Wertvoller Hinweis an alle Architekten:

(Foto: genova 2020)

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Architektur und Alltag 13

Ein aufgegebenes Industriegebäude im Südosten Berlins, genauer gesagt, in Oberschöneweide. Hier schlug einst ein industrielles Herz der DDR. Mittlerweile stehen hier einige Ruinen, aber es entsteht auch viel Neues, darunter eine Universität.

Es ist ein sehr angenehmes Areal: ein neu gestalteter Platz direkt an der Spree, weitläufig und vor allem nicht herausgeputzt, nicht totgestaltet, sondern mit Brüchen, mit Flecken, mit Unwägbarkeiten, die die wechselvolle Geschichte dieser Gegend einbeziehen.

Das abgebildete Gebäude ist faszinierend, weil es kaum beschreibbar ist. Eigentlich sehen wir nur die kurze Seite eines langgezogenen Riegels. Wir haben links und rechts zwei Ecktürme, vielleicht Versorgungstürme, dazwischen ein undefinierte Fassade. Vielleicht war sie einmal komplett mit hellem Wellblech verkleidet. Das wurde später zur Hälfte abgenommen, dahinter kam eine differenzierte Gestaltung mit Fenstern, Fensterbändern zustande. Oder es ist gar eine gläserne Vorhangfassade, die nur nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar ist, denn die Glasflächen sind kleinteilig strukturiert.

Die Fassade hat auch etwas von einem abstrakten Gemälde.

Das Gebäude lässt einen also ratlos zurück. Man findet im eigenen Kopf kein Schema, das sich zur Erklärung verwenden ließe, keine Schablone, die man aufpressen könnte. Gerade das macht es natürlich interessant.

Solche Gebäude sind ein Segen. Verlassen, ihrer Funktion beraubt, stehen sie in ihrer unprofessionellen Schönheit da und warten darauf, von verständigen Ästheten entdeckt zu werden. Das geht vielleicht schnell, vielleicht dauert es auch hundert Jahre. Hierzulande haben unzeitgemäße Gebäude kaum eine Chance, sie werden abgerissen. Auch der Klotz im Bild ist gefährdet, denke ich, denn Oberschöneweide will sich herausputzen. Ich sehe schon die Koalition von Spießbürgern und Kapital mit der Forderung, dass man da doch unbedingt etwas machen müsse. „Schandfleck“ ist ein beliebter Begriff in diesem Zusammenhang.

Direkt daneben befindet sich das Abspannwerk Oberspree, das unter Denkmalschutz steht. Hoffen wir, dass das deutsche Gemüt auch mit dem weniger ansehlichen Nachbarn verständnisvoll umgeht.

(Foto: genova 2020)

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Architektur und Alltag 12

Ein Haus, drei Etagen, sechs Fenster (drei, zwei, eins) und allen Ernstes vier unterschiedliche Fensterformate. Daraus resultiert die bemühte, aber doch nicht konsequente Symmetrie der Fassade. Es ist alles falsch symmetriert. Man achte nur auf die Beziehung des mittleren Fensters in der unteren Reihe mit dem Fenster ganz oben: Knapp daneben ist auch vorbei. Freunde seriellen Bauens bekommen ein Magengeschwür und stellen ihr Dogma infrage.

Bemerkenswert ebenfalls, dass die Bewohner die Rollläden gerne geschlossen halten. Was mag sich dahinter abspielen?

Ein merkwürdiges Bild, eine merkwürdige Fassade. Dieses subtile Hintergehen gewohnter Symmetriegesetze in einem relativ jungen Haus kannte ich bislang nicht. Wurde hier unabsichtlich kaum spürbar daneben gebaut? Oder war ein Genie am Werk? Vielleicht sind es gar, bei exakter Messung, nicht vier, sondern sechs unterschiedliche Fensterformate. Es sollte in Architektur- oder, besser noch, Kunstzeitschriften besprochen werden.

Je länger man es betrachtet, desto mehr verdichtet sich der Eindruck, das hier der aktualisierte Norman Bates wohnt. Seine Mutter sitzt ganz oben, unterm Dach, und schaut raus.

Es lebe die anonyme Architektur.

(Foto: genova 2020)

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Karl Lauterbach und die Vernunft in der Politik

Ein zwar langes, aber sehens- und hörenswertes Interview von Jung und Naiv mit Karl Lauterbach. Es bestätigt meine in den letzten sechs, sieben Monaten entwickelte Vermutung, dass es sich hier um einen guten und seriösen Politiker des Bundestags handelt: Bescheiden, konstruktiv, unprätentiös, uneitel, an Fakten orientiert und er gibt Fehler zu. Ich verstehe nun auch, warum er einen Dissens mit Streeck hat. Es geht vor allem um Prognosen, also um etwas, bei dem eh keiner etwas bestimmt behaupten kann.

Lauterbach ist einer, der seine Haltung zu Corona seit dem Ausbruch differenziert weiterentwickelt hat. Er ist zwar kein Redner vor dem Herrn, aber vielleicht hält ihn genau das zurück, es zu übertreiben. Keinerlei Demagogie und kein Narzissmus. Ich weiß nicht, welche Standpunkte Lauterbach sonst nocht vertritt, seine SPD-Mitgliedschaft macht ihn nicht gerade unverdächtig. Seine Art des Auftritts ist überzeugend, sowohl formal als auch argumentativ, das ist nicht das Schlechteste.

Lauterbach plädiert in dem Interview für die Freigabe von Cannabis, eventuell auch für die Freigabe von Kokain, für ein totales Tabakwerbeverbot, für die teilweise Rekommunalisierung von Krankenhäusern, für eine Vermögenssteuer, für höhere Einkommenssteuern für Gutverdiener und derzeit vor allem für eine an wissenschaftlichen Grundsätzen orientierte Coronapolitik. Für letzteres wird er von sogenannten Kritikern im Umfeld der Covidiotie angepöbelt und seine Familie bedroht, aber auch von vermeintlichen Freiheitskämpfern wie dem FDP-Kubicki verunglimpft. Lauterbachs Ex-Frau, auch eine Medizinerin, behauptete übrigens im August, ihr Mann sei vor allem Politiker, sie hingegen Expertin. Sie behauptete auch noch, die Pandemie sei vorbei und Maßnahmen überflüssig. Wer Recht hatte, weiß man nun, wenn man nicht völlig verstrahlt ist.

Der Hass, den man im Netz gegen Lauterbach erlebt, scheint mir gerade in seinen positiven Eigenschaften, in seiner Seriosität zu liegen. Die sogenannten Kritiker spüren, dass sie ihm nicht das Wasser reichen können. Sie können inhaltlich keinen Punkt machen. Genau deshalb hassen sie ihn. Wäre er ein Führertyp, sie hassten ihn weniger.

Lauterbach in der Politik und Drosten in der Wissenschaft: Hätten wir mehr solcher Kombinationen, es liefe besser.

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Seltsames Berlin 8

(Foto: genova 2020)

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Die FAZ, der Papst und der christliche Kapitalismus

Die FAZ ist eine Qualitätszeitung. Keine Ausgabe ohne neue Einsichten, was vor allem auf die ausführliche Auslandsberichterstattung zurückzuführen ist. Andererseits gibt es in fast jeder Ausgabe dümmliche kapitalistische Propaganda, also Artikel, deren Unterkomplexität offen zutage tritt. Vielleicht geht kapitalistische Propaganda auch gar nicht anders als unterkomplex.

Zu erleben war das kürzlich (10.10., S. 20) in einem langen sechsspaltigen Beitrag von Johannes Pennekamp über die angebliche Kapitalismuskritik des aktuellen Papstes.

Tenor: Der Papst kritisiert ungerechtfertigterweise unser kapitalistisches Wirtschaftssystem, obwohl das doch alternativlos ist. Kapitalismus schafft Wohlstand.

In seiner gerade veröffentlichten Sozialenzyklika „Fratelli Tutti“ zementiert Franziskus seinen Ruf als Feind der Marktwirtschaft. Er wettert gegen skrupellose Finanzspekulation, neue Technologien und die Unterdrückungsmaschine Globalisierung. In den Augen vieler ist der Papst damit ein Radikaler im weißen Gewand. Will der Geistliche die sozialische Revolution?

Die Frage an sich ist blöd. Der Papst will sie natürlich nicht, denn dann würde das Kirchenvermögen konfisziert. Es ist für die FAZ aber offenbar wichtig, den mächtigen Papst als Sozialisten zu präsentieren, damit die aufgeregte Leserschaft weiß, wie schlimm es um uns steht.

Atemberaubend, wie unbeirrt Pennekamp den Kapitalismus reinzuwaschen versucht. Der Kapitalismus habe bei Katholiken – katholische Soziallehre, Herz Jesu – früher „sehr hoch im Kurs“ gestanden, davon sei nun nichts mehr zu spüren. Die neoliberale Agenda wird von Pennekamp schlicht ignoriert. Sie passt nicht ins Narrativ des Kapitalismus als einzig sinnvollem Wirtschaftssystem.

Antikapitalistische Propaganda, vermutlich vom Papst initiiert:

Vollends skurril wird es mit Peter Schallenberg, der nun im Artikel auftritt. Schallenberg ist Professor für Moraltheologie und Ethik in Paderborn und hat einen guten Draht zum Papst. Es gebe „kein besseres Wirtschaftsmodell, um Wohlstand zu schaffen, also sollten wir es behalten“. Er versuchte nach eigener Aussage, Franziskus bei der Ausarbeitung der Enzyklika zu beeinflussen, doch „ich bin letztlich damit nicht durchgedrungen“.

Schallenberg sagt auch:

Die Soziale Marktwirtschaft ist das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das dem christlichen Menschenbild am besten entspricht“.

So reden deutsche Moraltheologen im Jahr 2020.

1933 waren führende deutsche Christen der Meinung, der deutsche Faschismus entspreche dem christlichen Menschenbild am besten. Wer blickt da noch durch?

Schallenberg ist in Rom Berater „für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen“, kein Scherz.

Pennekamp erinnert sich sehnsüchtig an Johannes Paul II. Der habe den Kapitalismus noch als „ein Wirtschaftssystem bezeichnet, das die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums“ anerkenne.

Kapitalismus ist gut, das ist die nicht hinterfragbar Grundidee. Dafür müssen sämtliche Erkenntnisse zum Thema von Marx bis Zizek über Bord geworfen werden. Resultat ist vorgetäuschte Ahnungslosigkeit: Ausbeuterische Zustände in produzierenden Ländern? Die Bundesregierung plant ein neues Lieferkettengesetz. Monopolbildung? Die Wirtschaftswissenschaften haben das Problem erkannt. Zu wenig Empathie für Schwache? Mehr Empathie kann zu venezuelanischen Verhältnissen führen.

Wer ist dieser Johannes Pennekamp? 1983 geboren, Studium der VWL, jetzt FAZ-Wirtschaftsredakteur. Pennekamp scheint die Vermutung zu bestätigen, dass Wirtschaftswissenschaften in Deutschland Hokuspokustudiengänge sind. Man wird von Anfang an hochidelogisch und unterkomplex informiert. Hier von einem Studium zu sprechen, ist schon gewagt. Pennekamp dürfte den Kram, den er schreibt, tatsächlich glauben.

Stellen wir uns vor: Der kleine Johannes hatte eine Schulfreundin, Johanna, die sich entschied, Muslima zu werden. Er wurde kapitalismusaffiner Journalist und glaubt nun an den Gott des Kapitals, sie wurde strenggläubige Muslima und glaubt nun an den Gott im Himmel. Beides ist intellektuell nicht ernstzunehmen, denn beide Welten bestehen aus unbegründeten Behauptungen und willkürlichen Schlussfolgerungen, denen aber unbedingte Autorität zugesprochen wird. Der kapitalgläubige Johannes jedoch wird hierzulande tatsächlich als Intellektueller betrachtet, Johanna in ihrem Glauben – völlig zurecht – intellektuell nicht ernstgenommen. Dabei sind beide ähnlich unterkomplex und fantasiegestützt. Wobei man vermuten könnte, dass der Koran vielfach komplexere und interessantere Gedanken enthält als jedes Werk der Österreichischen Schule.

Kritikern dieser Konstallationen dräut, wie man sagt, nichts Gutes: Der Kapitalismuskritiker steht im Verfassungsschutzbericht und ist damit aus der Gesellschaft mit all ihren Möglichkeiten hinauskatapultiert. Der Islamkritiker steht auf Abschusslisten Empörter und muss um seinen Kopf fürchten.

Der Zusammenhang ist zu vermuten: Je intensiver in einer Gesellschaft die Anbetung des Kapitals sich manifestiert, desto intensiver wird auch der religiöse Gott angebetet. Der intellektuelle Analfabetismus auf beiden Seiten befruchtet sich. In den USA ist man da schon weiter als bei uns.

Der Vollständigkeit halber: Der Papst ist natürlich kein ernstzunehmender Kapitalismuskritiker. Dennoch: Er ist eine gewichtige Stimme. Und wie sollte man denn anders argumentieren angesichts der Fakten: Zunehmende Ungleichheit, perverse Reichtumsanhäufungen, miese Renten, Gentrifizierung, Umweltzerstörung, fehlende Grundsicherungen, umfassende Konkurrenz zu Lasten der weiter unten, extreme Ausbeutung in weiten Teilen der Welt und überhaupt der immer weiter fortschreitenden Entfremdung der Menschen und der totalen Lüge. Der Papst kritisiert immerhin die kapitalistische Totalität, die komplette Erfassung des Seins.

Die FAZ weiß schon, warum sie solche Artikel veröffentlicht. Wehret den Anfängen.

(Fotos: genova 2020)

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o.T. 566

(Foto: genova 2018)

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Architektur und Alltag 11

Sachen gibt´s:

Ein recht gewöhnliches Haus, das der Eigentümer an zwei Seiten um die Ecke aufbrach und dort eine recht ungewöhnliche Vollverglasung einpflanzte. Die Fassung dieses Einbaus ragt weit heraus, kragt geradezu aus. Funktional ist das Ganze wohl vermurkst: Man hat weder einen Balkon, noch einen größeren Innenraum. Dafür fällt man auf. Wobei der Innenraum vielleicht vorher eine Dachschräge hatte, die nun entfällt. Dieser Einbau in einen Teil des Satteldaches hinein ist in der Tat bemerkenswert. Es dürfte ein erheblicher Aufwand gewesen sein.

Die massive Umrandung scheint einen weitgehend optischen Effekt zu haben: Seht her, ich bin etwas besonderes. Ein eye catcher. Aber so schafft es das Haus immerhin, in diesem weltbekannten Blog besprochen zu werden.

In scharfem Gegensatz zu dem Einbau ist der Zustand der Fassade zu sehen. Alte Schieferplatten, die zum Teil weggehauen wurden. Es sieht so aus, als ob das Haus nachträglich um ein Stockwerk erhöht wurde.

Man fragt sich, was da noch kommen mag.

(Foto: genova 2019)

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Ganz normale Familien

Aufklärung vom Feinsten: Jan Böhmermann über Reichtum in Deutschland und der Welt und über Covidioten:

Man hat das Gefühl, dass Aufklärung in Form von Satire die effektivste ist. Andererseits vielleicht leider mit dem Effekt, dass die Aufgeklärten die Welt als Satire sehen.

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o.T. 565

(Foto: genova 2016)

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