Von Germania nach Neuteutonia

Der Architekturtheoretiker Nikolaus Kuhnert in der arch+ (Nr. 229, 2017, S. 7 ff.) über die Diskussionskultur der deutschen Architekten nach 1945:

Den deutschen Architekten fehlte eine avancierte Terminologie, sie waren ausgebildet nach dem Motto der Rudolf-Schwarz-Debatte der 1950er Jahre: „Bilde Künstler, rede nicht.“

Es habe sich eine Tendenz entwickelt, die

später in der Berlinischen Architektur kulminierte, nämlich dass die Architektur autonom sei, unabhängig von den gesellschaftlichen Entwicklungen.

Das intellektuelle Vakuum, das der Nationalsozialismus hinterlassen hatte, wirkte sich in den 1950er Jahren noch überall massiv aus. Es fehlten die Worte. Und selbst ein Rudolf Schwarz, dem man zumindest architektonisch keine NS-Nähe vorwerfen kann, empfahl dem Künstler, die Klappe zu halten. Es ist wohl ein direkter Ausfluss einer Intellektfeindlichkeit, die sich aus eigenen Erfahrungen speiste. Schwarz war überzeugter Katholik, ließ sich mit den Nazis ein und übernahm 1941 die Stelle des Landesplaners für Lothringen. Reden kann da im Nachhinein auch belastend wirken.

Dieses Nichtreden, sich Nichtauseinandersetzen als typisch rechtes Phänomen, wo eine Autorität die Richtung vorgibt, zeigte seinen Ausfluss also in der Berlinischen Architektur der Nachwendezeit, dem steinernen Berlin. Daniel Libeskind hat dieser Architektur damals folgerichtig einen Faschismusbezug unterstellt, Neuteutonia.

Dieses dümmliche steinerne Berlin, das bewusst oder unbewusst an Preußens Gloria anknüpfte als Folge des Nationalsozialismus. Geschichte wirkt.

Interessant wäre es, einen Bezug zum Begriff der autonomen Architektur insgesamt herzustellen. Aldo Rossio war bekanntlich ein Verteter dieser Haltung: Architektur als Typologie, die man nur minimal verändert, die gesellschaftliche Bedürfnisse ignoriert oder vorgibt, sie schon zu kennen, ohne viel Gerede.

Autonome Architektur als absurder Begriff. Architektur ist niemal autonom, wie überhaupt der Begriff der Autonomie zwangsläufig ins Rechte hineinragt. Gesellschaften sind interdiszplinär und selbst Nordkorea ist nicht autonom. Den Begriff der autonomen Architektur könnte heute ohne weiteres die neue Rechte übernehmen, beispielsweise argumentierend, dass es eine autonome deutsche Architektur gebe, mit einem genius loci und einem genius germaniae. Für die Nutzer interessiert sich die neue Rechte nicht, vermutlich so wenig, wie sich Rossi dafür interessiert hat.

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„Geht weg wie geschnitten Brot“

Die Berliner Grünen-Politikerin Lisa Paus, Finanzexpertin, berichtet im Tagesspiegel-Interview über die Strukturen im Berliner Wohnungsmarkt. Nichts wirklich Neues, aber dafür anschaulich dargestellt. Kurzversion: Der Wohnungsmarkt ist mithilfe der Politik zu einem reinen Warenmarkt geworden, der unabhängig vom Ort gehandelt wird. Für die Wohnungssuchenden ist der Immobilienmarkt nach wie vor immobil, für das Kapital wird er in der Handlungspraxis mobil. Wohnen als Geldanlage.

Außerdem wurden über Fonds und Verbriefungen seit den 80ern zunehmend Immobilien und Boden komplett losgelöst vom eigentlichen Ort handelbar gemacht. So wurde Wohnraum zur Ware gemacht und dem Prinzip der Renditemaximierung unterworfen. Entkoppelt vom konkreten Bedarf in Berlin.

Der US-Milliardär Warren Buffett ist dafür bekannt, dass er erst dann in Märkte reingeht, wenn er davon ausgeht, über 20 Prozent Rendite machen zu können. Seit Anfang dieses Jahres ist er am Berliner Markt aktiv. Wir konnten den Geschäftsführer seiner deutschen Real Estate Gesellschaft kürzlich für unser Fachgespräch zum Thema Immobilienspekulation gewinnen. Das war sehr interessant, denn er bestätigte, dass Buffett dieses Kriterium für den Berliner Immobilienmarkt als erfüllt ansieht, und deshalb jetzt hier aktiv ist.

Warren Buffet ist der, der vor einigen Jahren ganz offen zugegeben hat, dass in Amerika ein Klassenkampf herrscht und seine Klasse sei dabei, ihn zu gewinnen.

Buffet engagiert sich derzeit vor allem beim studentischen Wohnen:

Wer kauft Studentenwohnungen?
Das Angebot richtet sich insbesondere an chinesische und andere asiatische Käufer. Für die asiatischen Investoren ist gar nicht so wichtig, ob sich das sofort rechnet oder nicht. Sie haben erstmal wieder Geld sicher in Europa geparkt. Und vielleicht studiert irgendjemand aus der Familie wirklich in Deutschland. Wenn nicht, ist es eine Anlage. Offenbar geht das weg wie geschnitten Brot. Dazu kommen die Steuerschlupflöcher. Deutschland ist ein Steuerparadies für Immobilieninvestoren.

Das Zauberwort heißt hier share deals, was bedeutet:

Ich kaufe eine Immobilie nicht direkt, sondern eine Gesellschaft, der die Immobilie gehört. Wenn ich weniger als 95 Prozent dieser Gesellschaft kaufe, wird keine Grunderwerbssteuer fällig.

Trotzdem muss ich zumindest Körperschaftssteuer auf meine Gewinne zahlen, die an die Gemeinden gehen.
Nicht unbedingt. Wenn ich die umgehen will, kann ich über Zinszahlungen einen Gewinn von bis zu drei Millionen Euro, etwa nach Luxemburg verschieben.

Wie funktioniert das?
Die Luxemburger Muttergesellschaft gibt einer Berliner Tochtergesellschaft für 4000 Wohnungen einen Kredit zu einem fiktiven Zinssatz zu 15 Prozent. Bei einem Neuvermietungspreis von zehn Euro pro Quadratmeter könnten die gesamten Mieteinnahmen von 4000 Wohnungen, die 75 Quadratmeter haben, auf null Euro Gewinn und damit null Euro Steuern gesenkt werden. Schon sind drei Millionen Euro Gewinn als Zinsen nach Luxemburg verschoben – ganz legal.

Ganz legal, so geht das.

Paus räumt mit der seit Ewigkeiten auch von der SPD gestreuten Legende auf, man brauche dringend Investoren, die Kapital mitbringen, sonst könne man nicht bauen:

Als Gegenargument gegen stärkere Regulierungen gilt, dass dann das Kapital für dringend benötigten Wohnungsneubau fehlt.
Wir haben momentan keinen Mangel an Kapital. Im Gegenteil. Wir haben aber einen Mangel an sinnvollen Investitionen. Unternehmen bauen das, was Rendite bringt. Und das sind hochpreisige Eigentumswohnungen. Der Staat investiert dagegen zu wenig in soziale Infrastruktur, Bildung oder eine neue Wohnungsgemeinnützigkeit, wie wir vorschlagen.

Die Wiener Politik betont diesbezüglich offen, dass private Wohnungsinvestoren nicht erwünscht sind. In Berlin waren es Diepgen und Wowereit, die bei der Kapitalisierung des Berliner Wohnungsmarktes ganz vorne dabei waren. Letzterer galt dem sogenannten Hauptstadtjournalismus immer als wichtiger Vertreter des linken SPD-Flügels. Was soll man dazu sagen?

Wenn man schon kapitalismusaffin argumentiert, dann ist der springende Punkt: Kapital zu niedrigen Zinsen gibt es wie Sand am Meer. Die Herrschenden präferieren dagegen Kapital, das sich am besten mit 20 Prozent verzinst. Es ist eine Politik der herrschenden Klasse gegen den Rest. Das nicht erklärte Ziel ist, Reiche reicher und Arme zahlreicher zu machen. Man könnte theoretisch also mit weniger Zinseinkünften zufrieden sein. Aber es widerspräche der kapitalistischen Logik, nicht das Maximale herauszuholen. So wie man der Näherin in Bangladesch eben nur 1,50 Euro am Tag bezahlt und sich mit allen Mitteln wehrt, ihr 1,70 Euro zu bezahlen. Nicht, weil dann der Kapitalismus zusammenbräche, sondern weil es geht.

Der Tagesspiegel schätzt, dass runde zehn Prozent der jährlich im Berliner Wohnungsmarkt umgesetzten 250 Milliarden Euro der Geldwäsche dienen. Auch hier hat die Politik offenbar ein Interesse daran, dass das so bleibt. Italienische Staatsanwälte fordern seit Jahren von der deutschen Politik, diesbezügliche Gesetze zu verschärfen. Es passiert nichts. Warum wohl?

Nach zehn Jahren intensiver Diskussion über Gentrifzierung in Berlin mit all den bekannten Fakten kommt nun Warren Buffet, weil er seine 20-Prozent-Forderung als erfüllt ansieht. Zehn Jahre, die die Politik in Berlin und in Deutschland zur rhetorischen Beruhigung der Lage genutzt hat und aktiv dazu, um Leuten wie Buffet die 20 Prozent zu ermöglichen. Das ist es egal, ob die Partei CDUSPDGRUENENPDLINKEAFDFDP oder sonstwie heißt. Es ist eine systemischer Defekt, der ansteckend ist. Deutschland ist ein Steuerparadies für Immobilieninvestoren.

Man kann die Gelbwesten in Frankreich schon verstehen: Luxusläden und Luxusautos demolieren, was offenbar vor allem die machen, die als brave Familienväter bislang noch nie aufgefallen sind: Mit diffuser Wut im Bauch das verhasste System angreifen. Dazu muss man nicht Marx gelesen haben. Die Konfrontation mit der durch und durch perversen Praxis reicht. Dass dabei ein paar Cent mehr fürs Benzin der Anlass sind, ist für viele – für mich auch – unverständlich. Aber es ist egal, ob ich das verstehe. Man sollte diese Proteste aus Prinzip unterstützen, zumal sich nun alle möglichen anderen Gruppen anschließen.

Protest, Meinungsvielfalt, Widerstand wurde längst kapitalistisch eingehegt. Man will den scheinbar aktiven Bürger, der sich engagiert. Vielleicht hilft in der Tat nur Krawall.

Deutschland als kapitalistisches Täterland hält naturgemäß die Füße ruhig. Die Deutschen sind nach wie vor devot und führeraffin. Die Außenhandelsbilanz dürfte im laufenden Jahr die 300-Milliarden-Euro-Grenze überschreiten. Frank Bsirske hat AKK zur gewonnenen Wahl gratuliert. Man sollte sich fremdschämen.

Ich vermute, Buffet selbst ist der letzte, der sich über die Krawalle wundert.

(Foto: genova 2018)

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Das asoziale Deutschland und die Zimtbrötchen

Berliner kennen die Biobäckerkette Beumer und Lutum. Die suchen des öfteren Bäckereifachverkäufer. Zum Gehalt der auf ein Jahr befristeten Stelle steht da:

Der Stundenlohn bewegt sich je nach Erfahrung im Verkaufsbereich zwischen 9,15 und 10,20 Euro.

Das bedeutet bei einer avisierten 35-Stundenwoche einen Bruttolohn von 1.450 Euro pro Monat, wovon netto 1.085 Euro übrig bleiben. Fairerweise erwähne ich die Zuschläge:

Sonn- und Feiertagszuschläge werden bei sozialverischerungspflichtigen Arbeitsverhältnissen gewährt, sowie Urlaubs- und Weihnachtsgeld ab dem zweiten Jahr

Nehmen wir also großzügig an, dass die Fachverkäuferin öfter sonntags arbeitet und auf netto 1.150 Euro kommt.

In Frankreich liegt der Mindestlohn übrigens bei 9,88 Euro. Das ist ein Grund neben anderen, der zu den aktuellen Aufständen führt. Hierzulande ist man naturgemäß devot und führeraffin.

In dem mir bekannten Filialen von Beumer und Lutum finde ich die Arbeitsplätze unangenehm: Ein enger Raum hinter der Verkaufstheke, wo man kaum aneinander vorbeikommt, es werden die Laufkunden bedient, zusätzlich die Gäste des angeschlossenen Cafés und außerdem kocht man noch das Mittagessen. Sozialstress. Alles recht hochpreisig, ein Brötchen in Zimtausführung beispielsweise kostet einen Euro. Aber für Bio zahlt man, wie man sagt, ja gerne mehr.

Die Beumer-und-Lutum-Bäckereien sind teilweise in EG-Ladengeschäften in schönen Altbauten in günstigen Kreuzberger Lagen angesiedelt. Man kann über die Mietpreise nur spekulieren, aber die Annahme von 25 Euro kalt für einen Quadratmeter dürfte nicht unrealistisch sein.

Die Mieten in der Gegend und in den weitesten Teilen Berlins liegen so, dass die Verkäuferinnen und Verkäufer für eine angenommene Wohnung mit 40 Quadratmetern bei Neuvermietung warm mit 800 Euro rechnen müssen. Nicht für etwas Luxuriöses, sondern standardsaniertes. Blieben also 350 Euro zum Leben, aber auch nur bei Sonntagsarbeit. Diese Verkäufer wären nicht einmal aufstockerberechtigt, denn dem Amt wäre die Wohnung zu teuer. Man bekäme vermutlich mitgeteilt, dass man sich eine billigere Wohnung suchen solle. In Frankfurt an der Oder gebe es sicher noch etwas.

Es gibt in diesem Modell also eine Person, die viel Geld verdient. Und das ist exakt die eine Person, die nicht arbeitet: Der Ladenbesitzer. Warum das Zimtbrötchen einen Euro kostet, wissen wir jetzt auch.

So geht Kapitalismus, so geht Ausbeutung. Wer andere für sich arbeitet lässt, kommt zu einem Vermögen. Die Arbeitenden finden keine Wohnung.

Wie asozial die Verhältnisse in Deutschland sind, kann man also beim Gang zum Bäcker feststellen. Wie erfolgreich die neoliberale Gehirnwäsche funktioniert, daran, dass wir diese Verhältnisse beim Gang zum Bäcker für nicht änderbar halten.

(Foto: genova 2017)

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Das Prinzip des Waldes in der Architektur

Das ehemalige Straßenbauministerium und die jetztige Bank of Georgia in Tiflis:

Das Gebäude ist von 1975, nicht, wie man annehmen könnte, fünfzig Jahre älter, denn es ist eine offensichtliche Aneignung des Wolkenbügels von El Lissitzky. Vielleicht dachten die Architekten auch an strukturalistische Architektur, wobei das Gebäude auch ein wenig nach Aufmerksamkeitserheischung aussieht. Es liegt an einem steilen Hang, was beim Blick nach oben einen recht eindrücklichen oder gar ehrfürchtigen Eindruck erzeugt.

Viel Licht, viel überraschende Eindrücke, viel ungewohnte Perspektiven kann man sicher erwarten, wenn man darin umherspaziert und der Blick von innen auf den Fluss und die Stadt sind sehenswert.

Wikipedia schreibt zur Entwurfsidee:

Der Entwurf basiert auf einem in Georgien patentierten Muster, der sogenannten Raumstadt. Idee ist es, durch die Aufständerung weniger Grundfläche zu verbrauchen, so dass der Raum unter dem Gebäude der Natur zurückgegeben werden kann. Nach Angaben des Architekten beruht das Konzept auf dem Prinzip des Waldes, die Gebäudekerne entsprechen den Baumstämmen, die Riegel den Baumkronen. Zwischen Grund und der Baumkrone gibt es offene, lichte Freiräume. Die Anwendung dieses Prinzips auf das Gebäude soll zum psychischen Wohlbehagen und dem Wohlbefinden der Nutzer beitragen.

Stämme, Kronen, lichte Freiräume: Solche Analogien sind schnell gefunden. Ob sie taugen, steht auf einem anderen Blatt. Ein Wald funktioniert in erster Linie nicht formal, sondern durch komplexe Austausch- und Erneuerungsverhältnisse. Insofern müsste an die Architektur ein wesentlich höherer Anspruch gestellt werden als nur die Erkennbarkeit von Stamm, Krone und lichtem Freiraum.

Es bleibt die Innovation, dass ein Gebäude kein massiver Block sein muss, dass in Bezug auf Licht- und Sichtverhältnisse solche Art von Architektur wegweisend sein könnte. Diese Wolkenbügelarchitektur biete die Gelegenheit, die Form von innen, von den Bedürfnissen her zu entwickeln. Aber auch hier droht die Form aus rein ästhetischen Aspekten hinter der Funktion zurückzutreten.

Für diese Vermutung spräche, dass die „offenen, lichten Freiräume“ bloß optisch nutzbar sind. Es gibt keine Balkone, der Freiraum wird nicht praktisch eingesetzt.

Das, was später die Dekonstruktivisten von Hadid bis Libeskind im Wohnungsbau unfreiwillig vorführten, könnte im Wolkenbügel in Tiflis strukturell angelegt sein: Das Primat der Form, das Gefallenwollens, hinter dem der Nutzer zurücktritt.

Man müsste sich intensiver mit solch einem Bau befassen. Es sei hier lediglich auf die Gefahr der Blendung hingewiesen.

(Fotos: genova 2017)

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Zwei Symbolfotos zum gegenwärtigen Zustand Italiens preisgünstig abzugeben

Mögliche Schlagwörter wären: „am Abgrund, einsturzgefährdet“ und „schick, aber lädiert, Sackgasse“.

Den Rest überlasse ich der Phantasie des respektive der Ersteigernden.

Angebote wie immer per Mail und VHS.

(Fotos: genova 2018)

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Mit Verstand und Gefühl noch nicht erfasst

Unsere Welt, die infolge der technischen Erfindungen wie Flugwesen, drahtlose Telegraphie, Radio usw. eine innige Verbindung der Länder und Völker haben müsste, zeigt das Gegenteil, die totale Zerissenheit, die sich in der Seele jedes Erdbewohners widerspiegelt und ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Selbst der Kodex einfachster Moral ist verlorengegangen.

Über die Menschen ist eine soziale und technische Entwicklung hinweggegangen, die sie mit ihrem Verstand und Gefühl noch nicht erfasst haben. Sie können es nicht, weil ihnen die dazu notwendigen Formen des Denkens und Fühlens fehlen.

Klingt aktuell, ist aber von 1937.  Das schrieb der Architekt Bruno Taut in seiner Architekturlehre in der Türkei. Der Text zeigt, dass Globalisierung nichts Neues ist, wie man uns heute gerne weismacht, und auch nicht das Problem. Damals wie heute sind wir einerseits mit technologischem Fortschritt und einem Zusammenrücken der Welt konfrontiert, das aber nur noch ungenügend zivilisatorisch abgesichert wird. Statt Zivilisation gebärdet sich das Kapital, die Folge sind faschistische Entwicklungen in allen Teilen der Welt. Und heute die gleiche Merkwürdigkeit wie damals: Auf Zumutungen des Kapitals hin wird gefordert, die Zumutungen zu verschärfen. In Brasilien will der neue Präsident den Regenwald schneller zerstören. Favelabewohner stimmen zu, weil man ihnen offenbar weisgemacht hat, sie hätten etwas davon.

Das Probem ist also nicht das Zusammenrücken, sondern die Haltung, dass dies nur mit einem Abbau von Zivilität machbar sei. Diese Argumentation vertritt das sogenannte Establishment, es vertreten die üblichen Parteien und jemand wie der neue Shootingstar, der Grüne Roland Haferbeck (oder so ähnlich), fordert auf rein theoretischer Ebene die Handlungsfähigkeit der Politik zurück, ohne irgendeinen ernsthaften Ansatz zu präsentieren. Aber das erwartet man von den Grünen auch nicht mehr.

Es bräuchte naturgemäß eine Entmachtung von google und weiterer schätzungsweise 100 großer Konzerne wie es das Einziehen des Stiftungsvermögens von Bill Gates bräuchte, das aus legal geklautem Geld besteht. Statt diese notwendigen Schritte anzugehen, macht man die Genannten stärker so wie der Alkoholiker die Dosis erhöht.

Globalisierung ist, damals wie heute, von neoliberaler Politik gekennzeichnet. Es geht einzig darum, dem Kapital immer weitere Verwertungsquellen zu erschließen. Das funktioniert gut, indem einerseits man Nationalstaaten faktisch entmachtet, indem man dem Kapital anbietet, möglichst steuerfrei dorthin zu gehen, wo die Rendite am höchsten scheint. Und andererseits, indem man dem Kapital innerstaatlich diese Verwertungsquellen schafft. Das nennt man euphemistisch Privatisierung, und die Entwicklung im Gesundheitssektor veranschaulicht beispielhaft, wie der Staat im Kapitalismus einzig die Aufgabe hat, diese Verwertungsquellen zu generieren.

Die taz schreibt:

In den Gesundheitssektor hat unsere Gesellschaft bislang einen Teil ihres Reichtums investiert, zum Wohle aller. Das Gesundheitswesen war ein wichtiger Teil des Sozialsystems. Nun zieht sich der Staat zurück und macht Platz für Investoren. Das Gesundheitswesen wird zu einem Wirtschaftszweig, in dem ganz andere Gesetze gelten als in einem Sozialsystem. Die Gesundheitswirtschaft wird zur Quelle neuen Reichtums für Investoren, die dorthin gelockt werden durch hohe Renditen von mehr als 10 Prozent, wie sie zurzeit in keinem anderen Wirtschaftszweig auch nur annähernd winken. Die Marktwirtschaft verliert hier ihr soziales Mäntelchen.

Zehn Prozent, die die Kranken bezahlen. Einen Teil des Reichtums zum Wohle aller investieren, das ist von gestern. Die Perversion des Systems ist damit ganz gut beschrieben. Es ist aus ideologischen Gründen nicht möglich, Geld verwertungsfrei zu investieren. Der Grund, dass es gut für Menschen wäre, ist ein renditefreier, insofern nicht Ernst zu nehmen. Geld wird entweder für einen Ferrari ausgegeben oder es wird zu Kapital. Alles andere ist aus dem Denken gestrichen. Geld als Fetisch.

Und die taz berichtet im selben Artikel über die Privatisierungswelle bei Krankenhäusern,

die inzwischen solche Ausmaße angenommen hat, dass Deutschland heute mit der Zahl der privatisierten Krankenhausbetten an der Spitze in der Welt steht, noch vor den USA.

Die Deutschen machen naturgemäß alles gründlich.

Der Artikel, von Bernd Hontschik geschrieben und sehr lesenswert, bringt am Ende das Problem auf den Punkt:

Dieser Deformationsprozess hat Ursachen, die außerhalb des Gesundheitswesens und außerhalb der Humanmedizin gesucht werden müssen und zu finden sind. Er ist Teil einer Umwälzung, von der ausnahmslos alle Sozialsysteme in unserer Gesellschaft betroffen sind.

In einfachen Worten kann man das so dechiffrieren: Nicht mehr der Kranke ist Gegenstand der Medizin, der Heilkunst, sondern die Krankheit ist Gegenstand eines Programms; um es genau zu sagen: eines profitablen Wirtschaftsprogramms. Das ist die Konkretion der Verwandlung des Gesundheitswesens in eine Gesundheitswirtschaft.

Das Krankenhaus dient nicht der Gesundung, sondern der Rendite, wie auch die Wohnung nicht dem Wohnen dient, sondern der Rendite. Das gleiche gilt für jeden privatisierten Bereich. Es ist die völlige Perversion des Sozialen. Da helfen keine Argumente, es ist strukturell ähnlich wie bei Nazis 1944. Dass der Kamerad Friedrich Merz wieder aufgetaucht ist, zeigt, wie sehr man sich dieser Perversion verschrieben hat. Bei Merz wird die totale Rendite von der deutschen Leitkultur flankiert. Die braucht man, um das Unwohlsein, das bei der Praxis der Renditemaximierung zwangsläufig entsteht, in Bahnen zu lenken.

Erfolgreich sind heute Parteien, die entweder sich ins faschistische Fahrwasser begeben und dahin den autoritären Typus mitnehmen oder die, die Wähler anziehen, die auf ein gutes Gewissen wertlegen, wobei sich aber real nichts ändern darf. Auf keinen Fall ernsthaft das Problem angehen. Das wäre der Todesstoß, der nicht von geheimen Diensten vorgenommen werden müsste, sondern den die Masse freiwillig erledigte. Je absurder die Situation, desto klammaffenartiger hält man daran fest.

Der Kodex einfachster Moral ist verlorengegangen: Wer würde das bestreiten, wenn er die Nichtsteuerzahlungen der Konzerne in Europa betrachtet. Oder das 150-Milliarden-Dollar-Vermögen von Jeff Bezos mit den Zuständen in seinen Lagerhallen vergleicht? Von Wohnungen als Spekulationsobjekt ganz zu schweigen. Und die Menschen können das nicht erfassen, weil ihnen die notwendigen Formen fehlen, was ich heute als Produkt neoliberaler Gehirnwäsche interpretieren würde.

Der Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer sagte kürzlich zum Thema:

Der Glaube an den selbstverständlichen dauerhaften Bestand liberaler Demokratiemodelle war schon seit Langem ein Irrtum. So wie Fukuyamas These vom Ende der Geschichte ein Irrtum war. Das habe ich 2001 schon geschrieben und mich vor allem auf meinen Kollegen Ralf Dahrendorf bezogen. Der hat schon 1997 gesagt: Wir stehen wahrscheinlich am Beginn eines autoritären Jahrhunderts. Er hat das mit dem Bild der Quadratur des Kreises sehr anschaulich beschrieben: Man müsse die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit erhalten, soziale Integration sichern und die politische Beteiligung in freien Institutionen ermöglichen. Seine These war: Alles drei zusammen geht nicht. Es war die Frage: An welcher Stelle wird es gefährlich? Meine These war 2001: Bei sozialen Desintegrationsprozessen, Kontrollverlusten und Demokratieentleerung. Das Kapital setzt sich durch und erzeugt riesige politische Folgeprobleme, die gegen die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie gerichtet werden.

Demzufolge schafft sich eine liberale Demokratie, die die Übermacht des Kapitals zulässt, selbst ab.

Wir haben die Wahl: Konservative Revolution auf der einen und Simulation einer besseren Welt auf der anderen Seite.

Taut war, als er das obige 1937 schrieb, schon im Exil. Wir haben noch ein wenig Zeit.

(Foto: genova 2010)

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Die Süddeutsche Zeitung und ihr Verhältnis zur Gewalt

Nett: Die Süddeutsche Zeitung propagiert in einem Artikel über die Häuserkämpfe der 1980er Jahre in der Hamburger Hafenstraße mehr oder weniger offen „brennende Barrikaden“ als legitime „Waffen“ gegen Gentrifzierung. Und (27.10., S. 19):

Wenn Eigentum keine soziale Verpflichtung mehr begleitet, so die Parole, wird Recht zu Unrecht. Mit diesem ziemlich überzeugenden Argument begann Ende der Siebzigerjahre die große Hausbesetzerzeit in Deutschland.

Die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht ist in einem kapitalistischen Land naturgemäß eine zweischneidige Sache. Der hiesige Rechtstaat ist ein sicherlich einigermaßen funktionierendes Gebilde, doch ist der Artikel 14 GG einer, an dessen konsequente Auslegung sich deutsche Gerichte nicht herantrauen. In Absatz 3 heißt es:

Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt.

Nähme unser merkwürdiger Rechtsstaat diesen Absatz ernst, gäbe es keine Gentrifzierung. Der überwiegende Teil der Mietshäuser in den Metropolen wäre schon längst enteignet – zum Wohle der Allgemeinheit. Doch es steht halt die kapitalistische Verwertungsmaschine über dem Rechtsstaat. Kapitalismus, so kann man wohl sagen, ist nur gegen einen ernstzunehmenden Rechtsstaat wie auch gegen eine ernstzunehmende Demokratie zu haben.

Die Mieter der einstmals besetzten Häuser in der Hafenstraße profitieren noch heute vom Häuserkampf. Die Süddeutsche nennt als Beispiel eine Warmmiete von 442 Euro für 78 Quadratmeter. Mitten in Hamburg, nicht in Vorpommern. Ringsherum seien „astronomische Wohnkosten“ die Regel. Briegleb bilanziert:

Das legt ziemlich eindeutig offen, welchen Anteil der Profit  der Eigentümer mittlerweile an der Miete ausmacht.

Die oben genannte Miete beträgt 5,66 Euro warm pro Quadratmeter. Für eine Neuvermietung in der Hafenstraßengegend legt man vermutlich das Dreifache auf den Tisch. Es ist eine gigantische Ausbeutung, die hier Monat für Monat fast widerstandsfrei ausgeführt wird.

Wohin diese Ausbeutung führt, zeigte kürzlich ein Artikel des Tagesspiegel über die Verschuldung von Privathaushalten:

Ursache für die zunehmende Verschuldung seien unter anderem die hohen Wohnpreise. Die Entwicklung von Einkommen und Wohnkosten habe sich gerade in strukturstarken Regionen wie den Großstädten entkoppelt. Während die Kaufkraft nur noch langsam zulege, erhöhten sich die Kosten für Mieten und Immobilien in großen Schritten. Im Schuldenatlas von Creditreform heißt es dazu: „Wohnen ist zumindest in deutschen Großstädten zum Armutsrisiko, in jedem Fall zum Überschuldungsrisiko geworden.“ Gleichzeitig warnte die Studie davor, dass die, durch hohe Wohnkosten verursachte, Überschuldung erst zeitverzögert sichtbar sein werde, auch falls der Immobilienboom nachlasse.

Und:

Besonders stark betrifft diese Entwicklung Senioren ab 70 Jahren. 263.000 von ihnen sind verschuldet – 35 Prozent mehr als im Vorjahr. Ähnlich sieht es bei den 60 bis 69-Jährigen aus.

Das zeigt, dass das Problem der Altersarmut nicht ohne den Blick auf Mieten gelöst werden kann. Würden alle Rentner, die zur Miete wohnen, nur noch die anfälligen Kosten bezahlen, bräuchte man sich über die Höhe der Renten weniger Gedanken zu machen. Aber auch hier gilt: Die Kapitalrendite muss stimmen, alles andere ist Geplapper eines Staates, der sich aus Propagandazwecken sozial nennt.

Brieglebs Hoffnung am Ende des Artikels in der Süddeutschen:

Vielleicht wird die stille Wut auf solche Art Scheinpolitik wieder zu radikalisierten Bevölkerungsschichten führen, die grundsätzliche Fragen zur sozialen Verfplichtung von Eigentum stellen. Das Erfolgsmodell der Hafenstraße zeigt, dass dass Recht auf erschwingliches und selbstbestimmtes Wohnen in den Städten ohne organisierten Widerstand kaum zu erringen ist.

Natürlich ist dieser Artikel in unserer neoliberal verseuchten Zeit nur ein weiterer, der ohne jede Folge bleiben wird – und er steht im Feuilleton, wo man sich gerne ausprobiert. Aber es ist doch so bemerkenswert wie angenehm,  wenn eine bürgerliche Zeitung kaum verhohlen zur Widerstand aufruft, der im Kontext Gewalt nicht ausschließt.

Radikalisierte Bevölkerungsschichten sind allerdings eher zu erwarten, wenn es gegen das Fremde geht und überhaupt darum, gegen Leute zu treten, die auf der Leiter weiter unten stehen. Wir stehen nach 30 Jahren massiver neoliberaler Propaganda auf einer geistigen Entwicklungsstufe, die vielleicht tatsächlich mit den frühen 1930er Jahren zu vergleichen ist. Die politische Linke ist offenbar nur noch als rein kulturalistische oder rein reaktionäre zu haben und das Ökonomische wird in den Hinterzimmern der herrschenden Klasse verhandelt. Um 2008 blitzte im Zuge der Finanzkrise kurz Kapitalismuskritik und Marx auf, doch das ist schon lange vergessen. Wirtschaftliche Ausbeutungsverhältnisse werden heute mehr denn je als Naturverhältnisse betrachtet. Auch die Migrationsfrage wird von weiten Teilen der Linken ohne jeden ökonomischen Sachverstand behandelt. Bei Teilen der Linken ist jenes Niveau vorherrschend, das sich in den Diskussionen um gendergerechte Schreibweise – *innen u. ä. – ausdrückt. Dummheit schwimmt oben.

Marx würde sich im Grabe umdrehen.

Und es passt auf der anderen Seite ins Bild, wenn Friedrich Merz die AfD als nationalsozialistisch bezeichnet. Gut möglich, dass er recht hat, aber ein Neoliberaler wie er sollte sich bedeckt halten. Nazis zu kritisieren, ist keine Kunst. Kein Faschismus ohne Neoliberalismus wäre das Thema, das heute diskutiert werden müsste.

Mit oder ohne brennende Barrikaden.

(Foto: Cecile Douard, „Le terril“, 1898; abfotografiert im Boverie-Museum in Lüttich, genova 2018)

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Italia moderna – uno

Was man an einem Tag gemütlichen Umherfahrens in der Po-Ebene nebenbei an moderner Architektur aus der zweiten Reihe geboten bekommt:

Ein aus mehreren Kuben zusammengesetztes Gebäude mit einem modernen, verglasten Kubus in der Mitte. Jede einzelne Box hat eine offen verglaste Seite und eine, die mit Ziegeln geschlossen ist. Es ist die typische Mischung, die die Bauhaus-Moderne verarbeitet, ohne sie absolut zu setzen. Das Interessante ist, dass alle vier Boxen mit horizontalen Fensteröffnungen versehen sind, es gibt keine Sockel, kein Ornament, dafür gibt es Flachdächer. Die Grundausrichtung ist eindeutig modern. Auch der weitläufige Eingangsbereich und die Freiflächengestaltung sind nicht beengt oder burgartig, sondern großzügig angelegt.

Der Komplex ist ein schönes Beispiel für eine Architektur, die das (damals) Zeitgenössische aufnimmt und verarbeitet – also die Kritik an moderner Architektur und die heraufziehende Postmoderne – ohne sich geschmäcklerisch, nihilistisch oder regressiv zu gebärden.

Radikale Architektur: Ein streng gerastertes zweistöckiges Gebäude, das massiv in die Breite gezogen ist. Die vertikalen Fenster geben dem Ganzen einen konservativen Touch. Es ist sozusagen ein Vorläufer der aktuellen Schießschartenarchitektur, ohne den klassizistischen Bezug. Die vertikale Struktur, eine Art Pilaster, ordnet die komplette Fassade. Sie ist streng, aber modern. Streng vertikal in der Struktur, streng horizontal im Verhältnis von Höhe und Breite. Trotz der Strenge herrscht eine gewisse Leichtigkeit vor, die sich aus mehreren Tatbeständen ergibt: Die vertikalen Fenster sind nicht gleichmäßig angeordnet, außerdem stehen sie in Gegensatz zu den kleingerasterten Fenstern und schließlich zu Flächen ohne Öffnungen. Außerdem korrespondieren die roten Fenster mit dem roten Zaun.

Das Gebäude besticht, wie man sagt, durch seine radikale Grundhaltung und durch seine Konsequenz. Der Architekt konnte seine ästhetische Idee offenbar durchziehen, ohne dass ein kleinkarierter Bauherr für Verwässerung gesorgt hätte. Schön auch der Firmenname auf dem Dach, der höhenmäßig in die Fassade integriert wurde.

Ein langgestrecktes Gebäude eines Heimwerkermarktes mit einer burgähnlichen Eingangssituation und einem langgestreckten Volumen mit kleinteiligen quadratischen Sprossenfenstern, die an das typologiebetonte Bauen von Aldo Rossi und Oswald Matthias Ungers erinnern. Der Sockel ist lediglich farblich abgesetzt und diese Absetzung wiederholt sich im zweidimensionalen Gesimsansatz oben.

Das erfrischende an den gezeigten Sachen ist schlicht die Konsequenz der Umsetzung. Man erkennt die Zeichen der Zeit und man erkennt die Abneigung des Kompromisses. Geschmäcklerische Kritik daran ist überflüssig wie geschmäcklerische Kritik generell überflüssig ist.

Der dümmste Satz überhaupt lautet: Das gefällt mir nicht.

Fortsetzung folgt.

(Fotos: genova 2018)

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Sozialdarwinismus: Von Extremisten in der Mitte

Zwei Kolumnen des erzneoliberalen Wirtschaftsredakteurs Nikolaus Piper in der Süddeutschen Zeitung, die die Denkart dieser Leute aufzeigen. Kurz gesagt: Das rationale Denken wird irrational und deshalb zeigen solche Leute strukturelle Ähnlichkeiten mit religiösen Extremisten und Rassisten. Leider sind die Pipers immer noch gesellschaftlich anerkannt.

In beiden Kolumnen geht es um die Wohnungsfrage. Piper analysiert das Problem zu Beginn richtig:

Die Explosion der Mieten in den Städten ist die große soziale Frage der Gegenwart. Wenn eine Durchschnittsfamilie 40 Prozent ihres Nettoeinkommens und mehr für Miete ausgeben muss, ist das nicht mehr nachhaltig. So entsteht soziale Not.

In dem zweiten Artikel beschäftigt sich Piper mit der demografischen Entwicklung in Deutschland und konstatiert auch hier:

Derzeit sind in Deutschland steigende Mieten eines der größten Armutsrisiken.

Was tun? Es geht hier weder um eine Naturkatastrophe noch um ein fremdes Land, das uns mit Atombomben malträtieren will. Man könnte nun zu dem Ergebnis kommen, dass der Mensch in der Lage ist, sinnvolle, am gemeinen Wohl orientierte Lösungen zu finden. Voraussetzung des Denkens sollte in diesem Fall sein: Günstige Wohnungen für alle sind produktivitätstechnisch und volkswirtschaftlich im 21. Jahrhundert kein Problem mehr. Das zu bestreiten wäre auf dem Niveau einer Verschwörungstheorie.

Piper ist diese Voraussetzung egal.

Die Mieten steigen laut dem sogenannten Wirtschaftsredakteur,

ganz einfach deshalb, weil die Nachfrage das Angebot bei Weitem übersteigt. Das hat drei Gründe: Erstens wollen immer mehr Menschen in die Städte, zweitens braucht es Zeit, um neue Wohnungen zu planen, genehmigen zu lassen und zu bauen. Und drittens: Grund und Boden lassen sich nicht vermehren, wie hoch auch immer die Nachfrage ist.

Zu dem ersten Grund führt Piper noch aus:

Wenn man den demografischen Hintergrund der Wohnungsmisere zur Kenntnis nimmt, dann bedeutet das nicht Resignation, sondern Pragmatismus. Das kann einiges Gift aus der Debatte nehmen. Der Kapitalismus ist nicht schuld an der Wohnungsnot, es sind auch nicht die Spekulanten (auch wenn viele an ihr verdienen). Schuld sind langfristige demografische Veränderungen, die man, wenn überhaupt, nur auf sehr lange Frist ändern kann.

Dreimal falsch.

  1. Der Bevölkerungszuwachs in Berlin beträgt weniger als ein Prozent pro Jahr. Es wäre ein Klacks, die nötigen Wohnungen günstig zu bauen. Ein knappes Prozent pro Jahr sind für Piper also demografische Veränderungen, die die Mietpreisexplosionen zur Folge haben. Gibt es bei der SZ niemanden mehr, der sowas gegenliest?
  2. Gentrifizierung war schon vor zehn Jahren in Berlin ein großes Thema. Passiert ist seitdem nichts, außer dass die Mieten weiter massiv gestiegen sind.
  3. Grund und Boden lassen sich in der Tat nicht vermehren, was aber nur bei massiver neoliberaler Indoktrination zur Vertreibung von Menschen führen muss. Abgesehen davon zeigt das geringe Bevölkerungswachstum Berlins, dass das größte Problem vermutlich – genaue Zahlen dazu gibt es nicht – Zweit-, Dritt- und Viertwohnungen von Menschen aus aller Welt sind, die inoffiziell leerstehen. Man kauft sich eine Wohnung, weil man Geld anlegen will. Es geht um Kapitalanlagen, nicht um Wohnen.

Es gibt kein Außerhalb der Kapitallogik mehr. Dass Menschen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene zu vernünftigen Lösungen jenseits der Kapitallogik kommen, ist nicht mehr vorgesehen. Pipers, ähm, Lösungsvorschläge sehen deshalb auch wie folgt aus:

Es bleibt nur der Rückgriff auf die sehr pragmatischen, aber bewährten Mittel der bundesdeutschen Wohnungspolitik: Subventionen für Mieter („Wohngeld“) und neue Mietwohnungen („Sozialer Wohnungsbau“). Die Spekulation allerdings wird bleiben.

Wohngeld bedeutet, dass der Staat aus Steuermitteln einen Teil der überhöhten Mieten direkt ans Kapital bezahlt – also der Topf „Soziales“ in „Asoziales“ umbenannt werden müsste. Sozialer Wohnungsbau ist nach der Piperschen Definition kaum möglich, da ja Grund und Boden sich nicht vermehren lassen und der begehrte Platz notwendigerweise zu hohen Bodenpreisen führen muss. Und Spekulation ist gottgegeben, so wie es auch weiterhin regnen wird.

Für ihn ist der ominöse Markt ein Gott, gegen den man nichts ausrichten kann. Für Piper ist es unerheblich, ob Berlin durch einen Vulkanausbruch vernichtet wird und so soziale Not entsteht oder ob der Markt das verursacht. Gegen beides kann man nichts unternehmen. Der Markt ist Gott.

Bemerkenswerter Weise bezieht sich Pipier in einer der beiden Kolumnen auf Thomas Malthus:

Was sich in den Städten tut, kann man durchaus als malthusianische Entwicklung ansehen. Anders als zu Malthus‘ Zeiten ist der knappe Faktor dabei nicht die landwirtschaftliche Anbaufläche, sondern städtischer Baugrund. Die Knappheit kann bis zu einem gewissen Grad gelindert werden, durch Verdichtung, Bebauung der letzten Freiflächen oder Ausdehnung des Speckgürtels um die Großstädte. Dem sind aber Grenzen gesetzt, besonders, wenn man den Flächenfraß bekämpfen will. Es ist auch nicht zu erwarten, dass die Menschen plötzlich schneller heiraten, um den Raumbedarf pro Kopf zu verringern. Die fünf Weisen machen zwar ein paar pragmatische Vorschläge zur Entspannung auf dem Wohnungsmarkt, haben aber auch kein Patentrezept.

Malthus´Denken wird in seinem Essay on the Principle of Population von 1798 deutlich:

Ein Mensch,

„der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.

Die Natur gebietet abzutreten. Man nennt das Sozialdarwinismus. Es geht um ein ehernes Gesetz, wonach die Auserwählten zu sterben haben. Wobei zu Malthus´Zeiten vielleicht wirklich nicht genug für alle da war. Diesen Befund auf die heutige Wohnsituation in Deutschland zu beziehen, ist so intellektuell absurd wie menschenverachtend.

Wohin die Pipersche Logik führt, kann man täglich in den Zeitungen lesen. Kleines Beispiel: Unter der Überschrift Die Mietgewinnmaschine schreibt der Spiegel:

In Deutschland vermietet niemand mehr Wohnungen als Vonovia. Und vermutlich hat niemand so viele wütende Mieter. Kein Wunder: Der Dax-Konzern schröpft seine Kunden, wo er kann – und greift dabei zu zweifelhaften Methoden.

Der Dax-Konzern kann schröpfen (laut wikipedia ist das „lokales Blutsaugen“), weil er über komplizierte Firmengeflechte und gute Anwälte verfügt – und über ein einziges Anliegen: Aus Geld mehr Geld zu machen. Vonrovia hat sein Portfolio, wie man das nennt, aus staatlichen Beständen zusammengekauft. So geht Sozialstaat.

Das Wiener Modell zeigt, wie es anders geht. Für Piper dennoch unmöglich, denn der

zu Recht gelobte Wiener Gemeindebau konnte nur deshalb entstehen, weil nach dem Ersten Weltkrieg der Immobilienmarkt in Österreich zusammengebrochen war und Grundstücke zu einem Spottpreis zu haben waren. Das Modell ist also nicht kopierbar.

Piper merkt vermutlich nicht, was er da schreibt. Der Zusammenbruch des Immobilienmarktes sorgte für massenhaft günstige Wohnungen, bis heute. Der Markt aber darf in der Piperschen Welt nicht zusammenbrechen, also darf es keine günstigen Wohnungen geben. Der Markt ist Gott und Gott darf auch Elend produzieren und die Menschheit in der Sinnflut untergehen lassen. Es ist halt Gott. Davon abgesehen ist auch diese Pipersche Behauptung dummes Zeug, denn die Kommune Wien hat auch nach dem Ersten Weltkrieg Bauland aufgekauft.

Ich habe dazu schon schon vor gut vier Jahren hier im Blog geschrieben:

Die soziale Finanzierung im Wohnungsbau hat in Wien Tradition. Im roten Wien der 1920er Jahre legte man die maximalen Mieten so niedrig, dass sich der privatinvestierte Wohnungsbau nicht mehr lohnte – daraufhin fielen die Bodenpreise. Nun griff die Stadt zu und vergrößerte ihre kommunalen Bodenflächen um das zehnfache. Dazu kamen eine Wohnbausteuer – je luxuiöser, desto höher fiel sie aus – und Luxussteuern. Die Wohnbausteuer war teilweise eine De-Facto-Enteignung von Hausbesitzern, was vermutlich eine notwendige Voraussetzung für ein soziales Verhalten in einer Stadt ist. All die genannten neuen Steuern führten dazu, dass sie schon 1927 zu 36 Prozent zum Gesamtsteueraufkommen Wiens beitrugen. Dementsprechend finanzierte sich der Wohnungsbau zu 40 Prozent aus dem städtischen Säckel.

Eine De-Facto-Enteignung, deren positive Folgen noch heute in Wien ihre positiven Auswirkungen zeigen. All das verschweigt Piper? Weiß er es wirklich nicht besser?

Die Neoliberalen zeigen in solchen Situationen, dass sie eine strukturelle Ähnlichkeit mit religiösen Extremisten und Rassisten besitzen. Alle drei Gruppen ernennen einen realen oder virtuellen Führer, der immer Recht hat und bei dem das rationale Argument nicht mehr zählt. Ein Bin Laden konsultiert den Koran, dort steht die absolute Wahrheit, weil einfach behauptet wird, das habe Gott gesagt. Ob mir persönlich das passt oder nicht, ob mir vielleicht gar sinnvolle Argumente gegen das Wort Gottes einfallen, ist egal, denn Gott hat immer Recht. Rassisten haben vermeintlich rational menschliche Rassen erfunden und ihre Vorzüge und Nachteile beschrieben. Demnach ist der eine nun mal weniger wert als der andere. Das gute Argument ist auch hier sinnlos, denn die zuvor gewählte Autorität, die Wissenschaft, entscheidet über die Wahrheit. Pipers Gott heißt Markt, und selbst wenn Menschen reihenweise unter Brücken verrecken würden, hätte nicht der Markt versagt, denn der hat immer Recht. Es wäre höchstens der Staat, der versagt hätte. Wobei man hinzufügen müsste, dass der Marktbegriff von Kapitalisten rein dogmatisch gebraucht wird. Es ist das Recht des Stärkeren, das sie in Wahrheit meinen. Das wollen sie nur nicht so offen zugegeben.

Allen drei ist gemeinsam, dass sie sich in der Dialektik der Aufklärung verrannt haben. Gott ist eine Erfindung von Menschen, menschliche Rassen gibt es nicht und der Markt ist etwas, was man nur gegen den Kapitalismus ernsthaft zum Funktionieren bringen könnte. Alle drei Konzepte sind irrational – rational ist nur die Form – und genau deshalb müssen sie mit großer Aggressivität und Absolutheit verteidigt werden. Der Kaiser ist nackt.

Pipers Argumentation wäre in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen ein Tabu. An der Supermarktkasse stellt man sich hinten an und überlegt nicht, ob man kräftiger ist als die Wartenden vor einem. Man könnte sich vordrängeln und den anderen aufs Maul hauen. Man macht das nicht, weil man sich gesellschaftlich auf einigermaßen zivile Umgangsformen geeinigt hat. Der Markt interessiert hier nicht. Und auch für den Porsche-Fahrer gelten die Tempolimits. Egal, wie viel er bezahlen könnte, um sie zu umgehen. Die Gesellschaft hat hier den Wert nicht kapitalisierbarer Normen erkannt.

Nur die Logik des Kapitals steht über jeder menschlichen Regung. Das wirtschaftliche Handeln muss gut fürs Kapital sein, denn dann ist es gut im Sinne einer quasi-göttlichen Logik. Sagt man den Pipers dieser Welt, dass man gute Wohnungen für alle kostengünstig ohne weiteres bauen und zur Verfügung stellen kann, schütteln die den Kopf; nicht, weil sie die technologische Möglichkeit dessen bestreiten würden, sondern weil man die absolute Verfügungsgewalt des Kapitals in Frage stellt. DAS ist das Problem, und genau deshalb können sich diese Leute einer rationalen Diskussion entziehen. Dass ein Piper in gewissem Sinn sozialdarwinistisch und rechtsradikal argumentiert, liegt in der Natur der Sache. Wer unterm Signum der Aufklärung ins Irrationale abdriftet, kann seinen Fehler nicht erkennen. Piper argumentiert rechtsradikal wider Willen.

Piper veröffentlicht seine Thesen unwidersprochen übrigens in einer liberalen Zeitung. Das zeigt die völlige Verkommenheit des Begriffs unterm Kapital.

Noch primitiver, aber dafür umso deutlicher benennt Carsten Brückner vom Eigentümerverband Haus und Grund Berlin die Situation. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel sagt er:

Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Wenn ich es mir nicht mehr leisten kann, egal, ob wegen wirtschaftlicher Einbußen oder einer Mieterhöhung, dann muss ich das akzeptieren.

So frech legt das selten einer dar, danke dafür. Sozialdarwinismus um der Rendite willen. Malthus reloaded. Es ist Piper im Klartext. Wer dem Kapital nicht genug Rendite bringt, soll Berlin verlassen. Rechtsextremisten fordern all jene zum Verlassen auf, die das Objekt der Begierde „nicht lieben“. Ausschluss ist immer.

Der Verdacht des Sozialdarwinismus liegt auch deshalb nahe, weil diese Herren vermutlich das Faktische absolut setzen. Wenn jemand für eine Kreuzberger Altbauwohnung 5.000 Euro für den Quadratmeter zahlt, dann ist das ein realer Deal zwischen zwei Parteien. Den darf niemand stören, denn das wäre ein Eingriff in die Freiheit, wie sie das nennen, der beiden Parteien. Der Löwe frisst die Gazelle, und weil der Löwe es kann, hat er Recht.

Der strukturelle Unterschied zwischen Hitler, Bin Laden und Piper/Brückner ist, dass die ersten beiden an extremen Rändern des politischen Spektrums stehen und auch nur dort Unterstützung finden. Wer sich für Hitler und Bin Laden ausspricht, fliegt aus dem Konsens raus, völlig zurecht. Wer Piper/Brückner zustimmt, ist weiterhin Teil der ehrenwerten Gesellschaft.

Genau hier liegt das Problem. Wir sollten den Extremismusbegriff neu denken.

(Foto: genova 2016)

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o.T. 460

Dieses Foto wurde in der vermutlich schönsten Landschaft der Welt aufgenommen, deren Name ich hier nicht verrate, da es ihr dann erginge wie unzähligen Landschaften vorher: Ihre Namen wurden in populären Blogs genannt und sie danach nicht nur überlaufen, sondern totgerannt. Meine Leserinnen und Leser, wie man sagt, müssen sich also mit diesem Blick begnügen und fortan mit der bitteren Erkenntnis leben, die schönste Landschaft der Welt niemals wahrhaftig zu sehen zu bekommen.

Mein Beileid.

(Foto: genova 2018)

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