Von der zweckmäßigen Schönheit des sich Schüttelns

Die Shaker – religiöse Neuankömmlinge in den USA, die sich schüttelnd und hart arbeitend durch die Prärie zogen – schrieben kurz vor 1800 in ihren Leitsätzen:

Jede Kraft erzeugt eine Form, jeder Gegenstand kann vollkommen genannt werden, der genau den Zweck erfüllt, für den er bestimmt ist. Schönheit beruht auf Zweckmäßigkeit. Alle Schönheit, die nicht auf Gebrauch gegründet ist, wirkt bald widerlich und muss laufend durch Neues ersetzt werden. Was in sich selbst den höchsten Gebrauchswert birgt, besitzt auch die größte Schönheit.

Gläubige dürfen in keinem Falle und unter keinen Umständen zu Verkauf bestimmte Gegenstände herstellen, die überflüssige Zier tragen… ebenso wenig wie es statthaft wäre, solche Gegenstände selbst zu benützen.

Die Zeilen zeigen einerseits, dass es müßig ist, über die Frage zu streiten, wer den Funktionalismus erfunden hat. Da hat Julius Posener, dessen Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur ich diese Zitate verdanke, sehr recht. Das vernünftige Bauen, überhaupt das vernünftige, kosten- und materialsparende Herstellen von Gegenständen, war in der Geschichte in aller Regel schlicht notwendig, da man es sich aufgrund der geringen Entwicklung der Produktivkräfte kaum leisten konnte, mit viel Zierrat und Tamtam zu bauen. Die allermeisten Fachwerkhäuser, jede Lehmhütte, jeder Holzteller ist und sind funktionalistisch. Dazu brauchte es keinen Corbusier, keinen Tessenow, keinen Gropius und kein Ikea. Die Urhütte von Laugier ist vielleicht das Urbild des Funktionalismus schlechthin: Vier Baumstämme, Pfetten dazwischen, fertig ist das funktionalistische Haus.

Andererseits darf man ruhig die Frage stellen, ob das Verschwenderische, das Unvernünftige nicht genauso seine Existenzberechtigung hat. Der Funktionalismus, der in obigen Zitaten zum Ausdruck kommt, ist nicht von ungefähr protestantisch geprägt und die Shaker sind nicht nur Entsager, sondern auch, streng aufklärerisch, rationale Arbeitsbienen. Es kommt nicht von ungefähr, dass man dem Barock und dem Historismus heute mit ein wenig Neid begegnet: Die haben sich die Verschwendung einfach rausgenommen.

Denn es gibt natürlich das Unbehagen an Sätzen wie dem, wonach alle Schönheit auf Zweckmäßigkeit beruht. Wir können das ohne weiteres nachvollziehen und sehen es im Grunde genauso. Der schale Beigeschmack ist der der totalen Rationalität, die man nicht mehr kritisieren darf, weil sie praktisch und zweckmäßig ist, aber dennoch fad. Insofern sind Bekenntnis wie das, wonach Schönheit auf Zweckmäßigkeit beruht, nur richtig, wenn man im Vorfeld den Begriff der Zweckmäßigkeit angemessen definiert. Und dazu gehört der irrationale Aspekt, der Unvernünftiges, Überschwängliches, Banales, Kitschiges, Abweichendes, Deviantes, Unvertretbares, Unangemessenes, mit einem Wort: Menschliches beinhaltet. Dem Menschen zeckmäßig ist die Irrationalität.

Wenn also barocke Architektur ohne feudalistische Verhältnisse, die dafür sorgen, dass nur das berühmte eine Prozent den barocken Charme erfährt, nicht möglich ist, und historistische Architektur nur dem lächerlichen Aufstiegsdrang des Bürgertums neue Entfaltungsmöglichkeiten setzt, dann wäre eine Ablehnung der Verschwendung zwar naheliegend, aber trotzdem kurzsichtig. Es könnte lediglich der nächste Schritt zur Selbstausbeutung sein, der den Profit anderer maximiert. Ich weiß nicht, inwieweit die Shaker Opfer der Kapitallogik geworden sind – ob sie es also nicht besser wissen – oder ob da der Renditegedanke eine feste Rolle spielte. Die Zweckmäßigkeit der Shaker bestand offenbar darin, keine Verschwendung zu betreiben, wobei es da vermutlich nur um Geld ging.

Die Erkenntnis, wonach alleine aus Zweckmäßigkeit Schönheit hervorgehen kann, sollte kritisiert, aber nicht verworfen, sondern ergänzt werden. Zweckmäßigkeit muss das irrationale Bedürfnis,das Unbegründbare, das Nichtmessbare beinhalten. Der Zweck des Menschseins kommt ohne sie nicht aus. Werden sie ignoriert, kommt es zur wie auch immer sich konkretisierenden Katastrophe. Beispielsweise zu den Ästhetiken der aktuellen Neubaugebiete, zum Schlosswiederaufbau, auf der anderen Seite zu DDR-Plattenbauten und Neuer Sachlichkeit, die faschistische Architektur im demokratischen Staat vorwegnahm.

Lohnenswert wäre es, den Deutschen Werkbund auf diese Fragen hin zu untersuchen. Er argumentierte in Bezug auf das Verhältnis von Zweckmäßigkeit und Schönheit sehr ähnlich. Vielleicht hat er sich über die Definition von Zweck, was den Menschen angeht, mehr Gedanken gemacht.

Vielleicht. Bei den Shakern ist immerhin sympathisch, dass sie sich so schütteln.

Eigentlich ziemlich unzweckmäßig.

Veröffentlicht unter Architektur, Geschichte, Kapitalismus, Religionen | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Das Kreuz mit dem Kreuz

Das perfekte Symbolbild der deutsche Reaktion, das im Entstehen befindliche Berliner Stadtschloss, soll nun nicht nur die Kuppel wiederbekommen, sondern auch das vergoldete Kreuz obendrauf. Ausgerechnet die FAZ kritisiert das Vorhaben deutlich. Andreas Kilb schreibt:

Die Debatte über das Kuppelkreuz rührt an den eigentlichen wunden Punkt des Humboldtforums, seine historische Sollbruchstelle. Sie hat mit dem ungeklärten Verhältnis des Projekts und seiner Planer zur Geschichte des Gebäudes zu tun, in dessen Replik sie einziehen sollen. Also mit Preußen jenseits der Brüder Humboldt – mit dem Preußen der Reaktion und der bürgerlichen Unfreiheiten.

Im Juli 1844 erteilte Friedrich Wilhelm IV. die Kabinettsorder zur Errichtung einer Kapelle mit Kuppel über dem Westportal des Hohenzollernschlosses. Zehn Jahre später, zum Krönungsgedenktag am 18. Januar 1854, wurde der Bau der Architekten Stüler und Schadow vom Hofprediger Hoffmann geweiht. Ursprünglich war geplant gewesen, die gesamte Kuppellaterne samt Kreuz zu vergolden, doch „infolge der gespannten innenpolitischen Lage“, wie der Schlosshistoriker Albert Geyer vielsagend schrieb, hatte man die Vergoldung auf das Kreuz beschränkt.

Diese „gespannte Lage“ war die in Blut erstickte bürgerliche Revolution von 1848. Das Kuppelkreuz war das Symbol ihrer Niederlage und der erzwungenen preußischen Kirchenunion. Genau genommen gehörte es nicht zur Fassade, sondern zur Funktion des Gebäudes: Es zeigte seine Nutzung als Gotteshaus an. Eine solche Nutzung ist im Humboldtforum nicht vorgesehen. Es wird keine Abendmähler und Predigten mehr unter der Schlosskuppel geben; statt dessen sollen dort buddhistische Wandmalereien aus Xinjiang an der nördlichen Seidenstraße gezeigt werden, einer der wertvollsten Bestände des Museums für Asiatische Kunst.

Es gibt nicht viele Profanbauten in Deutschland, die mit Kreuzen geschmückt sind. Ganz sicher sind unter ihnen keine ethnologischen Museen. Ein Kuppelkreuz auf dem Humboldtforum wäre deshalb nicht nur eine Irreführung der Besucher. Es wäre ein historisches Zeichen, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließe. Nicht „unser“ Christentum würde darin sichtbar, wie Monika Grütters meint, sondern der Anschluss an die Tradition der preußischen Staatskirche mit ihrer engen Verbindung von Kanzel und Bajonett. Jene gebildeten Betrachter aus aller Welt, an deren Erwartungen die Konzeption des Humboldtforums Maß nimmt, würden diese Symbolik zu lesen wissen.

Das Kuppelkreuz als Symbol der Niederschlagung der 48er Revolution, das Kuppelkreuz als Symbol eines reaktionären, gewalttätigen Christentums, das Kuppelkreuz also als Symbol, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Wer A sagt, sollte ehrlicherweise auch B sagen. Wer das Schloss wiederaufbauen wollte, stand schon immer für die rechten und rechtsradikalen Geschichtsanschlüsse. Das Vorhaben, in das Schloss irgendwas mit Globalisierung und angeblichen Respekt vor dem Fremden zu installieren, war schon immer verlogen. Jeder, der so daherredete, wusste und weiß das. Mit dem Berliner Schloss entsteht das Bekenntnis zum vordemokratischen Staat, zum ergebenen Untertan, zu allen preußischen Scheußlichkeiten, die man so kennt.

Das Kreuz ist also nur die sinnvolle Folge des ganzen Schlossbrimboriums. Die gebildeten Betrachter aus aller Welt wissen diese Symbolik, die an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig lässt, dann in der Tat zu lesen. Die historische Sollbruchstelle ist keine, das Schloss hat als Gebäude einen klaren Auftrag: Die Repräsentanz der feudalen, gewalttätigen Macht eines Unrechtsstaates. Falls es tatsächlich preußische Tugenden gibt, die man hochhalten sollte, wären die in keinem Fall mit dem Wiederaufbau des Schlosses zu symbolisieren.

Wenn Andreas Kilb versucht, das Schloss als Symbol zu retten, muss er scheitern, so wie diese ganzen merkwürdigen Konservativen scheitern müssen, wenn sie ihre Sollbruchstellen ignorieren. Ein Schloss ist ein Schloss ist ein Schloss. Es steht weder mit noch ohne Kreuz für irgendetwas Positives.

Also, liebe Schlossfreunde: Stellt das Kreuz da obendrauf. Ziert euch nicht. Seid keine Waschlappen, seid ehrlich. Nehmt euch ein Beispiel an der AfD. Fordert den Untertan, fordert die Prügelstrafe, fordert die Niederschlagung jeglicher Kritik. Und als nächsten Schritt empfehle ich: Keine fremdländische Kultur in unser toitsches Schloss stellen!

Ich schätze, diese Diskussion wird nicht ewig auf sich warten lassen.

Veröffentlicht unter Architektur, Berlin, Geschichte, Rechtsaußen, Religionen | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Vom Mieten und Verlieren

Kurz etwas Alt-Neues aus dem Asozialstaat Deutschland: Die linke Stadtentwicklungs-senatorin Katrin Lompscher hat gestern den Berliner Mietspiegel 2017 vorgestellt. Der berechnet den Mittelwert der real gezahlten Mieten und erlaubt eine bis um 20 Prozent über dem Mittelwert liegende Miete. Das Ergebnis dieses lustigen Spiegels ist naturgemäß: In Zeiten intensiver Kapitalverwertung von Immobilien gehen immer mehr Vermieter an die 20-Prozentgrenze, wodurch sich der Mittelwert im nächsten Mietspiegel signifikant erhöht.

Noch lustiger: Die Hauseigentümer können sich auch weigern, den Mietspiegel zu beachten. Wobei das nur logisch ist: In einer Gesellschaft, in der die Kapitalverwertung Gott ist, wäre ihre Behinderung Blasphemie. Wer kann dazu schon ja sagen?

Der Tagesspiegel berichtet gar (leider, ohne es zu erklären), dass sich neue Berechnungen für Altbaumieter so auswirken, dass sie mit bis zu 40 Prozent Mieterhöhungen rechnen müssen. Und:

Den höchsten Durchschnittswert im neuen Mietspiegel erreichen kleine Neubauwohnungen (mit Sammelheizung, Bad und Innen-WC) mit bis zu 40 Quadratmetern: Sie kosten 14,19 Euro. Die größten Verlierer sind Familien mit Kindern, die auf der Suche nach einer großen Wohnung sind.

40 Prozent mehr in einer Stadt, die von rot-rot-grün regiert wird. Mehr muss man zum Thema „Demokratie und Kapitalismus“ eigentlich nicht sagen. In einer halbwegs zurechnungsfähigen Gesellschaft würden nun alle Lohnabhängigen 40 Prozent mehr Lohn fordern und bis zur Erfüllung dessen in einen Generalstreik treten.

Naturgemäß nicht im preußischen und neoliberalisierten Deutschland. Die Selbstverständlichkeit, dass ein Quadratmeter Altbau maximal drei Euro kalt kosten darf und alles darüber Wucher ist, gilt Soziologen und Politologen vermutlich als eine linksextremistische Haltung.

Wäre die SPD eine linke Partei, würden sie und ihr Hampelmann Martin Schulz nun beispielsweise die Kapitalverwertung von Boden anprangern: keine Gewinne mit Wohnen, kein Schmarotzen auf Kosten von Grundbedürfnissen. Eine eigentlich selbstverständliche Forderung für einen, der gerne Mitgefühl mit dem „hart schuftenden Busfahrer“ zeigt, „der nicht weiß, wie er seine Miete bezahlen soll“.

Abgesehen davon, dass die Erkenntnis, dass ein Busfahrer hart schuftet, bei einem Sozialdemokraten zur Forderung der 30-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich führen müsste. Allerdings reden wir hier von einem Sozialdemokraten im Jahr 2017. Wir wundern uns nicht.

Typisch für die neoliberale Geistesverfassung ist ein Kommentar im Tagesspiegel von einer Frau namens Ulrike Heringer. Sie ist Herausgeberin des Urbanist Magazin – klingt toll – und sie schreibt in typisch neoliberaler, sinnbefreiter Manier:

Doch Wachstum ist nicht konfliktfrei zu haben. Denn mehr Jobs führen zu Zuzug, mehr Berufsverkehr und mehr Menschen, die in der Stadt wohnen wollen. Nahezu jede beliebte, wachsende Großstadt klagt über ähnliche Probleme. Man schaue sich Paris, Hongkong oder Tel Aviv an. Überall sind die Mieten hoch, der Wohnraum pro Kopf gering, der Verkehr staut sich regelmäßig. Es entstehen also überall Nutzungskonflikte. Das ist auch nicht weiter verwunderlich: Zu wenig Platz zu haben, das ist praktisch die Definition von Stadt.

Steigende Mieten sind „Nutzungskonflikte“, das ist die Definition von Stadt, also ganz natürlich. Und dann, man beachte die Dichte des ideologischen Geplappers:

Dabei hilft es nicht, die Vergangenheit zu romantisieren. Aber der Blick auf andere Städte zeigt: Berlin hat gar keine schlechten Voraussetzungen! Man muss sie nur ergreifen.

Was genau man ergreifen soll, schreibt Heringer nicht. Ist ja auch egal, es klingt gut, wir sind vorne, wir sind dabei.

Ich wage die Behauptung, dass ein solch intellektueller Schrott es vor 30 oder 40 Jahren bestenfalls in die Bild-Zeitung geschafft hätte. Irgendein Redakteur hätte das aufgrund argumentativer und geistiger Armut, aufgrund offensichtlicher PR-Orientierung gestoppt. Heute geht das durch. Solange der Flow und die Dichte an trendy vocabulary stimmt, ist alles in Ordnung.

Wir wundern uns nicht.

(Fotos: genova 2015)

Veröffentlicht unter Berlin, Deutschland, Gentrifizierung, Gesellschaft, Kapitalismus, Neoliberalismus, Politik | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Hergerichet, abgerichtet, hingerichtet: Unser Dorf soll hässlich werden

Dieter Wieland: Ein bayerischer Filmemacher, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feierte, wie man sagt. Er drehte in den 1970er Jahren eine Menge Filme fürs Bayrische Fernsehen mit solch aufmerksamkeitsfördernden Titeln wie „Unser Dorf soll hässlich werden“ oder „Grün kaputt“.

Diese Filme zu schauen, ist ungemein aufschlussreich. Zum einen, weil Wieland eine Sprache spricht, die es sonst nicht gibt:

„Begradigung, Bereinigung, Erschließung, Beschleunigung, Kanalisierung, Neuordnung, Verordnung, Verödung. Das Land wird hergerichtet, abgerichtet, hingerichtet. Am Ende bleibt nur das Korsett des öden Rasters, der Triumph des rechten Winkels, Serienlandschaft.“

Thomas Bernhard hatte sicher seine Freude an Wieland gehabt, mal abgesehen von der leicht weinerlichen Stimme.

Zum anderen ist Wieland für mich interessant, weil er eine Umgebung kritisiert, die ich in meiner Sozialisation erlebte und somit als die normale wahrnahm, also eben diese Begradigungen, Kanalisierungen, Verordnungen, die Ziergehölze in den Vorgärten und die zugeteerten Garageneinfahrten. Es war für mich die Normalität und die Frage, ob das früher mal anders war, stellte sich nicht.

Alles eine Frage des Standpunkts.

Wieland kann man in vielem sicher recht geben. Man hat mit der Intenvisiverung der Landwirtschaft eine „rücksichtslose Produktionslandschaft“ geschaffen, in Teilen „eine ausgeräumte, nackte Maschinensteppe“, eine „Landschaft ohne Spuren“. Andererseits kommen auch ziemlich kulturkonservative Haltungen zum Vorschein, die auf ein „früher war alles besser“ hinauslaufen. Für Wieland scheint es im ländlichen Raum keine Entwicklung geben zu dürfen. Die Kritik der realen ist das eine, das Alternativangebot die andere Seite. Häuser niedrig, einfach, kleine Fenster, Fensterkreuze, das Holz ist zum Heizen aufgestapelt, alte Bauernhäuser

Wieland beklagt beispielsweise das Sterben der großen bayrischen Vierseithöfe und vergisst zu erwähnen, dass die nur einen Sinn machten, solange es die wirtschaftliche Notwendigkeit für Bauernhöfe in dieser Größe gab. Die Vierseithöfe waren auch irgendwann mal neu und verdrängten etwas Altes. Im Film (ab 4:30) beschwert er sich darüber, dass bei solch einem Vierseithof eine Seite abgerissen wurde, um ein neues Haus reinzustellen, das aber eine andere Grundform aufweist:

„Der Neubau hält sich nicht im geringsten an die alte Ordnung. Er steht da, zu hoch, zu kurz. Das ist kein Bauernhaus, das ist ein Arbeiter-, ein Angestelltenhaus.“

So wird es sein, deshalb sieht es auch nicht aus wie ein Bauernhaus. Warum sollte es? Vermutlich nur, um Wielands Meinung nicht zu stören, wonach es keine Veränderung geben dürfe.

Dann kommt der merkwürdige Satz:

„So haben sich die Standesunterschiede schon verwischt.“

Das scheint beklagenswert zu sein.

Man hat den Eindruck, Wieland geht es nicht um die Bewohner, sondern nur um ein Bild der formalen Idylle, das es zu bewahren gilt. Die geteerte Einfahrt sorgte dafür, dass man nicht ständig schmutzige Schuhe bekommt und das Wasser abläuft. Das sieht man heute unter ökologischen Gesichtspunkten anders und nachhaltiger, aber es war in den 60ern verständlich, dass man sich auf den Teer freute. Wieland versteht das nicht.

Oder Fachwerkhäuser, die so umgebaut wurden, dass die Fensterordnung zerstört wurde. Für Wieland ein Unding, man sollte sich wohl eher weiterhin mit den kleinen Fenstern in dunklen Räumen zufrieden geben. Dass es heute keine Notwendigkeit mehr für die kleinen Fenster gibt, interessiert nicht. Und eine neue Sparkasse darf nicht in einem modernen Gebäude realisiert werden und eine großflächig verglaste Ladenzeile ist ebenso tabu. Warum? Weil es das früher nicht gab. Genauer: Weil es das nicht gab, als Wieland sozialisiert wurde. Wielands Argumentation hat etwas störrisch-egozentrisches. Gotik und Barock sind heilig, rein formal. Jede Änderung, die sich an neuen Baupraktiken und neuen Nutzungsbedürfnissen orientiert, wird von ihm ignoriert. An den Dörfern scheinen vor allem die Menschen zu stören. Wären die weg, gäbe es auch keine Veränderung. Neue Häuser jedenfalls sollen sich „bescheiden einfügen“. Obrigkeitsstaat.

Nebenbei: Wieland spracht noch vom „Bundesbürger“, nicht vom Deutschen, sehr angenehm. Und wie weit entfernt mittlerweile. „Deutscher“ scheint ein rein neurotischer Begriff zu sein.

Ins Schwarze trifft Wieland mit seiner Kritik am Ziergarten. Was sich in den 1950er oder 1960 Jahren in den Gärten der Neubaugebiete breit machte, ist ein merkwürdiges Phänomen, das kaum gewürdigt wird: „Natur“ wird symbolisiert in allerlei Ziersträuchern und sinnlosen Zuchtpflanzen, alles streng geordnet und reglementiert und dazu kommt ein Zierrasen, in dem jegliche Abweichung von der Norm „Unkraut“ genannt wird, das selbstverständlich mit chemischen Keulen vernichtet werden darf und muss. Besonders bemerkenswert: Man liebte das fremde Gesträuch, es war irgendwie exotisch. Migranten aus diesen Ländern waren und sind weniger willkommen. Das Gesträuch lässt sich wohl besser assimilieren und hält den Mund. Der Biodeutsche kann es beschneiden, wie er will, es beschwert sich nicht.

Überhaupt kann man Wieland in vielem auch zustimmen, gerade aus der zeitlichen Entfernung. Die Verkitschung des Raumes ist so ein Punkt. Mit der zwanghaften Einbeziehung vermeintlicher Tradition wie an die Fassade darpierte alte Holzräder, in die noch Blumenkübel installiert wurden oder dem „Jodlerstil“ werden nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks überschritten, wie Wieland meint, sondern reale Geschichte instrumentalisiert und banalisiert. Der Fortschritt wird hier unmöglich, weil die Vergangenheit absurdisiert wird.

Recht hat Wieland sicher auch mit seiner Klage, dass vielen Flurgehölze, Obstbäume und Alleen der Garaus gemacht wurde.

Und sicher gab es gerade zwischen 1950 und 1980 viel sinnlose Zerstörung alter Bausubstanz und Flurbereinigung. Das hat wohl auch mit deutscher Gründlichkeit zu tun. Undenkbar, dass in einer deutschen Großstadt ein Stadttor 2000 Jahre lang stehenbleibt, obwohl es keine Funktion mehr hat. Wo in Rom heute die Autos durch- oder drumherum fahren und offenbar niemand auf die Idee kommt und 2000 Jahre lang nicht kam, es abzureißen, hätten nervöse deutsche Zeitgenossen schon längst von Chaos gesprochen und den Abrissbager angefordert. Es ist kein Zufall, dass von den einst 20 Berliner Stadttoren nur noch eins übrig geblieben ist: das Brandenburger Tor, und das muss nun als perfekt gesäubertes Touristenobjekt herhalten. Man könnte hier vom deutschen Zwangscharakter reden, der einerseits für Abrissorgien von originaler Bausubstanz verantwortlich war genauso wie für die andere Version, die Neuerrichtung originaler Schlösser heutzutage. Beides zeigt ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Geschichte, zu fehlender Gelassenheit, zur Tabula-Rasa-Raserei.

Eine ernsthafte Kritik der Zustände ist überdies nicht auf rein formal-ästhetischer Ebene ohne eine ökonomische Kritik möglich. Bauwirtschaftsindustrie, Lobbypolitik, Bodenpreise, Gentrifizierung: all das müsste man mitberücksichtigen.

Sinnvoll wäre nicht, dass sich alles Neue bescheiden einfügt. Sinnvoll wäre ein emanzipierter Umgang mit historischer Bausubstanz einerseits und andererseits Neubauaktivitäten, die sich am Stand der Technik und am Stand der Bedürfnisse messen lassen. Das kann dann – oder es muss dann – anders, neu, aussehen. Ist es inhaltlich vermittelbar, wird es auch formal akzeptiert. Es macht dann Sinn, wie man sagt.

Kürzlich bilanzierte er übrigens desillusioniert:

„Da haben wir nichts erreicht. Die Artenvielfalt ist in einer Weise zurückgegangen, das war uns damals gar nicht möglich, uns das in diesen Dimensionen vorzustellen. Die Bodenverdichtung, die Bodenentwertung, die Güllemassen – das war für uns unvorstellbar. Die Neubaugebiete schauen immer noch so aus, wie damals als ich meine ersten Filme gegen Neubaugebiete gemacht habe.“

Im letzten Punkt würde ich ihn korrigieren. Die Neubaugebiete schauen heute weitaus schlimmer aus als damals. Es sind die wahren Belege der gesellschaftlichen Regression.

Aber auch das ist wohl eine Frage des Standpunkts.

Veröffentlicht unter Architektur, Deutschland, Gesellschaft, Kapitalismus, Landschaft | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

„Der Trump der Architektur“ (2)

[Das ist die Fortsetzung dieses Artikels]

Der Dekonstruktivismus wollte die Wahrheit hinterfragen. Er wollte das Ganze untergraben. In der Architektur ist das, zumindest was die Stars dieses Genres angeht, in weiten Teilen in die Hose gegangen. Sie sind nun Teil der Wahrheit und des Ganzen, und die ist eine kapitalistische und das ist ein kapitalistisches. Die Logik des Kapitalismus ist ideologiefrei und bemächtigt sich jeder Strategie, die Rendite verspricht. Stararchitektur, die kritisch daherkommt, lässt sich leicht ins Spektakuläre drehen, dem jede Kritik abhanden gekommen ist. Dies haben wir, wie man sagt, in Teil 1 unserer kleinen Serie plausibel dargelegt.

Wie radikal sich der Dekonstruktivismus in den Dienst des Kapitalismus stellen kann, zeigt der deutsche Architekt Patrik Schumacher:

schumacherDer 55-Jährige ist nicht irgendwer, sondern seit dem Tod der Gründerin vergangenes Jahr der Chef des Büros Zaha Hadid. Laut Guardian und dezeen will er den sozialen Wohnungsbau auf null herunterfahren, Bauregulierungen weitestgehend abschaffen und sogar Straßen, Plätze und Parks privatisieren. Bemerkenswerterweise sagte er das kürzlich bei einer Konferenz in Berlin. Auch gegen Zweitwohnungen in Metropolen hat er nichts einzuwenden. Seine Begründung:

„I know a lot of people that have second homes in London and I’m so glad they do,“ he continued. „Even if they’re here only for a few weeks and throw some key parties, these are amazing multiplying events.“

Amazing multiplying events, soso. Vermutlich dann, wenn er eingeladen ist. Klingt nach einem Egozentriker.

Genügend Wohnraum will er so schaffen:

„Housing for everyone can only be provided by freely self-regulating and self-motivating market process.“

Der Markt soll es richten. Angesichts der Verhältnisse in London eine mutige Behauptung. Der Neoliberalismus hat die aktuellen Verhältnisse geschaffen, aber egal: Wir erhöhen einfach die Dosis. Es ist völlig klar, dass mehr Markt bei naturgemäß begrenztem Boden zu höheren Preisen führt. Man mag nicht glauben, dass Mister Schumacher so dämlich ist, das nicht zu wissen. Er weiß es sicher.

In die Städte sollen, und hier zeigt Schumacher, was er eigentlich will, nur “the most economically potent and most productive users who serve us most effectively” einziehen. Wobei man erst einmal klären müsste, ob die economically Potentesten auch die sind, die us most effectively nutzen. Wie auch immer, in London sind doch schon lange nur noch die ökonomisch Potentesten in der City. Er trägt Eulen nach Athen.

Wenn gerade keine Party angesagt ist, sitzt Schumacher laut Guardian gerne bei Architekturkonferenzen in der ersten Reihe und bezichtigt die Redner, Teil einer „lefty liberal conspiracy“ zu sein.

Auf Facebook sind die Meinungen über Schumacher deutlich:

hadid1

hadid2

hadid3Die Engländer scheinen weitaus meinungsfreudiger als die Deutschen zu sein, wenn es um Architektur geht. In Berlin sind solche Auseinandersetzungen undenkbar. Hier macht die sogenannte intellektuelle Elite jeden Wunsch des Kapitals mit und will architektonisch entweder das Schloss oder gar nichts.

Wie auch immer: Von dekonstruktivistischer zu einer zeitgemäß faschistischen Architektur ist es offenbar nicht weit.

Interessant ist auch Schumachers politischer Werdegang: Er bezeichnete sich früher, kein Scherz, als  Marxist. Nun jedoch sei er desillusioniert. Vielleicht ist nicht nur der Trump, sondern auch der Jürgen Elsässer der Architektur. Nun liest Schumacher Ludwig von Mieses, Friedrich Hayek und Murray Rothbard. Leute also, für die die FDP eine sozialistische Partei ist.

Was sagte Zaha Hadid zu Schumacher, der seit den 1980er Jahren in Hadids Büro arbeitete? Sie hielt wohl nicht viel von seinen Überlegungen zur Architektur und laut Schumacher war sie Guardian-Leserin, was er keineswegs als Lob versteht. Konnte Schumacher nur durch den plötzlichen Tod Hadids den Laden übernehmen? Hat sie nicht aufgepasst?

Fade out

(Fotos: Facebook und dezeen)

Veröffentlicht unter Architektur, Gentrifizierung, Gesellschaft, Kapitalismus, Neoliberalismus, Politik, Rechtsaußen | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Arno Brandlhuber und die freiwillige Erkenntnis des Kapitals

Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie, unter anderem von Arno Brandlhuber auf die Beine gestellt, beschäftigte sich mit Stadtarchitektur, Stadtpolitik, Stadtboden. Eine gute Idee, aber schon in der Einführung zeigen die Macher  – dazu gehört der Architekt Arno Brandlhuber, der eigentlich ziemlich gute Sachen baut und denkt -, dass sie etwas Grundsätzliches nicht verstanden haben. Sie fragen:

„Wie führen wir den städtischen Boden wieder einem gemeinschaftlichen Interesse zu, ohne das private Eigentum anzutasten?“

Thema verfehlt, setzen.

Von Belang ist das gemeinschaftliche Interesse, nicht das private Eigentum. Wenn letzteres hinderlich für ersteres ist, dann muss es infrage gestellt werden. Wenn Brandlhuber und Co. das auf keinen Fall wollen, sind sie Teil der neoliberalen Ideologie, ob sie das wollen oder nicht. Und es geht bei städtischem Boden nicht um selbstgenutzte Wohnungen, die in privatem Eigentum sind, sondern um das Privateigentum an Spekulationsmitteln.

Brandlhuber checkt das nicht und das scheint auch in dem dicken Katalog zur Ausstellung – der insgesamt sehr verdienstvoll und lesenswert ist – rüberzukommen. Neben vielen interessanten Beiträgen unterhält sich Brandlhuber allen Ernstes mit dem Immobilienspekulanten und Vorzeigegentrifizierer und also Stadt- und Menschenzerstörer Nikolaus Ziegert, der hier schon mehrfach gewürdigt wurde.

Um einen kleinen Eindruck zu bekommen:

Ziegert sucht jede Möglichkeit zu nutzen, Stadtviertel um Stadtviertel neoliberal umzubauen. Dieser Kamerad hat offensichtlich eine Stiftung gegründet. Das macht man so, wenn man viel Geld verdient hat, keine Steuern zahlen und außerdem sein Image aufpolieren will.

Was Ziegert im Gespräch mit Brandlhuber von sich gibt, ist Realsatire, orwellsches Geschwätz. Er hat Wohnungen im Angebot, die bei einer Miete von 20 Euro den Quadratmeter kalt beginnen bzw. für um die 8.000 Euro zu kaufen sind. Im Interview sagt er dann:

„Der Boden gehört allen. Es ist hart, dass ich das so sage, aber das sehe ich auch als einen Ansatz für Entwicklung“.

„Ansatz für Entwicklung“ klingt immer gut. Außerdem stimmt er der These zu, dass Wohnen keine Ware sei, will aber nicht, dass der Staat sich in diese Diskussion einmischt. Statt dessen brauchen wir

„einen offenen Diskurs quer durch alle Gesellschaftsschichten“.

Was man halt so sagt, wenn man trendy sein und nichts sagen will. Sein konketer Vorschlag:

„Die Wirtschaft muss hier selbst einen Erkenntnisschritt machen. Sie muss sagen, wir geben Teile ab und wir geben sie ab in gemeinnützige Stiftungen. Der Boden könnte freiwillig überführt werden. Freiwillig, aus Erkenntnis!“

Überflüssig zu sagen, dass es sich hier um Geplapper handelt. Es ist Teil der neoliberalen Ideologie, faktische Gegensätze zu verschleiern, irgendwas von Verantwortung zu erzählen und sich dieser zum Schein zu stellen. Es gibt in der offiziellen neoliberalen Ideologie keine Interessengegensätze, sondern wir sind alle Teil des Fortschritts. Man muss den imaginären Markt, der nicht existiert, nur machen lassen.

Vielleicht hat sich Brandlhuber mit dem Typen unterhalten, um ihn zu demaskieren. In einer Zeit, in der systemische Zusammenhänge ignoriert werden, ist das Interview allerdings Ausdruck von Postpolitik und Postideologie in seiner schlechtesten Form. Man will Zusammenhänge nicht mehr verstehen, weil man dann raus wäre aus dem tollen pluralistischen Dialog mit der ganzen Zivilgesellschaft, die Pluralismus so gerne simuliert. Man darf dann über alles diskutieren, aber auf keinen Fall die Verwertungslogik des Kapitals in Frage stellen. Es ist bezeichnend, dass Ziegert auf Erkenntnis und Freiwiligkeit des Kapitals baut. Es ist natürlich lächerlich.

Vor solchen Hintergründen sind pseudoaufgeklärte Gespräche zwischen einem Brandlhuber und einem freundlich lächelnden Sozialdarwinisten wie Ziegert eine Zumutung. Brandlhuber ist somit ein realer Erfüllungsgehilfe kapitalistischer Akkumulationslogik. Statt einen Ziegert zu kompromittieren, wird ihm dialogisch Ablass gewährt, damit er künftig seine Geschäfet noch ungehemmter fortführen kann.

In den Berliner Stadtumbauten in den 1980ern existierten von Spekulanten so eine Art Fahndungsfotos im Stil der BKA-Plakate mit den RAF-Leuten drauf. Die Spekulanten seinerzeit hatten dann vielleicht wirklich Probleme, sich in den Vierteln sehen zu lassen. Den Ziegerts von heute wird der sogenannte Dialog angeboten, das PR-Gespräch zur Selbstaufwertung. Üble Zeiten.

Postmoderne Vernebelung.

Veröffentlicht unter Architektur, Berlin, Gentrifizierung, Gesellschaft, Kapitalismus, Neoliberalismus | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

o.T. 374

(Foto: genova 2016)

Veröffentlicht unter Fotografie, o.T. | Kommentar hinterlassen

Kultur und Flexibilität

[Es folgt ein weiterer vor allem wirrer Text, weil wirr gedacht.]

Der Sennettsche „flexible Mensch“ ist ein kulturell eher unflexibler, meinte vor 15 Jahren schon Peter Neitzke, ein Architekt und vor allem Publizist, der vor knapp zwei Jahren gestorben ist.

Die These hat etwas und sie erklärt, warum in neoliberale Zeiten auch immer neokonservative sind. Der drangsalierte Mensch tritt nach unten, was er auf der konkret politischen Ebene mittels AfD oder Pegida macht und auf der kulturellen, indem er für die Wiedererrichtung von Stadtschlössern plädiert, für den Neoklassizismus beim Eigenheim und so weiter. In der Innenstadt von Frankfurt am Main hat man ja vor ein paar Jahren ernsthaft ein interessantes Gebäude aus den 1970er Jahren abgerissen – das brutalistische, wie man sagt, Technische Rathaus -, um dort nun neofeudalistische „Altstadthäuser“ hochzuziehen. Die sind sauteuer und tragen keinen Deut zur Entschärfung des Wohnungsproblems dort bei. Ein ganzes Stadtviertel dient der Verwertung des Werts.

Die deregulierte Arbeitswelt – einen Begriff, den man auch als Verniedlichung für verschärfte Ausbeutung bezeichnen könnte – führt notwendigerweise zu Rechtsradikalismus und kulturellem Rückschritt. Man sollte hier die gesellschaftliche Auseinandersetzung verschärfen: Allen, die für die Wiedererrichtung von Stadtschlössern oder Altstädten und ähnlichem eintreten, sollte man die Wahl von Bernd Höcke nahelegen. Diesen Leuten sollte man nicht erlauben, sich als Verteidiger „bürgerlicher Werte“ auszugegen. Was auch immer diese bürgerlichen Werte sind, aber einer totale Auslieferung von Stadt ans Kapital, das mittels reinem Fassadismus, der eine gute alte Zeit suggeriert, fehlt jede bürgerliche Perspektive.

Es geht hier architektonisch schon lange nicht mehr um eine postmoderne Kritik moderner Verfehlungen, wie man das in den 1960er und 1970er Jahren dringend brauchte. Es geht hier um eine Zurichtung von Stadt als kapitalistisches Spekulationsobjekt. Eine Stadt, die weder etwas mit Wohnen noch mit Produktion zu tun hat, sondern nur als Kulisse herhalten muss, damit Bodenpreise steigen. Kulissenvolk sind Touristen, unbezahlte Laiendarsteller.

Von diesen sind vielleicht auch viele deregulierte, die billige Reisepreise nutzen, um in der fassadistischen Stadt heiter und gelassen der totalen Touristennorm zu frönen.

Die größten Probleme mit Pendlern hat derzeit München, schreibt der Spiegel. Wollte man die Verkehrsprobleme in Städten lösen, brauchte man sich nur um die Bodenpreise zu kümmern. Die Mieten mitten in München wären so hoch wie in der Niederlausitz. Nein, sie wären günstiger, denn Bauen in der Niederlausitz ist teurer als in München.

Stadt erfüllt immer weniger die Bedürfnisse der Bewohner, sondern jene des Kapitals, das wiederum die Künstler und die Touristen als Kulissendarsteller braucht.

In der südlichen Schönhauser Allee in Berlin standen ein paar Jahre 34 gestapelte Seecontainer, in denen es um Kunst ging: die Kunsthalle Platoon. Selbstredend gab es dort viele Markenevents, es ging auch hier darum, Kunst zum Kommerz umzumodeln. Schick war das alles dennoch. Jetzt kann man die Container bei ebay ersteigern. Man sollte bei Kunst in Kunst und PR-Kunst unterscheiden. So, wie man das auch mit Texten macht.

Die postmoderne Kritik an Stadt war eben nur aufgesetzt eine am Bauwirtschaftsfunktionalismus. Der nervte nicht wegen der Kapitallogik, sondern weil er diese Logik zu deutlich zeigte: serielles Bauen, um Geld zu sparen. Die Postmoderne setzte zwar inhaltlich an – Robert Venturi soll hier demnächst zur Sprache kommen -, hatte aber kein ernstzunehmendes theoretisches Fundament, auch, weil die Altmeister der Moderne ihre Unterstützung verweigerten. Und so war wohl die Piazza d´Italia in New Orleans der konsequente Höhepunkt dieser Ideologie.

Kulturelle Flexibilität könnte man dieser Berlin-Scene ja attestieren, wie man sagt. Genau an diesem Schein arbeitet die Stadtmarketing-PR. Platoon als Zeichen des interessierten urbanen Konsumbereiten, der natürlich einen Anspruch hat. Das Ideal ist wohl der, der vom Platoon zum Schloss wandelt und umgekehrt. Ohne jeden bösen Gedanken.

(Foto: genova 2015)

Veröffentlicht unter Alltagskultur, Berlin, Gentrifizierung, Neoliberalismus, Städte | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

o.T. 373

(Foto: genova 2016)

Veröffentlicht unter Fotografie, o.T. | Kommentar hinterlassen

Foie gras und der Umerziehungsfuror der Wohlmeinenden

Das Erstarken des rechten Sektors kann man an vielem festmachen. Beispielsweise an der Reaktion des Tagesspiegels auf einen Bericht, wonach Martin Schulz vor vier Jahren in einem Straßburger Restaurant Gänseleberpastete gegessen hat. Die CDU sammelt naturgemäß Nachrichten über Schulz, um ihn im Wahlkampf schlecht darzustellen. Deshalb kommt diese kleine Geschichte nun wieder nach oben.

Der Tagesspiegel geriert sich jetzt als Junge Freiheit und schreibt über die Kritiker des Gänsestopfleberessens:

Tierschützer verstehen bei Gänsestopfleber keinen Spaß, da kennt der Umerziehungsfuror der Wohlmeinenden keine Gnade. Ein freiheitliches System, in dem jeder selbst seine Normen setzt, hat für jeden Vorteile. Nur nicht für Politiker. Die müssen sich auch nach Werten ihrer Wähler richten, selbst dann, wenn es Minderheiten sind.

Über die Herstellung von Gänsestopfleber schreibt Wikipedia:

Die Fettlebern entstehen durch eine bestimmte Mastform (gavage), das Nudeln oder Stopfen, bei dem die Tiere in den letzten 21 bis 28 Tagen zwangsernährt werden. Rund drei bis viermal pro Tag wird den Tieren mittels eines Rohres ein Futterbrei aus 95 Prozent Mais und 5 Prozent Schweineschmalz in den Magen gepumpt. Dadurch wiegen die Lebern statt üblicher 300 Gramm bei der Schlachtung 1000 bis 2000 Gramm, und der Fettgehalt schwankt zwischen 31 und 51 Prozent. Durch die Verfettung der Leber kommt es zu einer starken Ablagerung von Triglyceriden, im Gegenzug nimmt der Anteil an Phospholipiden ab. Der Gehalt an Cholesterin nimmt durch das Stopfen nicht zu.

Die Produktion ist in vielen Ländern verboten, Import und Verkauf sind aber beispielsweise in der EU zugelassen.

Man kann hier also von einer verschärften Form der Tierquälerei sprechen.

Frankreich selbst hat das Problem so gelöst: Foie gras wurde laut Wikipedia „zum nationalen und gastronomischen Kulturerbe erklärt und ist dadurch von französischen Tierschutzgesetzen ausgenommen“.

Wie auch immer man zu dieser Art gastronomischer Kultur steht: Wer Tierquälerei kritisiert, betreibt also Umerziehungsfuror und kennt weder Spaß noch Gnade. Und, ganz wichtig: Er ist gegen das „freiheitliche System“. Man ist als Kritiker von Tierquälerei so eine Art Stalinist, vermutlich. Ein Leser schreibt in seinem Kommentar unter dem Tagesspiegel-Artikel ganz bezeichnend:

Jeder nach seinem Geschmack. Bon appetit.

Jedem das Seine, hieß das früher, aber der Vergleich ziemt sich ja nicht.

Es ist dieselbe Logik, wonach man Helfer als Gutmenschen bezeichnet. Freiheit ist die Freiheit, andere zu quälen und verrecken zu lassen. Die Freiheit nehm ich mir. Die „Wohlmeinenden“ sind die, die es zu bekämpfen gilt. Sie wollen etwas Gutes, das kann nur schlecht sein. Wer in einer schlechten Welt Gutes will, will uns ans Leder, soviel ist klar. Es passt auch zur kapitalistischen Logik, die wir schon längst verinnerlicht haben. Freiheit im Kapitalismus geht zu Lasten anderer, da kann das Grundgesetz noch so human dahersülzen.

Ich habe den Eindruck, als sei ein solch perfider Artikel wie der im Tagesspiegel vor einiger Zeit noch nicht möglich gewesen. Man quälte zwar auch früher täglich Tiere, aber man hat sich dafür noch ein bisschen geschämt. Die neue Qualität ist, das Fehlverhalten zu einer Tugend zu erklären, die gegen den Umerziehungsfuror der Gutmenschen geschützt werden muss. Rücksichtslosigkeit und Gänseleberessen als neue Tugend im Kampf des alten, weißen Mannes gegen alle. Man erfährt in dem Tagesspiegel-Kommentar nicht, was die bösen Tierschützer überhaupt gesagt und gemacht haben sollen.

96 Prozent der sogenannten Gänseleber stammt übrigens von Enten.

Natürlich sind der CDU Enten und Gänse egal. Aber das nur nebenbei.

(Fotos: genova 2015)

Veröffentlicht unter Alltagskultur, Rechtsaußen | Verschlagwortet mit , , , | 3 Kommentare