Gott sei Dank: 400 Jahre Ungewissheit gehen zuende!

Man kann gegen Berlins neues Stadtschloss sagen, was man will, aber einen unleugbaren Vorteil hat es gegenüber dem Altbau: Bei dem dauerte es 400 Jahre, bis er seine endgültige Gestalt gefunden hatte, über Generationen blieben die Berliner und ihre Gäste im Ungewissen über den die Stadt doch nachhaltig prägenden Palast. Diesmal geht es geradezu ruckzuck, und man kann dem Schloss beim Wachsen zusehen, ohne selbst dabei Rost anzusetzen.

Nee, Andreas Conrad im Tagesspiegel, niemand blieb im Ungewissen, weil sich niemand nach dieser Gewissheit sehnte. Das Schloss war eine work in progress, das nach Bedarf umgebaut und erweitert wurde. Alles hatte seinen Sinn.

Wie stellt sich das Herr Conrad vor? Meint er, dass “die Berliner” 400 Jahre etwas wissen wollten, was sie nicht erfahren konnten? Nämlich, wie der Klotz in 400 Jahren einmal aussehen wird? Die ungewissen Berliner waren 400 Jahre lang besorgt ob der Ungewissheit des Prägenden, das nur die Ungewissheit prägte.

Ein 400 Jahre im Ungewissen bleibendes Völkchen: Ein Fall für die Couch.

Lustig, wenn Schlossbefürworter keine Ahnung von der Baugeschichte ihres Objekts der Begierde haben. Passt aber: Ein rechtes Walt-Disney-Schloss erfordert keinerlei Kenntnisse außer in Marketing, wenn es darum gehen wird, dem unaufhörlichen Strom an Mittedünnbrettbohrertouristen per Bandansage die Vorteile des Kastens zu erklären. 400 Jahre Ungewissheit sind vorbei, wird es dann heißen, dank des aktuellen Establishments.

Achtung: super Symbolfoto!

(Foto: genova 2015)

Tocotronic und die Hippies

Dirk von Lowtzow und Jan Müller von Tocotronic zum Begriff der S0lidarität und was Hippies damit zu tun haben:

JM: Solidarität ist doch ein Begriff, den die Hippies gerade nicht benutzt haben. Deshalb sollte man die auch nach wie vor diskreditieren. Meiner Meinung nach waren die Hippies der Beginn des ganzen neoliberalen Murkses, in dem wir jetzt sitzen. Da wurde eben keine Solidarität geübt, weil jeder auf seinem eigenen Selbstfindungstrip war.

DvL: Man konnte das ganz spannend sehen bei The Whole Earth, einer Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt. Da ging es um Hippies und die Gegenkulturszene in Kalifornien. Das war mal wirklich Underground, und dann hat es sich nach und nach in Silicon Valley verwandelt. Von einem New-Age-Selbstverwirklichungstrip, also von einer politischen Sache, ging das über in eine Ideologie der Selbstverwirklichung. Bis hin zum neoliberalen Super-GAU.

Gelesen in der aktuellen Spex. Selbstverwirklichung, Individualität und so weiter wurden sofort kapitalistisch zugerichtet, die Verlockung war zu groß. Das Silicon-Valley-Ding ist in seiner Totalität vermutlich noch gar nicht erfasst. Junge und sicher sympathische Leute, die sich auf neue Art die Welt zum Untertan machen. Der Super-GAU steht uns noch bevor. Es ist auch eine angenehme Distanzierung der Ex-Trainingsjackenträger von den Hippies, will sagen: von den Leuten, die qua Äußerem Legitimation wollen. Wer sich scheiße kleidet, ist nicht zwangsläufig glaubwürdig. (Ich bin mir leider sicher, dass das unverständlich ist.)

Und immer schön per du.

Schönes neues Album übrigens. Zwar nur Pop, aber das soll man nicht gleich in die Ecke kicken. Der wesentliche Aspekt einer 25 Jahre alten Band ist die Fähigkeit zur Entwicklung. Gibt es keine, ist es Günter Ücker und die Stones. Tocotronic schafft es immer wieder, dem bekannten Sound Neues hinzuzufügen, und gegen Ohrwürmer hat man nichts, wenn es Pop ist. Sie sind dessen Essenz. Auch nichts gegen Keyboard-Geigen. Lowtzow und seine Attitüde, sich durchs Haar zu fahren, jenseits aller Härte, pro Verletzlichkeit, Unschlüssigkeit, Zerfahrenheit, sehr angenehm. Überhaupt stellt sich immer wieder heraus, dass das Zögerliche, das “im Zweifel für den Zweifel” das Wesentliche der Gruppe ist. Allerdings: Man kann es sich erlauben.

Zweifel werden möglich, wenn man privilegiert ist.

Alle Rezensionen des neuen Albums sind positiv. Selbst in der Rheinischen Post. Was sagt uns das? Biedert sich die Idiotie der Band an? Oder die Band der Idiotie? Irgendwas ist unvereinbar.

Ein wenig peinlich ist jedenfalls das Video zu dem Erwachsenenlied. Könnte in Teilen von Max Herre stammen.

Die (vormals Hamburger) Band sollte sich zu schade sein, die üblichen Berlin-Klischees zu reproduzieren: Wir sitzen auf dem Traufhöhen-Altbaudach und gucken auf die Admiralbrücke, wir fahren U2, natürlich Rosenthaler Platz, dann die U-Bahn auf Stelzen. Wären die jungen Leute in Ludwigshafen oder Duisburg unterwegs: Es hätte gut werden können. In Zeiten ihrer Privilegiertheit das abgeschmackte Berlin zu instrumentalisieren, meine Fresse.

Rick McPhail wird jedenfalls immer attraktiver.

o.T. 247

(Foto: genvoa 2015)

Kunst und Markt: Wenn Verschwinden 160 Millionen Euro Wert ist

“Dreht der Markt jetzt völlig durch?” fragte die Berliner Zeitung am 13. Mai. Anlass ist eine Auktion bei Christie´s, bei der ein Picasso für 160 Millionen Euro ersteigert wurde. Die anderen Auktionäre hielten den Atem an, heißt es, obwohl der Gewinner nur telefonisch bot. Das vermutlich teuerste Telefongespräch aller Zeiten.

Der durchdrehende Markt, eine lustige Formulierung. Niemand dreht durch, aber das Geld muss halt irgendwo hin. Ob in eine Berliner Eigentumswohnung oder in Rheinmetall-Aktien oder in einen Picasso oder in einen Oldtimer oder in das Original-Manuskript von “Mein Kampf” oder in eine Coltan-Mine im Kongo. Besonders empfehlenswert: Aktien von Tretminen-Herstellern und gleichzeitig Aktien von Prothesen-Herstellern kaufen. Warum Gewinne liegenlassen? Ein in sich rationales System. Ein, allen Ernstes: Kippenberger erzielte bei Christie´s jüngst 16,4 Millionen – der Markt hatte auf mehr gehofft und war enttäuscht.

Der Tagesspiegel nimmt das Thema Kunstmarkt ebenfalls auf und sieht die Preise weiter steigen, denn die 170.000 Reichsten besitzen derzeit 21 Billionen Dollar – und diese Summe soll sich in den kommenden zehn Jahren um 34 Prozent erhöhen.

Man sieht an diesem Kunstmarkt die Perversion eines Wirtschaftsystems, das prinzipiell keine Haltelinien oder Stopps kennt, ähnlich wie in der Gründerzeit (wobei die Preisbeziehungen heute andere Ausmaße angenommen haben). Auch Kunst wird komplett kapitalisiert mit dem Ergebnis, dass sie verschwindet. Der 160-Millionen-Picasso steht jetzt in einem wohltemperierten dunklen Tresor. Kein Mensch guckt sich das Bild mehr an, höchstens der nächste Kaufinteressent. Es ist der einen wesentlichen Funktion beraubt, nämlich, angeschaut werden zu können. Das ist der Preis für die Möglichkeit von Rendite. Die theoretische An- und faktische Abwesenheit, führt nicht zum Preisverfall, sondern zum Preisanstieg. Die Vernichtung des Gebrauchswerts führt zur extremen Steigerung des Tauschwerts.

Eine halbwegs vernünftige Gesellschaft würde einen guten Picasso nach dessen Tod als Erbe der Menschheit betrachten und in ein Museum hängen. Aber man kann nicht alles haben. Entweder Vernunft jenseits der Betriebswirtschaft – oder Kapitalismus.

150(Foto: genova 2014)

Herfried Münkler: Die Angst der FAZ vor linksextremen kotzenden Tätowierten

Eine Friederike Haupt schreibt in der FAZ ein langes Stück über ein paar Zuhörer einer Vorlesung des Politologen HerfriedMünkler, der an der Humboldt-Uni in Berlin lehrt. Tenor des Artikels: Linksextremistische Meinungsterroristen verbreiten Angst und Schrecken unter den Professoren.

Worum geht es? Anonym bleibende Zuhörer der Vorlesung (“Politische Theorien und Ideengeschichte”) analysieren in einem Blog deren Inhalte und kritisieren den angeblichen Sexismus und Rassismus des Profs. Das Verharren in der Anonymität halte ich angesichts der realen Hierarchien für nachvollziehbar und angemessen. Die Vorwürfe mögen zutreffend sein oder nicht, ich sitze nicht in der Vorlesung, kann es deshalb nicht beurteilen. Völlig abstrus ist jedoch, was Frau Haupt daraus macht.

Auszüge aus dem Artikel:

Anonyme Gruppen wollen Wissenschaftler an der Humboldt-Uni in Berlin einschüchtern. Sie streuen üble Gerüchte im Netz, schon mehrere Dozenten haben ihren Zorn abbekommen. […]

Die anonyme Kritik der vergangenen Monate wirkt. An der Humboldt-Universität hat man Angst […]

Was bedeutet die Angst für einen Ort, an dem junge Menschen das Denken lernen? […]

Die Angst ist so groß, weil die Angreifer sich jederzeit ein neues Ziel suchen können. Und weil man ihnen nicht entgegentreten kann. Nach den Maßstäben der Angreifer ist fast jeder Hochschullehrer in Deutschland ein Rassist […]

„Münklerwatch“ ist eine neue Stufe der Kontrolle: jede Woche ein neuer Eintrag.

Schön absurd wird es kurz darauf:

Berlin ist der Ort in Deutschland, an dem es zum guten Ton gehört, extrem zu sein. Viele Berliner leben natürlich auch brav vor sich hin, lassen sich tätowieren und halten das für extrem. Andere gehen 30 Stunden lang in den Club und kotzen danach in die Bahn.

Was hat das mit dem Thema zu tun? Es soll wohl suggeriert werden, dass in Berlin außer den Professoren jeder und alles “extrem” ist und damit ein weiterer Beleg für die extrem und vor somit naturgemäß linksextrem beherrschte Hauptstadt. Sind das dort nicht die, die jedes Jahr Milliarden aus dem Länderfinanzausgleich abgreifen und dafür 30 Stunden feiern gehen und danach kotzen? Unser schönes Geld in linksextremen Auswurf verwandeln? Oder hat Münkler Angst, in der Kotze auszuruschen?

Um es kurz zu machen: Es ist die x-te rechte Projektion vermeintlicher linker Übermachten in diesem Land. Das läuft analog zum schwulenhassenden Kollegen von Haupt, Jasper von Altenbokum, der jedem, der sich heute noch als heterosexuell outet, großen Mut attestiert. Auf der einen Seite ein paar Leute, die einen kleinen Blog mit vermutlich geringer Reichweite betreiben und dort das Geschäft der Kritik betreiben, berechtigt oder nicht, aber auf den ersten Blick auf vernünftige Art. Auf der anderen Seite ein hochdekorierter Politologe mit einem Lehrstuhl auf Lebenszeit, egal, was er leistet, mit großer Präsenz in den Medien und damit ganz realer gesellschaftlicher Macht. Ein in vielerlei Hinsicht privilegierter Mensch.

Friederike Haupt stellt die realen Verhältnisse exakt spiegelverkehrt dar.

Der Professor zittert jetzt also vor Angst, wird auf einer neuen Stufe kontrolliert (Jede Woche ein Eintrag!! Orwell!!) und ist komplett eingeschüchtert. Jeder muss Angst haben, denn die Angreifer können sich jederzeit ein neues Ziel suchen! Und wenn sich Münkler aus der Uni traut und auf die Straße geht, wird er von umherkotzenden Tätowierten zum Schweigen gebracht. Schlimmer noch: Junge Menschen können das Denken nicht mehr lernen! Denn das klappt nur, wenn der Lernende seine Klappe hält und zum Prof ehrfürchtig aufschaut. Unter den Talaren… Bemerkenswert auch die Meinung Haupts, dass Münkler der Kritik nicht entgegentreten könne. Wieso nicht? Ist er zu blöd? Hat er keinen Uni-Abschluss? Oder braucht der Wissenschaftler einen Lebenden vor sich, den er anschreien kann?

Der arme Professor kann sich sowenig gegen das Böse wehren wie der PEGIDA-Anhänger gegen das Fremde.

Darüber hinaus hat Haupt auch keine Ahnung von kommunikativen Strukturen größerer Unternehmen: Ein Pressereferent der Uni, den sie während ihrer, hm, Recherche, anrief, will sich in der FAZ nicht zitieren lassen, weil das nicht mit der Pressestelle abgestimmt sei. So läuft das eben, auch eine Universität will die Kommunikation nach draußen kontrollieren. Das passiert nicht nur der Journalistin Haupt. Für sie ist das aber lediglich ein weiterer Beleg für ihre Behauptung, dass der komplette Uni-Betrieb eingeschüchtert ist. Von einem Mini-Blog.

Rechte Jammerlappen.

Haupts Artikel belegt ihre Vorwürfe eher unfreiwillig in umgekehrter Richtung: Sie basht in einer mächtigen Zeitung mit einer Auflage von mehr als 300.000 täglich einen Blog mit einem Eintrag pro Woche, ohne sich auch nur halbwegs ernsthaft mit dessen Argumenten auseinanderzusetzen.

Münkler selbst reagierte nun in seiner Vorlesung und nannte die anonymen Kritiker “erbärmliche Feiglinge”, “Kommunisten der trotzkistischen Internationale” und vergleicht sie mit der amerikanischen NSA. Ein bemerkenswertes Niveau für einen staatstragenden Politologen, und er gibt einen Einblick in sein Demokratie- und Kritikverständnis: Wer ihn kritisiert, muss sturmtruppenerprobter, aber feiger Kommunist der NSA sein.

Ich warte jetzt auf einen Artikel von Frau Haupt über den bösen linksextremen Blog Exportabel. Dort wurde nämlich schon kritisch über den Regierenden Bürgermeister in Berlin und über Angela Merkel berichtet. Beide trauen sich seitdem nicht mehr aus dem Haus und sind eingeschüchtert. Und jetzt kritisiere ich anonym die FAZ! Die Redaktion lebt ab heute in großer Angst.

Ich habe auch schon mal gekotzt. So ist das halt im extremen Berlin.

P.S.: Hier ist der Münkler-Watch-Blog.

o.T. 246

(Foto: genova 2015)

o.T. 245

(Foto: genova 2015)

o.T. 244

(Foto: genova 2015)

o.T. 243

005(Foto: genova 2015)