Waschbeton 13

(Foto: genova 2020)

Veröffentlicht unter Architektur, Design | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Ansturm und Kaufrausch

Neoliberale Politik als Naturphänomen: Das war hier im Blog schon oft Thema und der folgende aktuelle Artikel aus der FAZ ist ein weiteres Beispiel (leider nur für Abonnenten).

Worum geht´s?

„Chinesen werden mehr denn je Wohnungen im Ausland kaufen“

titelt Birgit Ochs, „verantwortliche Redakteurin für Wohnen“, im Wirtschaftsteil. Hintergrund ist Corona, weswegen im März die Immobiliengeschäfte mit Chinesen eingebrochen waren, wovon aber nun nichts mehr zu spüren ist.

Diese Chinesen brauchen die Wohnungen selbstredend nicht zum wohnen, sondern als Kapitalanlage. Viele Chinesen haben Angst vor einem Verfall der chinesischen Währung, heißt es. Vor ein paar Jahren zahlte ein Chinese in Frankfurt für eine Wohnung durchschnittlich 500.000 Euro, heute sind es rund eine Million Euro. Die Preise steigen.

Verräterisch in dem Artikel sind eine Menge Redewendungen und überhaupt das Wording. Es fällt Frau Ochs offenbar im Traum nicht ein, dieses Marktverhältnis nicht als ein natürliches zu sehen, sondern als ein menschengemachtes.

Während der britische Wohnungsmarkt trotz Corona chinesische Käufer anzieht, ist der Standort Deutschland gerade wegen der Pandemie attraktiver denn je. „Wir haben mit unserem Krisenmanagement im Ausland ein sehr gutes Bild abgegeben“, sagt JLL-Makler Zabel. „Deutschlands gutes Image hat das noch verbessert“, urteilt auch Lin Dattner.

Deutschlands gutes Image sorgt also dafür, dass man als Durchschnittsverdiener keine Wohnung mehr kaufen kann. Wenn es “Deutschland“ gut geht, geht es den Menschen in Deutschland schlecht.

Verräterisch auch das hier:

Vor allem diejenigen, die an angespannten Wohnungsmärkten leiden, hoffen, dass im Zuge der Pandemie der Druck nachlässt.

Der Wunsch nach zahlbaren Mieten richtet sich also nicht an die Politiker, die Gesetzgeber. Von denen erwartet man nichts – verständlicherweise. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auf eine Pandemie zu hoffen, die die Wirtschaft schwächt und in der Folge die Wohnungspreise sinken lässt. Von Politikern vernünftige Politik zu erwarten, ist größtenteils in der Tat naiv. Nur Katastrophen können uns retten.

Verräterisch geht es weiter: Frau Ochs redet von

Shoppingtouren von Käufern aus Russland, dem Nahen Osten und Asien

auf den internationalen Wohnungsmärkten.

Man geht mal flott shoppen.

Im Weiteren zitiert die FAZ Zeitungsüberschriften der vergangenen Jahre:

„Deutsche Wohnungen sind bei Chinesen heiß begehrt“ (FAZ), „Chinesen im Kaufrausch“ („SZ“), „Ansturm aus Fernost“ („Welt“)

Heiß begehrt, Kaufrausch, Ansturm. Es ist eine Mischungs aus Drogenexzess und Krieg. Alles pure menschliche Natur.

Der Kapitalismus ist demzufolge das natürlichste Verhältnis, das zwischen Menschen überhaupt denkbar ist, nämlich ein ökonomisch ummantelter Sozialdarwinismus. Kapitalismus – und der Neoliberalismus als praktischer Verstärker der Zustände – ist das Recht des Stärkeren.

Dass Menschen ihr Zusammenleben sozial regeln können, kommt diesen Leuten nicht in den Sinn – weder Politikern, noch der FAZ noch den Investoren. Es ist ein wirtschaftliches Gebahren der oberen 10.000 auf Kosten der Milliarden. Die Idee, dass man Wohnungen zum wohnen baut, ist obsolet, wenn jemand auf die Idee kommt, Wohnungen zu bezahlen und leerstehen zu lassen.

Eine ernstzunehmende linke Politik müsste heute schlicht zu Hausbesetzung und zu Häuserstürmungen aufrufen. Oder glaubt irgendwer, dass die Politik – also die Politiker, die wir haben – irgendwann für zumutbare Verhältnisse sorgen wird?

Na eben. Die aktuellen rot-rot-grünen Versuche, in Berlin einen Mietendeckel zu installieren, nehme ich aus.

Man könnte ja meinen, dass ein System, das so pervers agiert wie der Kapitalismus, zwangsläufig ans Ende kommt. Kommt es aber nicht. Im Gegenteil: Firmen wie Adidas können es sich zwar in ihren Hauptquartieren zunehmend weniger erlauben, sich rassistisch zu verhalten. Aber die ökonomische Bilanz sieht nach wie vor so aus: Vom Kaufpreis eines Schuhs (100 Euro) gehen 2,50 Euro an die Näherin und 25 Euro ins Marketing. Die 25 Euro sorgen dafür, dass die Masse via Gehirnwäsche weiterhin bereit ist, für ein Billigprodukt einen Haufen Geld auszugeben und das Desaster der Näherin zu vergessen. Man überlege: Der Schuh müsste nur 102,50 Euro kosten oder der Marketinganteil auf 22,50 Euro sinken und die Näherin könnte ihren Lohn verdoppeln. Nicht einmal das passiert.

Frau Ochs ist strenggenommen auch nicht die verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“, sondern für „Kapitalanlage in Immobilien“. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr das klar ist.

Wir sehen: Kapitalismus ist so pervers wie raffiniert. Die Raffinesse muss nur sichtbarer, spürbarer sein als die Perversion. So wie der Heroinabhängige jede Zumutung akzeptiert, solange er seine Dosis bekommt. Wir sind die Abhängigen: Durch den Kapitalismus vollends von unserer Umwelt und uns selbst entfremdet, sind wir wehrlos. In lichten Momenten sehen wir die Perversion und gleichzeitig unsere Unfähigkeit, darüber angemessen zu reden. Zu mehr als Scheindebatten auf Kindergartenniveau mit unzähligen sich beleidigt Fühlenden reicht es nicht mehr.

Kaufräusche, Anstürme, Schuhe als Götter: es läuft.

(Foto: genova 2019)

Veröffentlicht unter Gentrifizierung, Gesellschaft, Kapitalismus, Neoliberalismus | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

o.T. 546

Wir ahnten schon immer, dass die Wolken nicht so entstehen, wie uns die Systemwissenschaft weismachen will. Jetzt haben wir den Beweis:

(Foto: genova 2020)

Veröffentlicht unter Fotografie, o.T. | Kommentar hinterlassen

Architektur und Alltag 11

Gebäude, die auf den zweiten Blick verwirren, können so schlecht nicht sein. Dieses Parkhaus in der Berliner Peripherie ist ein Beispiel dafür. Es ist ein Zwitter (ist der Begriff noch politisch korrekt?) in jeder Hinsicht.

Ich beschreibe zunächst, was ich sehe.

Ein simples Stahlgerüst, das mit – wohl vorgefertigten – Ziegelplatten verkleidet ist. Die Wandöffnungen sind schmale und über die komplette Fassade vertikal gezogen. Die Ecken sind nur deshalb betont, weil dort die Wandöffnungen fehlen. Ein Sockel fehlt ebenso. Das Dach besteht aus einer rein formalen Stahlstruktur, die nicht vorm Wetter schützt. Das Gebäude ist ein schlichter Kasten, sonst nichts. Die vertikal durchgängigen Öffnungen und der fehlende Sockel geben dem Gebäude eine fragile Anmutung: Es scheint, als genüge ein Tritt, um alles in Bewegung und Unordnung zu bringen.

Der erste Blick erfasst also lediglich eine dem Norddeutschen nur zu bekannte Ziegelfassade. Der zweite nimmt wahr, dass hier sämtliche Erwartungen unterlaufen werden: Ein Parkhaus mit Ziegelfassade ist ungewöhnlich, eine Ziegelfassade ohne Sockel ist ungewöhnlich, Wandöffnungen ohne Fenster sind ungewöhnlich, Ziegelfassaden mit Flachdächern sind ungewöhnlich, Flachdächer ohne Dach sind ungewöhnlich, und schließlich ist das Edeka-Emblem ohne Supermarkt ungewöhnlich.

Das Gebäude kaschiert und legt gleichzeitig offen. Es beruhigt den Konservativen mit dunklen Ziegeln und verunsichert ihn in allen Details.

Es scheint, als habe der Architekt in eine Art Schuhkartondeckel ein paar Öffnungen geschnitten und ihn auf zwei Parkhausetagen gesetzt. Die Fassade hat mit dem Inhalt nichts zu tun und gleichzeitig doch wieder alles. Die Ziegelfassade suggeriert die übliche dumme, spießige, preußische, lächerliche Berliner Architektur, der Rest unterläuft genau das. Ein Parkhaus als Betonklotz ist heute wohl kaum noch durchsetzbar. Der Architekt schlug eine Ziegelfassade vor und desavouierte alle Vorstellungen davon.

Man müsste die Werbetafeln und Hinweisschilder auf dem Gebäude abmontieren, die Wirkung wäre noch größer.

(Foto: genova 2020)

Veröffentlicht unter Architektur, Berlin | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

o.T. 545

(Foto: genova 2018)

Veröffentlicht unter Fotografie, o.T. | Kommentar hinterlassen

Melisa und Melissa

Die in Sarajevo geborene und nun in Österreich lebende Journalistin Melisa Erkurt beschwert sich in der taz darüber, dass die „Österreicher*innen“ ihren Namen falsch aussprechen:

Früher habe ich Menschen nicht korrigiert, wenn sie Melisa wie Lisa ausgesprochen haben, obwohl es schrecklich klingt. No offense an jene, die Melisa wie Lisa heißen, wobei ich nicht glaube, dass irgendjemand wirklich so heißt, habe zumindest noch niemals davon gehört, was es noch komischer macht, dass Österreicher*innen mich ständig Melisa wie Lisa nennen.

Wer Migrant*innen ihre Namen aberkennt, erkennt ihnen einen Teil ihrer Identität ab. Ist es wirklich so schwer, die richtige Aussprache zu lernen?

Sie erfinden lieber einen Namen, der nicht existiert, als meinen einfach richtig auszusprechen. Kommt mir jetzt nicht mit einer grammatikalischen Ausrede…

Heute korrigiere ich alle schon beim leisesten Anflug eines „Rose-s“. Melisa ist wohl der leichteste ausländische Name, den es gibt, trotzdem fällt es den Menschen, auch nach mehrmaliger Korrektur schwer, ihn wie Melissa auszusprechen.

No offense, Frau Erkurt, ich erkläre Ihnen die Irritation gerne. Ich nehme an, Ihr phonetisches Problem tritt nur auf, wenn Sie jemandem (oder jemander, bleiben wir gendertechnisch korrekt) Ihren Vornamen schriftlich mitteilen. Nennen Sie ihn mündlich, dann wird Ihnen diese Person in der Aussprache folgen, denn der Name Melisa (mit Rose-S) existiert im Deutschen nicht.

„Melisa“ wird im Deutschen zwangsläufig mit langem, betonten I und stimmhaftem S ausgesprochen. So sind nun mal die Ausspracheregeln (die ich Ihnen auf Anfrage gerne detailliert erläutere). Wenn Sie das nicht wollen, schreiben Sie sich am besten ab sofort „Melissa“. Das wäre dann die eingedeutschte Version Ihres Namens.

Wenn Sie auch das nicht wollen, weil ein Doppel-S Ihre Identität zerstört, dann müssen Sie damit leben, jedem neuen Gesicht, mit dem Sie schriftlich verkehren, zu erklären, dass Ihre Muttersprache andere Ausspracheregeln kennt.

Das von Ihnen thematisierte S heißt stimmhaftes S. Sie hätten es gerne als stimmloses S. Könnte man als Journalistin wissen. Muss man aber offenbar nicht.

Noch etwas, Frau Erkurt: Die „Österreicher*innen“ haben mit „Melisa“ keinen neuen Namen erfunden. Den neuen Namen haben Sie erfunden, als Sie nach Östereich gezogen sind. Natürlich glauben deutsche Muttersprachler ohne Sarajevovorkenntnisse, dass „Melisa“ mit langem I und stimmhaftem S ein Name ist, den es dort gibt. Was sollen sie denn sonst annehmen? Siehe Ausspracheregeln.

Im übrigen vermute ich, dass auch die Aussprache „Melissa“ nicht die ist, die man in Sarajevo verwendet. Das „e“ und das „a“ haben, so schätze ich, eine andere Phonetik. Es ist wohl für Deutsche kaum möglich, Ihren Namen korrekt auszusprechen, auch wenn Sie bei noch so leichten Anflügen falscher Aussprache konsequent korrigieren. Ihr Verhalten erinnert mich ein wenig an die Pädagogik der 1950er Jahre. Bestrafen statt vermitteln.

Ähnliches gilt – anderes Beispiel – für die Originalnamen von Lissabon oder Warschau. Es gibt im Portugiesischen und im Polnischen Laute, die wir Deutsche nicht kennen und in der Regel auch nicht korrekt aussprechen können. Ich hoffe nur, dass die Portugiesen und die Polen nicht so wichtigtuerisch drauf sind wie Sie, sonst gibt es demnächst Krieg. Den ersten Phonetikkrieg der Geschichte.

Nichts zu danken

Ich habe immer öfter das Gefühl, dass im Zuge dieser Identitäts-Debatten Möglichkeiten der Kritik verloren gehen. Den von mir oben zitierten Passus des Artikels von Frau Erkurt hätte eine Redaktion mit Mindestansprüchen an Qualität nicht durchgehen lassen, sondern redigiert. Und ich bin mir sicher, dass einigen taz-Redakteuren die Unwissenheit Frau Erkurts aufgefallen ist. Warum schritten sie nicht ein?

Das ist doppelt schade, denn Erkurt beklagt in ihrem Artikel später lesenswert, dass es via falscher Aussprache von Namen Rassismus gibt, dass es unzählige Lehrer gab und vielleicht immer noch gibt, die die Namen ihrer Schüler bewusst falsch aussprechen, weil sie diskriminieren wollen, dass türkische Frauen der Einfachheit halber Aische genannt werden und mehr. Und es ist auffällig, dass in Deutschland hauptsächlich Rechte und Rechtsradikale den türkischen Staatschef als Herrn Erdogan, mit ausgesprochenem g, bezeichnen. Und sicher sollte man sich bei schwierigen, fremden Namen mehr Mühe geben als bei Markus, Hans oder Fritz.

Nur hat „Melisa“ nichts damit zu tun.

Vielleicht sollte man so langsam auf die Idee kommen, dass es Diskriminierung bedeutet, wenn man einen teildämlichen Artikel wie den von Melisa Erkurt nicht kritisiert, nur weil ihre Identität angeblich eine Frau aus dem Ausland ist.

Diskriminierten zuzuhören ist das eine. Kritik an ihnen grundsätzlich als Disziplinierungsmittel der Herrschenden abzutun, das andere.

Also, Frau Erkurt, nichts für ungut. Aber bitte geben Sie zu: Sie haben gerade von einem alten weißen Mann etwas gelernt.

Darauf bin ich stolz.

(Foto: genova 2020)

Veröffentlicht unter Alltagskultur, Deutschland, Gesellschaft, Linke, Medien | Verschlagwortet mit , , | 5 Kommentare

o.T. 544

Hoffentlich die Bankrotterklärung der Tätowierbranche:(Foto: genova 2020)

Veröffentlicht unter Fotografie, o.T. | Kommentar hinterlassen

Seltsames Berlin 4

(Foto: genova 2020)

Veröffentlicht unter Berlin, Fotografie | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

o.T. 543

Wer kann da schon nein sagen?(Foto: genova 2020)

Veröffentlicht unter Fotografie, o.T. | Kommentar hinterlassen

#Wir haben Platz

In der Tat: Wir haben Platz. Berlin ist so locker bebaut, dass der Stadt ein paar Millionen Einwohner mehr guttun würden. Insbesondere außerhalb des S-Bahnrings, wie man sagt, weiß man oft nicht, ob man sich noch in einer Stadt oder schon in der brandenburgischen Tundra befindet. Das Genörgel des gemeinen Berliners, Berlin sei “zu voll“, ist nur Ausfluss der traditionellen deutschen Stadtfeindlichkeit, wonach eine Stadt immer zu voll ist, wenn dort mehr als eine Handvoll Leute wohnt.

Gäbe es massiven Bevölkerungszuwachs, könnte dann ganz gut mit fortschrittlichen Architekturideen aus anderen Ländern arbeiten. Unbürokratisch bauen, beispielsweise, oder strukturalistisch mit Partizipation, mit einem Standard, auf dem jeder Bewohner selbst weiterbauen kann. So wie vor einigen Jahren in Chile geschehen:

Projekte also, zu denen der Durchschnittsdeutsche weder fähig noch bereit ist.

Liebe Refugees und sonstwer: Wenn Ihr linksradikal seid, dann kommt bitte nach Berlin, fällt Bäume, rührt Beton an und – ganz wichtig – haut den privaten Investoren aufs Maul (das können wir nämlich auch nicht), sonst wird das nichts.

Danke im Voraus und freundliche Grüße,
genova

(Foto: genova 2020)

Veröffentlicht unter Berlin, Deutschland, Gentrifizierung, Kapitalismus, Lebensweisen, Städte | Verschlagwortet mit , | 4 Kommentare