„Die Folklore latscht immer der Hochkultur nach“

Am Ende einer dahinplätschernden Diskussion zwischen dem Architekturtheoretiker und -kritiker François Burkhardt und dem Architekturkritiker und -theoretiker Dietmar Steiner über Architektur, Design, Moderne, Postmoderne, Utopien, Regionalismus, Zeitläufte, wie man sagt, und so weiter in Wien meldet sich ein Zuschauer zu Wort, der in Beziehung zum Regionalismus und Folklore diese bemerkenswerte Überlegung anstellt:

„Die Folklore latscht immer den Innovationen der Hochkultur nach, nicht, wie man denkt, das sei da vor Ort gewachsen. Quatsch! Das sind immer Folgeerscheinungen. So wie man hier durch österreichische Dörfer fahren kann, und dann sieht man – selbst in Schrebergärten – postmoderne Bauten, dekonstruktivistische Bauten und ähnliches. Das nennt man dann regionale Architektur.“

Da ist wohl etwas dran. Jedes Bauernhaus, das ein Fenster hat, hat einen Anteil an baulicher Innovation. Folklore muss also zuvor ein Haus (oder gar eine Höhle) ohne Fensteröffnung gewesen sein. Jeder um ein paar Zentimeter längere Sturz ist ein Triumph der Statiker oder eines neuen Materials, nicht der Region. Um diese These einleuchtend zu finden, muss man sich nicht an die Vorstellung einer Urhütte von Laugier klammern, obwohl die natürlich passen würde. Gerade in Österreich auf dem Land feiern FPÖ – und dazu passend Folklorekitsch – Dauererfolge, die auf der Erzählung vom Authentischen, vom Althergebrachten, vom Normalzustand basieren, was durch Moderne, Entwicklung und Westbindung zerstört würde. Das zwanghafte Weiterführen vermeintlicher Folklore in Form sechsstöckiger Bauerhäuser, die Fünf-Sterne-Hotels beherbergen steht genauso dafür wie all der postmoderne Zierrat an ihnen.

Die Aussage dieses Zuschauers ist geradezu revolutionär, weil sie in die aktuellen Diskussionen in Deutschland und Österreich reingrätscht. Regionalismus ist nur dann ernstzunehmen, wenn er sich der Welt öffnet. Ohne globale Einflüsse keine regionale Entwicklung. Ohne diese Einflüsse sollte man Folklore nicht Folklore nennen, sondern Kitsch.

Man könnte nun über das Thema ein Buch schreiben, was mir zu anstrengend ist. Folklore als Heileweltveranstaltung, die vermutlich das Feindliche, das Regressive in sich trägt.

Mir fallen bei diesen Themen immer wieder die Leute ein, die in den 70ern oder 80ern sozialisiert wurden und heute behaupten, dass es seitdem keine gute Musik mehr gegeben habe.

fade out

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Antisemitismus: Symptomatisch für Luxemburg

„Antizionismus gehört heute in der luxemburgischen Linken und vielen anderen ´progressiven` Parteien wie den Sozialdemokraten selbst auf kommunaler Ebene zum guten Ton. Es ist eken Zufall, das Luxemburg – nicht zuletzt dank seines Außenministers Jean Asselborn – innerhalb der EU als äußerst israelkritisch bekannt ist.“

schreibt die Jüdische Allgemeine (28.9.17, S. 6) zur luxemburgischen Kommunalwahl, die heute stattfindet. Immer wieder erstaunlich, wie verlockend Antisemitismus – und nichts anderes ist Antizionismus heute – auf allen Ebenen, in allen Bereichen, in allen Bezügen ist. Selbst der eher lächerliche Ministaat Luxemburg, der in den letzten Jahren vor allem wegen seiner innovativen Steuerpolitik aufgefallen ist – kleine und große Konzerne zahlen nichts, wenn sie sich pro forma dort niederlassen – hat selbst bei einer Kommunalwahl das Bedürfnis, den Juden eins auszuwischen. Eigentlich sollten bei einer Kommunalwahl Themen wie die kommunale Kläranlage, der kommunale Bürgersteig und ähnlich gelagerte Themen bestimmend sein, aber Judenhass ist so schön selbstentlastend.

„Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind erstaunt darüber, dass diesmal bei den Kommunalwahlen der Nahostkonflikt eine Rolle spielt. Das sei absurd, aber letztlich wohl symptomatisch für Luxemburg.“

schreibt die Jüdische Allgemeine weiter und ich vermute, dass die Luxemburger einen kollektiven Minderwertigkeitskomplex haben, was angesichts ihres merkwürdigen „Staates“ auch kein Wunder wäre, wenn man denn den Fehler macht, sich über einen Staat zu definieren. Und dieser Komplex arbeitet sich selbst bei kommunalen Themen am bösen Juden ab.

Antisemitismus: Der Ur-Rassismus schlechthin und und nach wie vor eine Blaupause und ein Prüfstein. Ein Rassismus, anhand dessen man seine objektive Absurdität aufzeigen kann. Antisemiten sind Arschlöcher, auch in Luxemburg.

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Die Volksbühne und das spannende Berlin

Die Berliner „Volksbühne“ wurde gerade unter dem Label „Glitzer zu Staub“ eine Zeitlang besetzt. Die Besetzer wandten sich gegen ein Berlin „des Standortmarketings, der Investitionsanreize, der sozialen Ausgrenzung, der Abschiebungen, der Gentrifizierung“. Eigentlich eine sinnvolle Sache: Ein linkes Theater besetzen und damit eine Debatte zu einem wichtigen Thema entfachen. Allerdings: Vor zeitgenössischen Debatten hat das Kapital kein Angst. Reden ist in neoliberalen Zeiten völlig ok, über alles und jeden, und auf Nachfrage wird jeder Neoliberale diese Debatte „spannend“ und „wichtig“ finden. Er weiß: Es bleibt beim Reden.

Der Tagesspiegel schreibt über die Volksbühnenbesetzung ganz richtig:

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Besetzung, diese von den Medien aufmerksamst verfolgte „transmediale Theaterinszenierung“ … der Gentrifizierung einen weiteren kleinen Schub bescheren könnte. Denn weitere Sympathisanten, weitere angehende Künstler, weitere Touristen, die durch die Volksbühnenbesetzung angelockt wurden, werden das ach so „spannende“ Berlin naturgemäß in diese Richtung verändern, werden Stadtviertel aufwerten, siehe beispielsweise Neukölln, werden sie teurer und für Alteingesessene unbewohnbarer machen … Fragt sich halt noch: War die vergangene Woche an der Volksbühne wirklich mehr als nur ein interessantes, spannendes, Berlin noch attraktiver machendes Spektakel?

Es entbehrt vor allem nicht einer gewissen Ironie, dass eine bürgerliche Zeitung sorgenvoll fragt, ob die Linke vielleicht zu wenig effektiv und nachhaltig ist. Es zeigt das ganze Dilemma.

Natürlich hat der Tagesspiegel in seiner Analyse recht. Die Besetzung machte auf einen Zustand aufmerksam, den eh schon alle kennen. Das entscheidende Thema wäre: Wie kommt man in Aktionen, die den Zustand ernsthaft verändern. Um die Volksbühne herum ist die Gentrifizierung seit Jahren voll im Gange, man findet im Umkreis von mindestens 15 Kilometern keine bezahlbare Wohnung. Galerien, die Kunst nur noch als Kapitalanlage betrachten und damit neoliberale Politik aktiv mitgestalten. An dieser Entwicklung änderten auch 25 Jahre Castorf-Intendanz nichts. Eher im Gegenteil. Die Volkbühne wurde unter jungen Leuten Kult, wie man sagt, eine Party mehr, und egal, wie gut oder schlecht die Inszenierungen waren, sie waren Teil exakt jenes Stadtmarketings, das die Besetzer nun kritisierten. Es ging bei Statements zur Volksbühne nie um Politik, auch nicht um Kunst, eher um so eine Art systemkompatible Avantgarde, in deren hellem Schein man selber glänzte. Vermutlich konnte man als Besetzungs-Beteiligter seine Chancen um einen gut bezahlten Arbeitsplatz steigern. Etwas tun, milde die Regeln brechen und aufmerksamkeitsökonomisch vorne dabei sein: Was könnte es fürs Kapital Schöneres geben?

Das Verrückte: Je mehr interessante und aktive Leute in einer Stadt mitmischen, desto gieriger stürzt sich das Kapital auf sie. Duisburg hat es gut. Dieses Dilemma aufzulösen, wäre Aufgabe linker Politik.

Das ach so spannende Berlin ist eins der totalen Unterwerfung unters Kapital. Dass die Damen und Herren Renditejäger es schafften, ihr menschenverachtendes Treiben via Öffentlichkeitsarbeit so zu positionieren, dass zu einem Castorf kein Widerspruch mehr besteht, ist so bewunderns- wie verachtenswert.

Die Crowd macht freudig mit, man ist dabei und es passiert etwas, was vermutlich die Hauptsache ist. Die neoliberale Gehirnwäsche der vergangenen 20 Jahre fruchtet. In Deutschland besonders.

Dazu passt vielleicht auch ein kürzlich erschienener Zeit-Artikel, in dem ein junger Amerikaner meinte, dass die U30-Amis mehrheitlich für Bernie Sanders waren, die U30-Franzosen mehrheitlich für Jean-Luc Melenchon und die U30-Briten mehrheitlich für Jeremy Corbyn. Nur die U30-Deutschen kriegen nichts auf die Reihe. Jüngst meinte ein U30-Mensch zu mir, seine Generation sei völlig entfremdet. Fürs Kapital könnte es nicht besser laufen.

Deutschland als Täterland, nach wie vor. Im Herzen der Bestie feiert man eine Siebentagebesetzung und fühlt sich vermutlich im Widerstand. Dass das selbst einer bürgerlichen Zeitung zu viel Verlogenheit ist, ist der Ausdruck des ganzen Dilemmas.

Der ideelle Gesamtkapitalist sind wir alle.

P.S.: Hier noch ein kritischer Rückblick einiger Akteure von „Glitzer zu Staub“

 

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o.T. 387

Kurz nach der Wahl in Kreuzberg:

Die Stellwand gibt mir Rätsel auf. Youngernow, so habe ich mittlerweile herausgefunden, heißt ein Lied einer Sängerin namens Miley Cyrus, deren prägnantestes Erkennungsmerkmal ihre Brüste sind, die sie gerne in Kameras hängt.

Wer aber ist der Mann mit Brille (oder einer Brillenhälfte), der auf dem progressiv angeschnittenen Portraitfoto zu sehen ist? Dietmar Bartsch? Der Vater von Miley oder ihr Manager? Die Bildbearbeitung dieses Wahlplakates macht einen professionellen Eindruck, so der typische Kreuzberger Schluffiprofessionalismus.

Oder hat Frau Wagenknecht vor der Wahl einfach illegalerweise ein anderes Plakat überklebt, das nun durch Regen und Abwaschung wieder zum Vorschein kommt so wie vor ein paar Jahren Herr Ötzi in den Alpen? Hat sie gar Herrn Bartsch, ihrem Erzfeind, eins auswischen wollen.

Und warum haben die Leute von youngernow den Streifen nicht auf den Link der Linkspartei geklebt? Sind es heimliche Unterstützer? Möchte Frau Cyrus ihre Wahlentscheidung bekannt geben.

Und was bedeuten die Schriftzeichen auf Frau Wagenknechts Revers?

Ernsthafte Fragen eines alten weißen heterosexuellen Mannes, der die Welt nicht mehr versteht und darüber nicht unglücklich ist, weil er öffentliche Räume liebt, in denen er solche Fragen stellen kann.

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Brutalismus und soziale Konnotation

Die taz interviewte (vor acht Jahren) den britischen Blogger Owen Hatherley, der ein Buch über Brutalismus und seine popkulturelle Verankerung in England geschrieben hat:

Sie schreiben „Klasse und politische Bildung sind untrennbar damit verbunden, wie man ein modernistisches Gebäude wahrnimmt“. Gilt das auch für die Beurteilung von Popmusik?

Nicht in demselben Maße. Auch ein nichtspezialisiertes britisches Laienpublikum kann inzwischen kritisch über die radikalste Popmusik urteilen: Das Wissen über Pop ist verbreiteter als das Wissen über Architektur. Schauen Sie sich die Reaktionen auf Hochhäuser und Council-Estate-Siedlungen an. Die meisten Menschen empfinden Hochhäuser als unwirtlich. Das mag mit der großflächigen Betonbauweise zu tun haben, meistens aber liegt das an der sozialen Konnotation von Hochhäusern. Damit werden die Armen, die Verlierer der Gesellschaft, assoziiert; ergo gelten Hochhäuser als architektonischer Schandfleck. Dabei ist die Bausubstanz von Luxusapartments weit schlechter als die von kommunalen Wohnungsbauprojekten, sie gelten aber als architektonisch hochstehender, weil darin Börsenmakler leben.

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Eigentlich nichts Neues, aber gut gesagt. Die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Konnotationen von Architektur und die mehr oder weniger reflektierten Ansichten darüber, die dann über gesellschaftliche Akzeptanzen entscheiden. Wobei sich Konnotationen ändern: Berliner Mietskasernen waren noch in den 1970ern das Milieu der Hängengebliebenen, der Gastarbeiter, der Verlierer. Demenstprechend großzügig wurde abgerissen. Im Zuge der Kritik an moderner Architektur und Zonentrennung kam die Wende. Heute ist der Altbau das Non plus ultra, was einen regressiven Charakter hat, denn damit geht die Ablehnung des Neuen einher. Fragt sich, welche Klasse es eigentlich ist, der zum Thema Wohnen nichts Neues einfällt, außer dem Alten zu huldigen und das Neue kapitalistischen Investoren zu überlassen.

Die unsägliche neue preußische Architektur mit Schießscharten, vorgeblendeten pseudotragenden Granitplatten und drangepappten Gesimsen ist heute populär, weil scheinbar solide und retro. Die wirklich guten Sachen wie all das, was in der Nachfolge von Moshe Safdies Montrealer Habitat auch in Deutschland gebaut wurde, hat keine Chance mehr auf Rehabilitierung, da man diese Siedlungen mittlerweile fast flächendeckend abgerissen hat. Die in Maßen interessante Architektur ist ausschließlich hochpreisig und vor allem Anlageobjekt statt Wohnraum.

Andererseits: Die neuen Firmenzentralen von Google oder facebook zeigen, dass eine durchaus fortschrittliche Architektur heute umstandslos vom menschenzerstörenden Kapital besetzt werden kann. Es gibt keinerlei Probleme mit rein visueller Transparenz, mit neuen Materialien, mit architektonisch ausgedrückten flachen Hierarchien. Dieses Phänomen gab es schon bei den vollverglasten Bürotürmen der frühen Bundesrepublik, die – zumindest was die publizistische Begleitung angeht – in Affinität zur jungen Demokratie errichtet wurden: Transparenz über alles. Es war in der Regel ohnehin nur Spiegelglas, durch das man raus-, aber nicht reinschauen konnte.

Es wäre bei jedem neuen Gebäude, bei jedem neuen Modell, bei jeder neuen architektonischen Idee die komplette soziale Frage zu stellen. Alles andere ist unterm neoliberalen Dogma Augenwischerei.

 

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Möge ER heute die richtige Entscheidung treffen

Wir leben zwar in einer säkularen Demokratie, sind aber nach wie vor gläubig. Und so erhoffen wir heute nur von IHM, dass er allen Wählenden den Bleistift führen möge, auf dass SEINE Macht die nächsten vier Jahre uns den Weg geleiten wird.

Mir ist ER übrigens heute Morgen persönlich erschienen. Ich suchte Rat in SEINEM Haus, und schon zeigte er sich, nur wenige Sekunden, nachdem dieses Foto geknipst worden war:

ER kam einfach durch die Tür, setzte sich rechts in die letzte Reihe und erzählte mir vertrauensselig, welche Partei ER heute wählt. Ich werde es IHM naturgemäß gleichtun. Leider hat ER mir verboten, das Geheimnis zu lüften.

Ich bitte alle Wählenden, vor dem Aufsuchen der Wahlurne noch ein Zwiegespräch mit dem SCHÖPFER in der Gottesstätte ihrer Wahl zu halten. Auf dass wir auf dem rechten Pfad verweilen.

Moslems, die in Deutschland wählen dürfen, können übrigens gerne ALLAH fragen. Er spricht allerdings nur arabisch. Vielleicht hat ja MOHAMMED einen Integrationskurs besucht und spricht deutsch auf akzeptablem Niveau. Dann möge man sich mit IHM unterhalten. Unser GOTT jedenfalls spricht deutsch, akzentfrei. SEIN SOHN auch, glaube ich.

Es ist an der Zeit.

Vergelt´s GOTT und AMEN.

(Fotos: genova 2017)

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Die schöne, autoritär verodnete Stadt

Die europäische Stadt, von der wir heute reden, ist zum Teil selbst das Ergebnis einer gigantischen historischen Zerstörung. Das Musterbeispiel ist die beliebteste Stadt überhaupt, Paris, wo Baron Haussmann quer durch die alte Stadt Schneisen und Sichtachsen schlug. Diese großen Boulevards, die sternförmig durch die Stadt verlaufen, scheren sich überhaupt nicht um die Struktur der alten Stadt. Und genau dieses Haussmannsche Paris ist eigentlich unser Idealbild der historischen Stadt. Das, was wir heute für die bürgerliche europäische Sadt halten, ist eine autoritär verordnete Stadt. In Berlin geschah etwas Ähnliches. Hier folgte man mit dem Hobrecht-Plan dem Pariser Modell.

Schrieb der verstorbene Architektursoziologe Werner Sewing 2008 in einem Sammelband mit dem schönen Titel Beauty and the city.

Ja und nein. Ja, weil Hausmann zwar in der Tat die vorhandene Stadtstruktur zerstörte. Wobei er sich sehr wohl um diese kümmerte, weil einer seiner Jobs war, mögliche künftige Aufstände in der Stadt städtebaulich zu erschweren. Gassen aufzulösen, war da eine notwendige Option. Nein, weil wir andererseits von der europäischen Stadt auch in Bezug auf ihre mittelalterlichen Anteile reden. Heutzutage geht es nur darum, dass es alt – genauer: nicht modern – aussieht.

Worum es Sewing hier ging, ist aber offensichtlich. Die aktuelle reakionäre Sehnsucht nach der alten Stadt ist vor allem eine nach der vormodernen Stadt. Eine sogenannte bürgerliche, in der die Welt noch in Ordnung war. Die Hausmannsche Zerstörung hätte den heutigen Adepten der Vormoderne nicht gefallen, aber Geschichte wurde hier geklittert. Das Hausmannsche Paris scheint dem Sehnsüchtigen heute als das originale, das paradiesische. Die Zerstörung von Stadt durch die Moderne kritisieren diese Leute heute und fordern ihren Ersatz durchs vermeintlich Gewaltfreie. Deformierte Menschen fordern Schlösser, die immer auch Folterkeller beherbergen. Die AfD ist nur ein Ausdruck dessen, dass die Folterkeller sichtbar werden. Das Problem reicht allerdings viel weiter, hinein ins marketing- und orwellzerstörte sogenannte Bürgertum. Die aktuelle sogenannte bürgerliche Architektur zeigt ganz gut den Kaputtheitsgrad ihrer Träger. Das „Vorwärts in die Vergangenheit“ ist immer nur ein partielles, da jenseits der Retro-Fassade keinerlei Ideen existieren, die reales Unwohlsein kurieren könnten. Schießschartenarchitektur hat seine ganz reale bildhafte Aufgabe.

Zeitgemäße Architektur und zeitgemäßer Städtebau heute wäre einer, der die ökonomischen Bedingungen ins Auge fasst. Daraus entwickelte sich vermutlich von selbst eine Architektur, die zeitgemäß ist. Man setze den deformierten Menschen instand, und die Architektur tut dasselbe. Naturgemäß ist die Hoffnung, dass sich ausgerechnet in dem Land, das man Deutschland nennt, eine wenn auch zarte Avantgarde sich bilden werde, eine völlig und durch und durch unrealistische. Der aktuelle Wahlkampf und seine Behandlung der Gentrifizierung zeigt den Deformierungsgrad der Deformierten.

Warum die architektonische Katastrophe ausgerechnet in Deutschland und hier ausgerechnet in seinem preußischen Kernland die schlimmsten Ausmaße annimmt, lässt sich am umgekehrten Beispiel Italien deutlich machen, was demnächst in diesem Blog passieren wird.

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Von deutschen Helden

Alexander Gauland von der AfD will „stolz sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Er will offenbar die Stimmen der paar deutschen Nazis, die noch nicht AfD wählen.

Wie auch immer: Vor ein paar Tagen weilte ich, wie man sagt, im südpfälzischen Bad Bergzabern. Dort gedenkt man auf einem zentralen Platz den Helden des Zweiten Weltkriegs, also implizit den Wehrmachtssoldaten. Wenn das Helden waren, dann hat Gauland recht: Auf Wehrmachtssoldaten dürfen wir stolz sein. In der örtlichen Marktkirche gedenkt man den Helden in ähnlicher Manier. Pikanterweise ist Bad Bergzabern sechs Kilometer von der französischen Grenze entfernt und in besagtem Krieg massiv zerstört worden. Die Helden haben kurz zuvor Leningrad ausgehungert, Vernichtungskriege geführt und ganze Dörfer ab- und die Bewohner verbrannt.

Aber selbst, wenn man all die Verbrechen außen vor lässt: Worauf genau soll man bei diesen Helden stolz sein? Offenbar aufs Kriegsführen, das war ja der Job der Wehrmachtssoldaten.

Der Nazi Gauland auf der großen Bühne und die passende Infrastruktur im Kleinen: Gut möglich, dass die AfD mit solchen Sprüchen ein nicht zu unterschätzendes Wählerreservoir anzapft.

Zumindest in Bad Bergzabern.

(Foto: genova 2017)

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o.T. 386

(Fotos: genova 2017)

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Regenscheid und das Stockholm-Syndrom

Regenscheid- so heißt Lüdenscheid im Volksmund, heißt es, weil das die Stadt mit den wenigsten Sonnenstunden Deutschlands ist. Kaum zu glauben, dass es in einem Land fast ohne Sonne einzelne Städte mit noch weniger Sonne geben soll. Nachprüfen kann das niemand: Wer fährt schon nach Lüdenscheid? Ins Sauerland?

Lustig jedenfalls, was die Zeit aktuell (7.9., S. 5) über Lüdenscheid schreibt. Sie portraitiert einen CDU-Wahlkämpfer in der Stadt im August: Es regnet natürlich und kalt ist es auch.

Dann – er steht im Regen neben einer Frau, die ihn wählen soll – kommt es zu folgendem denkwürdigen Dialog:

Sie: „Haben Sie denn keinen Schirm?“

Er: „Als Sauerländer redet man nicht übers Wetter und man hat auch keinen Schirm.“

So stelle ich mir Bergbevölkerung vor: Stur, stumm, stumpf und stoffelig. Man benutzt keinen Schirm, weil man ihn dann ständig benutzen müsste, weil es ständig regnet und es dann offensichtlich würde, wie unglaublich scheiße das Wetter in Lüdenscheid ist. Die Schirmbenutzung hieße also: nachhaltige Linderung des Problems um den Preis, dass man das ganze Ausmaß des Problems erst mitbekommt und man es ständig vor Augen hat. Der Schirm als Symbol des vollständigen Scheiterns. Der Schirm als Gegenstand, der in Lüdenscheid von allen Gegenständen am dringendsten benötigt würde und der deshalb zugleich der verhassteste Gegenstand ist. Die Benutzung eines Regenschirms brächte einem Sauerländer eine Ahnung von Kultur, die leise Vorstellung von einem besseren Leben. Zumindest wäre er nicht mehr ständig nass. Und genau deshalb lehnt der CDU-Mann den Schirm ab. Der Sauerländer will in seiner vollumfänglichen Katastrophe keine Ahnung vom Besseren, er will in seinem Morast hocken bleiben. So lässt sich das Elend besser ertragen, glaubt er. Lieber bei 16 Grad und Dauerregen pitschnass werden, als mit einem Schirm sein totales Scheitern eingestehen. Nass steht man immerhin noch aufrecht und ist bei Bedarf zäh wie Kruppstahl.

Wo der Schirm als Kulturaccessoir gelten kann, wenn es hin und wieder mal regnet, in einem südlichen Land beispielsweise, ist er im Sauerland das Werkzeug weißer Folter.

Es ist ähnlich wie beim Norddeutschen, der bei 18 Grad schon über die Hitze klagt: Die wenigen Tage im Jahr mit einer halbwegs akzeptablen Temperatur könnte man genießen. Oder feststellen, dass man an rund 360 Tagen im Jahr in einer großen Scheiße wohnt. Also lässt man das Angenehme gar nicht erst an sich ran. Das ist wohl nur menschlich: Hängen die Trauben zu hoch, beginnt man sie zu hassen.

Vermutlich gibt es in Deutschland viele solcher degenerierter und vollkommen benachteiligter und vergessener Regionen und Bergregionen mit benachteiligter Natur und benachteiligten und vergessenen und tief im Innern verzweifelten Menschen. Doch statt diese grauenhaften und durch und durch lebensfeindlichen Zonen für immer zu verlassen und dadurch die eigene Situation erheblich zu verbessern und aus der Degeneration und dem Vergessen und der Benachteiligung herauszukommen, bleiben sie in diesen Löchern und Regenlöchern, reden nicht über das Katastrophale und somit über ihre Urkatastrophe und lehnen Regenschirme ab.

Der Sauerländer will also seine Benachteiligung, den Dauerregen, die allumfassende und überall und jederzeit sichtbare Katastrophe. Alles andere wäre Revolution. In Regenscheid. Und da sei Gott vor.

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