Kultur und Flexibilität

[Es folgt ein weiterer vor allem wirrer Text, weil wirr gedacht.]

Der Sennettsche „flexible Mensch“ ist ein kulturell eher unflexibler, meinte vor 15 Jahren schon Peter Neitzke, ein Architekt und vor allem Publizist, der vor knapp zwei Jahren gestorben ist.

Die These hat etwas und sie erklärt, warum in neoliberale Zeiten auch immer neokonservative sind. Der drangsalierte Mensch tritt nach unten, was er auf der konkret politischen Ebene mittels AfD oder Pegida macht und auf der kulturellen, indem er für die Wiedererrichtung von Stadtschlössern plädiert, für den Neoklassizismus beim Eigenheim und so weiter. In der Innenstadt von Frankfurt am Main hat man ja vor ein paar Jahren ernsthaft ein interessantes Gebäude aus den 1970er Jahren abgerissen – das brutalistische, wie man sagt, Technische Rathaus -, um dort nun neofeudalistische „Altstadthäuser“ hochzuziehen. Die sind sauteuer und tragen keinen Deut zur Entschärfung des Wohnungsproblems dort bei. Ein ganzes Stadtviertel dient der Verwertung des Werts.

Die deregulierte Arbeitswelt – einen Begriff, den man auch als Verniedlichung für verschärfte Ausbeutung bezeichnen könnte – führt notwendigerweise zu Rechtsradikalismus und kulturellem Rückschritt. Man sollte hier die gesellschaftliche Auseinandersetzung verschärfen: Allen, die für die Wiedererrichtung von Stadtschlössern oder Altstädten und ähnlichem eintreten, sollte man die Wahl von Bernd Höcke nahelegen. Diesen Leuten sollte man nicht erlauben, sich als Verteidiger „bürgerlicher Werte“ auszugegen. Was auch immer diese bürgerlichen Werte sind, aber einer totale Auslieferung von Stadt ans Kapital, das mittels reinem Fassadismus, der eine gute alte Zeit suggeriert, fehlt jede bürgerliche Perspektive.

Es geht hier architektonisch schon lange nicht mehr um eine postmoderne Kritik moderner Verfehlungen, wie man das in den 1960er und 1970er Jahren dringend brauchte. Es geht hier um eine Zurichtung von Stadt als kapitalistisches Spekulationsobjekt. Eine Stadt, die weder etwas mit Wohnen noch mit Produktion zu tun hat, sondern nur als Kulisse herhalten muss, damit Bodenpreise steigen. Kulissenvolk sind Touristen, unbezahlte Laiendarsteller.

Von diesen sind vielleicht auch viele deregulierte, die billige Reisepreise nutzen, um in der fassadistischen Stadt heiter und gelassen der totalen Touristennorm zu frönen.

Die größten Probleme mit Pendlern hat derzeit München, schreibt der Spiegel. Wollte man die Verkehrsprobleme in Städten lösen, brauchte man sich nur um die Bodenpreise zu kümmern. Die Mieten mitten in München wären so hoch wie in der Niederlausitz. Nein, sie wären günstiger, denn Bauen in der Niederlausitz ist teurer als in München.

Stadt erfüllt immer weniger die Bedürfnisse der Bewohner, sondern jene des Kapitals, das wiederum die Künstler und die Touristen als Kulissendarsteller braucht.

In der südlichen Schönhauser Allee in Berlin standen ein paar Jahre 34 gestapelte Seecontainer, in denen es um Kunst ging: die Kunsthalle Platoon. Selbstredend gab es dort viele Markenevents, es ging auch hier darum, Kunst zum Kommerz umzumodeln. Schick war das alles dennoch. Jetzt kann man die Container bei ebay ersteigern. Man sollte bei Kunst in Kunst und PR-Kunst unterscheiden. So, wie man das auch mit Texten macht.

Die postmoderne Kritik an Stadt war eben nur aufgesetzt eine am Bauwirtschaftsfunktionalismus. Der nervte nicht wegen der Kapitallogik, sondern weil er diese Logik zu deutlich zeigte: serielles Bauen, um Geld zu sparen. Die Postmoderne setzte zwar inhaltlich an – Robert Venturi soll hier demnächst zur Sprache kommen -, hatte aber kein ernstzunehmendes theoretisches Fundament, auch, weil die Altmeister der Moderne ihre Unterstützung verweigerten. Und so war wohl die Piazza d´Italia in New Orleans der konsequente Höhepunkt dieser Ideologie.

Kulturelle Flexibilität könnte man dieser Berlin-Scene ja attestieren, wie man sagt. Genau an diesem Schein arbeitet die Stadtmarketing-PR. Platoon als Zeichen des interessierten urbanen Konsumbereiten, der natürlich einen Anspruch hat. Das Ideal ist wohl der, der vom Platoon zum Schloss wandelt und umgekehrt. Ohne jeden bösen Gedanken.

(Foto: genova 2015)

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o.T. 373

(Foto: genova 2016)

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Foie gras und der Umerziehungsfuror der Wohlmeinenden

Das Erstarken des rechten Sektors kann man an vielem festmachen. Beispielsweise an der Reaktion des Tagesspiegels auf einen Bericht, wonach Martin Schulz vor vier Jahren in einem Straßburger Restaurant Gänseleberpastete gegessen hat. Die CDU sammelt naturgemäß Nachrichten über Schulz, um ihn im Wahlkampf schlecht darzustellen. Deshalb kommt diese kleine Geschichte nun wieder nach oben.

Der Tagesspiegel geriert sich jetzt als Junge Freiheit und schreibt über die Kritiker des Gänsestopfleberessens:

Tierschützer verstehen bei Gänsestopfleber keinen Spaß, da kennt der Umerziehungsfuror der Wohlmeinenden keine Gnade. Ein freiheitliches System, in dem jeder selbst seine Normen setzt, hat für jeden Vorteile. Nur nicht für Politiker. Die müssen sich auch nach Werten ihrer Wähler richten, selbst dann, wenn es Minderheiten sind.

Über die Herstellung von Gänsestopfleber schreibt Wikipedia:

Die Fettlebern entstehen durch eine bestimmte Mastform (gavage), das Nudeln oder Stopfen, bei dem die Tiere in den letzten 21 bis 28 Tagen zwangsernährt werden. Rund drei bis viermal pro Tag wird den Tieren mittels eines Rohres ein Futterbrei aus 95 Prozent Mais und 5 Prozent Schweineschmalz in den Magen gepumpt. Dadurch wiegen die Lebern statt üblicher 300 Gramm bei der Schlachtung 1000 bis 2000 Gramm, und der Fettgehalt schwankt zwischen 31 und 51 Prozent. Durch die Verfettung der Leber kommt es zu einer starken Ablagerung von Triglyceriden, im Gegenzug nimmt der Anteil an Phospholipiden ab. Der Gehalt an Cholesterin nimmt durch das Stopfen nicht zu.

Die Produktion ist in vielen Ländern verboten, Import und Verkauf sind aber beispielsweise in der EU zugelassen.

Man kann hier also von einer verschärften Form der Tierquälerei sprechen.

Frankreich selbst hat das Problem so gelöst: Foie gras wurde laut Wikipedia „zum nationalen und gastronomischen Kulturerbe erklärt und ist dadurch von französischen Tierschutzgesetzen ausgenommen“.

Wie auch immer man zu dieser Art gastronomischer Kultur steht: Wer Tierquälerei kritisiert, betreibt also Umerziehungsfuror und kennt weder Spaß noch Gnade. Und, ganz wichtig: Er ist gegen das „freiheitliche System“. Man ist als Kritiker von Tierquälerei so eine Art Stalinist, vermutlich. Ein Leser schreibt in seinem Kommentar unter dem Tagesspiegel-Artikel ganz bezeichnend:

Jeder nach seinem Geschmack. Bon appetit.

Jedem das Seine, hieß das früher, aber der Vergleich ziemt sich ja nicht.

Es ist dieselbe Logik, wonach man Helfer als Gutmenschen bezeichnet. Freiheit ist die Freiheit, andere zu quälen und verrecken zu lassen. Die Freiheit nehm ich mir. Die „Wohlmeinenden“ sind die, die es zu bekämpfen gilt. Sie wollen etwas Gutes, das kann nur schlecht sein. Wer in einer schlechten Welt Gutes will, will uns ans Leder, soviel ist klar. Es passt auch zur kapitalistischen Logik, die wir schon längst verinnerlicht haben. Freiheit im Kapitalismus geht zu Lasten anderer, da kann das Grundgesetz noch so human dahersülzen.

Ich habe den Eindruck, als sei ein solch perfider Artikel wie der im Tagesspiegel vor einiger Zeit noch nicht möglich gewesen. Man quälte zwar auch früher täglich Tiere, aber man hat sich dafür noch ein bisschen geschämt. Die neue Qualität ist, das Fehlverhalten zu einer Tugend zu erklären, die gegen den Umerziehungsfuror der Gutmenschen geschützt werden muss. Rücksichtslosigkeit und Gänseleberessen als neue Tugend im Kampf des alten, weißen Mannes gegen alle. Man erfährt in dem Tagesspiegel-Kommentar nicht, was die bösen Tierschützer überhaupt gesagt und gemacht haben sollen.

96 Prozent der sogenannten Gänseleber stammt übrigens von Enten.

Natürlich sind der CDU Enten und Gänse egal. Aber das nur nebenbei.

(Fotos: genova 2015)

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o.T. 372

(Foto: genova 2016)

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o.T. 371

Wir sehen hier eine vorbildliche Automobilwerkstatt: Sie tritt vorbehaltlos in den Dialog mit dem Kraftfahrer ein, ja sie kündigt diese Dialogannahme sogar ausdrücklich an. Man bringt hier nicht einfach ein Auto in die Werkstatt, nein, man nimmt den Dialog an. Kein Kraftfahrer muss befürchten, via Schweigen diskriminiert zu werden. Er kann auch mit diffizilen Problemen, ja gar intimen Details, sich an den Mechatroniker wenden: Beispielsweise wenn er untenrum Flüssigkeit verliert oder sein Schaltgestänge durcheinander gekommen ist.

Man fährt einfach rein und redet über das Problem. Danach machen sich Fachleute mit Schraubenschlüsseln, Absauggeräten und strombetriebenen Analysevorrichtungen an die Arbeit. Mögen wir hoffen, dass diese bescheidene Werkstatt zum Vorbild für unsere Gesellschaft werden wird. Amen.
(Foto: genova 2016)

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o.T. 370

(Foto: genova 2016)

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Ricardo Bofill und das Architektentheater

Der spanische Architekt Ricardo Bofill versuchte sich in den 1970er und 1980er Jahren in sozialer Wohnarchitektur in Frankreich. Die Gebäude sind mittlerweile weltberühmt, weil sie Anleihen im Barock mit Säulen, Giebeln, Friesen und anderen vorfabrizierten Elementen genommen hatten. Mehr Fotos findet man hier.)

Diese historischen Anleihen werden ironisch gebrochen. die Säulen hängen in der Luft oder tragen einen unförmigen Kasen. Interessant ist, was der Architekturtheoretiker André Gerber in seiner „Metageschichte der Architektur“ von 2014 zu Bofills Sozialbauten schreibt (S. 90 ff.):

Es ist diesbezüglich bemerkenswert, dass in allen Publikationen zu diesen Projekten kein einziger Wohnungsgrundriss gezeigt wird: Das würde einerseits eine Entzauberung des Stils der Fassaden bedeuten, da sich hinter den großzügigen Fassaden und Straßenräumen kleinteilige Wohnungen verbergen, andererseits die Aufmerksamkeit von den Fassaden und Straßenräumen wegnehmen.

Architektur als Maskenträger. Nichts neues, aber bei Bofill bemerkenswert, weil er sich über seine eigene Architektur gerne äußert. Architektonischer Raum ist für ihn ganz folgerichtig kein Innenraum, sondern

„…ein Zuschauerraum, bei dem die Architektur in Szene gesetzt wird, die Architektur Theater spielt.“

Solcherart an die Realisierung von sozialem Wohnungsbau heranzugehen, grenzt an Verachtung für die, die dann dort wohnen werden. Die Architektur spielt Theater, aber für wen? Für Passanten? Das wären dort nur benachbarte Bewohner. Die Zuschauer sind also nur eine Architektenöffentlichkeit, die sich das Theater via Hochglanzfotos in Architekturmagazinen anschaut. Es ist ein Schwanzvergleich.

Bofill hat früher ganz interessante Sachen gebaut, beispielsweise 1973 die Ferienappartmentanlage La Muralla Roja in Calpe an der spanischen Costa Blanca:

Bofill hatte vor Baubeginn eine „Werkstatt für Architektur“ eingerichtet, in der auch Literaten sich über das zu Bauende Gedanken machten. Es sollte um den Zusammenhang von „Bauformen und Lebensformen“ gehen, die sich „im besten Fall revolutionieren ließen“, meinte Bofill dazu später.

Und:

„Im Inneren wollten wir die Bewohner zu einem neuen Miteinander animieren, soziale Experimente provozieren, die Kleinfamilie überwinden. Wir waren jung damals, wir waren Utopisten.“

Die Zeitschrift Architectural Digest schrieb zu Muralla Roja:

Die Anspielungen auf maghrebinische Festungsarchitektur etwa, auf Türme, Zinnen und Wehrgänge, mögen einerseits auf den mittelmeerischen Touch zielen. Andererseits suggerieren sie einen geschützten Bereich intra muros, eine Art Reservat, das dem Neuen die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten.

Die Architektur orientiert sich ein wenig am architektonischen Strukturalismus, der aber spielerisch interpretiert wird. Es gibt dort angeblich Treppen und Wege, die im Nichts enden, labyrinthartige Wege, mal eng, mal breiter und anderes. Die Anlage ist von innen heraus geformt, aber nicht in der üblichen Strenge, sondern mit dem Bekenntnis zur optischen Illusion und zur Irritation.

Architektur ist natürlich immer auch Kulisse. Gute Architektur ist Kulisse mit Inhalt. Gute Architektur stellt eine Beziehung zwischen innen und außen, zwischen Form und Inhalt her. In Marne-la-Vallée ist die Form der Bezug auf Geschichte von oben. Säulen, Giebel und Friese, die ohne Zusammenhang, ohne Kohärenz gebraucht werden. Visualisierungen von Macht, die den Bewohnern nicht nur vorenthalten wird, sondern die sich auf Kosten jener realisiert. Jede Säule und jeder Fries zieht im sozialen Wohnungsbau Geld ab, das dort fehlt, wo man es brauchte. Man hätte beispielsweise die komplette Front mit Balkonen ausstatten können, von denen der User mehr hat als von Säulen, die zudem konstruktiv unnötig sind. Es entsteht ein feudalistisches, absolutistisches Bild, das auch durch das Übermächtige ein Gefühl der Enge, des abgeschlossenen Hofes erzeugt, das sich zum Nachteil der Bewohner auswirkt. Bofill setzt das begrenzte Geld also für Formales ein, das einerseits die Bewohner in ein reaktionäres Geschichtsbild presst und ihnen andererseits genau deshalb architektonische Qualität vorenthält.

Wenn schon diese Säulen und Friese, dann bitte 250 Zimmer für jeden Bewohner. Das wäre dann eine vielleicht emanzipatorische Haltung, wenn man die formale, fassadiale Verschwendung als Prunk für den Plebs fordert. Aber auch das wäre keine wahrhaft emanzipatorische Forderung, denn es wäre nur Nachahmung von etwas, das man reformieren oder revolutionieren sollte. Der Schein entspräche niemals dem Inhalt und er wäre auch nicht als Form von Befreiung zu interpretieren.

Vielleicht lässt sich an Bofills architektonischer Entwicklung der Niedergang des Sozialen und der Utopie in den Gesellschaften überhaupt ablesen. Während die Sozialpaläste nur noch regressiv agieren – Architekturelemente vordemokratischer Epochen werden als reiner Schein der Unterschicht zur Verfügung gestellt – kamen frühere Sachen von ihm mit einem sichtbar anderen Anspruch daher.

Bofill war übrigens in seinen frühen Jahren während Franco Mitglied der verbotenen spanischen kommunistischen Partei. Von der strukturalistischen Architektur mit Bezügen auf die fremde Kultur des Maghreb zu den hierachieaffinen Zeugnissen mit Säulchenspielereien zum Nachteil der Bewohner: Bofills Weg scheint der regressive zu sein.

Bofill als Kind seiner Zeit – insofern also nicht bemerkenswert.

(Fotos: Structurae und AD-Magazin)

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Time to grow up

In Friedrichshain sind derzeit mehrere Brandwände mit diesem Spruch auf schwarzem Grund beschrieben:

Das blaue Rohr verdeckt: „Berlin.“

Der Schrifttyp erinnert an die langjährige Mercedes-Typografie und da das Mercedes-Gebäude nur ein paar hundert Meter entfernt ist, dürfte das hinkommen.

Einerseits ist das ein schönes Beispiel für immer offensiver werdendes Konzernmarketing: Man kann sich darauf verlassen, dass die meisten Rezipienten den Schrifttyp der Marke zuordnen können. Man braucht also „Mercedes“ nicht mehr hinschreiben. Dieser Umstand begünstigt, dass man sich gleichzeitig – quasi Guerilla Marketing – alternativer, opponenter Strategien bedienen kann: gesellschaftliche, politische Forderungen im öffentlichen Raum produzieren, die scheinbar unkommerziell daherkommen. Man malt ganze Wände voll, der Hausbesitzer verdient sich vermutlich dumm und dämlich.

Ich weiß nicht, ob das noch funktioniert oder ob die meisten Hingucker mittlerweile Abscheu empfinden ob der Penetranz, mit der ein Konzern wie Mercedes versucht, cool und hip und trendy zu sein. Jeder halbwegs aufgeklärte Zeitgenosse findet so eine Werbung natürlich peinlich und unangenehm.

Komisch aber, dass Mercedes hier etwas fordert, was dieser Opakonzern doch dringend nötig hat: Das Image, jung und hip und cool und trendy zu sein. Die haben sich ja nicht umsonst in Friedrichshain festgesetzt. Man will zu diesen Hippstern und ähnlichen Leuten dazugehören. Diese Leute sollen irgendwann mal einen Mercedes kaufen. Vor allem soll man Mercedes mit den Hippstern zusammenbringen, auch wenn die sich bestenfalls einen klapprigen Golf leisten können. Der durchschnittliche Mercedes-Käufer ist vermutlich knapp über sechzig und impotent, hat Haarausfall und einen Bierbauch und findet Friedrichshain die letzte Lottergegend. Aber mit denen kann man nicht werben. Die andere Mercedes-Klientel ist der neureiche Assi á la Bushido. Mit denen kann man auch nicht werben.

Warum soll Berlin upgrowen?

Dann wäre Friedrichshain so langweilig wie die Carlstadt in Düsseldorf und Mercedes seines PR-Standortes beraubt. Die impotenten Bierbauchmercedesfahrer wohnen zwar in der Carlstadt, aber im öffentlichen Selbstbild von Mercedes wohnen die in Friedrichshain. Die brauchen Friedrichshain als die permanente Selbstbespiegelungsfläche, die nicht übers Produkt selbst gespeist wird, sondern über coole Sprüche und nur ganz dezente Hinweise auf das Auto. Via Schriftzug, beispielsweise. Wenn Mercedes zum grow up auffordert, gewinnen sie vielleicht ein paar Kunden hinzu, die der Aufforderung tatsächlich nachkommen, aber sonst nichts. Sie entziehen sich ihre eigene Grundlage: die Fiktion ihres Kundenbildes.

Vielleicht gibt es diese Grow-up-Kampagne noch in anderen Städten, in denen sie mehr Sinn macht. In Friedrichshain checke ich es nicht. Wobei: Ich habe mich gerade damit beschäftigt. Und vielleicht werde ich schon nächste Woche einen Neuwagen ordern. In Friedrichshain.

(Foto: genova 2017)

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Die deutsche Linke und die Ablehnung von Stadt

Die neue Berliner Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher hat die schwierige Aufgabe, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Bisher hat man noch kein überzeugendes Konzept vernommen, aber da sind wir mal ganz unvoreingenommen und hoffen, dass das, was da Weile hat, ein gut Ding ist. Interessant jedoch ist eine andere aktuelle Baustelle: Die seit mehr als 20 Jahren geplanten neuen Hochhäuser am Alexanderplatz.

Direkt nach der Wende als Masterplan von Hans Kollhoff angedacht und dann mangels Nachfrage auf Eis gelegt, wird nun seit einer Weile an einer Aktualisierung gebastelt. Aktuell steht dort nur ein Gebäude in den Startlöchern. Dort sollen Wohnungen jenseits der 10.000 Euro pro Quadratmeter verkauft werden. Im Klartext: Dort wird niemand wohnen, es geht um Spekulationsobjekte.

Lompscher und andere in der Berliner Linkspartei argumentieren nun fast ganz richtig:

„Hochhäuser, die nur als Drittwohnung und Hotel genutzt werden, braucht kein Mensch“,

sagte kürzlich etwa die Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg laut der Berliner Morgenpost (die ich leider verlegt habe und deshalb keine präzise Quelle angeben kann).

Typisch für einen relevanten Teil der deutschen Linken ist allerdings ein anderer Aspekt dieser Argumentation: Lompscher meint, die geplanten Hochhäuser sollten die Höhe des dort schon stehenden einzigen Hochhauses (das Hotel „Park Inn“) nicht überschreiten, „um die Wirkung des Fernsehturms nicht einzuschränken“.

Peng. Der Fernsehturm hat eine Höhe von 368 Metern und die Wahrscheinlichkeit, dass eines der geplanten Hochhäuser auch nur annähernd in diese Region vorschießt, geht gegen Null. Das Hotel ist 150 Meter hoch. Ein Gebäude von meinetwegen 200 oder 250 Metern ist unwahrscheinlich, wäre aber rein optisch interessant und würde schlichtweg neue Perspektiven bieten. Man würde eben in Berlin nicht nur den Fernsehturm, sondern ein weiteres hohes Gebäude sehen. Das ist diesen merkwürdigen Traditionslinken aber nicht geheuer. Es soll bitte alles so bleiben, wie es ist.

Müßig zu erwähnen, dass solche Leute seinerzeit gegen den Bau des Fernsehturms gewettert hätten. Der verstellt ja auch den Blick auf anderes. Wahrscheinlich kommt da noch eine DDR-Nostalgie hinzu: Der Fernsehturm ist gut, weil ostdeutsch.

Die Grünen, die ebenfalls ein ambivalentes Verhältnis zum Konservieren haben, stoßen ins gleiche Horn, wie man sagt, wie die Linken. Deren Fraktionschefin im Berliner Landtag, Antje Kapek, sagt:

„Es ist nötig und sinnvoll sich zu überlegen, wie die Stadtsilhouette aussehen soll.“

Nö, ist es nicht. Schon gar nicht, wenn die Überlegungen Leute wie Frau Kapek anstellen. Da wird nichts Gutes rauskommen. Die einzig interessante Großstadtsilhouette in Deutschland hat Frankfurt am Main, und da wird im Wesentlichen drauflosgebaut. Interessante Silhouetten gibt es da, wo nach oben nicht begrenzt wird. In Berlin und überall sonst hat man keine Silhouette, sondern einen optischen Brei. Ein banales Dächermeer, ein Verfließen am Horizont, ein Nichts. Grüne und andere merkwürdige Leute wollen die Stadt vermutlich verschwinden lassen, zumindest optisch. Jedes sichtbare Haus ist eine Zumutung. Daher kommt auch das Begehren dieser Klientel, jede Sichtbetonwand zu begrünen. Eine kulturelle Katastrophe unterm Mantel der Ökologie.

Es erinnert an die Gespensterdebatte vor ein paar Jahren in Köln, als man auf den Bau von Hochhäusern auf der rechten(!) Rheinseite verzichtete, weil dadurch der Blick auf den tollen Dom versperrt worden wäre, wenn man von Bergisch Gladbach anreist.

Solche Debatten sind vermutlich nur in Deutschland möglich. Statt einfach ein paar Wolkenkratzer hinzuklotzen und gespannt auf die neuen Perspektiven zu sein, wird problematisiert. Dahinter steckt vermutlich die urdeutsche Ablehnung von Stadt. Ein jeder auf seiner Scholle und der Nachbar möge bitte mehrere hundert Meter entfernt wohnen. Eine perfekte Infrastruktur in der Nähe muss aber auch drin sein. Schon Tucholsky hat dieses Phänomen beschrieben.

Der britische Autor des interessanten Buches „Militant Modernism“ meint, ein „großes Problem der Linken“ sei

„die Fetischisierung der Vergangenheit. Wir werden besonders sentimental, wenn es um die präindustrialisierte Gesellschaft des 19. Jahrhunderts geht. Es ist wichtig, sich dieser Geschichte und ihrer historischen Niederlagen zu erinnern und damit auch ihrer spezifischen Ästhetik wie die von bärtigen Gewerkschaftsfunktionären.“

Das war schon ein Problem von Robert Owen: Bekämpfung der Industrialisierung via Flucht in die Vergangenheit.

Ob am Alex Hochhäuser entstehen, sollte man ökonomisch und sozial prüfen. Wenn ein weiteres Hochhaushotel gebraucht wird, warum sollte man es nicht bauen? Da irrt Frau Glennburg. Und wenn jemand Büros auf 100 Etagen vermietet bekommt, dann sollten wir uns alle über einen neuen schicken Wolkenkratzer freuen und auf dem Dach ein Café für alle einrichten. Zu viele Wolkenkratzer gibt es nicht. Vielen macht der Wolkenkratzer Angst, man entfernt sich da zu weit von der Muttererde, vermute ich. Vom blut- und bodenaffinen Deutschen ist der bodenaffine übriggeblieben.

Unvergessen auch das Debakel um die neue Mercedes-Zentrale in Friedrichshain an der Spree. Mercedes wollte dort vor ein paar Jahren ein gut 100 Meter hohes Gebäude errichten. Sogenannten Linken und anderen Bedenkenträgern war das zu hoch. Der lustige Kompromiss war: Mercedes schnitt das Gebäude horizontal in der Mitte durch und baute ein Gebäude mit gut 50 Metern Höhe und weiter noch flachere. Es ist nun zwei- oder dreimal so viel Fläche versiegelt worden und schlichtweg weniger Platz für anderes da. Und dem 50-Meterhaus sieht man auf den ersten Blick an, dass die Proportionen nicht stimmen. Es wäre gerne größer.

Dieses lächerliche Haus ist das absurde Ergebnis einer kleingeistigen Debatte. Statt einfach so hoch zu bauen, wie es der Bedarf vorgibt, tut man so, als müsse man den Himmel schützen. Babel wörtlich genommen Die deutsche Ideologie.

Man müsste sich diesbezüglich einmal um die architektonischen Kontextdebatten kümmern. Die Forderung, dass das Neue sich in das Alte einfügen müsse. Jahrtausendelang hat das niemanden gekümmert. Heute schiebt man die Kontextualisierung gerne vor, weil man dann meint, die Geschichte gut zu behandeln. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nachvollziehbar wäre, um auf Berlin zurückzukommen, eine Debatte, ob man einen Konzern wie Mercedes überhaupt haben will. Darum ging es aber nicht.

Insofern: Am Alex Wolkenkratzer zu bauen, ist generell eine gute Idee. Vielleicht mit Terassenwohnungen unten und Büros oben, vielleicht 100, 200 oder 300 Meter hoch, was auch immer. Diskutieren müsste man ökologische Baustandards, die Nutzung, also preisgünstige Wohnungen, die Mobilitität via ÖPNV und mehr.

Aber bitte nicht die Wirkung des Fernsehturms.

Vorbehaltlose Zustimmung zu den Wolkenkratzerplänen kommt von CDU und FDP.

Als progressiver Linker hat man es nicht leicht.

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Alvar Aaltos perfekte Perfektionslosigkeit

Der Architekt Alvar Aalto ist nicht umsonst bekannt und geachtet. Ein schönes Beispiel für seine ganz besonderen Qualitäten liefert sein Ferienhaus aus den frühen 1950er Jahren auf einer finnischen Insel (hier viele weitere Bilder):

Wir sehen hier ein auf den ersten Blick irritierendes, unfertiges Gebäude, das unserem perfektionsorientierten Auge einiges abverlangt. Das Haus besteht aus zum Teil geschlämmten Ziegelwänden und zum Teil aus unverputzten Ziegelmauern, die verschiedene Ornamente, Konstruktionen aufweisen. Aalto selbst bezeichnete das Haus als experimental house, er wollte mit free-form brick construction experimentieren. Dazu kommen Holzschalungen.

Interessant sind also erstens die Ziegelornamente, die wohl in experimenteller Absicht so gestaltet wurde, vielleicht um deren Lebensdauer zu testen. Dabei ist eine Ästhetik herausgekommen, die sich sehen lässt. Sicher hat Aalto beim Arrangement sich von ästhetischen Gesichtspunkten leiten lassen; die Verwandschaft zur abstrakten und konstruktiven Malerei ist deutlich. Er hat auch gebrauchte Ziegel aus Abbruchhäusern verwendet.

Zweitens die Komposition der Unregelmäßigkeit der Formen: Die entstehen nicht durch bloße Schwünge, durch Vermeidung der Geraden, sondern durch den Einsatz stumpfer und spitzer Winkel. Dadurch entsteht der angenehme Eindruck der Ernsthaftigkeit, der durch bloße Rundungen, die organische Architektur auszeichnet, schnell entsteht. Man vermeidet den Eindruck, fürs Gefallen von Dreijährigen zu bauen. Aalto gilt ja auch als organischer Architekt. In seinem experimental house sieht man nichts davon.

Interessant sind drittens die Irriationen: Das Dach ist zum Teil mit Ziegeln, zum Teil mit Teerpappe gedeckt, was die Erwartung von Homogenität stört. Generell haben die Ziegel unterschiedliche Qualitäten, chanchierende Farben, unterschiedliche Größen und gefugte Abstände. Der ganze Innenhof ist ein abstraktes Ziegelbild, das auch bei einem tausendmal geflickten Altbau entstehen kann.

Aalto legt keinen Wert auf optische Perfektion, beispielsweise auf aalglatte weiße Wände, die simpel aussehen, aber nur teuer und mit viel handwerklichem Können zu realisieren sind und nur selten in Würde altern.

Innen überrascht, wie man sagt, das Haus mit billig wirkenden Trennwänden, die die Fugen, die Setzung nicht kaschieren, ähnlich der ostdeutschen Platte. Alto verwendete viel Holz, aber nicht als künstlich bemühte Hochwertigkeit, sondern als authentischer, natürlicher Baustoff. Er verwendete vermutlich einfach das umstehende Holz, Kiefer oder Pinie oder ähnliches. Leitungen liegen ganz selbstverständlich auf Putz.

Der Grundriss ist ein typisches Produkt einer Epoche der Vergesellschaftung: Kleine Schlafräume und ein dominierendes Gemeinschaftszimmer.

Dieses Unfertige hat etwas Angenehmes und man könnte das Haus als Vorreiter einer Unfertigen-Bewegung sehen, die seit einigen Jahren interessante Sachen hervorbringt: Das Brandlhubersche Haus in der Brunnenstraße etwas oder die neue Bibliothek am Kottbusser Tor, um zwei Berliner Beispiele zu nennen. Sicher geht es hier auch darum, die Baukosten zu begrenzen, aber reizvoll ist dabei, dass diese Begrenzungsbemühungen zu einem Plus in der Architektur führen. Unvollkommene Lösungen sind dann vielleicht doch vollkommen oder es ist egal, ob sie vollkommen sind und es ist unklar, was Vollkommenheit ist. Es ist eine Authentizität, die das Gebäude und seine Philosophie schlicht sympathisch macht. Man kann in dem experimental house auch in der Jogginghose herumlungern, und dass das Leben wieder Spaß macht, wenn alles scheißegal ist, muss nicht zwangsläufig nach Delmenhorst führen.

Vielleicht ist Aalto mit diesem Haus der Zeit 50 Jahre voraus gewesen. Alleine der Hinterausgang mit den vier Stufen – zwei aus Granit, zwei aus Gras – lohnte eine Reise. Man könnte übrigens bei solch einem Haus noch am ehesten von Kunst sprechen. Altos andere Sachen sind keine Kunst, sondern sie gehorchen den Regeln der Auftraggeber und sind oft sehr gute Architektur. Das reicht ja auch. Ich weiß nicht, ob sich Aalto mit dem Thema Kunst überhaupt beschäftigt hat. Er wollte gegen die Monotonie der industriellen Welt bauen („that´s the great program of modern architecture!“) und das wäre schon mehr als die künstlerischen Bestrebungen von Architekten, die meist nur lächerliche Bestrebungen sind.

Die perfekte Perfektion begegnet einem bei moderner Architektur oft. Das Bauhaus ist hier Vorreiter, Corbusier natürlich auch, und es stellt sich die Frage, ob man mit diesem Phänomen nicht kritischer umgehen sollte. Perfekte Häuser sollen ja natürlich aussehen, ein selbstverständlicher Baukörper wie die Kataloghäuser aus der Kategorie „Bauhaus“ kommen vermeintlich einfach, natürlich, sperenzchenfrei daher, sie vermeiden alles, was Aufsehen erregen könnte. Natürlich erzeugt genau dieses Daherkommen Aufsehen.

Aaltos Projekt ist auch deshalb so angenehm, weil er mit Vokabeln und Anschauungen operierte, die heute weit weg scheinen. One of the great problems for an architect war für ihn

„to save the human beeing to make individualism to collectivism“

Gleichwohl mir das Englisch nicht korrekt scheint, ist die Zielrichtung klar. Heute ist so eine Aussage nicht mehr möglich und es zeigt einmal mehr die ganze und vollständige und umfassende Katastrophe unserer Zeit.

Das Unperfekte: Mir fällt eine Passage aus Ariadne von Schirachs Buch Du sollst nicht funktionieren ein: Sie beschreibt dort diese typischen aktuellen Frauen, die jeden Tag Stunden damit zubringen, so auszusehen, als würden sie für ihr Äußeres überhaupt nichts tun:

Sie sehen so reizend aus, so frisch und modern und irgendwie anständig, dass einem vor Bewunderung ganz angst und bange wird. Doch würde man sie darauf ansprechen, wüssten sie nur zu sagen: So bin ich eben. Und das ist nichts als eine miese kleine Lüge, die in aller Beiläufigkeit die ganze Arbeit verschleiert, die hinter dieser lässigen Perfektion steckt: die ausgedehnte Körperpflege, das strike Essregime,die unendliche Zeit,die aufgewendet wird, immer up to date zu sein.

Die Suche nach Authentizität, die ins Gegenteil mündet. Die einzig mögliche Vorstellung von Authentizität ist hier die Perfektion. Perfekte Frauen und perfekte Häuser: Beide kann man sich kurz und intensiv anschauen. Längeres Bewohnen ist zu vermeiden.

Auf nach Muuratsalo.

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