Kreuzfahrer und Wohnmobilisten

Meine Vermutung:

Kreuzfahrtteilnehmer sind die gleichen desinteressierten Sattbürger wie die, die mit einem Wohnmobil in Urlaub fahren. Beide interessieren sich für nichts und sind vor allem damit beschäftigt, die Zeit totzuschlagen, wie man sagt.

Ein Wohnmobil bedeutet, dass man ununterbrochen sein ganzes Haus mit sich herumfährt. Während man einen Wohnwagen abkoppeln kann und mit dem dann wendigen Auto sich die Gegend anschauen, ist das im Wohnmobil unmöglich. Man bleibt also auf dem Campingplatz oder der Parkbucht mit Aussicht hocken. Oder man fährt tatsächlich mit dem Riesenauto durch kleine Dörfer und kommt sich dabei mutig vor. Außerdem freut den Wohnmobilfahrer, dass er immer etwas zu tun hat: Außenzelt aufbauen, Wasser- und Stromversorgung organisieren, Kunstrasen ausrollen und so weiter.

Der Wohnmobilfahrer ist der moderne Egozentriker.

Für den typischen Wohnmobilfahrer ist es ein Abenteuer, die Straße entlangzufahren. Das Urlaubsland ist lediglich Kulisse für seine Ambition, die eigenen Fahrkünste zu demonstrieren. Er befährt Passstraßen wie andere Leute die Jungfrau besteigen: Man vergewissert sich seiner persönlichen Leistung.

Man könnte für ihn auch den Nürburgring absperren und künstliche Hindernisse aufbauen. Er würde es kaum merken. Diese Leute fahren nach Südspanien und Süditalien, ohne irgendtwas vom Land mitzubekommen. Bei einem mehr als zwei Meter breiten Auto kein Wunder, man muss sich auf die Straße konzentrieren und findet keinen Parkplatz.

Der Kreuzfahrtteilnehmer freut sich, wenn der Kapitän grüßt, ansonsten hängt er mit seinem Schwabbelbauch auf Deck herum. Das könnte er natürlich auch auf Mallorca, aber er will sich mit dem Pöbel nicht gemein machen. Kreuzfahrt bedeutet rein formale Aufwerung des Selbst, so wie der Gastarbeitersohn einen 3er BMW fährt. Man legt hin und wieder in einem Hafen an und besucht mit ein paar tausend anderen Kreuzfahrtgestalten eine Stadt. Eigentlich fällt man in sie ein, kauft Souvenirs und kehrt dann zurück aufs Schiff, weil man sich noch über die Abendgarderobe Gedanken machen muss. Dabei blässt man an einem Tag mehr Dreck aus dem Schornstein als Nichtkreuzfahrer im ganzen Jahr.

Zwei Tage später weiß der Kreuzfahrer nicht mehr, wo man eigentlich angelegte und wie der Ort hieß. War es eine griechische Insel? Oder doch schon die Türkei? Egal. Abends grüßt der Kapitän mit seinem weißen Jackett.

Wohnmobile kaufen sich gerne Familien aus der Mittelschicht, die der Katastrophe des Familienlebens entkommen möchten und dadurch doch nur noch tiefer reinschlittern. Wochenlang mit den Geliebten auf vier Quadratmeter. Der Vater vertreibt sich die Zeit mit dem Ausrollen des Kunstrasens. Gutgestellte Rentner sind auch gerne mit dem Wohnmobil unterwegs, oft monatelang in Andalusien. Dort hocken sie isoliert auf einem Zeltplatz und sind immobiler als kurz nach dem Krieg. Mit dem Wohnmobil kann man auch immer so tun, als sein man unabhängig, als gehöre man nicht zum System, als sei man quasi Aussteiger, total unerschrocken und das Leben meisternd. Falls etwas kaputtgeht, hat man ja noch den ADAC-Euroschutzbrief.

Zu viel Geld und keinerlei Interesse: Das sind die beiden wichtigen Voraussetzungen für Kreuz- und Wohnmobilfahrer. Kein Wunder, dass es davon in Deutschland so viele gibt.

(Foto: genova 2018)

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o.T. 445

(Foto: genova 2018)

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Bauen im Kontext als Beruhigung des schlechten Gewissens

Bauen im Kontext als Begriff soll suggerieren, dass man auf seine Umgebung, auf seine Umwelt Rücksicht nimmt. Hört sich gut an und deshalb wird der Begriff gerne angeführt, wenn es Bedenkenträgern darum geht, ein Gebäude zu verhindern. Mir scheint allerdings, dass Bauen im Kontext jahrtausende niemanden interessierte und es ausgerechnet in unserer Zeit, wo man jeden Tag mehr Fläche versiegelt und ein Autobahnausbau von vier auf fünf Spuren objektiv notwendig scheint, argumentativ vorgebracht wird.

Dabei entsteht aus dem Bauen ohne Rücksicht auf das Umfeld meist interessantes, es entstehen Hingucker. Jede Kirche in Italien ist eingequetscht von den Nachbarn und es ist gut so, weil dadurch Spannungsfelder entstehen, weil es unvermittelt daherkommt, weil man sieht, dass sich hier keine Baubehöhrden jahrelang mit dem Fall beschäftigt haben. Bauen ohne Kontextbeachtung ist nicht unsozial, sondern praxisbezogen.

Die Berliner Karl-Marx-Allee beispielsweise – unter Stalin ein vielbeachtetes architektonisches Vorzeigeprojekt – schließt an vielen Stellen so ab:

Der Neubau wurde an den Altbau drangeklatscht und es ist gut so. Man kann die Baugeschichte ablesen und die beiden völlig unterschiedlichen Wandphilosophien behaupten ihre Art, ihre Aussage, ihre Öffentlichkeit.

In Warschau gibt es auch eine Stalinallee, die ähnlich angenehm abschließt:

Bauen ohne Kontext bedeutet gerade nicht, dass man das Alte abreißt. Man lässt es stehen, arrangiert sich damit, akzeptiert Widersprüche und Brüche und schaut mal, wie das das entwickelt, welche Perspektiven eingenommen werden. In Warschau hätte man als gründlicher Architekt den Altbau abreißen müssen und die Stalinarchitektur weiterführen. Hat man aber nicht, vermutlich, weil man den Wohnraum brauchte. Man hat sich auch nicht darum gekümmert, den Stalinkomplex stufenweise auf die Höhe des Altbaus zu führen und es entstand ein harter Bruch, der eben auch Brüche in der Stadtgeschichte visualisiert. Man könnte bei Wohnungsnot nun noch den linken Teil des Stalinkomplexes aufstocken, und zwar bitte ohne Kontextbeachtung, und schon hätte man ein weiteres Kapitel in der anschaulichen Architekturgeschichte geschrieben.

Ganz bunt trieb man es in Parma:

Ein Gebäude, das wie eine romanische Kirche aussieht, als seit tatsächlich 1.000 Jahren dort steht, wird in den 1960ern überbaut. Oberflächliche Gemüter rümpfen hier die Nase oder sind gar – des Deutschen Lieblinsgssport – empört ob der Unachtsamkeit. In Wahrheit hat man sich einfach Platz genommen, den man für Wohnungen brauchte, ohne das Alte zu zerstören. Das Alte gibt es nun in neuer Perspektive, es lebt weiterhin und alle sind integriert. Neue Perspektiven, neue Raumverhältnisse, neue Nutzungen, hohe Dichte, alles wunderbar.

Auch das hier könnte man als Bauen ohne Kontext betrachten:

Auf einen Altbau stellte man ein kleines Häusschen, so eine Art improvisierte organische Architektur.

Gerade in Italien sind durch das konsequente Ignorieren des Nachbargebäudes die interessantesten Lösungen entstanden.

Man könnnte und sollte diese Argumentation auf die Gentrifzierung ausweiten. Gerade in der Zeit, in der massenhaft Wohnraum zu Spekulationsraum umfunktioniert wird und reale Vertreibung stattfindet, holt man das Feigenblatt des Bauens im Kontext aus der Mottenkiste. Sozusagen als Entschuldigung für unsere asoziale Zeit tut man so, als sei man behutsam, vorsichtig, aufmerksam und betreibe awareness, wie man sagt.

Auch das hier ist eine Art kontextunabhängige Architektur:

Bauen und die Kontextfrage: Es sind Diskussionen, die man im heutigen Deutschland nicht mehr führen kann. Die von Anbeginng an und von Grund auf lächerliche Debatte um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses (das wächst und gedeiht), zeigt die Misere. Man war sich einig, dass „die Kubatur des Schlosses“ wieder genau so entstehen musste. Alles andere (Palast der Republik, Außenministerium der DDR, Hotel gegenüber) musste man zerstören; restlos, sauber, deutsch, dämlich. Unsere durch und durch katastrophalen geistigen Verhältnisse kann man schon an so etwas ablesen.

Bauen im Kontext scheint mir eine doppelte Entschuldigungsfunktion haben. Zum einen die schon erwähnte: Wir tun so als seien wir behutsam, obwohl wir nach wie vor gerne ganze Viertel abreißen, nachdem wir sie als lebensunwert eingestuft haben. Zum anderen is es eine Kaschierung der dialektisch umgeschlagenen Moderne: Die totale Kontrolle jedes Bauvorgangs, die unbedingte Abnahme bzw. die Verhinderung eines Bauschrittes wird als Awareness gegenüber der Nachbarschaft verkauft.

Bauen im Kontext ist in Deutschland in weiten Teilen der Sieg des Kleinbürgers über das Leben.

Pfeifen wir also auf diese Scheinbehutsamkeit. Vertreiben wir die Kapitalisten aus den Städten und bauen, wie uns der Schnabel gewachsen ist.

(Fotos: genova 2010 bis 2018)

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Franz Josef Strauß, der Verfassungsfeind

Franz Josef Strauß war ein verfassungsfeindlicher Sozialist. Könnte man zumindest meinen, wenn man sich einen Ausschnitt seiner Rede auf dem Parteitag der CSU 1970 in Nürnberg anschaut. Zur Bodenfrage sagte er:

„Die Grundstückspreise in der Bundesrepublik Deutschland steigen in einem Maße, dass es nicht zu verantworten ist, diese Gewinne unversteuert in die Taschen einiger fließen zu lassen. So hat zum Beispiel die Stadt München von 1957 bis 1967 für etwa 650 Millionen DM Grundstückie erworben. Wenn sie diese Grundstücke alle im Jahre 1957 zusammengekauft hätte, … hätte sie nur 148 Millionen DM bezahlt. Eine halbe Milliarde ist damit aufgrund der öffentlichen Leistungen – Erschließungsaufwendungen – von einen wenigen verdient worden, und das auch noch steuerfrei.“

Lustigerweise wurde Strauß in Materialien zum SPD-Parteitag 1972 in Hannover zitiert.

Ein Auszug aus einer Gesetzesvorlage des Deutschen Bundestages zur Änderung des Bundesbaugesetzes aus der 7. Wahlperiode (also zwischen 1972 und 1976) bringt die Absurdidät kapitalistischer Bodenbewirtschaftung noch deutlicher zum Ausdruck:

Am Rande von München wurde 1951 ein Grundstück als Schafweide benutzt und zu einem Quadratmeterpreis von 0,50 DM veräußert. Im Jahr 1962 erließ die Stadt einen Bebauungsplan, der die Schafweide als Bauland auswies. Der Presi betrug daraufhin 30 DM pro Quadratmeter. In der Folgezeigt erschloss die Stadt das Gelände weiter, das Grundstück wurde bebaut. Der Quadratmeter wurde 1971 zu einiem Preis von 450 DM gehandelt. Der Wert des Grunstücks stieg damit innerhalb von 20 Jahren um das 900fache. Ohne Berücksichtigung der Erschließungsbeiträge bedeutet diese bei einer Fläche von etwa 20 ha eine Wertsteigerung der Fläche von 100.000 DM auf 90 Millionen DM.

Man könnte ausrechnen – vielleicht hat das auch schon jemand gemacht – wie extrem das Vermögen via Bodenpreise, also komplett leistungslos – in den vergangenen fünfzig oder siebzig Jahren in Deutschland gestiegen ist. Zig Milliarden oder hunderte von Milliarden Euro wurden so von der einen auf die andere Seite geschaufelt. Im Sozialstaat Deutschland natürlich legal.

Die damals auch in der SPD fortschrittlich geführten Bodenwertdiskussionen, unter anderem tonangebend von Hans Jochen Vogel, versickerten augenscheinlich wirkungslos, wenn man sich die Bodenpreise heute im Raum München und anderswo ansieht.

Für effektiven Kapitalismus ist die Verwertung von Boden nur schwerlich verzichtbar. Die Rendite ist einfach zu lukrativ, als dass die Politik daran ernsthaft etwas ändern könnte. Und je fortgeschrittener der Kapitalismus, desto schwieriger ist eine Umkehr, weil die Renditequellen eher rarer werden. Man muss ran an Boden, Licht, Luft, Sonne.

Es ist bezeichnend, dass in der heutigen Gentrifzierungsdebatte nur die Justierung einiger weniger Stellschrauben in Augenschein genommen wird. Vorkaufsrecht von Kommunen, bestimmte Belegungsquoten, Mietpreisbremsen. Ein Politiker, der heute so argumentieren würde wie Strauß damals, würde vermutlich vom Verfassungsschutz beobachtet – gerade weil er das Grundgesetz in Form von Artikel 15 Ernst nehmen würde.

Es gilt quasi das ungeschriebene Gesetz, nachdem das Grundgesetz kapitalkonform sein muss. Sind es Teile davon nicht, werden sie als verfassungsfeindlich behandelt. Marktgerechte Demokratie nannte Merkel das einmal. Wobei man von Markt nicht reden sollte. Dieser Bodenmarkt existiert exakt in dem Maße, in dem ich ein paar Laib Brot einer hungernden Menge mit völlig unterschiedlichen Vermögensverhältnissen feilbiete. Es ist ein Markt, wie ihn sich die kapitalistische Logik wünscht, und eben deshalb keiner.

Die Bodenfrage wurde in den 1970er Jahren also angesprochen, aber schon kurz darauf etablierte sich die neoliberale Sicht auf die Gesellschaft. Und spätestens, als in den 1990er Jahren die Durchdringung des Kapitalismus in jede gesellschaftliche Ritze – euphemistisch Privatisierung genannt-  en vogue war, war das Thema wohl erledigt. Heute gälte man, würde man das Thema überhaupt auf den Tisch bringen, als Staatsfeind.

Franz Josef Strauß hatte seinerzeit Glück, dass damals noch ein vergleichsweise freundliches ökonomisches Klima herrschte. Heute stünde er in seinem eigenen Verfassungsschutzbericht unter der Rubrik „Linksextremismus“.

Verkehrte Welt.

Geht man noch ein paar Schritte zurück, zeigt sich die kapitalistische Logik und ihr Motor vollends: Der Kapitalismus realisierte seine enthemmende Logik zuerst nicht in der beginnenden Industrialisierung, sondern in den enclosures (Einhegungen) in England im 17. Jahrhundert. Allmenden, also seit Ewigkeiten von allen genutztes Land, oftmals Weideland, wurde eingezäunt. Kleinbauern verloren ihre Lebensgrundlage und wurden als proletarische Masse in die Städte gezwungen. Es war eine gewalttätige, in gewissem Sinn architektonische ursprüngliche Akkumulation, eine kapitalistisch bestimmte Raumbildung, deren Auswirkungen wir heute in München und anderswo begutachten können.

Wenn man so will, sind Privatisierungen eine Fortführung der enclosures: Öffentlich verfügbare Bereiche werden kapitalistischer Ausbeutung zugeführt.

Eine verhältnismäßig milde Reaktion auf diese Zustäne wäre die komplette Enteignung des Bodens, sofern er nicht fürs eigene Wohnen genutzt wird. Wollte Politik Ernst genommen werden, müsste exakt dieses in allen Parteiprogrammen stehen. Schaut man sich aber die Parteiprogramme an, erkennt man schon an diesem Aspekt, von wem wir regiert, wie man das freundlicherweise nennt, werden.

Kapitalsoldaten, unabhängig vom Parteinamen.

Die jüngste Ergänzung zum Thema bringt die FAZ:

Frankfurt erlebt eine Explosion der Mieten – viel schneller als von der Politik vorhergesehen. Viele Mieter haben sich darum bereits in den Häuserkampf begeben.

Jo, die Politiker. „Häuserkampf“ ist vermutlich das, was die FAZ darunter versteht.

(Foto: genova 2017)

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Vom Frieden in Parma

Eine Freifläche im Zentrum der oberitalienischen Stadt Parma:

Dort, wo sich heute im Sommer das bräunliche Gras erstreckt, stand bis 1944 ein Theater. Es wurde durch einen Bombenangriff (USA oder England) zerstört. Man sieht gut die Reste des Theaters an der Außenwand des seinerzeit benachbarten Gebäudes. Man beließ bis heute alles so, wie es zerstört wurde. Man räumte den Schutt weg, das war´s.

Es ist ein angenehmer Umgang mit Zerstörung. Italienische Städte wurde im Krieg stärker zerstört als man hierzulande denkt. Und man sieht das auch, wenn man genau hinschaut. Aber, so wie hier auf dem Foto, denkt man bei urbanen Unstimmigkeiten in italienischen Städten nicht direkt an Kriegszerstörungen, sondern an Um- und Anbauten, an Weiterbauten, an organisch gewachsenes. Jeder italienische Stadt hat diese skurrilen Ecken, wo schon immer wild drauflosgebaut wurde, ohne Rücksicht auf den Kontext. Hier wurde ohne Rücksicht auf den Kontext ein Gebäude weggebombt und es ist nicht tragisch, zumindest aus urbanistischer Sicht. Man nutzt die Freifläche, verweilt dort, setzt sich hin (wenn die Temperatur nicht gerade 37 Grad beträgt) usw.

Es ist ein schönes und relativ angenehmes Beispiel für den verantwortungsvollen Umgang der Italiener mit Stadt. So wie man in Rom haufenweise alten Krempel stehen ließ, ohne sich Gedanken zu machen, wozu man den noch brauchen könne, man es aber nicht notwendig empfand, den alten Krempel zu zerstören, erträgt man es in Parma bis heute, dass der Platz frei bleibt und die Wand die Spuren der Zerstörung zeigt. Diese verantwortungsvolle, nachsichtige Lockerheit ist in Deutschland undenkbar. Wenn man sich so locker und verantwortungsvoll geben will, teilt man das brüllend der ganzen Welt mit. Heraus kommt die Gedächtniskirche in Berlin oder – bis vorm Wiederaufbau – die Frauenkirche in Dresden. Gute Ideen, keine Frage, aber eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Ansonsten herrscht der nervöse, egomanische, unreife, hektische, unsichere, verachtende, dümmliche, mit einem Wort: deutsche Zwang zur zerstörerischen Perfektion vor.

In Italien begann ein paar Jahre früher als in Deutschland eine kritische Auseinandersetzung mit den urbanen Prinzipien des CIAM. Der Neorazionalismo war hier prägend, der Einfluss von Gropius, der sich in den frühen 50ern in Italien abzeichnete, stoß auf vielfache Widerstände.

Vielleicht sind die paar Jahre der früheren kritischen Auseinandersetzung ganz entscheidend. Gott sei Dank, denn die autogerechte Stadt wurde so vielfach vermieden. Was nicht heißen soll, dass in Italien nach dem Krieg sich nicht auch übelste Bodenspekulation gezeigt hätte.

Der Platz in Parma heißt übrigens Piazza della Pace.

(Foto: genova 2017)

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Von sozialen Fragen, von Kompromissen und vom sich rechnen

Der freitägliche redaktionelle Immobilienteil der Süddeutschen Zeitung lohnt meist die Lektüre. Nicht wegen der absoluten Information, die man erhält, sondern wegen des permanenten Lavierens zwischen der Verpflichtung, auf Renditeinteressen von Investoren einzugehen und dennoch für die gefühlige und grün wählende Leserschaft irgendwie sozial rüberzukommen. Kürzlich (20.7.) interviewte Peter Blechschmidt die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker, sie ist auch Mitglied im Bundesregierungssachverständigenrat für Umweltfragen. Frau Messari-Becker versuchte sich erstmal an einer soziologischen Einschätzung:

„Klar ist: Bezahlbares Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit.“

Und:

„Wohnen als soziale Frage hat ein explosives Potenzial für unsere Gesellschaft.“

Klar ist, dass sie mit letzterer Einschätzung falsch liegen dürfte. Ein explosives Potenzial hat in dieser Gesellschaft vermutlich nichts, es sei denn, es tauchten auf youtube Videos auf, in denen Angela Merkel einer Katze den Hals umdreht. Dann gäbe es natürlich eine Revolution. Und wenn der Benzinpreis auf fünf Euro stiege.

Da es also kein explosives Potenzial gibt, gibt es auch keine soziale Frage – abgesehen von einer von Medien aus Gründen der Aufmerksamkeitsökonomie fingierten. Die soziale Frage müsste erstmal als solche anerkannt werden. Sicher spricht Frau Merkel rein rhetorisch beim Wohnen von einer wichtigen sozialen Frage und lächelt freundlich. Das wäre es dann aber auch gewesen. Nächste Frage.

Vielleicht kann man die politische Misere in Deutschland auch an der kürzlich stattgefundenen letzten Pressekonferenz Merkels vor der Sommerpause ablesen. Ein devoter Journalistenhaufen mit devoten Fragen, zu denen Merkel, wie üblich, irgendwas antwortet. Der Haufen ists, wie man sagt, zufrieden. Warum regen sich eigentlich die gleichen Leuten über die jährlich stattfindende Pressekonferenz Putins auf?

Da ist die Süddeutsche spannender. Eine Seite nach dem Interview mit der Sachverständigen kommt ein Herr Voigtländer vom neoliberalen Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft zu Wort. Er findet, dass die Mieten nach Modernisierungen nicht zu stark steigen dürfen, und er findet gleichzeitig, dass die geplante Absenkung der Umlage der Modernisierungskosten auf die Jahresmiete von elf auf acht Prozent zu stark ist. Denn:

Modernisierung müsse sich aber rechnen.

Deshalb schlägt er

einen Kompromiss zwischen Investoren- und Mieterinteressen

vor.

Nö. Investoren im Wohnungsmarkt sind Raubtierkapitalisten. Da muss sich gar nichts rechnen, sondern die müssen vertrieben werden. Man bräuchte in der politischen Öffentlichkeit eine Diskussion, deren Stoßrichtung die Immobilienpreise massiv fallen ließe. Und dann können sie die Bewohner billig kaufen. In einem sozial eingestellten Gemeinwesen kein Problem. In einem kapitalistischen, i.e. asozialen Staat nur via Revolution machbar.

Der Normalfall in unserem schönen Vaterland ist ja folgende Situation:

Bei den seit Jahren steigenden Wohnpreisen von Investoreninteressen zu reden, die angeblich nicht ausreichend bedient würden, ist kaum zu glauben. Die entsprechenden Gesetze sind so angelegt, dass der Investor möglichst viel Geld ausgibt, das er einerseits steuerlich abesetzen kann und ihm andererseits erlaubt, die Miete möglichst kräftig zu erhöhen. Voigtländer schreibt in der SZ:

Verdoppelungen der Kaltmiete sind nicht unüblich.

Das ist zwar viel, lässt sich aber leider nicht vermeiden, denn Modernisierung muss sich rechnen und kompromissbereit müssen wir ja auch sein. Wenn der Mieter die Verdoppelung nicht zahlen kann, muss er halt weg. Polemisch gesagt: Unser schönes Vaterland organisiert Deportation.

 

(Foto: genova 2017)

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„Von durchaus feiner und ästhetischer Wirkung“

Es ist bekannt: Mit offenen Augen entdeckt man alle naselang, wie man sagt, Interessantes, oftmals geradezu Sensationelles. So wie diese Kirche in der sympathischen Metropole am Zusammenfluss von Rhein und Neckar am Oberrhein – auch die Poebene Deutschlands genannt – Mannheim:

Erbaut 1929 von dem mir bis dato unbekannten Architekten Wilhelm Würth im Stil der Neuen Sachlichkeit mit der Besonderheit, dass dem Kirchenkomplex ein Block mit schätzungsweise drei oder vier Wohnungen vorgestellt wurden, vom eigentlichen Kirchenbau durch einen stämmigen und nach außen versetzten quadratischen Turm getrennt.

Ein einschiffiger Hauptbau, eher eine Halle, der vor der Renovierung 1995 einen anderen Charakter hatte. Damals hatte der Wohnblock Balkone  und die Fenstersetzung war klar gegliedert. Die Klappjalousien erinnerten an mediterrantes Bauen. Bei der Renovierung wurde die Fassade komplett neu gegliedert, wobei interessant wäre zu erfahren, ob die Grundrisse gleich geblieben sind. Französische Fensterchen statt Balkonen sind wohnwertmäßig ein Rückschritt. Wie überhaupt Balkonen in Deutschland immer noch zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Man betrachte die an Corbusiers Domino-System angelehnte massenhafte Wohnbebauung in Athen: Überall komplett umlaufende Balkone. Hierzlande undenkbar.

Die seit der Renovierung roten Fenstereinfassungen, nun ja. Dadurch bekommt die Architektur insgesamt einen anderen Charakter. Die seitlichen Fenster im Hauptbau sind mächtig, vor und nach der Renovierung. Möglicher Monotonie des Neuen Bauens wurde durch die drei gesetzten Kuben gemildert: Hauptschiff, Turm, Wohnblock.

Wie aus dem Lehrbuch ist die Rückseite erhalten: Drei schmale vertikale Öffnungen, mittig gesetzt, sonst nichts.

„Von durchaus feiner und ästhetischer Wirkung“ charakterisierte der damalige Direktor der Mannheimer Kunsthalle, Gustav F. Hartlaub, die Kirche. So kann man das sagen.

Über die Neuapostoliker, die sich erst im 19. Jahrhundert erfanden – „neu“ ist hier also das passende Präfix – kann ich mich nicht äußern. Gläubige halt. Lustig ist allerdings ihr neunter Glaubenssatz. Eine Relation, der ich vorbehaltlos zustimme:

Ich glaube, dass der Herr Jesus so gewiss wiederkommen wird, wie er gen Himmel gefahren ist.

Auf alle Fälle.

(Fotos: genova 2018 und apostolische-geschichte.de)

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o.T. 444

(Foto: genova 2018)

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Vom Vorzug des Nestbeschmutzens

Ein interessantes Interview in der Süddeutschen (26.7.) mit einer deutsch-türkischen Bloggerin (Weltbewohner), die den lustigen Vornamen Tuba und den Nachnamen Sarica trägt. Sie hat ein Buch geschrieben (Ihr Scheinheiligen. Doppelmoral und falsche Toleranz. Die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen).

Sie sagt:

 (über Özil:) … Alles sei nicht politisch gemeint. Dabei weiß er genau, dass Erdogan tausende Journalisten Gewerkschafter, Lehrer, ja, alle, die es wagen, ihn offen zu kritisieren,ins Gefängnis werfen lässt. Özil gibt da den schweigenden Mitläufer. Und stilisiert sich zum Opfer. Schon vor Jahren habe ich geschrieben, dass Özil nicht zum Posterboy der Integration taugt […]

Meiner Meinung nach unterdrücken sich die meisten muslimischen Frauen vor allem selbst. In der Parallelgesellschaft werden Frauen dazu erzogen, Männer toll zu finden, die ihnen sagen, wie sie sich anzuziehen oder zu benehmen haben. Ein junges Mädchen macht sich da besonders beliebt, wenn es Kopftuch trägt. Alles Persönliche wird der Familie beziehungsweise dem Familienoberhaupt untergeordnet. Meine eigene Schwester etwa hat sich aus freien Stücken für einen erzkonservativen Mann entschieden. Jetzt darf sie ohne seine Erlaubnis nicht einmal ihre eigene Mutter besuchen […]

Jedes Mal, wenn ein sogenannter deutschtürkischer Experte in einer deutschen Talkshow auftragt, war ich enttäuscht: Warum versteckt er sich hinter dem Opfermythos? Warum spricht er nicht die wirklichen Probleme der Parallelgesellschaft an? Da war eine Lücke, die ich füllen möchte […]

Die modernen Muslime, die behaupten, sie seien intergriert, stehen unter starkem Zwang, es den Religiösen recht zu machen. Ich habe das an meiner eigenen, eher fortschrittlich gesinnten Familie gesehen. Sobald die religiöseren und verschleierten Verwandten zu Besuch kamen, wurden oft frauenfeindliche und deutschfeindliche Ansichten geäußert. Ich wollte immer dagegen aufstehen. Aber meine Mutter bat mich, mir den Widerspruch zu verkneifen. Es gibt da eine weitverbreitete Ablehnung der liberalen Demokratie und ihrer Diskussionskultur – aber sie wird als „Loyalität“ verklärt […]

Bei einem Praktikum in der Türkei merkte ich, wie viel weltoffener viele der Türken dort denken […]

Nein, der Islam ist nicht mein Feindbild. Es geht mir vielmehr um die Menschen, die Religion instrumentalisieren, um anderen ihre Freiheit zu nehmen.

Was auch immer man von den einzelnen Aussagen halten mag; es ist nicht meine Aufgabe, das zu kommentieren, ich bin da nicht im Thema. Anders gesagt: Ich bin kein Deutschtürke. Ich finde es aber ungemein wichtig, dass es Kritik innerhalb der Community gibt. Ansonsten haben wir das immergleiche Spiel (Talkshow genannt) mit drei Beteiligten: Es taucht in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ein Mitglied der türkischen Community auf, der diese verteidigt und irgendwas an der Mehrheitsgesellschaft kritisiert. Ständig geht es dabei um den Islam, der vor allem als Blaupause für Beschuldigungen und Entschuldigungen dient. Beteiligter Nummer zwei ist ein Deutscher, der dem Türken zustimmt und Nummer drei ist ein Deutscher, der den Deutschtürken kritisiert. Ein ermüdendes Spiel. Die Kritik von innen heraus ist wissender, beteiligter, erhellender.

So wie es für jeden Deutschen eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dieses Land zu kritisieren, so sollte es für jeden Deutschtürken eine Selbstverständlichkeit sein, die Deutschtürken zu kritisieren. Nur so demaskiert man auch die Unterdrücker und Spießer. Nur so geht es voran. Wenn es gut läuft, dialektisch.

Nestbeschmutzer: die vermutlich schätzenswerteste Kategorie überhaupt.

(Foto: genova 2018)

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Antisemitismus zwischen Logik und Gefühl

Logik und Gefühl: In einem taz-Artikel (10.7., S. 8) über Antisemitismus in der Labourpartei geht es um die Auseinandersetzung in England darüber, dass Labour irgendeine Antisemitismusdefinition nicht übernimmt, sondern eine eigene formuliert hat. Wie auch immer, es fällt dann der Satz:

Durch Labours Definition ist man kein Antisemit, wenn man sich nicht bewusst ist, dass eine Aussage antisemitisch war. Das sei „unmöglich zu verstehen“ reagieren in einer gemeinsamen Erklärung…

zwei jüdische Verbände.

Doch, das ist ganz einfach zu verstehen. Diesen Disput könnte man vermutlich mit mathematischer Logik darstellen, wenn man es denn könnte. Wenn ich eine Aussage tätige, von deren semantischer Aufladung ich nichts weiß, bin ich nicht zwangsläufig Anhänger dieser semantischen Aufladung. Das wiederum berührt nicht die Tatsache, dass die Aussage tatsächlich semantisch aufgeladen ist.

Wenn ich also Juden der Brunnenvergiftung beschuldige, ohne diesen antisemitischen Topos zu kennen, bin ich kein Antisemit. Dennoch habe ich eine antisemitische Ausage getätigt. Und naturgemäß kann ich diese Aussage auch nur einmal tätigen, ohne Antisemit zu sein, was auch der Fall ist, wenn ich kein Antisemit bin.

Eigentlich ganz einfach. Nur für die beiden jüdischen Verbände nicht. Es geht allerdings vermutlich eher um die Frage, ob der Aussagetätigende im Nachhinein einfach behauptet, er habe von der antisemitischen Kodierung nichts gewusst. Logik und Gefühl eben.

(Foto: genova 2017)

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