o.T. 499

(Foto: genova 2019)

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o.T. 498

(Fotos:  genova 2019)

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Was Kunst mit Kacken und Kapitalismus zu tun hat

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich bezichtigt in der Zeit den Maler Neo Rauch des rechten Denkens. Rauch sei „Mitspieler neofeudaler Machtstrukturen in der heutigen Kunstwelt, wie die FAZ am 5. August, Ullrich zitierend, in der Prinzausgabe schrieb (online in veränderter Form hier abrufbar).

Einige Protagonisten aus Leipzig wurden ja schon öfter rechter Umtriebe bezichtigt, vielleicht zurecht oder auch nicht, ich weiß es nicht. Interessant ist aber, dass Rauch auf die Vorwürfe mit einem Bild reagierte, das er „Der Anbräuner“ nennt und das, laut FAZ, „ein abscheuliches, buchtstäblich hingeschmiertes Bild“ ist. Es zeigt einen Mann, der in einen Nachttopf kackt. Vermutlich ist der Mann Ullrich und der Nachttopf ist Rauch. Ullrich kackt Rauch braun an. Rauch fühlt sich offenbar diffamiert – in die rechte Ecke gestellt, wie man heute sagt.

Angesichts des erstarkten Rechtsradikalismus in der Form der AfD und angesichts der in Sachsen – Leipzig ist die Heimat von Rauch – bevorstehenden Landtagswahl könnte man so eine Reaktion eigentlich als Rauchs Bekenntnis zum Rechtsradikalismus werten. Ansonsten würde er sich mit Ullrichs Kritik inhaltlich auseinandersetzen.

Absurd wurde die Geschichte danach: Der Immobilieninvestor Christoph Gröner – ein kapitalistischer Stadt- und Welt- und also Menschzerstörer und jemand, bei dem mir sofort der Begriff „Herrenmensch“ einfällt – hat das Bild nun für 750.000 Euro gekauft. Den Erlös spendet der Auktionator an ein Kinderhospiz.

(Sowohl das Bild von Rauch als auch Christoph Gröner sieht man unter dem obigen Link.)

Ein Mensch- und also Weltzerstörer spendet an ein Kinderhospiz. Man kennt diese Gesten. Man kann sie sich leisten, ohne das Zerstörungswerk auch nur unterbrechen zu müssen. Gröners Zerstörungswerk läuft durch diesen Kinderhospizscheck wahrscheinlich noch besser, also noch zerstörerischer.

Kunst als kapitalaffine Handlung, in diesem Fall vielleicht auch als faschismusaffine.

Adorno bemerkt in dem Vortrag über Rechtsextremismus, den er 1967 gehalten hat (und der gerade sehr erfolgreich erstmals in Buchform veröffentlicht wurde) ganz treffend, dass es im Wesentlichen der Kapitalismus mit seinen Konzentrationstendenzen ist, der den Faschismus gebiert.

Dass Gröner das braune Bild von Rauch kauft, passt also wie Arsch auf Eimer. Und dass materiell davonl kranke Kinder profitieren: Die yellow press hätte es sich nicht besser ausdenken können.

P.S.: Wer sich ein Bild dieses furchtbaren Gröner machen will: Es gab vor ein oder zwei Jahren in der ARD eine Doku über ihn:

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o.T. 497

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Klimawandel oder: Das letzte Gefecht

In 30 Jahren wird die Welt mit dem, wie wir sie heute kennen, nichts mehr zu tun haben. Jahr für Jahr steigen die Temperaturen und der Meeresspiegel; tausende Hektar Land werden zu Wüste, und Millionen von Menschen machen sich auf den Weg in eine neue Heimat. Dafür sind wir, die Menschen, verantwortlich. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte geht es für die Menschheit darum, das Überleben ihrer eigenen Art zu sichern – nicht im Kampf gegen Raubtiere, Hunger oder Krankheiten, sondern gegen sich selbst.

Das schreibt der Neurobiologe Sébastien Bohler in dem Wissenschaftsmagazin Spektrum.

Bohler hat mit der Wüstenbildung und den steigenden Temperaturen nach allem, was wir derzeit wissen, recht – wobei das schon ein alter Hut ist und man keinen Neurobiologen braucht, um das zu wissen. Wenn dieser Herr dann allerdings in einer Wissenschaftspublikation schreibt, dass es um das Überleben der Menschheit gehe, wird es lächerlich. Das ist nicht nur höchst unwissenschaftlich, sondern da stellt sich die Frage nach dem Geisteszustand dieses angeblichen Wissenschaftlers.

Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, warum so ein Quatsch veröffentlicht wird, hilft vielleicht der Soziologe Armin Nassehi, der am 2. August in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel Denkfaule Demokratieverächter schrieb (S. 9):

Die Selbstbeschreibung von Gesellschaften folgt starken Konjunkturen. Selbstbeschreibungen sind immer selektiv, sie wählen zwischen Möglichkeiten aus. Die derzeit prominenteste Selbstbeschreibung der Gesellschaft in ihrer veröffentlichten Form ist der Klimawandel – eine katastrophische Form, die den unschätzbaren Vorteil hat, dass sie aufs Ganze geht. Das Überleben der Menschheit ist das Thema. Das ist nicht nur aufmerksamkeitsökonomisch bedeutsam, sondern kann gewissermaßen an der Unbedingtheit des eigenen Anspruchs ansetzen: Es geht nicht um irgendein Problem, sondern um so etwas wie das letzte Gefecht.

Nassehi bezieht sich nicht auf Bohler, aber der Zusammenhang ist offensichtlich. Das letzte Gefecht, drunter geht es nicht.

Auch ansonsten schreibt der tolle Neurobiologe in dem erwähnten Spektrum-Artikel (vom 29. Juli) Sachen, die jedes Kind schon weiß.

Beispiel:

Auch im zwischenmenschlichen Bereich kann weniger mehr sein. Anstatt die Zahl der Freunde auf Facebook zu mehren, können wir in die Qualität dieser Beziehungen investieren.

Sag bloß. Und:

Wir lassen uns weismachen, wir bräuchten zu unserem Glück ein Auto, das mindestens so luxuriös und leistungsstark ist wie das der Nachbarn. Doch wir haben die Wahl: die Werbebotschaften für bare Münze zu nehmen und immer mehr zu konsumieren – oder uns am Fahren eines altmodischen Autos zu erfreuen und an Freundschaften, in denen es nicht darum geht, wer mehr vorzuweisen hat.

Der Mensch hat gegenüber einem milliardenschweren Werbeaufwand nicht einfach „die Wahl“. Wie kann ein angeblicher Neurobiologe so einen Nonsens schreiben?

Was mich hier viel mehr interessiert als der Klimawandel ist die Frage: Wie kommt dieser Schwätzer auf so wichtige Posten? Was läuft da in der Gesellschaft falsch? Es hat auch mit der von Nassehi angesprochenen Aufmerksamkeitsökonomie zu tun. Wer vom Aussterben der Menschheit warnt, dem hört man zu.

Was also läuft falsch? Bei der Beanwortung dieser Frage bräuchte man vermutlich linke Psychologen, linke Politologen – und linke Soziologen.

(Foto: genova 2019)

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o.T. 496

(Foto: genova 2018)

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Habermas – moderne und postmoderne Architektur

Jürgen Habermas ist nun 90. Was fällt mir dazu ein? Eine äußerst verdienstvolle Rolle im Historikerstreit, seinerzeit in den 1980ern. Wie die Machtkonstellation in diesem Fall wohl heute aussähe? Würden die Reaktionären und Rechtsradikalen heute genauso deutlich abserviert? Dann das kommunikative Handeln, das gerecht sein können soll, herrschaftsfrei, Diskursethik mit einer idealen Sprechsituation, all das auf vielen hunderten und tausenden von Seiten dargelegt, vermutlich ein paar Seiten zuviel. Schaut man sich die Entwicklung seitdem an, ist man wohl eher enttäuscht. Kommunikation ist Herrschaft, mittlerweile von der herrschenden Klasse tagtäglich ausgefeilter und perfider und also menschenverachtender betrieben denn je, darüber täuscht auch kein Rezo hinweg. Als normativer Anspruch jedoch ist der herrschaftsfreie Diskurs immer noch state of the art und ein der Aufklärung Verpflichteter kann auch nicht anders.

Bei Habermas erinnert man sich auch an die Verwässerung der Kritischen Theorie, vielleicht war es aber vor allem der Sound, der nun fehlte. Es gibt offenbar auch weniger eindrucksvoll Zitierfähiges von Habermas als von Adorno. Das beeinträchtigt die Mythenbildung, aber das sollte von Vorteil sein.

Schön jedenfalls dieses Bild:

Habermas rechts hinten, noch in der zweiten Reihe, sich am Kopf kratzend und mit schönem, vollem Haar, während die beiden freundlichen Herren im Vordergrund sich einen tollpatschig anmutenden Händeschlag geben, der aber sicher von Herzen kam. Bemerkenswert ist noch der Stock in Adornos Einstecktuchjacketttasche. Es handelt sich vermutlich um ein filigranes sex toy, das er aus Kalifornien mitgebracht hat.

Wie auch immer, ich habe von Habermas so wenig Ahnung wie von sex toys. Höchst lesenswert ist jedoch nach wie vor der Habermassche Aufsatz aus dem Jahr 1981 mit dem harmlosen Titel „Moderne und postmoderne Architektur„. Habermas schaffte es hier auf 20 Seiten, die damals vielfältigen Bemühungen, die Moderne und die moderne Architektur zu diskreditieren, differenziert zu desavouieren. Vielleicht war das so eine Art Vorläufer des Historikerstreits sechs Jahre später.

Der Aufsatz entstand nach der venezianischen Architekturbiennale 1980, die die Kulisse, die Fassade, die Oberfläche betonte und beliebige Anleihen an der Vergangenheit nahm. Hier etablierte sich die Postmoderne endgültig. Habermas sieht demnach einen breiten Konsens der Kritik an den in den 1970er Jahren real sichtbaren Auswüchsen moderner Architektur:

„Einig sind sich alle in der Kritik an der seelenlosen Behälterarchitektur, an dem fehlenden Umweltbezug und der solitären Arroganz ungegliederter Bürogebäude, an monströsen Großkaufhäusern, monumentalen Hochschulen und Kongresszentren, an der fehlenden Urbanität und der Menschenfeindlichkeit der Satellitenstäte, an den Spekulationsgebirgen, den brutalen Nachkommen der Bunkerarchitektur, der Massenproduktion von Satteldachhundehütten, an der autogerechten Zerstörung der Citys usw.“

Die Frage nach den Möglichkeiten einer Korrektur dieser Zustände allerdings spaltet die Lager,

„je nachdem, ob sie das Übel kosmetisch oder systemkritisch angehen.“

Habermas sieht bei den Postmodernen in Bezug auf die Architektur zwei Hauptgruppen: Zum einen die „Neukonservativen“, die die „feindselige moderne Architektur“ zugunsten „wiedererweckter Traditionen“ aufgeben wollen, zum anderen die „radikalen Wachstumskritiker“. Erstere

„begnügen sich mit stilistischen Verkleidungen dessen, was ohnehin geschieht.“

Die Zweiten

„setzen den Hebel tiefer an, wollen die ökonomischen und administrativen Zwänge des industriellen Bauens unterlaufen, zielen auf eine Entdifferenzierung der Baukultur.“

Beide wollen die Moderne überwinden.

Dankenswerterweise lenkt Habermas die Aufmerksamkeit zuerst auf die vormoderne Zeit, die die Entstehungsbedingungen der Moderne in der Architektur schuf. Im 19. Jahrhundert liefen zwei Entwicklungen immer weiter auseinander, nämlich einerseits die technisch-ökonomische: Es entstand der Industriekapitalismus mit dem Proletariat, das massenhaft Wohnungen in der Stadt brauchte, es enstanden neue Bauaufgaben wie Industriegebäude und Bahnhöfe, Tunnels und Brücken, Kaufhäuser und Messehallen, und es entwickelten sich neue Baumaterialien wie Gusseisen, Glas und Stahlbeton und neue Produktionsmethoden.

Andererseits fand die Architektur keine Antworten – weder konstruktive noch ästhetische – auf die neuen Herausforderungen. Im Gegenteil, man bemüht sich zu kaschieren, und dieser Historismus trieb immer wildere Blüten. Mit der Zunahme kapitalistischer Wirtschaftstätigkeit wurde der Klassizismus zurückgedrängt, aber nicht zugunsten von etwas Neuem, sondern zugunsten alter Stile. Je notwendiger eine ästhetische Reaktion auf die sich massiv verändernde Umwelt gewesen wäre, desto blinder, ignoranter und geistloser entwickelte sich die Architektur. Neobarock, Neorenaissance, Neogotik oder Altdeutsch, erst baulich getrennt, später alles zusammen in einen Bau gemixt, und schließlich der Neoklassizismus. Spätestens hier war offensichtlich, dass die ästhetische Entwicklung mit ihrer Weigerung, das Neue zu visualisieren, in eine Sackgasse geraten war.

Man war in weiten Teilen des intellektuellen Überbaus offenbar der Ansicht, dass man am Ende der Kunst – oder zumindest der Baukunst – angekommen sei.

Und seien wir ehrlich: Sowas wie diese Wuppertaler Bonzenvilla ist eine einzige neureiche und billige und anbiedernde und gleichzeitig protzige und klotzige und peinliche und durch und durch lächerliche Geschmacklosigkeit, über die wir nur heute, aus sicherer zeitlicher Entfernung, schmunzeln können:

Noch unangenehmer wirkt der Historismus vor dem Hintergrund des „Einbruchs der Spekulation in den Lebensbereich des privaten Wohnens“, wie Habermas schreibt. Der Arbeiter und die Arbeiterin hausten unwirtlich, und je unwirtlicher die Verhältnisse wurden, desto mehr Aufmerksamkeit widmeten Architekten der Oberfläche und damit dem Klischee, der heilen Welt.

Die Architektur hatte also immer weniger mit der Lebenswelt zu tun.

Das sich immer deutlicher formierende Bürgertum nahm eine vertrackte Rolle ein: Ökonomisch emanipierte es sich und wies den Adel in die Schranken, ästhetisch versuchte es sich in der Kopie, also dem Historismus, was ein Zeichen dafür ist, dass der emanzipatorische Aspekt ein rein zweckgerichteter war. Dem geschichtlichen Fortschritt entsprach kein ästhetischer. John Ruskin und William Morris nahmen sich dieses Problems auf der Ebene der massenprodzuierten Güter an, aber sie waren kaum bereit, das Industriezeitalter als mehr zu betrachten denn als ein notwendiges Übel. Leute wie Henri Labrouste, der schon 1843 eine Bibliothek mit einem sichtbaren Eisengerüst – also mit einer sichtbaren modernen, neuartigen Konstruktion – baute, blieben Ausnahmen.

Es ist bemerkenswert, dass die Moderne in der Literatur wie in der Malerei schon längst angekommmen war, während die Architektenschaft sich weiterhin darin überbot, industriellen Zwecken Gewänder der Romanik, der Gotik, der Renaissance und des Barock überzuwerfen, als sei nichts passiert.

Und eben nicht nur die Veränderungen in der Produktion, sondern auch die kapitalistische Verschärfung der Verhältnisse, die „die Einstellung zu Bauen und wohnen veränderten“, wie Habermas meint, führte nicht zu einer anderen Architektur. Das spricht für ein schlechtes Gewissen auf beiden Seiten.

„Mit der historistischen Baukunst hat der Idealismus seine ursprünglichen Intentionen preisgegeben.“

schreibt Habermas in dem Architekturaufsatz, und zwar, weil der Idealismus im Historismus seine „Idee der Versöhnung“ preisgebe. Es gehe bei historistischer Architektur nur noch um

„die Dynamik der Kompensation einer verputzten, hinter Fassaden versteckten Wirklichkeit.“

Schließlich kommt um 1900 der Jugendstil als Kritik gegen eine

„Baukunst der Verdrängung und der Symptombildung. Nicht zufällig entwickelt zur gleichen Zeit Sigmund Freud die Grundzüge seiner Neurosenlehre. Die moderne Bewegung nimmt die Herausforderungen an, denen die Architektur des 19. Jahrhunderts nicht gewachsen war.“

Der Stil begann, sich für die Alltagspraxis zu interessieren. Und da blieb auch der Jugendstil nur eine Durchgangsstation.

Die Moderne mit radikal neuen Konzepten – architektonisch und städtebaulich – etablierte sich, und das war beileibe keine rein linke Angelegenheit. Konstruktivismus, Funktionalismus, Neue Sachlichkeit, organisches Bauen, der Razionalismo in Italien, zwischendurch noch der Expressionismus – es war eine wilde, hektische, kurze Zeit. Dann kam es zum Bauwirtschaftsfunktionalismus, alles bekannt. Die Postmoderne wollte zurück ins Heimelige. Habermas macht in dem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass der „Begriff der Stadt“ überholt sein könnte. Es klingt in der Zeit von Amazon und Onlineexistenzen sehr aktuell, wenn er schreibt:

„Mit unserem Begriff von Stadt verbindet sich eine Lebensform. Diese hat sich unterdessen aber so verwandelt, dass ihr der angestammte Begriff nicht mehr nachzuwachsen vermag.“

Die gesellschaftlichen Funktionen des städtischen Lebens sind heute andere, daran ändert auch keine postmoderne Architektur etwas. Sympathie empfindet Habermas allerdings mit dem postmodernen Robert Venturi, dessen decorated shed er als eine sinnhaltige Folge realgesellschaftlicher Veränderungen sah: Städte funktionieren als Zeichen, da sie keine reale Funktion mehr zu erfüllen haben. Die Produktion findet anderswo statt, der Handel mittlerweile zunehmend auch. Da reicht die Applikation auf der Wand.

Venturi erneuert hier gewissermaßen ein modernes Prinzip, nämlich die Einheit von Form und Funktion: Wenn die Funktion der Stadt nur noch eine repräsentative ist, dann ist die ornamentale Applikation eben Teil der Funktion.

Habermas grenzt sich, um das am Ende noch zu sagen, klar von der postmodernen Architektur ab, die

„U-Bahn-Entlüftungsschächte in das Taschenbuchformat einer palladianischen Villa“

verwandeln.

Alles andere als diese Abgrenzung hätte verwundert.

Das, was man an der Postmoderne als Kritik an der Moderne aufnehmen sollte, was Beachtung finden sollte, ist die Kritik an den Folgen instrumenteller Vernunft, was bei Habermas immer auch mit Bürokratiekritik zu tun hat:

Wenn in der Stadtplanung die Steuerungsmechanismen des Marktes und der Verwaltungen so funktionieren, dass sie für die Lebenswelt der Betroffenen dysfunktionale Folgen haben – und den „Funktionalismus“, der einmal gemeint war, durchkreuzen -, dann ist es nur konsequent, die willensbildende Kommunikation der Beteiligten mit den Medien Geld und Macht in Konkurrenz treten zu lassen.

Sprich: Modernekritik kann keine rein formale, ästhetische sein. Aus der inhaltlichen Kritik muss sich die andere, die kritische Form entwickeln.

„In dieser Opposition zur Moderne steckt ein gutes Stück Wahrheit“, schreibt Habermas am Ende seines Aufsatzes, und er lässt bewusst offen, wie Architektur künftig aussehen könnte. Nur was man nicht vergessen sollte, ist für ihn klar:

„In der modernen Architektur hat sich, in einem glücklichen Augenblick, der ästhetische Eigensinn des Konstruktivismus mit der Zweckgebundenheit eines strengen Funktionalismus getroffen und zwanglos verbunden.“

In der heutigen reakionären Zeit, in der sich die ästhetische Regression mit den zerstörenden Kräften des Kapitals verbunden hat, tut solch eine Perspektive gut.

Zusammenfassung: Die Moderne war eine Antwort auf den Historismus als extremem ästhetischem Phänomen. Diese Moderne geriet unter die Fuchtel des Kapitals und nahm massiven Schaden. Darauf mit einem Rückschritt ins Historistische zu antworten, hieße nur, aus der Geschichte nichts gelernt zu haben. Dass in dieser reaktionären Gemengelage ein paar Jahre später das „Ende der Geschichte“ ausgerufen werden konnte, passt nur zu gut ins Bild.

Aber das ist eine andere Geschichte.

(Fotos: wikipedia und genova 2019)

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o.T. 495

(Foto: genova 2019)

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Moderne Architektur, die altern darf

Die Kirche in Puchenau (Oberösterreich), 1975 neben die ab 1963 errichtete Wohnsiedlung gebaut, von dem Ex-Nazi-Architekten Roland Rainer, wie die Siedlung selbst. Rainer realisierte hier einen hervorragenden modernen Flachbau, der zumindest äußerlich die Errungenschaften reflexiver moderner Architektur umsetzt: Ein langgestreckter zentraler Bau mit Fensterbändern, Sichtbeton, der an der Schauseite von markanten Ziegelbändern ergänzt wird. Die Ziegel sind angeblich schon zuvor gebrauchte und per Hand in die richtige Form geschlagen.

Im Eingangsbereich ist die Wand komplett aufgelöst und durch Glas ersetzt. Eine Betonüberdachung führt zu einem Nachbargebäude und auf dem großzügigen Vorplatz ist ein flaches Wasserbecken eingelassen. Interessant auch, dass die Nebenseite aus Fertigbetonteilen besteht, die unbehandelt gelassen wurden.

Angeblich orientierte sich Rainer mit dem Hauptgebäude an armenischen Zentralkirchen, wozu ich nichts sagen kann. Der hintere, östliche Teil der Anlage jedenfalls fällt aus der formalen Gestaltung, die an Mies van der Rohes Gebäude in Barcelona oder Brünn erinnert, heraus. Drei oktogonale Türmchen stehen auf drei vollständig mit Ziegel verkleideten ebenfalls oktogonalen Baukörpern mit unterschiedlichen Größen. Das ist wohl der Teil mit den armenischen Bezügen.

Weite Teile der Außenbereiche sind bepflanzt und mit Kopfsteinpflaster belegt, aus dem das Grün sprießt. Die Mischung aus Sichtbeton, Ziegel und Grün geben dem Bau fünfzig Jahre nach seiner Entstehung eine leicht lässige, humane Atmosphäre. Es ist eine Patina, die der Funktion des Gebäudes angemessen ist. Sichtbare Alterungsprozesse wie Flechtenbildung am Beton und ein leicht verwilderter Garten stören nicht, sondern gefallen.

Der Kirche in Puchenau zeigt, welch enorme Fortschritte Kirchenarchitektur in den 1960er und 1970er Jahren gemacht hat.

Moderne Architektur, die altern darf, hier ist sie.

(Fotos: genova 2019)

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o.T. 494

(Foto: genova 2019)

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