Time to grow up

In Friedrichshain sind derzeit mehrere Brandwände mit diesem Spruch auf schwarzem Grund beschrieben:

Das blaue Rohr verdeckt: „Berlin.“

Der Schrifttyp erinnert an die langjährige Mercedes-Typografie und da das Mercedes-Gebäude nur ein paar hundert Meter entfernt ist, dürfte das hinkommen.

Einerseits ist das ein schönes Beispiel für immer offensiver werdendes Konzernmarketing: Man kann sich darauf verlassen, dass die meisten Rezipienten den Schrifttyp der Marke zuordnen können. Man braucht also „Mercedes“ nicht mehr hinschreiben. Dieser Umstand begünstigt, dass man sich gleichzeitig – quasi Guerilla Marketing – alternativer, opponenter Strategien bedienen kann: gesellschaftliche, politische Forderungen im öffentlichen Raum produzieren, die scheinbar unkommerziell daherkommen. Man malt ganze Wände voll, der Hausbesitzer verdient sich vermutlich dumm und dämlich.

Ich weiß nicht, ob das noch funktioniert oder ob die meisten Hingucker mittlerweile Abscheu empfinden ob der Penetranz, mit der ein Konzern wie Mercedes versucht, cool und hip und trendy zu sein. Jeder halbwegs aufgeklärte Zeitgenosse findet so eine Werbung natürlich peinlich und unangenehm.

Komisch aber, dass Mercedes hier etwas fordert, was dieser Opakonzern doch dringend nötig hat: Das Image, jung und hip und cool und trendy zu sein. Die haben sich ja nicht umsonst in Friedrichshain festgesetzt. Man will zu diesen Hippstern und ähnlichen Leuten dazugehören. Diese Leute sollen irgendwann mal einen Mercedes kaufen. Vor allem soll man Mercedes mit den Hippstern zusammenbringen, auch wenn die sich bestenfalls einen klapprigen Golf leisten können. Der durchschnittliche Mercedes-Käufer ist vermutlich knapp über sechzig und impotent, hat Haarausfall und einen Bierbauch und findet Friedrichshain die letzte Lottergegend. Aber mit denen kann man nicht werben. Die andere Mercedes-Klientel ist der neureiche Assi á la Bushido. Mit denen kann man auch nicht werben.

Warum soll Berlin upgrowen?

Dann wäre Friedrichshain so langweilig wie die Carlstadt in Düsseldorf und Mercedes seines PR-Standortes beraubt. Die impotenten Bierbauchmercedesfahrer wohnen zwar in der Carlstadt, aber im öffentlichen Selbstbild von Mercedes wohnen die in Friedrichshain. Die brauchen Friedrichshain als die permanente Selbstbespiegelungsfläche, die nicht übers Produkt selbst gespeist wird, sondern über coole Sprüche und nur ganz dezente Hinweise auf das Auto. Via Schriftzug, beispielsweise. Wenn Mercedes zum grow up auffordert, gewinnen sie vielleicht ein paar Kunden hinzu, die der Aufforderung tatsächlich nachkommen, aber sonst nichts. Sie entziehen sich ihre eigene Grundlage: die Fiktion ihres Kundenbildes.

Vielleicht gibt es diese Grow-up-Kampagne noch in anderen Städten, in denen sie mehr Sinn macht. In Friedrichshain checke ich es nicht. Wobei: Ich habe mich gerade damit beschäftigt. Und vielleicht werde ich schon nächste Woche einen Neuwagen ordern. In Friedrichshain.

(Foto: genova 2017)

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Die deutsche Linke und die Ablehnung von Stadt

Die neue Berliner Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher hat die schwierige Aufgabe, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Bisher hat man noch kein überzeugendes Konzept vernommen, aber da sind wir mal ganz unvoreingenommen und hoffen, dass das, was da Weile hat, ein gut Ding ist. Interessant jedoch ist eine andere aktuelle Baustelle: Die seit mehr als 20 Jahren geplanten neuen Hochhäuser am Alexanderplatz.

Direkt nach der Wende als Masterplan von Hans Kollhoff angedacht und dann mangels Nachfrage auf Eis gelegt, wird nun seit einer Weile an einer Aktualisierung gebastelt. Aktuell steht dort nur ein Gebäude in den Startlöchern. Dort sollen Wohnungen jenseits der 10.000 Euro pro Quadratmeter verkauft werden. Im Klartext: Dort wird niemand wohnen, es geht um Spekulationsobjekte.

Lompscher und andere in der Berliner Linkspartei argumentieren nun fast ganz richtig:

„Hochhäuser, die nur als Drittwohnung und Hotel genutzt werden, braucht kein Mensch“,

sagte kürzlich etwa die Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg laut der Berliner Morgenpost (die ich leider verlegt habe und deshalb keine präzise Quelle angeben kann).

Typisch für einen relevanten Teil der deutschen Linken ist allerdings ein anderer Aspekt dieser Argumentation: Lompscher meint, die geplanten Hochhäuser sollten die Höhe des dort schon stehenden einzigen Hochhauses (das Hotel „Park Inn“) nicht überschreiten, „um die Wirkung des Fernsehturms nicht einzuschränken“.

Peng. Der Fernsehturm hat eine Höhe von 368 Metern und die Wahrscheinlichkeit, dass eines der geplanten Hochhäuser auch nur annähernd in diese Region vorschießt, geht gegen Null. Das Hotel ist 150 Meter hoch. Ein Gebäude von meinetwegen 200 oder 250 Metern ist unwahrscheinlich, wäre aber rein optisch interessant und würde schlichtweg neue Perspektiven bieten. Man würde eben in Berlin nicht nur den Fernsehturm, sondern ein weiteres hohes Gebäude sehen. Das ist diesen merkwürdigen Traditionslinken aber nicht geheuer. Es soll bitte alles so bleiben, wie es ist.

Müßig zu erwähnen, dass solche Leute seinerzeit gegen den Bau des Fernsehturms gewettert hätten. Der verstellt ja auch den Blick auf anderes. Wahrscheinlich kommt da noch eine DDR-Nostalgie hinzu: Der Fernsehturm ist gut, weil ostdeutsch.

Die Grünen, die ebenfalls ein ambivalentes Verhältnis zum Konservieren haben, stoßen ins gleiche Horn, wie man sagt, wie die Linken. Deren Fraktionschefin im Berliner Landtag, Antje Kapek, sagt:

„Es ist nötig und sinnvoll sich zu überlegen, wie die Stadtsilhouette aussehen soll.“

Nö, ist es nicht. Schon gar nicht, wenn die Überlegungen Leute wie Frau Kapek anstellen. Da wird nichts Gutes rauskommen. Die einzig interessante Großstadtsilhouette in Deutschland hat Frankfurt am Main, und da wird im Wesentlichen drauflosgebaut. Interessante Silhouetten gibt es da, wo nach oben nicht begrenzt wird. In Berlin und überall sonst hat man keine Silhouette, sondern einen optischen Brei. Ein banales Dächermeer, ein Verfließen am Horizont, ein Nichts. Grüne und andere merkwürdige Leute wollen die Stadt vermutlich verschwinden lassen, zumindest optisch. Jedes sichtbare Haus ist eine Zumutung. Daher kommt auch das Begehren dieser Klientel, jede Sichtbetonwand zu begrünen. Eine kulturelle Katastrophe unterm Mantel der Ökologie.

Es erinnert an die Gespensterdebatte vor ein paar Jahren in Köln, als man auf den Bau von Hochhäusern auf der rechten(!) Rheinseite verzichtete, weil dadurch der Blick auf den tollen Dom versperrt worden wäre, wenn man von Bergisch Gladbach anreist.

Solche Debatten sind vermutlich nur in Deutschland möglich. Statt einfach ein paar Wolkenkratzer hinzuklotzen und gespannt auf die neuen Perspektiven zu sein, wird problematisiert. Dahinter steckt vermutlich die urdeutsche Ablehnung von Stadt. Ein jeder auf seiner Scholle und der Nachbar möge bitte mehrere hundert Meter entfernt wohnen. Eine perfekte Infrastruktur in der Nähe muss aber auch drin sein. Schon Tucholsky hat dieses Phänomen beschrieben.

Der britische Autor des interessanten Buches „Militant Modernism“ meint, ein „großes Problem der Linken“ sei

„die Fetischisierung der Vergangenheit. Wir werden besonders sentimental, wenn es um die präindustrialisierte Gesellschaft des 19. Jahrhunderts geht. Es ist wichtig, sich dieser Geschichte und ihrer historischen Niederlagen zu erinnern und damit auch ihrer spezifischen Ästhetik wie die von bärtigen Gewerkschaftsfunktionären.“

Das war schon ein Problem von Robert Owen: Bekämpfung der Industrialisierung via Flucht in die Vergangenheit.

Ob am Alex Hochhäuser entstehen, sollte man ökonomisch und sozial prüfen. Wenn ein weiteres Hochhaushotel gebraucht wird, warum sollte man es nicht bauen? Da irrt Frau Glennburg. Und wenn jemand Büros auf 100 Etagen vermietet bekommt, dann sollten wir uns alle über einen neuen schicken Wolkenkratzer freuen und auf dem Dach ein Café für alle einrichten. Zu viele Wolkenkratzer gibt es nicht. Vielen macht der Wolkenkratzer Angst, man entfernt sich da zu weit von der Muttererde, vermute ich. Vom blut- und bodenaffinen Deutschen ist der bodenaffine übriggeblieben.

Unvergessen auch das Debakel um die neue Mercedes-Zentrale in Friedrichshain an der Spree. Mercedes wollte dort vor ein paar Jahren ein gut 100 Meter hohes Gebäude errichten. Sogenannten Linken und anderen Bedenkenträgern war das zu hoch. Der lustige Kompromiss war: Mercedes schnitt das Gebäude horizontal in der Mitte durch und baute ein Gebäude mit gut 50 Metern Höhe und weiter noch flachere. Es ist nun zwei- oder dreimal so viel Fläche versiegelt worden und schlichtweg weniger Platz für anderes da. Und dem 50-Meterhaus sieht man auf den ersten Blick an, dass die Proportionen nicht stimmen. Es wäre gerne größer.

Dieses lächerliche Haus ist das absurde Ergebnis einer kleingeistigen Debatte. Statt einfach so hoch zu bauen, wie es der Bedarf vorgibt, tut man so, als müsse man den Himmel schützen. Babel wörtlich genommen Die deutsche Ideologie.

Man müsste sich diesbezüglich einmal um die architektonischen Kontextdebatten kümmern. Die Forderung, dass das Neue sich in das Alte einfügen müsse. Jahrtausendelang hat das niemanden gekümmert. Heute schiebt man die Kontextualisierung gerne vor, weil man dann meint, die Geschichte gut zu behandeln. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nachvollziehbar wäre, um auf Berlin zurückzukommen, eine Debatte, ob man einen Konzern wie Mercedes überhaupt haben will. Darum ging es aber nicht.

Insofern: Am Alex Wolkenkratzer zu bauen, ist generell eine gute Idee. Vielleicht mit Terassenwohnungen unten und Büros oben, vielleicht 100, 200 oder 300 Meter hoch, was auch immer. Diskutieren müsste man ökologische Baustandards, die Nutzung, also preisgünstige Wohnungen, die Mobilitität via ÖPNV und mehr.

Aber bitte nicht die Wirkung des Fernsehturms.

Vorbehaltlose Zustimmung zu den Wolkenkratzerplänen kommt von CDU und FDP.

Als progressiver Linker hat man es nicht leicht.

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Alvar Aaltos perfekte Perfektionslosigkeit

Der Architekt Alvar Aalto ist nicht umsonst bekannt und geachtet. Ein schönes Beispiel für seine ganz besonderen Qualitäten liefert sein Ferienhaus aus den frühen 1950er Jahren auf einer finnischen Insel (hier viele weitere Bilder):

Wir sehen hier ein auf den ersten Blick irritierendes, unfertiges Gebäude, das unserem perfektionsorientierten Auge einiges abverlangt. Das Haus besteht aus zum Teil geschlämmten Ziegelwänden und zum Teil aus unverputzten Ziegelmauern, die verschiedene Ornamente, Konstruktionen aufweisen. Aalto selbst bezeichnete das Haus als experimental house, er wollte mit free-form brick construction experimentieren. Dazu kommen Holzschalungen.

Interessant sind also erstens die Ziegelornamente, die wohl in experimenteller Absicht so gestaltet wurde, vielleicht um deren Lebensdauer zu testen. Dabei ist eine Ästhetik herausgekommen, die sich sehen lässt. Sicher hat Aalto beim Arrangement sich von ästhetischen Gesichtspunkten leiten lassen; die Verwandschaft zur abstrakten und konstruktiven Malerei ist deutlich. Er hat auch gebrauchte Ziegel aus Abbruchhäusern verwendet.

Zweitens die Komposition der Unregelmäßigkeit der Formen: Die entstehen nicht durch bloße Schwünge, durch Vermeidung der Geraden, sondern durch den Einsatz stumpfer und spitzer Winkel. Dadurch entsteht der angenehme Eindruck der Ernsthaftigkeit, der durch bloße Rundungen, die organische Architektur auszeichnet, schnell entsteht. Man vermeidet den Eindruck, fürs Gefallen von Dreijährigen zu bauen. Aalto gilt ja auch als organischer Architekt. In seinem experimental house sieht man nichts davon.

Interessant sind drittens die Irriationen: Das Dach ist zum Teil mit Ziegeln, zum Teil mit Teerpappe gedeckt, was die Erwartung von Homogenität stört. Generell haben die Ziegel unterschiedliche Qualitäten, chanchierende Farben, unterschiedliche Größen und gefugte Abstände. Der ganze Innenhof ist ein abstraktes Ziegelbild, das auch bei einem tausendmal geflickten Altbau entstehen kann.

Aalto legt keinen Wert auf optische Perfektion, beispielsweise auf aalglatte weiße Wände, die simpel aussehen, aber nur teuer und mit viel handwerklichem Können zu realisieren sind und nur selten in Würde altern.

Innen überrascht, wie man sagt, das Haus mit billig wirkenden Trennwänden, die die Fugen, die Setzung nicht kaschieren, ähnlich der ostdeutschen Platte. Alto verwendete viel Holz, aber nicht als künstlich bemühte Hochwertigkeit, sondern als authentischer, natürlicher Baustoff. Er verwendete vermutlich einfach das umstehende Holz, Kiefer oder Pinie oder ähnliches. Leitungen liegen ganz selbstverständlich auf Putz.

Der Grundriss ist ein typisches Produkt einer Epoche der Vergesellschaftung: Kleine Schlafräume und ein dominierendes Gemeinschaftszimmer.

Dieses Unfertige hat etwas Angenehmes und man könnte das Haus als Vorreiter einer Unfertigen-Bewegung sehen, die seit einigen Jahren interessante Sachen hervorbringt: Das Brandlhubersche Haus in der Brunnenstraße etwas oder die neue Bibliothek am Kottbusser Tor, um zwei Berliner Beispiele zu nennen. Sicher geht es hier auch darum, die Baukosten zu begrenzen, aber reizvoll ist dabei, dass diese Begrenzungsbemühungen zu einem Plus in der Architektur führen. Unvollkommene Lösungen sind dann vielleicht doch vollkommen oder es ist egal, ob sie vollkommen sind und es ist unklar, was Vollkommenheit ist. Es ist eine Authentizität, die das Gebäude und seine Philosophie schlicht sympathisch macht. Man kann in dem experimental house auch in der Jogginghose herumlungern, und dass das Leben wieder Spaß macht, wenn alles scheißegal ist, muss nicht zwangsläufig nach Delmenhorst führen.

Vielleicht ist Aalto mit diesem Haus der Zeit 50 Jahre voraus gewesen. Alleine der Hinterausgang mit den vier Stufen – zwei aus Granit, zwei aus Gras – lohnte eine Reise. Man könnte übrigens bei solch einem Haus noch am ehesten von Kunst sprechen. Altos andere Sachen sind keine Kunst, sondern sie gehorchen den Regeln der Auftraggeber und sind oft sehr gute Architektur. Das reicht ja auch. Ich weiß nicht, ob sich Aalto mit dem Thema Kunst überhaupt beschäftigt hat. Er wollte gegen die Monotonie der industriellen Welt bauen („that´s the great program of modern architecture!“) und das wäre schon mehr als die künstlerischen Bestrebungen von Architekten, die meist nur lächerliche Bestrebungen sind.

Die perfekte Perfektion begegnet einem bei moderner Architektur oft. Das Bauhaus ist hier Vorreiter, Corbusier natürlich auch, und es stellt sich die Frage, ob man mit diesem Phänomen nicht kritischer umgehen sollte. Perfekte Häuser sollen ja natürlich aussehen, ein selbstverständlicher Baukörper wie die Kataloghäuser aus der Kategorie „Bauhaus“ kommen vermeintlich einfach, natürlich, sperenzchenfrei daher, sie vermeiden alles, was Aufsehen erregen könnte. Natürlich erzeugt genau dieses Daherkommen Aufsehen.

Aaltos Projekt ist auch deshalb so angenehm, weil er mit Vokabeln und Anschauungen operierte, die heute weit weg scheinen. One of the great problems for an architect war für ihn

„to save the human beeing to make individualism to collectivism“

Gleichwohl mir das Englisch nicht korrekt scheint, ist die Zielrichtung klar. Heute ist so eine Aussage nicht mehr möglich und es zeigt einmal mehr die ganze und vollständige und umfassende Katastrophe unserer Zeit.

Das Unperfekte: Mir fällt eine Passage aus Ariadne von Schirachs Buch Du sollst nicht funktionieren ein: Sie beschreibt dort diese typischen aktuellen Frauen, die jeden Tag Stunden damit zubringen, so auszusehen, als würden sie für ihr Äußeres überhaupt nichts tun:

Sie sehen so reizend aus, so frisch und modern und irgendwie anständig, dass einem vor Bewunderung ganz angst und bange wird. Doch würde man sie darauf ansprechen, wüssten sie nur zu sagen: So bin ich eben. Und das ist nichts als eine miese kleine Lüge, die in aller Beiläufigkeit die ganze Arbeit verschleiert, die hinter dieser lässigen Perfektion steckt: die ausgedehnte Körperpflege, das strike Essregime,die unendliche Zeit,die aufgewendet wird, immer up to date zu sein.

Die Suche nach Authentizität, die ins Gegenteil mündet. Die einzig mögliche Vorstellung von Authentizität ist hier die Perfektion. Perfekte Frauen und perfekte Häuser: Beide kann man sich kurz und intensiv anschauen. Längeres Bewohnen ist zu vermeiden.

Auf nach Muuratsalo.

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Randbemerkung zur regressiven Gesellschaft

Eine Meldung aus Absurdistan, auch Deutschland genannt: Das Bundesverkehrsministerium will prüfen, ob man „in bestimmten Fällen“ das Rechtsabbiegen bei roter Ampel für Radfahrer erlauben kann. Was in jedem halbwegs vernünftigen Land kein Thema wäre, weil Radfahrer einfach abbiegen, wenn kein Auto kommt, wird im nach wie vor führeraffinen Deutschland in die Bürokratiemühle gebracht. Die Prüfung soll das Bundesamt für Straßenwesen vornehmen; vermutlich zieht sich das über mehrere Jahre und ein paar Millionen Euro hin. Danach wird man an bundesweit fünf ausgewählten Kreuzungen diesen Pfeil aufhängen, inklusive schöner Fotos mit Dobrindt und Konsorten.

Ganz wichtig dabei, allen Ernstes: Der Radler muss auch mit dem Pfeil auf alle Fälle anhalten, analog zum Stopp-Schild.

Die totale Bürokratie, die totale Verwaltung, die Angstbesetzheit sprechen bei solchen Meldungen Bände, wie man sagt.

Toll auch die Ampeln, die in Berlin in den letzten Jahren extra fürs Radfahrerrechtsabbiegen installiert werden. An Ecken, an denen man jahrelang völlig gefahrlos einfach in die Nebenstraße abgebogen ist, hängen nun diese kleinen Ampeln. Vermutlich wurde auch hier vorher millionenschwer geforscht.

Eine Gesellschaft, die sich so verhält, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, um das umgangssprachlich zu formulieren. Es sind Lebensbereich, die keiner Regulierung bedürfen. Es ist die heimliche Sehnsucht nach dem totalitären Führer, der diese Verwaltungsorgien in die Praxis setzt.

„Morgens, halb acht in Deutschland: Der tägliche Kampf um die Straße kann beginnen.“

schreibt die FAZ dazu. Ohne Kampf geht nichts in Deutschland. Ob man kampftrinkt oder beim Feiern am Wochenende Vollgas gibt. Ohne Härte fehlt die Existenzberechtigung. Und diesen Kampf kann man in Deutschland offenbar nur via totaler Kontrolle zurückdrehen.

Das Ergebnis dieses Führerkults: Wer sich vernünftig und umsichtig verhält, wer also bei rot mit dem Rad rechts abbiegt, zahlt 150 Euro und bekommt allen Ernstes Punkte im sogenannten Flensburg. Man könnte in Kreuzberg oder Friedrichshain täglich tausende Strafzettel verteilen, es bleibt wohl bei ein paar wenigen. Vermutlich fände die Mehrheit der Deutschen die tausend Strafzettel in Ordnung. Gesetze sind nunmal zum einhalten da.

Südländern fällt im deutschen Straßenverkehr häufig die Aggressivität auf. Jemanden, der sich nicht regelkonform verhält, darf man umfahren. Auch das gehört zur deutschen Ordnung. Ein Sizilianer meinte kürzlich, dass eine solche Aggressivität wie im Berliner Verkehr auf den Straßen seiner Heimatinsel nicht vorstellbar sei. Dort macht jeder, was er will, aber mit Umsicht. Ähnlich äußerte sich eine Syrerin, als sie fast von einem Radfahrer umgemäht wurde, weil sie auf dem Radweg ging. Bevor ein deutscher Radfahrer in einem solchen Fall seine Klingel betätigt, fährt er den Menschen lieber über den Haufen. Er ist ja im Recht.

Shared space – also das Konzept, wonach alle mit einer einzigen Regel, nämlich der der Rücksichtnahme, sich die Straße teilen – wäre so eine Art Prüfung: Wo das möglich ist, besteht noch Hoffnung. Hierzulande naturgemäß nicht.

Verglichen mit einer anderen zeitnahen, wie man sagt, Meldung, bekommen die Ampelpläne noch eine andere Dimension:

Spekulanten handeln Wohnungen wie Aktien und dazu steuerfrei – auch die „Deutsche Wohnen“ schreibt der Tagesspiegel und ergänzt:

Scharf auf Wohnungen in Berlin sind längst international agierende Spekulanten, die das dazu nötige Kapital von der Börse oder von Banken bekommen, die das Geld in Zeiten von Niedrigzinsen fast zum Nulltarif auskehren. Bei diesen Deals werden Wohnungen zu tausenden in „Fonds“ geparkt und diese werden fast wie Aktien gehandelt: Sie haben eine „Rendite“, das sind die aktuellen Mieteinnahmen. Und sie haben „Phantasie“, die aus dem Versprechen besteht, die Mieten der Wohnungen zu erhöhen – die Berliner sollen also zahlen.

Bis nach China hat es sich herumgesprochen, dass Spekulanten in Berlin willkommen sind: Der chinesische Staatsfonds CIC kaufte Ende vergangenen Jahres einen Fonds mit 16.000 Wohnungen, den die US-Investmentbank Morgan Stanley aufgebaut hatte. Die Wohnhäuser aus dem Paket stehen in Berlin, aber auch in Köln, Kiel und Rendsburg – fast 1,2 Milliarden Euro bezahlten die Chinesen.

Da also, wo tatsächlich Regelungen nötig wären, wird nichts getan. Es wäre ein Wunder, würde rot-rot-grün in Berlin da etwas unternehmen. Der Staat als vornehmster Förderer des Kapitals bleibt sich treu. Man könnte es jenseits dieses Dogmas auch so sehen: Es gibt Aufgaben, in denen der Staat als Vertretung der Gesellschaft gefragt ist und es gibt solche, in denen er die Klappe halten kann. Der deutsche Staat ist traditionell der, der sich über letztere ausgiebig Gedanken macht, der deutsche Spießer applaudiert. Oder anders gesagt: Der deutsche Spießer ist der, der Regelungen nur einhundertprozentig anerkennen kann. Die Unterscheidung zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen ist dem gemeinen Deutschen nicht möglich. Er braucht die totale Kontrolle, die totale Unterwerfung, die totale Bestrafung.

Wohnen regelt der Markt, man arbeitet sich lieber am Radfahrerpfeil ab. Irgendwas will man als Politiker im Kapitalismus halt im Griff haben.

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Vom neoliberalen Hochkrempeln und Knöchelchen zeigen

Kürzlich las ich in einem trendy Modeblog, dass es neoliberal sei, wenn Frauen sich enge Hosen, gar Leggings anziehen, die ein wenig hochkrempeln und man dann dünne nackte Beinchen mit Knöchelchen zu sehen bekommt. Die Socken werden ja auch immer kürzer.

Natürlich müssen diese Frauen dünn sein.

Leider stellte ich dann fest, dass mir diese dünnen nackten Knöchelbeinchen mit den immer kürzer werdenden Socken schon gefielen, bevor ich den Artikel in dem trendy Modeblog las. Diese Modedesigner beherrschen ihre Kunst, das muss man so sagen. Sie machen auch unförmige Frauen attraktiv. Sie machen die Attraktivität von Frauen selbstverständlich.

Ich fordere also gegen meinen Willen die totale Neoliberalisierung der Frau.

Ich werde noch heute Abbitte leisten. Am besten auf den Gehsteigen in Prenzlauer Berg und Friedrichshain.

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Vom Nichtfunktionieren

„Du sollst nicht funktionieren“

ist der Titel eines 9,95-Euro-Buches, das ich mir kürzlich im Vorbeigehen einsteckte. Wie man das mit 9,95-Euro-Büchern in Zeiten, in denen eine Ausgabe der Süddeutschen Zeitung schon 2,70 Euro kostet,  so macht. Der Titel klingt interessant, geradezu subversiv, und bevor ich zu lesen beginne, schaue ich mir auf Seite 2 den Lebenslauf der Autorin an.

Ariadne von Schirach heißt sie, 1978 geboren, Philosophin, lehrt an der Berliner Universität der Künste, ist auch freie Journalistin für das Deutschlandradio und das Philosophie Magazin. Schon 2007 hat sie einen Bestseller geschrieben.

Der Buchrücken zitiert aus Kritiken der FASZ („Der Autorin geht es um das große Ganze“), der Zeit („Dieses kleine Buch sagt: Es ist alles noch da. Die Schönheit ist noch da und der Mut ist noch da und die Zukunft ist noch da.“) und der FAZ („Der Essay ist eine furiose Anstiftung, das Leben zu wagen, anstatt es zu verwalten“).

Ich habe den Eindruck, als funktionierte Frau von Schirach inklusive ihrer PR-Abteilung ziemlich gut. Sie hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt – ihr Opa ist der Nazi-Schirach, der in Nürnberg freigesprochen wurde, was zu Betrachtungen über Kontinuitäten Anlass geben könnte -, ist vermutlich bestens vernetzt, wie man sagt, bekommt Kritiken in allen relevanten Medien und ist allzeit bereit. Würde sie eine Zeitlang nicht funktionieren, wäre sie raus aus dem Geschäft. Von Schirach schafft eine Projektionsfläche, sie nutzt die Attraktivität der Vorstellung vom Nichtfunktionieren in einer Zeit, in der solche Leute nicht im Traum daran denken, das Smartphone für eine Viertelstunde aus der Hand zu legen oder nicht auch Sonntags Morgens unverfügbar zu sein. Vermute ich.

Auf den ersten Seiten geht es darum, dass ein Vierjähriger behauptet, es sei schön, dass er auf der Welt ist. Außerdem sei er einzigartig. Das Geplapper von der Einzigartigkeit des Individuums wird man in ein paar Jahrzehnten als dunkles Signum der Epoche werten.

Da ich bei Frau von Schirach bislang nur bis Seite 20 vorgestoßen bin, enthalte ich mich eines umfassenden Urteils. Im vorläufigen dominiert der Eindruck, ein schönes Zeitdokument in der Hand zu halten: Man propagiert das Nichtfunktionieren, das man aufmerksamkeitsökonomisch nur um den Preis des totalen Funktionierens propagieren kann.

Vielleicht ist das Buch nur eine weitere Facette der smart daherkommenden und damit um so umfassenderen Neoliberalisierung der Gesellschaften. So wie wir im Kapitalismus als einem Naturzustand leben, so leben wir in einer liberalen Gesellschaft, in der man individuell entscheidet, ob man gerade funktonieren will oder nicht. Die Frau ist Philosophin, legt die Latte also selbst ziemlich hoch.

Nett jedenfalls, wie eine Käuferin auf Amazon das Buch rezensiert:

Gefällt mir gut
pünktlich Lieferung – gute Abwicklung
Produkt wie beschrieben

Die Ameisen bei Amazon haben offenbar gut funktioniert. Zeilen dieser Art haben mehr Inhalt als 1.000 Seiten Theorie.

Der Untertitel des Buches lautet übrigens: „Für eine neue Lebenskunst“. Die Latte liegt hoch oder, beim Begriff Lebenskunst, vielleicht auch ziemlich tief.

Immerhin: Das Literaturverzeichnis hinten verspricht Interessantes. Und, wie gesagt: Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich werde sehen.

 

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Murphy´s House

So kann postmoderne Architektur im Sinne einer ernstzunehmenden Weiterentwicklung der Moderne aussehen:

Das Haus wurde vom Royal Institute of British Architects zum house of the year 2016 erklärt.

Das Moderne in der Architektur ist hier klar gebrochen: Ziegel, Holz, Glasbaustein, Stahl uznd mehr in einer kleinen Front. Kein reiner Kubus, sondern ein aufgesetztes Dreieck, Granitverblendungen mal verfugt, mal nicht verfugt und so weiter und so fort. Eine ernstzunehmende Postmoderne wäre genau das: nicht das Zitieren von diesem und jenem, nicht das gegenseitige Versichern des Erkennens von Stilandeutungen des bürgerlichen Kanons, nicht das bloße Herausreißen aus seinerzeit funktionierenden, authentischen Zusammenhängen, sondern eine Kulisse von Störungen, von ästhetischen Zumutungen. Es passt nicht auf den ersten Blick, es ist nicht sofort verwertbar, was ich da sehe. Es ist eine Melange, die durchaus Sinn ergeben kann – soviel weiß ich auf den ersten Blick – aber das Entschlüsseln braucht Zeit, bedeutet Mühe, und das sorgt für Störgefühle, die so notwendig sind.

Der Architekt Richard Murphy hat das Haus für sich selbst gebaut und es in dem  Video eine Freude zu sehen, wie er durchs Haus führt und auf die vielen Details aufmerksam macht, praktisch und bemerkenswert designt.

Man könnte diese Architektur auch als ernstzunehmenden Dekonstruktivismus bezeichnen. Kein stilistisches Geplapper, kein Aufmerksamkeitsheischen, kein Primat der Oberfläche, sondern tiefe Beziehungen, Strukturen, eine Ernsthaftigkeit in der Praxis, im Gebrauch, Achtung und Respekt vorm Nutzer, nicht vorm desinteressierten Passanten. Und so sehen wir ein Gebäude, dessen hervorstechendste optische Eigenschaft das Unfertige ist. Es ist kein Bau, der auf den ersten Blick Wohlgefallen auslöst. Zumindest nicht, wenn man Perfektionismus sucht, eine banal durchgehaltene Idee. Das Gebäude erinnert auch an die unfertige Self-Made-Architektur ärmerer Länder.

Irgendwie kann man sich nicht so ganz vorstellen, dass der BDA so eine Kiste zum Haus des Jahrs erklären würde.

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Ihre grössten Erfolge

Regula Lüscher war bis zum Regierungswechsel in Berlin Senatsbaudirektorin. Vor drei Wochen gab sie dem Schweizer Tagesanzeiger ein Interview und bilanzierte ihre Amtszeit. Zu ihren größten Erfolgen befragt, sagte sie:

Ich habe im grössten Stadtentwicklungsgebiet, das ich verantworte, am Hauptbahnhof, vor dem Regierungswechsel noch alle Bebauungspläne durchs Parlament gebracht, als abgeschlossenes Paket. Ich konnte zum Ende der Legislatur also alles beenden, was ich mir vorgenommen hatte.

Am Hauptbahnhof entsteht derzeit ein neues Stadtviertel mit dem so bezeichnenden wie dämlichen Namen „Europacity, wie es langweiliger und profitorientierter nicht sein könnte. Büros, Hotels und teure Wohnungen in banaler, neureicher Architektur, sonst nichts. Dass Lüscher das als einen ihrer drei „größten Erfolge“ herausstreicht, ist bezeichnend für Berlin. Warum kommt aus der architektonisch bemerkenswerten Schweiz ausgerechnet die offensichtlich schlechteste Architektin in die preußische Wüste? Steckt eine Veschwörung dahinter? Wurde die Frau outgesourct?

Die obige Verlinkung zeigt auch den Hardcore-Pfusch, den diese Frau ebenfalls zu verantworten hat. Der Verdacht des Outsourcens von Lüscher nach Deutschland erhärtet sich angesichts solcher Bilder, aufgenommen in der Europacity:

img_3265Dieses Bild macht immer wieder aufs Neue fassungslos. Ein Granitblock, der eine tragende Funktion suggerieren soll, dann aber kurz vorm Boden abbricht. Postmoderne als Bauschlamperei. Besser noch: Das darunterliegene Wassergitter verunmöglicht die Möglichkeit des Stützens. Der Granitblock bricht übrigens ab, weil er der seriellen Norm entspricht, die leichte Bodenunebenheiten nunmal nicht toleriert. Schöne neue Welt.

Diese Tante scheint auf das neue Stadtviertel allen Ernstes Stolz zu sein. Es ist eine Kampfansage an die soziale Stadt, an ästhetisches Empfinden, also an das, was man hier objektiv braucht. Sie schleicht sich nicht etwa in Sack und Asche aus Berlin, sondern betont dieses Schrottviertel auch noch als Erfolg.

Ein abgeschlossenes Paket im Städtebau ist übrigens selten Garant für gute Architektur und guten Städtebau. Work in progress ist ein gutes Mittel, Mittelmaß zu verhindern. Aber das checkt Lüscher nicht. Wie kommt so jemand zu solch einem Posten?

Im Interview sagt sie:

Einer Schweizer Architektin eilt zudem typischerweise ein gewisses Renommee voraus.

Was offenbar nicht immer gerechtfertigt ist. Als Schweizer Architektin hätte sie die Schweizer Ablehnung historisierender Architektur in Berlin einbringen können. War wohl nix. Warum gibt es in Berlin eigentlich einen Senatsbaudirektor und einen Stadtentwicklungsdirektor? Sprechen die sich ab?

Zu alldem passt vielleicht ins Bild, das der Tagesanzeiger von ihr gedruckt hat: Typ strenge Oberstudienrätin, bei der lustigerweise ihre strenge Köprerhaltung dazu führt, das sich ihr Strickjäcklein so weit öffnet, dass man sich fragt, ob sich unter der Bluse Sehenswertes verbirgt.

Wäre ja immerhin eine Qualität.

(Foto: genova 2015)

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IS, pi-news, Erdogan, Höcke: von Unterschieden und Gemeinsamkeiten

Immer wieder interessant, wie sehr deutsche Rechtsradikale und muslimische Rechtsradikale – sei es in der IS-, sei es in der Erdogan-Auslegung – einer Meinung sind. Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel sitzt bekanntlich in der Türkei in Haft. Grund sind seine Zeitungsartikel. Von einem Rechtsstaat kann da nicht mehr die Rede sein. Was machen die Nazis des deutschen Blogs pi-news? Unter dem Claim „Für Demokratie und Menschenrechte“ das hier:

Deniz Yücel soll gern lebenslang sitzen!

Meinethalben kann Yücel lebenslang absitzen. Das wäre nur gerecht, wenn man sich erinnert, dass er Thilo Sarrazin auf übelste Art und Weise den Tod gewünscht hat. Eine bodenlose Unverschämtheit und Frechheit sondersgleichen! Solche Lumpen brauchen wir hier nicht – weder als Journalisten noch als Bürger!

Weil Yücel etwas über Sarrazin sagte, soll er nun in der Türkei lebenslang bekommen. In den Kommentaren wird dann sein Tod gefordert, er möge im Gefängnis „verrecken“ und so weiter.

pi-news als islamfeindlicher Blog könnte die Yücel-Verhaftung als Gelegenheit nutzen, für Menschenrechte und gegen den Islam zu wettern. Der Hass auf einen linken Deutsch-Türken und Vertreter der Lügenpresse ist da allerdings zu groß. Die Entscheidung fällt offenbar leicht. Und so wächst zusammen, was zusammen gehört.

pi-news kann man als Sponsor von Pegida bezeichnen. Es zeigt sich hier einmal mehr die Strategie der aktualisierten deutschen Nazis, die an Hitler erinnert, der noch im Sommer 1939 sagte, dass er doch gar keinen Krieg wolle. „Demokratie und Menschenrechte“ sind das Grundgesetz von pi-news.

AfD, Pegida und Co. als Dauerlügner. Die Lüge ist legitim, solange sie dem Feind schadet und der eigenen Sache dient. Man kann dann auch problemlos behaupten, man trete für Demokratie und Menschenrechte ein. Notfalls legt man das so aus, dass Demokratie und Menschenrechte nur für die Leute gelten, die sich für das Volk halten. Die anderen sind Volksverräter – „Untermenschen“ trauen sie sich noch nicht – und somit ausgenommen.

Es ist ein eigenartiges Phänomen, dass IS-Kameraden, Erdogan-Kameraden und AfD-Kameraden sich zwar offziell ideologisch bekämpfen, aber doch nur Brüder im Geiste sind. Es geht immer um einen konstruierten Feind, der ausgeschaltet werden muss, um Lüge, um Wahn, vielleicht kann man einfach sagen: um das Böse. Ob man nun an den deutschen Herrenmenschen glaubt oder an einen Allah in der IS-Exegese oder an einen in der Erdogan-Exegese, ist egal. Demokratie und Menschenrechte sind die Erzfeinde dieser Leute.

Wobei man – und jetzt kommt der Unterschied – den IS-Leuten mehr Ehrlichkeit zubilligen muss als AfD und Erdogan: Die legen den Koran extrem aus und finden vermutlich Textpassagen, die das Enthaupten von Ungläubigen legitimieren. Die sagen das dann genau so. IS-Leute leben ihren Wahn, ihren Hass offen aus. Deutsche Rechtsradikale sind so peinlich, dass sie allen Ernstes irgendwas von Rechtsstaat, Demokratie, Menschenrechten und Rettung des christlichen Abendlandes erzählen. Hassen die Rechtsradikalen 68 deshalb, weil sie selbst den Untermenschen nicht mehr offziell hassen dürfen? Bei pi-news, auf Facebook und anderswo ist zwar täglich offensichtlich, dass sie vom IS-Niveau nicht weit entfernt sind, aber das muss man offenbar immer vertuschen. Bernd Höcke entschuldigt sich für seine Dresdner Rede. Da hat er sie erst so schön zusammengebastelt, dass auch der Holocaust-Leugner und der Holocaust-Verteidiger zustimmend nicken können und dann rudert er zurück, die Flasche.

Erdogan ist eine ähnliche Flasche, der behauptet auch, die Demokratie verteidigen zu wollen. Und Yücel sitzt nur, weil er Terrororganisationen half. Nicht etwa, weil er kritisch berichtete. Kritisch berichten ist ok, sagt Erdogan. Sagt auch die AfD.

Das würde der IS nie sagen.

Andererseits: Dieses Zurückrudern festigt den inneren Zusammenhalt. Jedes Zurückrudern wird von den Rechtsradikalen als Beleg für ihre These gewertet, dass die Linksgrünversifften zuviel Macht haben. Dann sind sie, die aufrechten Deutschen, das Opfer. Und Opfer zu sein ist diesen Leuten das wichtigste. Erdogan wird von türkischen Menschenrechtlern und Linken ähnliches behaupten. Die sind zu stark und Erdogan wehrt sich doch nur.

Der IS ist da einen Schritt weiter. Er ist Täter und steht dazu. Da sind die Fronten klar.

AfD, pi-news und Co. dagegen behaupten nach wie vor, für Demokratie und Menschenrechte einzutreten. Das könnte man als einen Erfolg der zivilisierten Gesellschaft betrachten: Es gibt rote Linien, die man nicht überschreiten darf, wenn man eine relevante gesellschaftliche Kraft sein will. Da jedoch das Innenleben dieser Kameraden von Zivilität weit entfernt ist, dient die Lüge nur als notwendige Kaschierung, um gesellschaftliche Bedeutung zu erlangen. Diese Doppelbödigkeit wird von den Rechtsradikalen allzeit erkannt, erfühlt. Ob Höcke von afrikanischen R-Strategken/Insekten spricht oder vom Holocaust: Die zweite Ebene ist überall eingebaut und ihre Notwendigkeit belegt für diese Leute die Existenz der übermächtigen Linken.

Insofern ist es gut möglich, dass man mit einem IS rhetorisch besser klarkommt. Man redet Tacheles. Man kann mit solchen Leuten dann diskutieren, ob man jemanden enthaupten soll, weil er an den falschen Gott glaubt. Es mögen dann unüberbrückbare inhaltliche Differenzen auftreten, aber man versteht sich. Mit einem Erdogan über Pressefreiheit zu diskutieren, ist schwierig, wenn er allen Ernstes behauptet, die Türkei sei das Land mit der größten Pressefreiheit auf der Welt.

Insofern kann man Höcke nur auffordern, auch Tacheles zu reden, den doppelten Boden wegzulassen.

Möge ihm der Mob von pi-news als Vorbild dienen.

(Fotos: genova 2015)

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Vom Gendern und vom Kentern

Eigentlich existiert politische Korrektheit nicht. Anders gesagt: Man kann diese Leute ganz gut ignorieren. Oder man konnte es: Der Tagesspiegel berichtet über einen politischen Vorstoß der SPD, der an einen Aprilscherz glauben lässt:

Gendern soll in immer mehr Bezirken Pflicht werden

„Es ist wichtig, dass Sprache jeden einschließt, gerade bei Anträgen“, sagt Jules Rothe, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in Mitte. „Nur männliche Wörter zu verwenden, erweckt den Anschein, als betreffe der Antrag nur die männliche Bevölkerung. Das stimmt aber nicht.“ Rothe beantragte mit der Vorsitzenden Martina Matischok-Yesilcimen, dass in der Tagesordnung der BVV Mitte nur Anträge bearbeitet werden, die eine gegenderte, also eine geschlechtsneutrale Sprache nutzen.

124Die Partei, die entscheidend dazu beigetragen hat, soziale konnotierte Begriffe semantisch ins Gegenteil zu wenden – Reformen, Reformstau, Leistungsträger, schlanker Staat, Vollkasko-Mentalität oder Jobcenter, um nur ein paar zu nennen – wollen nun also politische Anträge, die nicht in ihrer Gesinnung getippt wurden, nicht diskutieren müssen. Die Partei, die seit mindestens 15 Jahren zeigt, dass ihr semantische Verrohung und Orwellschisierung egal sind, gibt sich nun heroisch (wobei „heroisch“ vermutlich auch Frauen diskriminert).

Diese Leute, die die Barbarisierung der Gesellschaft via neoliberaler Politik immer weiter vorantreiben, wollen – vorläufig im Parlament – all jene politisch mundtot machen, die nicht mit Sternchen und I und ähnlichem reden. Man glaubt es kaum.

Es ist eine Sprache, die eine kleine Gruppe merkwürdiger Leute seit 30 Jahren in der Gesellschaft verankern will. Seit 30 Jahren nimmt die Gesellschaft davon praktisch keine Notiz: Fast niemand redet oder schreibt so. Die Erfolglosigkeit ihres Unterfangens vor Augen, wollen sie nun wenigstens in der kleinen Sphäre der Lokalpolitik ihr lächerliches Verständnis von Sprache per Zwang durchdrücken.

Bislang lief das ja so, dass alle so schreiben und reden, wie sie wollen. Eigentlich ok so. Das ist diesen Leuten aber ein Graus. Leute mit zuviel Sendungsbewusstsein.

In Berliner senatsnahen Meetings reden ein paar ganz Fleißige tatsächlich von „Arbeitnehmenden“ und ähnlichem. Geilomat. Aber egal, solange das niemandem aufgezwungen wird.

Dieses Gendern ist Teil einer pseudolinken Bewegung, die im Kontext des scheinbaren Schutzes von Minderheiten und quasi-religiöser Abbitte daherkommt. Da wird es in manchen US-amerikanischen Mensen schon zum Problem, wenn ein weißer Koch Sushi anbietet – eine böse kulturelle Aneignung. Diese Aneignung zu erzwingen, wie im Falle der Gendersprache, ist allerdings kein Problem, sondern moralisch geboten. Man gehört ja zu den Guten, das steht außer Frage. Wer sich danebenbenimmt – wer das ist, bestimmen die Guten – muss öffentlich und knierutschend Abbitte leisten, dann drückt man ein Auge zu.

Und dieses Gendern ist Teil einer allgemeinen Verwirrung, wie sie in diversen Aspekten zum Tragen kommt. Aus dem Schutz von Schwachen und ihrer Instandsetzung wird Zeigefingermoralismus ohne ernstzunehmden sozialen und gesellschaftlichen Bezug. Ähnliches passiert mit dem genuin linken Begriff des Internationalismus, wenn sich der Neoliberalismus seiner bemächtigt und daraus Globalisierung macht. Pseudo-linke, die keine gesellschaftlichen Vorstellungen mehr haben, sondern das Individuum nur noch religiös verbrämt denken, sind unfähig, der neoliberalen Globalisierung entgegenzutreten. So ist bei manchen dieser Leuten Kritik an TTIP nur Nationalismus.

Es fehlt diesem Denken der gesellschaftliche Bezug, es geht um Dogmen. Vielleicht ist das, um auf die Berliner Lokal-SPD küchenpsychologisch so zu erklären: Diese Leute wissen in stillen Momenten ganz genau, wie scheiße ihre Politik ist. Als so eine Art Wiedergutmachung kümmern sie sich nun ums I. Dass eine ernstzunehmende Linke kaum noch existiert, wundert angesichts solcher Meldungen nicht. Vom Gendern zum Kentern.

Man kann manchmal schon das Gefühl bekommen, dass in Politik nur noch intellektueller Ausschuss landet – auch jenseits der AfD.

(Foto: genova 2015)

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