Was noch? VII

1. Der Torwart Oliver Kahn beteiligte sich vor langer Zeit einmal an einer Benefizveranstaltung. Jeder Ball, den er durchlässt, sollte mit 500 DM für den guten Zweck belohnt werden. Dumm nur: Kahns Ehrgeiz ging schon damals mit ihm durch. Er legte sich mächtig ins Zeug und parierte alle Schüsse. Der gute Zweck ging leer aus. Da ist einer so extrem ehrgeizig, dass er aus der Zwangsjacke nicht rauskommt, auch wenn man ihm vorher erklärt, dass es gerade nicht um die Champions-League geht, sondern um entgegengesetztes Engagement: So tun als ob und alle freuen sich. Nicht mit Herrn Kahn. Er kann vermutlich nicht anders.

2. Aus der aktuellen Print-Zeit purzeln zwei Beilagen. Die eine ist vom Zeit-Verlag und fordert die Leser auf, “jetzt Wissensvorsprung für zuhause sichern!”. Man soll Zeit Wissen kaufen. Es geht nicht um Lesen und nicht um Wissen, sondern um einen Wissensvorsprung. Vor wem? Vorm Nachbarn? Vorm Konkurrenten im Büro? Vor der eigenen Frau? Oder allgemein vor allen, damit alle einem selbst weniger gefährlich sind? Muss man sich den Vorsprung zuhause nach Feierabend aneignen? Wissen als neoliberales Projekt, entäußerlicht, nur als Instrument, das dem Zweck dient, sich in der Konkurrenz zu behaupten. Die andere Beilage kommt von einem Versandhaus: “Wir sind der Nachhaltigkeit verpflichtet.” Dann wird noch etwas von Produktphilosophie und Qualität und Überzeugung erzählt.

Zwei Beilagen, die man gleichzeitig wahrnimmt. Die erste ist ehrlicher. Denn, seien wir ehrlich: Der Begriff der Nachhaltigkeit ist in einem kapitalistischen System a priori Propaganda. Nichts wäre tödlicher als das. Insofern: Seien wir der Zeit-Redaktion dankbar. Wobei vermutlich die ganz große Mehrheit ihrer Leser all das hier Geschriebene nicht kapiert.

3. Ich kriege hin und wieder sogenannte Hassmails. Mails von unangenehmen Leuten, die sich kurz auskotzen. Das ist nicht weiter erwähnenswert, aber wenn ich die unten abgebildete Mail bekomme, und zwar offenbar von dem Chefreporter der Bildzeitung, Hannes Ravic, dann frage ich mich schon, ob dieser Typ sich so wenig beherrschen kann, dass er sich nicht wenigstens mit einer anonymen Mailadresse abreagiert. Andererseits: Wer solch einen Beruf hat, braucht ein Ventil. Um zu überleben.

Unbenannt-1 KopieWäre ich so klagebegeistert wie viele meiner Landsleute, hätte der Mann nun eine Anzeige wegen Beleidigung am Hals. Das lohnt doch nicht.

Oder könnte diese icloud-Adresse ein fake sein?

P.S.: Der Mailaccount von Ravic wurde offenbar gehackt. Dann erübrigt sich Punkt drei. Danke an Kadekmedien für den Hinweis!

Die schöne Querulantin

Eine ganz hervorragende Aktion einer Femen-Aktivistin bei einer Pressekonferenz von EZB-Chef Mario Draghi. Die Bilder, die dabei entstanden sind, erzeugen vermutlich bei allen PR-Arbeitern große Bewunderung. Da gibt das Kapital Million um Million aus, um seinen Produkten Authentizität zu vermitteln, sei es mit gebrauchten Chucks, mit credibler Streetwear, wie man sagt, oder mit Berlin-Style. Klappt aber alles nicht so richtig. Wer trinkt schon das Pups-Bier Berliner Pilsener, weil er die Stadt geil findet? Eben. Und dann kommt eine Frau, springt auf den Tisch und Draghi inklusive Kollegen steht die Angst ins Gesicht geschrieben, wie man sagt. Die Angst davor, dass er nicht weiß, wie es weitergeht. Der Mann, der Billionen bewegt, hat Angst vor den nächsten Sekunden, die er nicht kontrollieren kann.

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Die großen, angsterfüllten Augen, die die Grundmüdigkeit und den Überdruss nicht einmal in dieser Gefahrensituation verbergen können. Wobei er keinen unsympathischen Eindruck macht. Aber das machen Menschen, denen die Angst ins Gesicht geschrieben steht, wohl nie. Unverständlich, dass er sein Jackett vorm Hinsetzen nicht aufgeknöpft hat. Sowas lernt man doch in seinen Kreisen. Schröder wäre das nie und nimmer passiert.

Dazu natürlich das Bild der übermächtigen Frau: Nicht nur eine Feministin, sondern auch noch in der Lage, einem mächtigen Mann zuzusetzen. Sie weit oben, anonym, übergroß, er unten und zerknittert. Draghi hebt beide Hände zur Abwehr, aber man erkennt sofort, dass ihm das nichts nützt. Ein Tritt von ihr, und er fällt hintüber, mit oder ohne Hände. Außerdem sind seine Hände so lasch, so weich, nicht angespannt, keine Chance. Jemand, der seine Hände nur zum Zeigen einsetzt, zur Gestik. Die hat heute weich zu sein. Gerne engagiert, aber keinesfalls hart.

Die Frau ist in Maßen erotisch dargestellt mit ihrem Hintern, der sich halb im Bild befindet und der Betrachter kann sich in aller Ruhe überlegen, ob er die Beine attraktiv findet. Bei Draghi stellt sich die Frage nicht. Attraktiv könnte bestenfalls seine berufliche Position sein.

Auf dem zweiten Bild steht die Feme tatsächlich auf Draghis Papieren. In denen geht es um Billionen Euro und sie trampelt darauf herum. Wunderbar.

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Dieses  Bild ist auch sonst nicht schlecht. Draghis Kollegin scheint ernsthaft empört, sie will ihrem Chef wohl zu Hilfe kommen, jedenfalls deutet das ihre Körperhaltung an, sie wendet sich ihm zu, beugt sich in Richtung Querulantin. Der Kollege auf der anderen Seite ist eher reserviert und sichert seine eigenen Papiere. Er hält sich raus und überlegt, in welche Richtung er am besten fliehen kann. Draghi weiter impotent. Seine Billionen-Papiere fliegen unkontrolliert durch die Luft. Eine Luftnummer wie seine Billionen, die er per Knopfdruck produziert.

Schön zudem der Schattenwurf der umherfliegenden Papiere auf der blauen Wand im Hintergrund. Die vielen Scheinwerfer vervielfachen ihre Zahl. Sie sollten eigentlich Draghi ins rechte Licht rücken, nun unterstützen sie die Gegenaktion ästhetisch.

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Ein paar zartbesaitete Helfer versuchen im dritten Bild, die Lage in den Griff zu kriegen, was nicht überzeugend wirkt. Draghi hat es nun immerhin geschafft, seine Patschhändchen vors Gesicht zu halten. Konfetti ist gefährlich. Man könnte seine Handhaltung andererseits fast als Zustimmung werten. Hallo, ich grüße sie. Draghis Papiere und ihr Konfetti gehen nun eine Symbiose ein. Konfetti und Billionen-Papiere, alles gleich viel Wert, nämlich nichts.

Eine Frau, die einen Mann bespritzt, auch ein schönes Bild. Gemeinhin läuft es umgekehrt.

Die Feme heißt Josephine Markmann. Sie stand schon an Weihnachten 2013 während der Messe auf dem Altar des Kölner Doms und zeigte ihren Körper, auf dem stand: “Ich bin Gott”. Toll. Warum nicht sie? Warum immer der alte Unsympath mit Bart?

100 Prozent authentisch. Und das bei zwei der mächtigsten Gestalten der Welt – Draghi und Gott. Respekt und Gratulation.

(Fotos: Spon/dpa)

Entweder Kapitalismus oder Marktwirtschaft

Die Europäische Kommission will google mit einer Milliardenstrafe belegen. Grund: Das Unternehmen missbraucht seine Marktdominanz, um Konkurrenten zu verdrängen. Die Kommission will Wettbewerb, google will Monopol.

Das erinnert an die jahrelangen Auseinandersetzungen der EU mit Microsoft. Die zwangen Hardwarehersteller, so wie das jetzt google mit Android tut, die eigene Software auf den PCs zu implementieren, auf dass sie genutzt werde.

Ähnlich läuft es derzeit mit dem Fernreisebusgeschäft, nur nicht so kriminell. Es geht derzeit nur darum, mittels niedriger Preise die Konkurrenten aus dem Wettbewerb zu werfen. Megabus bietet Fahrten für einen Euro durch ganz Deutschland an. Es geht lediglich um die Frage, wer den längeren Atem, also das meiste Kapital im Hintergrund hat. Sind die Konkurrenten ausgeknockt, werden die Preise erhöht. Ohne Kartellämter hätten wir schon längst exakt ein Unternehmen, einen Mischkonzern, der uns alle gnädig versorgt. Vermutlich weltweit.

Es ist ein weiterer Beleg für das Täuschungsmanöver, das immer dann angestellt wird, wenn man Kapitalismus mit Marktwirtschaft verwechselt. Das Kapital hat genau ein Ziel, nämlich Rendite erwirtschaften. Da kommt Konkurrenz, da kommt ein Markt ungelegen, das hat Marx schon schön beschrieben. Marktwirtschaft als Propagandabegriff des Kapitals, um selbst fortschrittlich, fleißig, souverän zu wirken. In Wahrheit geht es nur darum, mithilfe mehr oder weniger krimineller Methoden sich der Konkurrenten zu erledigen. Konkurrenz belebt das Geschäft: Seit Galilei war kein Satz falscher, da das Geschäft ein kapitalistisches ist. Das Geschäft belebt alles, was den Strich bei G dominanter werden lässt. Konkurrenz gehört nicht dazu.

Ich habe noch nie die Linken verstanden, die den Begriff der Marktwirtschaft preisgeben. Ein genialer Begriff, weil er an den unschuldigen Wochenmarkt erinnert, und ohne einen Markt kein Leben. Warum ihn den Schmarotzern überlassen?

227 - Kopie(Foto: genova 2015)

Was noch? VI

1. Berlin ist “das Rom der Zeitgeschichte”, sagt der Berliner Bürgermeister Michael Müller. Klar, was sonst. Und so will er seine Stadt in einem Museum präsentieren, dass folgerichtig im neuen Stadtschloss untergebracht werden will. Der Redakteur Harald Jähner meint in der Berliner Zeitung (23.3., s. 23), dass die Konzeption des neuen Museums in einem “Propagandaton” gehalten sei, Müller wolle einem “poppig daherkommenden Wilheminismus” frönen. Müller selbst nennt seinen neuen Wilhelminismus trendy das “Verfolgen einer klaren Narration”. Es gibt übrigens seit Ewigkeiten ein Stadtmuseum in Berlin, das Märkische Museum, laut Jähner, im Gegensatz zum geplanten, “wohltuend ehrlich”. Na, das ist nun wirklich nicht mehr zeitgemäß.

2. Ruth Colian ist ultra-orthodoxe Jüdin (das sind die mit den Locken) in Israel und hat die Nase von den Männern voll. Sie hat nun eine feministische ultra-orthodoxe Partei gegründet. Dumm nur, dass die Orthodoxen die Frau hinterm Herd sehen und nicht in der Öffentlichkeit. Colian berichtet im selben Blatt wie bei 1. über ein Milieu, in dem Frauen nichts zu sagen haben, nicht ins Parlament dürfen, wegen fehlender Brustkrebs-Vorsorge doppelt so oft an dem Krebs erkranken wie im israelischen Durchschnitt, über ein Milieu, in dem Frauen aus religiösen Gründen oft geschlagen werden und ihnen bei Vergewaltigungen die Schuld gegeben wird, die die komplette Hausarbeit und Kindererziehung übernehmen müssen und noch Geld verdienen, weil der werte Gatte sich unbedingt religiösen Studien widmen muss. Die Frau hat fromm zu sein und die Klappe zu halten. Da Frau Colian das nicht tut, stehen mittlerweile auch am späten Abend unangenehme Leute heftig pochend vor ihrer Tür: selbstredend Religiöse, die sich für bessere Menschen halten.

Kennen wir diese Form der Unterdrückung nicht? Erinnert an die katholisch geprägte deutsche Provinz noch in den 1980ern. Judentum, Islam, Christentum: in weiten Teilen rechter, natürlich frauenfeindlicher und ganz weltlicher Schrott, der sich übersinnlich tarnt. Religion ist massiven Teilen der Praxis Barbarei, als Kultur getarnt. Das ist natürlich nicht neu.

Ruth Colians Vorbild ist Rosa Parks. Viel Glück!

 3. Die Schweizer Alpengemeinde Vals will das höchste Hotel der Welt bauen: 381 Meter. Der Streit darüber ist ein typischer: Weil das Hotel eines der Luxusklasse werden wird (“mehrere tausend Franken pro Nacht”), verändert sich die Sozialstruktur in dem Sackgassenort. Verkehr wird zunehmen, Hubschrauber werden lärmen. Dennoch könnte man die transparente, schlanke Architektur als Glücksfall begreifen, die für ein Alpental eigentlich perfekt ist, rein ästhetisch. Gegen die hohen Berge drumherum kommt der Turm sowieso nicht an. Kritisierbar ist einzig die Tatsache, dass man dort auf das reichste Prozent der Weltbevölkerung  zielt. So aber wird gewagte Architektur zwangsläufig mit irgendeinem abgehobenen Bonzentum in Verbindung gebracht.

Interessant ist das Projekt auch, weil in Vals schon Zumthor seine Therme baute und Graubünden architektonisch seit vielen Jahren bemerkenswertes leistet. Die endgültige Entscheidung über den Turmbau wird den Bewohnern überlassen – mittels eines Bürgerentscheids.

4. Und noch mal flott zu Albrecht Müller. Der Herausgeber der Nachdenkseiten und Querfrontfan rutscht immer weiter ins rechte Lager. Willy Wimmer saß früher für die CDU im Bundestag und ist nun Kumpel von Müller und hält mit ihm gemeinsam Veranstaltungen ab. Allerdings ist Wimmer mittlerweile auch Autor von Elsässers Compact-Magazin und hielt kürzlich bei der “Staats- und wirtschaftspolitischen Gesellschaft” in Hamburg eine Rede. Mit auf der Bühne: Gauland von der AfD und der Rechtsextremist Manfred Kleine-Hartlage, der gerne bei PI publiziert. Eine bekannte Holocaust-Leugnerin saß auch im Saal, ohne dass das Widerspruch erregt hätte. Manfred Backerra, der SWG-Chef, meint:

„Über den Holocaust sprechen wir nicht“, sagte er gegenüber dem NDR, da man über dieses Thema nicht frei reden dürfe.

Ein Leser der Nachdenkseiten wies ihn nun auf die Problematik hin, und zwar erkennbar als Freund der NDS (“Danke, dass es euch gibt!”).  Müllers Antwort: Der Leser sei Teil einer Gesinnungspolizei, that´s it. Keinerlei Kritik an dem Auftreten Wimmers bei Rechtsradikalen, an Elsässer oder an Rechtsextremismus überhaupt. Wer auf rechtsextreme Umtriebe hinweist, ist ein Denunziant, betreibt Mobbing und will Böses. Müller findet die Leute der SWG lediglich “unsympathisch”, politisch aber offenbar in Ordnung. Jebsen, Wimmer, Kleine-Hartlage, Elsässer, Gauland undundund: Wie bekloppt muss man sein, sich mit diesen Leuten gemein zu machen, wenn man nicht rechtsradikal ist?

Müller kommt mir mittlerweile vor wie der Geisterfahrer in dem Witz, in dem er der einzige ist, der in die richtige Richtung fährt. Es hat etwas von dem typisch deutschen Fanatismus. Müller ist in der Tat Verschwörungstheoretiker, und ein besonders dummer dazu. Die vielen rechtsradikalen Bezüge nicht nur zu ignorieren, sondern freundliche Hinweise darauf in unverschämter Art zu beantworten: Es spricht mittlerweile alles für sich. Eigentlich tragisch, dass sich jemand auf seine alten Tage so zum Deppen macht.

Müllers Rat an seine Leser: durchhalten gegen die bösen Denunzianten, denn: “Wir brauchen Toleranz.”. Toleranz für Nazis. Sowas kommt vom angeblichen Bewunderer von Willy Brandt.

Die NPD wird´s freuen. Vielleicht schickt sie Müller einen Mitgliedsantrag. Die sind ja immerhin sozial.

Beim Nazienkel gibt es mehr zum Thema.

Und hier hat sich ein Betroffener kürzlich geäußert.

Der politischste Platz und die regressivste Architektur: that´s Germany

Der Bau des Berliner Stadtschlosses sorgt derzeit fast täglich für Meldungen aus Absurdistan. Man sollte sie sammeln. Jüngstes Ereignis: Die ersten barocken Fassadenelemente (hergestellt 2015) sind geliefert worden. Da schaute auch Bundesbauministerin Barbara Hendricks vorbei.

Die in dem Artikel der Berliner Zeitung zum Thema gelieferten Zahlen sind eindrucksvoll: Die Barockfassade soll ja komplett aus Spenden finanziert werden, das war die Bedingung, unter der diese Fassade überhaupt geplant wurde. Für die Spenden steht der mecklenburgische Adelige Wilhelm von Boddien, der mit seinem Schlossverein seit mindestens zehn, eber aber schon seit 20 Jahren sammelt. Gebraucht werden 80 Millionen Euro. Gespendet wurden bislang 18,4 Millionen Euro. Dennoch werden die Platten schon hergestellt.

Das Stein-Magazin drückt es deutlicher aus:

Die hierfür veranschlagten Kosten von 80 Millionen Euro sollen von der Bevölkerung mittels privater Spenden aufgebracht werden.

Und an anderer Stelle schreibt das Lobbyheftchen:

Das Berliner Schloss, genauer die Rekonstruktion der Fassaden, wird von der Bevölkerung finanziert.

Die Bevölkerung soll und wird. Aha. Bislang scheint die Bevölkerung nicht zu wissen, was sie soll und wird.

Was sagt Frau Hendricks zu der finanziellen Schieflage?

Die Berliner Zeitung zitiert sie:

Falls die Spenden nicht so schnell fließen, wie sie gebraucht werden, sollen die Arbeiten dennoch nicht ins Stocken geraten. Der Haushaltsausschuss des Bundestags habe “Vorsorge getroffen, dass niemand auf offenen Rechnungen sitzen bleibt.”

Das heißt im Klartext: Wenn die Spenden nicht zusammenkommen, zahlt der Bund den Betrag aus Steuern. Legale oder auch nicht legale Korruptionsversprechen. Warum man da überhaupt noch spenden soll, ist mir unklar.

Boddien scheint von der typisch deutschen Krankheit namens Größenwahn befallen zu sein, denn er sagte jetzt, er wolle sogar 105 Millionen Euro einsammeln. Statt also einmal innezuhalten und vorsichtig die 80 Millionen als ein möglicherweise zu brechendes Versprechen zu bezeichnen, schraubt er die Summe einfach nach oben. Wenn wir Stalingrad nicht kriegen, nehmen wir halt Moskau.

Ein weiterer lustiger Satz sagte der Architekt Frank Stella:

“Wir machen keine Kulisse.”

Ja, genau. Warum gibt es dieser Hampelmann nicht einfach zu? Er produziert reine Kulissenarchitektur und behauptet dann, nichts gemacht zu haben. Vor die schon stehenden Betonwände wird eine – ernsthaft – 80 Zentimeter dicke Ziegelwand gestellt, in die wiederum die Barockelemente positioniert werden. Hoffen wir, dass es in den sicher zahlreichen Hohlräumen schnell zu schimmeln anfängt. Was da gemacht wird, ist das Gegenteil von nachhaltig oder gar energetisch sinnvoll. Dieser Hinweis nur, weil gerne der politische Aspekt des Baus betont wird und der Schlossplatz angeblich der politischste Platz Deutschlands ist.

Noch ein kleines Zitat aus der Stiftung Berliner Schloss:  Mit dem Schloss

wird das Zentrum Berlins seinen Bezugspunkt wiederhaben, das Gebäude, auf das sich die umliegenden historischen Bauten maßstäblich und inhaltlich beziehen.

Inhaltlich beziehen, soso.

Es ist die Walt-Disneysierung einer regressiven Gesellschaft, die hinter Hitler und hinter alles Demokratische zurückwill. Es wird ein Spielplatz für Banalotouristen, es ist die Degradierung von allem, was Stadt sein könnte.

Es ist zeitgemäß.

Zum Abschluss ein schönes Beispiel für die Dummheit dieser historisierenden Architektur, der es nur um die Verherrlichung von Vergangenem geht. Nikolaus Bernau schreibt in der Berliner Zeitung:

Seit Jahren wird auf Kongressen in Wien, London, Paris oder New York debattiert: Warum lassen die Deutschen zu, dass dieser Museumsneubau sich nur für eine historisierende Fassade genau die Probleme schafft, auf die Museen in echten Schlössern gerne verzichten würden: Zu niedrige und zu enge Räume für Museen, zu hohe und auseinandergezogene für die Bibliotheken.

Alle Forderungen von Museumsdirektoren und Bibliothekaren, wenigstens die Geschosse sinnvoll aufzuteilen, wurden vom Architekten Stella und der Schloss-Stiftung zurückgewiesen. Zu teuer. Genauso wurde jede Veränderung der nur als brutal zu bezeichnenden Ostfassade zur Spree hin abgelehnt.

Die historisierende Fassade bestimmt die Grundrisse und macht Probleme, weil man notgedrungen im 18. Jahrhundert stecken bleibt. Man baut aus ideologischen Gründen statt auf aktuellem Niveau. Gerade die Planung von innen nach außen,von den Bedürfnissen hin zur Form, sollte eigentlich unhintergehbar geworden sein. In Berlin nicht.

Es geht ja auch nicht darum, Fehlentwicklungen des Bauwirtschaftsfunktionalismus zu korrigieren, das wird von guten Architekten laufend gemacht. Ausgerechnet den revolutionär neuen Umgang mit Raum – eine der Leistungen moderner Architektur – ignorieren die Schlossheinis zugunsten eines starren Raumsystems, analog zum vermutlich gewünschten starren Gesellschaftssystem – wir Möchtegernadelige oben, der Pöbel in Marzahn.

Der politischste Platz Deutschlands mit der regressivsten und dümmsten Architektur Deutschlands.

Danke für Ehrlichkeit.

o.T. 236

161 (2)(Foto: genova 2015)

Unfertiges zu Koolhaasens “De Rotterdam”

“De Rotterdam” in Rotterdam von Rem Koolhaas/OMA: Ein Gebäudetyp, für den man eigentlich einen neuen Namen erfinden müsste: Hochhaus trifft es nicht so ganz, mehrere Hochhäuser nebeneinander auch nicht. Die Scheibe steckt drin und auch der Turm. Schön jedenfalls, wie sich bei Perspektivwechsel auf das Gebäude der Eindruck verändert:

139 (2) 141 142 143 (2) 144 166

Je seitlicher man sich nähert, desto mehr verschwinden die Lücken, bis keine mehr übrig bleibt. Die Volumina verschränken sich immer mehr ineinander. Die WTC-Fassade dominiert. Wegen der Höhe von 150 Meter ist der Komplex in Rotterdam ähnlich präsent wie der Fernsehturm in Berlin. Durch die unendlichen Perspektivwechsel bei jedem Blick neu. Der Kontext ist der alte Hafen von Rotterdam, der nun neu bebaut wird. Das heißt, es gibt keinen Kontext, auf den man Rücksicht nehmen müsste, zumindest keinen kleinteiligen.

Dazu das Balancieren der einzelnen Körper. Es ist gewissermaßen eine Form ernstzunehmender postmoderner Architektur: Keine Spielerei, keine Dauerwitze, kein oberflächliches Geprotze wie in dem Teil links daneben, sondern ganz konsequent moderne Baukörper, die gestapelt werden und deshalb ihren Kontext verändern. Statik trifft Kinetik. (Rechts daneben übrigens ein Siza, der das New-York-Hochhaus von vor 100 Jahren kopiert. Nun ja.)

Und außerdem die wunderbar monotone Vorhangfassade: Koolhaas widersteht jeder Versuchung von Spielerei und von vermeintlicher Auflockerung, wie Adepten des Oberflächlichen architektonische Inkonsequenz gerne nennen. Nein, der Mies wird kopiert, wenn auch nicht so filigran, und sonst nichts. Sechs Miese werden aufeinandergstellt und fertig ist eine banale Genialität. Die Stadt Rotterdam wollte zwei simple Türme, Koolhaas leistete jahrelange Überzeugungsarbeit.

Es ist sicher eine Form des Manhattanismus, den Koolhaas schon immer propagierte. Eine angenehme Antwort auf den Terror von Bodenhaftung und reaktionärem Heimatbegriff, der sich auf die Scholle bezieht.

Vilem Flusser müsste man dazu lesen.

Eine vertikale Stadt mit Wohnungen, Büros, Freizeiteinrichtungen, Hotels, Stadtverwaltung. Ökologisch sinnvoll ist das Teil vom Grundsatz her sowieso: Versiegelt wurde die Fläche eines Fußballfeldes. De Rotterdam ist das Gebäude mit der höchsten Menschendichte in den Niederlanden. (Zumindest soll es das sein, wenn es komplett vermietet ist.) Dichte und fehlende Übersicht: Was die einen verunsichert, wird hier bewusst hergestellt.

Von der kapitalistischen Logik in dem Projekt mit allen Unterthemen dazu sehe ich hier ab. Wie man überhaupt bei Koolhaas von so manchem absehen muss, was aber lohnt, weil dann Interessantes übrig bleibt. Der Mann vertritt eine völlig andere Auffassung von Stadt als die Masse – XL-Architektur und Generic City. Er legt die europäische Stadt ad acta, was ästhetisch eine Herausforderung ist und ehrlich: Die Voraussetzungen haben sich geändert. Seine Architektur ist über jeden Zweifel erhaben, sein Städtebau umstritten. Gleichwohl sind seine Provokationen wohltuend. Es zeigt auch einmal mehr die katastrophale städtebauliche und architektonische Verfassung des aktuellen Berlin, der Hauptstadt der Regression.

 Fade out.

(Fotos: genova 2014)

Marxens Distinktionsmaschine

Ein interessantes Detail über Karl Marx berichtet Francis Wheen in seiner 2001 erschienenen Biographie (die ansonsten wohl nicht viel taugt) mit ebendiesem Titel. Marx lebte demnach wie

“in Not geratene feine Leute, die verzweifelt versuchten, den äußeren Schein zu wahren und an ihren bürgerlichen Gewohnheiten festzuhalten. So konnte er in den fünfziger Jahren kaum seine Kinder ernähren, und doch bestand er darauf, einen Sekretär zu beschäftigen.”

Marx wohnte demnnach in besseren Londoner Vierteln, hatte ein Dienstmädchen und kam mit seinem Mittelstandsfamilieneinkommen nicht hin. Nicht dass ich ihm das vorwerfe, aber den Proleten wollte er sich offenbar nur theoretisch nähern. Oder fand er das Proletarierdasein so schlimm, dass er aus Empathie den armen Geschöpfen helfen wollte? Oder legte er tatsächlich Wert auf die sichtbare Distinktion, die ein Sekretär herstellt und ermöglicht? Faktisch war er ein Proletarier. Einer, der seinen Status verleugnete.

Der Proletarier soll und wird die Welt verändern, Marx will aber nur theoretisch dabei sein. Nicht unsympathisch. Aber ein Handicap.

Nachtrag: Olympia in Berlin und das Tempelhofer Feld

Vergangenes Jahr ergab ein Bürgerentscheid mit hoher Beteiligung und eindeutigem Ergebnis, dass die Fläche des ehemaligen Tempelhofer Flughafens in Berlin, das Tempelhofer Feld, unbebaut bleiben soll. Zwischenzeitlich wollte sich die Stadt für Olympia 20irgendwann bewerben. Wo sollten laut Berliner Zeitung (12.2., S. 22) die Wettbewerbe für Tennis, Volleyball und Boxen stattfinden? Exakt: Auf dem Tempelhofer Feld.

Noch besser: Zum Zeitpunkt des Bürgerentscheids, im Mai 2014, war die Olympiabewerbung längst klar. Als die Politiker seinerzeit öffentlich gelobten, das Ergebnis des Entscheids zu respektieren, war das Feld wohl schon längst verplant.

Olympia hätte also unter anderem dazu gedient, den Bürgerentscheid auszuhebeln. Der neue Bürgermeister Michael Müller, der so aussieht, wie er heißt (und dessen Anzüge auch), scheint es doch faustdick hinter den Ohren zu haben, was die berühmte legale Berliner Korruption angeht. Ich erinnere in diesem Zusammenhang gerne an sein Bemühen, das komplette Tempelhofer Feld auf der Luxusimmobilienmesse in Cannes an einen Investor zu verscherbeln, der dort vermutlich eine gated community installiert hätte. Offiziell musste er dann zurückrudern.

Müller ist selbstredend Sozialdemokrat.

Deutsche Realitäten, die x-te

Eine weitere der zahlreichen Grafiken, die Deutschlands Sonderweg beschreiben, auf dem diese Gesellschaft immer noch unterwegs ist, allen Unkenrufen wie dem von Christopher Clark (oder der deutschen Leseweise seines Schlafwandler-Buches) zum Trotz:

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Derzeit jammert man ja gerne über die verrottende Infrastruktur. Die Grafik zeigt, warum sie verrottet. Drei Prozent sind eine wohl sinnvolle Größe, um den theoretischen Wohlstand in einen praktischen zu verwandeln. Nicht so hierzulande. Bei einem jährlichen BIP von rund 2,5 Billionen Euro sind diese auf den ersten Blick geringen Abweichungen real drastisch. Es ist das bewusste Verlotternlassen von Infrastruktur, um dem Kapital kurzfristige Gewinne zu bescheren oder um die schwarze Null zu propagieren.

Die höheren Infrastrukturausgaben in den anderen EU-Ländern sorgten auch für die Erfolge der deutschen Exportindustrien.

Zweierlei sticht besonders ins Auge:

1. Die Sparorgie wurde vor allem von rot-grün angestoßen, und zwar ohne jede Not, ähnlich wie bei der Agenda-Politik. Wer heute über undichte Schuldächer lamentiert, kann sich auch bei Roth, Hofreiter, Özdemir, Trittin und den anderen Helden beschweren. Es ist ein weiterer Beleg für die These, dass rot-grün eine wirtschaftspolitisch neoliberale und damit rechte Politik durchzog, von der die FDP nur träumen konnte.

2. Im Zuge der Finanzkrise stiegen die staatlichen Infrastrukturausgaben in Deutschland an, aber nur leicht, um danach wieder auf Talfahrt zu gehen. Das könnte auch System haben. Wirtschaftsminister Gabriel ist derzeit sehr bemüht, dem Kapital bei Autobahnsanierungen via Public Private Partnership Milliardengewinne zuzuschanzen, obwohl der Bund Kredite zum Nulltarif bekäme.

Die kleine Minderheit seriöser deutscher Journalisten weist auf die diesbezügliche kriminelle Energie von Gabriel hin. Aber kriminelle Energie gehört im kapitalistischen Politbetrieb vermutlich zur notwendigen Grundausstattung.

Und dann noch das hier:

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Angeblich hat Griechenland einen riesigen öffentlichen Sektor. In vernünftigen Medien ist schon länger zu lesen, dass das nicht stimmt. Es scheint eine Variante deutscher neoliberaler Berichterstattung zu sein, die mit Schubladen arbeitet. Der Grieche ist Südländer, also faul, also Beamter. Und da in Griechenland nichts klappt, müssen da haufenweise Beamte nichtstuend rumhocken. In Berlin hat Finanzsenator Sarrazin für massiven öffentlichen Stellenabbau gesorgt mit dem Ergebnis, dass man nun mehrere Monate auf einen Termin oder terminlos locker vier Stunden auf die Ausstellung eines internationalen Führerscheins wartet, was eigentlich in fünf Minuten erledigt ist.

Bemerkenswert, dass ausgerechnet in den skandinavischen Ländern die Öffentlicher-Dienst-Quote ziemlich hoch ist. Nach neoliberaler Logik müssten diese Gesellschaften schon längst ökonomische Failed States auf dem Level von Jemen oder Somalia sein.

P.S: Gerade veröffentlichte das Statistische Bundesamt die endgültigen Zahlen des deutschen Außenhandels für 2014. Ergebnis: trotz dem Russland-Boykott 217 Milliarden Euro Überschuss, das ist im Vergleich zu 2013 ein Anstieg um 11 Prozent.