Gewohnheitstier Mensch

Der Architekturkritiker Friedrich Achleitner über das Gewohnheitstier Mensch:

„Es kommt nicht selten vor, dass Leute am Anfang, wenn neue Projekte gebaut werden, Bürgerinitiativen dagegen gründen, und nach dreißig Jahren dieselben Leute gegen den drohenden Abbruch dieser Gebäude protestieren.“

Haben diese Leute nun hinzugelernt oder wollen sie nur prinzipiell keine Veränderung?

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Der Tagesspiegel und die ganz unten im Maschinenraum

Der Journalist Lutz Haverkamp versucht im Tagesspiegel, besorgte Bürger inklusive AfD-Wähler zu verstehen. Dass er das nicht schafft, zeigt schon ein Detail seines Artikels. Haverkamp beschreibt die positiven Entwicklungen der letzten Jahre in Deutschland: Mindestlohn, Pflegeversicherungsreform, weltweit beste Gesundheitsversorgung für Arme und mehr.

Dieser Aufzählung stellt er folgenden Teilsatz voran:

Ganz unten, im Maschinenraum dieser Gesellschaft, gibt es Lichtblicke…

Nett gesagt. Die im Maschinenraum schuften jetzt für 8,50 statt für fünf oder sechs Euro. Damit sollen die bitte zufrieden sein. Oben auf dem Sonnendeck sitzen die anderen und langweilen sich beim Aperol. Da sitzt auch Haverkamp und ruft denen da unten durch die Luke zu, dass sie jetzt 8,50 verdienen. Die Luke ist sozusagen ein kleines Stück weiter geöffnet worden. Es kommt ein bisschen mehr Sonne rein. Haverkamp wundert sich, dass die ganz unten sich nicht freundlich bedanken. Stattdessen nörgeln sie herum. Dann schreibt er noch flott, dass es schon ein paar Ungerechtigkeiten gebe: Kinder und Hartz IV, kaputte Infrastruktur, „soziale Schieflagen“ und eine besonders lustige Formulierung: Einige Städte hätten „nachhaltige Probleme mit dem Wohnungsmarkt“. Ja, der launige Markt macht gerade ein paar Probleme. Aber, halb so wild, denn, so Haverkamp:

Das Leben ist ein Abenteuer.

Vor allem im Maschinenraum.

Mit besorgten Bürgern hat der Maschinenraum übrigens nur am Rande zu tun.

Man sollte dem Haverkamp für seine Bewusstlosigkeit und sein yellow-press-Niveau fast dankbar sein. Es gibt schöne Einblicke in die Gedankenwelt eines bürgerlichen Journalisten. Mir fällt schon wieder Marie Antoinette und ihr Kuchen-Ratschlag ein.

All das schreibt der Haverkamp allen Ernstes am 1. Mai. Noch ein paar mehr Haverkamps und die AfD hat die absolute Mehrheit.

(Foto: genova 2015)

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AfD: Vom Vorteil des Feindbildes

Das Praktische bei Rechtsradikalen ist, dass sie inhaltliche Gegensätze mit dem Hass auf das Andere (der naturgemäß ein Hass auf das Selbst ist), mit Feindbildern zukleistern können. Die Wähler rechter Parteien sind vermutlich genauso gestrickt und machen das mit. Hass entlastet. Parteienmäßig organisierter Hass entlastet offiziell.

Ein Beispiel dafür lieferte gestern der AfD-Parteitag in Stuttgart. Dort hielt Vaclav Klaus (von 1992 bis 2013 tschechischer Minister- bzw. Staatspräsident) eine vielbeklatschte Rede. Klaus ist Mitglied bei der Mont-Pelerin-Society und beim Cato Institute, zwei neoliberalen Organisationen, die den Staat mehr oder weniger komplett privatisieren wollen.

Nebenbei: Immer wieder interessant, wie nahe sich Neoliberale und Rechtsradikale sind. Ich vermute, die beiden Strömungen sind dauerhaft nicht auseinanderzuhalten. Neoliberalismus ist via Sozialdarwinismus notwendig eine Teilströmung des Rechtsradikalismus.

Der AfD ist es möglich, national-sozialistisch und gleichzeitig extrem neoliberal aufzutreten. Wirtschaftspolitisch ist das in einer Partei eigentlich unmöglich, es müsste zur sofortigen Spaltung kommen. Bei Rechstradikalen ist dieses Verhalten möglich, weil die bei ökonomischen Streitereien einfach auf gemeinsame Feindbildproduktion ausweichen können: Streichung der Erbschaftssteuer oder Mindestlohnerhöhung? Egal, Hauptsache der Moslem kriegt auf die Mütze. Die Heimat ist bedroht, die Umvolkung in vollem Gange, die Schwulen machen uns fertig, die Amis und die Juden löschen uns aus. Es gibt also Wichtigeres. Wir Deutsche müssen gegen die Schädlinge zusammenhalten. Wenn es denn sein muss, via Friedman und Hayek. Petry widersprach vor einer Weile einer möglichen Zusammenarbeit mit dem französischen Front National, da der „sozialistisch“ sei. Auf dem Parteitag verkündete der EU-Abgeordnete Marcus Pretzell nun seinen Eintritt in die ENF-Fraktion, in der der Front National den Ton angibt. Diskussion darüber? Keine. Die Mehrzahl der Delegierten freut sich vermutlich, weil der FN fremdenfeindlich und antisemtisch ist. Wen interessiert da noch die Wirtschaft?

Jemand wie der Baden-Württemberg-Chef Jörg Meuthen distanziert sich rein formal vom Nazi-Flügel, behauptet aber gleichzeitig, dass es ihn nicht gebe und macht weiter mit. Leute wie Gauland und Meuthen sind in der Partei so wichtig, weil das klassische Massenproletariat nicht mehr in dem Maß existiert wie in der Weimarer Republik. Die AfD braucht deshalb eine andere Taktik als seinerzeit die NSdAP, deren vulgosozialistische Ausrichtung auch nur taktischer Natur, aber effektiv war. In einer neoliberalen Gesellschaft gibt es kein Klassenbewusstsein mehr, sondern man orientiert sich nach oben. Deshalb können Naziverharmloser wie Gauland und Meuthen dem Anfälligen via Tweed-Sacko, Lehrstuhl und gemäßigter Rhetorik sowas wie bürgerliche Werte vortäuschen.

Meuthen, Gauland und Co. haben die Aufgabe, die Bürger ins rechtsradikale Lager hinüberzuziehen. Da geht es ums Formale. Die militanten Nazis auf ostdeutschen Straßen sehen einfach nicht gut aus. Deren Verbrüderung mit der NPD sorgte nur kurzfristig für den Erfolg der Partei – strukturell sorgte das allerdings für den fruchtbaren Boden, auf dem die AfD nun gedeiht. Folglich hat Höcke gerade den „roten Linien“ Petrys, also der Abgrenzung zu lupenreinen Nazis, widersprochen. Das sei doch nicht notwendig. Im Osten kein Problem. Er hat ja auch mal etwas von einer bedingungslos patriotischen Elite erzählt, derer „Deutschland“ dringend bedürfe. Das Bekenntnis zu dem doch eigentlich zu befürwortenden Dritten Reich ist also momentan außen vor.

Bemerkenswert auch die kaum verholene Drohnung von Frauke Petry an die anwesenden Journalisten: Man sei bereit zu einem gemeinsamen Neuanfang, aber das Beispiel Österreich zeige, dass sich Mehrheitsverhältnisse schnell ändern könnten. Im Klartext: Noch sind wir gutmütig, aber Nürnberg 2.0 könnte demnächst anstehen. Seht euch vor.

Bemerkenswert beim Parteitag auch die Delegierten, die frisurmäßig mehr oder weniger deutlich an glorreiche Zeiten anknüpfen.

afd

Eine Scheißpartei mit gefühls-mäßigem Zusammenhalt. Die Heimat ist zwar nur eine Melange aus schlechtem Wetter, Big Mäc, Gewerbe-gebieten, Umgehungsstraßen, Baumarktästhetik, Radarfallen und hässlich gekleideten Miesepetern. Aber das ist egal, wenn der Araber vor der Tür steht. Eigentlich ist dieser Araber ein Glück, sonst müsste man sich ja mit seinen Klamotten beschäftigen.

Das einzig echte Problem für die AfD wäre: nicht mehr fremdenfeindlich zu sein. Anders ausgedrückt: zu erkennen, dass der Feind im eigenen Kopf sitzt. Da das nicht passieren wird: eins zu null für sie.

060 (2)(Foto: genova 2013)

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Frau Klatten und Alzheimer der anderen Art

Susanne Klatten will in den kommenden fünf Jahren soziale Projekte mit 100 Millionen Euro unterstützen. So liest man das diese Tage in deutschen Qualitätsmedien. Der Tagesspiegel betont gar, dass das auch Neukölln zugute komme.

So wird es sein. Frau Klatten als die Mutter Theresa des Kapitals. Auch ein Alzheimerprojekt wird unterstützt. Vielleicht sollte man das Geld erstmal in Projekte zur Bekämpfung des gesellschaftlichen Alzheimers stecken.

Frau Klatten – vor ein paar Jahren schon einmal Gegenstand dieses Blogs – ist von Beruf Tochter und Erbin und besitzt laut Forbes 16,2 Milliarden Euro. Ihr Opa mehrte sein Vermögen ab 1933 unter anderem mit der Enteignung von Juden und war einer der größten Rüstungsproduzenten unter den Nazis. Seine Frau heiratete später Joseph Goebbels. Man kannte sich. Quandt wäre als Hauptkriegsverbrecher angeklagt worden, doch heute zugängliche Dokumente lagen damals nicht vor. Welch ein Glück für Susanne.

Susanne macht keine so fiesen Sachen. Sie ist zusammen mit ihrem Bruder Aktionärin bei BMW, die beiden kassieren dafür runde 700 Millionen Euro Dividende, Jahr für Jahr. Und das ist nur eine Einnahmequelle der netten Susanne. Sie spendet auch gerne an deutsche Parteien, vorzugsweise an CDU und FDP. Man muss schon Vorsorge leisten, wenn man so viel Geld hat.

Klatten ist ein schönes Beispiel dafür, was das Kapital unter einem Sozialstaat versteht. Wer unter anderem mithilfe der Nazis ein Vermögen gemacht hat, darf es weiter munter mehren. Den Vermögenszuwachs von Frau Klatten würde man in einer aufgeklärten Gesellschaft als Diebstahl bezeichnen. Die Frau klaut das Geld, Tag für Tag, ganz legal. Man braucht nur Gesetze, die Klauen legitimieren. Klattens Verhalten kann man als parasitär und schmarotzerisch bezeichnen. Ohne jede eigene Leistung Milliarden scheffeln, deren Kaufkraft andere erarbeiten.

Die bürgerlichen Medien sind voll des Lobes, wenn eine Frau mit diesen Einkünften pro Jahr 20 Millionen denen zurückgibt, denen sie es vorher auf Umwegen geklaut hat. Gutes Image und Steuerersparnis inklusive.

Klatten spricht bei der Vorstellung ihrer Initiative in Berlin ernsthaft von „gesellschaftlicher Rendite“ ihres Wirkens und der Tagesspiegel sekundiert:

Pragmatisch und effizient helfen, das wird wichtiger auch in Berlin, der Stadt, die lange als buntes Experimentierfeld für soziale Projekte aller Art galt.

So ist es. Pragmatisch und effizient die Leser verblöden, das wird wichtiger in einem Land, das sich dem neoliberalen Dogma unterworfen hat. Die Redakteurin heißt Elisabeth Binder und ist zuständig für „besondere Aufgaben“. Sie schreibt laut Eigenaussage darüber, „was geht und was nicht“. Geilomat. Vielleicht sollte man das Frau Binder einmal mitteilen.

Es braucht übrigens einen Leser zur Aufklärung. Der macht im ersten Kommentar unter dem Online-Artikel die richtigen Bemerkungen – Vermögen, Dividende, Steuern. Das Volk (mir tut schon das Schreiben dieses Wortes weh) ist vielleicht doch nicht so blöd, wie der Tagesspiegel annimmt.

Dieser Staat könnte sich sozial nennen, wenn er der werten  Frau Klatten 16,1 Milliarden Euro abnehmen und mit dem Geld Sinnvolles unternehmen würde. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Stattdessen hofiert die bürgerliche Presse solche Zustände und schaut zu diesen Leuten auf wie früher zu denen mit blauem Blut. Die sind halt etwas Besonderes, von Haus aus. Das Problem ist vielleicht, dass die Klattens dieser Welt dazugelernt haben. Wo Marie-Antoinette dem Volk noch empfahl, Kuchen zu essen, wenn sie kein Brot haben, finanziert ihre Nachfolgerin Klatten soziale Projekte in Neukölln. Die PR-Industrie ist nicht auf den Kopf gefallen, sie ist smarter geworden, wie man sagt.

Die Antwort einer neoliberalen Gesellschaft auf solche Verhältnisse heißt AfD u.ä. Die werden natürlich bekämpft. Sicher auch vom Tagesspiegel.

(Foto: genova 2015)

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Die FPÖ und das Vorbild Wien

Mitten in Wien: ein Parteibüro der rechten FPÖ in filigraner Ausführung. Glas bis zum Boden und eine Glastür. Die Plakate hängen demonstrativ direkt dahinter. Alles ist unversehrt.

In Berlin würden die Scheiben keine Woche überleben.

 

Zumindest diese Beobachtung spricht für die politische Kultur in Wien (wobei ich nicht weiß, ob das repräsentativ ist). In Deutschland gilt es in Teilen der Linken als progressiv, solche Scheiben zu entglasen. Es sei ein antifaschistischer Akt. Das Verhalten dieser Teile erinnert strukturell an die RAF: Aus einer verhärteten, weil NS-affinen Sozialisation zum Terroristen werden in der vermutlich selbst nur mit Zwang geglaubten Annahme, man verbessere damit die Welt. Man versucht vielmehr, meist unbewusst, mit Gewalt und Hass die eigene miese Sozialisation zu überwinden und ist damit dem AfD-Anhang ähnlich.

Gab es eigentlich in Österreich einen RAF-Ableger?

(Foto: genova 2015)

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Führer durch die Hintertür

Der österreichische Bundespräsident hat offenbar mehr Rechte als sein deutsches Pendant. Er kann nach eigenem Ermessen die Bundesregierung auflösen und Neuwahlen festlegen. So weit, so skurril. Der Kandidat der rechtsradikalen FPÖ zur österreichischen Bundespräsidentenwahl, der braungebrannte Robert Hofer, der gute Aussichten auf den Posten hat, sagte im TV nun wörtlich Folgendes:

„Wenn eine Regierung wirklich nicht funktioniert, wenn sie wirklich Dinge entscheidet, die schlecht für das Land sind, dann kommt das Gespräch mit der Regierung, und wenn das nicht hilft, dann kommt eine mögliche Entlassung.“

„Schlecht für das Land“: Aus dem Munde eines Rechtsradikalen ist das eine Drohung.

Eine absurde Konstruktion: Eine Regierung wird demokratisch gewählt und eine Bundespräsident wird demokratisch gewählt. Dieser kann ohne ernstzunehmende Kriterien, ohne Gericht, nur Kraft seiner Laune, jene auflösen. „Schlecht für das Land“ genügt als Begründung.

Hitler hat man´s damals nicht so einfach gemacht.

Hofer hat schon angekündigt, im Falle eines Wahlsieges die aktuelle Regierung zu entlassen:

„Wenn die Regierung bei ihrem Kurs bleibt, in der Flüchtlingsfrage, bei der Pflege, der Wirtschaft und den Spitälern, würde ich ein Gespräch mit ihr führen. Wenn das nicht taugt, steht am Ende die Entlassung an“

Heißt im Klartext: Wenn die Regierung nicht freiwillig rechtsradikal wird, fliegt sie raus.

In einem anderen TV-Interview sagte Hofer beim Thema, welche Gesetze der Regierung er nicht unterzeichnen werde:

„Sie werden sich wundern, was alles gehen wird.“

Vielleicht sollten die vernünftigen Österreicher sich noch schnell zusammentun und die Verfassung ändern, bevor der smarte Hofer durch die Hintertür zum neuen Führer wird.

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o.T. 323

(Foto: genova 2015)

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