Psychologen zum Thema Scheißland gesucht

Das Bildchen hier zeigt das Verhältnis von Einkommen zu ausgezahlter Rente:

bruttoersatzrateDer stolze Exportweltmeister diskutiert ja gerade intensiv darüber, ob das Rentenniveau von aktuell 53Prozent auf 46 oder 45 oder 44 Prozent fallen soll. Oder kann man fürs Kapital noch mehr rauspressen?

Der Journalist Tomasz Konicz schrieb vor einer Weile auf telepolis:

Dieser Sadomasochismus verweist somit auf einen neuen Untertanengeist, der nicht auf eine Führerfigur, sondern auf den Wirtschaftsstandort Deutschland ausgerichtet ist.

Das Grundprinzip dieses deutschen Untertanengeistes ist dabei gleich geblieben: Nach oben buckeln, nach unten treten. Man ackert für die Deutschland AG bis zum Burnout, dafür kann man auf sadistische Triebabfuhr hoffen – etwa bei den ungeheuer populären Demütigungsshows…

Unser Führer heißt heute Kapital, klingt auch besser als Hitler. Der Name ist verbrannt. Aber ohne schaffen wir es nicht, naturgemäß. Was würde in Deutschland ohne einen Führer passieren? Wenn es keinen gäbe, der uns drangsalieren würde? Ist der gemeine Deutsche ohne Drangsalierung überhaupt vorstellbar? Und ist es möglich, vernunftbegabter Deutscher und nicht zugleich Antideutscher zu sein?

Was passiert mit einem sadomasochistischen Völkchen, das niemanden mehr zum buckeln und treten hat?

Psychologen bitte melden.

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Warum ich kürzlich einen Schock erlitt

Kürzlich erlitt ich einen Schock. Ich erlitt ihn, weil ich mir völlig unvorbereitet Folgendes vergegenwärtigte:

Andreas Geisel ist der Nachfolger von Martin Wagner.

Der Reihe nach:

Die GEHAG war von 1924 an eine gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft in Berlin. Sie baute in den 1920er Jahren unter anderem die wegweisenden Siedlungen, die Bruno Taut konzipierte und die mittlerweile zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Es ging aber eigentlich nur bezahlbare Wohnungen und im Angesicht feuchter und überbelegter Altbauten auch um bessere Wohnbedingungen. Der Berliner Stadtbaurat hieß damals (von 1926 bis 1933) Martin Wagner. Er war Sozialdemokrat und leistete Bahnbrechendes. (Wobei die Wohnungen nicht wirklich billig wurden, aber sehr viel bessere Lebensbedingungen boten. Doch das ist ein anderes Thema.)

Er reformierte das bis dato vor allem privatkapitalistische Bauen mit der Hauszinssteuer, die Hauseigentümer entrichten mussten. Er förderte das serielle Bauen, wodurch die Baukosten sanken und setzte „soziale Baubetriebe mit Profitbeschränkung“, wie das nannte, durch. Wagner hatte damals eine ungeheure Wirkung und zeigte, was Politik, was ein Wirken im gesamtgesellschaftlichen Sinn vermag.

Ähnliche Entwicklungen gab es damals in vielen Städten. Frankfurt mit May ist bekannt, und natürlich Wien. Wien ist meines Wissens die einzige Stadt, die diese Linie bis heute durchzieht.

Die GEHAG in Berlin machte keinen Profit, zumindest keinen, der nicht reinvestiert worden wäre. Heute kaum noch vorstellbar: Man baute Wohnungen, damit jemand darin wohnen kann. Sonst nichts.

Die GEHAG baute bis 1998 weiter und wurde dann zum größten Teil privatisiert. Sie ist heute Teil der Deutsche Wohnen AG, einem börsennotierten, wie man sagt, Unternehmen, deren einziges Ziel es ist, möglichst viel Gewinn zu machen. Es zahlen die Mieter.

Die Berliner Zeitung berichtete vor ein paar Jahren, wie das privatisierte Wohnungsunternehmen agiert. Es ist ein Lehrstück legaler Korruption im Kapitalismus:

Nach der Privatisierung der Wohnungsbaugesellschaft Gehag in den Jahren 1998 und 2001 sind die Mieten in den 27 412 Wohnungen drastisch gestiegen…

Die Gehag sieht in den Mietsteigerungen erwartungsgemäß kein Problem. „Wir sind ein Unternehmen, das darauf ausgerichtet ist, Gewinne zu erzielen“, sagte Gehag-Sprecher Bernhard Elias …  Auch künftig sei mit schrittweisen Erhöhungen zu rechnen, sagte Elias …

Der damalige Bausenator Jürgen Klemann (CDU) lobte den Vertrag wegen der Absicherung der Gehag-Mitarbeiter und des verankerten Mieterschutzes als „erstklassiges Ergebnis“. Später wechselte Klemann für mehrere Jahre auf einen Geschäftsführerposten bei der Gehag.

Etwas allgemeiner:

Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut stellte gerade eine Studie zum Thema Wohnungsmieten in Deutschland vor. Ein Ergebnis:

In Berlin stiegen die Nettokaltmieten im Betrachtungszeitraum 2004 bis 2014 mit 57 % bei mittlerem Wohnwert und 67 % bei gutem Wohnwert.

Wie die Politik im Allgemeinen und die Sozialdemokratie im Besonderen darauf reagiert, steht in der taz:

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat süffisant festgestellt, dass die Mieten zusätzlich stiegen, als die Mietpreisbremse angekündigt wurde und danach keinerlei Effekt zeigte – weil sich ohnehin niemand daran hält.

So geht soziale Politik heute. Man könnte das freundlich als Unfähigkeit bezeichnen. Vorsichtshalber hat der Berliner Senat schon vor gut 15 Jahren jeden nichtprofitorientierten Wohnungsbau eingestellt. Bürgermeister Wowereit freute sich öffentlich über steigende Mieten. Für ihn gehörte das wohl zu einer „Metropole“ und „Weltstadt“.

Andreas Geisel nun, um endlich zum Schockauslöser zu kommen,  hat derzeit den Posten von Martin Wagner inne. Seine Amtsauffassung ist die von Wagner entgegengesetzt: dem Kapital in Berlin den Weg ebnen, ist seine Aufgabe. Er freut sich über das absurde neue Stadtviertel rund um den Berliner Hauptbahnhof mit 99 Prozent Spekulationswohnungen genauso wie über ein Wohnhochhaus am Alexanderplatz mit Quadratmeterpreisen im Bereich jenseits der 10.000 Euro. Ein waschechter Sozialdemokrat des 21. Jahrhunderts also. Aktuell ist ‚Geisel im Gespräch, weil er in Berlin ein geplantes Gebäude von der Pflicht zur Wohnungserrichtung befreit hat. Man spricht von „Rechtsbeugung“, was übersetzt wohl Korruption heißt. Die PR für dieses geplante Gebäude macht Peter Strieder, der früher den Posten von Wagner und Geisel innehatte und wegen, sagen wir: Unregelmäßigkeiten seinen Hut nehmen musste.

Dass Geisel ein sozialdemokratisches Parteibuch hat, zeigt in einem repräsentativen Auschnitt den völligen, den totalen, den allum- und kaum noch in Worte zu fassenden Niedergang dieser Partei.

Fairerweise füge ich hinzu, dass die Privatisierung der GEHAG noch zu Zeiten des CDU-lers Eberhard Diepgen privatisiert wurde. Die SPD war damals nur Juniorpartner in der Koalition.

Investoren freut die Privatisierung der GEHAG. Die FAZ berichtete kürzlich, dass die Aktie der Deutsche Wohnen seit März dieses Jahres um mehr als 30 Prozent zugelegt hat.

Wie die Nord LB in einer aktuellen Studie schreibt, spiegeln die Kurssteigerungen der Immobilienaktien ein günstiges Immobilienumfeld und den Anlagenotstand der Investoren wider. Die Werte profitierten von der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken und böten vergleichsweise attraktive Dividendenrenditen. Die Wertpapierfachleute verweisen auf die weiterhin günstigen Refinanzierungsmöglichkeiten der Branchenunternehmen ebenso wie auf die anhaltende Nachfrage nach Wohnraum vor allem in den großen Metropolregionen. Diese dürfte für weiter steigende Preise und Mieten bei niedrigeren Leerständen sorgen.

„Anlagenotstand“ ist ein lustiges Wort. Man hat nicht etwa einen Notstand, weil man kein Geld hat oder keine Frau, sondern weil man nicht weiß, wie man aus viel Geld noch mehr machen kann. Alles eine Frage der Definition. Die Notständler finden Linderung in Aktien von Wohnungsunternehmen, die ja nur ihre Mieter ausbeuten müssen. Die wiederum haben dann vielleicht einen finanziellen Notstand, aber das ist nicht so wichtig.

So geht das. Es ist kapitalistisches Schmarotzertum, es ist kapitalistische Ausbeutung in Reinkultur. Die Gewinne der Deutsche Wohnen und die Dividenden der Aktionäre zahlt, wie gesagt, exakt eine Gruppe: die der Mieter, sonst niemand. Der GEHAG-Sprecher ist immerhin ehrlich, das spricht für ihn.

Vielleicht versteht man nun, warum ich kürzlich einen Schock erlitt. Das Wirken von Martin Wagner und das von Andreas Geisel könnte gegensätzlicher nicht sein. Es zeigt, wie alternativlos der Neoliberalismus im Sattel sitzt. Dass ein Sozialdemokrat anderes machen könnte, als kapitalistische Verwertungsverhältnisse zu befördern, ist kaum noch vorstellbar.

Theoretisch vom Niedergang der SPD zu reden, is das eine. Das andere ist so eine ganz konkrete Anschauung.

Die herrschende Politik bekämpft die Bevölkerung. Politikwissenschaftlich sind das wahrscheinlich günstige Verhältnisse für eine Revolution. Da aber der Berliner Bürgermeister Müller kürzlich vom Volk einen „Regierungsauftrag“ bekommen hat, wie er sagte, fällt die nochmal aus.

img_3575(Fotos: Knut C. und genova 2016)

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Realismus: mein erstes Werk

Seit einer Weile widme ich mich der Realistischen Malerei. Ich möchte damit auf die Missstände in dieser Welt aufmerksam machen.

Hier mein erstes Werk:

850 Euro plus Mwst.

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„I couldn´t be impressed anymore“

„When I was, maybe sixteen years old I worked on the stucco business. In the morning we had to do a quarter of a full-size ceiling in Louis Quatorze, in the afternoon one in the Renaissance. We went through all these periods, chestnut ornaments and so on. I got so much of it that I couldn´t be impressed anymore with these things.“ (zit. n. A. Gerber, Metageschichte der Architektur)

Sagte Mies van der Rohe, der architektonische Modernist par excellence. Morgens Louis IX., nachmittags Renaissance. Abends irgendwas gemischt. Es war offenbar ein reines Dranklatschen von Stilen an fertige Fassaden, was Herr van der Rohe da erlebte. Das gibt vielleicht eine ganz gute Erklärung für die radikale Erneuerung der Architektur ab etwa 1920. Zwar gab es eine kurze Phase von vielleicht zehn Jahren zuvor, in der man sich via Reformarchitektur und Jugendstil schon deutlich vom Historismus abgesetzt hatte, was für die damaligen Zeitgenossen wohl sehr sichtbar war, für uns aber kaum noch ist. Doch man wollte mehr. Die vierzig oder fünfzig Jahre zuvor herrschte ein immer wilder werdender Stilmix, bis man möglichst alle verfügbaren Stile in einem Haus kulminierte. Das Ende war erreicht, ohne eine stilistische Neuerung hätte es keine neuen Häuser mehr gegeben. So wie vielleicht der Free Jazz das Ende einer Entwicklung markierte – ohne die beiden Entwicklungen qualitativ auf eine Stufe zu stellen.

Die späthistoristische Phase lief parallel zur ersten Phase des neugegründeten Deutschen Reiches. Während des Gründerkrachs ab 1873 lief die späthistoristische Architektur zur Höchstform auf und heiß. Die Gründerzeitviertel sind heute zwar hochbeliebt, aber ein genauerer Blick offenbart Unangnehmes: Der Stuck wurde nur an die Schauseite geklatscht, die Hinterhöfe waren nackt und dunkel und eng. Vorne wohnten ein paar Bürgerliche, die Masse wohnte hinten. Es war reiner Fassadismus. Die Villenviertel in Berlin offenbaren in ihrem viel massiveren Historismus eigentlich auch nur Geschmacklosigkeiten. Hier noch ein Erker, da noch ein Giebelchen: Sie ähneln einem verspoilerten Opel Rekord.

Ich weiß gar nicht, ob diese parallele Entwicklung schon einmal analysiert wurde: Späthistorismus und die frühe Phase des Deutschen Reiches mit seinem massiven ökonomischen und politischen Aufstieg inklusive Imperialismus. Es gab architektonisch offenbar einen ungemein massiven Selbstdarstellungsdrang mit starkem Bezug auf irgendeine gute alte Zeit, die man in der Romanik, der Gotik, des urdeutschen Fachwerkhauses oder sonstwo orten konnte.

Es ist kein Zufall, dass man sich ab 1920, in der Demokratie, erstmals ernsthafte Gedanken über Massenwohnungsbau machte, der die Bewohner ernst nahm. Was vorher ein vereinzeltes Anliegen paternalistischer Unternehmer wie Jean-Baptiste Godin oder Robert Owen war, wurde nun in großem Umfang umgesetzt. Dass das auch in Bauwirtschaftsfunktionalismus mündete, ist ein anderes Thema.

Mies als jemand, der die eigene Entwicklung früh kritisch reflektierte und so zu Großem fand. Er befasste sich als Sohn eines Steinmetz´früh mit Material, mit Handhabung, mit Haptik, mit dem Zeichnen. Er baute vor 1914 auch Reformarchitektursachen, die wir ihm heute nicht zuordnen würden. Er hat sich dann radikal entwickelt. Betrachtet man die Neue Nationalgalerie in Berlin, denkt man an Miles Davis, was die Spreizung des Werkes angeht.

Wir sollten Mies van der Rohe dankbar sein, dass er sich von den deprimierenden Erfahrungen seiner Sozialisation absetzen konnte. Hätte er das nicht geschafft, würden heute überall Hochhäuser mit Stuck dran herumstehen. Nicht auszudenken.

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Vom Autofahren

Autofahren hat keine Zukunft. Es schafft sich demnächst ab. Autofahren – zumindest in Deutschland – ist nurmehr pseudo-aktives Teilnehmen an der verwalteten Welt. Da ich mittlerweile eher selten selbst fahre, fällt es mir, wenn ich es denn mal tue, immer wieder massiv auf.

Es geht schon damit los, dass moderne Autos kaum noch so etwas wie Dynamik vermitteln. Man muss mindestens 200 auf dem Tacho haben, um das Gefühl von Geschwindigkeit zu bekommen. Moderne Autos fahren fast von selbst geradeaus, der Motor ist kaum zu hören, ein Lenkgefühl ist nicht vorhanden und die Bremsen verzögern zuverlässig. Man ist froh, wenn jemand zu knapp vor einem auf die linke Spur wechselt, dann darf man mal ordentlich in die Eisen steigen, wie man sagt, und spürt das, worum es beim Autofahren doch eigentlich geht: eben um die Dynamik. Und egal, wie unverantwortlich schnell man eine Kurve angeht: das Auto folgt der Straße. Bevor das Heck auch nur im Ansatz wegbrechen könnte, tut etwas lautlos seinen Dienst, was man Fahrassistent nennt.

Schlimmer noch: Man ist als Fahrer im Zustand eines dauergegängelten Kleinkindes. Schnallt man sich nicht an, ertönt ein Mahnsignal. Fährt man zu dicht an ein anderes Auto dran, passiert das gleiche. Fällt die Temperatur unter irgendein Grad, ebenfalls. Fährt man rückwärts, geht das Radio aus. Wird die Scheibe nass, legt der Scheibenwischer von Geisterhand los. Schaltet man nicht bei 50 in den 6. Gang, leuchtet ein grelles Licht auf. Das Auto entscheidet auch, ob die Türen verriegelt werden, nicht der Mensch. Mich wundert nur, dass kein Mahnsignal ertönt, wenn man eine Hand vom Lenkrad nimmt. Kommt bestimmt noch.

Moderne Autos sind schlimmer als Gouvernanten aus Adelsfamilien des 19. Jahrhunderts.

Diese unselige Entwicklung wird von einer anderen begleitet: Der Straßenverkehr wird immer regulierter. Alle naselang steht da 70 oder 80 oder 60 oder Überholverbot außer Traktor. Man muss ständig auf den Tacho schauen, denn gefühlsmäßig würde man viel schneller fahren. Täte man das, wäre man am Ende des Tages vermutlich den Führerschein los. Zumindest der Osten unseres Vaterlandes ist gepflastert mit Radarfallen. Ortsunkundigen bleibt nichts anderes übrig, als extrem angpasst zu fahren. Das kann man nicht ernsthaft kritisieren, aber dann ist Autofahren für den Arsch. Man ist also vollkonzentriert, aber nicht etwa wegen der Straßenführung, sondern, weil man ja immer zu schnell fährt und deshalb einzig und alleine wegen der Tempolimits und der Radarfallen. Vielleicht sollte man cooler sein und alles bezahlen und nach 15 Punkten einfach den Führerschein abgeben.

In Deutschland besonders pikant: Bleibt man unter der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, weil man sich durch die Seitenscheibe Landschaft oder Architektur anschauen möchte, gilt man gleich als Verkehrshindernis. Man fährt also permanent in einer mehr oder weniger dichten Autokolonne, alle mit derselben Geschwindigkeit, immer durch die ewig gleich gezirkelten Kurven, immer in den ewig gleichen Abbiegespuren, Verkehrsinseln, Ampelschaltungen, Ordnungssystemen.

Ein paar Dynamikaffizierte überholen auf Landstraßen gewagt – es ist das einzig richtige Verhalten, will man Dynamik spüren und dem Tod ins Auge schauen. Und machen wir uns nichts vor: Genau dafür wurde das Autofahren einmal erfunden.

In jedem Zugabteil habe ich mehr Freiheit als auf ostdeutschen Bundesstraßen.

Autofahren lohnt nur noch einerseits auf drittklassigen Landstraßen. Dort gibt es keine Schilder und keine Radarfallen. Man fährt auf Sicht, macht also das, was natürlich und in Drittweltländern gang und gebe ist. Ein paar Tage ohne Fahrassistenz unter solchen Umständen fahren, ist unglaublich entspannend. Man sieht den Straßenzustand und Kurven und schätzt selbst das mögliche Tempo ein. Man sieht am Wegesrand Interessantes und reduziert die Geschwindigkeit. Man bekommt Lust am Beschleunigen und beschleunigt. Man rechnet bei den anderen Autos mit allem, das macht die Sache interessant. Man interessiert sich nicht für den Tacho, sondern nur für die gefühlte Geschwindigkeit und den Straßenzustand. Konsequenterweise sitzt bei Porsche immer noch der Drehzahlmesser in der Mitte des Armaturenbretts, nicht der Tacho. Es geht um den optimalen Drehzahlanschluss, nicht um absolute Geschwindigkeit. Die ist nur relativ zur nächsten Kurve von Interesse. Allerdings sind die beschriebenen deutschen Zustände mit einem Porsche wohl noch unterträglicher.

Die drittklassige Landstraße: Man kann cruisen oder rasen – Es ist die eigene Entscheidung.

Andererseits lohnt das Autofahren noch auf unlimitierten, wenig befahrenen Autobahnabschnitten. Da wäre ein Porsche dann doch ganz praktisch.

In extremem Kontrast dazu steht die Autowerbung. Sie suggeriert ja immer noch das Erlebnis von Freiheit, der vierradgetriebene SUV, mit dem man auf Straßen fahren kann, auf denen man nicht fahren darf. Es ist traurig zu sehen, wie viele SUV und 400PS-Autos mittlerweile in Innenstädten unterwegs sind: wilde Tiere im Käfig. Als Ersatz für fehlenden Auslauf gibt es Software, die die Motorakustik der frühen Automobilzeit simuliert, beispielsweise Fehlzündungen bei Gaswegnahme. Es spotzt, wie man sagt. Die modernen Motoren spotzen schon lange nicht mehr, sie funktionieren perfekt. Man simuliert die technische Unausgereiftheit akustisch, das hat vermutlich auch etwas mit Freiheit zu tun. Dieses simulierte Spotzen ist wie eine neu gekaufte Jeans mit Löchern drin.

Die Leute kaufen perfekte Autos und zahlen ein paar tausend Euro für Software, die ihnen das Gefühl fehlender Perfektion und ein An-die-technische-Grenze-kommen vermittelt. Eine Grenze, die real kaum noch überschritten werden kann. Wie gesagt, wegen der Assistenten.

Ein wochenendlicher Ausweg ist die Rennstrecke – Nürburgring und ähnliches – wo man gegen ein geringes Entgelt mit dem eigenen Privatwagen seine Runden drehen kann. Das ist gefährlich und viele brave Familienväter schrotten dort ihre Opels und VWs. Es macht sicher Spaß.

Navis, wie man sagt, sind auch Teil dieser Entwertung. Man könnte eigentlich auf Sicht fahren und sich seinen Weg via Landkarten suchen oder Passanten fragen. Stattdessen lässt man sich völlig blind von einer Software leiten, die über die allsehenden Augen von Satelliten gesteuert wird. Es gibt keinen Raum mehr, keine Orientierung, nur eine Frauenstimme. Die Fahrt ins Blaue – Autofahren in Reinkultur: man fährt spontan dort entlang, wo es einem gefällt – ist heute eine Absurdität.

Autos sind jenseits des banalen Transports sperriger Gegenstände und des Cruisens auf drittklassigen Landstraßen nur noch etwas für Prolls, Spießer und Abschotter. Um das zu kaschieren, werden sie theoretisch immer überlegener. Man könnte schnell fahren, wenn man dürfte und Platz hätte. Die Autoindustrie züchtet immer weiter und immer verzweifelter eine Gefolgschaft heran, die ihren Mehrwert via optischer Protzerei, Wagenburgmentalität und V8-Biturbos mit 20 Litern Verbrauch bekommt. Der echteste Mann ist zugleich der lächerlichste.

Wir Postmaterialisten haben gut reden, weil wir es uns erlauben können, uns nicht übers Auto zu definieren. In den 70ern war man noch dankbar, wenn man im Käfer bei 120 auf der Spur blieb und eine Alpenüberquerung ohne kochenden Motor schaffte. Verglichen mit heutigen Standards waren Manta und Scirocco Harakiri-Formate. Da hatte der automobile Materialismus seinen effektiven Reiz. Heute ist alles Fahrassistent und Software und Hartplastik. Die nachwachsenden Materialisten müssen sich mit der verwalteten Welt und den vielen Radfahrern herumschlagen.

Eigentlich begann diese Entwicklung mit der Einführung der Kopfstützen und der Anschnallpflicht. Der wohnzimmerähnliche Innenraum mit Räkelmöglichkeit und Kommunikationsangebot in den Fond verschwand, das Statische wurde Alltag.

Oder noch konkreter: Autofahren ist in dem Moment gestorben, als man eine Straßenverkehrsordnung einführte. Autofahren ist das Gegenteil von Straßenverkehrsordnung. Tempoanordnungen, Strafen und Kontrollen sind naturgemäß der Feind des Autos. Wenn schon Auto, dann individuell. Es bräuchte dazu natürlich den aufgeklärten Menschen, der in der Lage ist, verantwortlich mit 400 PS umzugehen. In einer Konkurrenz- und Obrigkeitsgesellschaft ist das nicht zu machen. Autofahren ist wohl eher etwas für eine aufgeklärt-anarchische Gesellschaft. Also naturgemäß in Deutschland nicht zu verwirklichen.

Die Entwicklung zu mehr Sicherheit ist ja nicht ernsthaft, also jenseits der privatimen Mäkelei, zu kritisieren. Aber es ist eben eine Neudefinition von Auto. Und Auto war noch nie nur die Fahrt von A nach B. Generationen wurden angefixt.

Das autonome Fahren ist so gesehen der Ausweg aus dieser Sackgasse. Man lässt die Technik machen. Eigentlich macht die Technik eh schon alles. Vermutlich kann man nicht mal mehr mit voller Absicht und 180 km/h an einen Baum fahren. Ein Fahrassistent verhindert das. Es ertönt dann ein Mahnsignal.

Die Fähigkeit des Menschen, technische Zustände zu verbessern, zu optimieren, tötet das Anliegen. Wir brauchen Ersatz.

060(Foto: genova 2013)

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Wo es hingeht

„Berlin ist der einzige Ort der Welt, wo alle Straßen aus der Stadt nach Osten führen.“

Sagte kürzlich jemand im Radio. Wohl wahr.

(Foto: genova 2015)

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It´s a weasel world

Der Neoliberale Friedrich August von Hayek im Jahr 1979:

„Wir verdanken den Amerikanern eine große Bereicherung unserer Sprache durch den bezeichnenden Ausdruck ´weasel-word`. So wie das kleine Raubtier, das auch wir Wiesel nennen, angeblich aus einem Ei allen Inhalt heraussaugen kann, ohne dass man diese nachher der leeren Schale anmerkt, so sind die Wiesel-Wörter jene, die, wenn man sie einem Wort hinzufügt, dieses Wort jedes Inhalts und jeder Bedeutung berauben. Ich glaube, das Wiesel-Wort par excellence ist das Wort ´sozial`. Was es eigentlich heißt, weiß niemand. Wahr ist nur, dass eine soziale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein Gewissen … ist.“

Da für Hayek das Wort „sozial“ vermutlich nicht existierte oder wenn, dann nur als survival of the fittest (Sozial ist, wenn der Stärkere überlebt): An seiner Wiesel-Beobachtung ist etwas dran. Es fällt einem spontan die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ ein. Die INSM ist durch und durch das Gegenteil von sozial, beharrt aber darauf, den Begriff schon im Namen zu behalten – als Wiesel-Wort.

Wir leben in einer bunten Wiese voll mit Wiesel-Wörtern. Ob wir Sozialsysteme entrümpeln wollen, den Staat verschlanken, ob wir Exportweltmeister sind und diesen „Titel“ vielleicht einmal an China verlieren und ihn dann zurückerobern müssen, ob der Staat uns bevormundet, wo wir doch frei sein wollen, ob wir Leistungsträger drangsalieren, ob es die Vollkasko-Mentalität zu kritisieren gilt, ob wir in einem Reformstau stecken oder als freie Bürger freie Fahrt haben.

Die Schale ist in Ordnung, der Inhalt ist weg. Und dann kann man mit diesem Ei machen, was man will.

Vielleicht ist diese Wieselei das Grundübel unserer Zeit. Unsere Sprache ist PR-geprägt, vermutlich bis ins Private hinein. Sprache formt Bewusstsein. Politiker sind bei dieser Bewusstseinsmanipulation vorne dabei. Das fällt einem immer dann auf, wenn man einen älteren Text liest. Man bemühte sich, so zumindest mein Eindruck, um präzise Sprache, nicht um umfassendes Verschleiern.

Vielleicht hat es deshalb für viele etwas Befreiendes, wenn Frauke Petry „völkisch“ wieder ins Gespräch bringen will: Es ist immerhin kein politisch korrekter PR-Begriff, er lässt ein wenig die Sau raus. Das spricht für ihn.

Das nur mal nebenbei.

(Foto: genova 2016)

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