Unter Umständen flach

Hadija Haruna-Oelker im Deutschlandfunk: zum Thema „Gesellschaftliche Vielfalt in Redaktionen“:

Ich sage es mal so: In den Redaktionen, die divers aufgestellt sind, wo Journalist*innen mit Migrationsgeschichte, aber auch nicht-weiße Journalist*innen, aber auch Journalist*innen mit Behinderung, queere Journalisten sitzen, da verändert sich die Perspektive auf ein Thema. Und es geht mir dabei nicht nur um die Themen, die dann mit Rassismus oder den Menschenfeindlichkeiten zu tun haben, sondern ich beziehe das auf alle Themen. Es wäre so ein bisschen wie: Man macht eine Gesprächsrunde und die geht um Architektur. Und dann gibt es da niemanden, der von Architektur Ahnung hat. Das ist eigentlich ein Problem. Oder: Man kann das natürlich machen, aber es wird unter Umständen flach.

Man könnte nun spitzfindig sagen: Eine Debatte über Architektur mit Amateuren und ohne Profis wäre interessant, denn es käme wohl zum Vorschein, dass die Amateure andere Schwerpunkte setzen: mehr Gebrauchswert, weniger Schein. Es wäre teilaufklärend und könnte effektive Verbesserungen bringen.

Andererseits würde es tatsächlich flach und in Teilen geradezu unerträglich, schaute man nur noch dem Volk aufs Maul – und dann ausgerechnet dem deutschen. Insofern kann man Frau Haruna-Oelker Recht geben.

Das Problem bei ihr ist allerdings das altbekannte: Es geht um Hautfarben, Behinderungen, Herkünfte und sexuelle Präferenzen. Der Aspekt des Sozialen und der Klasse wird auch von ihr ausgegrenzt, auch wenn sie von „allen Themen“ spricht. In einer Gesellschaft, der die Verwertungslogik aus jeder Pore tropft, sind diese „alle Themen“ nicht einfach über Hautfarben und Behinderungen und Herkünfte und sexuelle Präferrenzen zu haben. Es sind Klassen, die da die wichtige Rolle spielen. Das zu ignorieren, ist kein lässliches Versäumnis.

Ich habe auch den Eindruck, dass linker Wirtschaftsjournalismus keine Rolle mehr spielt. Schreiben demnächst alle Journalisten über gender, race, supremacy, non-binäre Identifikationen und LGBTQ+? Die wirklich wichtigen Themen – denn die Ökonomie überlagert gerade zwanghaft alles andere – überlassen wir den Neoliberalen. Die freuen sich.

Die Diskurse, die mit ihrer Zusammensetzung ablaufen, dürften also auch das werden, was Haruna-Oelker manch aktuellem Diskurs attestiert: unter Umständen flach.

(Foto: genova 2020)

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Architektur und Alltag 20

Eine kleine Scheune irgendwo in Österreich:

Was macht diese Scheune interessant? Oder sollte man besser fragen: Was irritiert? Antwort: Es ist das nicht gleichschenklige Dach. Der First ist leicht nach rechts versetzt und der rechte Dachüberhang ist größer als der linke.

Das irritiert.

Die Fassade ist an sich symmetrisch aufgebaut, der Wille zur Symmetrie ist sicht- und spürbar. Der Beobachter hält sich an den beiden Türen fest, mehr gibt es ja nicht zum festhalten, außer dem Gesims. Oder hat das Gesims Scharniere und die Türen sind Schiebetüren? Das wäre eine interessante moderne Interpretation einer Scheune.

Die Türen alleine sind schon einen Artikel wert. Zwei Sperrholzplatten, auf die jeweils ein Holzkreuz montiert ist. Wozu die gut sind, wie man sagt, erschließt sich mir nicht. Vielleicht lassen sich die Sperrholzplatten wirklich einfach nach links bzw. rechts schieben und geben so die Öffnung ins Innere frei.

Wir haben hier eine Fassade, die an Bilder von Mondrian und Konstruktivisten erinnert. Es gibt eine geometrische Anordnung, die hier von etwas Sublimem gestört wird. Ob das absichtlich entstand oder zufällig: wer weiß. Ich vermute den Zufall, der durch eine praktische Absicht entstand. Es wird irgendeinen Vorteil haben, das Dach rechts weiter überhängen zu lassen als links. Vielleicht einfach als Unterstand, als Regenschutz.

Authentische anonyme Architektur im besten Sinn.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 586

(Foto: genova 2019)

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Architektur und Alltag 19

Zeitstillstände haben den Vorteil, dass ein bestimmter Moment in der Geschichte eingefroren wird und man ihn Jahrhunderte später noch ungestört betrachten kann – betrachten, da sich ein Stillstand immer visuell darstellt. Die obige Kirche heißt Pfarrkirche St. Xaver, steht in Leoben in der sympathischen Steiermark und wurde 1660 bis 1665 vom Jesuitenorden gebaut. Gute 100 Jahre später schwächelte der Orden erheblich und die Kirche stand leer. Dann übernahm eine katholische Stadtpfarrei den Kasten. Erst hatte man im kleinen Leoben kein Geld für Modernisierungen, schließlich schwächelte auch der Katholizismus. Ergebnis: Die Kirche steht innen und außen exakt so da, wie sie 1665 auch schon dastand.

Wir konzentrieren uns im Folgenden auf das Äußere.

Ich hätte 1660 im katholischen Österreich eine Fassade vermutet, die eher dem entspricht, was man landläufig unter „barock“ versteht: dynamischer, kurviger und vor allem schwelgender. Wir sind ja weder in Norddeutschland noch in Frankreich. Ein paar hundert Kilometer weiter südlich, in Rom, war 1660 der Barock schon in seiner Hochphase angelangt und nur noch dynamisch und kurvig und vor allem schwelgend. Um 1590 begann dort der Frühbarock, der sich zaghaft aus der Renaissance entwickelte. Michelangelo war mit seiner Peterskirche sogar noch früher dran. (Dieses isolierte Vorpreschen rechtfertigt seinen legendären Ruf). Die Leoben-Kirche dagegen erinnert noch 60, 70 Jahre später an die formalen Vorgaben der Renaissance.

Wir sehen einen bescheidenen Sockel mit vier Stockwerken darauf. Der erste Stock verfügt über hohe Rundbogenfenster, der zweite über nicht mehr so hohe Zweiflügelfenster mit Sprossen, darüber ein Stockwerk mit kleinen liegenden Ovalfenstern, dann wieder eine Etage mit Rundbogenfenstern, jetzt mit überbreiten Fensterbänken. Darüber thront eine Art Satteldachspeicher mit einem Ovalfenster. Jedes Stockwerk hat seine ganz eigene strenge Geometrie.

Die Fassade erinnert an ein streng entworfenes Spielbrett. Eben mehr an Renaissance als an Barock.

Einzig die zweiflügelige (aber eben doch sehr bescheidene) Treppe, der leicht aufgemotzte Eingang mit dem darüberliegenden Emblem und die zwei symmetrischen Türme lassen den Barock ahnen. Das Emblem wirkt angeklatscht.

Überhaupt sind die herrschenden architekturhistorischen Einteilungen bei näherer Beschäftigung problematisch. Der Mensch ordnet gerne und packt die herumliegenden Sachen in Schubladen, weil es dann ordentlicher aussieht. Auch wenn es deshalb nicht ordentlicher ist. Ist diese 60 Jahre nach dem offiziellen Beginn des Barock entstandene Fassade in Leoben eine barocke, weil sie eben genau dann entstanden ist? Und sind die Treppe und das Emblem und die merkwürdige Andeutung von Zwiebeltürmen Grund genug, um von einer barocken Kirche zu sprechen, wenn sie doch grundlegende Renaissancearchitekturmerkmale aufweist?

Unter „Barock“ wird architekturhistorisch eine solch enorme Bandbreite an Unterstilen zusammengefasst, dass die Bezeichnung nur bedingt etwas aussagt. Architektur der Spätrenaissance, also manieristische Architektur, weist gewöhnlich mehr barocke Merkmale auf als die angeblich barocke Kirche in Leoben.

Ein weiteres Beispiel, das diese Problematik zeigt: Der Salzburger Dom – also in der Nähe – wurde schon rund 50 Jahre vor der Kirche in Leoben fertiggestellt und eindeutig barock im eigentlichen Sinn gestaltet. Das früher entstandene Bauwerk entsprach also architekturhistorisch einer späteren Entwicklung als die Kirche in Sankt Leoben. Man könnte vermuten, es handelt sich hier weniger um die bloße räumliche Distanz von der Barockgeburtsstadt Rom, sondern um die zeitliche Verzögerung von Neuerungen, bis sie in der Provinz ankommen. So wie man heute noch in der Altmark mit Internetgeschwindigkeiten arbeitet, bei denen sich Bilder im Minutentakt aufbauen. Aber auch dieser Vergleich ist böse, denn vielleicht mögen die Altmärker ja das langsame Internet, weil es mehr Zeit zum Denken lässt als das schnelle Metropoleninternet. Und vielleicht haben sich die Architekten der Leobenkirche ganz bewusst nicht an die aktuellen Vorbilder in Rom und Salzburg gehalten und waren stolz auf ihre vermeintlich rückständige Fassade, die der rationalen Renaissance mit ihrem emanzipatorischen Anspruch mehr Geltung ließ als der blöde Barock.

Seien wir architekturhistorisch Papst Clemens XIV. dankbar, dass er die Jesuiten 1773 verbot. Wäre das nicht passiert, wäre der der ästhetischen Protzerei nicht abgeneigte Orden früher oder später der Versuchung erlegen, die Kirche in Leoben, Bernini und Borromini folgend, hochbarock umzugestalten, so dynamisch und kurvig und vor allem schwelgend, dass uns heute noch schwindlig würde. Das wäre vielleicht auch ganz schön, aber der frühbarocke – oder eben Renaissancezustand mit wenigen barocken Elementen – wäre für immer verloren gewesen.

Es ist, soweit ich das beurteilen kann, ein seltenes Kleinod, das da in Leoben in der sympathischen Steiermark weitgehend unbeobachtet herumsteht.

(Foto: genova 2019)

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Symbolbild zum thematisch „Italienbashing“ preisgünstig abzugeben

Angebote an die Exportabel-Redaktion. Das Mindestgebot liegt bei 100 Lire.

(Foto: genova 2019)

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Es gibt noch guten Journalismus: zwei Beispiele

Gibt es in der sich verändernden Medienszene noch guten Journalismus? Entgegen allem Geunke: ja.

Zwei aktuelle Beispiele.

Die Show Royale von Jan Böhmermann präsentiert regelmäßig wichtige politische Themen in seriöser Darstellung. Nicht seriös in dem Sinn, den wir alten Männer damit verbinden. Voraussetzung für diese spezielle Form der Oberflächlichkeit der Show Royale ist sehr präzise redaktionelle Vorarbeit. Davon kann man bei Böhmermann ausgehen. Es ist ein Wust an Recherche, der durch ein enges Sieb gepresst wird. So bleibt die Essenz übrig, und mehr interessiert die Masse sowieso nicht. Die Essenz wird kurzweilig aufgeführt, mit vielen visuellen Effekten und präzise auf den Punkt gebracht. Genau so funktioniert guter Unterricht, gutes Lernen, bei dem möglichst viel hängenbleibt. Und nichts anderes ist diese zeitgenössische Form von Bildungsfernsehen.

Ob es um den illegalen Sandabbau für Betonherstellung geht, um Nazis in Ostdeutschland, um die lächerliche deutsche Filmbranche, um die rechtsradikalen Querdenker, um den Fake der Homöopathie: Böhmermann verklamaukt das Thema, reduziert in 15 Minuten auf das Wesentliche und erreicht damit Millionen. Verklamaukung bedeutet offenbar nicht nur Belustigung. Es sind visuell ähnliche Effekte wie die bei Rechten und Populisten. Oder es sind auch nur die zeitgenössischen Effekte der sozialen Medien. Aber es funktioniert. Der Kunde ist König.

Die Show Royale ist eine Art Weiterentwicklung der heute-show, die nur vermeintlich aufklärerisch wirkt. Es ist da vor allem der Zeigefinger, der überzeugen soll.

Ob man Böhmermann mag, wie man zu seiner künstlerischen Disposition steht, ist ein anderes Thema. Er wirkt. Die Leute da abholen, wo sie stehen.

Nebenbei fällt auf, dass dieses Format viel aufklärerischer ist als STRG_F, Y-Kollektiv und ähnliche dauerbetroffene Reportageformate der Öffentlich-Rechtlichen für junge Leute, bei denen es vor allem darum geht, die Reporter in den Vordergrund zu stellen. Die stellen sich gerne dumm. Sie sind erstmal ahnungslos und zeigen das. Das soll wohl authentisch wirken. Während Böhmermann sich informiert, bevor er auf Sendung geht, und die Selbstpräsentationsformen der sozialen Medien für die Sache nutzt. Y-Kollektiv et al. haben von den sozialen Medien übernommen, dass die Kamera auf die Journalisten selbst gerichtet sein muss. Es ist die typische Ausdrucksweise von Narzismus und Egozentrik: Man läuft mit einer Kamera in der Hand durch eine Stadt, die man angeblich vorstellen will, zeigt dabei aber nur dauernd sein Gesicht.

Negativ könnte man bei der Show Royale anmerken, dass finanzpolitische Themen nicht angefasst werden. Ob es um Rente geht oder Euro, um Gentrifizierung oder Finanzmärkte: Der Niedergang des kritischen Journalismus in diesen Feldern macht auch nicht halt. Und dass Gentrifizierung noch kein Thema war, ist mehr als bedauerlich. Auch Themen wie Vermögensverteilung, Kapitalismus als Sozialdarwinismus, also das Grundsätzliche, müssten in den Fokus. Denn ein Böhmermann taugte natürlich auch als Hofnarr.

Das zweite Beispiel für guten aktuellen Journalismus ist die Recherchearbeit des Tagesspiegel und im Hintergrund agierender Recherchenetzwerke zur Gentrifizierung, aber auch zu den Querdenkern. In Bezug auf das letztgenannte Thema würde ich dazu auch die Facebookgruppe Friedensdemo-Watch zählen, wobei ich nicht weiß, ob es da persönliche Kontakte gibt. Es geht jedenfalls um das, was man gemeinhin Querfront nennt: Rechtsradikale wie Jürgen Elsässer oder die Querdenker, die vorgeben, sich politisch neutral nur um das Wohl des Volkes zu kümmern.

Wie wichtig diese Recherchearbeit ist, zeigen die Teilnehmerzahlen bei den Querdenkerdemos. Wo man vor ein paar Jahren noch vermutet hätte, dass das nur eine Handvoll politisch Verwirrter anzieht, zählt man heute auch mal 50.000 verblendete Menschen.

Dass es so viele gibt, liegt an der Raffinesse, mit der die Querdenker und deren Umfeld vorgehen. Aktuelles Beispiel ist #allesdichtmachen. Offenbar wussten die allermeisten teilnehmenden Schauspieler nicht, dass die Aktion wohl

Teil einer größeren Kampagne ist, die eine antidemokratische Agenda verfolgt.

wie der Tagesspiegel schreibt. Immerhin haben nun viele ihre Beiträge zurückgezogen, nachdem sie bemerkt hatten, wessen Geschäft sie da bedienen.

Dieser hochinteressante Tagesspiegel-Artikel erläutert ausführlich die Zusammenhänge zwischen Wortführern, die in Zusammenhang mit Querdenken und deren Umfeld stehen, und Schauspielern. Ob es der merkwürdige Notarzt Paul Brandenburg ist oder der neurechte Youtuber Gunnar Kaiser, die Aktivisten des „Corona-Ausschusses“, die Schauspieler Nina Proll und Volker Bruch oder der Regisseur Dietrich Brüggemann. Proll war tatsächlich Gast dieser Verschwörerveranstaltung „Corona-Ausschuss“. Wer da mitmacht, weiß, was er tut oder er sollte es wissen. Das geht dann nahtlos über in die Formate von Ken Jebsen und anderen einschlägig bekannten Aktiven.

Ohne diese Zusammenhänge momentan wirklich exakt benennen zu können: Das, was von Journalisten bisher herausgefunden wurde, ist vielsagend. Die dämlichen Reaktionen von Jan Josef Liefers auf die Kritik ebenfalls.

Als Hintergrund dieser verwirrten Verhältnisse kann man wohl ganz allgemein die neoliberale Ideologie ausmachen, die Begriffe wie „Freiheit“ und „sozial“ und deren Verhältnis zueinander pervertiert haben. Kritik an denen da oben erfordert immer den kritischen Blick aufs eigene Umfeld. Sich nicht von der vermeintlichen Elitenkritik der Rechten abzugrenzen, ist ein no go. Doch wer soll angesichts der jahrzehntelangen Enteinzelung noch durchblicken? Seien wir also gnädig. Die Leute da abholen, wo sie stehen.

Auch in diesem Sinn wünsche ich einen nachhaltigen 1. Mai.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 585

(Foto: genova 2013)

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Wie man wohnen soll: [gemäß CDU, AFD + FDP]

Für den Urlaub idyllisch, auf Dauer vermutlich nicht idyllisch: Wohnen in Berlin nach dem „Karlsruher Urteil“, wie man sagt.

Falls man nun aus der Großstadt in die Kleinstadt flüchten will: Der Tagesspiegel erklärt seinen Lesern:

Großstädte werden zu teuer : Wo sich der Immobilienkauf für Privatanleger noch lohnt

Laut einer Studie winken in Kleinstädten teils deutlich höherer Renditen als in den Metropolen. Wo liegen die lukrativsten Landkreise?

„Lukrativ“ bedeutet hier: Wie kann man von der massiver werdenden Ausbeutung auf dem Land profitieren? Wo ist es „lukrativ“, was besser als „gewinnbringend“ klingt? Wo „winken“ Renditen? Wer winkt, kann nichts Böses im Sinn haben.

Es geht nicht etwa um Leute, die eine Wohnung suchen. Nein, denen soll die Wohnung bitte zügig weggeschnappt werden, und zwar von denen, die schon mehr als genug haben, aber naturgemäß noch mehr brauchen und das suchen, was freundlich winkt.

Im Tagesspiegel und anderen bürgerlichen Zeitungen läuft sowas unter der Rubrik „Service“ oder „Ratgeber“. Das erwartet der aufgeklärte Leser vermutlich: Ausbeutungstipps. Gut möglich, dass ein, zwei Seiten weiter die Ausbeutung von Näherinnen in Bangladesh beklagt wird. Diese postmoderne Beliebigkeit ist heute das Fundament. Alles geht, nichts muss.

Die soziale Variante dieser Ausbeutung ist Lotto spielen: Alle zahlen das gleiche ein und ein paar wenige bekommen alles raus. Aber die Chancen sind gleich verteilt, jeder weiß vorher Bescheid und die Ziehungen am Samstagabend sind unterhaltsam. Ähnliches gilt für Aktienzocken. Es diversifiziert, wie man heute sagt, den Alltag.

Die Realität ist weder Lotto spielen noch Aktien zocken. Sondern: Könnte man die Luft so einfach einzäunen wie den Boden, gäbe es die auch nicht umsonst.

Alles ganz normal.

(Fotos: genova 2021)

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Seltsames Berlin 10

(Foto: genova 2021)

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Eine stetige Enteignung

Die Welt ist ungerecht. Monat für Monat wechseln in Berlin rund 810 Millionen Euro ihre Besitzer, für deren Überweisungen das Stichwort „Miete“ lautet. 83 Prozent der Bevölkerung dieser Stadt bezahlen brav dafür, dass sie einen weiteren Monat in Räumen leben dürfen, die nicht ihnen gehören.

Im Jahr summiert sich dieser Vermögenstransfer von Mietern zu Grundeigentümern auf bald eine Milliarde Euro – eine stetige Enteignung, die beständig größere Ausmaße annimmt. Laut dem Mikrozensus 2018 müssen Mieter in Berlin im Schnitt 28 Prozent ihrer Haushaltsnettoeinkommen für ihre Bruttokaltmiete aufbringen, 1975 waren es lediglich 13 Prozent.

Das schreibt Michael Sontheimer – Sohn von Kurt Sontheimer – in der taz. Es ist ein anschauliches Beispiel, wie Ausbeutung im effektiv organisierten Kapitalismus funktioniert. Es ist ein Vermögenstransfer von Arbeitenden zu Herrschenden. Man bräuchte eine Uhr, im Öffentlichen aufgestellt, ähnlich der Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler, die tagesaktuell darüber informiert, wie viel Geld permanent auf die andere Seite geschaufelt wird, und dass die Menschen dazu gezwungen werden. Man müsste auch darauf hinweisen, dass Geringverdienende mittlerweile nahezu 100 Prozent ihres Einkommens für die aktuellen Mieten in Ballungsräumen bezahlen müssen.

Sontheimer beschreibt in dem taz-Artikel auch die bürgerlichen Kampagnen, die derzeit gegen die Berliner Vergesellschaftungsinitiative läuft. Und da unterscheiden sich die Springer-Blätter kaum vom sogenannt links-liberalen Tagesspiegel.

Im selben Tagesspiegel lobt die Redakteurin Andrea Dernbach ein Buch, das sich mit der jahrzehntelangen Propaganda beschäftigt, die sich gegen „den Staat“ aussprach und „mehr Markt“ forderte. Man meinte mehr Kapitalismus, der sich den Staat zunutze macht:

Ein Buch, das kürzlich in Italien erschienen ist und dem man baldige Übersetzung wünscht, erzählt die jahrzehntelange Geschichte dieses Widersinns und wie ihn von Beginn an Staatsgeld – ausgerechnet – fütterte. In „Dominio“ (auf deutsch Herrschaft) erzählt Marco d’Eramo, früher US-Korrespondent der römischen Zeitung „il manifesto“, von dem, was er im Untertitel den „unsichtbaren Krieg der Mächtigen gegen die Untertanen“ nennt: eine jahrzehntelange Schlacht um die Herrschaft über die Köpfe, angeführt von einem Dutzend Stahl-, Öl- und Waffenindustriellen des mittleren Westens der USA, darunter die Brüder Koch aus Kansas und die Familie Walton, Besitzerin der Walmart-Kette. Sie fordern den schlanken Staat („Hungert die Bestie aus“) und plündern ihn dabei: Die superreichen Stiftungen, mit denen sie Professoren, Richterinnen, Politiker ihres Lagers unterstützen, die Universitäten, die sie finanzieren – all das verdankt sich legaler Steuervermeidung.

In Wirklichkeit, schreibt d’Eramo, sei nicht weniger Staat das Ziel, sondern mehr. Er zitiert Antonin Scalia, bis 2016 Richter am Supreme Court, ebenfalls Adept rechter Stiftungen: Die Regierung in Washington sei nicht schlecht. „Es geht darum, sie klug zu nutzen.“

Die Neolib-Eliten, schreibt d’Eramo, haben ihre Macht dazu genutzt, die Erde demnächst unbewohnbar zu machen, auch für sie selbst: Sie flüchteten sich in gated communities, hinter Gitterstäben, vor der Wut derer, die ihr Modell bitterarm gemacht hat. Und auch den Superreichen werde am Ende das saubere Wasser und die Luft zum Atmen ausgehen.

Alles bekannt, aber nur die dauernde Wiederholung des Immergleichen führt zu Lernerfolgen bei den Rezipienten.

Es ist für den Tagesspiegel kein Problem, dieses Buch zu loben. Solange es bitte nicht konkret wird, beispielsweise den Berliner Wohnungsmarkt betrifft. Dann wird flott gegengerudert mit Begriffen wie „Eigentum“, „marktwirtschaftliche Ordnung“ oder „Rechtsstaat“. Da ist auch im linksliberalen Mainstream schnell Schluss mit der Akzeptanz ernsthafter Änderungen.

Man wird sehen, was die derzeit so populären Grünen wirklich umsetzen wollen, wenn es soweit ist. Wobei schon die Weigerung einer Koalitionsaussage unglaublich ist. Die altgediente Claudia Roth macht dieses Spiel mit, was sie früher in massiver Form verurteilt hätte: keine Festlegung auf die Zusammenarbeit entweder mit SPD und der Linkspartei oder mit Rechten. Sie fordert zum Grünwählen auf, ohne jeden Hinweis, was dann passieren wird. Die Grünen sind eine extrem merkwürdige Partei mittlerweile. Eigentlich die Partei der Unpolitischen, die zufällig für ein Thema stehen, das derzeit in Mode ist.

Die Linke hätte im Vorfeld der Bundestagswahl klare Möglichkeiten: die kapitalistische Logik anhand von Löhnen, Renten und Wohnen deutlich zu machen. Die Vermögensverhältnisse sind unausgeglichener als in der Weimarer Republik, der finanzmarktgetriebene Kapitalismus ist weiterhin außer Kontrolle, Themen wie Klima und Umwelt müssten hinzukommen, wären aber für die Linke nicht entscheidend, das decken andere ab. Wahlkampf ist immer Strategie. Die SPD verharrt – nach einem knappen linken Frühling in der laufenden Legislatur in Berlin – weiterhin in der rechten Ecke. Dafür stehen Scholz und sein „Respekt“ und Giffey, die in Berlin gerade ein Comeback der reaktionären, ausbeutenden Kräfte vorbereitet. Und das, obwohl die SPD für Gentrifizierung, Rente und Niedriglohn hauptverantwortlich ist. Diese Konstellation müsste ein zusätzlicher Anreiz für ein Alleinstellungsmerkmal der Linkspartei sein.

Es bräuchte einen klaren Lagerwahlkampf: Auf der einen Seite die Ausbeuter, auf der anderen Seite die, die das ernsthaft angehen wollen. Keine Angst vor Diffamierungen der Bürgerlichen, die keinerlei Argumente mehr haben, keine Angst vor Konfrontation.

Die tägliche Ausbeutung anschaulich machen: Es ist die Uraufgabe linker Politik. Auch jenseits der reaktionären Kritik Wagenknechts.

(Foto: genova 2014)

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o.T. 584

(Foto: genova 2019)

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Eisenerz und Eisenerz

Eisenerz ist nicht nur Eisenerz, sondern auch der Name einer kleinen, merkwürdigen und höchst sehenswerten Stadt mitten in Österreich. Es sind zwei Kennzahlen, die bei aufmerksamen Suchenden Aufmerksamkeit erregen: Erstens hatte Eisenerz im Jahr 1950 noch 13.000 Einwohner, 2020 nur noch 3.800. Zweitens kam die Kommunistische Partei Österreichs, die KPÖ, bei der Gemeinderatswahl 2015 auf runde 20 Prozent. Genug Gründe, um sich in der nördlichen Steiermark umzuschauen.

Beides hat mit diesem Berg zu tun:

Ein geradezu obszön entkleideter oder, schlimmer noch, ein geschundener, malträtierter, misshandelter, seiner Würde beraubter Berg. Ihm wurden viele hunderte Jahre lang die Haut abgezogen und das Fleisch herausgeschnitten. Er liegt nicht etwa versteckt in einem Seitental, sondern direkt vor den Augen der Eisenerzer und Eisenerzerinnen und Eisenerzer:innen. Der Berg empfindet also seit Jahrhunderten Scham und die Menschen in Eisenerz schauen seit Jahrhunderten auf den Berg, dessen Scham sich dadurch noch verstärkt. Die Menschen wurden vom Berg so in den Bann gezogen, dass sie den ganzen Ort von vormals Innerberg nach dem Material benannten, den sie aus dem Berg schaufelten: Eisenerz. Der Berg heißt Erzberg, wie auch sonst. Konsequenter wäre noch „Eisenerzberg“. Der Ort könnte also „Eisenerz am Eisenerzberg“ heißen.

Warum man den Ort nach dem Material benannte, ist mir unklar. Vielleicht war es ein frühes Branding. Vielleicht wird Mountain View einmal in Google umbenannt.

Der Erzberg rächte sich, doch dazu später.

Schon im 13. Jahrhundert grub man nach Eisenerz. Im 15. Jahrhundert bekam Eisenerz Marktrechte und zur selben Zeit wurden 20 Prozent des in Europa geförderten Eisenerzes in Eisenerz gefördert. Eisenerz war damals für Eisenerz so etwas wie heute das Silicon Valley für das Smartphone. Oder vielleicht eher wie chinesische Sweatshops fürs Smartphone. Wobei die Eisenerzer damals zu Wohlstand kamen, die chinesischen Sweatshopinsassen nicht.

Mitten im Ort steht heute noch der Schwarze Hof, das war das Herrenhaus eines Radwerks, das nicht mehr existiert. Radwerke waren die Vorläufer der Hochöfen, also waren das in Eisenerz die wichtigsten Maschinen überhaupt, vergleichbar mit heutigen Serverfarmen. Brennt eine Serverfarm, bekommt das Internet Löcher. Brannte ein Radwerk, musste man den Berg in Ruhe lassen, was gut für den Berg, aber schlecht fürs Geschäft der Eisenerzer war.

Der Schwarze Hof hatte früher also eine ähnliche Funktion wie heute die Skyscraper der Banken in Frankfurt. Er sieht jetzt so aus:

Ein bisschen traurig also und das ist symptomatisch für den Ort. Denn den kleinen Ortskern hat man nett herausgeputzt, wie man sagt. Der viel größere andere Teil des Ortes steht leer oder ist seiner Funktion beraubt wie der stillgelegte Bahnhof:

Ganze Siedlungen stehen leer. Bedenkt man den erwähnten Einwohnerrückgang und die Tatsache, dass der Ortskern noch relativ belebt scheint, dann dürfte ein Mehrheit der Gebäude leerstehen. Es gibt schöne Beispiele früher Arbeitersiedlungen, aus Holz, mit Schieferplatten verkleidet, mit mächtigen Risaliten, daneben auch kleine Einfamilienhäuser:

Schön ist außerdem die Verbindung von Arbeitersiedlung und Bauernhof:

Offenbar sollte man am Erzberg Eisenerz abbauen und am Abend nach den Kühen schauen und sie melken. Oder es lief in Arbeitsteilung. Es ist eine merkwürdige Anrichtung auf dem Bild und es wäre schön, darüber mehr zu wissen. Leider ist weit und breit niemand, den man fragen könnte. Andererseits liegt das auch an der zu kurzen Dauer meines Aufenthalts, denn es gibt ein Heimatmuseum in Eisenerz, in dem man sich kundig machen kann.

Selbst im Altenheim herrscht Leerstand:

Die noch bewohnten Häuser verwundern; zumindest einen Städter, der die Alpen gemeinhin mit Tourismus und einem sichtbaren Wohlstand verbindet. Kommt man von Deutschland, fährt man stundenlang durch kaum bewohnte Gebiete mit viel Grün. Der Ort passt, so könnte man meinen, nicht in die Landschaft, sondern eher ins Ruhrgebiet:

In Wahrheit sind Bergbau und Hüttenwerke bis weit in unser Jahrhundert in den Alpen der Mainstream gewesen. Das waren die reichen Orte und die Orte, die wir heute als reich kennen, waren die armen. Eisenerz war reich bis in die 1970er Jahre. Im Dritten Reich kam rund 25 Prozent der Eisenerzproduktion des Reiches aus Eisenerz.

Es ist ein angenehmer Ort. Man sieht überall Skurriles, Überwachsenes, Entblößtes und vermutlich gibt es nirgendwo im ländlichen Österreich weniger Kitsch als in Eisenerz. In den verlassenen Arbeitersiedlungen gab es den vielleicht früher, aber er wurde mitgenommen oder abgeräumt. Mittags und später dann wieder Abends sitzt man in der Wirtschaft, wo der Stammtisch Kette raucht und man isst ein Wiener Schnitzel und eine Blutwurst und eine Eierspeise. Die Preise sind vor ein paar Jahrzehnten stehengeblieben und die Einrichtung hat einen aufklärerischen Aspekt: In den 1970er Jahren gab es nicht nur das Design, das man heute in den bekannten Retrodesignläden in den Metropolen findet.

Für eine Tankstelle gibt es nicht mehr genug Autos, und ob die aufgerissene Straße noch einmal geteert wird, ist für den Reisenden ungewiss.

Das jüngste Gebäude, das ich fand, war das der Polizei:

In den 1970ern ganz schick hingestellt. Mittlerweile haben die Polizisten wohl wenig zu tun, oder das Revier wurde flächenmäßig vergrößert, so dass sie den ganzen Tag in ihren Autos durch die schöne Landschaft fahren können.

Bemerkenswert: Die Eisenerzer widerstanden bislang der Versuchung, das zu machen, was Österreicher in Massen machen: Faschisten wählen. Es gibt anderswo Städte mit Wohlstand und FPÖ-Bürgermeistern, in Eisenerz nicht.

Seit einigen Jahren versucht man es mit Tourismus, mit Mountainbike fahren und wandern. Das versuchen alle abgehängten Regionen, insofern dürfte man da nicht viel holen. Vielleicht sollte man die Zustände nutzen: Ein paar Siedlungen wieder herrichten und Massen mit günstigen Preisen anziehen. Fußballturniere veranstalten und Erzbergbegehungen, abends Disco im Mondschein. Was auch immer, man müsste die Geschichte und damit das Potenzial von Eisenerz nutzen. Oder eine Sommerfrische für Berliner einrichten, die dann für die schönsten Wochen des Jahres der unerbittlichen Kapitallogik ihrer einst coolen Stadt entfliehen und sich erholen können.

Nicht kapitalistisch verwertbare Räume sind leider die, für die sich kaum jemand interessiert. Wäre der Mensch nicht dressiert, wäre es anders.

(Fotos: genova 2019 und wikipedia1 und wikipedia2)

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o.T. 583

(Foto: genova 2019)

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Das „Aus 500 mach 5.000“-Spiel

Kürzlich las ich ein Interview mit einer Architektin, die in Berlin-Lichtenberg ein interessantes, leicht experimentelles Haus mit guten individuellen Lösungen zu einem vertretbaren Preis gebaut hat. Auf die Frage, wie das möglich war, antwortete sie, sie habe das Grundstück schon im Jahr 2010 gekauft, für 500 Euro den Quadratmeter. Jetzt liege der Preis bei 5.000 Euro. Sie könnte, sagte die Architektin, das Haus heute nicht mehr bauen.

Von 500 auf 5.000. Bei 5.000 Euro fließen runde 80 Prozent der Bausumme ins bloße Grundstück. Es zeigt das Desaster der Wohnungspolitik in Deutschland und es zeigt, dass ganz bewusst nichts getan wurde, um es zu verhindern. Die entscheidenden politischen Kräfte wollen genau diese Entwicklung: Ausbeutung, wo immer möglich. Der verstorbene SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel hatte vergangenes Jahr noch ein Buch zum Thema vorgelegt. Er verstand es ausdrücklich als Handlungsanleitung für die aktuelle Politik. Die heutigen Politiker interessiert das nicht. Die Lösungen liegen auf dem Tisch, aber Politik und Medien geht es mehrheitlich darum, sie zu verhindern.

Jetzt ist der Mietendeckel also passé. Die Rechten argumentieren wie gewohnt: Die NZZ nennt das Urteil „eine Niederlage für die Ideologen“ und wirft dem Berliner Senat eine „undurchdachte Klientelpolitik“ vor. Die FAZ freut sich und will eine Wohnunspolitik, die in Städten ganz lyrisch „ein Kommen und Gehen ermöglichen“ soll, das Handelsblatt behauptet, der Mietendeckel sei „schädlich für alle“ gewesen und habe „unverhältnismäßig in das Eigentumsrecht der Vermieter eingegriffen“ and so on.

Das übliche rechte Geplapper im Sinne der Herrschenden also, angereichert gerne mit dem Zusatz, es müsse halt mehr gebaut werden. Alle diese Argumente lassen sich leicht widerlegen und das ist schon tausendfach geschehen.

Es zeigt sich, dass die rechten Medien und die rechten Parteien erneut gezeigt haben, wessen Interessen sie vertreten: die der Reichen, auf dass sie ungestört noch reicher werden. Um nichts anderes geht es. Etwas vornehmer ausgedrückt: Um Kapitalakkumulation, die systemisch aufrecht erhalten werden muss. Seehofer begrüßte das Urteil heute ausdrücklich.

Traurig ist, dass die Hauptschuldige heute niemand benannt hat: Angela Merkel. Die Frau ist seit 2005 Bundeskanzlerin, seit etwa 2007 wird das Problem der Gentrifizierung wahrgenommen. Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, dass das Land Berlin keine Kompetenz für einen Mietendeckel habe, da das Thema im Bund schon geregelt sei. Das ist formal richtig, aber inhaltlich natürlich Quatsch, doch es zeigt mit dem Finger auf Merkel. Es wäre, nähme sie ihren Amtseid Ernst, ihr Job gewesen, entsprechende Gesetze auf Bundesebene zu präsentieren. Machte sie natürlich nicht. Ihr Job ist es, das „Aus 500 mach 5.000“-Spiel laufen zu lassen.

Jüngst hat der Bauunternehmer Christoph Gröner der CDU knapp eine Million Euro gespendet. Diese Form der Korruption ist in Deutschland legal, was schon einiges aussagt. Aber es ist eben Korruption, die auch Merkel betrifft. Das stört kaum jemanden.

Merkel bleibt in unserer obrigkeitsaffinen Gesellschaft unantastbar. Eine Königin.

Kevin Kühnert findet klare Worte:

Kühnert hingegen griff die Kläger an. „284 Abgeordnete von CDU, CSU und FDP haben ihre Masken fallen lassen. Sie sind für den Profit der Immobilienlobby vor Gericht gezogen, während ihre Parteien auf allen Ebenen gegen einen effektiven Mieterschutz kämpfen“, meinte der frühere Juso-Chef. „Deutlicher kann man nicht zum Ausdruck bringen, auf welcher Seite des außer Kontrolle geratenen Wohnungsmarktes man steht.“

Ja, sicher, wobei den Rechten die Maske schon immer mehr schlecht als recht saß. Völlig perfide reagiert die Berliner CDU:

Die CDU-Fraktion schlägt einen Härtefall-Fonds für diejenigen Mieterinnen und Mieter vor, die aufgrund der falschen Versprechungen von SPD, Linken und Grünen jetzt in wirtschaftliche Bedrängnis kommen.

Perverser gehts nimmer.

Die Schuldigen von heute sind natürlich die die Klägerinnen CDU und FDP sowie die neoliberalen Medien und Merkel samt Anhang.

Problematisch sind allerdings auch die Leute, die seit dem neuen Buch von Wagenknecht mit dem Schimpfwort „Linksliberale“ belegt werden. Leute, die gerne grün wählen und in den letzten Jahren sagten, Merkel sei doch „irgendwie ganz ok“. Dieses Werturteil zeigt das Ausmaß der Katastrophe. Eine neoliberale und vollständig opportunistische Kanzlerin ohne jede Haltung, die naturgemäß die Ausbeutung vorantrieb, wird von diesen komischen Leuten als „ganz ok.“ beurteilt. Da sind mir die Hardcorekapitalisten lieber, die kämpfen für ihre Interessen und haben mehr Durchblick.

Die SPD sitzt seit 2013 in der Regierung, auch da kam nichts. Ein paar lächerliche Gesetze, die das Papier nicht Wert waren. Von Scholz hört man vermutlich nichts. Der plappert jetzt blumig von Respekt, das muss reichen. Kevin Kühnert will nun einen bundesweiten Mietendeckel.

Das Urteil könnte aber eine Chance sein, so wie Kühnert das fordert:

„Bei der Bundestagswahl am 26. September macht die SPD den Mieterinnen und Mietern ein klares Angebot: In der nächsten Bundesregierung wollen wir einen Mietenstopp in allen angespannten Wohnlagen durchsetzen.“ Zudem wolle man  jährlich mindestens 100.000 preisgebundene neue Wohnungen, um dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum entgegenwirken.

Die Chance wäre nun, dass sich rot und rot und grün auf Bundesebene zusammenraufen. Zumindest die Berliner Grünen fordern ebenfalls den bundesweiten Mietendeckel. Habeck hat sich auch schon für den Deckel ausgesprochen. Und die Bundesgrünen unterstützen seit ihrem letzten Parteitag die laufende Enteignungsinitivative von Deutsche Wohnen und Co. in Berlin. Die Bevölkerung unterstützte den Deckel zu 70 bis 80 Prozent. Es wäre also mehrheitstechnisch eine Chance. Man könnte den Feind auch klar markieren. Alles eine Frage der PR: Wie kommuniziert man das Bauen als Neue soziale Frage? Wie kommuniziert man beispielsweise, dass niemand durch Vermietung seine Rente aufbessern darf, weil das ein reines Ausbeutungsprojekt auf Kosten Anderer ist?

In Berlin gibt es am Abend der Urteilsverkündung spontane Proteste mit rund 10.000 Teilnehmern. Das macht Hoffnung. Wenn es gut geht, ist das nur der Anfang.

Zudem: Der bundesweite Mietendeckel dürfte nur ein Anfang sein. Das Ziel, auch das sollte man sauber formulieren, muss eine komplette Rekollektivierung des Bodens sein. Sozusagen in göttlichen Zustand. Boden kann als Erbpack vergeben werden, gerne auch an die nächste Generation weitervererbbar. Aber eben nicht verkäuflich.

Es wäre eine notwendige Voraussetzung, zu dem Ziel zu gelangen, das selbstverständlich ist: Jedem eine gute und günstige Wohnung. Bei der Entwicklung der Produktivkräfte ist das ein Kinderspiel. 800 Euro für einen Quadratmeter fertige Wohnung mit vernünftigen ökologischen Kriterien ist ohne weiteres machbar. Dass das unterm Kapital als unmöglich erscheint, zeigt nur das Ausmaß unserer Verblendung.

Neues Bauen im Frankfurt der 1920er Jahre

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o.T. 582

(Foto: genova 2014)

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„Sofort rausschmeißen“ – Neue deutsche Medienmacher:innen und die Meinungsfreiheit

Seit einigen Jahren gibt es die „Neuen deutschen Medienmacher:innen“. Das ist ein Zusammenschluss

von Journalist:innen mit und ohne internationale Geschichte. Wir setzen uns für gute Berichterstattung und für vielfältiges Medienpersonal ein.

So weit, so gut. Dort, auf der Website, sind Profis am Werk, die Sprache, das Wording sind in der Tat journalistisch im positiven Sinn. Leute, die ihr Handwerk gelernt haben.

Die Aktivitäten des Netzwerks sind vielfältig. Beispielsweise verleiht die Gruppe jedes Jahr die „Goldene Kartoffel“, das ist „ein Negativpreis für besonders diskriminierende Berichterstattung“. 2019 ging die Auszeichnung an die vier großen Talkshows in den öffentlich-rechtlichen Sendern, also „hart aber fair“, „Anne Will“, „maischberger“ und „maybritt illner“. Begründung:

Die Ankündigungen sind oft reißerisch, die Inhalte fördern oft Klischees, die Gästeauswahl ist häufig diskriminierend, der Diversitätsmangel in vielen Sendungen bestechend.

Gut möglich, das bedürfte eine näheren Analyse. Die Beispiele, die die Medienmacher selbst geben, halte ich nicht durch die Bank für überzeugend, aber ein ganz wichtiger Kritikpunkt – „Den politischen Talkshows gelingt es nicht, tiefergehend zu informieren“ – ist offensichtlich.

Bedenklich wird es bei den Medienmachern im Detail. In der laudatio der Goldenen Kartoffel 2019 wird eine Ausgabe von Maybritt Illner angeführt, in der Alexander Gauland zu Gast war:

Hier durfte AfD-Chef Gauland immer wieder die harmlose Bürgerlichkeit seiner AfD betonen. So sagte er im Mai bei Illner, dass Bernd Höcke „kein Rechtsextremist, sondern ein Nationalromantiker sei“. Hätte es in den 30er Jahren schon Talkshows gegeben, hätte Hitler das Gleiche auch über Goebbels sagen können. „Nationalromantiker“!?! Wenn Gauland so etwas über einen bundesweit bekannten Rechtsextremen sagt, wieso schmeißt Illner ihn nicht sofort raus? Sie ist doch die Gastgeberin! Security herbeipfeifen und Gauland freundlich, aber energisch hinausführen lassen. Und dann Hausverbot aussprechen. Das wäre mal ein klares Zeichen, dass die Verharmlosung von Rechtsextremen nicht geduldet wird.

Diese Leute fordern also, dass ein Gast, der etwas ihnen nicht Genehmes sagt, in der laufenden Live-Sendung von Sicherheitspersonal abgeführt wird. Wenn er nicht freiwillig geht, muss man ihn wohl fesseln. Es geht nicht etwa um strafrechtlich Relevantes, es geht schlicht um eine Meinungsäußerung. Dass andere geladene Gäste Gauland widersprechen könnten, ist nicht wichtig. Die Aussage, wonach Höcke kein Faschist ist, ist nicht tolerierbar. Einzig die Aussage, Höcke sei Faschist, darf demnach geäußert werden.

Man kann sich so ungefähr das gesellschaftspolitische Klima vorstellen, das diesen Leuten vorschwebt. Wer in eine Talkshow geht, überlegt sich nun bei jedem Satz, ob er den Medienmacher:innen und Gesinnungskameraden passt oder nicht. Wenn nicht: Pech gehabt, die Security wartet schon. Diese Leute zeigen damit, dass sie Rechtsradikalen näher sind, als sie glauben. Da sie es unterm Signum der moralisch Drüberstehenden weil angeblichUnterprivilegierten machen, ist das ok.

Bei den Medienmachern engagieren sich so renommierte Journalistinnen wie Hatice Akyün, Mo Asumang, Ferdos Forudastan und Margarete Stokowski. Kaum zu glauben.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 581

(Foto: genova 2017)

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Vom Architekten und der Bürokratie

Der immer lesenswerte Architekturkritiker der FAZ, Niklas Maak, schreibt über die Geschichte des Pritzker-Preises:

Skandalös war die Auszeichnung von Alejandro Aravena, der mit seiner Idee reüssierte, einkommensschwachen Chilenen nur ein halbes fertiges Haus hinzustellen und dazu eine Rohbau-Hälfte, die sie nach ihrem entbehrungsreichen Arbeitstag selber auszubauen hatten.

Die halbfertigen Häuser sahen so aus:

Die Häuser wurden ziemlich billig gebaut.

Maaks Perspektive ist problematisch. Vielleicht erwartet man es nicht von einer bürgerlichen Zeitung, aber es wäre die Frage nötig, warum die Bewohner überhaupt einen entbehrungsreichen Arbeitstag haben. Für diese Entbehrungen sollte man nicht den Architekten verantwortlich machen. Und es wäre die Frage nötig, warum die Bodenpreise der Siedlung wegen der Innenstadtlage sehr hoch waren. Es sind die Grundlagen kapitalistischer Verhältnisse, die den Rohbau nötig machen, damit die Leute überhaupt wohnen können. Das alles dem Architekten unterzuschieben, noch dazu in einer bürgerlichen und kapitalaffinen Zeitung, ist nicht fair.

Abgesehen davon bastelt der Mensch gerne, die großen Baumarktketten haben jüngst gute Bilanzen vorgelegt. Den Rohbau selbst weiterbauen bedeutet: etwas im Griff zu haben, etwas Eigenes zu haben.

Bemerkenswert auch das: Arch+ hat schon vor zehn Jahren (Heft 203) über die ablehnende Haltung der Menschen gegenüber Großsiedlungen berichtet, nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich:

Ein wichtiger Grund lag auch in einer generell ablehnenden Haltung der Bevölkerung gegenüber der französischen Ministerialbürokratie. Deren Macht war in Frankreich mit dem zentralisierten Planungsapparat sozialistischer Länder vergleichbar, weshalb der Großwohnbau im kollektiven Bewusstsein nach der anfänglichen Euphorie der frühen 1960er Jahre weniger „Soziale Gerechtigkeit“ verkörperte, als ein Form gewordenes Beispiel für die Beschränktheit technokratischer Beamter.
Die Menschen zogen Einfamilienhäuser vor, obwohl die ähnlich uniformiert und mit qualitativen Mängeln behaftet waren wie die Hochhäuser. Warum?

Weil man den Eindruck haben konnte, im Zweifelsfall in der Lage zu sein, Änderungen selbst in die Hand zu nehmen.

 

Der ungeliebte Staat, die verhasste Bürokratie, nicht nur im Ostblock: Das ist ein vielleicht unterbelichteter Grund für das (teilweise) Scheitern des Märkischen Viertels oder der Gropiusstadt. Der Staat wollte sich angeblich um die Wohnsituation der Massen kümmern, ohne sie ernstzunehmen. Die staatliche Bürokratie ist heute vermutlich noch schlimmer als damals, die Ministerialbürokratie schon längst der heimliche diktatorische Herrscher, aber man hat den Leuten beigebracht, sich ums Wohnen selbst zu kümmern. Man erwartet vom Staat nichts mehr, man ist schon froh, wenn er dem Kapital nicht noch effektiver zuarbeitet.

In Berlin erinnert man sich noch an die einstige linke Gallionsfigur Klaus Wowereit. Eine linke Gallionsfigur, die die Stadt für die weitgehende Ausbeutung hergerichtet hat. Die Leute haben den Glauben längst verloren. Der Ausweg wäre klar: mehr Selbstverwaltung und Subsidiarität. Der Staat hätte die Aufgabe, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen, was vor allem die kostenlose Bereitstellung des Bodens bedeutete. Dann wäre es möglich, günstig zu bauen, ob nur den Rohbau oder das komplette Haus. Da der Staat ein kapitalistischer ist, sieht er naturgemäß seine Hauptaufgabe darin, die Voraussetzungen für kapitalistische Ausbeutung zu schaffen. Der Staat ist also in seiner aktuellen Beschaffenheit das Gegenteil eines Partners. Der Architekt macht mit oder lässt es bleiben. Die Idee, den künftigen Bewohner mitarbeiten zu lassen, ist jedenfalls nicht grundsätzlich regressiv.

Nur mal so nebenbei.

(Fotos: architectural-review)

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o.T. 580

(Foto: genova 2020)

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Vom Vorzug des Neuperlachschen

Man steht heute staunend vor der Abrisswut der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre hinein. Dann begannen Menschen, sich zu wehren. Erst linke Hausbesetzer, später ein breiteres Publikum, aus dem sich auch die Grünen formierten.

Man steht staunend vor dieser Abrisswut, weil der Altbau heute heilig ist. Dagegen sind Gropiusstadt, Langwasser, Neuperlach, das Märkische Viertel, Chorweiler, Vogelstang, Neue Vahr Synonyme für irgendetwas Gescheitertes.

Vielleicht wäre es sinnvoll, unsere aktuelle Perspektive einmal außen vor zu lassen. Stattdessen könnte man sich diesen Bericht aus den frühen 1970er Jahren anschauen. Der Gegensatz aus heruntergekommenem Altbau und frischem, sauberem Neubau, der hier offensichtlich ist, ist nicht erzwungen. Es sah damals – nicht nur in Berlin – an vielen Stellen so aus:

 

Man versteht so besser, warum der Altbau lange Zeit nicht als sexy galt.

Davon abgesehen sind Neuperlach und Co. heute nicht so schlecht wie ihr Ruf. Dieser Ruf entsteht ja wie so vieles in den Medien. Dort arbeiten aber nicht die Neuperlach-Bewohner, sondern die Bewohner schicker Altbauviertel. Die Neuperlacher haben keine Stimme, und die, die hin und wieder über sie berichten, haben oft weder das Interesse noch das Vermögen, sich in das Neuperlachsche hineinzuversetzen.

Stadtinteressierte Menschen, zumal stadtinteressierte Berliner wissen, dass das Märkische Viertel wie auch die Gropiusstadt eine Besichtigung mittlerweile mehr lohnen als der Kollwitz- oder der Helmholtzkiez. Nicht, weil es dort per se nichts zu sehen gäbe. Sondern weil im Kollwitz- und Helmholtzkiez der perfide Verdrängungswettbewerb ästhetisch unsichtbar gemacht werden soll. Es sitzen entspannte und gutgekleidete Menschen in Straßencafés, die den Eindruck vermitteln, es sei dort alles in Ordnung. Naturgemäß ist dort nichts mehr in Ordnung, es ist nur die Maske des vernichtenden Kapitals. Es sitzen im Kollwitz- und Helmholtzkiez die, die es gerade noch schaffen, aber Angst vor den Verhältnissen haben. Und es sitzen dort die, die von der Ausbeutung leben und nichts anderes zu tun haben, als den ganzen Tag passiv auszubeuten und aktiv entspannt und gutgekleidet im Café zu sitzen.

Man trifft dort auch gerne Frauengruppen, die sich äußerst emphatisch über die neu kreierten Sorten der lokalen Eisdiele unterhalten. Man muss das natürlich spannend finden. Man trifft im Kollwitz- und Helmholtzkiez vor allem völlig uninteressante Menschen, deren größtes Bestreben ist, sich als interessant darzustellen. Menschenkenner bemerken deren Uninteressantheit naturgemäß auf den ersten Blick.

Kollwitz- und Helmholtzkiez: Die Masken sind ansehnlich. Die Fratzen sind zu spüren. Wenden wir uns der Gropiusstadt zu.

Die Trabantenstädte müssten heute aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. Es böte sich zum einen der Blick auf die Bürokratie an. Hundertschaften von Bürokraten wurden aktiviert, um diese Viertel aus dem Boden zu stampfen, wie man sagt. Die Verselbstständigungstendenzen des bürokratischen Apparates – der heute gerne auf die Marke „Neue Heimat“ reduziert wird – wären zu erforschen. Andererseits ging es auch damals schon um kapitalistische Bodenverwertung. Ins Märkische Viertel beispielsweise wurden die Menschen aus Kreuzberg mit vielen Versprechungen gelockt. Kreuzberg selbst sollte zu weiten Teilen eine Geisterstadt werden, durch die eine breite Autobahn führt. Nur die Mauer und die ankommenden Gastarbeiter verhinderten das.

Private hätten sich mit dem Autobahnbau dumm und dämlich verdient – zumal in einer strukturell korrupten Stadt wie Westberlin.

Interessant auch: In diversen Studien über die Wohnzufriedenheit beklagten die neuen Bewohner des Märkischen Viertels, dass es dort viel weniger kleine Läden und Einkaufsgelegenheiten als in Kreuzberg gebe. Für jeden Liter Milch müsse man in den Supermarkt. Verblüfft stellt man fest: Es ist in Kreuzberg heute genauso. Es gibt keine kleinen Läden mehr, abgesehen von Touristenverwertungsshops. Die Ladenmieten lassen keine andere Wahl.

(Ministerial-)Bürokratie und die Verwertungslogik des Kapitals: Das wären die Linien, an denen entlang man sich über die Neuperlachs in diesem Land unterhalten müsste. Die gängige Perspektive – dort ist es hässlich und deshalb wohnen dort die Asis – ist entlastend, aber nicht erkenntnisfördernd.

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o.T. 579

(Foto: genova 2017)

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Von der Kostbarkeit des heiligen Bodens

Es muss die Versiegelung gestoppt werden, es muss mehr renaturisiert werden und es muss der Boden dem Markt entzogen werden, weil er ist viel zu kostbar als dass der Markt entscheiden dürfte, wie wir damit umgehen.

Das sagte Laura Weissmüller, formidable Architekturkritikerin der Süddeutschen Zeitung, vergangenen Dezember im Deutschlandfunk. Diese Absage an den Markt dürfte zur Erwähnung im Verfassungsschutzbericht in der Rubrik „Linksextremismus“ führen, daran ändert auch der ach so liberale Haldenwang nichts. Die Diffamierungsprozesse dieser Behörde sind eingeschliffen.

In Berlin wird nun zumindest versucht, den großen privaten Wohnungskonzern Deutsche Wohnen, einen Stadtzerstörer par excellence, zu enteignen. Die Unterschriftensammler sind unterwegs. Die Frage ist nun die nach dem Preis: Was würde eine Enteignung kosten? Die Schätzungen liegen zwischen drei und 30 Milliarden Euro. Die große Differenz kommt daher, dass es keine weiterführenden Gesetze gibt. Der Enteignungsartikel im Grundgesetz ist klar, aber er bräuchte Präzisierung. Die gibt es nicht, weil die politische Klasse in Deutschland alles daran setzt, ungerechte Besitzverhältnisse zu zementieren. Der Boden ist demnach heilig.

Ernst Lohoff, der zuverlässige Werttheoretiker der Krisis-Gruppe, kritisiert deshalb auch die Berliner Enteignungs-Initiative. Sinnvoll sei einzig, den Boden zu kommunalisieren, also komplett zu enteignen bzw. ihn der kapitalistischen Verwertung ausnahmslos zu entziehen und auf die unterste Gebietskörperschaft Kommune zu überführen. Er hat natürlich Recht, aber das Selbstverständliche ist in einer spätkapitalistischen Gesellschaft das letzte, das sich qua Vernunft durchsetzen kann. So wie es bezeichnend ist, dass jemand wie Lohoff nicht in den täglichen Talkshows sitzt, obwohl er viel zu sagen hätte.

Umso interessanter sind aktuelle Bestrebungen, mit dem Dogma des heiligen Bodens zu brechen. Hans-Jochen Vogel von der SPD hat das kurz vor seinem Tod mit dem Buch Mehr Gerechtigkeit! versucht. Vogel berichtet dort, dass die Bodenpreise in München seit den frühen 1950er Jahren um 40.000 Prozent gestiegen seien. Damals brauchte man acht Prozent der Gesamtbaukosten für das Grundstück. Heute sind es 80 Prozent. Auch Vogel befindet sich ideell im Linksextremismuskapitel des BND.

Vogel fand politisch kaum Unterstützung. Merkel wäre die letzte, die sich mit dem Kapital anlegt, und was Merkel macht, ist für das Gros deutscher Journalisten so heilig wie es die Bodenverwertung fürs Kapital ist. Es ist eine in sich geschlossene und nach außen abgeschottete Haltung. Es braucht einen 94-jährigen Sozialdemokraten, um der heutigen Politriege ihre komplette und systemische Korrumpiertheit vorzuführen. Diese systemische Korrumpiertheit interessiert nicht weiter, man lädt lieber Schuld auf einzelne Bundestagsmitglieder ab, die sich schlicht zu dämlich angestellt haben: Bestechungsgelder über Konten aus Liechtenstein fließen zu lassen, ist heute keine gute Idee mehr.

Es gibt eine nette kleine Geschichte des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter. Er habe, so sagt er, schon ein paarmal mit Merkel persönlich über die katastrophalen Bodenpreise in München gesprochen und dass man unbedingt etwas auf Bundesebene tun müsse. Merkel höre freundlich zu. Im Weiteren komme  keine Reaktion.

Das ist die Methode Merkel, man kann es sich vorstellen. 40.000 Prozent Renditeerhöhung sind ein schlagendes Argument.

Vielleicht kann man die ideologische Katastrophe, in der wir uns befinden, auch ästhetisch darstellen. Der neue Hauptstadtflughafen (Architekten: gmp) sei, so Laura Weissmüller im Deutschlandfunk weiter,

eine extrem konservativ geplante Kiste, wo es nur darum geht, die Leute möglichst viel Zeit in Duty-Free-Shops herumirren zu lassen

Als Gegenbeispiel empfiehlt Weissmüller den Flughafen Berlin-Tegel, Anfang der 1970er Jahre gebaut. Skurrilerweise wurde er auch von gmp entworfen, es war deren erster großer Auftrag.

Weissmüller:

Tegel war wirklich ein Flughafen, wo es ums Fliegen ging. Da ging es darum, dass die Passagiere angenehm ankommen und angenehm abfliegen können. Es ging um kurze Wege, das heißt, dieses Gebäude hat die Funktion erfüllt mit einer Sprache, die Lust und Freude ausgedrückt hat und das sehe ich im Hauptstadtflughafen gar nicht.

Die Kapitallogik führte im neuen, absurderweise nach Willy Brandt benannten Flughafen dazu, dass man erst überflüssige Wege zu Fuß zurücklegen und Zeit verplempern muss, wenn man fliegen möchte. Alleine die Tatsache, dass eine solch kaputte Idee nicht kaputte Idee bleibt, sondern zur kaputten Wirklichkeit wird, zeigt den Grad unserer neoliberalen Verseuchung.

P.S.: Kaputt ist die Wirklichkeit auch in diesem Tagesspiegel-Bericht: Die Immobilienpreise in Berlin steigen derzeit deutlich. Bei Immoscout zahle man für eine Eigentumswohnung knapp elf Prozent mehr als noch vor einem Jahr, heißt es. Was bedeutet das für Immobilienunternehmen?

„Es gibt keine Trendumkehr“, sagte Ralf Weitz (von Immoscout). Im Gegenteil, „Bauträger rechnen mit steigenden Preisen und verschieben teilweise den Marktstart von Immobilienprojekten“, um davon zu profitieren.

Wir sehen hier ganz gut den fundamentalen Unterschied zwischen einem harmlosen „Markt“ und dem Kapitalismus. Letzterer hat nicht im Sinn, konkrete materielle Bedürfnisse zu befriedigen. Es kann aus kapitalistischer Sicht sinnvoller sein, die Wohnungssuchenden erst ein paar Monate oder Jahre unter der Brücke schlafen zu lassen, weil sie danach bereit sind, noch mehr zu bezahlen als sie das heute schon tun würden. „Den Marktstart verschieben“, es ist eine nettes Wording, das einen Skandal ausdrückt. Die Verschiebung des Marktstarts passt in den letzten Absatz eines Tagesspiegel-Artikels auf Seite 4. Das zeigt, wie groß der Echoraum des Kapitals geworden ist.

Dazu passt ein kürzlich erschienener FAZ-Artikel, der beschreibt, dass die CDU jetzt um ihren Ruf als wirtschaftskompetente Partei fürchten müsse:

In Sachen Wirtschaftskompetenz hatte die CDU immer die Nase vorn. Niemand wusste so genau, warum.

Der letzte Satz beschreibt ein interessantes Phänomen. CDU-Wirtschafskompetenz bedeutete ja immer nur, Reicher reicher werden zu lassen. Die bürgerlichen Medien und der gesunde deutsche Volksverstand interpretierten das als „Wirtschaftskompetenz.“ So geht moderne Gehirnwäsche.

In einem anderen Artikel klärt der Tagesspiegel die Tage auf:

Trotz des Mietendeckels bleibt Berlin für Immobilienkäufer interessant.

Die legale Ausbeutung, so die Botschaft, wird weitergehen.

Am dümmsten argumentiert naturgemäß die Welt. Die sehen die „Nebenkosten“ als das größte Problem im Immobiliensektor. In der Welt, i.e. das sogenannte bürgerliche Lager, kommt es zu Feststellungen wie dieser:

Obwohl die Zinsen niedrig sind, können sich viele Deutsche kein Wohneigentum leisten. Schuld sind die hohen Nebenkosten.

Sie meinen die Notargebühren.

Man spürt daran, wie sehr das bürgerliche Lager abgedankt hat und heute die Rolle innehat, die 1789 der Adel präsentierte. Sein Sturz wäre vonnöten.

Es sind Formen von Alltagsperversion, an die wir uns alle gewöhnt haben. Und wir konnten uns daran gewöhnen, weil wir Wessis mit dem Bewusstsein sozialisiert wurden, auf der richtigen Seite zu stehen. So wie wir uns sicher sind, dass wir in einem Rechtsstaat und in einer Demokratie leben.

Wir leben im Kapitalismus, sonst nichts.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 578

(Foto: genova 2019)

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Corbusier und die wohnmaschinelle Zufriedenheit

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Friedrich-Ebert-Stiftung ein brisantes Forschungsergebnis veröffentlicht: Wie zufrieden sind die Bewohner des Corbusier-Hauses in Berlin?

Ergebnis: Sehr zufrieden. 91 Prozent der Wohnmaschinenbewohner sagen, sie wohnen gerne dort. Vier Prozent sind sich sicher, dass sie das nicht gerne tun. Wobei das Wohnen so etwas Fundamentales ist, dass die vier Prozent vermutlich demnächst vom großzügig bemessenen Balkon springen. Da man das gerne vermeidet, antwortet man auf diese Frage also grundsätzlich eher positiv als negativ. Dennoch: 91 Prozent sind eindeutig. Das nur als Hinweis, weil Corbusier vom reaktionären, sich links wähnenden deutschen Bürgertum gerne als Menschenverächter betrachtet wird.

Und: Corbusier hatte für die Bewohner der 530 Wohnungen Gemeinschaftseinrichtungen und eine große Dachterasse vorgesehen, wie man das in der Wohnmaschine in Marseille auch gemacht hat – beides wurde aufgrund von Berliner Baubestimmungen und behördlicher Engstirnigkeit nicht realisiert. Dazu kam, dass man den Klotz unter der Rubrik „Sozialer Wohnungsbau“ errichtete. Dachterassen sind offenbar unsozial. Corbusier zog sich aus dem Projekt wütend zurück und die ersten Bewohner zogen 1958 ein. Heute ist der Bau denkmalgeschützt, ein Besuch ist wie ein Ausflug in eine vergangene Zeit, obwohl die Wohnmaschine nach wie vor ungemein aktuell wirkt. Die verbauten Materialien versprühen immer noch ein Gefühl von Science Fiction. Es ist ein ähnliches Gefühl wie das, wenn man die Villa Savoye oder ander Corbusier-Ikonen betritt: Gestaltung und Material wirken up to date oder gar avantgardistisch, weil sich die Massenarchitektur seitdem eher ins Regressive entwickelt hat.

Die Studie zieht als Fazit, dass Gemeinschaftsräume fehlen:

Viele Bewohner_innen wünschen sich mehr Zusammenhalt, gemeinsame Veranstaltungen und mehr Kontakt zu ihren Nachbar_innen … Weder im Corbusierhaus, noch in der unmittelbaren Nachbarschaft gibt es passende Orte, an denen Nachbar_innen in Kontakt kommen könnten.

Man weiß also 2020, dass exakt das fehlt, was Corbusier 1956 vorgesehen hatte – und was gestrichen wurde. Sozialer Wohnungsbau bedeutet demnach nicht nur, dass man sich keine Dachterassen, sondern auch, dass man sich keine Gemeinschaftsräume leisten kann. Eine der vielen Absurditäten deutscher Bürokratie.

Die Wohnungen, viele davon erstrecken sich über zwei Etagen, wovon eine immer über die komplette Breite des Gebäudes verläuft, sind ein Traum. Ihre damit zusammenhängende Erschließung über die innenliegenden Korridore in jedem zweiten Stockwerk – Corbusier nannte sie „Straßen“ – sind vielleicht ein Nachteil. Einer, mit dem Corbusier leben konnte. Heute wirken solche langen und nur künstlich beleuchteten Gänge gespenstisch und werden unter allen Umständen vermieden. So ändern sich die Zeiten. Immerhin wurden dort mittlerweile Stellplätze für Fahrräder eingerichtet. Ich frage mich, was dort vorher stand. Corbusier überließ ja nichts dem Zufall.

Dazu kommt eine gute Akustikdämmung mit 20 Zentimeter starken Betonfertigteilen zu den Nachbarwohnungen, zwölf Zentimeter dicke Ortbetondecken, es gibt 58 Entlüftungsschächte, die zu Ventilatoren auf dem Dache führen, für die innenliegenden Bäder, die Pilotis im Erdgeschoß sorgen für freien Durchgang, dort befindet sich auch das Technikhaus, es gibt ein Blockheizkraftwerk, in jeder Straße Müllschlucker, das Foyer ist mit 130 Quadratmetern großzügig und wirkt hochwertig. Die Wohnungen haben sogar eine „Brötchenklappe“. Offenbar kam damals der Bäcker noch persönlich vorbei.

Bemerkenswert ist schließlich die Corbusiersche Farbgestaltung: Er schuf 43 matte und 20 kräftige Farben. Das Augenmerk auf farbliche Gestaltung erinnert an Bruno Taut und andere, die in den 1920er Jahren bauten.

Le Corbusier als Zeichen einer emanzipierteren Welt, wie sie heute, in der freundlich ummantelten, aber dafür umso totaleren Regression, nicht mehr vorstellbar ist. Freuen wir uns bei einem Ausflug in das Haus über den Geist, der zu spüren ist. Vielleicht ist er fruchtbar noch.

(Fotos: genova 2019)

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o.T. 577

(Fotos: genova  2019)

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Ein Zauberhaus in Brescia

Ein Gebäude im italienischen Brescia.

Es ist einer dieser zahlreichen Kästen in Italien, bei denen man nicht versteht, warum sie dort stehen, wieso sie genau so dort stehen, weshalb sie überhaupt noch stehen, was dort früher einmal stand und wie das alles zusammenpasst. Vermutlich sind das typisch deutsche Gedanken, die man sich sparen kann. Es beseelt, dass die Kästen stehen.

Wir haben das Erd- und gleichzeitige Hauptgeschoß im Renaissance-Stil mit einem mächtigen, von einem Tympanon gekrönten Rundbogenholztor, das nicht symmetrisch in der Fassade sitzt. Die links und rechts unmittelbar anschließenden Risalite verstärken diesen unfertigen Eindruck, zumal der linke Risalit zugleich Eckrisalit ist. Neben dem rechten Risalit befindet sich eine bescheidene Holztür, die in ihren Maßen nicht einmal die Hälfte des Tores erreicht. Darüber zwei Rundbogenfenster. Das Erd- und Hauptgeschoß wird nach oben von zwei Friesen abgeschlossen, die vertikal weit auseinanderliegen und so Platz für eine Reihe von dort angebrachten Steinköpfen liefern. Darüber schließt sich unerwartet eine Art Mezzaningeschoß an, auf das schließlich ein Wohnstockwerk folgt, das aussieht, als sei es von einem Kran durch die Luft geschwenkt und versehentlich dort abgestellt worden.

Nichts passt zusammen.

Die beschriebene Fassadenseite orientiert sich ein wenig an der sich anschließenden Kirche, die wiederum einen Platz betont. Auf der anderen Seite schließt sich ebenfalls ein Platz an, doch der dürfte nicht so wichtig gewesen sein, denn diejenige Fassadenseite ist unverputzt und nur mit willkürlich und später angebrachten Wandöffnungen versehen. Vielleicht war das Gebäude früher größer und die jetzige Abschlusswand nur eine gebäudeinterne tragende Wand.

Es ist wohl ein work in progress, vielleicht über zwei oder drei Jahrhunderte entstanden.

Wie auch immer: Der Kasten steht dort, unvollkommen, in mancher Zeit sicher als hässlich bezeichnet, bedrängt durch unkontrollierten Gestaltungswillen seiner Besitzer. Aber er steht. Man kam auch in den letzten 50 oder 100 Jahren nicht auf die Idee, die unverputzte Seite zu verputzen. Man hätte es machen können. Man konnte es lassen.

Diese unglaubliche Selbstverständlichkeit, mit der in Italien mit solchen Gebäuden auch in intensiven und ökonomische erfolgreichen Regionen wie der Lombardei umgegangen wird, verblüfft immer wieder.

Ein paar Meter weiter ließ Mussolini einen ganzen Altstadtblock abreißen und in seinem Stil neu bebauen. Auch das steht da noch und fügt sich gut ein.

Architektur und Stadtplanung als Chiffre für die Beschaffenheiten von Gesellschaften: Hier würde sich die Beschreibung lohnen.

(Fotos: genova 2018)

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o.T. 576

(Foto: genova 2008)

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Neues von den Mesut Özils der Architektur

Es gibt nichts Nachhaltigeres als die vor 150 Jahren gebauten Gründerzeithäuser, nicht zuletzt deshalb, weil sie immer noch nicht abgerissen und der Kreislaufwirtschaft zugeführt wurden. Das Kreislaufdenken ist reines Profitinteresse der Bauwirtschaft, die gut lebt mit Abriss und Neubau und dem ganzen Rattenschwanz „grüner“ Haustechnik, der daran hängt, mit Normen und Gütesiegeln nobilitiert und vom Bund gefördert wird – und nach zwanzig Jahren schrottreif ist. Die architektonische „Kreislaufwirtschaft“ aus Abriss und Neubau widerspricht nicht nur dem Selbstverständnis des Architekten, sondern auch einer vernünftigen Vorstellung von Nachhaltigkeit.

Schrieb kürzlich der Architekt Hans Kollhoff in der Druckausgabe der FAZ. Damit hat er wohl recht, wobei mir neu ist, dass ausgerechnet Kollhoff sich für Umweltschutz interessiert. Vielleicht nervt ihn auch eher, dass in neuen Häusern – wie überall – mehr Technologie eingesetzt wird und er als alter Mann sich damit nicht anfreunden kann. Den Avantgardearchitekten und Avantgardeingenieur Werner Sobek, der pro Jahr ein Haus baut, um darin den Stand der Technik zu veranschaulichen, wird er mit seiner Litanei wohl nicht überzeugen – ohne Technologie dürfte es keinen Fortschritt geben.

Dennoch: Häuser, die seit 150 Jahren bewohnt werden, sind ökologisch immer sinnvoll. Bau und Abriss sind die größten Energieverschwender und Müllproduzenten, ganz unabhängig davon, wie gering der Energiebedarf im Betrieb ist. Der typische Berliner Altbau hat im laufenden Betrieb leider eine katastrophale Energiebilanz: Wände, die nicht dämmen, Fenster, durch die es zieht, Decken, die so hoch sind, dass man das obere Raumvolumen auf 30 Grad heizen muss, damit unten nicht die Füße abfrieren. Dass es die Altbauten noch gibt, liegt daran, dass sie günstigen Wohnraum boten, als sie von Spekulationskapital noch nicht entdeckt worden waren. Mittlerweile werden sie vom vermeintlich progressiven und rennradfahrenden Bürgertum übernommen, und zwar nicht nur die bel etage. Diese Entwicklung lässt die Unschuld des Altbaus verschwinden. 20 Euro pro Quadratmeter machen diesen Haustyp schuldig. Hier kann es kein richtiges Leben im falschen mehr geben.

Den Altbau ausgerechnet heute zu loben, hat also etwas Schales.

Interessanter ist, wer dieses Jahr den Pritzker-Preis, also den Nobelpreis für Architektur bekommt: Lacaton und Vassal. Das sind die Mesut Özils der Architektur, wie hier bei exportabel vor zwei Jahren berichtet wurde.

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal haben zwei Maximen: Umbau statt Abriss und Partizipation, also Bewohnerbeteiligung. Sie wurden bekannt, weil sie  massive Blöcke des französischen sozialen Wohnungsbaus in Paris und Bordeaux intelligent und mitfühlend umbauten. Sie befragten die Bewohner nach ihren Wünschen, heraus kamen viele Wintergärten, preiswerte Materialien, viel Licht, einfache Ausstattung und vor allem ein Zeichen, wie man missachtete Nachkriegsmassenarchitektur so herrichten kann, dass der Wert von allen verstanden wird, gesamtgesellschaftlich sozusagen. Der einzige Verlierer ist hier das Kapital, weil es den intensiv genutzten Boden in den Städten nicht weiter verwerten durfte.

Umbau statt Abriss: Lacaton und Vassal sehen demolishing gar als act of violence:

„Transformation is the opportunity of doing more and better with what is already existing,“ said Lacaton. „The demolishing is a decision of easiness and short term. It is a waste of many things – a waste of energy, a waste of material, and a waste of history. Moreover, it has a very negative social impact. For us, it is an act of violence.“

Waste of history wäre ein Punkt, den man unter die Lupe nehmen müsste. Den Palast der Republik abzureißen, war ein waste of history, und das Monarchenschloss dorthin zu setzen, ist ein Bekenntnis zur Monarchie.

Der Pritzkerpreis für die beiden ist ein gutes Zeichen: Weg vom Spekulantentum, weg vom Schlossadeptentum, weg vom Rechtsradikalismus der sogenannten Mitte, aber auch weg von der Banalität des gehobenen Bauens heute, wo ein vermeintlicher Minimalismus in Wahrheit nur noch sauteuer ist und zur Distinktion dem Pöbel gegenüber genutzt wird. Lacaton und Vassal machen das, was nur noch selten zu finden ist: menschenwürdiges Bauen. Das bedeutet: preiswert, funktional und ästhetisch. Die Mieten der Wohnungen in Paris und Bordeaux sind niedrig, die genauen Preise finde ich gerade nicht. Poetisches Low-Budget-Bauen nannte das einmal jemand.

Und, wie sollte es anders sein: Menschenwürdiges Bauen schafft gerade eine neue Ästhetik, die sich beispielsweise in ihrem Latapie House bei Bordeaux zeigt:

(Fotos: Philippe Ruault)

Von geschlossen bis ganz offen, hinten wieder ein großer Wintergarten, den Materialien sieht man ihren geringen Preis und ihre Baumarkthaftigkeit an und es ist gut so. Emanzipation von seriellen Billigstandards bedeutete, in die Falle neoliberaler Versprechungen zu tappen. Man vertraut dem Anschein des Nicht-ganz-Perfekten, des Alltäglichen, des tausendfach im Baugewerbe Verwendeten: Stegplatten, Paneele aus gewelltem Polycarbonat, Sperrholz, aufputzgeführte Leitungen. Es ist vielleicht Brutalismus im eigentlichen Sinn. Und: Die Häuser sind von den Bewohnern jederzeit weiterbaubar, veredelbar, wenn ihnen der Sinn danach steht.

Es ist einerseits kein Bemühen spürbar, via Material besser zu sein als der Nachbar. Andererseits vermittelt diese Ästhetik auch nicht den Eindruck, gewollt loserhaft aufzutreten, als befinde man sich in einem pseudo-abgewrackten Club in Friedrichshain, der durch exakt diese Pseudoabgewracktheit den Grundstückswert und somit das Ausbeutungslevel des ganzen Kiezes nach oben treibt. Das Lacaton-Vassal-Haus hat all das nicht nötig. Dazu kommt der alte und stehengebliebene Zaun auf der Straßenseite. Es ist diese seit einigen Jahren anzutreffende Ästhetik, die aus ernsthaft preiswertem Bauen resultiert und die man vielleicht als sedimentierten Geist authentischer Bemühungen einer besseren Welt der letzten ein oder zwei Jahrzehnte bezeichnen kann. Die Bauten von Lacaton und Vassal sind zwangsläufig poetisch, weil das wahrhaft architektonische – und das ist eben auch immer ein soziales – Denken zur Poesie führt. Form and function follow social thinking.

Man bemerkt hier auch die Lächerlichkeit der meisten Neubauten in Berlin.

Gerhard Matzig schreibt in der Süddeutschen Zeitung fast schon pathetisch:

So wie es eine Theologie der Befreiung gibt (oder gab), gibt es auch eine Architektur der Befreiung. Das Büro Lacaton & Vassal ist ein Vertreter solchen Denkens, das sich weder in einem erratischen Design-Futurismus – noch in rekonstruktionsverliebter Nostalgie erschöpft. Dass Planung etwas mit Ethos zu tun hat und von sozialer und politischer Bedeutung ist: Man hatte das fast vergessen.

Ob Matzig das so meint, weiß ich nicht, aber: Befreiung muss hier ökonomisch verstanden werden. Die neoliberale Falle: Es ist vielleicht ein zentraler Begriff, den man nun entwickeln könnte. Der Neoliberalismus saugt alles auf und transformiert es in mehrwerterzeugende Verhältnisse. Einzig die reale ökonomische Entsagung bietet einen Ausweg. Das rennradfahrende Bürgertum hängt schon längst am Tropf. Lacaton und Vassal wären optimale Kandidaten zur totalen Verwertung. Hoffen wir darauf, dass sie widerstehen.

Und schließlich: Lacaton und Vassal, beide um die 65 Jahre alt, haben ungemein sympathische Gesichter und Körperhaltungen:

(Foto: Laurent Chalet)

Nun werden die beiden den Lauf der Welt nicht ändern. Ein paar Häuser in Paris und Bordeaux aus der Spekulation herauzunehmen, das lässt sich das Kapital gefallen.

Dennoch: Gratulation.

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o.T. 575

(Foto: genova 2020)

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Links und rechts

In keinem westlichen Land hat sich die Steuerpolitik so radikal verändert wie in den USA. Nach Roosevelts New Deal wurden Reiche massiv zur Kasse gebeten. 1942 verkündete Roosevelt, dass kein US-Bürger mehr als 25.000 Dollar im Jahr (was heute 1 Million Dollar entsprechen würde) verdienen sollte. Das wäre heute noch nicht mal in der Linkspartei konsensfähig. Die Vermögensteuer lag in den USA von den 1930ern bis in die frühen 80er Jahre bei 70 Prozent.

schrieb kürzlich Stefan Reinecke in der taz.

Nicht einmal in der Linkspartei konsensfähig. So ist es und man bekommt eine Antwort auf die Frage, wohin sich die Gesellschaft seitdem entwickelte. Nach rechts. Ins Sozialdarwinistische. Ins Neoliberale. Ökonomisch betrachtet gibt es daran keinen Zweifel. Nicht nur in Amerika.

Andererseits gab es einen Linksruck auf kulturellem Sektor. Emanzipation der Frau, Minderheitenrechte, was Homosexuelle angeht, die Anerkennung der Subjekthaftigkeit von Nicht-Biodeutschen, wenn man das so umständlich ausdrücken mag, die Aufmerksamkeit für BLM: Es sind Meilensteine. Hätte einem in den 1980er Jahren jemand erzählt, dass demnächst Schwule Kinder adoptieren dürfen: Es wäre ein Ausblick in eine andere Welt gewesen.

Wir haben hier also die Antwort auf den vermeintlichen Linksruck der Gesellschaft: kulturell ja, ökonomisch nein. Dass Merkel so beliebt ist, liegt genau daran: kulturell löste sie Verkrustungen. Und verschleiert in einer infantilisierten Öffentlichkeit ihre Wirtschaftspolitik.

Vielleicht müsste man hierauf ein stärkeres Augenmerk legen. Das Kapital schöpft aus dem kulturellen Linksruck Kapital und stärkt seine Position. Die Frau am Herd ist kapitalistisch kaum verwertbar. Man kann ihr höchstens ein teures Waschmittel andrehen.

Eine ökonomisch nach rechts, ins Neoliberale und Sozialdarwinistische driftende Gesellschaft wird – so meine Vermutung – langfristig niemals kulturell links bleiben. Der Gesamtschwenk nach rechts ist angelegt. Die Wahlergebnisse rechtsradikaler Parteien in Europa und bei Trump und Bolsonaro und sonstwo zeigen das.

Es ist quasi der Versuch, kulturell das ökonomische Primat zu überwinden, was nur zeitlich begrenzt, als Fata Morgana existieren kann.

(Foto: genova 2019)

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