Von der wertbasierten Verseuchung der Welt

Die Welt ist PR-verseucht. Nichts neues, aber es ist immer wieder atemberaubend, wie man sagt, wenn man konkreten Auswüchsen dessen begegnet. So hat sich offfenbar die Architektenkammer Berlin vorgenommen, das Programm des diesjährigen Tages der Architektur – nämlich morgen und übermorgen – mit banalem Gequassel vollzupacken.

Ein Auszug, es geht hier um die Umnutzung einer denkmalgeschützten ehemaligen Malzfabrik in Tempelhof:

Das Industriedenkmal Malzfabrik ist eine pulsierende Insel mit Fokus auf Kreativität, Kultur und Innovation […] Mit einer nachhaltigen Unternehmensphilosophie, innovativen Ideen und Leidenschaft hat es Malzteam geschafft, einen einzigartigen Kreativwirtschaftsstandort aufzubauen. Malzfabrik präsentiert sich heute als Marke und steht für eine wertbasierte Immobilienentwicklung, die soziale, ökonomische und ökologische Aspekte nachhaltig verbindet.

Der Text ist so schlecht, dass er zur Karrikatur seiner selbst wird. Ich frage mich, ob heute noch jemand auf eine solch sinnlose Aneinanderreihung trendiger Wörter hereinfällt.

Pulsierend, Kreativität, Kultur, Innovation, nachhaltig, Unternehmensphilosophie, innovativ, Leidenschaft, einzigartig, Kreativstandort, Marke, wertbasiert, Immobilienentwicklung, sozial, ökonomisch, ökologisch, nachhaltig.

Es steht in diesem Text naturgemäß überhaupt nichts. Es geht rein um den flow, um das Wohlgefühl, dass beim Leser erzeugt werden soll, wenn er all diese Begriffe in sich hineinfließen lässt. Wobei eben, wie gesagt, eine solche sinnlose Häufung doch das Ziel verfehlen dürfte.

Ich vermute, dass die Architektenkammer die eingeladenen Architekten einfach auffordert, eigene Texte abzugeben. Und die beauftragen dann einen PR-Fuzzi. Es wäre selbstverständlich, dass die Architektenkammer in der Lage ist, in eigenen Worten zu begründen, warum genau dieses Projekt ausgewählt wurde. Aber vielleicht wissen die das selbst nicht so genau oder es ist Geld im Spiel.

Die PR-Verseuchung der Welt ist die schleichende Vergiftung unserer Hirne – wertbasiert, pulsierend und kreativ.

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o.T. 377

(Foto: genova 2014)

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Die Grenzen von Sozialem und Demokratie

Wohnungen als Kapitalanlage sind nicht das einzige, aber ein typische Zeichen für das asoziale Element des Kapitalismus. Die FAZ schreibt:

Die Kundin aus Hongkong kam zum Großeinkauf. Bis zu vier Wohnungen würde sie gerne erwerben, ließ die Chinesin das Immobilienunternehmen Berlin Property Services wissen. In Frage kämen ausschließlich Neubauten, am liebsten mit einem bis zwei Zimmern, bloß nicht zu groß und in möglichst zentraler Lage.

Indes haben nicht nur private Anleger den deutschen Wohnungsmarkt entdeckt. Im Herbst 2016 hat der chinesische Staatsfonds China Investment Corporation (CIC) 16.000 Mietwohnungen in Berlin, Kiel, Rendsburg und Köln erworben und dabei die großen börsennotierten Wohnungsgesellschaften wie Vonovia und Deutsche Wohnen ausgestochen.

Chinesen kaufen Wohnungen und vermieten die erst einmal, steht in dem Artikel noch. Wenn später das Kind in Deutschland studiert („Viele Chinesen haben erst in jüngster Zeit mitbekommen, dass es in Deutschland keine ernstzunehmenden Studiengebühren gibt“.), meldet man einfach Eigenbedarf an. In Frankfurt zahlen Chinesen durchschnittlich 9.000 Euro pro Quadratmeter. Man kann sich grob ausrechnen, wie hoch dann die Miete ist, die man bezahlt, bis man wegen Eigenbedarf rausfliegt. Es ist offenbar zwingend notwendig, dass den Chinesen hierzulande Kapitalverwertungsmöglichkeiten geschaffen werden. Zuerst beuten sie Millionen oder Milliarden Landsleute aus, dann pushen sie damit anderswo die Wohnpreise.

Was sagt eigentlich der aktuelle Boss der Genossen, der sich kürzlich noch so intensiv um den „hart schuftenden Busfahrer, der nicht weiß, wie er seine Miete bezahlen soll“ gekümmert hat, dazu?

Der erreichte Produktivitätsstand in dieser Gesellschaft ermöglicht naturgemäß gutes Wohnen für fünf oder sechs Euro warm. Kapitalistische Logik treibt den Preis auf 20 Euro hoch. Ein „Markt“ existiert nicht. Alles ganz normal. Dieser Staat kann sich noch so oft sozial nennen: Geht es um die Kapitalverwertung, ist das bloßes Geschwätz. Selbst die Überlegung, dass bei niedrigeren Mieten das gesparte Geld anderswo in die Wirtschaft investiert würd, interessiert nicht. Der Fetisch der Geldvermehrung für die, die eh schon zu viel haben, ist unantastbar.

Vielleicht sollte man Artikel 1 GG entsprechend ändern. Und Artikel 20 („Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“) um den Zusatz „- solange Kapitalverwertungsinteressen nicht tangiert werden“ ergänzen. Der Ehrlichkeit halber.

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Labilität und Stärke

„Schwerpunkt meiner Arbeit ist das Aufzeigen und das Vereinen von Polaritäten wie Labilität und Stärke, Fragilität und Masse, Bewegung und Statik sowie Balance und Volumen.“

Sagt die Bildhauerin Susanne Kraißer. Ziemlich nachvollziehbar.

Sie hat beim Modellieren keinen Plan, „den ich verfolge und zum Schluss bringe“, sagt sie. „Ich spiele beim arbeiten.“ Sie arbeitet mit weichem Wachs, der sich lange formen lässt.

Die Figuren haben etwas ungemein Intensives. Würden sie unvermittelt anfangen, sich zu bewegen, zu laufen, sich die Haar zu kämmen, man wunderte sich nicht. Die Platzierung auf der Betonstele unterstreicht diese Polarität: Der starre Beton, der fragile, lebendige Mensch.

Ohne den Begriff der Erotik ist eine Beschreibung dieser Figuren ein wesentliches Element nicht erwähnt. Man dringt als Betrachter in ihre Intimsphäre ein, was einem bei einem Stück Wachs gleichzeitig unwahrscheinlich und sehr real vorkommt. Ich habe überhaupt den Eindruck, als habe Kraissler ihre Objekte zu sehr konkreten Subjekten gearbeitet, mit Hüften, Beinen, Nacken und Kopfhaltungen, die etwas von dem Effekt realistischer Malerei haben, ohne krampfhaft eine Illusion schaffen zu wollen. Die Verbindung von starrer Materie zu Köperhaftigkeit, zu menschlicher Bewegung mit Makeln, scheint hier selbstverständlich und ohne Alternative. Es ist dieser Moment der angedeuteten und gleichzeitig ausgeführten körperlichen Dynamik, die hier so reizvoll ist.

Gefunden in einer Galerie in Ravensburg. Bemerkenswert, was die Provinz zu bieten hat.

(Fotos: genova 2017)

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Von Antisemiten und anderen Verschwörungstheoretikern

Eine ganz interessante Doku mit dem Auserwählt und ausgegrenzt über den aktuellen Antisemitismus von allen Seiten:

http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Auserw%C3%A4hlt-und-ausgegrenzt-Der-Hass-au/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=43708284

Sie sollte eigentlich auf arte laufen, wurde aber kurzfristig aus dem Programm genommen. (Nachtrag 22.6.: Der WDR hat sie nun ausgestrahlt.) Nett ist heutzutage, dass man solch Zensur nicht mehr befolgen muss. Man schaut den Film einfach auf youtube an. Bemerkenswert auch die Hinterwäldler-Redaktion der Zeit, die schreibt, der Film sei „kurzzeitig auf bild.de“ zu sehen gewesen, aber nicht auf die Idee kommt, dass er dann dauerhaft im Internet zu finden sein wird. Die Öffentlich-Rechtlichen diskutieren darüber, ob man die Doku irgendwann einmal in einem dritten Programm kurz vor Mitternacht zeigen wird. Youtube kommt in deren Welt nach wie vor nicht vor. Kaum zu glauben.

Die Doku ist sehenswert. Nahezu alles, was dort gezeigt wird, ist wohl richtig. Der Antisemitismus unter Rechten, Linken und Moslems ist uferlos, es gibt nach wie vor extrem viele Komplexler weltweit, die sich an Juden abreagieren, weil sie irgendein anderes Problem haben. Die Minderwertigkeitskomplexe von Moslems sind da die bekanntesten. Vorfälle wie die im Großraum Paris, wo Moslems in großer Zahl Jagd auf Juden machen, wo man sich als Jude kaum noch in die Öffentlichkeit traut, sprechen Bände. Und auch in Neukölln wird kein Jude, der noch alle Tassen im Schrank hat, erkennbar als solcher herumlaufen. Massiver Antisemitismus ist Alltag in Deutschland und anderswo. Und mit dem Zuzug von einer Million Flüchtlingen, die vermutlich zum größten Teil antisemitisch sozialisiert sind, wird sich die Lage für Juden in Deutschland weiter verschlechtern.

Es ist trotzdem ok, dass arte den Film nicht ausgestrahlt hat. Oder besser: Dass dadurch eine Diskussion angezettelt wurde. Denn Ausgewählt und ausgegrenzt nimmt unverhohlen Partei für die Juden. Palästinenser und ihre Unterstützer kommen nur als Hardliner, Nazis, dogmatische Linksextremisten und Verrückte vor. Eine Nakba gab es eigentlich nicht. Gaza ist einfach nur ein angenehmer Wohnort, den die Hamas korrupt regiert. Die Bevölkerungsdichte in Paris ist höher und ist Paris nicht eine schöne Stadt?

Der Film entlarft sich in seinem Verlauf immer weiter selbst. Er beschreibt die Argumentation der Antisemiten durchaus richtig – Die Juden sind allmächtig und die Täter, die Opfer sind alle anderen: Moslems, die Deutschen, die Amerikaner, alle werden gesteuert und ausgebeutet von den Männer mit den Hakennasen, die unsere Brunnen vergiften.

Allerdings dreht der Film den Spieß einfach um. Nun sind die Juden die Opfer aller anderen: der Moslems, die einen judenreinen Nahen Osten wollen, der EU, die jedes Jahr riesige Geldbeiträge nach Gaza und Ramallah pumpt und damit Antisemitismus fördert, der Deutschen, die diese EU-Zahlen hauptsächlich leisten, der Amerikaner, weil von dort auch riesige Geldbeiträge kommen, der Christen, weil die via „Brot für die Welt“ und vielen anderen Organisationen Palästinenser in ihrem Judenhass unterstützen und überhaupt hunderter von NGOs weltweit.

Die Juden sind die armen Opfer, die sich gegen das weltweit versammelte antisemitische Establishment kaum noch wehren können. Israel macht nur hin und wieder, ganz selten einmal, einen Fehler, der kann ja mal passieren. Und überhaupt existiert Palästina ganz zurecht nicht, das ist alles Großisrael und die Araber sollen halt nach Jordanien ziehen. Der Film hat etwas Verschwörungstheoretisches. Übrigens sind auch der Spiegel und die Süddeutsche Teil der antisemitischen Front.

Wer im Nahostkonflikt derart parteiisch agiert, hat kein Interesse an Frieden oder irgendeiner Form von Verständigung. Wie gesagt, so ziemlich alles in dem Film Gezeigte ist richtig. Es fehlt nur die andere Seite. Lässt man die weg, handelt man fahrlässig.

Dämliche Araberverteidiger und dämliche Judenverteidiger sind sich ähnlicher, als sie vermuten.

So zeigt sich ein weiteres Mal, dass der Konflikt zwischen Juden und Arabern außerhalb der Region in erster Linie auf das Interesse unangenehmer Zeitgenossen stößt: Leute, denen es um irgendetwas geht, nur nicht um Frieden zwischen den Menschen dort.

Könnten die paar vernünftigen Leute da unten bitte mal eine Doku drehen? Danke im Voraus.

Update:

Hier bietet der Service-Blog Exportabel einen Mitschnitt der Maischberger-Sendung zum Thema:

http://www.ardmediathek.de/tv/Maischberger/Israelhetze-und-Judenhass-Gibt-es-einen/Das-Erste/Video?bcastId=311210&documentId=43710046

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Ein kurzes, aber sehr gutes und sehr tiefgründiges Politstatement:

In Großbritannien erzielt die Labourpartei unter Jeremy Corbyn ein ziemlich gutes Ergebnis. In den USA wird Bernie Sanders fast zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten und man sagt, wie man sagt, er wäre heute, wäre er es geworden, Präsident der USA. Corbyn vertritt Positionen, wie sie hierzulande der linke Flügel der Linkspartei vertritt. Bei Sanders sieht es ähnlich aus. In Frankkreich haben Mélenchons aufsässige Franzosen die dortige SPD klar überholt.

Jungwähler behandeln Corbyn und Sanders fast wie Popstars, sie wählen die beiden zu weitaus größeren Anteilen als die anderen Altersgruppen.

In Deutschland macht die SPD in dubiosen Hinterzimmervereinbarungen den Hampelmann Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten, der auch fünf Monate nach seiner Inthronisierung keine einzige ernstzunehmende politische Forderung auf die Beine gestellt hat. Dümmer geht´s nimmer. Hoffen wir, dass sie im September auf ähnliche Ergebnisse wie die französischen Kollegen kommt. Eine linke Politik ist nur mit einer marginalisierten oder am besten zerstörten SPD möglich. Mal sehen, wie sich Wagenknecht entwickelt. Auf dem Hannoveraner Parteitag hat Gysi ihr vorgeworfen, rechtsextremistisch zu sein, also eine Nazi-Tante. Gysi schafft das mit dem Kunstgriff, den Bezug zur Nation als nationalistisch, als rechtsextrem zu kategorisieren. Der Bezug zur Nation ist naturgemäß ein falscher, vor allem hierzulande. Der Alternative des neoliberalen free floating hat Mister Gysi außer netten Worten allerdings nichts entgegenzusetzen.

Das Potenzial für deutliche, vielleicht sogar radikale Veränderungen, für eine Abkehr vom Neoliberalismus ist wohl gegeben. Im Lämmerstaat Deutschland gibt es bezeichnenderweise ein Festhalten an Königin Angela und eine in weiten Teilen neoliberalisierte Medienlandschaft, die sich der Königin nur mit der gebotenen Ehrfurcht nähert.

Die Linkspartei fordert nun zwölf Euro Mindestlohn. Ich sage diesbezüglich voraus, dass die üblichen Verdächtigen im Wahlkampf den Absturz des Wirtschaftsstandortes Deutschland voraussagen werden.

Die Medien werden das tun und Angela auch. Vermutlich sogar der Hampelmann.

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o.T. 376

(Foto: genova 2016)

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Kurze Bemerkung zum gefährlichsten Land der Welt

Kann man die USA als das gewalttätigste, imperialistischste und somit gefährlichste Land der Welt bezeichnen? Leider ja.

Seit 1945 betreiben die Amis eine Politik des Stärkeren, keine Politik des Rechts oder gar der Menschenrechte und ähnlichem. Diese Leute nehmen sich permanent heraus, jedes Land der Welt anzugreifen, zu destabilisieren oder zu zerstören, wenn es ihren vermuteten Interessen dient. Irak ist nur ein Beispiel. Es gibt kein mittelamerikanisches Land, in dem die Amis in den 1980ern nicht mit ihren schmutzigen Händen Menschen ermordet hätten. Nicaragua war der prominenteste Fall. Seit Jahrzehnten kooperieren sie mit den Saudis, um den wesentlich moderateren Iran an den Pranger zu stellen. Der große Friedensengel Obama hat in seinen Amtszeiten mehrere tausend unschuldige Zivilisten via Drohnen ermorden lassen. Da findet dann ein somalischer Bauer seinen Sohn in Stücken auf dem Feld herumliegen. Die kann er dann zusammensuchen. Für einen Friedensnobelpreisträger ist das kein Problem.

Kein Problem für die Amis.

Die Geisteshaltung eines offenbar nicht kleinen Teils der Amis ist eine Katastrophe. Schlechtes Essen und Töten im Namen des Guten. Gut, weil Amerika. Iran, lese ich heute in der Süddeutschen, provoziere mit seinen Schnellbooten immer wieder Zwischenfälle mit amerikanischen Kriegsschiffen. Wo? Direkt vor der iranischen Küste. Was würden eigentlich die USA machen, wenn iranische Schnellboote vor der Freiheitsstatue umherbrausen würden?

Die USA sind im permanenten Kriegszustand mit sich selbst und dem Rest der Welt. Ob mit oder ohne Trump, ist völlig egal. Unvergessen der Satz eines republikanischen Bewerbers in einem Wahlkampf vor ein paar Jahren:

„Wir wollen, dass der Rest der Welt so wird wie wir.“

Das wäre wohl deren Ende.

Das nur mal so nebenbei. Die positiven Aspekte der USA lasse ich jetzt aus Zeitgründen weg.

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o.T. 375

Lasset uns GOtt (meinetwegen auch Allah, Budda, Trump, Putin, Merkel, Hitler, Michael Jackson oder Bhagwan) danken für unsere wunderschöne Natur.

(Foto: genova 2017)

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Der Penis ist Schuld am Klimawandel und andere Fragen des Überlebens

Das behaupten Forscher in einer Studie, schreibt der Spiegel. Besser gesagt: Forschern ist es gelungen, einen Nonsens-Artikel in einer Fachzeitschrift zu platzieren. Es ist nicht das erste Mal:

Vor 21 Jahren schaffte es der Physiker Alan Sokal, eine Unsinnsstudie im Fachmagazin „Social Text“ unterzubringen. Sie sollte vorgeblich die „Quantengravitation als linguistisches und soziales Konstrukt deuten“, war jedoch wohlüberlegter Quatsch. Den Gutachtern war nicht aufgefallen, dass der Aufsatz keinen Sinn ergab. Die Sokal-Affäre löste eine jahrelange Debatte über die Qualität geisteswissenschaftlicher Studien aus.

Ich will nicht diese Sokal-Geschichte wieder aufrollen. Ich habe nur kürzlich ein Buch gelesen, das „Architektur und Dekonstruktion: Derridas Phantom“ heißt, geschrieben von dem Architekturtheoretiker Mark Wigley. Es stand über 20 Jahre in meinem Bücherregal und harrte der Dinge. Nach der Lektüre weiß ich zweierlei: Erstens geht es in dem Buch nicht um Architektur, sondern um Philosophen, die architektonische Begriffe benutzen. Zweiten besteht das Buch zum allergrößten Teil aus sinnfreiem Geschwafel. Sokol hätte es nicht besser hinbekommen.

Wigleys Thema an sich ist vielleicht interessant, aber nicht sonderlich ergiebig: Philosophen sprechen von Gedankenfundamenten, von Strukturen, Gerüsten, von schiefen oder stabilen Denkgebäuden, von Konstruktionen und so weiter. Darüber könnte man einen Artikel im Feuilleton schreiben, fertig. Die Analogien sind offensichtlich und nicht besonders erklärungsbedürftig.

Wigley macht auf 170 Seiten (die unverständlicherweise der renommierte Birkhäuser-Verlag veröffentlicht hat) das, was man als trendy Dekonstruktivist gerne macht: Man kümmert sich nicht um den Text, weil das einzig Interessante ja der Subtext ist. Und den soll bitte der Leser entschlüsseln. Man schreibt also möglichst viel raunerisches Zeugs und hofft, dass irgendwer da schon etwas finden wird. Als Vorbild dient der große Meister Derrida.

Der erste Absatz des Buches reicht eigentlich schon:

Was bleibt von der Dekonstruktion für die Architektur? Welche Überreste sind nur in der Architektur auffindbar als letztem Ruheplatz von Dekonstruktion? Die Frage der Übersetzung ist schließich immer eine Frage des Überlebens. Kann Dekonstruktion die Architektur überleben?

Und so weiter und so fort. Jeder Satz ist sinnlos, kitschig, pathetisch, hohl. Vermutlich ist das den überzeugten Lesern egal, denn es geht nicht um Sinn, sondern um Sound. Früher gab es den Adorno-Sound, der immerhin in weiten Teilen doch Sinn ergibt, wobei auch Adorno nicht davor gefeit war, selbstverliebten Blödsinn zu schreiben. Der Sound der französischen Postmodernen ist legendär, und vielleicht kann man sich in dem Sound wühlen und wohfühlen. Allerdings sollte man das Ganze dann unter Belletristik laufen lassen und mit den entsprechenden Kategorien kritisieren.

Ich werde mit zunehmendem Alter immer empfindlicher, wenn Leute, die Bücher schreiben, sich nicht für die Kommunikation interessieren. Entweder ich schreibe etwas auf und lege das in meine Nachttischschublade. Dann ist es egal, ob das jemand versteht. Nichtmal ich selbst muss das, wenn es mich nicht interessiert. Oder ich schreibe etwas auf, suche einen Verlag, beschäftige einen Lektor, mit einem Satz: Ich suche Kommunikation. Dann sollte es mich interessieren, meine Gedanken so zu formulieren, dass der Leser mögichst viel damit anfangen kann, wenn er es will. Dass er eine vernünftige Grundlage zum Urteilen bekommt.

Leute wie Derrida oder Wigley versuchen vermutlich genau das zu verhindern. Je verwirrter, je verworrener, je unzusammenhängender, je ratlos machender, desto besser, weil das in manchen Kreisen heißt: desto interessanter. Der Sound zählt.

Foucault nehme ich ausdrücklich aus, der nahm Thema und Leser Ernst. Bei Deleuze bin ich mir nicht mehr ganz so sicher.

Philipp Felschs Geschichte des Merve-Verlags („Der lange Sommer der Theorie“) vermittelt ganz gut dieses Sound-Ding. Die Unterscheidung zwischen Belletristik und Sachbuch halte ich nach wie vor für unabdingbar. Und die Zwischenform des Essays macht nur dann Sinn, wenn man es nicht wie Adorno hält, der dann jeden Satz gleichweit vom Mittelpunkt entfernt schreiben wollte. Es ist selbstverliebter Humbug.

Für die Nachttischschublade genau das Richtige.

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