Zweimal Sparkasse

Das Interessante an Bankgebäude ist, dass sie architektonisch mit der Zeit gehen. Banken aus der Weimarer Republik waren zum allergrößten Teil modern gebaut, gegen Ende der 1920er Jahre gerne monumental, streng, mit einem deutlichen Hang zum neoklassizistischen, strengen, schließlich faschistischen Design. Die Bankhäuser der frühen Bundesrepublik waren traditionell-konservativ auf moderner Basis, bescheiden. Danach kamen Strukturalismus, Brutalismus, schließlich Postmoderne und heute oftmals (Pseudo-)High-Tech- und Schießscharten-Architektur. Das gilt auch und vor allem für Gegenden jenseits der Metropolen. Bankgebäude eignen sich also hervorragend als Anschauungsmaterial für Architekturgeschichte.

Hier sehen wir zwei Banken im Oberbayrischen (aber ungefähr 100 Kilometer auseinanderliegend) aus den 1970er Jahren. Zuerst kommt ein brutalistisches Gebäude, dann ein strukturalistisches, zumindest angedeutet strukturalistisch.

Beginnen wir mit dem brutalistischen: Hier zog man das Erdgeschoß über zwei Etagen und schuf links so eine Art Arkadengang. Die Innenseite der Arkade ist komplett verglast, der darüberliegende Aufbau wirkt durch die rauen und massiven Betonplatten um so wuchtiger. An der Frontseite gibt es dort nur ein kleines Fenster, links daneben hängt das große Sparkassen-S. Ganz oben, sozusagen unter dem Gesims, verläuft waagerecht ein Glasschlitz.

Streng genommen besteht das Gebäude aus zwei Kuben, die leicht versetzt angeordnet sind. Dadurch entsteht ein kleiner Einschnitt, der als Lichtöffnung dient. Die linke Kube ist in sich verschoben, das nimmt dem Komplex das unversöhnliche und bedient den Straßenverlauf, der sich als spitzer Winkel erweist.

Vor dem Gebäude ein paar Waschbetonelemente und solides, stämmiges Grün, das in ebendieser Festheit gut zum Charakter der Architektur passt.

Es ist, je länger man hinschaut, ein äußerst angenehmes Haus. Nicht anbiedernd an das unweite mittelalterliche Stadtbild, nicht gefällig, aber überzeugend.

Das strukturalistische Gebäude besteht aus einem klar konturierten Dreigeschosser mit einem wehrturmartigen Anbau dahinter. Auch hier sehen wir den Gegensatz der Wandöffnungen: Im vorderen Teil großzügig, dahinter wie waagrechte Schießscharten. Doch auch die vorderen Fenster sind kleinteilig strukturiert. Interessant sind auch die Dächer: ein Walmdach, das aber auf einer Seite zugunsten einer großen Dachterasse aufgeschnitten wurde und damit den eigentlichen Dachgedanken ad absurdum führt. Auch das Vordach überm Erdgeschoß enthält eine historische Reminiszenz.

Das Gebäude ist ein schönes Beispiel für das Zusammenspiel von Strukturalismus und Postmoderne, und da sind wir an einem interessanten Punkt: Der Strukturalismus hat das nachhaltig praktiziert, was gleichzeitig von den Postmodernen eingefordert wurde: Die in die Sackgasse geratene Moderne selbstreflexiv weiterzuentwickeln. Letztere taten das fast ausschließlich reaktionär, äußerlich, rein formal. Hier sehen wir ein ernstzunehmendes Beispiel reflexiver Moderne. Bemerkenswert, dass die Postmodernen solche Gebäude ignoriert haben. Sie passten ihnen nicht in den Kram, weil sie in Wahrheit gar keine vernünftige Weiterentwicklung der Moderne wollten, sondern ein Zurück in die Reaktion. Dementsprechend hat sich die Postmoderne bekanntlich entwickelt. Sie wurde zum Stil des volkstümisierenden totalen Marktes.

Loben und ehren wir also diese beiden Beispiele aus der deutschen Provinz. Sie zeigen, dass das Potenzial moderner Architektur in den 1960ern bei weitem nicht ausgeschöpft war, sondern weiterentwickelt werden konnte. Derartige Beispiele findet man heute immer noch zuhauf. Wenn man hinguckt.

(Fotos: genova 2019)

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Italia moderna – dodici

Ein merkwürdiges Gebäude aus der Zeit um 1970, bestehend aus einem Längs- und einem aufgesetzten Querriegel. Wobei genau genommen der untere Riegel, also der quer zur Straße liegende, aus zwei Teilen besteht: aus dem oberen massiven, mit Betonelementen verkleideten und von einem durchlaufenden Fensterband unterbrochenen Block, und aus einem filigranen unteren Teil, das komplett aus Glasteilen zusammengesetzt ist und sich nach oben hin verjüngt. Da der filigrane Teil den massiven optisch trägt, entsteht ein Moment der Unsicherheit, der Inststabilität: Der massive Teil könnte jederzeit durch den filigranen durchbrechen.

Das Gebäude ist ungepflegt, beschmiert, heruntergekommen. Dafür kann es nichts. Es wirkt in der traditionellen Umgebung wie ein Fremdkörper, was den positiven Eindruck nur unterstreicht. Stilistisch könnte man es wohl dem Modebegriff Brutalismus zuordnen.

Man sieht hier einmal mehr den Mut der damaligen Zeit, Eigenständiges hervorzubringen und sich um Kontext nicht zu kümmern. Das sogenannte kontextbezogene Bauen dient meist dem mutlosen Konservieren von Althergebrachtem. Nichtkontextbezogenes Bauen ist eins, das selbstbewusst das Neue zeigt, zu dem man steht. Die Kontexte ergeben sich mit der Zeit von alleine.
(Fotos: genova 2018)

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Was man niemals vergessen sollte:

(Foto: genova 2016)

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Extrem wichtig

Der Berliner Architekt Hans Kollhoff hält den aktuellen Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses für

„extrem wichtig für das ganze Land.“

So steht das in Berliner Portraits. Erzählungen zur Architektur der Stadt. Berlin 2019.

Kollhoff ist der, der dem Walter-Benjamin-Platz in Berlin eine Bodenplatte mit einem antisemitischen Spruch von Ezra Pound verpasst hatte. Der Stein wurde jetzt entfernt. Kollhoff versteht nach eigener Aussage noch immer nicht, wo das Problem lag.

Einer, der einerseits entweder Antisemit ist oder intellektuell so, ähm, unbedarft, dass er eindeutigen Antisemitismus tatsächlich nicht begreift, und der andererseits den Wiederaufbau eines Symbols des Feudalismus auf dem wichtigsten und politischsten Platz der Bundesrepublik für extrem wichtig hält: Nun ja, was sagt man über den?

Es passt. Antisemitismus und politische Reaktion – in diesem Fall Feudalismus – gehen generell eine nette Liaison ein. Feindbilder und Hierarchien schaffen, Demokratie, Gleichberechtigung, Emanzipation, Minderheitenschutz in die Tonne kloppen.

Und banale Häuser bauen.

Man sollte Leuten wie Kollhoff für ihre Offenheit dankbar sein.

Dieses Haus schämt sich schwarz wegen der Äußerungen des Architekten Kollhoff:

(Foto: genova 2019)

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o.T. 531

(Foto: genova 2019)

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Freiheit und Schönheit: Was nach Corona kommt

[Ich habe diesen Artikel im Wesentlichen vor einigen Wochen geschrieben, vor Corona. Prinzipiell ändert das nichts an seiner Aktualität.]

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Die Überschrift dieses Artikel klingt verheißungsvoll, ich weiß. Keine Angst, wir, wie man sagt, reden gleich darüber. Vorher muss ich als Grundlage auf schnöde Wirtschaftspolitik zu sprechen kommen.

„Negativzinsen sind Ausdruck von zu viel Sparen“,

schrieb das Schweizer Bankhaus Julius Bär laut FAZ vom 9. August vergangenen Jahres.

Das stimmt, und obwohl das nur ein Teil der Wahrheit ist, ist solch ein Satz eine kleine Revolution. Seit Jahrzehnten erzählen uns rechte Politiker (das sind die Leute, die ökonomische Leitlinien vorgeben), dass wir sparen müssten. Dazu kommt eine seit 40 Jahren andauernde Politik, die Reiche reicher werden lässt, ganz bewusst. Und dann gibt es noch die self fulfilling prophecy, die gesetzliche Rente sei nicht mehr sicher, deshalb müsse man „privat“ vorsorgen.

Das Ergebnis ist der Nullzins.

Die Leute sollen erstens sparen. Das heißt, sie sollen irgendwem Kredit geben. Auf der anderen Seite will zweitens vor allem der deutsche Staat keine neuen Schulden mehr machen. Drittens machen große Unternehmen so viel Gewinne, dass sie keine Kredite mehr brauchen. Und viertens nimmt der Staat den Bonzen ihr Geld nicht weg. Keiner also braucht Kredite, aber alle wollen welche geben. Der Markt sagt hier die Wahrheit: Einem Überangebot an Krediten steht eine zu geringe Nachfrage entgegen.

Alleine die private Rentenvorsorge bedeutet nichts anderes, als Kapitalmärkte Monat für Monat mit extrem hohen Summen zu versorgen, die diese Kapitalmärkte nicht brauchen, überhaupt nicht sinnvoll absorbieren können. Der Frisörin wird eingeredet, sie müsse monatlich 50 Euro „sparen“, statt sie auszugeben. Durch diese allmonatlich eingezahlten 50 Euro sinkt der Zins, weshalb sie später doch auf die gesetzliche Rente angewiesen sein wird, die dann dank neoliberaler Politik tatsächlich nicht mehr reicht. Dank dieses Sparens wächst die Wirtschaft aber kaum noch. Systemimmanent betrachtet ist das eine Katastrophenpolitik.

Die Deutschen sind natürlich vorne dabei, so wie immer, wenn es um das Anrichten von Katastrophen geht. Deutsche neoliberale Ökonomen sind die verblendesten, die dogmatischsten überhaupt.

Es ist nicht schwer zu begreifen: Die einzig sinnvolle Rentenpolitik ist die gesetzliche Rente, das Umlageverfahren. Nur dort steht hinter dem Geld reale Arbeit. Wie sehr in Deutschland die Neoliberalen den Ton angeben, zeigte kürzlich eine Untersuchung der OECD, der Wirtschaftsabteilung der UNO: In Deutschland bekommen Rentner derzeit durchschnittlich 52 Prozent ihres letzten Nettogehaltes. In Österreich sind es 90 Prozent. Die haben praktisch keine private Vorsorge. Im OECD-Durchschnitt 59 Prozent. Ein Hoch auf den Exportweltmeister. Dazu kommt: Seit Jahren ist bekannt, dass sich alle, die besser verdienen, aus der Rentenbeitragszahlung verabschieden können. Zu dieser Diskrepanz sollte man Psychologen befragen. Das deutsche Wesen. Die sozialen Sicherungssystem sind in Deutschland fast feudalistisch organisiert.

Der Mainstream der sogenannten Ökonomen erzählt nach wie vor dummes Zeug, hofiert von den üblichen Medien. Ob ARD, ZDF, FAZ, SZ, DLF, die nach wie vor große Zahl an Provinzzeitungen, wo der Sachverstand ohnehin nicht zuhause ist: Die neoliberale Mär ist unangefochten. Man kann das Sparen für die Rente ohne weiteres als grandioses Geschwätz entlarven, es interessiert nicht.

Warum? Es ist die massive Verflechtung von Macht, politischer und ökonomischer. Eine Merkel lässt sich von neoliberalen Darwinisten beraten, wie man das nennt, Epigonen wie Schäuble oder Altmayer plappern nach. Die CDU diskutiert allen Ernstes, ob der Lobbyist Merz Parteichef werden soll.

Gerade wenn man einmal dieses Wirtschaftssystem als Grundlage der Argumentation nimmt: Sparen mag für einen überschuldeten Privathaushalt das richtige sein, volkswirtschaftlich ist es zerstörerisch. Die Mächtigen zerstören langfristig ein Gemeinsystem, weil sie an der Renditesteigerung ihrer Klasse interessiert sind. So bleiben sie zumindest kurzfristig an der Macht. Eine andere Erklärung fällt mir nicht ein. Selbst ein Schäuble oder eine Merkel oder ein Schröder etc. sind objektiv nicht so dumm, das sie das nicht erkennen würden.

Konsum ist nun mal die Voraussetzung für Produktion, es geht nicht anders. Wenn ich zum sparen auffordere, fordere ich zum Konsumverzicht auf. Es ist systemischer Nonsens.

Immerhin: Corona könnte hier eine Wende erzwingen.

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Artikels:

Befördert wird diese Dummheit (Dummheit im Sinne Kants, nicht Sarrazins) durch die neoliberale Gehirnwäsche, hier im Blog schon oft dargelegt. Aktuelles Beispiel: Die Medien lassen nun zuhauf sogenannte Intellektuelle zu Wort kommen, die behaupten, nach Corona werde alles anders ein. Kürzlich meinte Dr. Christian Quarch – nach Eigenauskunft „Autor, Redner, Sinnstifter, Reiseleiter“ – im Deutschlandfunk, dass nach Corona geistige Werte mehr zählen würden. Es sei, gerade für junge Leute, ein großer Einschnitt. Die Jugend werde sich nun massiv ändern.

Ähnliches wurde nach nine eleven, der Finanzkrise und Fukushima behauptet – es war alles Quatsch. Auch Stefan Reinecke von der taz macht da mit:

Der Neoliberalismus ist mehrfach blamiert und zur Kenntlichkeit entstellt.

Und:

Die Pandemie besiegelt den Bankrott des neoliberalen Modells. Der Kult des starken Egos, dessen schrankenlose Freiheiten letztlich allen nutzen sollten, ist angesichts einer Bedrohung, die nur kollektiv bekämpft werden kann, lächerlich.

Nö. Reinecke scheint nicht ganz verstanden zu haben, was Neoliberalismus bedeutet. Es bedeutet unter anderem, dass man genau dann einen starken Staat haben will, wenn es gilt, Kosten abzuwälzen. Das war in der Finanzkrise 2008 so und das ist jetzt so: Man nimmt gerne Kurzarbeitergeld, dann muss man niemanden rauswerfen, den man später mühsam wieder anstellen müsste. Die zentrale Logik des Neoliberalismus ist die, neue Möglichkeiten der Renditeerzeugung zu etablieren. Corona hat damit nichts zu tun.

Corona wird gar nichts ändern. Man wird irgendwann wieder auf Wiesen liegen und in Cafés sitzen, und wenn es gut läuft, sorgt die Politik für künftige Pandemien für Impfstoffe und Schnelltests und Gesichtsmasken und Einweghandschuhe. Das wird es gewesen sein.

Dennoch darf Herr Quarch, angeblich Hölderlinexperte, auf Yellow-Press-Niveau im DLF plappern, vom Moderator freudig hofiert.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, dieser Satz darf natürlich nicht fehlen.

Außerdem will er

hin zur traditionellen Weisheit eines auf Autarkie angelegten Wirtschaftens, das Wachstum und Sicherheit, Freiheit und Nachhaltigkeit, Funktionalität und Schönheit verbindet

Das schrieb er in seiner „Denkwerkstatt“; lauter tolle Begriffe, wer kann dazu schon nein sagen? Das sind diese Momente, in denen man sich einen Adorno zurückwünscht oder zumindest irgendwen, der den Quarchs dieser Welt ihre platte Selbstvermarktung nicht durchgehen lässt. Die Frage, die mich umtreibt, ist die immer gleiche: Sind diese Leute so banal oder tun sie nur so?

Aber das ist letztlich egal. Der Effekt ist der entscheidende. Ob Rente, ob Kredite, ob Schäuble oder Quarch: Die Mittelmäßigkeit, die Banalität, die Esoterik, das Wünschelrutentum, das Dienen für die Kapitallogik schwimmen obenauf. Ob private Altersvorsorge oder Freiheit und Schönheit: Fundament solcher Analysen ist die neoliberale Logik, auf der das alles gedeiht. Deren Absicht ist es, über alles zu reden, nur nicht über das, was zählt.

Andererseits: Wenn Leute wie Quarch reüssieren, kann es nur noch bergauf gehen.

(Fotos: genova 2016, 2018, 2020)

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o.T. 530

(Foto: genova 2020)

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Vom Geschichtsverständnis der frühen modernen Architekten

Der Architekturtheoretiker oder -historiker Vittorio Magnago Lampugnani schrieb 1980 in der Zeit (Nr. 29) über die Anfänge der modernen Architektur in den 1920er Jahren:

Die Meister des frühen Rationalismus schufen ihrerseits trotz gegenteiliger Beteuerungen ebensowenig aus dem Nichts: sie übernahmen die glatten Wände von der Romanik, die weißen kubischen Formen mit den scharfen Fenstereinschnitten von der Mittelmeerarchitektur, die fließenden Übergänge zwischen den Räumen und zwischen Innen und Außen vom traditionellen japanischen Wohnungsbau. Dieses im weitesten Sinn „historistische“ Vorgehen wird radikalisiert, indem der verfügbare Formenkanon erweitert wird, indem die geschichtlichen Anleihen offengezeigt werden…“

Gerade weil mir Lampugnani (*1951) in seinen Haltungen meist zu konservativ und behäbig ist, überrascht dieser Passus. Denn er bedeutet eine schöne Versöhung eines alten Streits. Dieser Streit ging so: Moderne Architektur habe so getan, behaupteten die Konservativen, als habe Geschichte nicht existiert. Geschichte sei ignoriert worden und moderne Architekten seien als eine Art ahistorische Designgötter aufgetreten.

Lampugnani weiter:

Es war nicht ein zufälliges Versäumnis, dass Walter Gropius im Bauhaus keine Kurse für Baugeschichte einrichtete. Die Architektur sollte ihre Impulse aus den gesellschaftlichen Gärungen, aus den neuen Errungenschaften der Technik, aus den Experimenten der künstlerischen Avantgarden erhalten; nur nicht aus der Geschichte.

Die Geschichte mit den der Bibliothek verwiesenen Geschichtsbüchern ist mittlerweile hundertfach erzählt und vermutlich überhöht worden. Sie passt halt so schön ins Vorurteil, in die Metaerzählung des geschichtlosen Architekten der Moderne. Die Nazis machten daraus den schollenlosen Volksfeind. Man sollte den Ball hier flach halten.

Nach dem Historismus – und nach dem Krieg – war es verständlich, die alten Schinken aus den Regalen zu räumen. Heute nennt man das Brainstorming. Man brauchte frische Luft und das war in der damaligen Situation erstmal Leere, die Orientierung am jetzt – sowohl politisch, gesellschaftlich, als auch, was die konstruktiven, die baulichen Möglichkeiten anging. Der Stahlbeton, die nichttragende Fassade, hatte Einzug gehalten und alleine Freuds Psychoanalyse machte historistisches Bauen zur Farce. Der Historismus hatte schlicht nichts mehr Überzeugendes anzubieten.

Die Geschichtsbücher beiseitezuräumen war in Ordnung. Denn das ändert nichts daran, dass Geschichte in der Gesellschaft und im Individuum sedimentiert ist. Ob die Bücher im Regal stehen, ist zweitrangig. Der Geschichte kann man nicht entkommen. Wenn man schlau ist, versucht man das gar nicht erst.

Die Architekturphilosophie der modernen Architektur, des Neuen Bauens der 1920er Jahre, sollte die Interpretation Lampugnanis also nicht als Kollisionskurs betrachten, sondern als Angebot der Versöhnung.

Und das würde den Modernen von damals nicht schwerfallen, würden sie noch leben.

Interessanter ist nämlich die offene Feindschaft, die den Modernen damals entgegenschlug. Sie führte schon in der zweiten Hälfte der 20er Jahre zu einem Monumentalismus, der den Einstieg in die nationalsozialistische Architektur bedeutete. Die Kritik an der angeblichen Geschichtslosigkeit der Modernen, die von rechter Seite hervorgebracht wurde, war eben keine rationale, sondern eine verleumderische. Man stellte die Modernen als boden- und vaterlandslos dar, dem Antisemitismus arg verwandt.

Die glatten Wände der Romanik waren zu römisch oder zu französisch, als deutsch galt vor 100 Jahren die Gotik; die reine Weißheit galt zu südlich und nackt; die Orientierung an Japan galt als zu unmassiv, zu weich, zu flexibel, zu undeutsch. Die Kreise, die all dem deppigen Deutschen und seiner Hybris zum Durchbruch verhalfen wollten, sahen solche Orientierungen naturgemäß als Kampfansage.

Die frühen Modernen erweiterten den Formenkanon in der Tat, und zwar radikal. Insofern lieferte Lampugnani in seinem Aufsatz aus den 1980ern eine plausible Erklärung für die Motive der frühen modernen Architektur: Geschichtorientierung ja, aber bitte keine, die sich ausschließlich an Historismus, an der Vergangenheit orientiert.

Neues braucht Neues.

(Foto: genova 2017)

 

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o.T. 529

Berliner Mischung:

(Foto: genova 2020)

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Ein paar sehr interessante Gedanken zu Christian Drosten

Ein wahrhaft attraktiver Mann, dieser Virenexperte, wie man sagt, namens Christian Drosten. Cool, dass man sich sein Leben lang mit sowas uninteressantem wie Viren beschäftigt. Man sitzt in einem Keller und beobachtet wässrige Lösungen unterm Mikroskop. Auch wenn Viren nicht mein Interessensgebiet sind: Ich hege für abseitige Hobbies aufrichtige Sympathie. Vielleicht hat er ein persönliches Verhältnis zu Viren.

Und er könnte uns sagen, ob das Coronavirus wirklich so aussieht, wie uns das die Lügenpresse weismachen will:

Eine Kugel mit grauem Kunstrasen als Belag und mit verwelkten Schnittblumen drauf.

Wer´s  glaubt.

Die Zeit hat Christian Drosten schon als neuen Bundeskanzler gefordert. Keine schlechte Idee. Endlich weg von den egomanen Schwätzern, den machtgeilen Opportunisten, den Dauerempörten und den rhetorisch Versierten und zugleich gedanklich völlig Verarmten.

Drosten wuchs auf einem Bauernhof im Emsland auf, lese ich bei wikipedia. Das Emsland ist bekanntlich die langweiligste UND die hässlichste Gegend Deutschlands. Da sind die Viren im Schweinestall und bei den Hühnern vermutlich das interessanteste. Danach Studium der Chemietechnik, Biologie und Medizin.

Drosten ist, so schätze ich, einer, dem soziale Symbole wenig gelten. Er braucht kein tolles Auto, keine teuren Uhren, und jeder Fahrer eines teuren Autos und jeder Träger einer teuren Uhr spürte die Lächerlichkeit seiner Accessoires intensiv, stände er neben Drosten. Leute wie Drosten sind der Beleg dafür, dass der Einsatz äußerlicher Symbole zur Hebung des sozialen Status eine Wanderung auf einem sehr schmalen Grat ist. Unterbewusst wollen wir alle Drostens sein.

Auch sehr sympathisch: Es gibt fast kein Bild, auf dem er lächelt. Schon das wäre ein Grund, ihn zu wählen. Politiker, die lächeln, führen nichts Gutes im Schilde. Siehe Angela Merkel und Julia Klöckner. Gerade Frau Klöckner lächelt permanent ihr stahlgewitterhartes Hunsrücklächeln und hatte noch nie Gutes im Schilde. Wobei man bedenken muss: Der letzte deutsche Politiker, der nicht lächelte, war Hitler.

Kevin Kühnert lächelt auch nicht, fällt mir gerade ein. Drosten und Kühnert im Duo, das wäre was. Wissenschaftlicher Sozialismus.

Drosten sieht auf Fotos meist zerknittert aus, aber so ist das, wenn man viel arbeitet, noch dazu im Keller. Seine Zerknitterung wirkt authentisch, das ist ok. Drosten ist nicht nur attraktiv, sondern auch irgendwie erotisch. Anders erotisch als Christian Lindner, aber vielleicht sollte man beide nicht von der  Bettkante stoßen. Es wäre ein interessanter Zusammenstoß. Drosten könnte einem während des Aktes mitteilen, wie viele Viren gerade wohin wandern und ob das gefährlich ist.

Danach Drosten also als Bundeskanzler.

Aber vielleicht würde es schon reichen, einfach die Zahl der Juristen in der Politik drastisch zu reduzieren. Juristen zerstören die Welt. Juristen, und in ihrem Gefolge Bürokraten, pervertieren das Leben noch in der abgelegensten Ecke. Je mehr Juristen einen umgeben, desto zerstörerischer ist ihr Treiben und desto zerstörter ist die Welt um einen herum. Die Existenz unzählbarer Juristen bedeutet die totale Weltzerstörung. Totale Weltzerstörung bedeutet die Existenz unzählbarer Juristen. Die Umformung menschlicher Kontakte zu juristischen Beziehungen ist unser aller Tod, da brauchen wir kein Corona. Juristen reden von Rechtsstaat und meinen den juristischen und bürokratischen und also völlig undurchdringlichen Dschungel.

Man beobachte das Treiben von Juristen und Bürokraten in der Berliner Verwaltung, wie man sagt, und man wird mir zustimmen.

Naturgemäß sind die Deutschen und mit ihnen die deutschen Juristen die schlimmsten Weltzerstörer. Deutsche rufen schon nach juristischem Beistand, wenn die Kirschen überm Zaun hängen, und das ist wortwörtlich wahr. Ein Deutscher ohne Rechtsschutzversicherung ist kein vollständiger Deutscher, und der Satz „Sie hören von meinem Anwalt“ – oder, noch besser: „Anzeige ist raus“ – wird in keiner Sprache so oft gesagt wie in der deutschen. Wer anzeigt, hat Angst, german angst. Eigentlich sind die Deutschen die weltweit größten Hosenscheißer. Deshalb auch die Sache mit dem Toilettenpapierhorten.

Drosten jedenfalls ist das, wonach wir uns alle sehnen. Jemand mit Wissen und ohne Allüren. Samt und sonders alle, die ansonsten in den Medien vorkommen, ob Politiker, Juristen, sogenannte Fachleute, sogenannte Experten, Journalisten, Blogger und sogenannte Profis, haben keinerlei Wissen, aber unüberschaubar viele Allüren.

Wir sind uns also einig: Juristen raus aus der Politik, und ein paar Drostens rein. Das Ergebnis schauen wir uns nach ein, zwei Jahren an. Unterm Mikroskop.

(Foto: Wikipedia)

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