Architektur und Gewalt

„Baysals Fotografien wurden oft mit den Schlagwörtern „urbane Transformation“ oder „Gentrifizierung“ versehen, für mich aber sind sie vor allem Bilder der Gewalt gegen die Umwelt. Für mich zeigen sie gewaltsames Vorgehen gegen die baulich geschaffene wie auch gegen die natürliche Umgebung – gegen traditionelle Gebäude ebenso wie gegen Flüsse und Wiesen, und letztlich gegen die Erde selbst. Gewalt gegen und durch die Architektur. Humane Gebäude – Gebäude, deren Erbauer und Bewohner identisch sind – werden durch eine Architektur des Pomp, der Macht,der Behörden und des Gigantismus verdrängt.“

schreibt der Kritiker – oder die Kritikerin – Eray Cayli über Fotos des – oder der – 1975 geborenen Göksu Baysal, die kürzlich in Berlin gezeigt wurden.

Die Bilder zeigen auf die Schnell hochgezogene Wohnviertel mit Punkthochhäusern – ein Städtebau, der zeigt, dass die türkische Baubranche wohl gute Verbindungen zur Politik hat. Bemerkenswert ist die Formulierung Caylis, wonach gute Häuser die sind, die mit ihren Bewohnern identisch sind. Vielleicht geht es um das wohlige Annehmen von Grundrissen, Materialien, Viertelstrukturen, um das Entdecken nicht geplanter Ecken, Refugien, um das Gefühl des Ernstgenommenwerdens. All das findet sich in solchen Stadtvierteln vermutlich nicht.

Es ist kein Zufall, dass solche Viertel nur noch in autoritären Ländern hochgezogen werden – Türkei, China.

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o.T. 394

P8020022.JPG(Foto: genova 2016)

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P7140013.JPG(Foto: genova 2015)

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P5270034.JPG(Foto: genova 2017)

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Selbst dafür zu doof

Eine nette Karrikatur vor zwei Wochen im stern:

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Es trifft ganz gut die totale Lähmung, der die Gesellschaft via neoliberaler Impfung anheimgefallen ist. Eine Karrikatur, die den Leuten ihre Doofheit vorhält, in einer bürgerlichen Illustrierten, natürlich ohne jede Reaktion. Der totale Kapitalismus ist auf einem guten Weg.

Und es ist ein praktisches Beispiel dessen, was die konkret vor ein paar Monaten (6/17, Michael Scharang) schrieb:

Die Funktion der Meinung ist, den wunden Punkt einer Sache gesundzubeten, anstatt die Wunde zu heilen. Das folgenlose Reden wird als Meinungsfreiheit gefeiert. Die erschöpft sich darin, dass man allen alles sagen darf, weil es ohnedies niemanden interessiert. Wirft man eine Überfülle an Nachrichten, von denen niemand sich angesprochen fühlt, in die Welt, führt der Umstand, dass niemand reagiert, zu einer geistigen, politischen und sozialen Starre der Gesellschaft. Starre ist schlimmer als Stillstand. Sie entsteht, wenn die Machthaber verhindern, dass die geschichtliche Entwicklung sich auch nur einen Fußbreit vorwärtstastet.

Und:

Kritik am Kapitalismus ist die stabilste Säule, auf die das im Niedergang befindliche System sich stützt. Sie ist die Verkehrung von Kritik, denn Kritik, die konstruktiv ist, ist keine.

Ich würde das dahingehend erweitern, dass Kritik am Kapitalismus folgenlos bleibt, weil der als Naturverhältnis gesehen wird. Ob es regnet oder die Paradise Papers veröffentlicht werden: Nicht in Ordnung, aber nichts zu machen.

In Deutschland fällt mir zunehmend auf, dass man gerne die Anderen kritisiert, man selbst klopft sich auf die Schulter. Deutschland ist seit längerem super, die Grünen und Linken sind versöhnt, weil Merkel die Flüchtlinge aufgenommen hat, außerdem läuft die Wirtschaft und wir verkaufen unsere Autos. Was will man mehr? Da versöhnt sich der härteste Hund mit dem Windhund von damals. Es herrscht eine Amnäsie, denn nur so lässt sich beispielsweise eine Szenerie wie die gegen den G20-Aktivisten Fabio V. aus Italien erklären. Der 18-Jährige saß vier Monate in Untersuchungshaft, er kam jetzt gegen Zahlung einer Kaution von 10.000 Euro frei. Sein Vergehen? Es gibt keins.

Die Zeit schreibt unter der Überschrift „Exempel am Milchbubi“:

Fabio V. ist 18 Jahre alt, Italiener, und hat ein jugendlich-zartes Gesicht. Er lebt noch bei seinen Eltern, hat einen festen Job. Anfang Juli war er nach Hamburg gekommen, um gegen das G20-Treffen zu protestieren. Sein Zelt hatte er im Protestcamp im Volkspark aufgestellt. Am Morgen des 7. Juli startete er von dort aus mit einer Gruppe schwarz gekleideter Personen Richtung Innenstadt. Am Rondenbarg wurde die Gruppe von der Polizei aufgehalten. Es flogen Flaschen und Steine. Fabio V. soll nichts geworfen haben. Davon geht auch die Staatsanwaltschaft aus. Dennoch wurde er verhaftet und wegen schweren Landfriedensbruchs sowie versuchter gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Gut vier Monate saß er in Untersuchungshaft. Erst Anfang der Woche kam er frei, gegen eine Kaution von 10.000 Euro.

In Haft geriet Fabio V. als militanter G20-Gegner. Aus der Haft wird er entlassen als Symbol einer Strafjustiz, die im unbedingten Wunsch, jemanden für das G20-Debakel zur Verantwortung zu ziehen, mitunter jedes Maß verliert.

Der Richter bewertet die Tat von Fabio V. nicht nur als einfachen, sondern als schweren Landfriedensbruch. Darauf stehen bis zu zehn Jahre Haft. Für das Delikt wäre zwar Voraussetzung, dass der Italiener persönlich eine Waffe bei sich geführt oder einen anderen lebensgefährlich verletzt hat – was nicht der Fall war. Der Richter entwickelt das Delikt aber fort: Ein schwerer Landfriedensbruch dränge sich auch auf, wenn der Täter „die öffentliche Sicherheit in besonders schwerwiegender Weise gestört“ hat, schreibt er.

Vier Wochen U-Haft für nichts. Denis Yücel ist in aller Munde, völlig zurecht. Ist ja auch einfach, weil er bei den miesen Türken in Haft ist. Fabio V. sitzt in deutscher U-Haft, und deutsche Richter sind die guten. Ihm drohen nach wie vor zehn Jahre Haft.

Weil die tollen Deutschen ja gerne Erdogan oder Putin kritisieren: In einer Fotoausstellung junger türkischer Fotografen in Berlin kürzlich fielen mir Bilder der Gezi-Proteste auf: Massive Gewalt seitens der Demoteilnehmer, massive Gewalt seitens der Polizei. Damals war der deutschen bürgerlichen Presse klar: Unbedingte Unterstützung der Gewalttäter, denn die sind doch für Demokratie, oder für Marktwirtschaft, oder für die künftige Erhöhung des deutschen Außenhandelsüberschusses. In Hamburg dagegen gibt es milde Kritik der Zeit an nichtrechtsstaatlichen Zuständen. Selbst die überbordende Polizeigewalt in Hamburg, von unzähligen Kameras festgehalten, wird von den Verantwortlichen, wie man sagt, bis heute schlicht geleugnet.

Polizeilich verursachte Knochenbrüche sind nur ein Problem, wenn der Polizist Türke ist.

Merke: Deutschland ist toll, Punkt. Die Bösen sind im Ausland, immer und überall.

Und schließlich: In einer internationalen Presseschau im Deutschlandfunk hörte ich kürzlich einen deutlichst Erdogan-kritischen Kommentar. In welcher Zeitung? Einer türkischen.

Kritisches Denken ist naturgemäß in jedem kaptitalistischen Land in Gefahr. Und erst recht, wenn das Land nur noch aus Selbstschulterklopfern besteht.

P5270039.JPG(Foto: genova 2017)

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o.T. 391

(Fotos: genova 2017)

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(Foto: genova 2017)

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Betrachtung eines Hauses am Bach

Ein Haus an einem Bach in der Innenstadt von Mantua in Italien:

Was macht das Haus interessant? Das Heterogene. Wir haben ein Kellergeschoß ohne Ornament und dann eine Schauseite auf der Bachseite, die sich wiederum nur über drei Etagen erstreckt und mit einem fulminanten Fries abschließt. Später kam jemand auf die Idee, ein weiteres Geschoß aufzusatteln, das völlig schmucklos und geradezu bauhaus-kubisch-modern sich zeigt. Das Dach scheint völlig flach zu sein, es fehlt das Gesims, es ist geradezu kompromisslos. Der vielleicht in den 1960er oder 1970er Jahren angefügte Anbau links ist vielleicht ein Fahrstuhlschacht, vielleicht aber auch nur ein neuer Raum für das Treppenhaus.

Die zwei bis drei Etagen Schauseite sind skurril ornamentiert, jeweils ein helles Putzband mit drei ausgeschnittenen Vierecken muss reichen. Die Ornamentik des Mezzaningeschoßes wirkt aufgesetzt, der Fries überbordend, und dann sehen wir auch noch, dass der dahinterliegende Kubus schmaler als die Fassade ist.

Alles recht merkwürdig, aus fachlicher Sicht sicher zu kritisieren, was die stilistische Sicherheit, grundlegende ästhetische Regeln zur Symmetrie und was die Ornamentik angeht. Der Fries ist plötzlich kein Fassadenabschluss mehr, sondern markiert nur die Grenze zum Kubismus, dem Neuen Bauen.

So steht es nicht in den Stilfibeln. Und es ist gut so. Das Haus braucht keine explizite Stilfibel, an der es sich natürlich ohnehin im Stillen orientiert. Kein Geschmack kommt von ungefähr, sondern ist immer soziologisch motiviert, vermutlich ausschließlich soziologisch. Das Haus ist also das Ergebnis von Leben, das, da nicht auf hoher gesellschaftlicher Ebene angesiedelt, sich halbwegs ungehemmt entfalten kann. Die Ritzen, das Detail, werden hier zu unkontrollierten Kleinigkeiten, die den Dissenz zur Norm so schamlos wie selbstbewusst präsentieren.

Deshalb kann man das Haus so angenehm lesen.

(Foto: genova 2017)

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Kabelwerk Wien: Wie man gut und günstig wohnen kann

Ein neuer Stadtteil in Wien, außerhalb des Zentrums, gebaut vor rund zehn bis 15 Jahren auf dem Gelände einer ehemaligen Kabelfabrik, die 1996 schloss. Danach wurde der Bereich kulturell zwischengenutzt, wenig später begannen nach einem breit angelegten Bürgerbeteiligungsverfahren die Bauarbeiten. Heraus kam dieses ziemlich verdichtete Viertel, entwickelt von mehreren Architekturbüros, mit völlig verschiedenen Gebäudehöhen und -volumen, -typen und -anmutungen. Maghreb-artige Kuben, konventionelle Wohnhochhäuser, Reihen- und Atriumhäuser, ein paar Ladenpassagen, Kindergarten, Schwimmbad, ein Kulturzentrum mit Theater. Heute wohnen hier 3.500 Menschen.

Ich weiß nach einem Kurzbesuch nicht, ob das Viertel funktioniert, aber es macht zumindest diesen Eindruck. Es herrscht eine relative Enge vor, Autos bleiben außen vor, keine Verkitschungen, keine Verhübschungen. Es bleibt der Eindruck der provozierten Heterogenität. Dazu kommen ein neu angelegter Park und der nahe U-Bahnhof.

Die Mieten sind für Berliner Verhältnisse unglaublich: Runde 7,60 Euro pro Quadratmeter inklusive der Betriebskosten, plus Gas und Strom. Außerdem zahlt man bei Einzug eine Einlage von 430 Euro pro qm, die man, wie bei einer Genossenschaft, beim Auszug zurückbekommt. Es gibt Einkommensobergrenzen für diese Wohnungen, die aber so hoch liegen, dass es offenbar nur darum geht, Millionäre rauszuhalten. Ein Einpersonenhaushalt beispielsweise darf ein Jahresnettogehalt von bis zu 44.700 Euro beziehen. Eine klassische Familie mit zwei Kindern kommt auf 84.130 Euro netto pro Jahr.

Dieses neue Viertel ist in Wien keine Seltenheit. Bewegt man sich außerhalb der Innenstadt, trifft man immer wieder auf solche Siedlungen, die in Berlin als Luxusneubauten durchgehen würden.

Es wäre ein weiteres Beispiel, das man in Berlin übernehmen könnte, wenn die Funktionselite dieser Stadt nicht komplett korrumpiert wäre. Das Verhältnis dieser Funktionselite zu Lebensnotwendigkeiten wie Wohnen ist ein außerordentlich und ganz und gar perverses. Lassen wir das.

(Fotos: genova 2014)

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Literaturbesprechung

Adolf Loos schaffte hier das Kunststück (das keine Kunst ist), drei wichtige Fragen zu stellen und sie zugleich richtig zu beantworten:


Man sieht: Die wesentlichen Fragen, die die Menschheit beschäftigen, sind so neu gar nicht. Hören wir auf die alten Meister, wir können nur lernen.

(Foto: genova 2017)

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