Kritische Untersuchung zur aktuellen Religionskritik unter besonderer Berücksichtigung des sexuellen Aspekts


(Foto: genova 2017)

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„… immer auf dem bekannten Wege“

Goethe berichtet in der Italienischen Reise über seinen abendlichen Aufbruch am Brenner mit der Kutsche Richtung Süden:

Ich packte ein und um sieben fuhr ich vom Brenner weg. Wie ich gehofft hatte, ward die Atmosphäre Herr der Wolken und der Abend gar schön. Der Postillon schlief ein und die Pferde liefen den schnellsten Trab bergunter immer auf dem bekannten Wege fort, kamen sie an ein eben Fleck ging´s desto langsamer, er erwachte und trieb und so kam ich sehr geschwind zwischen hohen Felsen, an den reißenden Etschfluss hinunter […] So leid es mir tat, diese interessanten Gegenden, mit der entsetzlichen Schnelle, (die Postillon fuhren dass einem oft Hören und Sehen verging)…

Bemerkenswert: Der Postillon schlief ein, die Pferde wussten, wohin sie traben mussten. Es erinnert an die heutige Diskussion über das selbstfahrende Auto, die also so neu nicht ist. Damals hatte sozusagen der Motor die Software der Wegerkennung schon eingebaut, ein lebendes Navigationsgerät namens Pferd. Heute muss man das der toten Maschine mühsam und mit viel Intelligenzaufwand einpflanzen.

Ein skurriles Bild sicherlich: Die Kutsche fährt mit einem schlafenden Kutscher und vielleicht auch schlafenden Gästen durch die stockdunkle Nacht. Hohe Felsen, tiefe Abgründe, ein reißender Fluss, keine Leitplanken und alle schlafen. German Angst scheint damals noch kein Thema gewesen zu sein. Der Kutscher wacht nur auf, wenn das Tempo nachlässt, treibt die Pferde an und schläft, wenn das gewünscht hohe Tempo erreicht ist, wieder ein.

Mit hohem Tempo waren 20 oder 30 Stundenkilometer gemeint, eine entsetzliche Schnelle. Geht man von der Fußgängergeschwindigkeit aus, ist das sicher richtig und jeder Radfahrer weiß, dass man bei dieser Höllengeschwindigkeit die Details am Wegesrand nicht mehr wahrnimmt.

Allerdings macht Goethe den auch heute noch beliebten Fehler, nachts zu reisen. Seine Beschwerde darüber, dass er die Gegend nicht wahrnimmt, ist nicht sonderlich glaubwürdig.

Topographie, Dynamik, Raumerfahrung sind immer … fade out

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Verfügungsrecht über den Boden: Vom positiven Aspekt der Charta von Athen

Die Charta von Athen ist out, schon lange. Seit den 1960ern ist der totalitäre Aspekt dieser Stadtentwicklungsideen moderner Architekten as dem Jahr 1933 massiv kritisiert worden, völlig zurecht. Im Extremfall führten die Ideen der aufgelockerten und micht Luft und Sonne gesegneten Stadt zu Ansätzen wie Corbusiers Plan Voisin für Paris oder Ludwig Hilberseimers Abrissfantasien für die Berliner Friedrichstadt. Diese Architektur sollte am rechten Seineufer entstehen, was den Komplettabriss ganzer Stadtviertel vorausgesetzt hätte:

Die Charta von Athen kann man aus ihrer Zeit heraus sehen und verstehen. Die völlige Geschichtsvergessenheit haben allerdings schon viele zur Entstehungszeit kritisiert.

Ein anderer Aspekt der Charta ist jedoch kaum bekannt, dafür umso bemerkenswerter. In Bezug auf die Eigentumsverhältnisse am Boden liest man:

91: Der Gang der Ereignisse wird grundlegend beeinflußt durch politische, soziale und wirtschaftliche Faktoren.

92: Und gerade hier wird die Architektur – nicht als letzte Kraft – eingreifen können.

93: Der Dringlichkeit der durchzuführenden städtebaulichen Arbeiten steht die Tatsache einer grenzenlosen Grundbesitzzerstückelung entgegen.

94: Der hier festgestellte Widerspruch deutet auf eines der gefährlichsten Probleme der Gegenwart: Die Notwendigkeit, das Verfügungsrecht über den städtischen Grund und Boden gesetzlich so zu regeln, daß die Lebensbedürfnisse des Einzelnen mit den Ansprüchen der Gemeinschaft in Einklang gebracht werden.

95: Das Privatinteresse muß dem Gemeinschaftsinteresse untergeordnet werden.

Enteignung, soziale Bodenreform, ein Ende der Renditeansprüche an den Boden, Kampf den kapitalistischen Ausbeutern: So muss man diese Passagen lesen. In den 1920ern und 1930ern war es üblich, die Bodenfrage zu stellen. Bis in die 1950er Jahre der Bundesrepublik auch noch. Tut man das heute, ist man Linksextremist.

„Eines der gefährlichsten Probleme der Gegenwart“ ist also das Privateigentum am Boden: Ein ziemlich aktueller Satz, den man selbstverständlich heute hervorkramen müsste. Gerade im Wahlkampf könnte und müsste jeder ernstzunehmende linke Politiker die massive Enteignung städtischen Bodens fordern, oder weitergehend: jedem Renditeanspruch auf Boden eine Absage zu erteilen. Die Marktpreise würden dann von selbst in den Keller gehen.

Angesichts unserer kapitalhörigen Politiker von der AfD bis zur Linkspartei ein frommer, wie man sagt, Wunsch. Es wäre notwendig, an diese Enteigungsforderungen wieder anzuschließen. Privateigentum am Boden jenseits der Eigennutzung muss abgeschafft werden.

Die Architektenschaft heute ist meilenweit von jedem ernstzunehmenden politischen Anspruch entfernt. Statt den Kapitalisten aufs Maul zu hauen, entwirft man 15qm-„Wohnungen“ für Singles. Statt klare Kante zu zeigen, prostituiert man sich. Selbst ein als links geltender Architekt wie Arno Brandlhuber hat, wie es scheint, einen nur mäßigen politischen Durchblick.

Auch die meist sehr lesenswerte Laura Weißmüller schreibt in der Süddeutschen Zeitung zum Thema Mikrowohnungen:

Beim einzelnen Raum sparen und dafür der Gemeinschaft mehr Platz geben, genau das könnte die Lösung sein, um die Wohnungsnot zu bekämpfen.

Ja, völlig richtig, aber notwendigerweise hinzufügen muss man: Die Verwertungsansprüche auf Boden auf null runterfahren. Wie man gerade in München diesen Aspekt nicht beachten kann, ist mir schleierhaft.

Insofern sollte man die Charta von Athen wieder rauskramen. Einerseits, um dort die Dialektik der Aufklärung zu lernen: Das technisch Machbare ist unter progressiven Vorzeichen nicht immer machbar. Und andererseits als Beispiel dafür, um wie viel weiter man sozialpolitisch vor 100 Jahren war.

Die Geschichte des Kapitalismus als eine der permanenten Regression: Hier finden wir dafür ein schönes Beispiel.

 

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Kurze Bemerkungen über das, was man sieht, wenn man hochguckt

Doch was Tag sei, wissen wir Kimmerier kaum. In ewigem Nebel und Trübe ist es uns einerlei, ob es Tag oder Nacht ist; denn wieviel Zeit können wir uns nter freiem Himmel wahrhaft ergehen und ergötzen?

Das schreibt Goethe in seinen Aufzeichnungen der Italienischen Reise über uns, Kimmerier, die nie von der Sonne beschienen werden. Die norddeutsche Katastrophe schlägt dieses Jahr wieder einmal unbarmherzig zu und beschert, wie man sagt, uns Novembergrau im August.

Die norddeutsche Katastrophe besteht darin, dass es zwei Jahreszeiten gibt: neun Monate Winter und drei Monate Regen. Wir leben in einer eigentlich unbwohnbaren Gegend. Wohnen läuft hier auf dem Level ab, auf dem sich auch das Essen abspielt: Man wird satt. Das wusste auch Goethe und es befiel ihn große Schwermut, als er in Italien spürte, dass es eine große Scheiße ist, zurückzukehren. Die meisten Deutschen machen aus der Not eine deutsche Tugend und loben den Nieselregen.

Oder argumentieren wie Thomas Mann rassistisch: Die Hitze macht die Menschen dumm, deshalb kann man die Italiener sowieso nicht Ernst nehmen, sie taugen nur zum Knabenficken. Es ist faszinierend zu lesen, wie ein Lübecker Küstenschrat das Paradies vor Augen hat und dennoch die Hölle bevorzugt. Die erfahrene Abweisung ist sozialisiert, der norddeutsche Dauernieselregen schon längst stockholmsyndrommäßig akzeptiert. Und dann kommt plötzlich die Sonne. Nicht auszhalten.

Vier Wochen Nebel und Trübe im November sind gut, diese Indifferenz von Tag und Nacht, die einen ins Ich versinken lässt, ohne Ablenkung. Leider ist das ist hier der Normalzustand. Die neun Monate Winter stehen schon wieder vor der Tür, kaum dass man im Mai den Schal weggepackt hat. Schlimmer noch: Jeder Sonnenstrahl verursacht Unruhe, weil man weiß, es könnte der letzte für viele Monate sein. Man muss dann raus und ihn nutzen, ohne Rücksicht auf individuelle Befindlichkeiten.

Ich schätze, wir haben das instabile Wetter durch stabile Technik ersetzt: Mercedes als Ausgleich für die meteorologische und im übrigen naturgemäß auch kulturelle Katastrophe, die sich Deutschland nennt.

Zum Trost: Ich habe gehört, dass es in Dänemark noch übler sein soll.

(Foto: genova 2017)

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o.T. 379

Die Welt ist spätestens seit Erfindung der Sprache voller Rätsel. Hier, gefunden in Berlin, dankenswerterweise einmal nicht. Da fordert jemand, der wohl Kieler ist oder zu der Stadt einen persönlichen Bezug hat, eine Liege für seine Stadt. Vielleicht gibt es dort noch keine oder auch nur eine zu wenig.

Der mutige Politaktivist publiziert seinen Wunsch nicht irgendwo in der Provinz, womöglich gar in Kiel, sondern gleich in der Hauptstadt, um klarzmachen, dass seine Forderung auf höchster Ebene erfüllt werden muss.

Möge sein Wunsch in Erfüllung gehen.

(Foto: genova 2017)

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Vom vollen Boot, vom Berliner Weltklima und vom Totalversagen

Zwei Meldungen, die das doppelte Desaster Berlins gut beschreiben.

Erstens berichtet Laura Weissmüller in der Süddeutschen Zeitung, dass die offiziellen Wohnungsbauzahlen der Überprüfung nicht standhalten: Vergangenes Jahr wurden offiziell 8.200 Wohnungen geplant, aber nur 900 befanden sich im Bau oder wurden fertiggestellt.

Die Zahl ist alarmierend. Tausende von bezahlbaren Wohnungen würden in Berlin nicht gebaut. Unzählige von großen Neubauprojekten lägen auf Eis oder seien gestoppt. Warum? Weil Anwohner protestieren – und die Regierenden sich aus der Verantwortung stehlen.

Bei jeder zweiten innerstädtischen Baulücke, die bebaut werden soll, hängen die Nachbarn Transparente an ihre Balkone, die fordern, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Sicht würde versperrt und überhaupt. Ein Berliner Architekt begründet das skurril:

Die Anwohner seien oft nicht darauf vorbereitet, dass sich in ihrer direkten Umgebung etwas verändern soll. „Klar, dass die Angst haben“, sagt Köhl.

Klar: Vor einem neuen Haus muss man Angst haben, was auch sonst. Vermutlich german angst. Andererseits ist es bei Quadratmeterpreisen von 4.500 Euro aufwärts nachvollziehbar, dass sich die Euphorie in Grenzen hält.

Die zweite Meldung besagt, dass die neue Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher von den Linken nun eine Anweisung erlassen hat, die an Schilda denken lässt – oder eben an ein typisch berlinerisches Phänomen:

„Es erfolgt grundsätzlich kein Rückschnitt von Straßenbäumen oder deren Fällung, um den 2. Rettungsweg für den Neubau (Dachgeschossausbau und Lückenschließung) planmäßig zu ermöglichen“.

Wer also ein Haus bauen will und dafür einen Straßenbaum beschneiden muss, bekommt keine Baugenehmigung. Da in Berlin praktisch überall Bäume stehen, wird auch kein Haus mehr gebaut.

Nun ist es möglich, dass Lompscher mit dieser Regelung eigentlich die Schaffung günstigen Wohnraums ermöglichen will, denn ein Zusatz der Anweisung besagt:

„Wird in vorhandenen Baulücken aber preiswerter Wohnungsbau realisiert, sollen die Bezirke im Einzelfall durch Baumrückschnitt die Erreichbarkeit der Feuerwehr-Drehleiter ermöglichen“.

Dummerweise ist nirgendwo erkennbar, dass günstiger Wohnraum überhaupt gebaut wird. Geredet wird darüber seit zehn Jahren täglich, nur: Es passiert nichts. Man muss über Gebühr optimistisch sein, zu glauben, dass die Linke, die es zugelassen hat, dass der einzig kompetente Mitarbeiter in ihren Reihen – der Wohungsexperte Andrej Holm – geschasst wurde, an diesem Problem grundsätzlich etwas ändert.

Es wäre an einer linken Partei, die man ernst nehmen kann, dass sie das Problem der Verwertung von Boden grundsätzlich anspricht, auf Landes- und auf Bundesebene. Den Wahlkampf könnte man dazu nutzen, wenn man das Thema überhaupt auf dem Schirm hätte.

In Berlin trifft die Anweisung in den pseudoökologischen Milieus, die via angeblichem Naturschutz ihre unsolidarische Haltung verwischen, sicher auf Zustimmung. Folgerichtig begründet Lompscher ihre Anweisung mit „Berliner Zielen zum Umwelt- und Klimaschutz“. Berlin hat ein Problem mit zu vielen Bäumen, die alle Gehwege aufreißen und Wohnungen verdunkeln, nicht mit zuwenig. Zu meinen, ein paar weniger Straßenbäume würden das Weltklima gefährden: Wie muss man mental beschaffen sein, um so zu argumentieren? In die neoliberale Mangel genommen, vermutlich. Verlernt, in Zusammenhängen zu denken. Davon abgesehen wird sowieso für jeden gefällten Baum in der Nähe ein neuer gepflanzt.

Der Tagesspiegel kommentiert in dem Zusammenhang übrigens bemerkenswert und wird deshalb demnächst sicher vom Verfassungsschutz wegen linksextremistischer Umtriebe beobachtet:

Natürlich ist es richtig, dass der Staat den Markt bändigt, wenn eine Minderheit auf der Jagd nach Renditen den Gemeinsinn zusammen mit dem Bauschutt ihrer Luxusmodernisierungen entsorgt. Genau das geschieht zurzeit in Berlin, wo Menschen mit Freude an der Spekulation skrupellos an der Wohnungsnot verdienen. Diese Leute treiben Bürger in existenzielle Not, nur weil jene vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben und eben kein Kapital haben, das für sie arbeitet.

Das zu stoppen, mit Regulierungen den für sich genommen asozialen Markt zu bändigen, das ist richtig.

Der asoziale Markt: Na, na, rote Karte. Wenn ich das schreibe, bin ich laut FAZ-Alfons ein umstürzlerischer Linksextremist. Der Tagesspiegel als Zentralorgan der KPD und keiner merkt´s.

Die Grünen in Kreuzberg sagen jetzt ganz offen, dass sie überhaupt keine Neubauten mehr wollen, da der Bezirk schon so wahnsinnig verdichtet sei. Übermäßig verdichtet ist in Berlin gar nichts, es gibt Platz in Hülle und Fülle. Man müsste nur bauen.

Oder genauer: Man müsste die systemische Logik dechiffrieren, wonach das Kapital günstigen Wohnraum verhindert. Der Begriff der Enteignung fällt leider viel zu selten. Man bedenke bei alldem, dass die Diskussion über Gentrifizierung seit mehr als zehn Jahren intensiv läuft. Und dass sich in diesem Zeitraum alle Parteien permanent für mehr günstigen Wohnraum aussprechen. Die reale Entwicklung führt ins Gegenteil. Es ist auf der einen Seite kaum zu glauben, auf der anderen für die hiesige Realdemokratie normal, dass das Totalversagen der Politik zu keinerlei Konsequenzen führt.

Das Fazit des Tagesspiegels in Bezug auf die linke Verweigerungspolitik ist diskussionswürdig:

Das Boot ist voll, hieß es mal – am rechten Rand.

Man kümmert man sich um Baumbeschnitt und schert sich einen Dreck um soziale Belange. Das Plebiszit über den Flughafen Tempelhof seinerzeit war diesbezüglich schon ein klares Statement: Die Politik will die totale Verwertung des Bodens, das Volk will als Reaktion keinerlei Veränderung.

Die simple Lösung – ein paar hunderttausend günstige Wohnungen bauen und jede Altbaumiete über fünf Euro verbieten – liegt auf der Hand. Darüber, dass und warum man in Berlin den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, könnte man nun sinnieren.

(Foto: genova 2017)

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Von Rom und von der Marke Rom

Der meist kluge Thomas Steinfeld berichtet in der Süddeutschen Zeitung (19. Juli, S. 9) von den immer massiver werdenden Touristenströmen in manchen italienischen Städten (vor allem wohl Venedig, Florenz, Rom und die bekannten Verdächtigen in der Toskana) und über die Versuche von Politikern, dagegen vorzugehen. Der italienische Tourismusminister Dario Franceschini beispielsweise will die Ströme „auf nicht minder interessante, aber weniger bekannte Orte umlenken“.

Steinfeld schreibt nun, der Minister

will offenbar nicht wissen, in welchem Maße der Tourismus nicht von Neugier und Entdeckerfreude vorangetrieben wird, sondern denselben Gesetzen des Kapitals gehorcht, die Turnschuhe in Nikes und Sonnenbrillen in Ray Bans verwandeln.

Man müsste also

Marken zerstören, mit Absicht, um etwas gegen diesen Zentralismus zu unternehmen. So etwas aber ist noch nie geschehen, und es wird auch nicht geschehen.

Das ist natürlich richtig. Man fährt nicht nach Rom, um zu entdecken, sondern um genau das zu vorzufinden, was man vorher im Netz, in der virtuellen Welt, gesichtet hat. Es geht nicht um Überraschung, es geht um Bestätigung und Abhaken.

Vielleicht muss man aber nicht die Marken zerstören, sondern nur ihre geographische Verortung ändern. Der Dom von Florenz, der Canal Grande, der Markusplatz, drei oder vier Geschlechtertürme, Petersdom, Spanische Treppe und Piazza Navona: Das alles irgendwo auf die grüne Wiese, wie man sagt, gepackt, dazu direkt daneben ein Flughafen plus Hotels und All-Inclusive-Anlagen zum Entspannen nach anstrengenden Tagen in der Stadt.

Da der Marke Authentizität nur als gespiegelte, als wahrgenommene wichtig ist, ist es egal, wo sich die Gebäude befinden und wann sie gebaut wurden. Die sieben Hügel Roms lassen sich anderswo aufschütten, die Trajanssäule aus Pappe sieht sicher auch gut aus und solange google maps mitspielt, schöpft niemand Verdacht. Die paar wenigen, die sich ernsthaft für Städte interessieren, könnten ihrem Interesse wieder ungestört nachgehen.

Wobei sich dann die Frage stellen würde, inwieweit die Touristenströme nicht schon längst zu San Gimignano gehören, also auch authentisch im eigentlichen Sinn sind. Städte als geballte Zusammenkunft von Menschen sind immer das, was ist. Jede Form der Konservierung ist der Beginn ihres Todes.

Man kann die Marke nicht zerstören, aber der Marke Venedig ist der Tourist seit langem inhärent. Die Touristenmassen am Trevibrunnen gehören zu ihm, zumindest aus Touristensicht. Die Touristen besuchen die Marke, weil vor ihnen Millionen Touristen genau dasselbe gemacht haben. Stünde am Trevibrunnen nur ein Tourist, er würde sich schnell entfernen: Hier gibt es nichts Interessantes. Es geht ums Dabeisein, nicht ums Interesse.

Im digitalen Zeitalter sollte das alles möglich sein. Authentizität heute ist die von Casting Shows, die Marke muss alle möglichen Versprechen halten, aber nicht das, echt zu sein. Die Chinesen sind da wohl am unempfindlichsten. Hauptsache, es sieht irgendwie alt aus.Es geht um Emotion, nicht um Gefühl.

Und die nicht minder interessanten, aber weniger bekannten Orte müssten sich um all diese Fragen gar nicht kümmern.

(Foto: genova 2016)

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Urlaubstipp: Mit Vollgas nach Marzahn

Man könnte das Bild als Visualisierung der Apokalypse deuten: Dreispurig mit Vollgas nach Marzahn, als Ausweg bieten sich nur ein Parkhaus und ein Industriegebiet an. Der suburbanen Wüste nicht nur ästhetischer Dauerkatastrophen ist nicht zu entkommen.

Oder man erkennt in dem Schild die Chance, der neoliberal zugerichteten Stadtmitte mit ihren ebenso zugerichteten Menschen zu entkommen. Gerade die sich am progressivsten gebärdenden sind die zugerichtetsten überhaupt. Das Schild wäre somit das Versprechen des Ungewissen, des Nichtkontrollierten, in das man sich dreispurig und ohne Umweg begibt. Dort gibt es vermutlich keine Eisdielen, in denen Neunjährige die lange Schlange verlängern, indem sie erstmal fünf Sorten probieren, bevor sie eine Kugel ordern und wo vor der Eisdiele nicht Dutzende Jungmütter mit diesem feisten Grünwählerinnenbetroffenenblick herumlungern, sondern solche, die mit Übergewicht und künstlichen Fingernägeln beim Kinderwagen die Kippe im Mundwinkel halten. Der einzig effektive Weg aus der neoliberalen Barabarei ist die Verweigerung via Desinteresse.

Vielleicht könnte man in Marzahn einen perfekten Urlaub in einer Mischung aus Abenteuer und Entspannung machen. Man würde mehr Neues erleben als in der Toskana und obendrein wäre die Anfahrt stress- und staufreier. Und Sangria aus Eimern – letztlich das einzige, was interessiert – gibt es dort bestimmt auch.

(Foto: genova 2013)

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Ästhetik des Widerstands

Attraktive Bilder in der Printausgabe des Stern letzter Woche, es geht um die G20-Randale. Man  bemerkt deutlich die Diskrepanz zwischen den Bildern und dem Text. Während die Autoren versuchen, den Schrecken, das Entsetzen über die Plünderungen zu vermitteln, zeigen die Fotos unverblümt, wie man sagt, das Fazinierende an der Geschichte. Drahtige junge Menschen, schwarz gekleidet, kein Gramm Fett zuviel, schöne Frauen waren auch dabei, coole Sonnenbrillen, unkontrolliert und selbstkontrolliert, entschlossen: Da hält man gerne drauf. Die Bilder vermitteln etwas Faszinierendes, etwas Nachahmenswertes, da kann der Text noch so alarmierend daherkommen.

Das mediale Alarmgeschrei gehört in der Aufmerksamkeitsökonomie wohl dazu. Wie oft schrieben Journalisten in den letzten Wochen sinngemäß den Satz „Hamburg wurde verwüstet“?

Und es sind alle zufrieden: Die Rechten malen die linke Gefahr an die Wand, die Polizei und der Innenminister fordern schärfere Gesetze, die Glaserinnung macht Überstunden, Journalisten haben was zum Schreiben, Fotografen was zum Fotografieren und alle was zum Gucken.

Das Authentische, das Unkontrollierte, das Aktive, das Sich Einbringen, das Emotionale ist das, was die neoliberale Ideologie von jedem fordert. Der dahinterliegende Antrieb, die maximale Verwertung des Werts, wird in der Regel verschwiegen, insofern entsteht in den Bildern keine Diskrepanz. Neoliberale Psychopolitik, wie sie Byung-Chul Han in seinen Büchern beschreibt, also die freundlich daherkommende totale Aktivierung des ökonomischen Potenzials der Menschen, ist mit der Randale in guten Teilen in Einklang zu bringen. Effektiver als Systemkritik wäre vermutlich, sich während G 20 zu hunderttausenden auf die Straßen zu setzen und zu kiffen. Einfach nichts zu tun. Es wäre die Maximalstrafe für ein unablässig gierendes System.

Vielleicht kann man sagen, dass wir in Hamburg die große, die totale Koalition erlebt haben: Erlebnishungrige Menschen, affektives Ausleben und Abreagieren, um danach wieder zu funktionieren, prügelfreudige Polizisten, aufmerksame und dankbare Beobachter und Politiker, die ihren Rollen gerecht werden können. Und naturgemäß nichts, was nach vorne weisen könnte.

Alles im Lot.

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Endlich eine Forderung, der man vollen Herzens zustimmen kann

(Foto: genova 2017)

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