Die Wohnungsfrage: Engels contra Proudhon

Der Streit zwischen Hardcore-Linken und den Gemäßigten ist alt und oft wohl müßig. Es geht dabei immer um den Grad der Kritik am Kapitalismus: Darf man ihn nur in toto verdammen oder kann man ihn partiell kritisieren?

Einen netten Einblick in diese Auseinandersetzung bekommt man in dem Text „Die Wohnungsfrage“, von Friedrich Engels 1872 geschrieben. Er setzt sich dort mit dem französischen Sozialisten oder Anarchisten oder Ökonom Pierre-Joseph Proudhon auseinander. Es geht um den ökonomischen Aspekt des Bauens und Mietens.

Die Ausgangslage beschreibt Engels so:

Wir haben es mit einem ganz gewöhnlichen Warengeschäft zwischen zwei Bürgern zu tun, und dies Geschäft wickelt sich ab nach den ökonomischen Gesetzen, die den Warenverkauf überhaupt regeln, und speziell den Verkauf der Ware: Grundbesitz. Die Bau- und Unterhaltskosten des Hauses oder des betreffenden Hausteils kommen zuerst in Anrechnung; der durch die mehr oder weniger günstige Lage des Hauses bedingte Bodenwert kommt in zweiter Linie; der augenblickliche Stand des Verhältnisses zwischen Nachfrage und Angebot entscheidet schließlich.

Soweit die Erklärung Engels, der sich Proudhon vermutlich angeschlossen hätte. Merkwürdigerweise macht Engels dann dieses Fass auf:

Dies einfache ökonomische Verhältnis drückt sich im Kopf unsres Proudhonisten folgendermaßen aus:

Im Folgenden zitiert er Proudhon

„Das einmal gebaute Haus dient als ewiger Rechtstitel auf einen bestimmten Bruchteil der gesellschaftlichen Arbeit, wenn auch der wirkliche Wert des Hauses längst schon mehr als genügend in der Form des Mietzinses an den Besitzer gezahlt wurde. So kommt es, daß ein Haus, welches z.B. vor 50 Jahren gebaut wurde, während dieser Zeit in dem Ertrag seines Mietzinses zwei-, drei-, fünf-, zehnmal usw. den ursprünglichen Kostenpreis deckte.“

Eine, wie ich finde, nachvollziehbare Erklärung von Proudhon. Es gibt reale Baukosten, die sich aus den Arbeiterlöhnen und den Materialkosten zusammensetzen. Das ist klar kalkulierbar und das ergibt den realen Baupreis, der von den Mietern zu bezahlen ist. Der Besitzer des Hauses hat aufgrund der ökonomisch-juristischen Tatsachen die Möglichkeit der permanenten Ausbeutung der Mieter, jenseits der faktischen Kosten.

Wie reagiert Engels darauf?

So:

Hier haben wir gleich den ganzen Proudhon. Erstens wird vergessen, daß die Hausmiete nicht nur die Kosten des Hausbaus zu verzinsen, sondern auch Reparaturen und den durchschnittlichen Betrag schlechter Schulden, unbezahlter Mieten, sowie des gelegentlichen Leerstehens der Wohnung zu decken, und endlich das in einem vergänglichen, mit der Zeit unbewohnbar und wertlos werdenden Hause angelegte Baukapital in jährlichen Raten abzutragen hat.

Engels übernimmt hier gegen Proudhon Argumente der Kapitalseite, die allerdings läppisch sind. Zu dem ursprünglichen Kostenpreis kommen dann eben noch die Kosten für Reparaturen, Modernisierungen, Leerstand usw. Das ändert nichts am grundlegenden Verhältnis, das Proudhon beschreibt, sondern bedeutet nur, dass der Kostenpreis ein wenig höher liegt. Der Einwand von Engels ist also sinnlos.

Weiter geht´s mit Engels Kritik:

Zweitens wird vergessen, daß die Wohnungsmiete ebenfalls den Wertaufschlag des Grundstücks, auf dem das Haus steht, mit zu verzinsen hat, daß also ein Teil davon in Grundrente besteht.

Noch ein Argument der Kapitalseite. Die Miete hat den Wertaufschlag des Grundstücks nur aus kapitalistischer Perspektive zu verzinsen. Warum Proudhon diese einnehmen soll, ist mir schleierhaft.

Und weiter:

Unser Proudhonist erklärt zwar sogleich, daß dieser Wertaufschlag, da er ohne Zutun des Grundeigentümers bewirkt, von Rechts wegen nicht ihm, sondern der Gesellschaft gehört; er übersieht aber, daß er damit in Wirklichkeit die Abschaffung des Grundeigentums verlangt, ein Punkt, auf den näher einzugehn uns hier zu weit führen würde.

Was Engels nun gegen die Abschaffung des Grundeigentums einzuwenden hat, erschließt sich mir ebensowenig.

Endlich übersieht er, daß es sich bei dem ganzen Geschäft gar nicht darum handelt, dem Eigentümer das Haus abzukaufen, sondern nur dessen Nießbrauch für eine bestimmte Zeit.

Exakt dies sagt Proudhon. Dessen Argument war ja, dass die Summe der Nießbräuche zur x-fachen Bezahlung der realen Kosten führt.

Proudhon, der sich nie um die wirklichen, tatsächlichen Bedingungen kümmerte, unter denen irgendeine ökonomische Erscheinung vor sich geht, kann sich natürlich auch nicht erklären, wie der ursprüngliche Kostpreis eines Hauses unter Umständen in der Gestalt von Miete in fünfzig Jahren zehnmal bezahlt wird.

Doch, Proudhon kann sich das erklären. Zumindest sehe ich in den zitierten Passagen keinen Hinweis darauf, dass er das nicht könnte. Nur kritisiert er es zugleich.

Anstatt diese gar nicht schwere Frage ökonomisch zu untersuchen und festzustellen, ob sie wirklich und wieso mit den ökonomischen Gesetzen in Widerspruch steht, hilft er sich durch einen kühnen Sprung aus der Ökonomie in die Juristerei: „das einmal gebaute Haus dient als ewiger Rechtstitel“ auf bestimmte jährliche Zahlung. Wie das zustande kommt, wie das Haus ein Rechtstitel wird, davon schweigt Proudhon.

Vielleicht sind wir heute im allgemeinen Wissensstand weiter, jedenfalls ist uns heute völlig klar, wie es es zu diesem Rechtstitel kommt. Es ist der Staat im Kapitalismus, der für die ensprechenden juristischen Flankierungen der Renditelogik sorgt.

Und doch ist es das gerade, was er hätte aufklären müssen. Hätte er es untersucht, so würde er gefunden haben, daß alle Rechtstitel in der Welt, und wenn sie noch so ewig, einem Hause nicht die Macht verleihen, seinen Kostpreis in fünfzig Jahren zehnmal in Gestalt von Miete bezahlt zu erhalten, sondern daß bloß ökonomische Bedingungen (die in Gestalt von Rechtstiteln gesellschaftlich anerkannt sein mögen) dies zustande bringen können Und damit war er wieder so weit wie am Anfang.

Diese gesellschaftliche Anerkennung von Rechtstiteln ist der entscheidende Punkt, den Engels hier einräumt, womit er die eigene Kritik an Proudhon in diesem Punkt implizit zurücknimmt. Der Staat kann die rechtlichen Flankierungen ökonomischer Bedingungen gestalten. Beispielsweise dahingehend, dass er die Rendite im Wohnungssektor komplett abschöpft. Tut er aber nicht, was konkrete Auswirkungen auf die ökonomischen Bedingungen hat.

Viel heiße Luft um nichts. Proudhon beschreibt reale gesellschaftliche Verhältnisse und kritisiert diese, Engels beharrt darauf, dass Proudhon die kapitalistische Logik anerkennen möge. Und die dann insgesamt umschmeißen.

img_3339Natürlich kann ich die kapitalistische Logik partiell kritisieren. Beispielsweise im sogenannten Wohnungsmarkt, der aufgrund seiner immobilen Beschaffenheit kein Markt ist. Und natürlich kann ich einen Unterschied zwischen diesem Wohnungsmarkt und meinetwegen dem Automarkt machen, der mir immerhin erlaubt, umstandslos ein Auto meiner Wahl zu kaufen – von der Luxuslimousine bis runter zum Gebrauchtwagen für 1.000 Euro. Der Wohnungsmarkt in Ballungszentren erlaubt mir sozusagen nur den Erwerb eines VW Golf für den Preis einer Mercedes S-Klasse. Und selbst auf den muss ich jahrelang warten.

Wir haben also einen Immobilienmarkt, der die x-fache Überhöhung der realen Kosten ermöglicht und so ein paar Leuten extreme Gewinne ermöglicht, und wir haben in vielen anderen Bereichen reale Konkurrenzsituationen, die die finanziellen Verhältnisse einigermaßen im Lot behalten.

Die Frage ist vielmehr die: Ist der Kapitalismus auf Dauer insofern zähmbar, als dass man bestimmte Bereiche nichtkapitalistisch organisieren kann? Beispielsweise den Wohnungssektor? Oder ist er eine solch gefräßige Maschine, die aus der inneren Struktur (also die permanente Verwertung des Wertes) heraus nicht anders kann, als sich die komplette Welt gefügig zu machen.

Man kann es sich einfach machen und den Kapitalismus mit markigen Worten ablehnen. Dann sind wir vermutlich beim Salonsozialismus, also bei Leuten, die sich über Theoretisiererei freuen, aber die Verhältnisse insgeheim ganz ok finden. Bitte keine reale Veränderung, dafür um so mehr intellektuelle Waghalsigkeit.

Oder man dockt an den realen Verhältnissen an. Das versuchte, so mein Eindruck, Proudhon an dieser Stelle.

Man kann Engels darüberhinaus auch formal kritisieren: Er versucht, Proudhon lächerlich zu machen und er macht das ziemlich aggressiv. Kein inhaltliches Argument ohne persönliches Bashing. Es ist eine Art der Auseinandersetzung, die so gar nicht passt zum Paradies auf Erden, das er mit seinem Kumpel Karl schaffen wollte.

Vielleicht könnte man hier auch an die Frage anschließen, wie es von Marx und Engels zu Stalin kommen konnte. Der Absolutheitsanspruch, gepaart mit Aggressivität, trug sicher seinen Teil dazu bei.

268(Fotos: genova 2013, 2015)

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Refugees welcome

160.000 Menschen – nach Angaben der Veranstalter eine halbe Million – demonstrieren in Barcelona für die Aufnahme von mehr Flüchtlingen. Kaum zu glauben.

Der Tagesspiegel schreibt:

Es war wohl eine der größten Kundgebungen für die Aufnahme von Flüchtlingen, die Europa bisher gesehen hat. „Willkommen, Flüchtlinge“, stand in mehreren Sprachen auf Transparenten. Und: „Macht die Grenzen auf.“ 160.000 Menschen demonstrierten nach Polizeiangaben in der nordspanischen Mittelmeerstadt Barcelona für mehr Großzügigkeit bei der Aufnahme von Zufluchtsuchenden. Der Protestmarsch stand unter dem Motto „Unser Haus ist euer Haus!

160.000 oder 500.000 sind kein Pappenstil. Spanien ist neben Portugal das mittlerweile letzte europäische Land, in dem sich keine starke rechtsradikale Partei etablieren kann. Obwohl die Probleme dort auf der Straße liegen. Woran liegt das? Was wäre in Deutschland bei solchen Arbeitsmarkt- und überhaupt Wirtschaftsdaten los?

Fragen über Fragen.

(Foto: genova 2015)

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Vom unrettbaren Verlorensein

Es soll hier kurz um Susanne Kablitz gehen. Susanne Kablitz hat am 10. Februar 2017 in ihrem Blog einen Beitrag mit dem Titel „Dieses Land ist unrettbar verloren“ publiziert. Am 11. Februar hat sie sich das Leben genommen. Sie war drei Tage vorher 47 Jahre alt geworden.

Ich kannte Frau Kablitz nur von ein paar Beiträgen im Netz. Sie war politisch um die libertäre Zeitschrift eigentümlich frei positioniert. Das sind Leute, die einerseits selbst die FDP für eine sozialistische Partei halten und andererseits keine Berührungsängste mit dem rechtsradikalen Milieu haben. Bei der AfD ist wohl Alice Weidel die bekannteste Vetreterin dieser Richtung. Neoliberalismus und Rechtsradikalismus laufen hier folgerichtig zusammen.

Susanne Kablitz war darüber hinaus Bundesvorsitzende der „Partei der Vernunft“, die vernünftigerweise Partei der Unvernunft heißen sollte. Auch hier werden radikal libertäre Positionen vertreten. Der Staat ist von Grundübel und soll weg, es gibt keine Gesellschaft, sondern nur freie Individuen, die für sich selbst verantwortlich sind, das auch wunderbar hinbekommen und zum eigenen Wohl und also zum Wohle aller das uneingeschränkte Vertragsrecht haben. Es ist so eine Art Vorstufe des biblischen Paradieses mit Orientierung an der Österreichischen Schule, also eine detaillierte Ikea-Kinderwelt für Erwachsene und nicht weiter Ernst zu nehmen. Real würde die Umsetzung solcher Ideen wohl zu Bürgerkriegen führen.

Interessant ist all das vor dem Hintergrund des letzten Artikels von Frau Kablitz. Der Artikel beginnt so:

Es gibt diesen Tag im Leben eines jeden Menschen, wo er sich einer Sache definitiv sicher ist. Wo er genau und 100%ig weiß, dass es so kommen wird wie er es sich niemals gewünscht hat. Ein solcher Tag ist auf der einen Seite bedrückend, auf der anderen ungemein befreiend. Denn man weiß, dass man gegen den Fortgang der Geschichte nicht ankommen wird. Egal, was man schreibt oder sagt oder tut.

Vor dem Hintergrund ihrer Selbsttötung sind diese Zeilen eindeutig. Die korrekte Überschrift hätte also lauten müssen:

„Ich bin unrettbar verloren.“

Oder vielleicht besser:

„Ich meine, unrettbar verloren zu sein.“

Stattdessen schob sie „das Land“ vor, was absurd ist. Das Land besteht aus 80 Millionen unterschiedlichen Menschen, da müsste man erstmal diskutieren, wer verloren ist und wer nicht. Und bei aller Kritik, die man an der Bundesrepublik anbringen kann, besteht objektiv kein Grund, sich wegen ihres Zustandes das Leben zu nehmen.

Ich schreibe diese Zeilen nur, weil es hier so eine merkwürdige Diskrepanz gibt: Susanne Kablitz gab vor, für das vollständig selbstverantwortliche Individuum einzutreten, das sich von jeglicher Eingefasstheit nur eingeschränkt fühlen kann. Es ging ihr in Wahrheit natürlich nur um die ökonomische Disposition, aus der die anderen Unabhängigkeiten dann wohl irgendwie folgen sollten. Das kapitalistische System sollte zu seiner Vollendung gebracht werden, aus der dann selbstständige, unabhängige, eigenverantwortliche und glückliche Wesen entstehen.

Es hat etwas von einer Sekte.

Es sieht nun so aus, als sei Frau Kablitz extrem unselbstständig und extrem uneigenverantwortlich gewesen. Statt sich einzugestehen, dass sie selbst offenbar erhebliche Probleme hat, hat sie stellvertretend „dem Land“ diese existenziellen Probleme angedichtet. In ihrem letzten Artikel schrieb sie (Fettschreibungen im Original):

Egal, was man auch versucht: die meisten Menschen auf der Welt (zumindest ist nach den gemachten Erfahrungen davon auszugehen) glauben fest an die Obrigkeit, an die Gottheit Staat, an den Schuldkult, die Selbstverleugnung und sind tief verwurzelt in ihrem Hass auf sich selbst.

Egal, wie sehr man auch darauf hinweist, dass die meisten Menschen auf dem direkten Weg in die Hölle sind – nichts ändert sich. Im Gegenteil. Man wird sogar beschimpft, belächelt und verleugnet.

Alle sind Geisterfahrer, nur Frau Kablitz nicht.

Als Belege für die Höllenfahrt führt sie unter anderem die negativen Reaktionen auf die Dresdner Rede von Bernd Höcke an. Sie sieht in der deutschen Mehrheitsgesellschaft einen „Schuldkult“ am Werke und meint:

Schuld ist persönlich. Sie anzuerkennen eine individuelle Entscheidung, ein individuelles Eingeständnis. Etwas, womit jeder INDIVDUELL leben muss, wenn er sie anerkennt und auch, wenn er sie nicht anerkennt

Wie sieht es dann mit der Schuld an ihrem Tod aus? Ist die Höllenfahrt Deutschlands Schuld, sind es die Leute, die den „Schuldkult“ betreiben? Oder sie? Auch wenn sie davon nichts schreibt?

Wer ist noch Schuld an der unrettbaren Verlorenheit Deutschlands?

Frau Kaublitz nennt „degenerierte Menschen, die sich an Martin Schulz klammern“, und den Berliner Regierungschef Michael Müller, einem „absoluten Vollversager, der in seinem gesamten Leben noch keinen Tag wertschöpfend gearbeitet hat und nur aufgrund einer Koalition mit Grünfaschisten und Mauermördern die pleiteste Dreckskloake Deutschlands endgültig ruinieren darf“, und fasst dann die Gründe für Deutschlands Untergang zusammen:

Banken- und Euro-Rettung, Bürokratieirrsinn, explodierende Kriminalität, Kriegstreiberei, Staatsfernsehen, Rekordsteuersätze, Glühbirnenverbot, Energiewende, Überwachungsstaat, Terror, Drangsalierung von Rauchern, Autofahrern, Selbstständigen und Unternehmern, Genderwahn.

Dann wird sie deutlich:

Lange habe ich mich dagegen gewehrt, dass diese Menschen ihr Unheil verdienen. Aber das tue ich nicht mehr. Sie sind es wirklich selber schuld.

Und so wird es auch wieder sein: Im September wird der Großteil wieder eine der „großen“ Parteien wählen.

Die Leute sind also selbst schuld, wenn sie nicht die Partei der Vernunft wählen, und deshalb hat Frau Kablitz es ihnen jetzt gezeigt. Sie tötet sich, macht das öffentlich und behauptet indirekt, die quasi-sozialistische Gesellschaft habe das nötig gemacht. Es ist ein Wahnsinn.

Und dann zum Stichwort Untergang:

Es ist einfach nur noch widerwärtig. Möge er bald kommen und möge er endgültig sein, denn wer aus dem letzten Untergang nichts gelernt hat, hat keine dritte Chance verdient.

Vielleicht kann es auf diese Weise irgendwann wieder gut werden. Mit Menschen, die aufrecht gehen, selbstbewusst sind und sich von ihrer Staatsbesoffenheit erholt haben. Die, die auf diesem Weg auf der Strecke geblieben sind, sind eben die Opfer.

Aber – so hoffe ich – wenigstens für einen guten Zweck.

Es erinnert an Hitler, mit dem Unterschied, dass Frau Kablitz nicht über seine Mittel verfügte. Weil es ihr schlecht geht, sollen alle untergehen. Das erste von ihr definierte Opfer ist nun sie.

Ich habe den Eindruck, als habe Frau Kablitz ihr öffentliches Leben lang Bedürfnisse verbalisiert, die das Gegenteil ihrer indivduellen waren. Sie sehnte sich insgeheim nach einer wie auch immer gestalteten Gemeinschaft, statt dessen propagierte sie das Gegenteil als glücksmachende Option. Sie war nicht in der Lage, ihre eigene Verantwortlichkeit auch nur im Ansatz zu sehen, nicht einmal die für sich selbst. Stattdessen ist sie selbst im Angesicht des eigenen Todes nur zur Lüge fähig: Die Gesellschaft in Form eines angeblichen linken Establishments ist schuld. Wegen Raucherdiskriminierung und Genderwahn und Glühbirnen bringt man sich jedenfalls nicht um.

Skurrilerweise ist ein früherer Bundesvorsitzender der Partei der Vernunft, Oliver Janich, auf einem ähnlichen Trip. Er hat vergangenes Jahr Deutschland verlassen – nach eigenen Angaben wegen der vielen Flüchtlinge, die ein Leben in Deutschland unmöglich machen. Der Bürgerkrieg steht auch vor der Tür. Er lebt jetzt irgendwo in Südostasien.

Diese vermeintlichen Totalfreiheitlichen sind vielleicht nichts anderes als hilfsbedürftige Angsthasen – so wie Rechtsradikale ohnehin meistens. Waschlappen mit großer Klappe. Frau Kablitz ging den Weg nach innen – so wie leider eher Frauen das tun -, Janich schwafelt weiter übers Internet sein wirres Zeug.

Extrem individualistisch argumentietend, dabei extrem aufs Kollektiv fokussiert.

Zum Schluss noch einmal ein O-Ton aus dem letzten Blogeintrag:

Es gibt diesen Tag im Leben eines jeden Menschen, wo er sich einer Sache definitiv sicher ist. Wo er genau und 100%ig weiß, dass es so kommen wird wie er es sich niemals gewünscht hat.

Sie als die Möchtegern-Individualistin suggeriert hier den Lesern, die Entwicklung Deutschlands zu meinen und meint nur sich selbst. Sie hat ihre Eigenverantwortung komplett an eine Gruppe abgegeben, die sie öffentlich verachtet hat und von der sie vermutlich zugleich dringend Hilfe erwartete und benötigte. Diese Gruppe hat ihr die Hilfe verweigert.

Vielleicht ist die Gesellschaft viel näher an dem Kablitzschen Idealzustand dran, als Kablitz das meinte. Nicht als links-kollektivistisch deformierte Masse. Sondern als individualisiert-entsozialisierte. There is no society.

Vielleicht wurde Susanne Kablitz das zum Verhängnis.

Vielleicht ist es auch das letzte, dass ich sowas über eine Tote schreibe. Dann bitte ich ernsthaft um Verzeihung.

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Friedrich Engels: „… immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen“

Liest man ein wenig in Friedrich Engels 1872 geschriebenem Text „Die Wohnungsfrage“, findet man eine Menge Stellen, die klingen, als seien sie heute geschrieben worden.

Diese hier, zum Beispiel:

Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt diesen Wert zu erhöhn, drücken ihn vielmehr herab, weil sie den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; man reißt sie nieder und ersetzt sie durch andre. Dies geschieht vor allem mit zentral gelegenen Arbeiterwohnungen, deren Miete, selbst bei der größten Überfüllung, nie oder doch nur äußerst langsam über ein gewisses Maximum hinausgehn kann. Man reißt sie nieder und baut Läden, Warenlager, öffentliche Gebäude an ihrer Stelle. Der Bonapartismus hat durch seinen Haussmann in Paris diese Tendenz aufs kolossalste zu Schwindel und Privatbereicherung ausgebeutet; aber auch durch London, Manchester, Liverpool ist der Geist Haussmanns geschritten, und in Berlin und Wien scheint er sich ebenso heimisch zu fühlen. Das Resultat ist, daß die Arbeiter vom Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, daß Arbeiter- und überhaupt kleinere Wohnungen selten und teuer werden und oft gar nicht zu haben sind, denn unter diesen Verhältnissen wird die Bauindustrie, der teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulationsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen.

Die Knappheit des Bodens erhöht dessen Marktwert, und Büros und Gewerbeflächen erzielen mehr Rendite als Wohnungen. Ein Unterschied zu früher ist im aktuellen Berlin, dass man alte Wohnungen nicht mehr abreißt, weil die die höchsten Wertzuwächse verzeichnen. Andererseits stimmt die Aussage Engels auch heute noch bedingt, da das Phänomen des Abrisses für viele Nachkriegs- und DDR-Bauten gilt, die sich nicht so gewinnsteigernd vermarkten lassen wie Häuser aus der Gründerzeit oder Neugebautes.

Die Warenlager und die öffentlichen Gebäude, die Engels erwähnt, müsste man heute mit „Büros“ und „Hotels“ ersetzen. Bemerkenswert, dass man damals offenbar öffentliche Gebäude in solcher Zahl baute, dass das die Bodenpreise nach oben trieb. Vielleicht meinte Engels die vielen Gerichtsgebäude und solche der öffentlichen Verwaltung des gerade entstandenen Deutschen Reiches. Von neuen öffentlichen Gebäuden ist heute jedenfalls nichts zu sehen, wenn man von dem Spezialfall des Berliner Stadtschlosses absieht.

Der letzte Satz von Engels ist brandaktuell, wobei man den Begriff des Arbeiters durch andere ersetzen könnte. Das Phänomen der Verdrängung via Gentrifizierung geht bis weit hinein in die sogenannte Mittelklasse. Wobei diese Grenzziehung eigentlich überflüssig ist, denn es muss ja jeder mehr für´s Gleiche zahlen.

„Nur in Ausnahmefällen Arbeiterwohnungen bauen“ – so ist es. Bekanntlich besteht in Berlin seit mehr als zehn Jahren dringender Bedarf an halbwegs preiswerten (ein aus linker Sicht interessanter Begriff) Wohnungen. Die aktuelle Politik vertraut auf sogenannte Investoren, deren genuines Anliegen es allerdings gar nicht ist, Wohnungsnot zu lindern oder überhaupt Wohnungen zu bauen. Sie bauen irgendwas, es muss nur Rendite bringen. Bei Immobilieninvestoren sehen diese Dinger zufällig aus wie Wohnungen, sie müssen aber nicht als solche genutzt werden. Von Interesse ist lediglich der Spekulationswert, also das gesamtgesellschaftliche Versprechen, dass der Tauschwert dieser Dinger steigen wird. Das Ding ist ein Sammlerobjekt, dessen Sinn alleine im Sein in einem kapitalistischen Umfeld und in der Rolle eines Mediums für künftige Geldvermehrung liegt.

Insofern sieht man also ganz schlicht am Markt die Realität der Politik. Da seit mehr als zehn Jahren die Preise in Berlin und anderswo massiv steigen, kann man ohne Umschweife auf eine asoziale, also prokapitalistische Politik schließen. Denn nur, wenn die Politik signalisiert, dass sie nichts gegen massive Preissteigerungen unternehmen wird, steigen die Preise. Würde die Politik ernsthaft ein Vorgehen gegen diese Entwicklung auch nur ankündigen, sänken die Preise schlagartig.

Die Existenz der asozialen Politik verwundert nicht wirklich, und der Text von Engels zeigt, dass man von diesen Funktionsweisen auch schon vor 150 Jahren wusste.

Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass in der Gesellschaft damals mehr Bewusstsein über die Lage herrschte als heute. Heute kann man auf einer sich irgendwie als links-progressiv verstehenden Berlinale-Party sich von Restaurantbetreibern erzählen lassen, dass sie den Preis fürs Essen erhöhen müssen, weil gerade eine 30-prozentige Mieterhöhung hereingeflattert kam und das Nachbarrestaurant deswegen schon dichtgemacht hat. Das hat keinerlei Folgen. Weder für die Party noch für die Links-Progressiven. Dass der kapitalistische Verwertungsprozess vor nichts haltmacht, ist allgemein akzeptiert, auch wenn man gelegentlich murrt.

Zweifach skurriler noch: Es gehört einerseits zum guten Ton, sich kapitalismuskritisch zu geben, aber ohne jede Folge. Es ähnelt dem Phänomen, sich wetterkritisch zu geben, wenn der Winter nicht weichen will. Beides sind Naturzustände. Andererseits kann das teurere Essen in unserer PR-affinen Zeit schnell zum besseren Essen umgemodelt werden. Konkret: Man steigt eine Klasse auf, wenn man sich das teurere Restaurant leistet. Analog zum Nespresso, dessen abartig hoher Preis gerne bezahlt wird, weil man damit stiltechnisch aufsteigt.

Warum man bei der Lektüre der Engelsschen Wohnungsfrage über den Verfasser auch den Kopf schütteln kann, erläutern wir, wie man sagt, in Kürze.

(Foto: genova 2015)

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o.T. 369

(Foto: genova 2016)

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Das Deutschland wählt

„Deutschland wählt sein neues Staatsoberhaupt“

titelte gestern der Tagesspiegel und zeigt damit einen ordentlichen Teil des Dilemmas. Der, das oder die Deutschland wählt nicht, Deutschland ist nur ein künstliches Konstrukt. Wer da tatsächlich wählt, ist die interessantere Frage. Es ist die sogenannte Bundesversammlung, und deren Zusammensetzung geht so: Die üblichen Politikbonzen fragen mehr oder weniger Prominente, ob sie den richtigen Kandidaten wählen würden. Antworten die mit „ja“, dürfen sie wählen. So geht Demokratie in Deutschland.

Die FAZ klärt uns auf:

„Diese Promis wählen mit: Von der Berlinale-Party in die Bundesversammlung“

Jetzt wählt nicht mehr Deutschland, sondern das tun Promis. Iris Berben, Peter Maffay, die Sängerin einer Band namens Silbermond, Friede Springer, Helmut Markwort, ein angeblich bekannter YouTuber und Veronica Ferres sind mit von der Partie. Letztere hat vielleicht ihren Mann gefragt, wen sie denn wählen soll.

Die Bundespräsidentenwahl ist eine absurde Veranstaltung, die an die DDR erinnert. Ein Establishment und ihm temporär Zugehörige dürfen wählen. Beziehungsweise dürfen nur die wählen, die vorher angeben, das Richtige zu wählen, und daraus macht man dann eine Showveranstaltung. Noch besser: Es gibt ja tatsächlich ein paar Kandidaten – jenseits des faktisch gesetzten. Aber die dürfen nicht einmal eine kurze Rede vor den Wählern halten. Sie müssen schweigen. Die stehen da wohl ein paar Stunden sinnlos herum. Überzeugend ist einzig Sonneborn, der am Donnerstag noch schnell seinen Vater nominiert hat.

Es ist eine adäquate Antwort auf die Farce.

Im Vorfeld bemühten sich die üblichen Journalisten um einen staatstragenden Ton und so schafft es auch ein belangloser und extrem verquast redender Plapperer und Agenda-Mann wie Steinmeier ins Schloss Bellevue.

Steinmeier soll „uns“ nun fünf Jahre lang Bedeutsames mitteilen – obwohl der bislang noch nie etwas Interessantes gesagt hat. Kleine Pointe am Rande: Steinmeier schrieb als Gießener Jurastudent für eine Zeitschrift des Pahl-Rugenstein-Verlags. Der wiederum wurde maßgeblich von der DDR finanziert und stand auch unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Es wäre interessant zu erfahren, was Steinmeier damals geschrieben hat. Man darf vermuten, dass er in dem Heftchen interessantere Positionen beschrieben hat als alles, was er später publizierte.

Steinmeier, der alte Linksextremist. Dann die totale Wandlung. Wobei: In Bezug auf seine BP-Wahl bleibt er den DDR-Gepflogenheiten treu: Wählen ja, aber bitte nur so tun als ob.

Steinmeier soll nun in etwa das tun, was der Mr. Banalo Gauck die vergangenen fünf Jahre getan hat. Vielleicht mehr Kriege mit deutscher Beteiligung fordern. Vielleicht neoliberale Politik fordern und gleichzeitig Rechtsradikalismus geiseln.

Die Bundespräsidentenwahl als Farce ist ähnlich gelagert wie die Bundeskanzlerkandidatenaufstellung. Exakt die Parteien, die sich gerne „demokratisch“ nennen, um sich von der AfD abzugrenzen, kopieren sehr genau die DDR, wenn es um Machtausübung, wenn es konkret um die Kandidaten Merkel und Schulz geht: Hinterzimmerentscheidung, die im Nachhinein von Statisten abgesegnet werden, damit es demokratisch aussieht.

Eigentlich ginge Demokratie so: Es gibt eine Reihe von Politikern, die Kanzlerkandidat werden wollen. Die streiten und argumentieren und treten zu einer Wahl an. Delegierte oder gar alle Mitglieder einer Partei kommen dann zu einem Parteitag zusammen und wählen. So wie das in den USA passiert, oder auch in Frankreich.

Nicht so in der Bundesrepublik. Da einigen sich ein paar obere Parteifunktionäre der SPD intern auf einen Kandidaten. Diesen einen präsentiert man dann einfach der Öffentlichkeit. Die „Wahl“, die vom Parteiengesetz vorgeschrieben ist, gerät zur Makulatur. Da müssen sich Delegierte ein Wochenende Zeit nehmen, um einmal die Hand zu heben für einen Kandidaten, der schon längst feststeht. Eine Wahl mit einem Kandidaten. Dass die Delegierten das mitmachen, zeigt, wie peinlich die Parteien geworden sind.

Bis auf die AfD stört das in diesem seeligen Deutschland niemanden. Im Gegenteil. Die vereinigten Hauptstadtjournalisten interessiert mit keiner Zeile, wie hier Demokratie zur Farce wird. Dass Martin Schulz bislang mit keinem Halbsatz gesagt hat, was er eigentlich will und dass seine Dauerbezug zum „hart schuftenden Busfahrer“ schlimmsten Populismus und eine Fortsetzung rechter Politik im Amt befürchten lässt: Egal. Hauptsache, Schulz ist nicht bei der AfD.

Die CDU wartete ein paar Wochen zuvor nur darauf, ob Merkel noch einmal „ja“ sagen wird. Eine Wahl findet danach pro forma statt. Eine ernsthafte Wahl mit mehreren Kandidaten würde von fast allen Journalisten als Krise in der CDU gedeutet: Die diskutieren, die haben unterschiedliche Meinungen, das ist das Ende.

Der Deutsche mag Eintracht. Keine Diskussion, keine Abweichler.

Sagen die Erlauchten dann „ja“, räumt die wichtigste Talkshow der Nation alle Sessel bis auf einen weg und lässt den König bzw. die Königin eine Stunde lang plappern. Ernsthafte Nachfragen, kritischer Journalismus gar, würde der Moderatorin vermutlich den Job kosten.

Es ist die DDR, die vom bundesdeutschen Establishment kopiert wird. Die DDR war bekanntlich eine Diktatur. Und es sind die Journalisten, denen nichts mehr auffällt. Da braucht es keinen Maulkorb.

Wunderbar entlarvend war die Frage eines Journalisten an ein SPD-Mitglied, was sie denn von dem Kandidaten Schulz erwarte. Antwort: Sie kenne die Positionen des Kandidaten noch nicht, müsse sich erstmal schlau machen. Dass das SPD-Mitglied den angeblichen Kandidaten erstmal zum Kandidaten wählen müsste und sich vorher informieren, liegt außerhalb der Vorstellung des Journalisten – und wohl auch des SPD-Mitglieds.

Deutschland und Demokratie war on the long run noch nie eine überzeugende Einheit. Wählende Deutsche sind nach wie vor etwas verwirrend Fremdes. Das wählende Deutschland ist eine nette Verklärung. Um das festzustellen, braucht man keine erstarkte Rechte.

P.S.: Eine breaking news bringt der Spiegel um die sonntägliche Mittagszeit: Ein „CDU-Mann“ will nicht für Steinmeier stimmen.

Das Ende des Abendlandes naht.

(Foto: genova 2016)

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Altes neues zur Wohnungsfrage

„Die sogenannte Wohnungsnot, die heutzutage in der Presse eine so große Rolle spielt, besteht nicht darin, daß die Arbeiterklasse überhaupt in schlechten, überfüllten, ungesunden Wohnungen lebt. Diese Wohnungsnot ist nicht etwas der Gegenwart Eigentümliches; sie ist nicht einmal eins der Leiden, die dem modernen Proletariat, gegenüber allen frühern unterdrückten Klassen, eigentümlich sind; im Gegenteil, sie hat alle unterdrückten Klassen aller Zeiten ziemlich gleichmäßig betroffen. Um dieser Wohnungsnot ein Ende zu machen, gibt es nur ein Mittel: die Ausbeutung und Unterdrückung der arbeitenden Klasse durch die herrschende Klasse überhaupt zu beseitigen.“

Das schrieb Friedrich Engels 1872 und man sieht: Der Text ist brandaktuell. Jüngster Fall ist das Verhalten der Aktiengesellschaft „Deutsche Wohnen“ in Berlin.

Der Berliner Tagesspiegel berichtet über den Vorstandsvorsitzenden des Konzerns, Michael Zahn, der vom Berliner Abgeordnetenhaus „eingeladen“ worden, aber nicht erschienen war. Er komme vielleicht im Mai oder Juni mal vorbei, ließ er erklären.

Zahn sollte erscheinen, weil die „Deutsche Wohnen“ den Berliner Mietspiegel nicht anerkennt. Gleichzeitig häufen sich Mieterbeschwerden „über ausfallende Heizungen, verdreckte Hausflure oder schlecht ausgeführte Reparaturen“ – und „überzogene Mieterhöhungen“, wie der Tagesspiegel schreibt. Die Geschäftszahlen der „Deutsche Wohnen“ geben dagegen keinen Anlass zur Klage: Die Einnahmen aus Mieten stiegen in den ersten drei Quartalen des Geschäftsjahres 2016 um 11 Prozent. Die Dividenden legten in diesem Geschäftsjahr übrigens um 35 Prozent zu. Der Aktienkurs ist in den vergangenen fünf Jahren um gut 300 Prozent gestiegen. Wieso auch nicht?

All diese Zahlen liest man im bürgerlichen Tagesspiegel.  Es braucht keinen Zensurminister, der die Veröffentlichung verhindert. Es ist egal. Der neoliberale Asozialismus hat die Rezipienten längst gleichgeschaltet. Die letzten Empörten sind direkt betroffene Mieter. Vielleicht wählen sie ja im September AfD.

Die Linkspartei will nun „die Stadtgesellschaft mobilisieren“. Man ist gespannt.

Die komplette Absurdität des Falles „Deutsche Wohnen“ wird beim Blick ins Geschichtsbuch klar: Die Aktiengesellschaft kaufte 2007 die ehemals gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Gehag vom linken Berliner Senat. Die Gehag hatte in den 1920er Jahren die Siedlungen von Bruno Taut realisiert. 2013 kaufte die „Deutsche Wohnen“ die ehemalige Berliner kommunale Wohnungsbaugesellschaft GSW, die wiederum schon 2004 für gut 400 Millionen Euro privatisiert worden war. Vom linken Berliner Senat.

Es war im Wesentlichen die rot-rote Berliner Regierung bis 2011, die die aktuellen Zustände herbeiführte. Das sind die Leute, die jetzt alles ganz anders machen wollen.

Die „Deutsche Wohnen“ hat mittlerweile alleine in Berlin über 100.000 Wohnungen und es schlicht nicht mehr nötig, den Rufen der Politik ins Parlament zu folgen. Wozu auch? Die Politik ist Anhängsel des Kapitals und man sollte dem Herrn Zahn danken, dass er der Pseudodemokratie nicht als Statist im Abgeordnetenhaus Rede und Antwort steht, sondern ganz ehrlich zeigt, dass ihm diese gewählten Politiker einfach nur die Zeit stehlen.

Immerhin: Es soll Gerichte geben, die in Sachen Deutsche Wohnen mieterfreundliche Urteile fällen.

Was wird die Politik nun machen? Wir erinnern uns an den Fall des luxemburgischen Investors, der in Kreuzberg seiner Arbeit nachgeht. (Ich habe hier und hier darüber geschrieben.) Die Reaktion der Politik war, Briefe an den Investor zu schreiben. Vielleicht antwortet er ja. Man möge nun Briefe an den Herrn Zahn schreiben. Vielleicht öffnet er sie ja. Die Briefeschreiberei erinnert an den Feudalismus oder gar den Absolutismus. Man bittet, das war´s.

Man muss sich diese Situation vergegenwärtigen, um die aktuelle Katastrophe überhaupt zu verstehen: Wo die radikale Infragestellung kapitalistischer Verhältnisse zumindest beim Wohnen dringend auf die Tagesordnung gehört, schreiben Politiker Bettelbriefe und laden Ausbeuter ins Parlament ein. Vielleicht kommen sie ja. Die generelle Beseitigung der Ausbeutung durch die herrschende Klasse zu verlangen, bringt einen wahrscheinlich mit dem sogenannten Verfassungsschutz in Kontakt. Die Ausbeutung an sich bringt einen in den Fonds einer Mercedes S-Klasse. Mit welchem Auto sich wohl Herr Zahn fahren lässt? Laut Süddeutscher Zeitung hat er „eine Schwäche für schnelle, teure Autos“.

Wenn die neue Stadtentwicklungssenatorin Lompscher von den Linken etwas auf dem Kasten hat, sorgt sie jetzt mal stellvertretend für eine Kampagne. Bislang ist nur die kapitalistische Verwertung von Wohnungen mobilisiert, nicht die Stadtgesellschaft. Andererseits, wie gesagt: Der Verblendungszusammenhang ist dermaßen umfassend, dass weite Teile der Bevölkerung vermutlich den Investoren zur Seite springen würden. Der gemeine Deutsche sowieso.

Das schöne am neoliberalen Verblendungszusammenhang ist ja, dass die Medien über die absurdesten Entwicklungen berichten können, ohne dass das noch irgendwen der Indoktrinierten empören oder sie gar zum tätigen Widerstand führen würde. Die Erdoganschen und Putinschen Knebelmethoden gegenüber den Medien sind in Deutschland schlichtweg nicht nötig. Das Volk bleibt auch vollumfänglich informiert brav.

Es bleibt zu betonen, dass die Berliner Politik, vor allem CDU, SPD und Linke, diese Situation (und tausend andere ähnlich gelagerte) zu verantworten haben. Sie haben all die Wohnungen verkauft und dem Kapital zu traumhaften, wie man fälschlicherweise sagt, Renditen verholfen. Die gut 100.000 Berliner Wohnungen mussten vor der Privatisierung keine Rendite an irgendwen abwerfen. Jetzt sind es 100.000 Mietverträge, die genau das tun müssen. Es sind 100.000 Haushalte, die jeden Monat ein paar Stunden für die monetären Erwartungen sogenannter Investoren arbeiten müssen – ohne dafür mehr zu bekommen. Im Gegenteil: das zeigen die kaputten Heizungen. In einer Gesellschaft, die solidarische, gemeinsame Anliegen kennte, würde eine „Deutsche Wohnen“ binnen Wochen zerschlagen, an die Kommunen zurückgeführt oder direkt den Mietern übergeben. Herr Zahn würde in seinem schnellen, teuren Wagen davonbrausen. Den netten Artikel im Grundgesetz, wonach Eigentum verplichtet, würde man Ernst nehmen. Er ist zur Phrase verkommen.

Aber: keine Angst, liebes Kapital. Die Hampelmänner und -frauen, die sich Politiker und Politikerinnen nennen, werden nichts tun, was euer traumhaftes Wohlergehen mindern könnte. Versprochen.

Wohnungsnot ist dem Kapitalismus inhärent. Nicht, weil der Stand der Produktivkräfte nicht fortgeschritten genug wäre, die Verhältnisse zu verbessern. Sondern, weil die Ausbeutung via Immobilienspekulation für den Kapitalismus unabdingbar ist. Hier funktioniert sie noch, die Verknappung eines Gutes und ihre Preiserhöhung. Warum sollten die Ausbeuter darauf verzichten? Das Problem ist also nicht ein Typ wie dieser Michael Zahn. Solche Leute wird es immer geben, so wie Erdogan, Putin oder Hitler.

Das Problem ist, dass man sie machen lässt.

(Foto: genova 2016)

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Bitte nehmen Sie noch einmal Platz!

(Fotos: genova 2015)

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„Der Trump der Architektur“ (1)

[Disclaimer: Ungeduldige Leser mögen mit dem letzten Satz beginnen.]

Die Stadtforscherin Elke Krasny setzte sich vor vier Jahren in einem Artikel für arch+ mit Architektur und Ökonomie aus linker Perspektive auseinander. Sie beschrieb einerseits Neoliberalismus als Fortsetzung des Imperialismus, als eine „Kombination von Land Grabbing, Plantagenlogik, Ausbeutung der Ressourcen und Investitionen in eine Infrastruktur, die dies ermöglicht.“ Das „architektonische Äquivalent zum globalen Neoliberalismus ist die spektakuläre Zeichenhaftigkeit und ubiquitäre Verbreitung der so genannten Starchitekture.“

Krasnys Meinung nach hat aktuelle Architektur in diesem Kontext viel mit Spektakel und mit Spekulation zu tun und sie benennt konkret den Dekonstruktivismus:

„Durch die Überwindung von traditionell herleitbaren Sinnverhaftungen schwingt sich die Architektur zum Zeichen auf, das Orte zu markieren weiß, ohne sich dialogisch auf die örtlichen Voraussetzungen einzulassen. Im kritischen Blick zurück zeigt sich, wie die optische Destabilisierung, die dem Dekonstruktivismus in der Architekturtheorie zugeschrieben wurde, sich bestens eignete, den kulturellen Mehrwert anschaulich zu verkörpern und in steigende Besucherzahlen zu übersetzen. Die Freilegung  der Widersprüche, von der das philosophische Projekt des Dekonstruktivismus ausgegangen war, verfestigte sich in der Architektur zur permanenten, widerspruchslos erscheinenden Feier des Spekakulären.“(aus: arch+ 211 (2013), S. 26)

Der letzte Satz bringt es wohl ganz gut auf den Punkt. Die Freilegung der Widersprüche war ursprünglich auf ein kritisches Verhalten hin gemünzt. Thematisierung von Widersprüchen, damit mit denen etwas passiert. Eine Perspektive, die die eigene Begrenztheit thematisierte, die Vielfalt des Realen, das deshalb als Reales nicht eindeutig bestimmbar ist. Das Zulassen und Aushalten von Widersprüchen, von Differenz, von anderen Perspektiven, im Wortsinn.

All das hat sich in der dekonstruktivistischen Architektur ins Gegenteil verwandelt. Die Destabilisierung wurde ein reines Oberflächenphänomen, das via Aufmerksamkeitsökonomie zum banalen Instrument des Standortvorteils wurde. Die Destabilisierung wurde zur totalen Stabilisierung.

Bei dem Architekten Frank Gehry kann man das schön sehen. In seiner dekonstruktivistischen Anfangszeit in den 1970er Jahren suchte er noch eine Sprache des Unvollendeten, des Provisorischen, des fast schon Anstößigen, beispielsweise in seinem Haus für Architekten (seinem eigenen Wohnhaus) in Santa Monica, Kalifornien:

Gehry umrahmte ein traditionelles existierendes Haus mit einem Neubau und verwendete dafür Materialien wie Holz, Draht, Glas, Metall, Wellblech, Beton und mehr in einer einzigen Fassade. Er schaffte so ein immer wiederkehrendes apruptes Abbrechen von gewohnten Sichtweisen. Es entstand eine Dynamik, die permanent scheint. Gut vorstellbar, dass man auch nach hundertfachem Betrachten des Hauses Neues findet, eigentlich erscheint das Haus bei jedem Betrachten neu. Es wirkt architektonisch instabil und so sucht der Betrachter bei jedem Betrachten von Neuem das Stabile in der Architektur. Die findet er nur partiell.

Gehry hat hier ein scheinbar unfertiges Provisorium erstellt, das sich in großem Kontrast zu dem älteren Haus befindet. Dazu kommt, dass Gehry nach eigener Aussage die billigsten Baumaterialien benutzt hat, die er in Baumärkten finden konnte. Die ließ er zudem unbehandelt. Es ging nicht um Vollkommenheit und Endgültigkeit, sondern um das Zulassen von Widersprüchen und Unsicherheiten, ohne Scham. Das traditionelle Haus wird in diese Unsicherheit einbezogen, Statusdenken ins Wanken gebracht. Das traditionelle Haus wird Teil der neuen Perspektive und seiner alten Sicherheit und seiner alten Privilegien beraubt.

Man wurde auf Gehry aufmerksam und diese Aufmerksamkeit hat Gehry wohl gefallen. Was er später unter dem Label Dekonstruktivismus baute, hat mit dem Beschriebenen nichts mehr gemeinsam. Gehry hat sich von einem Architekten in eine Marke, ein brand verwandelt. Er baut Gebäude, deren wichtigste Eigenschaft es ist, schon von Weitem und auf den ersten Blick als „Gehry“ erkannt zu werden. Dazu gehört die scheinbar dynamisch geschwungene Form und die Vermeidung rechter Winkel. Das war´s auch schon. Sein „Martha“ in Herford zeigt, dass selbst ordinärer Industrieziegel verbaut wird, solange das Gebäude formal noch ein Gehry ist. Sein Museum in Bilbao erzeugte einen unerhörten Aufmerksamkeitseffekt. Das Konzept des Stadtmarketing via solitärer Architektur war geboren. Bilbao hat das ökonomisch sicher gutgetan und das Museum dort ist architektonisch sehenswert. Vielleicht könnte man es auch als den Anfang vom Ende beschreiben: Nach Bilbao wurde alles gleich, es setzte eine künstlerische, architektonische Entwertung ein, analog zur ökonomischen Aufwertung der betreffenden Stadt, der Bilbao-Effekt.

Das Bilbao-Museum zeigt darüber hinaus das Problem einer Architektur, die sich zu wichtig nimmt. Der Inhalt des Museums spielt keine Rolle, er interessiert nicht. Man kauft sich eine Eintrittskarte, um sich das Innere der Architektur anzuschauen, nicht die Kunst. Wahrscheinlich ist das Bilbao-Museum das einzige der Welt, das sich die Mehrzahl der Besucher nur von außen anschaut. Dieses Verhalten könnte man als Leistung des Architekten beschreiben oder als sein objektives Todesurteil. Er tötet die Nutzung des Gebäudes um den Preis der Aufmerksamkeit, der Eitelkeit, des Gewinns. Das Louis-Vutton-Museum in Paris ist vielleicht der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung. Interessant auch, dass Gehry selbst gerne behauptet, 98 Prozent der aktuellen Architektur sei „reine Scheiße“. Er gehört natürlich zu der Minderheit.

Seine drei Gebäude im Medienhafen in Düsseldorf passen ins Bild. Es geht hier um einen alten Hafen, der heute zeitgemäße Branchen wie PR und Werbung beherbergt. Aufsehenerregende Architektur ist da ganz praktisch und schlicht ein wesentlicher Teil von Stadtmarketing. Die drei Gehrys leben ausschließlich von der Zeichenhaftigkeit, von dem Bewusstsein, dass da ein Star etwas hinterlassen hat. Ein Händeabdruck von Michael Jackson im Asphalt oder ein Gehry am Wasser, eigentlich egal.

Gehry ist Show. Der einstmals fortschrittliche Ansatz dekonstruktivistischer Architektur wurde paradoxerweise ins sein Gegenteil verkehrt: schnelle Konsumierbarkeit, indem man eine Jahrmarktdynamik baut. Eine riesige PR-Maschine hilft dabei. Schnelle Wiedererkennbarkeit statt Komplexität. Komplexität als Oberflächenphänomen, das sich von der scheinbar langweiligen Moderne durch allerlei Gags absetzt. Es geht nicht mehr um die Freilegung von Widersprüchen, um das dekonstruieren von Konstruktion, ums offenlegen und verhandeln, sondern um die Hülle als Schein, als Verblendung. Wir haben hier, analog zur Entwicklung der Kleidung und des Essens, ein anything goes, das keine Individualität und keine Widerständigkeit signalisiert, sondern plumpe Konsumierbarkeit. So wie geschmacklich anonymisiertes und nivelliertes Sushi- oder Thaifood an jeder Straßenecke angeboten wird, so steht ein Gehry herum. Aus dem einstmals interessierten und neugierigen Blick aufs Andere, aufs Fremde, ist kapitalverwertungsfreundliche Banalisierung geworden.

Es gilt einzig die Logik der Rendite, sei es Gehry oder Sushi.

Ob Bilbao oder Herford: Die Städte, ihre Geschichte, interessieren nicht. Es fragt sich, was diese Art von dekonstruktivistischer Architektur eigentlich dekonstruiert? Gehrys jüngere Sachen dekonstruieren nichts, es sind irgendwie organische Hüllen in meist blendenden Materialien, Hauptsache geschwungen. Vielleicht kann man das als Nachfolge von organischer Architektur á la Hugo Häring sehen, aber auch da würde man wohl Häring Unrecht tun.

Die kapitalistische Logik vereinnahmt sich ideologiefrei alles, solange es nur Rendite verspricht. Ob man das Dekonstruktivismus nennt oder Nationalsozialismus, ist Nebensache. Im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie, des Zeichens, der Starkultur ist ein Gehry Mittel zum Zweck und vor allem jemand, der den Verrat an der Sache betreibt. Die optische Destabilisierung, im Haus des Architekten bei jedem Blick spürbar ist, hat sich in Gehrys bekannten Werken zu dem entwickelt, was Krasny eine permanente, widerspruchslos erscheinende Feier des Spektakulären. Das Spektakuläre als fester Teil der Maschine, die das Spektakel nur als domestiziertes, als unter Renditegesichtspunkten kontrolliertes instrumentalisiert.

Es hat halt System. Man sollte sich vielleicht mehr mit Zaha Hadid beschäftigen.

Apropos: Wer denn nun der Trump der Architektur ist, erfahren ausdauernde Leserinnen und Leser im zweiten Teil.

(Foto: wikipedia)

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Bitte nehmen Sie Platz!

(Fotos: genova 2015)

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