Die Stadt und das umherschwirrende Geld

Der Architekt Markus Appenzeller bringt im Interview mit dem Tagesspiegel die Kapitallogik im Wohnungsmarkt, wie man sagt, gut auf den Punkt. Es ist, zusammengefasst, die Verwertung von Boden und Haus einzig mit dem Ziel, aus Geld mehr Geld zu machen. Aus g wird g´. Das eigentliche Angebot von Wohnhäusern, nämlich Raum zum Wohnen zu schaffen, spielt keine praktische Rolle. g zu g´: Das funktioniert an der Börse, bei Rohstoffen, mit Kunst, alten Autos, mit Wasser, mit realen und nicht realen Gütern. Das Objekt der Begierde gehorcht nur der einen Logik. Diese Umtriebe bei Wohnungen haben für das Kapital den Vorteil, dass man sich dem nicht entziehen kann. Man kann auf den Picasso im Wohnzimmer verzichten, nicht aber auf das Wohnzimmer selbst.

Appenzeller lenkt dankenswerterweise den Blick darauf, dass es bei diesen Bautätigkeiten eben nicht um Wohnraum geht, sondern um ein Abstraktum:

Wenn so viel gebaut wird, müsste dadurch der Wohnraum nicht billiger werden?

Ein Großteil der Preissteigerungen hat nichts mit der realen Nachfrage nach Wohnraum zu tun. Die gibt es, doch der explodierende virtuelle Immobilienmarkt kommt nun als Preistreiber hinzu. Er hat nicht mehr den Stadtbewohner als Mieter und Endverbraucher im Fokus. Sondern Investoren, die ihr Geld anlegen wollen. Die Folgen sind absurd: Man baut komplett am realen Bedarf vorbei und schafft Wohnraum, der im Zweifel gar nicht als Wohnraum gedacht ist, sondern nur als Geldanlageobjekt.

So ist es. Wenn Berlin jährlich um etwa ein Prozent wächst, dann ist das wohnraummäßig kein Problem. Man baut ein paar Wohnungen und damit hat es sich. Dennoch behaupten Politiker und Parteien, man müsse „mehr bauen“.

Nein, man muss renditelos bauen.

Bedroht dieses globale Geschäft die lokalen Stadtgesellschaften?

Ja. Internationalen Investoren ist es im Gegensatz zum klassischen Hauseigentümer relativ gleichgültig, welche lokalen Folgen ihr Handeln hat. Sie haben nur zwei Entscheidungskriterien: die Rendite und die Sicherheit für ihr Kapital, die ihnen der Ort bieten kann. Die Stadt wird vom Wohn- und Lebensraum zu einem Finanzmodell für umherschwirrendes Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht. Ich bin grundsätzlich Optimist, aber ich mache mir da schon Sorgen.

Die Rendite und die Sicherheit bieten die Verhältnisse vor Ort, sind also vom Handeln von Politik und Gesellschaft bestimmt. Die Gentrifzierungsdiskussion läuft in Berlin seit mehr als zehn Jahren. Seit mehr als zehn Jahren behaupten Politiker hier unisono, man müsse sie nur wählen, dann erledige sich das Problem. Real sieht es so aus: „Seit 2008 sind die Bodenrichtwerte in Berlin zum Teil um mehr als 1.000 Prozent gestiegen“, berichtet der rbb.

Das ist kein Zufall, sondern das korrekte Verhalten eines kapitalistischen Staates. Der Staat sorgt für maximal günstige Renditeverhältnisse bei gleichzeitiger maximaler Rechtssicherheit. Der Staat unternimmt also folgerichtig nichts, was die Renditebildung beeinflussen könnte und beruhigt gleichzeitig die Öffentlichkeit, man habe alles im Griff und werde nun für die Bürger aktiv.

Die Preisentwicklung – 1000 Prozent -bildet dabei die Wahrheit ab: Gäbe es Anzeichen dafür, dass Politiker sich um das Wohl der Menschen kümmerten, würde sie sich massiv nach unten entwickeln. Gäbe es die Aussicht auf langfristige Rendite nicht mehr, würde kein Investor noch mitbieten. Die Faktizität der Entwicklung zeigt: Investoren haben nichts zu befürchten.

Diese Investoren machen alles richtig. Devote, korrupte oder nur unfähige Politiker ebnen ihnen den Weg, und ein bisschen Sozialgedöns für die Massen sorgt dafür, dass die ruhig bleiben.

Welche Folgen befürchten Sie?

Der Neid und der Kampf ums Überleben in der Stadt wird größer werden. Auch die Nationalismustendenzen und latente Ausländerfeindlichkeit in manchen Vierteln sind ein Zeichen für diesen wachsenden sozialen Unfrieden. Die Politik hat inzwischen erkannt, dass das ein Problem ist, der Wohnungsgipfel zeigt das. Aber wenn man nicht schnell deutliche Schritte unternimmt, besteht aus meiner Sicht ein reales Risiko, dass sich das zu einem explosiven Gemisch aus ökonomischem Druck, Zukunftsangst und Xenophobie entwickelt.

Dass die deutsche aktuelle Politik „deutliche Schritte“ hin zu renditefreiem Bauen unternehmen wird ist so wahrscheinlich wie Schnee im August.

Wohin der Weg führt, zeigt London:

In London etwa wird schon lange nicht mehr für Londoner gebaut, sondern fast nur noch für ausländische Anleger. Chinesische Firmen lassen für vermögende Chinesen bauen, die ihr Geld entweder direkt in Wohnungen oder in Anteile an einem Immobilienfonds investieren. Der Verkauf läuft meist in China ab, die Wohnung ist also auf dem lokalen Markt gar nicht verfügbar. Inzwischen sieht man dieses Vertriebsmodell in immer mehr Städten, auch in Berlin.

Eine Wohnung in Berlin wird nicht mehr in Berlin angeboten, sondern in Peking. Dort kauft sie jemand, der vielleicht noch nie in Berlin war und auch gar nicht vorhat, dort zu wohnen.

Dann kommt ein weiterer hochinteresssanter Aspekt:

Aber diese Objekte werden doch trotzdem nachher als Wohnraum vermietet.

Nicht unbedingt. Je nach Modell wird eine Wohnung durch die Vermietung für Anleger sogar weniger wert. Einerseits, weil sie dann schwieriger zu verkaufen ist. Außerdem besteht das Risiko, dass sie durch die real erwirtschaftete Miete abgewertet wird. Man schätzt, dass in China ein Drittel der Wohnungen leer steht. In Schanghai oder Peking gibt es bei Wohnungen Wertsteigerungen von mehr als 50 Prozent im Jahr – da gibt es keinerlei ökonomische Notwendigkeit, sie zu vermieten.

Was tut man dann damit?

Man lässt sie drei Jahre leer stehen und verkauft sie wieder. Diese Auswüchse des Renditekapitalismus sieht man weltweit. Es besteht das Risiko, dass sich die Innenstädte dadurch komplett entleeren und nur noch Arbeitsplätze, Tourismus und Dienstleistungen übrig bleiben.

Es wird viel gebaut, aber in den Wohnungen nicht gewohnt. Für Berlin gibt es hier keine zuverlässigen Zahlen, aber man sieht ganze neue Wohnblöcke auf dem Ex-Mauerstreifen zwischen Kreuzberg und Mitte, die unbewohnt scheinen. Offiziell haben die Eigentümer aus der ganzen Welt dort vermutlich ihre Dritt-, Viert- und Fünftwohnungen, real stehen die Wohnungen leer und erhöhen Jahr für Jahr ihren Wert. Irgendwo auf der Welt wird es weiterhin Leute geben, die dafür in ein paar Jahren noch mehr zahlen. Ein Makler eines solchen Hauses mit schätzungsweise 15 oder 20 Wohnungen gab mir gegenüber einmal offen zu, dass dort „niemand einziehen“ werde, die Wohnungen kauften Leute, „die haben das Geld auf dem Girokonto, das muss da weg“.

Was früher nur an der Börse passierte, eine Art Spiel, ist in der realen Welt zu einer perversen Variante mutiert. Alles vor den Augen der sogenannten Zivilgesellschaft und natürlich dem politischen Apparat.

Appenzeller nochmal dezidiert zu Berlin:

Berlin steht vor einer riesigen Herausforderung. Die internationalen Kapitalströme fließen extrem schnell und treffen auf Stadtentwicklungsprozesse, die sehr langsam ablaufen. In Berlin ist dadurch eine Dynamik entstanden, die viel größer als in etablierten Immobilienkapitalmärkten wie Hamburg oder Frankfurt ist. Berliner bekommen die Effekte durch den Mietwohnungsanteil von 85 Prozent viel stärker in kurzer Zeit zu spüren als Bewohner anderer Städte mit höherem Eigentumsanteil. Berlin muss schnell gezielte Gegenstrategien entwickeln.

Berlin und schnelle gezielte Gegenstrategien: Man könnte sich schlapplachen, wenn es nicht so ernst wäre.

Man müsste einmal ausrechnen, wie viel Geld Monat für Monat auf die andere Seite gescheffelt wird, ausgehend von nötigen Preisen von vier Euro Miete pro Quadratmeter für Altbauten und acht für Neubauten oder 500 Euro für den Kauf eines Altbauquadratmeters bzw. 1.000 für den Kauf einer Neubauwohnung. Wir bekämen interessante Zahlen.

Der Sozialstaat besteht nun darin, dass es in Berlin jetzt eine Art Nothilfe für Familien, gibt, die aufgrund Mieterhöhungen aus ihren Wohnungen fliegen. Dort dürfen sie dann ein paar Wochen nächtigen.

Wer sind die Investoren? Natürlich zum einen relativ wenige Leute mit sehr viel Geld. Zum anderen aber auch jeder, der eine private Altersvorsorge finanziert. Das Geld muss irgendwohin, beispielsweise in Berliner Immobilien. Es ist ein durch und durch so logisches wie perverses System. Kennzeichen unserer Zeit ist bekanntlich, dass wir all das wissen und in unserer tollen aufgeklärten, nachhaltigen und transparenten Gesellschaft nicht in der Lage sind, irgendetwas daran zu ändern.

Die Immobilienbranche ist einfach zu wichtig fürs Funktionieren des Systems, als dass man das ändern könnte. Schon vor einigen Jahren schrieb die Zeitschrift Der Architekt über die Immobilienwirtschaft:

Ihre Bruttowertschöpfung beträgt in Deutschland fast ein Fünftel der gesamtwirtschaftlichen, über 450 Milliarden Euro, etwa sechsmal mehr als der Fahrzeugbau.

Die Zahl hat viel mit dem Marktwert von Boden zu tun, also von etwas, für das höchstens der liebe Gott Geld bekommen dürfte. Und: Die niedrigen Zinsen werden nicht für Realinvestitionen im eigentlichen Sinn genutzt, sondern für unbewohnte Häuser. Der Unterschied zwischen realen und Finanzinvestitionen verschwimmt hier.

Angesichts dieser Zustände ist es so peinlich wie bezeichnend, dass zur Unteilbar-Demo vergangenen Samstag in Berlin 200.000 Leute aufstehen, aber der soziale Aspekt nur völlig verschwommen mit „Solidaritätsforderungen“ abgehandelt wird. Vielleicht meint man ja, man müsse den Alten besser über die Straße helfen. Kapitalismuskritik – nach der Finanzkrise vor zehn Jahren neu aufgeblüht – ist mittlerweile von moralischem und scheinsozialem Geplapper abgelöst worden. Das repräsentieren derzeit die Grünen par excellence, woraus sich auch ihre Beliebtheit erklärt. Man erträumt sich eine bessere Welt, das muss reichen.

Fassen wir zusammen: Es werden Wohnungen gebaut, aber nicht zum Wohnen, sondern zum Parken von Kapital. Die Gesellschaft ist gelähmt. Geplappert wird überall, aber eben ohne jeden Effekt. In einer Sendung zur bayrischen Landtagswahl wurde einem Linken-Politiker vorgeworfen, er habe von Enteignung in Bezug auf Münchner Wohnungen gesprochen. Der Mann knickte ein, diese so notwendige wie selbstverständliche Forderung war ihm im TV- Studio offensichtlich peinlich.

Fehlende Zivilcourage. Genau hier liegt das Problem.

„Die Stadt wird vom Wohn- und Lebensraum zu einem Finanzmodell für umherschwirrendes Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht“, sagt Appenzeller im Tagesspiegel-Interview. Das Kapital benötigt die Stadt als Wohn- und Lebensraum nicht mehr.

Je absurder die Verhältnisse, desto größer die Zustimmung zu ihnen.

(Fotos: genova 2015, 2018)

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Afrikaner in den Alpen

Eine nette Pointe zum Heimatbegriff:

Die FAZ fragt in einem interessanten Artikel über Heimat und Tourismus, ob die Alpen-Touristen wissen,

dass die Geranie, erst Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aus Afrika importiert, zur ikonischen Heimat-Blume im Alpenraum wurde, wo es um die Herstellung des Gefühls der guten alten Zeit ging? Mehr als fünfzig Millionen Jungpflanzen werden derzeit zu diesem Zweck jährlich als Stecklinge eingeflogen.

Die Geranie ist aus Afrika? Eine Katastrophe. Müssen wir sie nun ausreißen? Von den Tiroler FPÖ-Dorfbalkonen verstoßen? Oder gar abschieben? Wollen die Afrikaner sie überhaupt zurückhaben? Sollen wir die Millionen Junggeranien an der Grenze zurückweisen? Oder in Sammellagern unterbringen? Und was nehmen wir stattdessen als alpine Ikone?

Fragen über Fragen. Nicht mal mehr die Alpen taugen der Reaktion noch als Zufluchtsort. Vermutlich schlägt sie genau deshalb immer wilder um sich.

Wenn ich den Artikel richtig verstehe, suchte man in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den (deutschsprachigen) Alpen nach eine Gefühl der guten, alten Zeit. Und man besann sich auf eine Blume aus Afrika, die erst kurz zuvor in den Alpen heimisch geworden war? Nachforschungen wären hier nötig.

Wobei der Begriff „Alpenraum“ nicht präzise gewählt ist, meine ich. In den italienischen Alpen jenseits von Südtirol jedenfalls habe ich noch keine Geranie gesehen.

(Foto: genova 2018)

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Adorno und die Provinz

Lucca, bei großer Vergangenheit, ist heute, nach der Rolle, die es im Lande spielt, provinziell, auch die meisten Läden sind es und die Kleidung. Illusionär wohl, sich einzubilden, das Bewusstsein der Einwohner wäre es weniger. Aber sie wirken nicht so. Die Tradition ihres Volkes und ihrer besonderen Gegend ist so tief in Erscheinung und Gebärde eingedrungen, dass sie geformt, der Barbarei der Provinz entrückt sind, vor der in nördlichen Breiten noch die schönsten mittelalterlichen Städte ihre Einwohner nicht feien. Provinz ist nicht Provinz.

Schrieb Adorno 1965. Man hat den Eindruck, dass sich daran bis heute nichts Wesentliches änderte. Urlaubsaufenthalte, auch ausgedehnte und von äußerst aufmerksamen Reisenden unternommene, sind natürlich keine Basis für profunde Urteile, es geht um den schnellen Eindruck. Eine „provinzielle Kleidung“ allerdings existiert nicht mehr, es kommt alles aus den gleichen textilen Mega-Fabriken und der Stil ist in Lucca wohl der gleiche wie in Mailand.

Nach Adorno sind die italienischen Provinzler formal der deutschen Provinz-Barbarei entrückt, im Bewusstsein nicht. Vielleicht erklärt das die aktuellen italienischen Wahlergebnisse. In Norditalien, besonders in der Lombardei, ist die Lega-Partei fast überall die stärkste. Es scheint auf eine gewisse Art ein barbarischer Provinzialismus eingekehrt, aber vielleicht trügt der Schein. Berücksichtigen sollte man immer, dass naturgemäß 80 Prozent Faschisten in der italienischen Provinz wesentlich weniger unheilvoll sind als 20 Prozent Faschisten in der deutschen. Provinz ist nicht Provinz.

Der Eindruck jedenfalls ist nirgendwo ein unangenehmer, selbst in den Lega-Hochburgen nicht. Kein Vergleich mit Deutschland. Die Menschen kleiden sich gut, ob provinziell oder nicht, es zeugt von einem gewissen Respekt vor dem Mitmenschen. Kaum jemand, der hier ein Muscleshirt trüge. Es gibt nach wie vor viele kleine Läden, in denen man einkauft, viele Cafés, in denen tatsächlich Menschen sitzen, keine Ketten, inhabergeführt. Es gibt diese Haltung, irgendwo zwischen Fatalismus und Lässigkeit, die ein Haus, das man als im Weg stehend betrachten könnte, stehen lässt. Es löst keine Nervosität aus.

Gegensätzliches erlebt man in Teilen Ostdeutschlands. Unvergessen ist ein Kurzbesuch in einem Städtchen namens Schneeberg im Erzgebirge: Ein perfekt restaurierter Marktplatz, der diese Funktion schon lange eingebüßt hatte und nur noch als Kulisse diente. Außenherum Ein-Euro-Shops, Bäckereiketten, Leerstand. Auf dem Platz geplagte – teilweise mental, teilweise finanziell – Menschen. Schneebergs Restaurierung wurde ermöglicht, indem man die Gelder der Wessis nahm, die ihnen zugleich mit gönnerhafter Pose ihr Untermenschentum klarmachten. So beginnt man zu hassen. Ein Marktplatz als Kulisse eines besseren Lebens, das versagt bleibt. Jeder Schritt auf dem Platz gerät zur Visualisierung der Lüge, zum Spießrutenlauf an den eigenen Erfahrungen vorbei.

Die Vewertung ist hier scheinbar alternativlos, man sieht in der Tat keine Alternative. Gleichzeitig spürt man, dass man deren Anforderungen nicht erfüllen kann. Es ist vielleicht der wesentliche Grund für die Entwicklung von Barbarei. Wo auch immer.

(Foto: genova 2018)

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Fachwerk und Faschismus (3) – Realitäten

Noch einmal die neue Frankfurter Altstadt, die kürzlich offiziell eröffnet wurde. Man bemerkt schon an diesem wording die Absurdität des Ereignisses.

Die Frankfurter Rundschau kommentiert:

Wie kalt und seelenlos muss also die Wirklichkeit sein in den Zeiten rasanter Digitalisierung und Globalisierung. Dass sie einer solchen, romantisch aufgeladenen Kulisse bedarf wie sie zwischen Dom und Römer entstanden ist. Die neue Altstadt: Das ist die Inszenierung eines Traums. Tatsächlich war das historische Quartier im Zentrum Frankfurts niemals so sauber und aufgeräumt, wie es jetzt präsentiert wird. Die Altstadt: Das war das Viertel der armen Menschen, mit beengten, schlecht belichteten Wohnungen, mit miesen sanitären Verhältnissen, mit schmalen Gassen. Tatsächlich zog, wer konnte, aus der Altstadt weg.

Laura Weißmüller weist in der Süddeutschen Zeitung ebenfalls darauf hin (28.9., S. 9):

Bot bis zum Zweiten Weltkrieg die Frankfurter Altstadt vor allem denjenigen eine Heimat, die sich kein anderes Zuhause leisten konnten, den Arbeitern, Großfamilien und Migranten, darf heute nur noch im Herzen der Stadt leben, wer es sich leisten kann.

Man residiert

für knapp 3.300 Euro warm auf 160 Quadratmetern, zwei Bäder inklusive.

Es ist ein völlig degenerierter Heimatbegriff, der hier präsentiert wird. Heimat als Renditeobjekt, wo es reicht, wenn eine Hülle einem touristischen Publikum gefällt, das bezahlt. Heimat als eine Deutung, die sich sämtlicher eigentlicher Bedeutungen entledigt hat. Eine Gegenreaktion nur noch von ein paar Experten, Leuten vom Fach. Heimat als das Gegenteil des Wortsinns. Genau die, deren Heimat diese Altstadt einmal war, hätten keine Chance mehr.

Ein Frankfurter bringt das Problem in diesem Filmchen der Jungen Freiheit schön auf den Punkt:

Seine Vorfahren arbeiteten als Metzgerantstellte bzw. sie hatten einen Obst-und-Gemüse-Laden. Es waren Proletarier oder Kleinbürger. Exakt diese Arbeiterklasse wird mit der neuen Alstadt verhöhnt, denn die könnten dort weder arbeiten und bei Preisen ab 5.000 Euro für den Quadratmeter auch nicht mehr wohnen. Man benutzt sozusagen die Atmosphäre, die seinerzeit von einfachen Leuten, wie man sagt, geschaffen wurde, um heute irgendwelche Finanzinvestoren und Walt-Disney-Touristen anzuziehen.

Es ist eine Geschichtsklitterung par excellence und es hat eine besondere Tragik, wenn der Protagonist aus dem Filmchen seinen Vater als ein „Urgestein“ bezeichnet und sich nun über die bloße Hülle freut, die mit diesem Urgestein inhaltlich nichts mehr zu tun hat, die das Urgestein vielmehr im Sinne des Kapitals und rechter Politik instrumentalisiert.

Besonders faszinierend ist, dass auch die, die systemisch durch solche Viertel ausgenommen werden, – sei´s durch hohe Mieten, sei´s durch die Vorenthaltung ernstzunehmender Stadt, die auch ihre Interessen vertreten würde – sich diesen Vierteln gegenüber rein affirmativ verhalten. Falsches Bewusstsein.

Wie kalt und seelenlos muss die Wirklichkeit, wie falsch muss das Bewusstsein sein, dass man solcher Kulissen bedarf? Weissmüller bindet die Architekten ins Dilemma ein:

Vielleicht erzählt die neue Frankfurter Altstadt genau diese Geschichte: Wie die Architekten die Verbindung zur Gesellschaft über Jahrzehnte immer und immer wieder verspielt haben und wie in diese Kluft nun etwas stoßen kann, was harmlos erscheinen mag, aber es nicht ist.

Auf die Politik gewendet heißt das: Das linke Establishment hat immer und immer wieder durch die Forcierung neoliberaler Politik die Verbindung zur Gesellschaft gekappt und nun kann in diese Kluft etwas stoßen, was harmlos erscheinen mag, es aber nicht ist.

Welche Rolle auch immer hier die Architekten spielen, deren größter Teil naturgemäß ganz normale Mitläufer sind, die ihren Geschäften nachgehen: Weissmüller wendet die Perspektive adornitisch:

Und deswegen sollte die Frankfurter Altstadt auch den Architekten eine Mahnung sein. Ohne Bezug zur Gesellschaft fehlt ihren Bauen das Fundament. Was nun zwischen Dom und Römer Heimat vorgaukelt, schafft keine, aber es simuliert eine, und zwar im festen Bezug auf die Vergangenheit. Das schließt nicht nur die Gegenwart und die Zukunft aus. Es erteilt auch großzügig Platzverweise an alle, die nichts mit diesem geschichtsvergessenen Blick auf Frankfurt anzufangen wissen.

Der letzte Satz hat es in sich. Man solle gefälligst Verständnis für die aufbringen, die sich mit Freude und rundum affirmativ ins neue Altstadtstadtgetümmel stürzen und zumindest probeweise deren Perspektive einnehmen.

Dieser Gedanke ist eine Abwandlung eines Auszugs aus Adornos milder Architektenschelte von 1965 („Funktionalismus heute“):

Weil die Architektur tatsächlich nicht nur autonom, sondern zugleich zweckgebunden ist, kann sie die Menschen, wie sie sind, nicht einfach negieren, obwohl sie das, als autonome, ebenfalls muss. Überspränge sie die Menschen tel quel, so bequemte sie einer fragwürdigen Anthropologie und womöglich Ontologie sich an; nicht zufällig ersann LeCorbusier Menschenmodelle.

Die Bemerkung zu LeCorbusier ist zwar Humbug, denn jeder Küchenhersteller muss von irgendeinem Maß ausgehen, mit dem die Küche genutzt wird (hier wird Adorno zum Opfer seines eigenen Anspruchs), dennoch: Architektur als eine bestenfalls teilautonome Sache hat sich zugunsten des Nichtspezialisten zurückzunehmen.

Und weiter:

Die lebendigen Menschen, noch die zurückgebliebensten und konventionell befangensten, haben ein Recht auf die Erfüllung ihrer sei´s auch falschen Bedürfnisse. Setzt der Gedanke an das wahre objektive Bedürfnis sich rücksichtslos über das subjektive hinweg, so schlägt er, wie von je die volonté générale gegen die volonté de tous, in brutale Unterdrückung um. Sogar im falschen Bedürfnis der Lebendigen regt sich etwas von Freiheit; das, was die ökonomische Theorie einmal Gebrauchswert gegenüber dem abstrakten Tauschwert nannte. Ihnen erscheint die legitime Architektur notwendig als ihr Feind, weil sie ihnen vorenthält, was sie, so und nicht anders beschaffen, wollen und sogar brauchen.

Es ist ein netter Trick, den Adorno hier anwendet. Er selbst sieht sich in Besitz der Kenntnis des objektiven Bedürfnisses, will aber wohlwollend das hierarchisch tieferliegende subjektive Bedürfnis zu seinem vermeintlichen Recht kommen lassen. Vielleicht ein notwendiger Trick.

Adorno weiter:

Alles Nützliche ist in der Gesellschaft entstellt, verhext. Dass sie die Dinge erscheinen lässt, als wären sie um der Menschen willen da, ist die Lüge; sie werden produziert um des Profits willen, befriedigen die Bedürfnisse nur beiher, rufen diese nach Profitinteressen hervor und stutzen sie ihnen gemäß zurecht.

Die Frankfurter Altstadt tut nur so, als sei sie dem Profitwillen entzogen und nicht kapitalistisch zurechtgestutzt.

Was tun? Den geschichtsvergessenen Blick auf Frankfurt akzeptieren? Das richtige Leben im falschen annehmen? Die Simulation von Heimat bekräftigen?

Das, was Weißmüller über die „Mahnung an die Architekten“ schreibt, ist wohl richtig, wenn auch nutzlos. Architekten sind zu 99 Prozent keine linken Soziologen, sondern profitinteressierte Lohnabhängige, die bauen, was der Geldgeber diktiert. Mehr sollte man auch nicht erwarten. Es wäre eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wahre von der falschen Architektur zu unterscheiden, die Menschen sehend zu machen. Gesamtgesellschaftlich wäre es auch, Vielfalt, Variation, Mehrsprachigkeit, kontextloses Bauen, Inhaltsbetonung, Geschichts- und Klassenbewusstsein und so weiter. Falsche Architektur ist nur Abbild einer falschen Gesellschaft, ob modern-bauwirtschaftsfunktionalistisch oder pseudohistorisierend.

Konkret auf Frankfurt bezogen: Auf dem Gelände der heutigen Altstadt sollten noch vor 13 Jahren moderne Gebäude entstehen. Die damals geplante Architektur beschreibt man mit „phantasielos“ noch beschönigend: Typische Investorenarchitektur (Architekten: KSP) mit schießschartenähnlichen Fenstern, die schnelle Rendite ermöglichen soll, indem man sich architektonisch nicht festlegt. Und Bauherr damals war DIL, die Deutsche Immobilien Leasing, eine Tochter der Deutschen Bank. Es ging damals also auch nur um die bestmögliche Rendite, nicht um Bedürfnisse von Menschen in der Stadt. Aus kapitalistischer Sicht ist die heutige Altstadt vermutlich renditeträchtiger als der moderne Entwurf von 2005. Inhaltlich war der KSP-Entwurf eine üble Auftragsarbeit, sonst nichts. Es ist keine Wunder, dass diese klare Verweigerung guter Architektur die Menschen in die ästhetische Regression treibt. Es wird keine Alternative geboten.

Politisch ist es analog der Erfolg der AfD durch das Versagen der Altparteien, denen man naturgemäß keine Träne nachweinen sollte, würden sie verschwinden.

Mit Adorno: Die Architekten sollten sich um die echten Bedürfnisse kümmern und dementsprechende architektonische Lösungen anbieten. Die DIL kann und darf kein Ansprechpartner sein, was die Architekten wiederum nicht entscheiden.

Übersprängen die Architekten das Kapital, müssten sie das bei den Menschen nicht mehr tun. Es ginge dann um die Auseinandersetzung zwischen Fachleuten, die agieren, und Laien, die damit klarkommen müssen. Es wäre die alte Auseinandersetzung zwischen partizipativer und autonomer Architektur. Die notwendige Voraussetzung dafür, dass diese fruchtbar wäre, ist die Ausschaltung kapitalistischer Interessen.

Das falsche Leben im falschen sind die neue Altstadt wie auch weite Teile moderner, verwertungsorientierter Architektur. Die Wirklichkeit ist offenbar tatsächlich so kalt und seelenlos, dass wir auf die billigsten Verheißungen hereinfallen, heißen sie nun Altstadt oder AfD. Eine Verbesserung der ästhetischen Lage ist ohne die grundsätzliche Veränderung realer gesellschaftlicher Verhältnisse nicht zu haben.

(Foto: genova 2016)

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o.T. 453

Da mich jede Woche mehrere Dutzend Leserbriefe erreichen, die mich zur Interpretation meiner Bilder, denen man die Genialität und die Avantgardestellung anmerke, man jedoch als Betrachter gerade aufgrund dieser Avantgardestellung mit der Begutachtung im Detail überfordert sei, auffordern, sei dies hier einmal demonstriert.

Blau, rot, gelb, weiß: die universalen Plastikstühle, die das Gute in der Welt repräsentieren, dazu abwaschbare Tischdecken, denen eine ebenso massendemokratische Qualität anhaftet, die Klappläden, die für Italien schlechthin stehen, und Zitronen, die das gute Leben ohne Reue symbolisieren.

Das Haupthaus wird durch einen kubischen Vorbau zur Hälfte verdeckt, womit die Moderne, die Nachkriegszeit, der Neorationalismus wie vielleicht auch der Neorealismus im Italien der 1950er Jahre dokumentiert werden, wobei er jenen nicht entspricht. Das Flachdach zeigt den Fortschritt, der sich jedoch angesichts der hervorlugenden Dachsparren ins Indifferente bewegt.

Der Himmel grau, was der Atmosphäre eine leicht bedrohliche Stimmung gibt, es ist offenbar nicht alles in Ordnung im Süden. Die Sonnenschirmstände in den Tischen werden folglich auch nicht genutzt. Das Gras ist grün, was den Nordeuropäer beruhigt, ihm aber auch ein wenig den Schein des Südlichen verwässert. Dazu kommt eine Fassadenfarbe wie in der DDR. Man spürt im Arrangement also etwas Ungeklärtes, jedenfalls nicht einfach Heiteres. Die Menschen, die zuvor am Tisch gesessen haben müssen, sind verschwunden, wie überhaupt alle Menschen, die man in einem Ristorante und einer Albergo zu treffen erwartet, nicht anwesend sind.

Der gemeine Deutsche, wozu ich mich zählen muss, erfährt bei der Bildbetrachtung also einerseits ein massives Verlangen, sich auf einen Plastikstuhl an dem Tisch zu setzen und wenigstens noch die Zitronen auschlürfen zu dürfen. Das Wasser ist ihm jedenfalls schon im Munde zusammengelaufen. Andererseits sorgen der Rasen, die Fassade, die Sparren und der Himmel für ein Gefühl der Bedrohung oder zumindest des Ungemütlichen.

(Foto: genova 2018)

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Vom indirekten Zitieren und fehlendem Handwerkszeug

Es ist zunehmend anstrengend, wenn Journalisten, die auf deutsch schreiben, der deutschen Sprache in Teilen nicht mehr mächtig sind. Ein gutes Beispiel dafür ist der Konjunktiv 1. Den benutzt man bekanntlich bei der indirekten Rede. Aber: Ob FAZ oder taz, die wenigsten Journalisten kriegen das noch hin.

Beispiel: „Ich habe alles im Griff“, sagt Angela Merkel. Das heißt indirekt zitiert: Merkel sagte, sie habe alles im Griff. Immer öfter liest man leider: Merkel sagte, sie hätte alles im Griff. Und wenn Merkel sagt: „Ich gehe in den Plenarsaal“, dann heißt das im indirekten Zitat nun mal, sie gehe in den Plenarsaal; nicht, sie ginge dorthin. „Hätte“ und „ginge“ ist der Konjunktiv 2, der vor allem in Bedingungssätzen gebraucht wird.

Ganz lustig wird es, wenn diese Experten sich in verschiedenen Zeiten der indirekten Rede versuchen. So schrieb kürzlich der Historiker und angebliche Journalist Michael Sonthofer in der taz folgendes:

Die Sozialdemokratin hatte erklärt, es gäbe keine Wohnungsprobleme und es würde auch keine geben.

Sontheimer benutzt zweimal den Konjunktiv 2 Präsens, und zwar zuerst in der offiziellen Form, abgeleitet vom Präteritum („gäbe“) und dann in der Ersatzform mit „würde“ und Infinitiv. Er glaubt wohl tatsächlich, damit einmal Gegenwärtiges und einmal Zukünftiges ausgedrückt zu haben. Stattdessen hat er der Sozialdemokratin nur einen halben Bedingungssatz untergeschoben, dem der zweite Teil fehlt. Es fehlt dann im Anschluss „,wenn…“

Was Sontheimer geschrieben hätte, wenn er Bescheid wüsste:

Die Sozialdemokratin hatte erklärt, es gebe keine Wohnungsprobleme und es werde keine geben.

Einmal Konjunktiv 1 Präsens und einmal Konjunktiv 1 Futur 1.

Es ist eine kleine Kulturkatastrophe. Demnächst kommt ein Heizungsexperte in meiner Wohnung vorbei, schaut auf meine Gastherme und erzählt mir, das sei ein Kachelofen. Macht ja beides warm.

Man kann natürlich einfach den Indikativ benutzen, wie man das umgangssprachlich sowieso macht; wohlwissend, dass den Lesern klar ist, beim Zitat einer Sozialdemokratin größte Vorsicht walten zu lassen:

Die Sozialdemokratin hatte erklärt, es gibt keine Wohnungsprobleme und es wird keine geben.

Und überhaupt: Die Sprache ändert sich, der Konjunktiv 2 wird den ersten früher oder später ablösen.

Dass eine Sozialdemokratin diesen Satz tatsächlich gesagt hat, ist angesichts des durch und durch zerstörten Zustands der Sozialdemokratie nicht verwunderlich und somit keiner weiteren Erwähnung wert.

Andererseits: Wenn man den Konjunktiv 1 aufgeben will, müsste man sich vorher auf einen adäquaten Ersatz einigen. Und es wäre schade, eine Differenzierungsmöglichkeit der Sprache auf sozusagen höchster Ebene abzuschaffen.

(Foto: genova 2018)

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Adorno und das Berliner Schloss

Adorno ist nicht tot. Erst jüngst schrieb er zum aktuellen Wiederaufbau des barocken Berliner Stadtschlosses das hier (aus: Der missbrauchte Barock, 2018):

Dem kritischen Bewusstsein nicht weniger als der Entzauberung der Welt fiel das Ornament zum Opfer. Das ohnehin geschwächte Bewusstsein der Menschen möchte mit jener Welt sich abfinden: sie blieb als entzauberte die dinghafte, eine von Waren. Der Barock steht ihnen ein fürs verdrängte und ersehnte Ornament, und macht ihnen dabei als Stil, der das Ornament gestatte und erheische, das gute Gewissen. Aber das vermeintlich unbeschädigte Ornament, zu dem sie flüchten, ist Ausdruck des gleichen Prinzips, vor dem sie die Flucht ergreifen. Die Einheit des Bürgerlichen und Absolutistischen, die sie zum Barock zieht, steht ihnen als Gleichnis jener tödlichen Ordnung vor Augen, in der die Verflechtung der bürgerlichen Gesellschaft umschlägt in totale Unterdrückung.

Meine Rede seit Jahren, nur weniger formal gefeilt. Schön, dass Adorno das jetzt auch sagt.

Das Schloss als mieser Ersatz, das falsche Leben im falschen. Die dinghafte Warenwelt verschwindet nicht, indem ich mich mit dem angepappten Ornament eines im 21. Jahrhunderts durch und durch verlogenen Schlosskonzeptes zufrieden gebe. Ganz im Gegenteil. Die Etablierung des vermeintlich Kuscheligen unter kapitalistisch-imperialistischen Bedingungen kann nur der Verschleierung dienen und in die Katastrophe führen. Eine ernstzunehmende geschichtliche Entwicklung wäre die umstandslose Sprengung dieser im Bau befindlichen regressiven Ansammlung von steingeworedenem ideologischen Müll. Oder der sofortige Baustopp und die Ausrufung eines Mahnmals: der architektonische Ausdruck der umfassenden Regression.

Gerade in Berlin-Mitte, wo der Kasten hochgezogen wird, schlägt das Kapital seit Jahren erbarmungslos zu: keine bezahlbaren Wohnungen, Vertreibung, Kunst in Galerien als reines Verwertungsangebot fürs weltweit flottierende Kapital, Banalo-Tourismus; es ist die totale Warenwelt, in die nun konsequenterweise das Schloss hineingesetzt wird. Die PR-Agenten des Kapitals positionieren den Kasten als Sinnbild menschenfreundlicher Neugier: Humboldt in Aktion. Kapitalismus gibt es demnach nicht. Je umfassender er wütet, desto aufwändiger wird er geleugnet.

Das Ornament am Bau war zur Entstehungszeit vielleicht noch vermittelbar, heute übernimmt es die Funktion des Ballermanns und der Themenparks in Tourismusgegenden, nur schlimmer, eben politisch.

Es ist rührend, die rhetorischen Bemühungen der zeitgenössischen Reaktion zu verfolgen: Wie toll die Handwerker die Details rekonstruieren, ihr Interesse ohne Zeitnot, sie interessieren sich für etwas, weil es interessant ist. Heute ist dieses aufs Objekt fixierte Bemühen kaum vorstellbar, und genau deshalb wird das von der bürgerlichen Presse so in Szene gesetzt. Wird heute ein Bau ein halbes Jahr später fertig als das irgendwer planen musste, empören sich der aufgeklärte Journalist und sein Leser. Man hat den Vewertungsdruck verinnerlicht. Damals angeblich: Die Bauhütte, das Manuelle, die Sorgfalt: nichts, was an heutigen Verwertungsdruck erinnern könnte. Auf der Schlossbaustelle ist der Ornamenthandwerker noch der Künstler, nur seinem eigenen Anspruch an Perfektion und Idealismus verpflichtet.

Es ist die umfassende Verblendung.

Was das politisch bedeutet, hat Adorno im letzten Satz unverblümt ausgedrückt: Das Bürgertum, das sich der Schlossatrappe rühmt, geht einen Pakt mit den Feudalen ein wie bei Bedarf auch mit Faschisten. Es folgt die totale Unterdrückung. Dass das  Bürgertum im Eimer ist, sieht man am Schloss in Reinkultur.

Das Bürgertum findet es mittlerweile so zeitgemäß wie imagefördernd, sich zu Symbolen absolutistischer Herrschaft zu bekennen, ja, deren Errichtung überhaupt erst in die Wege zu leiten. Es zeigt damit deutlich, dass man von ihm keine positiven Impulse in der geschichtlichen Entwicklung mehr erwarten kann. Der Fortschritt der Geschichte kann ihm zufolge nur in einer Forcierung des Verwertungsdrucks liegen. Da das eigentlich niemand mehr will, muss das Subjekt ruhiggestellt werden. Ein Schloss ist ein probates Hilfmittel. Weite Teile der sogenannten Intelligenz machen freudig mit. Ein Horst Bredekamp, Kunstkritiker, hat sich vom Kritiker des Schlosses in den Schlossvorstand entwickelt.

Da helfen auch lächerlich-empathische Reden rechter Sozialdemokraten gegen rechtsradikale Parlamentskollegen wie die jüngste von Johannes Kars im Bundestag nicht. Sie verschleiern nur das Problem: Die deutsche Sozialdemokratie als eigentliche Vertreterin gemäßigt fortschrittlicher Positionen hat diese vollständig aufgegeben und ist – nur ein Aspekt – als weitgehende Schlossbefürworterin schon längst in das Lager jener abgedriftet, die Ansprüche ans Künftige der Masse verhöhnen und damit den Faschismus nicht willentlich, aber dafür um so effektiver fördern. Agendapolitik und Schlossbau sind zwei Seiten einer Medaille.

Die aktuellen Rechtsradikalen sind naturgemäß die überzeugtesten Anhänger der architektonischen Retrowelle. Ob Berliner Schloss oder Frankfurter Altstadt: Alles Moderne, alles nach der Abdankung des Kaisers entstandene, muss vernichtet werden, so wird es einigermaßen unverblümt gefordert. In Deutschland bedeutet diese Vernichtung naturgemäß eine mit Stumpf und Stil. Vielleicht macht man beim Reichsparteitagsgelände eine Ausnahme. Das aktuelle Stadtmarketing hängt sich an die Retrowelle gerne dran; Stadt ist derzeit als Themenpark vormoderner Zeiten am besten verwertbar.

Zeitgemäße Faschisten brauchen – das wäre das Neue am Alten – keine neuen großen Aufmarschplätze mehr, sie brauchen keine Uniformierung; es ist einfacher, auf die Teile deutscher Geschichte zu rekurrieren, die entpolitisiert ins Hier und Jetzt transportiert werden können. Barocke Architektur, Altstädte, alles natürlich formalisiert und jeder erstnzunehmenden historischen Analyse enthoben. Die Frankfurter Altstadt wird als Rückblick in die gute alte Zeit verkauft. Dort wohnten früher Arme, heute niemand mehr, die Wohnungen werden von Reichen als Kapitalanlage erworben, die Stadt ist Kulisse. Dass die Armen eine gewisse Verbesserung ihrer Verhältnisse erfuhren durch den modernen Wohnungsbau, wird ignoriert. Es ist die reine Form, hinter die ein falscher Inhalt konstruiert wird.

Das vermeintlich unbeschädigte Ornament, zu dem sie flüchten, ist Ausdruck des gleichen Prinzips, vor dem sie die Flucht ergreifen.

Das wäre wohl der Ansatz, den aufgeklärte Argumentation einnehmen müsste. Nicht in den Fassaden absolutistischer Systeme findet man Erlösung, sondern in deren inhaltlicher Überwindung, mit der eine formale einhergehen müsste. Stand des Materials und so.

Darüber wäre zu diskutieren.

(Fotos: genova 2018)

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Das Architektonische und die Rechten

Deutscher Rechtsradikalismus und deutsche Architektur – ein Thema, das derzeit vor allem durch das Erstarken der AfD und ähnlicher Kameraden Auftrieb erhält. Stephan Trüby hat das vergangenes Jahr in der arch+ (Heft 228) in Bezug auf Höckes Wohnhaus und Co. beschrieben: Die Burg und die Scholle als Kulmination des Deutschen.
Einen schönen Einblick in das so banale wie geschichtsklitternde Denken rechter Architekten jenseits von Scholle und Burg gab schon vor elf Jahren ein Artikel des Berliner Stararchitekten Hans Kollhoff, den seinerzeit die Welt abdruckte. Anlass war der 80. Geburtstag des Quadrate-Dogmatikers Matthias Ungers.

Ungers baute solche Sachen:

(Torhaus der Messe Frankfurt, 1983)

Zusammengefasst: Für Kollhoff („Stadt ist die Gesellschaft der Häuser.“) besteht Architektur nur aus dem „Architektonischen“, aus der „Unschuld der architektonischen Form“, der Typologie, also Quadrat, Pyramide, Kubus, Zylinder. Wobei: vor allem aus dem Quadrat. Leider eroberten

„Randgebiete des Faches (Funktion, Technik, Soziologie, Ökologie, Philosophie usw.)“ die Debatten über Architektur, was aber nur bedeute, dass man „um das Architektonische wie um den heißen Brei herumschleicht.“

Was ist der heiße Brei? Natürlich: Hitler. Der habe die architektonische Form okkupiert und deshalb trauten sich die heutigen Architekten nicht mehr, davon zu reden und wichen auf die „Randgebiete“ aus:

„Sagen wir es gerade heraus: Die internationale Bedeutungslosigkeit der zeitgenössischen deutschen Architektur hat ursächlich mit diesem Syndrom der Vergangenheitsbewältigung zu tun, das eine intellektuelle Blockade auslöst, sobald es um das Architektonische selbst geht.“

Ungers nun ist laut Kollhoff ein Leidtragender dieser bösen zeitgenössischen Architekten. Er habe sich wieder auf die architektonische Form einlassen wollen, eben um Hitler zu überwinden, musste aber vor der – vermutlich linken – Übermacht kapitulieren:

„Er hat sich für einen Weg gegen den Zeitgeist entschieden, der ihn schließlich zwang, ins Ausland zu gehen.“

Er sei so „genötigt“ worden, „nach Amerika auszuwandern“. Nötigung, Zwang: der deutsche Architekt, das Opfer einer Willkürherrschaft, so scheint es.

Das ist tragisch, denn wegen Kollhoffs Vertreibung

„dümpelt die Architektur bis heute unter aufgeblähten Segeln im seichten Wasser sekundärer Tugenden.“

Der Artikel ist, wie gesagt, von 2007, nicht aus den 1950ern. Damals war die deutsche Architekturdebatte in der Tat gelähmt, was nicht wundert angesichts der Vergangenheit und der Migration vieler deutscher Architekten. Es gab eine historische Belastung und eine intellektuelle Auszehrung.

Ansonsten ist die Kollhoffsche Ungersbemitleidung Legendenbildung. Ungers war ein bekannter und sehr erfolgreicher Architekt, der nicht nur das Torhaus der Messe Frankfurt baute, sondern viele andere staatliche, repräsentative, an prominenten Stellen gelegene öffentliche Bauten: das Wallraf-Richartz-Museum in Köln, die deutsche Botschaft in Washington, die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die Badische Landesbibliothek in der gleichen Stadt, die Hamburger Kunsthalle und mehr. Alle diese Gebäude zeigen eindeutig die Ungerssche Handschrift und sein Markenzeichen, das unaufhörlich wiederholte Quadrat. Ungers konnte sich mit seiner Typologie, mit seinem „Architektonischen“, ausbreiten.

Was auch immer man von dieser Typologie hält: Ungers als Opfer zu präsentieren, das aus Deutschland von einem übermächtigen Gegner namens Zeigeist vertrieben wurde, ist grotesk und erinnert an die Vorgehensweise der Neuen Rechten, die die Deutschen insgesamt als Opfer sehen, als solche der Lügenpresse, des Establishments, der Roten und Grünen, der „Fremden“, der Amis, der Juden, der EU und wer einem sonst noch so einfällt. Rechte brauchen immer Feindbilder, deren Opfer sie werden. Eigentlich sind sie Waschlappen.

Beharren die aktuellen Rechten auf einer völkischen Architektur, die das Fundament betont, die Verbindung zur Scholle und irgendwelchen angeblichen deutschen Traditionen, nimmt sich Kollhoff in seiner Laudatio auf Ungers diesbezüglich zurück. Es ist das Quadrat, das die ultima ratio darstellt:

Hat man zunächst geglaubt, Ungers‘ Insistieren auf dem Quadrat hätte pragmatische Gründe, weil ein komplexes formales Repertoire an den Verhältnissen des Baugeschehens zum Scheitern verurteilt sei, so sah man sich bald eines Besseren belehrt.

An die Geometrie band ihn nicht das Unvermögen, das abstrakte Raster der Großform zu vergegenständlichen auf dem Weg zum Detail. Es war die Tatsache, daß ihm kein Argument hinreichend plausibel erschien, die objektiven Gesetze der Geometrie aufs Spiel zu setzen.

Ungers Festhalten am Quadrat hatte keine pragmatischen, sondern dogmatische Gründe. Ungers war ein Prinzipienreiter, vermutlich aus Mangel an Kreativität. Schlimmer aber ist Kollhoffs Insistieren darauf, dass Architektur nichts anderes sei als Typologie, was er das Architektonische nennt. Das Quadrat als die Mutter aller Architektur. Es ist eine Kritik an 68, an jeglicher Soziologie, eine Kritik an der Tatsache, dass Architektur keine Kunst im luftleeren Raum ist, sondern eingebettet in eine Gesellschaft mit all ihren Facetten. Mehr noch, sie gestaltet diese Gesellschaft aktiv.

Es gibt auch kein objektives Gesetz der Geometrie, das das Quadrat für die nächsten 1.000 Jahre legitimieren würde, und das auch noch für jede Bauaufgabe.

Ungers ähnelt damit dem unseligen Italiener Aldo Rossi, den die Bewohner seiner Gebäude auch nicht interessiert haben. Hauptsache, die Typologie ist eine irgendwie reine.

Noch einmal Kollhoff:

Das alltägliche Gegenständliche hat ihn nicht interessiert. Bei aller Geistesverwandtschaft zu Aldo Rossi konnte Ungers wohl kaum verstehen, warum der Italiener Kaffeekannen, Gauloises-Schachteln und Walkmen in seine Stadt- und Architekturentwürfe zeichnete. Er würde darin vielleicht ein surreales, Magritte’sches Phänomen wahrnehmen wollen, nicht aber die Sehnsucht nach Vergegenständlichung des Architektonischen.

Rossi hat sich erlaubt, eine Kaffeekanne in einen Entwurf zu zeichnen. Der Böse! Das hätte Ungers nie gemacht, der Purist. Die Kaffeekanne ist hier schon so eine Art Realitätseinwurf, der den Entwurf nur stört. Man stelle sich vor, Rossi hätte Menschen eingezeichnet. Ein Skandal! Seit wann interessieren in einer Stadt Menschen? Ungers, Rossi und Kollhoff erinnern an Kinder, die gern mit Bauklötzen spielen und auf diesem Stand zeitlebens stehenblieben. Wobei: Gibt man Kindern Bauklötze, kommt dabei Interessantes heraus.

Architektur ist nur zu einem nur geringen Teil Typologie. Architektur ist in erster Linie die Beschäftigung mit dem, was gebaut werden soll. Bauaufgabe, Funktion, Nutzung, Bewohner, Baugesetze, Kosten, Klima, Verkehr, Deutung, Politik, Kontext, Atmosphäre und mehr. All das aufs Typologische zu minimieren, zeugt von einem merkwürdigen Herrschaftsanspruch: Der Architekt als unumschränkter Gestalter, der seine Häufchen in die Stadt setzt. Immer ist dabei auch eine Portion Größenwahn im Spiel. Die Zeichnungen von Rossi zeigten das: Stadt als Ansammlung von Kuben, Pyramiden und Zylindern, die lediglich das Bedürfnis nach Geltung des Architekten erfüllen. Die, die dort leben sollen, sind unvermeidliche Statisten. Besser, sie zögen weg.

Nachsatz: Ich will hier den Ungers nicht in die rechte Ecke stellen. Der war vielmehr eine schillernde Figur, der gerade in seiner Frühzeit gute Sachen baute und mit seiner Lehrtätigkeit in Berlin offenbar einen Nerv traf. Später wurde er dogmatisch.

(Foto: wikipedia und genova 2017)

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Die bessere Gesellschaft in Yugoslawien

Ein wunderschöner kleiner Film über eine Zeit, in der die Welt offensichtlich noch in Ordnung war:

https://www.moma.org/calendar/exhibitions/3931

Es ist der Trailer einer Ausstellung im New Yorker Moma zur progressiven Architektur in Jugoslawien zwischen 1948 und 1980 und er versprüht eine Ahnung der damaligen Atmosphäre: Aufbruch, Zukunftsvertrauen, Fortschritt, Technik und daraus sich ergebend eine sehr angenehme Ästhetik. Vermutlich setzte nach 1980 auch im Ostblock die Reaktion ein.

Man wollte eine bessere Gesellschaft, sagt im Trailer die Stimme aus dem off. Und man wollte eine starke Öffentlichkeit mit der öffentlichen Räumen für soziale Handlungen.

Wovon heute naturgemäß kein Mensch mehr redet.

Warum reist man eigentlich nicht nach Belgrad?

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o.T. 452

(Foto: genova 2018)

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