Der nackte Kaiser von München

Gerhard Matzig schreibt in der Süddeutschen (19.8., S. 10) über die jahrhundertealten Verheißungen von Stadt, die sich aktuell massiv änderten: von „Stadtluft macht frei“ zu „Stadtluft macht arm“:

Die Lebenshaltungskosten sind in München inzwischen so hoch, dass sie auch von den oft überdurchschnittlichen Löhnen und Gehältern nicht mehr abgefedert werden können. Wer nach München zieht, geht also dort das Risiko ein, immer ärmer zu werden…

In Tirschenreuth in der Oberpfalz ist laut Matzig ein Euro lebenshaltungstechnisch 1,40 Euro wert, in München sind es nur 60 Cent. Matzig fragt und antwortet:

„Macht Stadtluft also in Wahrheit arm? Es sieht so aus.“

Es ist bezeichnend für den Neoliberalen Matzig, dass er das zwar bedauert, danach aber mit Floskeln wie „Städte sind Chancen, keine Garantien“ oder „Städe müssen Jobmotoren sein“ kommt und die Ursachen der von ihm sicher richtig diagnostizierten Steigerungen der Lebenshaltungskosten nicht in den Blick bekommt: Sie gehen komplett auf die sogenannten Wertsteigerungen von Immobilien. Es ist der einzige Preis, der in Stadt steigt.

Lieber Gerhard Matzig, just for info: Je effektiver der Jobmotor läuft, desto massiver die Immobilienwertsteigerungen. Bis auf die Spekulanten wird diesen Wettlauf niemand gewinnen.

Dabei kann man heute Häuser preiswerter bauen als vor 50 Jahren. So wie das bei Autos, Küchenschränken und Klopapier auch der Fall ist. Die Löhne für Bauarbeiter sind nicht massiv gestiegen, die Materialkosten und die Honorare für Architekten ebensowenig.

Das Haus in München kostet – kapitalismusbereinigt – weniger als das in Tirschenreuth. Sämtliche Infrastrukturkosten sind in der Stadt niedriger als auf dem Land. Davon abgesehen ist das Stadtleben ökologischer als das Landleben.

Wäre dieser Staat ernsthaft an der Lösung von Ökologieproblemen interessiert, müsste er die Immobilienspekulation beenden.

Ein paar Tage später interviewt die Süddeutsche eine Rapperin aus München, die es auch schade findet, dass die hohen Mieten „die Kreativen“ vertreiben. Man könne sich kaum ein Atelier anmieten und bei ihr gegenüber sei gerade eine Vierzimmerwohnung für 2.500 Euro kalt weggegangen. Auch hier keinerlei Interesse oder Verständnis für die ökonomischen und gesellschaftlichen Ursachen dessen, was beklagt wird.

Es ist, wie hier schon oft geschrieben, die smarte und deshalb so effektive neoliberale Gehirnwäsche, der wir alle ausgesetzt sind. Kapitalismus ist wie das Wetter: Man motzt, wenn es regnet, aber man kann das Wetter ja nicht abschaffen.

Der Kaiser stünde dann nackt da.

 

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„…was sind denn da für Leute am Ruder???“

Der Redakteur Markus Decker kommentiert in der Frankfurter Rundschau die aktuelle Machtverteilung in der Linkspartei und attestiert Sahra Wagenknecht, ihren innerparteilichen Einfluss auszubauen. Ihre Gegner seien „praktisch wehrlos“. Deckert argumentiert nachvollziehbar.

Bei Facebook gibt es eine Sahra-Wagenknecht-Fangruppe. Sieht man sich die politische Ausrichtung und das intellektuelle Niveau dieser Leute an, kommt einem der Begriff „Querfront“ unweigerlich in den Sinn. Die Gruppe, ähm, diskutiert den FR-Kommentar wie in den folgenden Auszügen wiedergegeben:

Frankfurter Rundschlag, Schmiergel, Wild am Sonntag, Schweinischer Merkur, Locus… alles derselbe widerliche und niveaulose Einheitsbrei wie die BLÖD-Zeitung.

Typisch für die Schreiberlinge, die sich heutzutage Journalisten nennen. Von Sahras Intellekt können sie nicht mal träumen. Wer nur neoliberale Denkmuster drauf hat, verarmt eben im Geiste.

Markus Decker, mit Deinem Beitrag zeigst Du, dass Du weder in der Lage bist, die reale Situation und die aktuellen Gefahren für Europa zu erkennen, noch Dich aus Deiner politisch indoktrinierten Verkrustung zu lösen und Verantwortungsbewusstsein für die Menschen in Deutschland und Europa zu entwickeln.

Frankfurter Rundschau, typisch guter Mix aus Halbwahrheiten und Lügen …

Dieser selbst ernannte Politik Schreiber ist einfach ein willfähriger Erfüllungsgehilfe des aktuellen Machtapparates und er „verdreht“ die Fakten unter zu Hilfe Nahme von Halbwahrheiten und unter Ausblendung diverser Fakten und Tatsachen, um eine Stimmung gegen Sarah Wagenknecht zu schüren und gleich mehrere „Fliegen“ mit einer Klappe zu schlagen.

Es ist nur traurig, dass „freie Journalisten“ für Geld alles schreiben.

Markus Decker, Du verstehst die Welt nicht, das bringst Du in Deinem Artikel gut zum Ausdruck.
Alles, was Du gegen Sahra Wagenknecht zum Ausdruck bringst, ist Neid und Unverständnis.
Wir haben Dich verstanden.

Frau Wagenknecht ist die Spitzenkandidatin schlechthin, eine Frau mit Rückgrat! In den Parlamenten quillt ohnehin schon zu viel Schleim.

Wenn S. Wagenknecht Kanzlerein wäre, würde das das Ansehen Deutschlands enorm steigern, denn die ist keine Witzfigur, sondern eine sehr kompetente Frau.

…und ich dachte die Frankfurter Rundschau wäre objektiv.

….insbesondere geht die journalistische Angst um vor starken Frauen. Wenn sie dann auch noch was für das Volk wollen und neoliberale Politik als Absurdum stellen, dann ist Schluss mit lustig.

Habt ihr denn den Artikel mal ganz gelesen? Da wird wieder nur gegen sie gehetzt. Der Titel ist nur Aufmachung. Scheiß Regierungspresse.

Schon heftig, mit welchen Mitteln Personen des öffentlichen Lebens in diesem Land fertig gemacht werden, wenn sie nicht konform genug sind.

Da fragt man sich von wem wird dieser Markus Decker geschmiert.

Das Argument der „Querfront“ ist ein beliebtes Todschlagargument.

Assad und die Russen führen dort einen gerechten Krieg, ob man es wahr haben will oder nicht. All das und vieles, vieles mehr wird von Sahra W. richtig analysiert und zwar marxistisch. Da halte ich es mit Jan-Peter Apel, der Sahra Wagenknecht einfach nur klaren Durchblick bestätigt. Gut, dass es Sahra gibt.

Soll Sarah die LINKEN verlassen denn es hat keinen Sinn mehr mit diesen naiven Vollpfosten über eine gescheiterte „Migrationspolitik“ zu reden…..alles naive Spinner. Wenn sie das BOOT verlässt geht die LINKE komplett unter,denn was sind denn da für Leute am Ruder???

Sahra ist Klug, nur sie hat falsche Leute um sich, besonders diese Unruhe Stifterin Sevim die ihre persönliche Meinung durchführen möchte

Die deutliche Mehrheit dieser Wagenknecht-Fans argumentiert auf diesem Niveau, die Zitate sind keine Ausreißer. Interessant dabei ist zum einen, dass niemand willens oder in der Lage ist, auf den argumentierenden und differenzierenden Kommentar in einer linksliberalen Zeitung einzugehen. Der Reflex, die Zeitung als Lügenpresse, kapitalgesteuert und von Neid zerfressen darzustellen, unterscheidet sich nicht wesentlich von der Pegida-Logik. Wer kritisiert, ist nicht auf Linie und deshalb Verräter.

Sahra Wagenknecht hat auffällig viele dumme Menschen als Fans, wenn man dumm nicht im Sinne von Sarrazin definiert (falsche Gene, falscher Gott), sondern als Nichtgebrauch des vorhandenen Verstandes.

Das andere ist die Frage, inwieweit Wagenknecht solche Fans heranzüchtet. Bemerkenswert ist bei ihr ja immer, was sie nicht sagt. Das Beispiel im FR-Kommentar mit Putin ist nur eines von vielen.

Wagenknecht weiß sicher auch, dass beispielsweise der rechtsradikale Michael Vogt, Betreiber des einflussreichen TV-Internetkanals querdenken mit riesigem verschwörungsideologischem Netzwerk, Politiker generell für Marionetten der Amis und anderer Hintergrundeliten hält, bei Wagenknecht aber eine Ausnahme macht. Die nennt er liebevoll „die Sahra“, die sagt die Wahrheit. Ein rechtsradikaler Verschwörungsideologe hält Wagenknecht offenbar für die einzige Politikerin, die uns erlösen kann. Das könnte zu denken geben.

Elsässer hofft auch noch auf sie als Querfrontmitglied.

Die Affinität des braunen Sektors zu Wagenknecht ist so offensichtlich, dass es einen bestenfalls noch wundern kann, dass Wagenknecht dazu schweigt. Sie kennt ihre Fans, vermute ich. Und ihre Facebook-Auftritte sind problematisch, wie in dem FR-Kommentar beschrieben.

Was ist in diese Frau gefahren? Dass Linke schon immer für Autoritarismus und Querfront anfällig waren, ist bekannt. Von Marx über Lenin bis Stalin brauchte es nicht allzu lange. Die aktuellen Putin-Fans schließen von der Richtung her an diese Tradition an. Oder hat es zu tun mit dem vulgärlinken Reflex, das „Volk“ sei immer gut? Volksfront gegen das Böse? Volkskörper? Und die anderen sind die Volksverräter?

Wagenknecht ist eine gute Rednerin, eine gute Ökonomin. Aber vermutlich auch jemand mit ausgeprägtem Machtwillen. Das denkt man sich schon bei ihrer auffälligen Disziplin und ihrer dauergeraden Haltung. Jemand, der nie lümmelt, sich immer kontrolliert, ist verdächtig. Wagenknecht ist schon von ihrer Biographie her niemand, die sich ernsthaft für die proletarische Masse interessiert. Ein Besuch bei Primark zeigt die Zielgruppe von Wagenknecht. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie für diese Leute ehrliche Sympathien hat.

Was treibt Wagenknecht an? Auffällig bei ihr ist auch, dass sie zwar gerne die aktuellen Zustände kritisiert, aber kaum eine Vision hat, wo es hingehen soll. Für eine Kommunistin vielleicht doch allzu realpolitisch. Vogt und Konsorten lehnen die aktuellen Zustände auch radikal ab, ohne auch nur einmal eine Alternative vorzustellen. Bei den neuen Rechten läuft es zwischen den Zeilen nach der Maßgabe, dass das „Volk“ die Wahrheit kenne und es, befreit von den Fesseln von Parlamentarismus, EU und NWO, also von den Volksverrätern, automatisch das richtige machen würde. Wagenknecht schweigt.

Ein Auftritt von ihr bei Pegida wäre interessant. Ich schätze, sie müsste ihre üblichen Reden nur minimal verändern, um dort Applaus zu bekommen. Ihr Statement zu Pegida geht so: Rote Karte für Rassismus, aber an Pegida ist Hartz IV Schuld. Das war´s dann mit der Analyse. Und schon hat sie auf ihrem Facebook-Account hundertfache Zustimmung von Pegida-Sympathisanten.

Jemand wie sie bräuchte solche, die kritikfähig sind, die sie kritisieren können, die in der Kontroverse weiterkommen. Sie hat das Gegenteil. Unter ihren Fans gedeihen autoritäre Ressentiments und Denkfaulheit.

Es geht ja nicht um Linientreue. In Bezug auf kriminelle Pseudo-Asylbewerber von Gastrecht zu reden finde ich nicht genuin rechts oder verwerflich. Das ist dann zwar auch nach rechts hin offen, aber das ist egal, da man mit dieser Diskurslogik auch Naturschutzgebiete nicht positiv bewerten dürfte, weil einem da das Lob von Hitler sicher wäre. Es sollte um die Sache gehen. Da wiederum ist bei der Linken auffällig, dass ausgerechnet die Funktionäre, die weitestgehend sozialdemokratisiert sind und vermutlich nur auf gute bezahlte Posten hoffen, sich über die Wagenknechtsche Verwendung von „Gastrecht“ mokieren. Die absurde Begründung: Das Wort kommt im Gesetz nicht vor.

Autokratenaffinität auf der einen mischt sich mit politischer Korrektheit auf der anderen Seite. Keine guten Zeiten für die Linkspartei.

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Kreuzberg: „Das gallischste Dorf der Welt“…

…nennt der Tagesspiegel-Redakteur Bernd Matthies den Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg im Rahmen einer Serie, in der alle Berliner Bezirke vorgestellt werden.

Ein gallisches Dorf ist eines der Unbeugsamen, die einen mächtigen, sie umstellenden Feind dauerhaft erfolgreich abwehren. Wer ist der mächtige Feind von Friedrichshain und Kreuzberg?

Schaut man sich die Geschichte von Kreuzberg an, dann entstand der Habitus, auf den Matthies anspielt, in den 1960er Jahren: Die Mauer machte die Gegend für viele unattraktiv, dafür kamen die Gastarbeiter, später Studenten, Künstler, Aussteiger. Von dem Ruf dieser Milieus speist sich der Ruf Kreuzbergs bis heute nahezu komplett.

Man kann auch sagen, dass sich dieser Ruf fundamental von der jahrzehntelangen Abwesenheit von kapitalistischem Verwertungsdruck speiste. Es gab da schlicht nichts zu verwerten, so wie das Kapital heute in Duisburg-Marxloh nichts verwerten kann. Die Immobilienpreise waren niedrig, die Mieten auch, und genau das war die Grundlage für die Blüte von Randexistenzen.

Heute ist bekanntlich das Gegenteil der Fall. Das Kapital plündert das Viertel ungehindert aus. Der Ruf wird ausgeschlachtet, sonst nichts. Das gallische Dorf hat eingepackt, es existiert nicht mehr. Außer für Touristen und den Tagesspiegel.

Matthies – eigentlich ist er Restaurantkritiker – begründet sein Bild vom gallischen Dorf damit, dass man in Kreuzberg grün wähle, gegen Atomkraft und gegen Polizisten sei. Letzteres ist eine übliche spießbürgerliche Annahme, und in Zeiten, in denen das Musterländle Baden-Württemberg von einem grünen Ministerpräsidenten regiert wird, sollte man eine grüne Bezirksbürgermeisterin vielleicht nicht überbewerten.

Bemerkenswert ist auch dieser Satz hier:

Nur noch wenige erinnern sich an die Zeiten, als eine linksradikale „Kiez-Mafia“ edle Speisestätten aus dem Bezirk ekeln wollte – die Zeichen stehen längst auf friedliche Koexistenz.

Die friedliche Koexistenz heißt real, dass Leute und Läden via explodierende Mieten massenhaft vertrieben werden.

Der Artikel von Matthies ist nur ein weiteres Beispiel für die strukturelle Dummheit der bürgerlichen Medien. Weit unter jedem notwendigen analytischen Niveau präsentiert die Zeitung, die laut eigenem Motto den Sachen auf den Grund gehen will (rerum cognoscere causas), ein Pappmaschée-Bild, das nichts mit der Realität zu tun hat. Es bedient lediglich die üblichen Spießervorurteile, die man eh schon kennt.

Und wenn Kreuzberg nicht nur ein gallisches Dorf, sondern gleich das gallischste Dorf der Welt sein soll, verdeutlicht sich einerseits die Dummheit des Redakteurs. Es gibt in Südamerika, in Afrika und anderswo wahrscheinlich eine Menge Dörfer, die ganz real gegen kapitalistische Zumutungen kämpfen, gegen Abriss, Vertreibung und mehr, und das mit hohem menschlichem Einsatz. Das exisistiert für Matthies nicht. Andererseits kommt da dieses typisch deutsche Element zum Vorschein, wonach wir es unter der Weltbezogenheit nicht machen. Exportweltmeister, Fußballweltmeister, die besten Autos der Welt und natürlich auch das beste gallische Dorf der Welt.

Rerum cognoscere causas – wäre das so, würde der Tagesspiegel den Restaurantfachmann Matthies nur noch über Kümmel und Koreander schreiben lassen. Vielleicht kann er das. Wobei: Denkt man an die gesellschaftsanalytischen Qualitäten der Kolumnen von Wolfram Siebeck, den Gott selig haben möge, so ist zu vermuten, dass Siebeck einen solchen yellow-press-Artikel wie den von Matthies über Kreuzberg niemals verfasst hätte. Bewusstes Urteilen über Essen setzt einiges voraus.  Wer 2016 in Kreuzberg das gallische Dorf sieht, dessen Fähigkeiten, aus dem Empfinden von  Geschmacksnerven sinnvolle Texte zu basteln, sind vermutlich auch im Eimer. Es hängt ja alles mit allem zusammen.

Aber das führte jetzt zu weit.

fade out

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Eine postmoderne Entdeckung aus der DDR

In der platten Niederlausitz taucht plötzlich das hier auf:
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So eine Art dezente Postmoderne in der DDR. Ich habe solche Anstrengungen bislang nur vereinzelt in den ostdeutschen Städten vermutet. So kann man sich täuschen. Das Gebäude ist bemerkenswert.

Der Sockel macht den Eindruck eines Fundamentes, solide geziegelt, und in zwei Ebenen angelegt. Die Fensteröffnungen sind stur seriell konzipiert, aber auf der Längsseite links und auf der kompletten Querseite mit einer Art angedeuteten schmucklosen Pilastern gegliedert. Mittig ist das Fundament komplett aufgerissen. Diese Pilaster haben teilweise unterschiedliche Längen und wirken damit der formalen Strenge der Fassade entgegen. Das Dach ist ein angedeutetes Satteldach. Man könnte meinen, dass hier ein altes Gebäude steht, das zur Hälfte abgerissen und dem ein modernes aufgepfropft wurde.

Auf einer Seite steht noch eine Art angedeuteter ziegelverkleideter Turm mit einer geschwungenen Wand. Welche Funktion dieses Bauteil auch immer gehabt haben mag, es scheint doch der Absicht geschuldet, dass man hier noch etwas Originelles anfügen wollte.

Der Kasten selbst ist ein monotoner, lediglich auf einer Seite in der zweiten Etage abgetreppt und durch vereinzelte rote Fassadenteile gestaltet. Der (vermutlich) Erschließungsschacht ragt wiederum als geziegelter aus dem Kasten heraus, was den Eindruck unterstreicht, es handele sich um zwei Gebäude, ein jüngeres und ein älteres.

Die Körper-Fundament-Beziehung ist hier vielleicht etwas plump ausgeführt, verweist aber auf eine 100 Jahre alte Diskussion: Die Moderne baute ja angeblich ohne Fundament und ohne Sockel. Daraus wurde ihr von konservativer Seite gerne fehlende Bodenhaftung vorgeworfen, kein Bezug zur Scholle, zur Heimat, zum Ich, zur eigenen Identität usw. Es gibt Leute, die den Nachweis versuchen, dass beispielsweise Mies van der Rohe alle Gebäude auf ein gut sichtbares Fundament stellte, was vor allem eine Frage der fotografischen Perspektive und des eigenen Standpunkts ist. Das Fundament kann jedenfalls bei ihm überall nachgewiesen werden. So gesehen ist das Gebäude hier dualistisch: Auf der einen Seite in ein mächtiges Fundament eingebettet, auf der anderen tatsächlich fundamentlos.

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Das Objekt am Rande einer kleinen Stadt, deren Name mir entfallen ist, ist es wert, stehenzubleiben. Man muss es gar nicht herrichten. Aber bitte nicht abreißen.

(Fotos: genova 2014)

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Ungeordnete Gedanken zur Architektur im Tirolerischen und im Voralbergischen

Eine skurrile Konstruktion im Tirolerischen:

 

Die Bauaufgabe: Die Lagerhalle eines Sägewerks errichten, aus der von oben das zugerichtete Holz auf einen LKW oder Traktor-Anhänger verladen werden soll.

Die einfachste Lösung: Man nimmt die urvertraute und unzählige Male realisierte Form eines Hauses mit Satteldach, lässt die Fensterausschnitte weg und stellt es auf Stelzen. Mehr braucht es nicht, Bauaufgabe bewältigt. Die Stelzenwand ist so herrlich unprätentiös gefertigt, dass es eine Freude ist. Es ist einfach eine Mauer ohne zwanghaftes Ornament. Im Tirolerischen ist es Alltag. Wobei: Es ist dort in eine Umgebung platziert, die voll von Kitsch ist, von Versuchen, reale regionale Bautraditionen weiterleben zu lassen, was aber scheitert, weil die Bauaufgaben andere geworden sind und weil man den Traditionsbegriff nicht kritisch sieht, sondern instrumentell. Man sieht in diesen tirolerischen Touristenorten haufenweise sechs-, siebenstöckige Hotels im Bauernhausstil. Es hat etwas Zwanghaftes: Das Festhalten an einer Tradition, deren inhaltliche Weiterentwicklung eine inhaltliche Auseinandersetzung mit sich selbst bedingte.

Sowas hier ist dann schon jenseits von Heimat, jenseits von Kritik. Es ist eine Groteske, grauenhaft und komisch zugleich:

Ob die Gäste, die dort absteigen, Schmerzensgeld bekommen? Ich denke ja. Der Kasten ist eine typische falsche Antwort im falschen Leben. Und als solche natürlich so annehmbar wie Florian Silbereisen.

Zurück zum ersten Bild: Als eine Art Dachwohnausbau wäre das Teil, in Berlin realisiert, in allen Architekturzeitungen und die Hipster-Architekten und -Bauherrn kämen Gucken und die Architekten sonnten sich, während im Tirolerischen vermutlich keine Architekten am Werke, wie man sagt, waren. Das Stelzenhaus funktioniert im Tirolerischen nur deshalb, weil es unterhalt der Aufmerksamkeitsschwelle liegt. Es wird von Touristen nicht beachtet, es zählt nicht als imagegebend, es ist aufmerksamkeitsökonomisch ab vom Schuss. Und genau deshalb offenbart sich hier das Authentische und somit das Interessante.

Ein paar Kilometer weiter, im Vorarlbergischen, wird fast ausschließlich vorbildlich gebaut. Man spürt die Nähe zur architektonisch anspruchsvollen Schweiz und eigentlich und überhaupt gehört das Vorarlbergische zur Schweiz, kulturell, sprachlich und topographisch. Das Vorarlbergische ist vom Rest Österreichs durch hohe Berge getrennt, früher konnte man das Tirolerische im Winter kaum erreichen. Zur Schweiz hin: nur der schmale, freundliche Rhein.

Die Topographie sorgte und sorgt hier also dafür, dass dass sich völlig unterschiedliche Baukulturen ausbildeten.

Man könnte sich nun über das Thema Regionalismus in der Architektur auslassen oder auch über Bauen im Kontext. Ungemein spannende Themen im Angesicht von Globalisierung, serieller Fertigung, dem Unbehagen in der Moderne. Man könnte eine Verbindung zwischen der sogenannten Volksmusik, dem Tiroler Heimatkitsch und der FPÖ herstellen. Man könnte darüber diskutieren, ob der Tiroler Heimatkitsch nicht der größte anzunehmende Verrat an der Tradition ist. Dass also die Tiroler Heimatkitschler die eigentlichen Globalisierer sind, völlig pervertierte Modernisten im Geiste des Bauwirtschaftsfunktionalismus. Dass sie also das betreiben, was sie vorgeblich bekämpfen.

Man könnte auch darüber diskutieren, warum die anspruchsvolle Architektur in Vorarlberg zu ähnlichen Zustimmungswerten für Faschisten führt wie in Tirol. Man müsste das in Zusammenhang mit dem Heimatbegriff diskutieren, der politisch wie architektonisch ein indifferenter ist und der einen qualitätsvollen, unprätentiösen Umgang mit Holz und die Wahl von Faschisten offenbar problemlos zusammenbringt. Man könnte in diesem Zusammenhang auch die Vorarlberger Initiative zu Produkten aus der Region problematisieren.

Wie auch immer: Gute Architektur ist im Tirolerischen die Ausnahme, im Vorarlbergischen die Regel. In dem Tal, in dem das skurrile Haus als Ausnahme steht, kommt die FPÖ übrigens auf mehr als 40 Prozent.

Möge GOtt seine schützende Hand über die Ausnahmen halten.

(Fotos: genova 2016)

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Kleine Bemerkung zur glücklichen Minderheit

Der Volkswirt Henrik Müller im Spiegel über die Droge billiges Geld:

Wir haben es mit langfristigen Fehlentwicklungen zu tun. Statt in produktive Kapazitäten, neues Wissen oder intelligente Technologien fließt billiges Geld in die Immobilienmärkte. Das gilt gerade auch für Deutschland. Die Unternehmen in der Bundesrepublik, hat die OECD kürzlich kritisiert, tätigen im Vergleich zu anderen Ländern wenig wissensbasierte Investitionen. Zugleich weist Deutschland derzeit die höchsten Wohnungsbauinvestitionen in Relation zur Wirtschaftsleistung auf. Produktiv ist das nicht.

Eine folgenschwere Fehlsteuerung: Wo die Produktivität kaum steigt, können auch die Löhne kaum steigen. Zugleich verdient eine glückliche Minderheit große Summen mit dem Handel von teuren Immobilien und Unternehmensanteilen – mit Aktivitäten also, deren gesellschaftlicher Nutzen begrenzt ist. Auf Dauer eine schwer erträgliche Schieflage.

Wären diese Investitionen in den Wohnungsbau dazu da, Wohnen zu ermöglichen, könnte man dem etwas abgewinnen. Aber es geht beim Bauen in großen Teilen – Zahlen dazu sind schwer zu bekommen – um Renditeobjekte: Zweit-, Dritt-, Viertwohnungen von potenten, wie man sagt, Leuten aus der ganzen Welt. In London gibt es schon ganze neugebaute Geisterstädte, in Berlin kann man ähnliches vermuten.

Das billige Geld, das die Banken vergeben, wird also von den Potenten genutzt, um die weiter unten stärker zu drangsalieren – indem man in Metropolen nur begrenzt vorhandenen Platz mit Luxushäusern zubaut.

Es wäre die Aufgabe der Politik in einer Demokratie, dieses Treiben zu verhindern. Es ist die Aufgabe der Politik im Kapitalismus, dieses Treiben zu ermöglichen.

Pech gehabt.

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„…dass ich jetzt hier sitze“

Hermann Kant 2006 in der konkret:

Wie hat Honecker zu mir gesagt? »Hör mal, wozu sollt ihr Schriftsteller über das schreiben, was nicht in Ordnung bei uns ist? Gut, es gibt einiges, das ist nicht in Ordnung, noch nicht, es muß noch besser werden. Aber wir machen das so: Der Gegner, das macht er sowieso, benennt alles, was schlecht bei uns ist, und wir benennen, weil er das natürlich nicht macht, alles, was gut bei uns ist.«

Das hat er im Ernst gemeint, und wenn ich mir vorstelle, daß er das nicht nur an mir tumbem Schriftsteller versucht hat, sondern seinem gescheiten Kollegium vorgetragen hat, und die haben alle genickt, dann brauche ich mich nicht zu wundern, daß ich jetzt hier sitze in einer absolut kapitalistischen Welt.

Wohl wahr. Die Diskreditierung einer guten Idee durch dämliche Dachdecker und ihr Gefolge: Dazu ist noch lange nicht alles gesagt. Schaut man sich heute die Putin-affinen Linken an, kennt man ihre Vorbilder.

Wobei es in der Bundesrepublik ähnliche (bürgerliche) Politiker mit ähnlichen Affirmations-Wünschen gab. Sie konnten sich nur nicht durchsetzen. Das von den Westalliierten favorisierte Gesellschaftssystem ermöglichte eine Zivilgesellschaft. Man sollte ihnen nach wie vor dankbar sein. Den Westalliierten, meine ich, und der Zivilgesellschaft auch. Die Deutschen wären auf ihrem damaligen Entwicklungsstand nur zur dauerhaften totalen Barbarbei oder zur Beendigung ihrer nationalen Existenz in der Lage gewesen. Letzteres hätte naturgemäß etwas für sich gehabt, aber es ist nun mal anders gekommen.

Kant ging 1949 in die DDR, um den Sozialismus aufzubauen. Unter der Ägide von Stalin könnte man das aus heutiger Sicht als naiv bezeichnen.

Meinen Respekt hat er trotzdem.

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