Was noch? V

1. Der slowakische Architekt Vladimir Dedecek (geb. 1929) bekommt in Bratislava eine Ausstellung und das baunetz meint, die Gebäude trügen “noch den Geist von Ostblock und Sozialismus mit sich”. Beim Anblick der vier mitgelieferten Bilder erschließt sich mir die Aussage nicht. Es ist offenbar ganz gute moderne Formensprache. Ostblock und Sozialismus, zwei Begriffe, die man heute flott hinschludert.

2. Gerhard Richter zeigt sich im Interview mit Hanno Rauterberg in der Zeit (5. März, S. 44) genervt von den Extrempreisen, die seine Bilder auf Auktionen erzielen. Aktuell wurde ein Bild von ihm aus den Achtzigern für 41 Millionen Euro versteigert. Er bekommt davon nur einen “Obulus”, sagt er. Er habe das Bild seinerzeit für 15.000 Mark an einen Sammler verkauft. Man rede nicht mehr über Kunst, sondern nur noch über den Preis. Der Markt beherrsche alles. Er habe gegensteuern wollen und eine Reihe von 100 kleinen Originalen gemalt und “sehr billig verkauft”. Ergebnis: Die 100 Originale landeten sofort bei Auktionen.

Nicht, dass das neu wäre. So wie Russen und Araber und Chinesen seit Jahren den tatsächlich existierenden Markt für gebrauchte Jazzplatten zerstören, ohne diese Platten auch nur einmal anzuhören. Der Fetisch, der Fetisch, Geschichte muss sich offenbar wiederholen.

3. Eine Seite weiter wirft Alexander Cammann Joseph Vogl zwischen den Zeilen vor, mit seinem neuen Buch Der Souveränitätseffekt sei er bei den Verschwörungstheoretikern gelandet. Er kritisiert nämlich die Fed. Leider überzeugt Cammanns Argumentation nicht, genausowenig wie die von Nikolaus Piper, der sich kürzlich in der Süddeutschen über die Unzahl aktueller Katastrophentitel auf dem Buchmarkt ausließ, die den Crash (ökonomisch und gesellschaftlich) herbeischrieben. Bücher mit “Crash” im Titel sind vermutlich unseriös,stimmt. Endzeitstimmung verbreiten ist ein Verkaufsschlager, weil man damit auch die Leute ködert, die an der Sachbuchabteilung vorbeirauschen und bei Fiction oder Thriller stehenbleiben. Die Kritik eines neoliberalen Hampelmanns an solchen Büchern ist leider auch unseriös. Es ist wohl schon so, dass Leute wie Piper und unzählige andere seit langem Deutungshoheiten innehaben, an die sie vor allem selbst glauben, glauben müssen.

4. Vor genau 60 Jahren trat Louis Armstrong in der DDR auf, vielbeachtet, auch von den offiziellen Medien, rührend. Danach entschloss sich die Staatsführung, sich dem Jazz zu öffnen. Um welchen Jazz ging es? Armstrong hat in den 20er und 30er Jahren sicher einiges für die Entwicklung des Jazz geleistet. 1965 war das abgestanden, das immergleiche Swing- und New-Orleans-Zeug, dicke Backen, Gute-Laune-Musik. Und genau das bringt die DDR-Spießer zur Akzeptanz von Jazz. Je harmloser der Jazz, desto affiner das Verhältnis der herrschenden Klasse zu ihr. Wobei es guten DDR-Jazz gab, jenseits der Gängelei.

5.  “Sie sind und bleiben die besten der Welt.” Das sagte Lufthansa-Chef Spohr über die Piloten der Lufthansa und German Wings kurz nachdem bekannt wurde, dass der Co-Pilot der German-Wings-Maschine das Flugzeug selbst runtergezogen hat und die psychologischen Überprüfungen bei den Piloten eher nebenbei durchgeführt werden. Man könnte behaupten, es seien gute oder sehr gute Piloten, aber bei einer deutschen Institution müssen es nach wie vor die besten sein, und zwar: der Welt. Drunter und ohne Vergleich und Drüberstellen geht es nicht. Es erinnert an das Einstiegsinterview des Chefs der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, 2009 im Tagesspiegel:

„Die Bahn ist dazu da, den besten Service der Welt zu erbringen. Das muss unser Ziel sein”

Genau: Piloten von Air France, British Airways oder der Arabischen Emirate oder der Service der Schweizer oderoder Bahn können sich dann um die weiteren Plätze streiten. Damit haben wir nichts zu tun. In den Achtzigern hatten wir übrigens selbstverständlich die besten Atomkraftwerke. Der Welt.

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150 Tote und der Zweck der Repräsentation

Ist es zu fies zu notieren, dass der Flugzeugabsturz in Frankreich Politikern gelegen kommt?

Steinmeier und Dobrindt fliegen direkt an die Unglücksstelle, stapfen dort ein wenig umher und geben betroffene Interviews. Was kann einem Politiker in Zeiten, in denen von Dschungelcamp bis Wulf-Eigenheim vor allem Authentizität gefragt ist, besseres passieren? Die beiden müssen zwar vor Ort geschützt werden, es muss ein erheblicher logistischer Aufwand betrieben werden, es ist sowieso eng in einem Alpental, es zieht noch mehr Journalisten an: Sie stören die Bergungsarbeiten. Sie fliegen aber trotzdem hin, aus einem einzigen Grund: Damit es Bilder von einem Politiker zwischen oder vor Rettungsleuten gibt, einer der aktiv ist, wenn es darauf ankommt, der die Situation im Griff hat, und der gleichzeitig gramvoll irgendeinen Text ableiert, in dem “bestürzt” und “fassungslos” vorkommen müssen.

Ob diesen Kameraden schon jemals aufgefallen ist, dass die Aussage, man sei fassungslos, eine Lüge sein muss, weil Fassungslosigkeit in ihrer Aktualität eine solche Aussage unmöglich machte. Wären Politiker fassungslos, würden sie sich auf den Boden setzen und heulen. Der Gipfel diesbezüglich ist der Satz “Sie sehen mich fassungslos.” Genauso verhält es sich mit “schockiert”.

Politiker simulieren Betroffenheit, die doch nur dann ernsthaft sein könnte, wenn sie sich der Selbstdarstellung wenigstens in solchen Situationen entziehen würden.

Steinmeier hat das sowieso gut drauf: der betroffene Gesichtsausdruck, die bedeutungsvollen Pausen, das Repräsentierende. Mir fällt Murat Kurnaz ein. Es ist schon ekelhaft.

Es geht auch anders: Der Bürgermeister von Haltern fand genau die richtigen Worte in genau der richtigen Form: Er war geschockt, redete authentisch und bot keine einzige Floskel. Ein ganz besonderer Medienmoment, der eine ganz besondere Konstellation erfordert. Sofort danach wieder: Steinmeier.

Anwesenheit bei einer staatstrauerlichen Angelegenheit wäre natürlich selbstverständlich, inklusive Kanzlerin und Bundespräsident, aber das hier, am Tag der Katastrophe, ist etwas anderes. Die Politik nutzt ungemein effektiv und instinktsicher ein solches Ereignis, um sich in Szene zu setzen. Journalisten machen mit, ein eingespieltes Team. Und diese Szene ist so wertvoll, weil man echte Gefühle, eben Authentizität vermitteln kann.

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Essen und satt werden

Der Berliner Sternekoch, wie man sagt, Stefan Hartmann, musste vergangenes Jahr sein Restaurant in Kreuzberg schließen. Er spricht im Interview mit der Berliner Zeitung über Geschmack:

Aber gehört Kritik nicht dazu?

Natürlich. Aber wenn jeder meint, sein Geschmack sei der goldene Geschmack, dann ist das nicht der richtige Maßstab. Nur weil ein Essen den persönlichen Geschmack nicht trifft, heißt das nicht, dass es nicht trotzdem gut gemacht sein kann. Das kapieren viele Leute nicht. Auch die Tester vom Gault Millau haben das nicht verstanden.

In diesem Restaurantführer hat das „Hartmanns“ meist schlecht abgeschnitten. Warum ärgert Sie das so?

Mich hat geärgert, dass meine Küche nicht verstanden wurde. Ich bin nun mal ein klassischer Koch und gehe nicht ins Extreme. Weil ich das ursprüngliche Produkt mag und das auch herausschmecken möchte. Als Kritiker sollte man sich auf verschiedene Stile einlassen können, und nicht seinen persönlichen Geschmack vom Koch erwarten.

Was hat denn der Gault Millau genau kritisiert?

Es hieß, meine Gerichte seien fad und langweilig. Ich habe das bisher noch nicht erzählt, aber ein einziges Mal habe ich ja auch eine gute Bewertung bekommen. Damals wusste ich, dass der Tester auf Süß-Sauer steht und habe in jeden Gang seines Essens so eine fertige Sweet Chili Sauce aus dem Asialaden reingetan. Und auf einmal bekam ich 15 Punkte. Das fand ich schon ausgesprochen lustig.

Lustig, ja. Ob jemandem etwas schmeckt oder nicht, ist in der Tat unerheblich,zumindest für alle anderen. Erheblich ist das in der Regel nur als Aussage über die eigene kulinarische Sozialisation. Wenn jemand seit seiner Kindheit Cola trinkt, ist jedes Urteil über Wein sinnlos, da die Geschmacksnerven – wohl irreparabel – geschädigt wurden. Die Frage, ob mir etwas schmeckt oder nicht, ist Kindergartenniveau. Wen soll das interessieren? Einzig die möglichst adäquate Beschreibung dessen, was ich da im Mund empfinde, wäre von Interesse.

In Zeiten von Zucker, Fett und Natriumglutamat und deren Instrumentalisierung im Kapitalismus ist jegliches verbalisierte Geschmacksempfinden nur rückgekoppelt äußerbar. Ein erster Schritt wäre die Entiftung der Geschmacksnerven, der zweite die theoretische Beschäftigung mit dem, was man auf dem Teller hat. Dann kann man größten Respekt vor, beispielsweise, Schnecken oder Kutteln haben, auch wenn letztere einem fast den Magen umdrehen.

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In Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass Esskultur nur rudimentär vorhanden ist. Erst die Protestanten, dann Hitler. Man will ja sattwerden und wenn es darüber hinausgeht, wird es schnell ideologisch. Derzeit vegan, demnächst vermutlich wieder Trennkost oder eine andere skurrile Geschichte von Leuten mit Angst. Es geht um vieles, nur nicht um den Versuch reflektierten Genusses.

Stephan Hartmann jedenfalls musste nun, wie gesagt, sein Sterne-Restaurant “Hartmanns” in Kreuzberg schließen. Wobei mir doch ein wenig schleierhaft ist, wieso man bei derart deftigen Preisen ein kleines Souterrainlokal nicht kostendeckend betreiben kann.

P.S.: Schmecken tut mir eine Currywurst mit Pommes an einem Straßenstand. Aber warum sollte ich das hier erwähnen?

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Gesucht wird diese Katze:

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Die Chancen stehen nicht schlecht: Wer diese Katze einmal gesehen hat, wird sie sein Leben lang nicht mehr vergessen.

(Foto: genova 2015)