Kreuzberg: „Das gallischste Dorf der Welt“…

…nennt der Tagesspiegel-Redakteur Bernd Matthies den Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg im Rahmen einer Serie, in der alle Berliner Bezirke vorgestellt werden.

Ein gallisches Dorf ist eines der Unbeugsamen, die einen mächtigen, sie umstellenden Feind dauerhaft erfolgreich abwehren. Wer ist der mächtige Feind von Friedrichshain und Kreuzberg?

Schaut man sich die Geschichte von Kreuzberg an, dann entstand der Habitus, auf den Matthies anspielt, in den 1960er Jahren: Die Mauer machte die Gegend für viele unattraktiv, dafür kamen die Gastarbeiter, später Studenten, Künstler, Aussteiger. Von dem Ruf dieser Milieus speist sich der Ruf Kreuzbergs bis heute nahezu komplett.

Man kann auch sagen, dass sich dieser Ruf fundamental von der jahrzehntelangen Abwesenheit von kapitalistischem Verwertungsdruck speiste. Es gab da schlicht nichts zu verwerten, so wie das Kapital heute in Duisburg-Marxloh nichts verwerten kann. Die Immobilienpreise waren niedrig, die Mieten auch, und genau das war die Grundlage für die Blüte von Randexistenzen.

Heute ist bekanntlich das Gegenteil der Fall. Das Kapital plündert das Viertel ungehindert aus. Der Ruf wird ausgeschlachtet, sonst nichts. Das gallische Dorf hat eingepackt, es existiert nicht mehr. Außer für Touristen und den Tagesspiegel.

Matthies – eigentlich ist er Restaurantkritiker – begründet sein Bild vom gallischen Dorf damit, dass man in Kreuzberg grün wähle, gegen Atomkraft und gegen Polizisten sei. Letzteres ist eine übliche spießbürgerliche Annahme, und in Zeiten, in denen das Musterländle Baden-Württemberg von einem grünen Ministerpräsidenten regiert wird, sollte man eine grüne Bezirksbürgermeisterin vielleicht nicht überbewerten.

Bemerkenswert ist auch dieser Satz hier:

Nur noch wenige erinnern sich an die Zeiten, als eine linksradikale „Kiez-Mafia“ edle Speisestätten aus dem Bezirk ekeln wollte – die Zeichen stehen längst auf friedliche Koexistenz.

Die friedliche Koexistenz heißt real, dass Leute und Läden via explodierende Mieten massenhaft vertrieben werden.

Der Artikel von Matthies ist nur ein weiteres Beispiel für die strukturelle Dummheit der bürgerlichen Medien. Weit unter jedem notwendigen analytischen Niveau präsentiert die Zeitung, die laut eigenem Motto den Sachen auf den Grund gehen will (rerum cognoscere causas), ein Pappmaschée-Bild, das nichts mit der Realität zu tun hat. Es bedient lediglich die üblichen Spießervorurteile, die man eh schon kennt.

Und wenn Kreuzberg nicht nur ein gallisches Dorf, sondern gleich das gallischste Dorf der Welt sein soll, verdeutlicht sich einerseits die Dummheit des Redakteurs. Es gibt in Südamerika, in Afrika und anderswo wahrscheinlich eine Menge Dörfer, die ganz real gegen kapitalistische Zumutungen kämpfen, gegen Abriss, Vertreibung und mehr, und das mit hohem menschlichem Einsatz. Das exisistiert für Matthies nicht. Andererseits kommt da dieses typisch deutsche Element zum Vorschein, wonach wir es unter der Weltbezogenheit nicht machen. Exportweltmeister, Fußballweltmeister, die besten Autos der Welt und natürlich auch das beste gallische Dorf der Welt.

Rerum cognoscere causas – wäre das so, würde der Tagesspiegel den Restaurantfachmann Matthies nur noch über Kümmel und Koreander schreiben lassen. Vielleicht kann er das. Wobei: Denkt man an die gesellschaftsanalytischen Qualitäten der Kolumnen von Wolfram Siebeck, den Gott selig haben möge, so ist zu vermuten, dass Siebeck einen solchen yellow-press-Artikel wie den von Matthies über Kreuzberg niemals verfasst hätte. Bewusstes Urteilen über Essen setzt einiges voraus.  Wer 2016 in Kreuzberg das gallische Dorf sieht, dessen Fähigkeiten, aus dem Empfinden von  Geschmacksnerven sinnvolle Texte zu basteln, sind vermutlich auch im Eimer. Es hängt ja alles mit allem zusammen.

Aber das führte jetzt zu weit.

fade out

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Eine postmoderne Entdeckung aus der DDR

In der platten Niederlausitz taucht plötzlich das hier auf:
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So eine Art dezente Postmoderne in der DDR. Ich habe solche Anstrengungen bislang nur vereinzelt in den ostdeutschen Städten vermutet. So kann man sich täuschen. Das Gebäude ist bemerkenswert.

Der Sockel macht den Eindruck eines Fundamentes, solide geziegelt, und in zwei Ebenen angelegt. Die Fensteröffnungen sind stur seriell konzipiert, aber auf der Längsseite links und auf der kompletten Querseite mit einer Art angedeuteten schmucklosen Pilastern gegliedert. Mittig ist das Fundament komplett aufgerissen. Diese Pilaster haben teilweise unterschiedliche Längen und wirken damit der formalen Strenge der Fassade entgegen. Das Dach ist ein angedeutetes Satteldach. Man könnte meinen, dass hier ein altes Gebäude steht, das zur Hälfte abgerissen und dem ein modernes aufgepfropft wurde.

Auf einer Seite steht noch eine Art angedeuteter ziegelverkleideter Turm mit einer geschwungenen Wand. Welche Funktion dieses Bauteil auch immer gehabt haben mag, es scheint doch der Absicht geschuldet, dass man hier noch etwas Originelles anfügen wollte.

Der Kasten selbst ist ein monotoner, lediglich auf einer Seite in der zweiten Etage abgetreppt und durch vereinzelte rote Fassadenteile gestaltet. Der (vermutlich) Erschließungsschacht ragt wiederum als geziegelter aus dem Kasten heraus, was den Eindruck unterstreicht, es handele sich um zwei Gebäude, ein jüngeres und ein älteres.

Die Körper-Fundament-Beziehung ist hier vielleicht etwas plump ausgeführt, verweist aber auf eine 100 Jahre alte Diskussion: Die Moderne baute ja angeblich ohne Fundament und ohne Sockel. Daraus wurde ihr von konservativer Seite gerne fehlende Bodenhaftung vorgeworfen, kein Bezug zur Scholle, zur Heimat, zum Ich, zur eigenen Identität usw. Es gibt Leute, die den Nachweis versuchen, dass beispielsweise Mies van der Rohe alle Gebäude auf ein gut sichtbares Fundament stellte, was vor allem eine Frage der fotografischen Perspektive und des eigenen Standpunkts ist. Das Fundament kann jedenfalls bei ihm überall nachgewiesen werden. So gesehen ist das Gebäude hier dualistisch: Auf der einen Seite in ein mächtiges Fundament eingebettet, auf der anderen tatsächlich fundamentlos.

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Das Objekt am Rande einer kleinen Stadt, deren Name mir entfallen ist, ist es wert, stehenzubleiben. Man muss es gar nicht herrichten. Aber bitte nicht abreißen.

(Fotos: genova 2014)

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Ungeordnete Gedanken zur Architektur im Tirolerischen und im Voralbergischen

Eine skurrile Konstruktion im Tirolerischen:

 

Die Bauaufgabe: Die Lagerhalle eines Sägewerks errichten, aus der von oben das zugerichtete Holz auf einen LKW oder Traktor-Anhänger verladen werden soll.

Die einfachste Lösung: Man nimmt die urvertraute und unzählige Male realisierte Form eines Hauses mit Satteldach, lässt die Fensterausschnitte weg und stellt es auf Stelzen. Mehr braucht es nicht, Bauaufgabe bewältigt. Die Stelzenwand ist so herrlich unprätentiös gefertigt, dass es eine Freude ist. Es ist einfach eine Mauer ohne zwanghaftes Ornament. Im Tirolerischen ist es Alltag. Wobei: Es ist dort in eine Umgebung platziert, die voll von Kitsch ist, von Versuchen, reale regionale Bautraditionen weiterleben zu lassen, was aber scheitert, weil die Bauaufgaben andere geworden sind und weil man den Traditionsbegriff nicht kritisch sieht, sondern instrumentell. Man sieht in diesen tirolerischen Touristenorten haufenweise sechs-, siebenstöckige Hotels im Bauernhausstil. Es hat etwas Zwanghaftes: Das Festhalten an einer Tradition, deren inhaltliche Weiterentwicklung eine inhaltliche Auseinandersetzung mit sich selbst bedingte.

Sowas hier ist dann schon jenseits von Heimat, jenseits von Kritik. Es ist eine Groteske, grauenhaft und komisch zugleich:

Ob die Gäste, die dort absteigen, Schmerzensgeld bekommen? Ich denke ja. Der Kasten ist eine typische falsche Antwort im falschen Leben. Und als solche natürlich so annehmbar wie Florian Silbereisen.

Zurück zum ersten Bild: Als eine Art Dachwohnausbau wäre das Teil, in Berlin realisiert, in allen Architekturzeitungen und die Hipster-Architekten und -Bauherrn kämen Gucken und die Architekten sonnten sich, während im Tirolerischen vermutlich keine Architekten am Werke, wie man sagt, waren. Das Stelzenhaus funktioniert im Tirolerischen nur deshalb, weil es unterhalt der Aufmerksamkeitsschwelle liegt. Es wird von Touristen nicht beachtet, es zählt nicht als imagegebend, es ist aufmerksamkeitsökonomisch ab vom Schuss. Und genau deshalb offenbart sich hier das Authentische und somit das Interessante.

Ein paar Kilometer weiter, im Vorarlbergischen, wird fast ausschließlich vorbildlich gebaut. Man spürt die Nähe zur architektonisch anspruchsvollen Schweiz und eigentlich und überhaupt gehört das Vorarlbergische zur Schweiz, kulturell, sprachlich und topographisch. Das Vorarlbergische ist vom Rest Österreichs durch hohe Berge getrennt, früher konnte man das Tirolerische im Winter kaum erreichen. Zur Schweiz hin: nur der schmale, freundliche Rhein.

Die Topographie sorgte und sorgt hier also dafür, dass dass sich völlig unterschiedliche Baukulturen ausbildeten.

Man könnte sich nun über das Thema Regionalismus in der Architektur auslassen oder auch über Bauen im Kontext. Ungemein spannende Themen im Angesicht von Globalisierung, serieller Fertigung, dem Unbehagen in der Moderne. Man könnte eine Verbindung zwischen der sogenannten Volksmusik, dem Tiroler Heimatkitsch und der FPÖ herstellen. Man könnte darüber diskutieren, ob der Tiroler Heimatkitsch nicht der größte anzunehmende Verrat an der Tradition ist. Dass also die Tiroler Heimatkitschler die eigentlichen Globalisierer sind, völlig pervertierte Modernisten im Geiste des Bauwirtschaftsfunktionalismus. Dass sie also das betreiben, was sie vorgeblich bekämpfen.

Man könnte auch darüber diskutieren, warum die anspruchsvolle Architektur in Vorarlberg zu ähnlichen Zustimmungswerten für Faschisten führt wie in Tirol. Man müsste das in Zusammenhang mit dem Heimatbegriff diskutieren, der politisch wie architektonisch ein indifferenter ist und der einen qualitätsvollen, unprätentiösen Umgang mit Holz und die Wahl von Faschisten offenbar problemlos zusammenbringt. Man könnte in diesem Zusammenhang auch die Vorarlberger Initiative zu Produkten aus der Region problematisieren.

Wie auch immer: Gute Architektur ist im Tirolerischen die Ausnahme, im Vorarlbergischen die Regel. In dem Tal, in dem das skurrile Haus als Ausnahme steht, kommt die FPÖ übrigens auf mehr als 40 Prozent.

Möge GOtt seine schützende Hand über die Ausnahmen halten.

(Fotos: genova 2016)

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Kleine Bemerkung zur glücklichen Minderheit

Der Volkswirt Henrik Müller im Spiegel über die Droge billiges Geld:

Wir haben es mit langfristigen Fehlentwicklungen zu tun. Statt in produktive Kapazitäten, neues Wissen oder intelligente Technologien fließt billiges Geld in die Immobilienmärkte. Das gilt gerade auch für Deutschland. Die Unternehmen in der Bundesrepublik, hat die OECD kürzlich kritisiert, tätigen im Vergleich zu anderen Ländern wenig wissensbasierte Investitionen. Zugleich weist Deutschland derzeit die höchsten Wohnungsbauinvestitionen in Relation zur Wirtschaftsleistung auf. Produktiv ist das nicht.

Eine folgenschwere Fehlsteuerung: Wo die Produktivität kaum steigt, können auch die Löhne kaum steigen. Zugleich verdient eine glückliche Minderheit große Summen mit dem Handel von teuren Immobilien und Unternehmensanteilen – mit Aktivitäten also, deren gesellschaftlicher Nutzen begrenzt ist. Auf Dauer eine schwer erträgliche Schieflage.

Wären diese Investitionen in den Wohnungsbau dazu da, Wohnen zu ermöglichen, könnte man dem etwas abgewinnen. Aber es geht beim Bauen in großen Teilen – Zahlen dazu sind schwer zu bekommen – um Renditeobjekte: Zweit-, Dritt-, Viertwohnungen von potenten, wie man sagt, Leuten aus der ganzen Welt. In London gibt es schon ganze neugebaute Geisterstädte, in Berlin kann man ähnliches vermuten.

Das billige Geld, das die Banken vergeben, wird also von den Potenten genutzt, um die weiter unten stärker zu drangsalieren – indem man in Metropolen nur begrenzt vorhandenen Platz mit Luxushäusern zubaut.

Es wäre die Aufgabe der Politik in einer Demokratie, dieses Treiben zu verhindern. Es ist die Aufgabe der Politik im Kapitalismus, dieses Treiben zu ermöglichen.

Pech gehabt.

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„…dass ich jetzt hier sitze“

Hermann Kant 2006 in der konkret:

Wie hat Honecker zu mir gesagt? »Hör mal, wozu sollt ihr Schriftsteller über das schreiben, was nicht in Ordnung bei uns ist? Gut, es gibt einiges, das ist nicht in Ordnung, noch nicht, es muß noch besser werden. Aber wir machen das so: Der Gegner, das macht er sowieso, benennt alles, was schlecht bei uns ist, und wir benennen, weil er das natürlich nicht macht, alles, was gut bei uns ist.«

Das hat er im Ernst gemeint, und wenn ich mir vorstelle, daß er das nicht nur an mir tumbem Schriftsteller versucht hat, sondern seinem gescheiten Kollegium vorgetragen hat, und die haben alle genickt, dann brauche ich mich nicht zu wundern, daß ich jetzt hier sitze in einer absolut kapitalistischen Welt.

Wohl wahr. Die Diskreditierung einer guten Idee durch dämliche Dachdecker und ihr Gefolge: Dazu ist noch lange nicht alles gesagt. Schaut man sich heute die Putin-affinen Linken an, kennt man ihre Vorbilder.

Wobei es in der Bundesrepublik ähnliche (bürgerliche) Politiker mit ähnlichen Affirmations-Wünschen gab. Sie konnten sich nur nicht durchsetzen. Das von den Westalliierten favorisierte Gesellschaftssystem ermöglichte eine Zivilgesellschaft. Man sollte ihnen nach wie vor dankbar sein. Den Westalliierten, meine ich, und der Zivilgesellschaft auch. Die Deutschen wären auf ihrem damaligen Entwicklungsstand nur zur dauerhaften totalen Barbarbei oder zur Beendigung ihrer nationalen Existenz in der Lage gewesen. Letzteres hätte naturgemäß etwas für sich gehabt, aber es ist nun mal anders gekommen.

Kant ging 1949 in die DDR, um den Sozialismus aufzubauen. Unter der Ägide von Stalin könnte man das aus heutiger Sicht als naiv bezeichnen.

Meinen Respekt hat er trotzdem.

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Neues von der Erotikmesse in Rio

Beachvolleyballerinnen und Hürdenläuferinnen haben bei der Olympiade Medaillen gewonnen. Schaut man sich die Bilder der Sportlerinnen an, beschleicht einen das Gefühl, dass Namen, Nationalitäten und die stoffliche Beschaffenheit der Münzen egal sind. Es ist vor allem eine Erotikvorführung. Besonders pikant sind die Bilder der Hürdenläuferinnen, die gerne beim Sprung über die Hürde mit gespreizten Beinen gezeigt werden. Sie tragen dabei nur eine Unterhose und einen knappen Sport-BH. Dazu slow motion. Und die Bilder der Beachvolleyballerinnen. Die grätschen fast nackt im Sand umher mit der Folge artistischer Darbietungen. Die Aufnahmen dienen natürlich lediglich der exakten Darstellung der physiognomischen Abläufe im Sport, was sonst. Irgendeine deutsche Hürdenläuferin sieht aus wie 13.

Mich würde mal interessieren, wie viele notgeile Männer Hürdenläuferinnen- und Beachvolleyballerinnenfans sind und stundenlang vorm TV hocken. Deren Frauen beschleicht vermutlich eine Ahnung. Erotik-TV rund um die Uhr.

Olympia ist eigentlich eine ganz lustige Veranstaltung. Es geht um Körper, um junge, trainierte, optimierte Körper. Es geht um Unschuld und Authentizität. Ähnlich wie beim Frauentennis, wo man nur wartet, dass die Spielerin einen so ekstatischen Aufschlag hinlegt, dass das Röckchen nach oben rutscht.

Erotikmesse in Rio und Millionen Zuschauer, die ihr Interesse als solches für Millisekunden, Medaillen und Methoden kaschieren. Hat was.

Meine Lieblingssportarten sind übrigens Beachvolleyballerinnen und Hürdenläuferinnen.

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Merkel und Putin: Vom Regen und der Traufe

Der Tagesspiegel berichtet über eine Untersuchung der Uni Osnabrück und des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung:

Darin zeigen die Sozialwissenschaftler Lea Elsässer, Svenja Hense und Armin Schäfer, dass die Gesetzgebung seit den 80er Jahren vor allem den Interessen des besser gestellten Teils der Bevölkerung gedient hat.

Mich fasziniert bei solchen Berichten das immergleiche Phänomen: Die neoliberale Gesellschaft ist so dumpf, dass auch so eine Meldung nicht zu umfassenden Debatten, zu Generalstreiks, zu Ausnahmezuständen führt, sondern im Dauerlaberbrei untergeht. Wieso Parteien wie CDU oder SPD bei Wahlen überhaupt noch über die Fünf-Prozent-Hürde kommen, ist wohl nur durch mangelnde politische Zurechnungsfähigkeit der Masse der Bevölkerung zu erklären. Und die kommt nicht von allein.

Insofern, und das ist keine neue Erkenntnis, ist das Problem nicht die AfD oder Pegida. Das Problem sind die Leute, die seit den 1980er Jahren Verantwortung tragen, wie man sagt. Dazu gehören die etablierten Parteien mit teilweiser Ausnahme der Linkspartei wie auch die allermeisten Medien inklusive des Tagesspiegels. Unvergessen die Kampagnen der sogenannten bürgerlichen Medien zwischen 2000 und 2003 mit dem Ziel, die Agenda 2010 durchzuprügeln. Wobei: Prügeln tun sie nicht, es läuft subtil, vor allem mit penetranter Wiederholung der Lüge. Und das schlimmste: Die meisten Journalisten glauben den Quark, den sie schreiben.

Ein kleines und aktuelles Beispiel für Quark: Der Soziologe Holger Lengfeld schreibt ebenfalls im Tagesspiegel in einem Beitrag über die stabile Mittelschicht:

Seit zehn Jahren verzeichnet die Bundesrepublik ein stetiges, durch die letzte Krise nur kurz unterbrochenes Wirtschaftswachstum.

Jeder, der nur ein bisschen informiert ist, weiß, dass die Bundesrepublik seit ihrer Gründung ein stetiges, nur durch kurze Krisen unterbrochenes Wachstum verzeichnet:

bip

In den letzten zehn Jahren hat sich nichts Besonderes getan. Von 1949 an betrachtet geht das Wachstum prozentual zurück. Lengfeld behauptet einfach ein Konstrukt („seit zehn Jahren“), das er vermutlich zuvor selbst erfunden hat. Der Unterschied zu früher ist vielleicht, dass man solche Desinformation heute leichter als solche entlarven kann. Aber auch im Qualitätsmedium Tagesspiegel sitzt niemand, der da mal drübergeht. Lengfelds Behauptung passt jedenfalls in die neoliberale Geschichtsschreibung, wonach „wir“ durch die tolle Agenda 2010 erst Wachstum bekommen hätten.

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Beliebt ist auch die Taktik, die jüngst Caroline Fetscher im Tagesspiegel anwendete. Sie beschrieb das Phänomen der neuen Autokraten von Trump über Putin, Hofer und Orban bis Erdogan. Üble Leute, keine Frage. Was aber macht Fetscher daraus? Auf der einen Seite die Autokraten, auf der anderen Seite „wir“, die Demokraten. Es ist Gut gegen Böse. Wir sind die guten deutschen Bürgerlichen, die Mittelschicht und jeder, der dazugehören will. Keinerlei Selbstinfragestellung.

Fetscher erwähnt zwar durchaus, dass es

reale, berechtigte Ängste [gibt] – Angst vor Terror, sinkenden Reallöhnen, unsicheren Renten, sozialem Abstieg, dem Verlust des Erlangten, wie bei der weißen, unteren Mittelklasse in den USA

Bis auf den Terror sind die bürgerlichen Medien seit Jahrzehnten eifrig dabei, genau diese Zustände herbeizuschreiben. Die totale Durchkapitalisierung der Gesellschaft ist das nicht explizit formulierte Ziel. Fetscher kommt nun nicht auf die Idee, eine andere Politik zu fordern. Die aktuelle ist vermutlich alternativlos. Oder gar Selbstkritik äußern. Die Ursachen der Autokraten-Malaise sind stattdessen: Der technologische Fortschritt, der manchen zu schnell gehe, und fehlende Bildung beim rechten Volk.

Ihre Empfehlung: Die Demokratien müssten

Milliarden in ihre Bildungssysteme investieren und massiv in das Durchsetzen der Menschenrechte künftiger Erwachsener, sprich, heutiger Kinder und Jugendlicher.

Heißt übersetzt: Die Deppen haben es nicht verstanden, wir müssen sie massiver infiltieren. Politiker sagen analog nach einer verlorenen Wahl: Wir müssen unsere Politik besser kommunizieren, wir müssen sie dem Wähler besser erklären. Dem Dummerchen. Wie Fetscher das mit den Menschenrechten meint, ist ihr vermutlich selbst schleierhaft. Nebenbei ist es auch eine skurrile Vorstellung, man müsse nur Milliarden Euro in die Hand nehmen, wie man sagt, um aus Autokraten Demokraten zu machen.

Die von Fetscher beklagten Zustände haben ihre tollen Demokraten herbeigeführt, nicht die Autokraten. Das vergisst sie zu erwähnen. Man schaue sich nur die seit den 1980ern „liberalisierten“ Finanzmärkte mit ihren Derivatprodukten an. Alles von der Politik der Demokraten abgesegnet. Oder man schaue ins Wahlprogramm der CDU (einer demokratischen Partei) von 2005, in dem ausdrücklich eine weitere Liberalisierung der Finanzmärkte gefordert wurde. Diese Partei stellt nach wie vor und allen Ernstes die Bundeskanzlerin. Und es ist sicher Weltrekord, gerade mal sieben Jahre nach der Einführung einer Währung festzustellen, dass sie nicht funktioniert. Oder Mister Juncker, der als Finanzminister von Luxemburg für einen Milliarden-Schaden zu Lasten der EU sorgte und nun ihr Chef ist. Konsequenzen? Gott bewahre. Wir reden hier schließlich von Demokraten.

Insofern laufen Fetschers Bildungsabsichten bestenfalls ins Leere, schlimmstenfalls dienen sie zur Forcierung der Ausbreitung der neoliberalen Ideologie.

Mein Rat an Frau Fetscher: Geld in die Hand nehmen, um sich selbst zu bilden. Vielleicht einfach mal das Tagesspiegel-Archiv von 2000 bis 2003 durcharbeiten. Und so lange die Klappe halten.

All das erinnert immer wieder an den Spruch von Marie-Antoinette, die Leute sollten Kuchen essen, wenn sie kein Brot haben. Heute ist man kommunikationstechnisch weiter, indem man versucht zu überreden. Dass die eigene Ideologie die Ursache des Problems ist, kommt nicht in den Sinn, weder Marie-Antoinette noch Frau Fetscher.

Die Generation der Mittzwanziger, las ich kürzlich irgendwo, sei angepasst, spießig, konservativ, ängstlich. Kein Wunder, bei der Sozialisation in den 1990ern. Insofern wird es exakt so weitergehen wie bisher. Im untertanenaffinen Deutschland sowieso.

Die Ursachen für den Aufstieg von Autokraten sind multikausal. Die Annahme, die regierenden „Demokraten“ hätten damit nichts zu tun, ist absurd.

Ich jedenfalls möchte mit Trump oder Putin so wenig in einen Topf geworfen werden wie mit Merkel oder Gabriel. Sich zwischen MerkelGabriel-Regen und Putin-Traufe entscheiden zu müssen, ist das, was Leute wie Fetscher wollen.

Sie wissen, warum.

(Foto: genova 2013)

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