Wodurch ist Provokation noch möglich?

Durch Kopftücher, durch Schwarze, die Einlass in die EU fordern, durch Burkas, durch verlorene Spiele der DFB-Auswahl, Hassrap und durch in den Himmel ragenden Busse in Dresden.

Das sind die Themen, die die Menschen, wie man sagt, interessieren. Nazis mitten in Berlin provozieren auch noch, ein bisschen.

Alles andere, was Provokation sein möchte, ist nur Spektakel. Und Spektakel ist heute ein anderes Wort für den Versuch der Renditebildung und somit der Kapitalakkumulation.

Eine Ausnahme gibt es noch: Für einen Berliner ist auch sowas hier – naturgemäß nicht in Berlin aufgenommen – so eine Art Provokation, zumindest kommt einem der Gedanke:

Eine weiße Wand, ohne Tags. Respekt und keine Angst vor einer weißen Wand. In Berlin unvorstellbar.

Die Provokation führt in der Nach-68er Zeit fast notwendig in die Renditebildung. Nichts, wodurch sich nicht noch mehr Geld verdienen ließe. Von Kunst brauchen wir nicht mehr zu reden.

Der Nachwuchs der linken 68-er Eltern in Kreuzberg hat es schon länger kapiert. Die sind ziemlich angepasst.

In der Architektur gilt das Gleiche. Dekonstruktivismus als vermeintliche Provokation ist die affirmativste Art der Formbildung überhaupt. Es macht etwas her, ist vermeintlich nicht angepasst und immer und zu allem zu gebrauchen. Man müsste sich einmal über die Anfänge dekonstruktivistischer Architektur Gedanken machen. Derrida lieferte die Theorie und Koolhaas, Hadid, Libeskind, Coop Himmelblau und Gehry bauten. Die Namen stehen heute für die totale Affirmation des Bestehenden, vielleicht mit Ausnahme des Erst- und mit einem Dreh ins Neolibertär-Sozialdarwinistische beim Zweitgenannten. Unter Umständen könnte die Form wieder provozieren, wäre sie mit einem widerständigen Inhalt verbunden.

Nur geträumt.

(Foto: genova 2018)

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Vom Figürlichen zur Abstraktion

Cornelius Völker, Schwimmer, 1996, Öl auf Leinwand, 150 x 221

Im Detail:

Dieses Bild hing kürzlich im sehr angenehmen Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen, der sympathischen Rheinmetropole im Südwesten unseres Vaterlandes. Wie überhaupt eine Stadt wie Ludwigshafen ein ganz hervorragendes Reiseziel für jeden an Städten interessierten Menschen – also naturgemäß nur für ein paar Prozent der Bevölkerung – darstellt. Es geht dort den Bach runter, aber daraus entstehen nette Initivativen und Neues, authentisch, wie man sagt, und es gibt viel interessante Nachkriegsarchitektur, die nicht dem Druck der Weiterverwertung unterliegt. Eine Fußgängerzone mit vielen leerstehenden Geschäften ist einerseits in der Tat eine Fußgängerzone mit vielen leerstehenden Geschäften, andererseits in kapitalistischer Umgebung auch ein Refugium, ein Hort für den Menschen an sich. Die Zeit bleibt ein wenig stehen. Aus Trendzonen Berlins kommend wirkt sowas sehr positiv. Dazu fließt durch Ludwigshafen der Rhein, ohne Zweifel der sympathischste Fluss Mitteleuropas.

Cornelius Völker, den ich vor meinen Ludwigshafenbesuch nicht kannte, scheint einer von denen zu sein, die sich nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen darüber, ob man nun figurativ oder abstrakt zu malen habe, für beides entschieden haben. Der Schwimmer paddelt in einer giftig-grünen Brühe, vielleicht der Rhein in BASF-Nähe.

Vielleicht ist das Bild nicht sonderlich originell, vielleicht ist es eine Weiterentwicklung der Expressionisten, ich weiß es nicht. Es gefällt in Verbindung des Unsicheren, Kranken, Giftigen, Wabernden, Bedrohenden mit dieser flüchtigen Maltechnik, die all das unterstreicht, fördert.

Faszinierend bei solchen Bildern zwischen Figurativ und Abstrakt ist das Phänomen der Auflösung, wenn man näher kommt. Der Schwimmer zerlegt sich zuerst in seine Einzelteile und ist beim noch näher drangehen gar nicht mehr vorhanden. Das einzige, was bleibt, ist seine Bademütze.

Ein Bild über das Phänomen der Auflösung hängt in einer Stadt der Auflösung: Beides kann man als Neuordnung interpretieren und so ist alles gut.

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(Darf man so ein Bild aus dem Museum eigentlich fotografieren und in einen Blog stellen? Die verwaltete Welt hat auch darauf sicher eine Antwort. Vermutlich eine regressive.)

(abfotografiert von genova 2017)

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Die 1990er: Vom schlimmsten Jahrzehnt und seinen Helden

Katja Kipping in ihrer Rede auf dem Leipziger Parteitag der Linken:

Das sind jene, die nach 89 sich nicht damit abfinden wollten, dass der  Kapitalismus das Ende der Geschichte ist. Unsere Partei verdankt euch so viel. Dass es uns überhaupt noch gibt, ist zuallererst das Verdienst jener lebenserfahrenen Genossinnen und Genossen, die damals nicht dem Zeitgeist nachgegeben haben.

Da hat sie mal recht. Wenn ich zurückdenke an die Neunziger: Man führte ausschließlich reaktionäre, rechte und vor allem völlig sinnlose Diskussionen. Ossi gegen Wessi, mit souveräner Missachtung aller soziologischer Erkenntnisse. Die Wessis waren damals die Ossis und die Ossis waren die Flüchtlinge von heute. Wahrscheinlich sind die Ostdeutschen heute deshalb so drauf.

Dann kamen die Börsengurus, im Zuge der allgemeinen neoliberalen Ausrichtung von Politik und Gesellschaft, die ja immer auch eine Verblödung, eine ökonomische Analphabetisierung bedeutet. An der Börse werden alle reich und die Börse versorgt uns mit einer guten Altersrente. Daran glauben wohl immer noch viele. Politiker hängten sich sofort dran und führten die unausgesprochenen Befehle des Kapitals durch: Rentenprivatisierung, wie man das nannte, und Privatisierung von Lebensvorsorge und Daseinsvorsorge allgemein. Der Privatisierungsbegriff wurde damals vielleicht erst erfunden, ein genialer Schachzug. Solide Verhältnisse zu ausbeutbaren machen, Strukturen der Renditelogik unterwerfen, nennt man „privatisieren“. Privat klingt so heimelig. Die Medien, vor allem die seriösen und die staatlich finanzierten, führten die Massen in die Geheimnisse der Börse ein. In dieser Zeit entstand auch die vierfache Gleichung: Geht es der Börse gut, geht es der Wirtschaft gut, geht es dem Land gut, geht es den Menschen gut.

Zwischendrin irgendwo: Die Verkündung des Endes der Geschichte. Das ist auf dem intellektuellen Level, der Erde zu attestieren, sie sei flach, nicht rund. Aber damals nahm man das ernst.

Man schaut heute geradezu ungläubig auf diese verrückte Zeit zurück.

Und in dieser Zeit gab es tatsächlich Menschen, die nach wie vor auf die Gültigkeit von Marx hinwiesen, auf die perfide und alleszerstörende Macht kapitalistischer Logik, die, für damalige Verhältnisse revolutionär, darauf hinwiesen, dass Geld nur Gültigkeit haben kann, wenn dafür Arbeit geleistet wird. Man hörte sie nicht, sie bekamen keine Sendeplätze, sie machten dennoch ihren Streifen. Robert Kurz fällt mir spontan ein, aber es sind unzählige, die ihr Wissen und ihren Elan aus den Siebzigern und Achtzigern (und vielleicht noch aus früheren Zeiten) herübergerettet haben und die es schlicht besser wussten.

Gibt es überhaupt schon historische Forschung zu diesem Jahrzehnt? Dem schlimmsten vermutlich direkt nach der Hitlerzeit, wie man sagt. Modetechnisch allerdings gab es Fortschritte, das soll nicht verschwiegen werden.

Wir bauen den unbekannten Sozialisten und den lebenserfahrenen Genossinnen der 1990er Jahre ein Denkmal, einen Platz, der Besinnungsbereiten zur Andacht und zur Weiterentwicklung des Sozialismus, des Kommunismus und anderer humaner Projekte dienen könnte.

Vielleicht das hier umnutzen, ergänzt um ein Café mit Diskussionsanspruch:

(Foto: genova 2018)

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o.T. 438

(Foto: genova 2018)

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Mussolini und das Metaphysische

Über Architektur lässt sich bekanntlich einiges an gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen visualisieren, besonders, wenn die Gebäude noch stehen. Ein Beispiel dafür sind die Städte und Städtchen, die von Mussolini in vielen Gegenden Italiens errichtet wurden. Es ist dort weithin moderne Architektur entstanden, Bauhaus-like, was den ahnungslosen Betrachter aus Deutschland nicht an Faschismus denken lässt, sondern schlicht ans Neue Bauen.

Der immer lesenswerte Architekturkritiker Niklas Maak schrieb schon 1999 in der Süddeutschen Zeitung (14.8., S. 13) über den Ort Sabaudia, gelegen zwischen Rom und Neapel, den Mussolini in eine sumpfige, dann trockengelegte Landschaft setzen lies. Sabaudia war ein Symbol für den Fortschritt: Einst malariabringende Feuchtigkeit, jetzt eine Ordnungsvision. Maak schreibt: In Sabaudia

„sollte es nichts als gerade Linien und Reinheit und leere weiße Räume geben. Wäre man je auf die Idee gekommen, de Chiricos Schattenwelten in Lebensgröße zu bauen, sie hätten ausgesehen wie Sabaudia. Nirgendwo spürt man den desinfektorischen Furor der Moderne so sehr wie hier. Die verworrenen Gassen von Rom, schrieb er französische Architekt Auguste Perret 1940 in seinem Werk ´Mussolini Batisseur`, seien nur Abbild einer sozialen Krankheit, und Mussolini habe diese Krankheit zerschlagen mit seinen großen, großartigen Achsen.“

Interessant, dass de Chirico und Perret genannt werden, die noch niemand der Faschismusnähe bezichtigt hat. Wieso auch? DeChirico malte reine, klare, ans Metaphysische erinnernde Stadtansichten, Perret hat frühe und großartige Gebäude aus Stahl- bwz. Eisenbeton errichtet. Dass die verworrenen römischen Gassen eine soziale Krankheit seien, wirkt heute überaus befremdlich, aus der damaligen Zeit heraus verständlich.

Faschistische Orte weiter im Norden, in der Poebene, von denen es dort einige gibt, sehen nicht so gerade und rein und weiß aus, wohl auch, weil der Zahn der Zeit, wie man sagt, an ihnen nagte und nagt, sind aber immer noch gut als in der Moderne entstandene erkennbar. Beispielsweise in Tresigallo, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Ferrara und der Po-Mündung. Tresigallo war die Heimat Edmondo Rossonis, der unter Mussolini eine Weile Landwirtschaftsminister war. Vorher war er interessanterweise Mitglied der Sozialistischen Partei. Er hatte offenbar großen Ehrgeiz, den Ort komplett umzugestalten. Heraus kam ein Museum des italienischen Rationalismus:

Es erinnert ein wenig an das, was man in Deutschland „Neues Bauen“ nannte. Fenster über Eck, dynamische, runde Ecken, in- und übereinandergesetzte Kuben, fehlende Sockel, Bullaugen, schmale Gesimse, die als Ornamente fungieren, schmale Laibungen, Flachdächer und ein Kreisverkehr, dem die anliegenden Gebäude sich mit Schwung anpassen. Kein Vergleich zur NS-Architektur, mit Ausnahme vielleicht des Campo-Sportivo-Gebäudes.

Es soll hier naturgemäß nicht um eine Relativierung der Mussolini-Diktatur gehen, dennoch ist der Unterschied zum Nationalsozialismus enorm, politisch wie ästhetisch. Der Anschluss Hitlers an moderne Architektur war ideologisch nicht möglich: nicht deutsch genug, zu elegant, zu wenig bodenbezogen, zu wenig Sockel, zu sensitiv. Die casa del fascio von Terragni gilt als Paradebeispiel der Verbrüderung oder Verschwesterung von rationaler Architektur und Faschismus. Stimmt, der Rationalismus war offenbar an den Faschismus anschlussfähig, aber eben nicht an den Nationalsozialismus. Nazis haben sehr begrenzt in abgelegenen Industriebauten moderne Attribute verwendet, einfach, weil es praktischer war. Es gab aber keine ästhetische Annhäherung. Moderne Architektur war entartete Baukunst.

In Deutschland ist Nazi-Architektur entweder das Gigantomane – so als italienisches Pendant vielleicht und mit großen Abstrichen der römische Stadtteil EUR genannt werden kann – oder Heimattümelei: kleine Fenster, massive Sockel, lächerliche Details,  abstoßend und langweilig zugleich. Siedlungen, bei deren Betrachtung man sich die Geisteshaltung seiner Bewohner vorstellen kann. Blogwarte. In Italien gibt es diese Entwicklung nicht.

Vielleicht sieht man hier einen Unterschied zwischen dem aktuellen Erfolg der Lega Nord in Italien und der AfD in Deutschland. Was in Italien nur halb so heiß gegessen wie gekocht wird, kann in Deutschland naturgemäß anders ausgehen. Kein deutscher Faschist ohne das „Wir sind die Besten“, ohne die Erhebung über alle Nichtarier, was ansatzweise schon im deutschen Durchschnittsbürger steckt und aktiviert werden kann. Vielleicht sollte Deutschland in dem Moment, in dem eine rechtsradikale Partei im Parlament sitzt, unter UNO-Verwaltung gestellt werden. Blauhelme und so.

Einigermaßen vergessen ist ja, dass im Zweiten Weltkrieg haufenweise norditalienische Städte bombardiert wurden – nach der italienischen Kapitulation. Warum? Weil Deutsche es für nötig hielten, auch dort nach 1943 ihren Widerstand zu leisten. Das Gedenken an die italienischen Partisanenopfer ist nach wie vor lebendig, nicht in Deutschland, aber in Norditalien. Ein Besuch im Resistenza-Museum in Bologna lohnt.

(Fotos: genova 2017)

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Preiswert abzugeben: Symbolfoto für alle Gender- und Sexismusdebatten

(Foto: genova 2017)

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Fachwerk und Faschismus (2): Die Reaktionen

Die Reaktionen auf Trübys Artikel über die Hintergründe der neuen Frankfurter Altstadt – ich habe hier darüber berichtet – ließen nicht lange auf sich warten. Wolfgang Hübner selbst meldete sich bei pi-news zu Wort. Interessant ist in diesem Artikel die typisch neurechte Verdrehung von Realitäten:

Die kurz vor der Fertigstellung stehende Neue Altstadt in Frankfurt am Main war und bleibt ein Hassobjekt jener mächtigen elitären Schicht von modernistischen Architekten und Planern, die großen Anteil an der „Unwirtlichkeit unserer Städte“ in Deutschland zu verantworten haben.

Diese mächtige und „elitäre“ (offenbar ein Schimpfwort) Schicht hasst, was auch sonst. Allerdings ist sie offenbar nicht mächtig genug gewesen, die Altstadt zu verhindern. In selbe Horn stößt Hübners Versuch, den rechten Journalisten Wolfschlag als aufrechten Underdog zu platzieren:

Im Gegensatz zu seinem als Professor wohlbestallten Denunzianten Trüby hat sich Dr. Wolfschlag für den schweren Weg des aufrechten Gangs in diesem weit nach links gerutschten Land entschieden.

Wolfschlag als Vertreter des Volkes, des Pegidavolkes vermutlich, als Gegenspieler des von der mächten Elite rundumversorgten Professors. So geht Legendenbildung, die wichtig ist fürs rechte Selbstverständnis: Wir sind das bedrohte Volk, bedroht von den eigenen Eliten. Trüby ist im weiteren ein „Denunziant“, der weiterhin dem „Schuldkult“ fröhnen will, die sich in einer „Sühnearchitektur“ ausdrückt. Eine nette Verschwörungstheorie: Moderne Architektur ist für den aufrechten Deutschen allerorten ein Zeichen, dass die bösen Besatzer uns immer noch unterdrücken. Die Altstadt dagegen ist vermutlich deutsch.

Andererseits nicht nur eine Verschwörungstheorie, sondern gelebter und mittlerweile üblicher Rechstradikalismus. Der Schuldkult hat architektonisch die Form von Sühnearchitektur angenommen. Kamerad Hübner denkt vermutlich sehnsüchtig an die Ordensburgen.

arch+, wo Trüby auch publiziert, schreibt zum Thema:

Es geht also mitnichten lediglich um eine Architekturdebatte, wie es die Protagonisten dieser Szene weismachen wollen. Es geht eindeutig um Politik. Um eine Politik, die die Entfesselung eines wütenden Mobs bewusst miteinkalkuliert, wie zahllose Drohbotschaften an unseren Autor bezeugen.

Davon abgesehen zeigt schon die Pi-news-Überschrift die intellektuelle Katastrophe Hübners:

Sind schönere Städte „rechtsradikal“?

Der Schönheitsbegriff ist hier einer, auf den das „Volk“ exklusiven Zugriff hat. Das Volk hat die Vorstellung von Schönheit gewissermaßen im Bauch. Die Elite wiederum will uns Abscheulichkeiten aufzwingen. Der Schönheitsbegriff in Korrelation mit Geschichte, Zeitgeist, ökonomischen Zuständen, Hierarchien, Entfremdung, Entwicklung, mit Dynamik, spielt hier keine Rolle. Schön ist das, was uns momentan gefällt und was in dieser Ideologie 1000 Jahre lang gültig ist. Deutsche Schönheit also in der Altstadt,

auf [deren] offizielle Eröffnung Ende September sich bis auf Jutta Ditfurth und die linksextreme Szene ganz Frankfurt freut.

Ein doch recht plumper Versuch der Umkehr. Wer sich kritisch zur rekonstruierten Altstadt äußert, ist linksextrem. Trüby ist laut Hübner übrigens „Luxusantifaschist“. Das ist in diesen Kreisen ein Schimpfwort.

Als schlicht dumpf kann man den Beitrag von Roland Tichy im Internetblog Tichys Einblick einstufen. Im angeblich „liberal-konservativen Meinungsmagazin“ berichtet der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche über den Trüby-Artikel unter Heiterkeit erzeugenden Überschrift „Jagd auf Rechte: Jetzt sind die Fachwerkhäuser dran!“:

Diesmal trifft es … die Altstadt von Frankfurt und deren Liebhaber, die eine rechtsradikale Verschwörung bilden.

Entkontextualisierte Information nennte man sowas wohl. Zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Kritik reicht es bei Tichy im Folgenden nicht, dafür schwadronieren seine Leser unter dem Artikel über „Kulturbolschewismus“ und „nach Nordkorea abschieben“. Interessant, dass auch Architektur, nicht nur Ausländer, die Kameraden entzürnen kann. Hübner, Tichy und ähnlich Gelagerte agieren in bekannter Art: Wir sind das Volk, die schweigende Mehrheit, und werden von einer kleinen vaterlandsfremden, antideutschen Elite unterdrückt.

Mehr Gewicht hingegen hatte die Entgegnung auf Trüby von Dankwart Guratzsch, dem Architekturkritiker der Welt. Unter der sinnfreien Überschrift „Faschistisches Fachwerk“ (in der Druckausgabe gelesen)  versucht Guratsch vor allem, Trüby lächerlich zu machen. „Was für ein himmelschreiender Skandal!“ und „Eine Ungeheuerlichkeit!“ sind seine Kommentare zur rechtsradikalen Grundsteinlegung. Im Weiteren versucht Guratzsch, mit Aussagen Hitlers zur Fachwerkbauweise nachzuweisen, dass der Führer ein Moderner war, die heutigen Altstadtapologeten also quasi antifaschistisch aufträten. Guratzsch verkennt, dass Trüby nie von „faschistischem Fachwerk“ gesprochen hat, sondern in der Altstadt eine Geschichtsklitterung sieht, die Neoliberale wie Faschisten – aus gleichen und unterschiedlichen Gründen – praktizieren.

Guratzsch verschweigt auch, dass Hitler und die Nazis erklärte Gegner moderner Architektur waren. Beispielweise bekämpften sie die Weißenhofsiedlung mit Häusern von Corbusier, Mart Stam und anderen, mit großer Aggressivität, wie sie auch, zusammen mit Nationalkonservativen, die Waldsiedlung von Bruno Taut im großbürgerlichen Zehlendorf verhindern wollten. Den Nazis schwebte bekanntlich eine regressive Heimatstilarchitektur vor, irgendwie völkisch im blutigen Boden verankert. Im Weiteren argumentiert Guratzsch, dass die Zustimmung der Bevölkerung zu dem Bauvorhaben groß ist und die dann laut Trüby alles Nazis seien.

Es ist immer wieder interessant, welch Hirnakrobatik in einer vermeintlich seriösen Zeitung erscheinen kann. Letztlich ähnelt der Guratzsche Versuch dem von Tichy: Eine kleine mächtige Elite verhöhnt und beleidigt das Volk mit der Nazi-Keule. Die AfD ist hier nicht weit weg.

Guratzschens Chef bei der Welt, Ulf Poschardt schließlich legte nach:

Moderne Architekten lieben die Kälte des Funktionalen und sind auf rührende Art fast ideologisch mit einem Begriff des Zeitgenössischen vertäut, der Vororte wie Stadtzentren, Industriebauten wie Museen zu Glaubensbekenntnissen hat werden lassen. Es gibt wenig selbstverliebtere Professionen, und wer es wagt, den modernistischen Dogmatismus infrage zu stellen, wird diffamiert.

Aktuell im Fadenkreuz: unser hervorragender, denkmalschutzsensibler Architekturkritiker Dankwart Guratzsch, der es wagte, den mauen Essay eines Prof. Dr. Trüby über die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt zu dekonstruieren.

Auch hier die Opferrolle: Wer es „wagt“, zu „kritisieren“, ist „im Fadenkreuz“.

Die Trüby-Kritiker eint, dass sie die architektonischen und städtebaulichen Entwicklungen der vergangenen 100 Jahre rundheraus ablehnen. Die Moderne ist das Böse schlechthin, gemeinhin konnotiert mit dem Westen, der Degeneriertheit, dem Nichtdeutschen, dem Abgehobenen, Nichtbodenständigen.

Schlimmer: Sie haben einen rein formalen und restaurativen Architekturbegriff. Was Architektur heute leisten soll, wird nicht ernsthaft verhandelt. Die Altstadt zeitigt ein pseudoheiles, regressives Architekturbild, ohne eine einzige inhaltliche Frage zu beantworten, die nach Wohnraum schon gleich garnicht. Es reicht offenbar, am Sonntag ein wenig zu schlendern.

Es ist offensichtlich, dass es den genannten Kameraden um die Reaktivierung eines restaurativen Geschichtsbildes geht, eine Art Walt-Disney von rechts.

Im dritten Teil kommen sinnvolle Alternativen zur Sprache.

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o.T. 437

(Foto: genova 2017)

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Der Star des Tages und die Fake-Demokratie

Herr Putin veranstaltet bekanntlich jährlich seine selbtherrliche PR-Show, die er Pressekonferenz nennt. Die deutschen Medien sind sich einigermaßen einig: Das ist eine Machtdemonstration eines Politikers, der sich als Übervater präsentiert. Das ist sicher richtig. Interessant aus deutscher Sicht ist allerdings ein Vergleich mit der kürzlich stattgefundenen Befragung Angela Merkels im Bundestag.  Dessen Präsident Schäuble rief die Redner auf: bitte aufstehen, 60 Sekunden Zeit, Merkel antwortete, ebenfalls 60 Sekunden, gefühlt länger.

Erstmals stellt sich die Kanzlerin direkten Fragen der Abgeordneten

berichtet der Tagesspiegel. Nach 13 Jahren an der Macht ist das eine lustige Feststellung. Doch wie sah das aus, was bürgerliche Medien mit „Sich Fragen stellen“ bezeichnen?

Wer sich das – ganz oder in Ausschnitten angeschaut hat -, bekam das Gefühl, dass Putin sich einfach dämlicher anstellt. Die Machtdemonstration in Moskau ist zu offensichtlich. Das Ergebnis der Merkel-Befragung aber ist ähnlich. Die fragenden Bundestagsabgeordneten waren  irgendwas zwischen Bittsteller und völlig ahnungslos. Merkel – laut Tagesspiegel „der Star des Tages“ – beantwortete die Fragen oder auch nicht, wie es ihr gerade passte. Im Wesentlichen PR-Geschwurbel ohne jeden inhaltlichen Effekt. Nachfragen waren nicht möglich. Beispielsweise fragte Caren Lay von der Linkspartei, was Merkel denn gegen die Wohnungsnot unternehmen wolle, konkret auch, warum der Bund seine Grundstücke immer noch meistbietend an private Investoren verkauft. Antwort: Man nehme die Wohnungssituation ernst, Wohnungen müssten gebaut werden, blabla. Zur eigentlichen Frage hörte ich nichts. Das schien Frau Lay nicht zu stören. Kein Zwischenruf, kein Insistieren, sondern sich abspeisen lassen. Es ist lächerlich.

Ich antworte mal kurz für Merkel: Diese Regierung wird natürlich nichts unternehmen, was die Verwertung des Kapitals hemmen könnte. Die avisierten 1,5 Millionen Sozialwohnungen in dieser Legislaturperiode bedeuten nur, dass Milliarden an Steuergeldern, als Sozialausgaben getarnt, in die Taschen des Kapitals fließen.

Es wäre cool, würde man diese ehrliche Antwort von Madame Merkel tatsächlich hören. Eine Selbstverständlichkeit, die selbstverständlich nie passieren wird.

Die Frage von Caren Lay ab 35.30:

Die Veranstaltung war eine Offenbarung. Die Königin lässt sich befragen, sie ist gnädig. Es wurde auch einmal mehr offensichtlich, warum Merkel sich nie einer Diskussion stellt. Presseverlautbarungen, dümmliche Antworten, keine Nachfragen. Dass es keine Nachfragen gibt, ist wesentlich. Sonst würde man vielleicht merken, dass Merkel außer Phrasen nichts zu bieten hat. So geht das seit 2005. Die große Masse der deutschen Journalisten freut es. Wenn Merkel etwas Außergewöhnliches zu verkünden hat, kommt sie zu Anne Will, die prompt das Studio von allen anderen Gästen räumen lässt. Auch das ist ein Offenbarungseid.

Wenn eine Befragung Sinn ergeben soll, muss solange kritisch nachgefragt werden, bis ein Erkenntnisgewinn dabei herauskommt. Dass das nicht passiert, ist Ergebnis deutschen Untertanengeistes. Merkel passt perfekt in diese Szenerie. Schön zu sehen war in dieser Veranstaltung auch die intellektuelle Ausdünnung der Parteien. Vom Grundgesetz als wesentliche Motoren gesellschaftlichen Fortschritts installiert, geht da nicht mehr viel.

Welches Demokratiemodell auch immer man favorisiert: Grundlegend muss doch die inhaltliche Auseinandersetzung sein. Diese skurrile Kanzlerbefragung war das Gegenteil davon.

Deutsche Journalisten und deutsche Politiker: Damit ist keine ernstzunehmende Demokratie zu machen. Lieber beschäftigt man sich mit Putin-Bashing. Vielleicht sollte man ehrlicherweise die Monarchie wieder einführen. Dann hätten solche Befragungen wenigstens den passenden Rahmen.

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Von der Zweidrittelliebe

Kaum zu glauben, aber wahr:

In Berlin ist das Gras schon Anfang Juni braun. Was bislang nur in guten Sommern Ende August der Fall war, können wir jetzt schon acht Wochen vorher gutgelaunt zur Kenntnis nehmen. Wenn es kultiviert läuft, wird die Sonne bis weit in den November hinein unbarmherzig, wie man sagt, scheinen und ein Drittel der sogenannten Straßenbäume wird seinen Geist aufgeben. Dann könnte Berlin einen ordentlichen Schritt hin zu dem machen, was man eine lebenswerte Stadt nennt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

(Foto: genova 2018)

 

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