damit endlich Ruhe ist. Aber das regelt der Markt, ganz klar.

Wenn der Markt also Bomben werfen will, dann geht das in Ordnung. Nach all dem, was wir von Mäckler mittlerweile wissen, wundert es nicht mehr. Es ist reine Regression; als würde man Michael Wendler über Miles Davis befragen. Es ist vielleicht auch typisch deutsch: den gesunden Menschenverstand propagieren und als „normal“ verkaufen, ihn zur Norm erheben und dann munter das zerstören, was sich der Norm nicht fügt.

Was Mäckler nun unter Ideologie versteht, bleibt verschwommen. Vielleicht einfach alles, was ihm nicht passt.

(Fotos: Wikipedia und Wikipedia und Wikipedia )

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o.T. 591

(Foto: genova 2021)

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Von Stuttgartern, die gerne Schokoladeneis essen

Judith Sevinç Basad sagte vor einer Weile in der Phoenix Runde zum Thema Gendersprache:

Wenn Sie in einen Stuttgarter Kindergarten gehen und Sie sagen den Satz „Alle Stuttgarter essen gerne Schokoladeneis“, dann können Sie ein vierjähriges Kind fragen, wer ist damit gemeint? Sind damit nur Männer gemeint oder sind damit auch Frauen gemeint? Und schon kleine Kinder oder auch Menschen, die nach Deutschland gekommen sind und gerade Deutsch lernen, haben ein natürliches Sprachgefühl für das generische Maskulinum … Menschen verstehen intuitiv die Bedeutung des generischen Maskulinums.

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der FU Berlin antwortete, dass die Forschung dem widerspreche. Und:

Vierjährige Kinder haben auch schon sehr viel Input bekommen. Das kann durchaus sein, dass Vierjährige gelernt haben, dass wir über Männer reden und andere mitmeinen. Das ändert aber nichts daran, dass wir über Männer reden und die andern nur mitmeinen. Ein natürliches Sprachgefühl ist das mit Sicherheit nicht.

Diese kleine Passage zeigt schön das Problem der Gendersternchenleute.

Das Unwichtige vorweg: Natürlich ist das kein „natürliches Sprachgefühl“, da liegt Basad falsch. Was sollte das sein? Sprache wird erlernt. Es ist ein sozialisiertes Sprachgefühl.

Davon abgesehen erzählt Basad ein selbstverständliches Allerweltsbeispiel, an dem man sieht: Sprache funktioniert. Man redet im generischen Maskulinum und nicht nur über Männer. Das Kind hat Input bekommen, und zwar den selbstverständlichen, dass Stuttgarter alle Menschen sind, die in Stuttgart wohnen. Das Kind hat keine Er-Endung und keine In-Endung im Kopf, sondern es weiß aus Erfahrung, was gemeint ist. So weit, so selbstverständlich und unproblematisch. Mit „Stuttgarter“ redet man über alle, die in Stuttgart wohnen und meint sie selbstverständlich auch.

Stefanowitsch will das nicht begreifen. Er behauptet allen Ernstes, man rede da über Männer – und nicht über Frauen. Man meine sie nur mit.

Für Stefanowitsch und Konsorten nochmal kurz zur Erklärung: Sprachpraxis ist Semantik. „Alle Stuttgarter“ meint zweifelsfrei alle Menschen, die in Stuttgart wohnen. Das weiß das vierjährige Kind, das weiß er und das wissen alle. Wenn etwas von allen gemeint wird, dann ist das exakt das, was gesagt wird. Es gibt hier keinen Unterschied zwischen dem Gemeinten und dem Gesagten. Stefanowitsch und Konsorten versuchen nun das, was prima funktionierte, zu entfunktionialisieren, indem er sich auf reine Grammatik zurückzieht und Semantik ignoriert. Grammatik aber ist nur Mittel zum Zweck. Es ist ein theoretisches Regelsystem, das in der Praxis angewendet wird. Auf dieser grammatikalischen Basis entsteht Semantik, zusammen mit unzähligen anderen Kontexten. Erst das Ergebnis ist Kommunikation, und zwar immer wieder veränderbare. Stefanowitsch und Konsorten wollen offenbar, dass die Semantik von „Stuttgarter“ sich ändert, sich wieder an der rein grammatikalischen Ebene orientiert. Warum? Vermutlich sind sie Wichtigtuer.

Es ist eine Derrida-geprägte Allmachtsphantasie, die da zum Vorschein kommt. Ich fühle mich den neoliberalen Verhältnissen machtlos ausgeliefert und erfinde ein Traumreich, in dem ich noch Macht ausüben kann. Es ist wohl auch, wie hier schon öfter thematisiert, eine typisch deutsche Herangehensweise an ein Phänomen. Es ist deutscher Idealismus in seiner übelsten Form.

Gendersternchenleute verstehen nicht, wie Sprache funktioniert. Sie haben einen fundamentalistischen Zugang zur Sprache und verhalten sich damit kaum anders als Taliban, wenn sie den Koran lesen.

Das reale Problem besteht vielmehr darin, dass Sprache gerade im Politischen permanent missbraucht wird. Man redet von Reform und meint Sozialabbau. Man redet von Altersvorsorge und meint zu schaffende Renditebereiche fürs Kapital. Man redet von Akzeptanz für Homosexuelle und meint damit Duldung fürs Nichtsichtbare. Die Grammatik ist hier einerlei. Solche Beispiele ließen sich viele finden. Es wären hervorragende Forschungsfelder für Stefanowitsch. Soziolinguistik nennt man das und bezeichnenderweise ist dieses Fach mit dem Aufkommen des Neoliberalismus an den Universitäten eingeschlafen. Noch bezeichnender: Mit dem Aufkommen des Neoliberalismus in der Gesellschaft endete nicht nur die Soziolinugistik, sondern die Gendersternchenleute begannen ihren Marsch durch die Institutionen.

Wie kommt ein Stefanowitsch mit solch einem peinlichen Verhältnis zur Sprache zu einem Lehrstuhl für Sprachwissenschaft? Vermutlich so, wie Neoliberale zu VWL-Lehrstühlen kommen.

Oder afghanische Taliban in die Regierung.

(Foto: genova 2011)

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o.T. 590

(Foto: genova 2013)

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Tammam Azzam und die Zerbrechlichkeit

Selten sieht man ein Bild und hat das Gefühl, etwas wirklich Neues zu sehen. Bei den Bildern von Tammam Azzam ist das, zumindest bei mir, der Fall. Azzam malt an der Grenze zwischen figürlich und abstrakt.

Acryl auf Leinwand und Papiercollagen auf Leinwand, das sind die hauptsächlichen Materialien von Azzam. Vielleicht sind diese eher ungewöhnlichen Mischungen der Grund für die Wirkung. Die Motive sind hart und zerbrechlich zugleich dargestellt. Hart in den Schnitten und in den vermuteten Themen: Krieg, Gewalt, Zerstörung, selbst die Kleinteiligkeit, die allen seinen Bildern inhärent ist, wirkt hart, missbräuchlich. Es sind vielleicht nur chaotische Städte dargestellt, doch die Ahnung, dass es um zerstörte Städte, um zerstörte Landschaften geht, schwingt mit.

Zerbrechlich ist der Duktus der Materialien, des Auftrags. Die Papiercollagen sind vermutlich tatsächlich zerbrechlich, zumal Azzam sie manchmal nicht auf Leinwand aufträgt, das Bild also vermutlich zerfällt, wenn man es transportiert. Unzählige und zuvor bemalte kleine Papierschnipsel fügt Azzam zu großformatigen Werken zusammen.

Diese Zerbrechlichkeit des Materials korrespondiert mit den dargestellten Themen. Die Berliner Galerie Kornfeld zeigt eine schöne Übersicht seiner Werke, auch im Netz. Körper, die sich mit dem Papier aufzulösen scheinen, abweisende Dörfer in Kuben, apokalyptische, dunkle Landschaften mit Bombenkratern und ein Vater, der sein Kind durch ein desolates Flüchtlingscamp trägt.

Die Bilder scheinen ebenso leicht zerstörbar wie die Zivilisation.

Der 1980 geborene Azzam wuchs in Syrien auf und emigrierte wegen des Krieges über Umwege nach Berlin.

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o.T. 589

(Foto: genova 2019)

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o.T. 588

(Foto: genova 2019)

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Nachtrag zu Eisenerz

Wo findet man so eine Fassade?

Natürlich in Eisenerz am Eisenerzberg. Ich zähle acht unterschiedliche Fensterformate. Mit den zugemauerten in den Seitenflügeln sind es neun.

Die Längsseite sieht so aus:

Zusätzlich verwirrend ist, dass manche Fenster im Lauf der Zeit ausgetauscht wurden, aber ohne ein erkennbares Konzept der Homogenität. Man kaufte offenbar, was im Baumarkt gerade verfügbar war. Es erinnert ein wenig an die DDR.

(Fotos: genova 2019)

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Zum Begriff der Intelligenz

Was ist Intelligenz? Vermutlich ein westliches Konstrukt zur Machtlegitimation. Jegliche Intelligenzmessung beruht auf dem Verfahren, mittels bestimmter Fragen aus der Mathematik, der Logik und der Sprache eine Wertigkeit von Menschen abzuleiten. Schon die Vorgehensweise basiert auf westlicher Perspektive und ist somit in der Dialektik der Aufklärung gefangen.

Intelligenztests wurden von imperialistischen, kolonialistischen und generell aggressiven Gesellschaften entwickelt. Die haben für sich gute Bildungssysteme entwickelt, ihre Tests darauf abgestimmt und bessere Ergebnisse erzielt als die Menschen, die von ihnen beherrscht, ausgebeutet und unterdrückt wurden, um dann sagen zu können: Seht her, wir sind intelligenter als ihr. Dieses Auswahlsystem diente nicht nur in Bezug auf euphemistisch „Kolonien“ genannte Gebiete der Einteilung in wertes und unwertes Leben, sondern man konnte und kann damit auch innergesellschaftlich Machtansprüche legitimieren.

Der Gipfel dieser Konstruktion ist die angebliche Vererbbarkeit von Intelligenz, also die Weiterreichung von Generation zu Generation, wenn man nur die Richtigen heiratet. Sarrazin lässt grüßen. Günther Jauch moderierte erst Der große IQ-Test und danach „6! Setzen – Das Wissensduell Groß gegen Klein“. Im IQ-Test wird ausgesiebt und wer nichts weiß, wird bestraft. Ein sehr deutscher Moderator.

Die westliche sogenannte Wissenschaft behauptet gerne, Intelligenz sei zu 50 Prozent oder mehr vererbbar. Wenn diese Ergebnisse der sogenannten Wissenschaft nur halb so schlüssig wären wie sie gerne wären, müsste man Intelligenztests an Neugeborenen durchführen und zu genau diesen Ergebnissen kommen.

Bezeichnend auch, dass Intelligenz in der gesellschaftlichen Diskussion einen hohen Stellenwert bekam, als Neoliberalismus und Sozialdarwinismus wieder auftraten. In den 1970ern lag das Augenmerk der Gesellschaft auf Sozialisation, also auf der Möglichkeit der Entwicklung von geborenen Menschen. Im Neoliberalismus geriet die Sozialisation in die Defensive, denn der Mensch gilt dieser Ideologie als etwas, was durch Geburt, durch Gene bestimmt ist, ähnlich der feudalen Gesellschaftsordnung. Gesellschaft gibt es nicht. Dementsprechend konnte Sarrazin reüssieren und im Volk gilt immer noch derjenige anerkannt, weil er schlau ist, was daran liegt, dass er aus einer schlauen Familie kommt.

Das Gerede von Intelligenz ist eine Einteilung in lebenswertes und lebensunwertes Leben, mithin faschistisch. Wer auf das Konstrukt Intelligenz mehr gibt als einen Pfifferling, steht in dieser Tradition.

In dem Zusammenhang könnte man auch den Begriff des Talents unter die Lupe nehmen.

(Foto: genova 2019)

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Architektur und Alltag 21

Ein zweigeschoßiges Wohnhaus mit einem Laden im Parterre irgendwo in Österreich. Die Fassade fällt vor allem wegen der farblichen Gestaltung auf. Eine gelbe Fassade – ein ungewöhnlich angenehmes blasses Gelb, ins beige gehend – mit roten Rollläden und einem im gleichen Rotton abgesetzen EG. Die Fassade wirkt erblindet und zugleich offen. Das Angenehme sind wohl die fehlenden Faschen, die fehlenden Ornamente und die elegant angedeuteten Gesimse. Der Architekt hatte – so unterstelle ich – ein Feingefühl für Proportionen und für eine Gestaltung, die nicht protzen will. Man spürt den Drang für Contenance, für Gleichgewicht, für Zurückhaltung, ohne sich zu verstecken.

Ich stelle mir dieses Haus in Berlin vor: Ein nettes Cafe, das am Abend in eine nette Kneipe übergeht, in der man drinnen und draußen sitzt und steht mit der feinen Abstufung. Die etwas orientierlungslos angefügte Garage könnte als Bierlager dienen.

Auch das wenig geneigte Dach trägt zum angenehmen Gesamteindruck bei. Je größer die Dachneigung, desto unangenehmer, desto deutscher, desto reaktionärer. Momentan sind in deutschen Neubaugebieten starke Dachneigungen in Mode. Es sind Zeichen der Zeit.

(Foto: genova 2019)

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Seltsames Berlin 11

(Foto: genova 2020)

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o.T. 587

(Foto: genova 2019)

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Über Schichtholz und das Monster Lissabon

Holz als Schichtung ist ein interessantes Phänomen: Man schneidet Billigholz in sehr dünne Scheiben oder Späne und klebt sie dann zusammen. Der Blick auf Schichtholz suggeriert Authentizität. Er erinnert an Jahresringe von Bäumen, die die geradezu voyeuristische Eigenschaft haben, ins tiefste Innere von Etwas, in seine umfassende und bis zur Geburt zurückgehende Geschichte blicken zu können, mit allen Ungereimtheiten und grauen Phasen und schwarzen Löchern, die gemeinhin bedeckt bleiben. Schichtholz als ein lebenslänglicher Pornofilm mit willigen Akteuren.

Beim Schichtholz ist alles fake und es passt somit gut in eine Zeit, in der wir übers verlängerte Wochenende nach Lissabon fliegen, uns dort in eine Altbauwohnung im Altstadtviertel Alfama einmieten und tatsächlich glauben, dass wir nur mittendrin sind. In Wahrheit blicken wir nur auf den Querschnitt eines Schichtholzes. Und sind damit zufrieden. So genau wollen wir es gar nicht wissen.

Dieser Vergleich hinkt spätestens dann, wenn wir zwar das Schichtholz getrost für billige Möbel oder Lattenroste verwenden können, die Alfama hingegen durch die aufs vermeintlich Authentische Blickenden zerstört wird.

60 Prozent der Alfamawohnungen sind Ferienwohnungen, die Wohnungsnot in Lissabon ist seit Ewigkeiten groß. Der Prozess der Kapitalisierung populärer Städte hat durch Corona eine Zwangsatempause eingelegt, er wird voranschreiten. Die Bilder von besser gestellten und grün wählenden Familien, die in der Alfama umherspazieren und glauben, sie betrieben sanften Tourismus, brennen sich ein.

„Lissabon hat sich in ein Monster verwandelt“, sagt der Stadtgeograf Luis Mendes. Seine Erzählung ähnelt denen über ähnlich sozialisierte Berlin-Touristen, die unbedingt eine Ferienwohnung, wie man das verharmlosend nennt, in einem Altbau in Friedrichshain beziehen wollen, weil sie dann „mittendrin“ sind. Sie sind es, die das Mittendrin zerstören. Es ist diese absurde Jagd aufs Authentische, von dem man nicht einmal weiß, was es ist, und dessen Prämissen man insgeheim ablehnt. Es ist die Jagd mit dem unabdingbaren Willen, zu zerstören, eher unterbewusst als bewusst. Es ist, so meine tiefenpsychologische These, der unbedingte Wille, das vermeintliche Paradies zu ruinieren, weil man es nicht besitzen kann. Weil man ahnt, dass es zu spät ist.

Es zeigt jedenfalls das komplette Desinteresse vermeintlich Aufgeklärter am Phänomen Stadt.

Ein Hoch auf die, die nach Benidorm reisen. Oder zuhause mit ihren Schichtzholzbilligmöbeln leben.

(Foto: genova 2021)

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Unter Umständen flach

Hadija Haruna-Oelker im Deutschlandfunk: zum Thema „Gesellschaftliche Vielfalt in Redaktionen“:

Ich sage es mal so: In den Redaktionen, die divers aufgestellt sind, wo Journalist*innen mit Migrationsgeschichte, aber auch nicht-weiße Journalist*innen, aber auch Journalist*innen mit Behinderung, queere Journalisten sitzen, da verändert sich die Perspektive auf ein Thema. Und es geht mir dabei nicht nur um die Themen, die dann mit Rassismus oder den Menschenfeindlichkeiten zu tun haben, sondern ich beziehe das auf alle Themen. Es wäre so ein bisschen wie: Man macht eine Gesprächsrunde und die geht um Architektur. Und dann gibt es da niemanden, der von Architektur Ahnung hat. Das ist eigentlich ein Problem. Oder: Man kann das natürlich machen, aber es wird unter Umständen flach.

Man könnte nun spitzfindig sagen: Eine Debatte über Architektur mit Amateuren und ohne Profis wäre interessant, denn es käme wohl zum Vorschein, dass die Amateure andere Schwerpunkte setzen: mehr Gebrauchswert, weniger Schein. Es wäre teilaufklärend und könnte effektive Verbesserungen bringen.

Andererseits würde es tatsächlich flach und in Teilen geradezu unerträglich, schaute man nur noch dem Volk aufs Maul – und dann ausgerechnet dem deutschen. Insofern kann man Frau Haruna-Oelker Recht geben.

Das Problem bei ihr ist allerdings das altbekannte: Es geht um Hautfarben, Behinderungen, Herkünfte und sexuelle Präferenzen. Der Aspekt des Sozialen und der Klasse wird auch von ihr ausgegrenzt, auch wenn sie von „allen Themen“ spricht. In einer Gesellschaft, der die Verwertungslogik aus jeder Pore tropft, sind diese „alle Themen“ nicht einfach über Hautfarben und Behinderungen und Herkünfte und sexuelle Präferrenzen zu haben. Es sind Klassen, die da die wichtige Rolle spielen. Das zu ignorieren, ist kein lässliches Versäumnis.

Ich habe auch den Eindruck, dass linker Wirtschaftsjournalismus keine Rolle mehr spielt. Schreiben demnächst alle Journalisten über gender, race, supremacy, non-binäre Identifikationen und LGBTQ+? Die wirklich wichtigen Themen – denn die Ökonomie überlagert gerade zwanghaft alles andere – überlassen wir den Neoliberalen. Die freuen sich.

Die Diskurse, die mit ihrer Zusammensetzung ablaufen, dürften also auch das werden, was Haruna-Oelker manch aktuellem Diskurs attestiert: unter Umständen flach.

(Foto: genova 2020)

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Architektur und Alltag 20

Eine kleine Scheune irgendwo in Österreich:

Was macht diese Scheune interessant? Oder sollte man besser fragen: Was irritiert? Antwort: Es ist das nicht gleichschenklige Dach. Der First ist leicht nach rechts versetzt und der rechte Dachüberhang ist größer als der linke.

Das irritiert.

Die Fassade ist an sich symmetrisch aufgebaut, der Wille zur Symmetrie ist sicht- und spürbar. Der Beobachter hält sich an den beiden Türen fest, mehr gibt es ja nicht zum festhalten, außer dem Gesims. Oder hat das Gesims Scharniere und die Türen sind Schiebetüren? Das wäre eine interessante moderne Interpretation einer Scheune.

Die Türen alleine sind schon einen Artikel wert. Zwei Sperrholzplatten, auf die jeweils ein Holzkreuz montiert ist. Wozu die gut sind, wie man sagt, erschließt sich mir nicht. Vielleicht lassen sich die Sperrholzplatten wirklich einfach nach links bzw. rechts schieben und geben so die Öffnung ins Innere frei.

Wir haben hier eine Fassade, die an Bilder von Mondrian und Konstruktivisten erinnert. Es gibt eine geometrische Anordnung, die hier von etwas Sublimem gestört wird. Ob das absichtlich entstand oder zufällig: wer weiß. Ich vermute den Zufall, der durch eine praktische Absicht entstand. Es wird irgendeinen Vorteil haben, das Dach rechts weiter überhängen zu lassen als links. Vielleicht einfach als Unterstand, als Regenschutz.

Authentische anonyme Architektur im besten Sinn.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 586

(Foto: genova 2019)

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Architektur und Alltag 19

Zeitstillstände haben den Vorteil, dass ein bestimmter Moment in der Geschichte eingefroren wird und man ihn Jahrhunderte später noch ungestört betrachten kann – betrachten, da sich ein Stillstand immer visuell darstellt. Die obige Kirche heißt Pfarrkirche St. Xaver, steht in Leoben in der sympathischen Steiermark und wurde 1660 bis 1665 vom Jesuitenorden gebaut. Gute 100 Jahre später schwächelte der Orden erheblich und die Kirche stand leer. Dann übernahm eine katholische Stadtpfarrei den Kasten. Erst hatte man im kleinen Leoben kein Geld für Modernisierungen, schließlich schwächelte auch der Katholizismus. Ergebnis: Die Kirche steht innen und außen exakt so da, wie sie 1665 auch schon dastand.

Wir konzentrieren uns im Folgenden auf das Äußere.

Ich hätte 1660 im katholischen Österreich eine Fassade vermutet, die eher dem entspricht, was man landläufig unter „barock“ versteht: dynamischer, kurviger und vor allem schwelgender. Wir sind ja weder in Norddeutschland noch in Frankreich. Ein paar hundert Kilometer weiter südlich, in Rom, war 1660 der Barock schon in seiner Hochphase angelangt und nur noch dynamisch und kurvig und vor allem schwelgend. Um 1590 begann dort der Frühbarock, der sich zaghaft aus der Renaissance entwickelte. Michelangelo war mit seiner Peterskirche sogar noch früher dran. (Dieses isolierte Vorpreschen rechtfertigt seinen legendären Ruf). Die Leoben-Kirche dagegen erinnert noch 60, 70 Jahre später an die formalen Vorgaben der Renaissance.

Wir sehen einen bescheidenen Sockel mit vier Stockwerken darauf. Der erste Stock verfügt über hohe Rundbogenfenster, der zweite über nicht mehr so hohe Zweiflügelfenster mit Sprossen, darüber ein Stockwerk mit kleinen liegenden Ovalfenstern, dann wieder eine Etage mit Rundbogenfenstern, jetzt mit überbreiten Fensterbänken. Darüber thront eine Art Satteldachspeicher mit einem Ovalfenster. Jedes Stockwerk hat seine ganz eigene strenge Geometrie.

Die Fassade erinnert an ein streng entworfenes Spielbrett. Eben mehr an Renaissance als an Barock.

Einzig die zweiflügelige (aber eben doch sehr bescheidene) Treppe, der leicht aufgemotzte Eingang mit dem darüberliegenden Emblem und die zwei symmetrischen Türme lassen den Barock ahnen. Das Emblem wirkt angeklatscht.

Überhaupt sind die herrschenden architekturhistorischen Einteilungen bei näherer Beschäftigung problematisch. Der Mensch ordnet gerne und packt die herumliegenden Sachen in Schubladen, weil es dann ordentlicher aussieht. Auch wenn es deshalb nicht ordentlicher ist. Ist diese 60 Jahre nach dem offiziellen Beginn des Barock entstandene Fassade in Leoben eine barocke, weil sie eben genau dann entstanden ist? Und sind die Treppe und das Emblem und die merkwürdige Andeutung von Zwiebeltürmen Grund genug, um von einer barocken Kirche zu sprechen, wenn sie doch grundlegende Renaissancearchitekturmerkmale aufweist?

Unter „Barock“ wird architekturhistorisch eine solch enorme Bandbreite an Unterstilen zusammengefasst, dass die Bezeichnung nur bedingt etwas aussagt. Architektur der Spätrenaissance, also manieristische Architektur, weist gewöhnlich mehr barocke Merkmale auf als die angeblich barocke Kirche in Leoben.

Ein weiteres Beispiel, das diese Problematik zeigt: Der Salzburger Dom – also in der Nähe – wurde schon rund 50 Jahre vor der Kirche in Leoben fertiggestellt und eindeutig barock im eigentlichen Sinn gestaltet. Das früher entstandene Bauwerk entsprach also architekturhistorisch einer späteren Entwicklung als die Kirche in Sankt Leoben. Man könnte vermuten, es handelt sich hier weniger um die bloße räumliche Distanz von der Barockgeburtsstadt Rom, sondern um die zeitliche Verzögerung von Neuerungen, bis sie in der Provinz ankommen. So wie man heute noch in der Altmark mit Internetgeschwindigkeiten arbeitet, bei denen sich Bilder im Minutentakt aufbauen. Aber auch dieser Vergleich ist böse, denn vielleicht mögen die Altmärker ja das langsame Internet, weil es mehr Zeit zum Denken lässt als das schnelle Metropoleninternet. Und vielleicht haben sich die Architekten der Leobenkirche ganz bewusst nicht an die aktuellen Vorbilder in Rom und Salzburg gehalten und waren stolz auf ihre vermeintlich rückständige Fassade, die der rationalen Renaissance mit ihrem emanzipatorischen Anspruch mehr Geltung ließ als der blöde Barock.

Seien wir architekturhistorisch Papst Clemens XIV. dankbar, dass er die Jesuiten 1773 verbot. Wäre das nicht passiert, wäre der der ästhetischen Protzerei nicht abgeneigte Orden früher oder später der Versuchung erlegen, die Kirche in Leoben, Bernini und Borromini folgend, hochbarock umzugestalten, so dynamisch und kurvig und vor allem schwelgend, dass uns heute noch schwindlig würde. Das wäre vielleicht auch ganz schön, aber der frühbarocke – oder eben Renaissancezustand mit wenigen barocken Elementen – wäre für immer verloren gewesen.

Es ist, soweit ich das beurteilen kann, ein seltenes Kleinod, das da in Leoben in der sympathischen Steiermark weitgehend unbeobachtet herumsteht.

(Foto: genova 2019)

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Symbolbild zum thematisch „Italienbashing“ preisgünstig abzugeben

Angebote an die Exportabel-Redaktion. Das Mindestgebot liegt bei 100 Lire.

(Foto: genova 2019)

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Es gibt noch guten Journalismus: zwei Beispiele

Gibt es in der sich verändernden Medienszene noch guten Journalismus? Entgegen allem Geunke: ja.

Zwei aktuelle Beispiele.

Die Show Royale von Jan Böhmermann präsentiert regelmäßig wichtige politische Themen in seriöser Darstellung. Nicht seriös in dem Sinn, den wir alten Männer damit verbinden. Voraussetzung für diese spezielle Form der Oberflächlichkeit der Show Royale ist sehr präzise redaktionelle Vorarbeit. Davon kann man bei Böhmermann ausgehen. Es ist ein Wust an Recherche, der durch ein enges Sieb gepresst wird. So bleibt die Essenz übrig, und mehr interessiert die Masse sowieso nicht. Die Essenz wird kurzweilig aufgeführt, mit vielen visuellen Effekten und präzise auf den Punkt gebracht. Genau so funktioniert guter Unterricht, gutes Lernen, bei dem möglichst viel hängenbleibt. Und nichts anderes ist diese zeitgenössische Form von Bildungsfernsehen.

Ob es um den illegalen Sandabbau für Betonherstellung geht, um Nazis in Ostdeutschland, um die lächerliche deutsche Filmbranche, um die rechtsradikalen Querdenker, um den Fake der Homöopathie: Böhmermann verklamaukt das Thema, reduziert in 15 Minuten auf das Wesentliche und erreicht damit Millionen. Verklamaukung bedeutet offenbar nicht nur Belustigung. Es sind visuell ähnliche Effekte wie die bei Rechten und Populisten. Oder es sind auch nur die zeitgenössischen Effekte der sozialen Medien. Aber es funktioniert. Der Kunde ist König.

Die Show Royale ist eine Art Weiterentwicklung der heute-show, die nur vermeintlich aufklärerisch wirkt. Es ist da vor allem der Zeigefinger, der überzeugen soll.

Ob man Böhmermann mag, wie man zu seiner künstlerischen Disposition steht, ist ein anderes Thema. Er wirkt. Die Leute da abholen, wo sie stehen.

Nebenbei fällt auf, dass dieses Format viel aufklärerischer ist als STRG_F, Y-Kollektiv und ähnliche dauerbetroffene Reportageformate der Öffentlich-Rechtlichen für junge Leute, bei denen es vor allem darum geht, die Reporter in den Vordergrund zu stellen. Die stellen sich gerne dumm. Sie sind erstmal ahnungslos und zeigen das. Das soll wohl authentisch wirken. Während Böhmermann sich informiert, bevor er auf Sendung geht, und die Selbstpräsentationsformen der sozialen Medien für die Sache nutzt. Y-Kollektiv et al. haben von den sozialen Medien übernommen, dass die Kamera auf die Journalisten selbst gerichtet sein muss. Es ist die typische Ausdrucksweise von Narzismus und Egozentrik: Man läuft mit einer Kamera in der Hand durch eine Stadt, die man angeblich vorstellen will, zeigt dabei aber nur dauernd sein Gesicht.

Negativ könnte man bei der Show Royale anmerken, dass finanzpolitische Themen nicht angefasst werden. Ob es um Rente geht oder Euro, um Gentrifizierung oder Finanzmärkte: Der Niedergang des kritischen Journalismus in diesen Feldern macht auch nicht halt. Und dass Gentrifizierung noch kein Thema war, ist mehr als bedauerlich. Auch Themen wie Vermögensverteilung, Kapitalismus als Sozialdarwinismus, also das Grundsätzliche, müssten in den Fokus. Denn ein Böhmermann taugte natürlich auch als Hofnarr.

Das zweite Beispiel für guten aktuellen Journalismus ist die Recherchearbeit des Tagesspiegel und im Hintergrund agierender Recherchenetzwerke zur Gentrifizierung, aber auch zu den Querdenkern. In Bezug auf das letztgenannte Thema würde ich dazu auch die Facebookgruppe Friedensdemo-Watch zählen, wobei ich nicht weiß, ob es da persönliche Kontakte gibt. Es geht jedenfalls um das, was man gemeinhin Querfront nennt: Rechtsradikale wie Jürgen Elsässer oder die Querdenker, die vorgeben, sich politisch neutral nur um das Wohl des Volkes zu kümmern.

Wie wichtig diese Recherchearbeit ist, zeigen die Teilnehmerzahlen bei den Querdenkerdemos. Wo man vor ein paar Jahren noch vermutet hätte, dass das nur eine Handvoll politisch Verwirrter anzieht, zählt man heute auch mal 50.000 verblendete Menschen.

Dass es so viele gibt, liegt an der Raffinesse, mit der die Querdenker und deren Umfeld vorgehen. Aktuelles Beispiel ist #allesdichtmachen. Offenbar wussten die allermeisten teilnehmenden Schauspieler nicht, dass die Aktion wohl

Teil einer größeren Kampagne ist, die eine antidemokratische Agenda verfolgt.

wie der Tagesspiegel schreibt. Immerhin haben nun viele ihre Beiträge zurückgezogen, nachdem sie bemerkt hatten, wessen Geschäft sie da bedienen.

Dieser hochinteressante Tagesspiegel-Artikel erläutert ausführlich die Zusammenhänge zwischen Wortführern, die in Zusammenhang mit Querdenken und deren Umfeld stehen, und Schauspielern. Ob es der merkwürdige Notarzt Paul Brandenburg ist oder der neurechte Youtuber Gunnar Kaiser, die Aktivisten des „Corona-Ausschusses“, die Schauspieler Nina Proll und Volker Bruch oder der Regisseur Dietrich Brüggemann. Proll war tatsächlich Gast dieser Verschwörerveranstaltung „Corona-Ausschuss“. Wer da mitmacht, weiß, was er tut oder er sollte es wissen. Das geht dann nahtlos über in die Formate von Ken Jebsen und anderen einschlägig bekannten Aktiven.

Ohne diese Zusammenhänge momentan wirklich exakt benennen zu können: Das, was von Journalisten bisher herausgefunden wurde, ist vielsagend. Die dämlichen Reaktionen von Jan Josef Liefers auf die Kritik ebenfalls.

Als Hintergrund dieser verwirrten Verhältnisse kann man wohl ganz allgemein die neoliberale Ideologie ausmachen, die Begriffe wie „Freiheit“ und „sozial“ und deren Verhältnis zueinander pervertiert haben. Kritik an denen da oben erfordert immer den kritischen Blick aufs eigene Umfeld. Sich nicht von der vermeintlichen Elitenkritik der Rechten abzugrenzen, ist ein no go. Doch wer soll angesichts der jahrzehntelangen Enteinzelung noch durchblicken? Seien wir also gnädig. Die Leute da abholen, wo sie stehen.

Auch in diesem Sinn wünsche ich einen nachhaltigen 1. Mai.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 585

(Foto: genova 2013)

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