Herzlich willkommen in Berlin

Berlin, wie man es jenseits der touristischen Vermarktung wahrnimmt:

Ein dickes Schulkind mit Kapuzenpulli geht bei rot über die Ampel und wird fast von einem Radfahrer überfahren. Beiden ist es egal. Ein Mietfahrrad steht herum. Kahle Bäume stehen vor gesichtslosen Häusern. Absperrungen, die etwas nicht weiter Definiertes absperren und die auch in zehn Jahren dort noch absperren, sind aus dem Blickfeld nicht wegzudenken. Propagandawerbeflächen werben auf englisch für billige, aber als teuer vermarktete Architektur. Und auf Ampelmasten erklärt sich die Seele der Stadt.

Herzlich willkommen!

(Foto: genova 2020)

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Italia moderna – dieci

Wir sehen ein Appartmenthaus für Urlauber in einem kleinen italienischen Seebad an der Adria. Das Seebad trägt den skurrilen Namen Lido delle Nazioni. Das Haus ist ein Typus, der in Serie und massenhaft aufgestellt wurde, vermutlich nicht nur in diesem Ort.

Der Grundtyp besteht aus 16 kleinen Wohnungen auf zwei Etagen, jeweils acht nach vorne und acht nach hinten orientiert. Die Balkone bestehen aus der verlängerten Wohneinheit. Das Ganze ist aufgeständert, im Erdgeschoß haben Läden und Restaurants Platz.

Es ist eine wunderbar strukturalistische, praktische, nach vorne gerichtete und auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgerichtete Architektur. Alle Wohnungen haben möglichst große Balkone, nämlich über die komplette Wohnungsbreite reichend, und die Verjüngung nach oben bewirkt, dass man den Balkon des Nachbarn obendrüber nicht komplett auf dem Kopf hat. Somit entsteht ein großzügiges, luftiges Raumgefühl. In die Endseite ist eine Glasscharte eingefügt, wofür auch immer, aber das konstruktivistische Design überzeugt.

Dieser Wohnungstypus ist bis heute unübetroffen. Die Form folgt der Funktion im besten Sinne. Kein lächerlicher Schnickschnack wie bei den meisten heute neu gebauten Wohnhäusern, der Trend war damals in der Tat noch ein Freund. In Deutschland gab es solche Häuser in den 1960er Jahren in bescheidener Zahl. Man könnte in wohnungsnotgeplagten Städten heute ohne Weiteres genau diesen Typ in Massen aufbauen, die Wände und Fenster besser dämmen und ein paar Solarzellen aufs Dach bauen. Mehr bräuchte es nicht, günstiges Wohnen könnte so einfach sein.

Genau deshalb wird der Typ heute nicht gebaut. Denken wir zurück seligen Angedenkens.

(Fotos: genova 2019)

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o.T. 518

(Foto: genova 2020)

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Das finden wir auch

Das perfide am neoliberalen System, das uns nicht nur umgibt, sondern mittlerweile durch und durch durchdringt, gewissermaßen jede Faser unserer Köpfe und Herzen und Bauche und vermutlich auch unserer Geschlechtsteile infiziert hat, ist, dass wir all das beharrlich leugnen. Wir könnten die Anerkennung dieser Verhältnisse nur um den Preis unserer vollständigen Entblößung tun, also um den Preis unserer vollständigen und umfassenden Zerstörung, und deshalb lassen wir es bleiben.

Schlimmer noch: Wir, und naturgemäß vor allem die Deutschen, sehen in unserer faktischen Versklavung nur rationale Verhaltensweisen. Der selbstbestimmte Mensch wird je selbstverständlicher angenommen, desto weniger er existiert.

Ein einleuchtendes Beispiel für diese wirre These ist dieses Bild:

Die Tätigkeiten von airbnb sorgen dafür, dass es,in Berlin weniger Wohnungen für den normalen, den eigentlichen Bedarf gibt. Findige airbnb-Manager haben das erkannt und in diesen Zeiten ist es am wichtigsten, stromlinienförmig zu bleiben, nicht zu widersprechen. Hohe Mieten sind nicht gut fürs Image. Das aber führt nun nicht dazu, die realen Verhältnisse zu klären. Stattdessen beauftragt man eine Werbeagentur, die aus Stadtzerstörern Stadterhalter machen.

Deshalb sehen wir auf dem Plakat eine nette Frau, die gradlinig in die Kamera guckt, einen Minztee (echte Minze!) trinkt, ihr Dekolleté zeigt und überhaupt sehr vernünftig wirkt. Sie heißt Jazmin, ist also Ausländerin und eben deshalb aufgeklärt.

Die Frau sagt völlig sinnloses Zeug – wir Berliner machen das wie Hamburg, wir schützen Wohnraum effektiv, digitaler Registrierungsprozess blabla -, aber es kommt gut rüber. Jazmin ist aufgeklärt und will, dass Wohnen bezahlbar bleibt, wie man sagt. Sie macht sich Gedanken und kommt zu einer vernünftigen Lösung.

Das ist Neoliberalismus in Reinkultur. Es ist eine einzige Perfidie. Ein völlig sinnloses Geschwätz, eine Barbarbei, die als Humanität verkauft wird. Jazmin ist Gastgeberin. Wer könnte da Böses vermuten? Wir brauchen keinen Hitler mehr, der anderen offen den Kampf ansagt. Wir geben uns geschmeidig. Jazmin guckt nicht wie Hitler. Sie guckt, als blickte sie durch. Als hätte sie in der Tat ein soziales Anliegen. Dabei hat Jazmin, also airbnb, nur ein einziges Anliegen: Profit zu machen, ohne Rücksicht auf Verluste.

In Zeiten, in denen der aware-Begriff inflationär gebraucht wird, geben wir uns bestenfalls mild kämpferisch, aber vor alllem angepasst. Angepasst ans Kapital.

Auf Hitler gemünzt: Er würde heute sagen, dass Juden und Linke unbedingt geschützt werden müssen und dann seine Vernichtungspolitik umso ungehemmter durchziehen. Und zwar durch die Verhältnisse. Konfrontation ist out, awareness ist angesagt. Jazmin ist awareness, sie zeigt Verantwortungsgefühl.

Wir sind keine Gegner des neoliberalen Systems. Wir sind von ihm durchdrungen. Ab und an spüren wir die Katastrophe. Aber wir können nichts dagegen tun. Wir sind Teil dessen.

Die Verhältnisse sind kapitalistische. Die neoliberale und kapitalistische Logik wird den Faschismus für sich nutzen und in den Schatten stellen. Solange das so bleibt, werden die Wohn- und eben Lebensumstände so bleiben, wie sie sind.

(Foto: genova 2020)

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Neostrukturalismus in der Extremadura

Eine Industriehalle in Südwestspanien:

Es ist ein simples Spiel mit Volumina. Vier, fünf oder sechs – je nach Definition – Kuben, die in rechten Winkeln zueinander angeordnet sind. Bemerkenswert sind die völlig unterschiedlichen Perspektiven, die entstehen, je nach dem, wo sich der Betrachter befindet. Es ist eine Art Neostrukturalismus, dessen Volumen, zumindest nach Aussage der Architekten Antonio Álvarez-Cienfuegos Rubio, der Nutzung folgen.

Die Kubenanordnung plus die metallische Haut stellen den Komplex klar als eine Einheit dar, den inneren Brüchen zum Trotz. Diese Architektur lässt sich, wie schon so oft in diesem Blog dargestellt, auch als Wohnarchitektur errichten. Der Strukturalismus der 1960er Jahre blieb leider eine kurze Episode. Zu sehr widersprach er offensichtlich den kleinbürgerlichen Ansprüchen der Masse ans Wohnen. Alleine die vielen kleinteiligen Dachflächen, die durch diese Bauweise entstehen, zeigen die Möglichkeiten. Der Deutsche baut naturgemäß lieber mit Steildach und packt glasierte Ziegel drauf.

Eine Industriehalle, die selbst in heutigen optisch übersättigten Zeiten Aufmerksamkeit erregt, und zwar nicht durch Schnickschnack, der später drangepappt wurde, sondern durch die Idee an sich – Respekt.

(Fotos: Baunetz)

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„Wir hatten Stil und gute Laune“

Die seinerzeit wie heute sehr attraktive Désirée Nosbusch war nach eigenem Bekunden „ein Gastarbeiterkind“ aus Italien, wo sie die ersten sechs Lebensjahre verbracht hatte. Sie wuchs „in ärmlichen Verhältnissen“ auf:

„Wir hatten lange kein fließend Wasser, nur eine Pumpe im Garten. Aber wir hatten Stil und gute Laune. Meine Mutter war Schneiderin, wir waren immer sauber und ordentlich angezogen.“ (dbmobil 1/20)

Stil, Wasser und gute Laune, dazu saubere und ordentliche Kleidung, was braucht man mehr? Die letzten beiden Attribute sind heute ja eher verpönt, dabei zeugen sie nur von Respekt gegenüber der Umwelt.

Das bringt mich zum Thema: Was ist von Jogginghosen, gar von Jogginganzügen, wie man sagt, in der Öffentlichkeit zu halten? Ist eine Jogginghose in der Öffentlichkeit nur Ausdruck dessen, dass man „die Kontrolle über sein Leben verloren hat“, wie Karl Lagerfeld einmal meinte? Oder ist die Jogginghose als Allroundbekleidungsstück nur eine zwangsläufige Entwicklung?

Letzteres. So wie sich ein paar Generationen zuvor die Jeans von der Arbeiter- zur Freizeit- zur Anzugs- und somit zur Allroundhose entwickelte – und es zuvor sicher unzählige andere ähnliche Entwicklungen gab. Man müsste sich einmal mit der Geschichte der Kleidung beschäftigen.

Die Jogginghose mit Sakko ist also eine geradezu unvermeidliche Entwicklung, so wie der Cappuchino am Nachmittag inn Deutschland, und wir sollten nicht die Nase rümpfen. Die Jugend kann nicht nur nichts dafür, sie entwickelt einen Stil einfach weiter, den der Mischung. So wie jeder Stil aus Mischung entsteht.

Das Unbehagen ist dennoch da und nicht unbegründet. Es liegt meines Erachtens eher in der Nachlässigkeit der Kleidung, die zum Prinzip erhoben wurde. Hosen, Jacken, Pullis, alles ist zu weit, nichts sitzt, wie man einst sagte, richtig. Das ist offenbar cool und cool muss auch die dazugehörige Körperhaltung sein. Die Abhängerhaltung in jeder Situation, die allerdings keineswegs der inneren Haltung entspricht. Den Systemanforderungen entsprechen, ohne jede Emanzipation, ist der Standard, der nicht hinterfragt wird, naturgemäß vor allem im Katastrophenland Deutschland.

Es ist also ein Unterschied, ob ich zwei Reben zu einer neuen mixe oder Whisky in Cola kippe.

Das doch letztlich komplett lächerliche Rappergetue der heutigen Jugend ist reine Form. Je angepasster, je neoliberal verformter, je unfähiger die eigenen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Artikulation sind, desto offensiver das Getue. Die neoliberale Gesellschaft lässt ihren Nachwuchs sich so benehmen, denn die Ausbeutung, solange die Renditelogik weiterhin funktioniert bzw. effektiver wird.

Eine Schneiderin wie Frau Nosbusch senior hat heute nichts mehr zu tun. Dieser Beruf ist anspruchsvoll, er benötigt jahrelange Erfahrung, bevor ein zufriedenstellendes Ergebnis erreicht werden kann. Statt sich über eine Leistung zu freuen, die den individuellen Körper zu seinem Recht kommen lässt, sind Hosen zu kurz, zu lang, zu weit, und oftmals vor allem lächerlich.

Stil ist das alles dennoch, wenn auch ein hinterfragbarer. Eine Familie mit Pumpe im Garten, die dennoch Stil im Sinne des Sich Bemühens hat, ist mir spontan lieber.

Vielleicht werde ich aber nur alt.

Stil und Arbeiterklasse: In Italien war das lange Zeit kein Widerspruch, auch ein Arbeiter legte Wert auf einen gut sitzenden Anzug (und gutes Essen). In Deutschland ist die Entwicklung naturgemäß trauriger.

Vielleicht hängt die hampelige Joggingkultur mit allem zusammen. Man trägt permanent Sportkleidung, was der neoliberalen Ideologie entspricht, allzeit für den Einsatz und für den Tausch mit allem bereit zu sein. Wer sich so seines Klasssenbewusstseins entledigt, kann zum Klassenkampf nichts mehr beitragen. Interessant auch: 60 bis 70 Prozent der Franzosen unterstützen die aktuellen Streiks in Frankreich, aber es findet sich kaum ein Deutscher, der Verständnis dafür hat.

Deutsche Epigonen.

Widerstand ist auch eine Stilfrage. Ich wage die Vermutung, dass eine emanzipatorische Revolution erst dann möglich sein wird, wenn die Jugend maßgeschneiderte Kleidung trägt.

Bis dahin schauen wir alte Nosbuschfilme.

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Italia moderna – nove

Ein privates Wohnhaus aus den 1950ern oder 60ern in der Kleinstadt Noventa Vicentina irgendwo zwischen Vicenza und Modena in Norditalien. Das Haus ist ein interessantes, das sagt einem das Gefühl des ersten Blicks. Aber warum?

Das Haus besteht aus zwei Körpern, die mit einem Mittelteil verbunden sind. Das Mittelteil ist zurückgesetzt und dient gleichzeitig als Eingangsbereich. Das schafft eine gewisse Privatheit, weil sich der Eingang nicht offensiv, sondern halböffentlich präsentiert. Außerdem entstand so eine Art halber Hof, von drei Seiten geschützt, was bedeutet, dass wir hier nicht nur eine Eingangssituation haben, sondern auch Aufenthaltsqualitäten geschaffen wurden.

Es ist ein ganz simples und in bestem architektonischen Sinne Spielen mit Baukörpern.

Die Kuben: Rechts ein Fast-Würfel mit stark geschrägtem Flachdach, links offenbar das Hauptgebäude, etwas größer. Beide Kuben sitzen auf vermeintlichen Kellergeschoßen, die nach oben geholt wurden. Das fortlaufende Dach bewirkt eine optische Verbindung beider Körper. Das Wohnen spielt sich folglich im ersten Stock ab, was an Pilotis-Architektur, an LeCorbusier und überhaupt an eine Zeit erinnert, in der man noch keine Angst hatte, abzuheben.

Die Fensteranordnung zeigt eine gewisse Verschlossenheit zur Straßenseite hin, die Fenster selbst sind schmal und hoch. Faszinierend sind die sparsam und sicher gesetzten Designmarkierungen: Zum einen die Rollläden in braun (Rollläden in Italien und ihre farbliche Gestaltung sind ein Thema für sich, das unverständlicherweise der Erörterung harrt.) ausgeführt. Zum zweiten betonen die Fensteröffnungen das außergewöhnliche Format (schmal und hoch), indem eine gedachte Öffnung nach oben und unten verlängert und blau markiert wird.

Überhaupt die Farben: Das Blau des Fensterbereichs setzt sich im angeschrägten Giebelfeld fort und somit haben wir im Hauptbereich braun, blau und weiß. Das Steinchenmosaik schafft eine optische Verbindung zwischen Sockel- und Wohngeschoß und wirkt eben nicht als das, als was solche Steinchen meist eingesetzt werden: als Betonung des Fundaments, des Sockels.

Zwei Kuben, die miteinander kommunizieren, plus eine sorgfältige Farbgebung. Mehr braucht es nicht, um architektonisch glücklich zu sein.

(Foto: genova 2019)

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Zum Tod von Herrn Gremliza

Ich habe in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren auf Bahnreisen regelmäßig Bahnhofsbuchhandlungen auf ihr Lektüreangebot untersucht. Wesentliches Untersuchungsmerkmal: Wird die konkret angeboten und vor allem: Wie sichtbar.

Ergebnis: Die konkret hatte es von Jahr zu Jahr schwerer. Rund um die konkret kamen im Regal indiskutable Produkte hinzu: billige Ressentimentheftchen namens Cato oder Cicero und das Naziblatt Compact. Die konkret war immer öfter dahinter versteckt.

Nun ist der konkret-Chef Hermann Gremliza gestorben, nach langer schwerer Krankheit, wie es immer so furchtbar heißt. Ich vermute, dass das die Bahnhofsbuchhandelsituation der konkret nicht verbessert.

Ernstzunehmende und angenehme, wenn das möglich ist, Nachrufe, haben Dietmar Dath in der FAZ und Eckhard Henschel im Neuen Deutschland verfasst. Man möge das lesen, ich käue nicht wieder. Wenn ich das richtig sehe, haben die meisten deutschen Tageszeitungen keinen Nachruf verfasst. Alleine das macht eine sofortige Abokündigung ratsam.

In den Nachrufen liest man, dass Gremliza gut schrieb. So war es wohl, aber seine ausgeprägte Abneigung gegen alles Deutsche wie auch seine vorbehaltlose Unterstützung Israels fand ich noch angenehmer. Bei jedem neuen Heft wusste man nicht konkret, was einen erwartet, aber das war egal, denn es war immer gegen das Deutsche an sich gerichtet, und das lohnte (wenn ich diesen Begriff hier verwenden darf) die Lektüre. Ein paar Ausnahmen gab es bei Artikeln über Architektur und Städtebau, aber die hatte nicht Gremliza verfasst. Auf 70 Seiten konkret stand immer mehr lesenswertes (wenn ich diesen Begriff hier verwenden darf) als auf 700 Seiten Spiegel, was nicht gegen den Spiegel sprechen muss.

Gremliza hinterlässt eine Menge Vordenkopfgestoßener: Die Friedensbewegten in den 1980er Jahren, die Serbienkritiker, viele USA-Basher. Doch wie auch immer man dazu stand, man bereute die Lektüre der Gremliza-Artikel nie. Es standen tatsächlich Gedanken drin.

Gremliza war ja schon ex negativo ein König: Angesichts des riesigen Meeres an Bullshit, der Tag für Tag geschrieben und veröffentlicht wird, ist man für den Leuchtturm tief dankbar, auch wenn der Lack zum Teil schon ab ist.

Bei den Eingangs erwähnten Untersuchungen im Bahnhofsbuchhandel dachte ich mir oft, dass die konkret die einzig lesenswerte politische Zeitschrift ist.

Seien wir froh, wenn das so bleibt.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 517

(Foto: genova 2019)

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Nachtrag (und Update) zum 9. November 2019

Merkel, Gauck, Birkler und so weiter. Wichtige und zugleich völlig uninteressante Menschen äußern sich zum 9. November. Mich erinnert das an die Erinnerungskultur der DDR: Es wird selten gelogen, aber viel geschöntes und banales Zeugs erzählt. Allen voran naturgemäß Merkel. Ein einziges Schlaftablettengeplapper, das die vollumfängliche Banalität dieses Menschen einmal mehr unter Beweis stellt.

Zeitgemäß präsentiert sich das Geplapper von Steinmeier. Er hat Redenschreiber, die das Menschliche, wie man sagt, das Lockere einbauen, bei allem Respekt für die Steifheit des Amtes. Inhaltlich ist das naturgemäß genauso banal und dümmlich wie das Surrogat von Merkel et al.

Eine Figur wie Steinmeier nötigt grundlegendes Misstrauen ab: Seine Gestik und Mimik sind bis ins Detail kontrolliert. Man achte bei einem Auftritt einmal aussschließlich auf seine Hände: Die Perfektion des Kontrollzwangs, verbunden mit heiterem, allzu heiterem Lächeln. Dann wieder ein Blick, der Engagement vermitteln soll.

Steinmeier ist einer der Zerstörer der SPD, der Strippenzieher des Neoliberalismus. Dennoch hat er es geschafft, als sozialer Mildtäter zu erscheinen, vermutlich mit Hilfe epigonaler Medien.

Gäbe es hierzulande verantwortungsbewusstes politisches Handeln, säße dieser Mann auf der medialen Anklagebank, bezichtigt der Solidaritätszerstörung in vielerlei Hinsicht. So aber wird dieser Typ Bundespräseident und hält eine Weihnachtsrede, die von Floskeln strotzt. Man stellt sich unwillkürlich die Frage, ob dieser Typ nicht einfach eine aktualisierte Version von Goebbels ist. Klingt weit hergeholt, aber über Goebbels würden heute alle lachen. Steinmeier ist in einer Gesellschaft, in der Schein alles ist, effektiver. Man kann ohne Weiteres 20 Jahre neoliberale Enthumanisierung verwirklichen und dann in einer Weihnachtsansprache zu Solidarität aufrufen. Welche Rolle spielte Steinmeier eigentlich bei der Bahnprivatisierung. Er war jedenfalls schon ganz oben in der Partei angelangt, als Schröder mit seinen Mannen die Bahnzerstörung systematisch anging und parteiinterne Widersacher mit – sagen wir: heiklen – Mitteln ausschaltete.

Die Bahn: Mit SPD und Steinmeiers Gnaden ein Ausbeutungsobjekt par excellence.

Zurück zur Wiedervereinigung: Interessant wäre ein Blick auf die Zeit nach dem 9. November 1989; genauer: auf die ökonomische Verwertung des Ostens durch das westliche Kapital. Man nehme exemplarisch die Ostberliner Bezirke Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg: Aus volkstümlichen Wohnlagen wurde und wird nach und ein Nichtwohngebiet: Ein geographisches Areal für die Geldanlage. Zugleich ein Areal für Vertreibung und Ausbeutung. Das realsozialistische Unrecht wurde ersetzt durch das kapitalistische Unrecht.

Die realsozialistische Wohnungspolitik war sozialer, vernünftiger, solidarischer.

Merkel und Co: Diese Leute sind natürlich indiskutabel, sowohl intellektuell als auch das Integere betreffend, aber sie können so agieren, weil wir alle sie agieren lassen. Dass man ausgerechnet in den genannten drei Bezirken, die seit ihrer Entstehung Arbeitergegenden sind, in den letzten 25 Jahren fürs Wohnen eine Preisteigerung von 1.000 Prozent in Kauf nehmen muss, zeigt einerseits den moralischen Bankrott des Systems.

Andererseits zeigt das die maßlose Effektivität neoliberaler Propaganda.

Wobei mich immer deutlicher das Gefühl beschleicht, dass die üblichen Politiker heute kein höheres Ansehen genießen als Honecker und Krenz seinerzeit.

9. November: Es bleibt spannend.

(Foto: genova 2019)

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