Strukturalismus auf dänisch

Das Lego-Haus irgendwo in Dänemark:

Nette strukturalistische Architektur, die den individuellen Aspekt von Wohnen modellhaft betont, mit Nischen und Ecken und nicht weiter bestimmten Bereichen der Nutzung, ohne individualistisch zu sein. Große Freiflächen, ein großzügiger Eingangsbereich, bunt, abwechslungsreich und mit dem Potenzial guter Grundrisse ausgestattet.

Der Lego-Stein birgt mehrere Möglichkeiten. Man kann eine zweidimensionale massive Wand hochziehen oder eben ein dreidimensionales Gebilde wie das Lego-Haus schaffen, indem man nicht nur stapelt, sondern variiert. Sich bei jedem neuen Stein, den man in die Hand nimmt, neue Gestaltungsmöglichkeiten überlegt. Was machen eigentlich Kinder damit? Starre Wände oder dreidimensionale Gebilde?

Real wird ganz anders gebaut, von Erwachsenen, egal, wohin man schaut. Strukturalismus ist ohne Chance. Das, was bei Lego als Kinderspiel inszeniert wurde, ist in der Erwachsenenwelt, die sich im kapitalistischen Zwang zunehmend regressiver gestaltet, offenbar nicht zu machen.

Hier gibt es vom Lego-Haus mehr Bilder.

Gebaut wurde diese Skulptur von dem dänischen Büro BIG Architekten mit Bjarke Ingels als Chef. BIG hat schon eine Menge interessanter Sachen gebaut, jüngst ein Wohngebäude in Manhatten, das 750 Wohnngen beherbergt. Es ist eine Mischung aus europäischer Blockrandbebauung und Pyramide:

Vermutlich unbezahlbar.

(Foto: wikipedia)

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Architektur und Alltag 6

Ein Verwaltungsgebäude im Südschwäbischen aus der kurzen Phase zwischen der abklingenden Postmoderne und der einsetzenden Zweiten Moderne, also vermutlich frühe Neunziger. Oder vielleicht auch nur eine verhaltene, konservative Postmoderne.

Auffällig ist die monotone Fensterreihung mit kleinen Öffnungen und obendrein gedrittelten Fenstern. Der Eindruck von Massivität, Ge- und Verschlossenheit ist wohl beabsichtigt. Dazu in den oberen zwei Dritteln die Verkleidung mit rötlichem Ziegel, was den geschilderten Eindruck verstärkt. Interessanterweise sind die Ziegelverkleidungen in den beiden unteren Geschossen zurückgenommen, aber nicht, um hier Offenheit zu zelebrieren, sondern um sehr helle Kunststoffverkleidungen einzusetzen. Die lassen keine größeren Wandöffnungen zu, sondern erinnern nur an die Moderne, in der der Ziegel verpönt war.

Ein massiver Klotz ohne Vor- oder Rücksprünge, ohne Balkone oder Erker. Aus den späten 1920ern wurde die serielle Monotonie übernommen, aus der Moderne generell die fehlenden Fensterfaschen, fehlenes Gesims, fehlender Dachabschluss, aus der Postmoderne die Fensterteilung und der Kunststoff. Lediglich das angedeutete Mezzaningeschoss mit den Lüftungsauslässen gibt dem Ganzen eine leicht klassische Note.

Ein Verwaltungsgebäude in diesem Typus kann man wohl angesichts der vielen interessanten Lösungen der Moderne und der 1970er Jahre in diesem Bereich als Rückschritt bezeichnen. Man spürt es: Der Architekt hätte auf alles verzichtet, aber nicht auf seine Lochrasterfassade. Lieber Freitod als Fensterband. Andererseits ist das Gebäude ein ehrlicher Ausdruck für eine sich verselbstständigte Bürokratie, für „eine Verwaltung, die sich selbst programmiert“ (Habermas), für eine Anomymität, die keine Eigenständigkeit kennt und einer instrumentellen Vernunft folgt. Insofern folgt hier die Form der Funktion.

Da die Bürokratie und mit ihr ein immer weiter „expandierender Staatsapparat“ (Habermas) das heimliche Dauerthema unserer Zeit ist, ist dieser Gebäudetyp interessant. Und auch deshalb, weil es davon nicht allzu viele gibt.

(Foto: genova 2016)

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Deutsche Bürokraten in Kreuzberg – „Die Verwaltung programmiert sich selbst“

Demokratie funktioniert via Beteiligung und vielleicht ist die kommunale Ebene wichtiger als die nationale, einfach, weil es viel mehr Kommunalpolitik gibt. Ein Blick auf politische Vorgänge in Kommunen lassen einen zumindest in Berlin des öfteren an der Demokratie zweifeln – zumindest an der repräsentativen.

Beispiel Bergmannstraße in Kreuzberg. In dieser belebten Tempo-20-Straße mit vielen Geschäften und Touristen wurden vor ein paar Monaten sogenannte Begegnungszonen – Bänke und Tische auf ehemaligen Parkplätzen, die man trendy Parklets nennt – eingerichtet. Sie befinden sich jetzt in einer sogenannten Testphase. Die dauert bis August. Außerdem hat der Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt von den Grünen an allen Kreuzungen der Bergmannstraße grüne Punkte auf die Straße kleben lassen. Das soll den Verkehr verlangsamen, an das Tempo 20 halte sich nämlich niemand.

Die Installation der Punkte kostete tatsächlich 146.500 Euro. In diesem Video kann man sich ein Bild von der aktuellen Situation machen:

Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, weiß ich nicht, aber es ist ein Versuch und es ist zumindest nicht der Schlechteste. Klar ist: Die Punkte sind jetzt da. Die Tische und Bänke werden genutzt, so mein Eindruck.

Was hat nun  aber die BVV, also das Stadtparlament von Kreuzberg, vor ein paar Tagen beschlossen?

Der Tagesspiegel schreibt:

Linke, SPD, CDU und FDP wiesen mit einem Antrag zur Begegnungszone darauf hin (27 Ja-Stimmen, 17 Nein-Stimmen von den Grünen), dass Parklets und grüne Punkte ebenfalls zu entfernen seien. So wurde es von der BVV schließlich beschlossen.

Konkret heißt es im Sitzungsprotokoll der BVV:

Mit dem Ende der Testphase im August 2019 werden die Sitzparklets sowie die grünen Punkte entsprechend der Beschlusslage der BVV entfernt.

Man wird die Punkte also löschen und danach, allen Ernstes,  in einer „Evaluationsphase“ die „Anwohner*innen“ fragen, was sie von Bänken und Punkten halten. Was die Entfernung kosten wird, wird nicht mitgeteilt. Falls die Anwohner die Punkte und Bänke nach der Befragung wieder zurückhaben wollen, wird man also die Bänke und Punkte wieder hinstellen und aufpinseln. Für dann noch einmal ein paar hunderttausend Euro.

Man sieht an diesen Details, dass die Demokratie in Deutschland selbst auf der kommunalen Ebene im Eimer ist. Man beschäftigt sich mit solch einem Nonsense und braucht für sinnvolle Politik wie der Einrichtung einer Fahrradstraße von 500 Metern mehrere Jahre. Mindestens. In Berlin können das auch Jahrzehnte sein. In einer funktionierenden Gesellschaft wären das ein paar Wochen, höchstens Monate.

Ein weiteres Beispiel im Berliner Verkehr sind die unendlich vielen Gefahrenstellen für Radfahrer, bei denen kein Kommunalpolitiker und kein Bürokrat einen Finger rührt. Oder erst dann, wenn es einen Toten gibt. Warum auch? Solange alle Regeln der Bürokratie befolgt sind, gibt es für den Deutschen keine Notwendigkeit einer Änderung. Man gebe einem Deutschen ein Büro und ein Gesetzbuch zur Hand, und er wird zwangsläufig zum autoritären Hampelmann, der seine Macht auskostet. Das Fernziel des Deutschen ist immer der Posten des Führers. Bis dahin beschäftigt man sich mit grünen Punkten auf Straßen und deren Entfernung.

Davon abgesehen könnten sich diese skurrilen Politiker ja einmal fragen, welches Bild das in der Öffentlichkeit abgibt. 150.000 Euro für ein paar Punkte auf einer Straße auszugeben, um sie nach ein paar Monaten wieder zu entfernen. Schilda.

In den Niederlanden hätte man in der gleichen Zeit eine ganze Kleinstadt fahrradfreundlich gestaltet. In anderen kultivierten Ländern blieben Lappalien wie Punkte auf der Straße schlicht unterm Radar. Sie sind da oder auch nicht, egal. Nicht so in Deutschland. Hier kann man weder ignorieren noch tolerieren, man muss nervös aktivistisch agieren. So wie man einst mit deutscher Gründlichkeit sämtliche Berliner Stadttore geschliffen hat, so kümmert man sich heute um die Punkte auf der Straße.

Die Katastrophe heißt hier nicht links oder rechts, sondern naturgemäß deutsch.

Es reicht nur dazu, ein paar Bänke aufzustellen und ein paar Punkte aufzumalen und die Bänke und die Punkte nach ein paar Monaten wieder abzubauen und wegzukratzen und in der Zwischenzeit darüber zu disktutieren. Dann haben sich alle Bedenkenträger einmal geäußert und jeder hat auf das gepocht, was in dieser deutschen Version durch und durch pervertiert ist: Demokratie.

Den lustigsten Satz in der Punkteposse hat ein Kreuzberger BVV-Parlamentarier namens Michael Heihsel von der FDP gesprochen:

„Wir haben mit diesem Beschluss das demokratische Recht der BVV verteidigt“

Es ist in der Tat demokratisch, wenn emporgespülte Kleinbürgerbürokraten sich austoben. Allerdings eher formaldemokratisch. „Die Verwaltung programmiert sich selbst“, nannte das Jürgen Habermas schon Anfang der 1980er Jahre. Ein moderner bürokratischer Staatsapparat ist immer gefährlich, in Deutschland naturgemäß bedrohlich. Eine Bürokratie, die via Selbstprogrammierung Demokratie auf eine rein technische Ebene versetzt, mitten hinein ins unentwirrbare Dickicht von Paragraphen, Regelungen, Ver- und Geboten.

Wir sollten auf den Begriff der Demokratie verzichten. Er ist genauso vernutzt und verhöhnt und pervertiert wie die Begriffe Jazz, Freiheit und Gott. Wer diese Wörter in den Mund nimmt, führt nichts Gutes im Schilde. Auch wenn, wie in der Kreuzberger Kommunalpolitik, die Wörterbenutzer das selbst nicht kapieren dürften.

Man könnte mir nun vorwerfen, dass ich nicht selbst in der Kommunalpolitik aktiv bin. In der Tat. Andererseits: Man bräuchte zumindest die Idee eines Sinns, um sich zu engagieren. Fälle wie der geschilderte lassen das nicht erkennen.

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Klassenkampf via Architekturkritik

Der Chefredakteur der Architekturzeitschrift Baumeister, Alexander Gutzmer, hält nichts von der Enteignung großer Wohnungsbaufirmen.

Er schreibt:

„Um es deutlich zu sagen: Ich halte es rechtlich wie ökonomisch für problematisch, wenn aufgrund möglicher Fehlentwicklungen am Immobilienmarkt das Grundprinzip des Privateigentums angegriffen wird. Es muss andere Wege geben, um für eine erträgliche Lage am Wohnungsmarkt zu sorgen.“

Gutzmer bringt in dem ganzen langen Meinungsartikel keine einzige Idee, wie man Gentrifizierung entgegenwirken könne. Warum auch? In Bezug auf Berlin meint er:

„Trotz Steigerungen hat die Stadt im internationalen Vergleich immer noch moderate Mieten.“

Genau. London ist billiger.

Der Artikel ist im Wesentlichen banales bis höhnisches Geplapper über Privateigentum und Rechtssicherheit. In Deutschland würden derzeit „mit Freude Tabus gebrochen“, es seien „für Revoluzzer“ „herrliche Zeiten“ angebrochen und der Immobilienwirtschaft gehe es derzeit – kein Scherz – „an den Kragen“.

Es ist keine neue Argumentation: Wenn das Kapital seine Renditewünsche artikuliert, dann müssen „alte Zöpfe abgeschnitten werden“, „Besitzstandsbewahrer“ gestutzt werden, Löhne und Sozialleistungen gedrückt werden. Der Masse wird zuerst die private Rente schmackhaft gemacht und dann werden die einstigen Zinsversprechungen gegen Null gedrückt. Ursache ist dann halt „der Markt“, also Gott, gegen den man nicht ernsthaft argumentieren kann. Geht es andersherum, bricht die linke Gegenseite angeblich Tabus, greift das heilige Privateigentum an – wobei pflichtgemäß unterschlagen wird, dass es immer nur um das Privateigentum an den Produktionsmitteln und an dem des Bodens geht – und fördert Revolution. Es ist das immergleiche Bullshit-Bingo der Machterhaltung.

Völlig plump ist Gutzmers vermeintliche Sorge:

Es muss andere Wege geben, um für eine erträgliche Lage am Wohnungsmarkt zu sorgen.

Welche, sagt er nicht, aber immerhin bestätigt Gutzmer hier versehentlich, dass die Lage in der Tat unerträglich ist.

Das einzige, was in der Perspektive Gutzmers hier interessiert, ist die Frage:

Wie kann man die Gegängelten möglichst lange zum Mitmachen oder zumindest zum stillen Zuschauen bei ihrer Ausbeutung bewegen?

Wer ist dieser Gutzmer?

Wikipedia weiß:

Gutzmer besuchte die Axel-Springer-Journalistenschule und wurde Wirtschaftskorrespondent der Welt am Sonntag in London. Er arbeitete als Editorial Director bei der Burda Creative Group und als Chefredakteur der Zeitschrift think:act von Roland Berger Strategy Consultants.

Springer, Welt, Roland Berger: danke, das genügt.

Interessant dagegen, dass die Berliner Landesregierung nun das Einfrieren der Mieten für fünf Jahre ins Auge fasst. Man kann zwar davon ausgehen, dass auch das nicht mehr ist als ein Tropfen auf den heißen Stein sein wird, denn es fehlt in Deutschland schlicht das revolutionäre Potential, um die Verhältnisse tatsächlich zu ändern. Die Diskussion um diese Perspektive an sich ist allerdings schon bemerkenswert. Der nächste Schritt müsste sein, vom Einfrieren auf dem aktuellen Niveau hin zu einer massiven Senkung zu kommen: Fünf Euro für den Bestand, acht Euro für Neubauten, und schon wäre das Kapital verjagt. Es würde vermutlich auch zu einem massiven Einbruch der Aktienkurse von Immobilienunternehmen kommen, die man im Folgenden billig übernehmen könnte.

Gutzmer würde dann wohl die armen Aktionäre bemitleiden.

Die Renditeforderungen des Kapitals anzuweifeln ist heute so gefährlich wie jeder Versuch, allumfassende und gnadenlos herrschende Dogmen zu hinterfragen, egal, zu welchen Zeiten. Früher eher religiös, heute eher wirtschaftlich: Jedes Bestreben, das dem genuinen Lebenszweck eines Systems widerspricht und zu seinem Tod führen kann, ist naturgemäß mit dem Tod zu bestrafen. Der diesbezügliche Erkenntnisfortschritt im Neoliberalismus besteht darin, dass der nicht mehr so blöd ist, mittels realer Exekutionen Märtyrer zu schaffen.

Es könnte alles ganz einfach sein, wäre das deutsche und überhaupt das gesellschaftliche Bewusstsein der Masse durch die Taktiken des Kapitals – forumlieren sie Alexander Gutzmer oder ein anderer Dogmatiker – nicht so nachhaltig geschädigt.

(Foto: genova 2019)

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Schaut auf diese Böden! (1)

Ein paar nebenbei aufgenommene Bodenstrukturen in italienischen Städten:

Granit, Travertin, Waschbeton, Marmor, Teer, Ziegel, Holz, Eisen und vielleicht noch mehr. Eine über die Jahrhunderte immer wieder veränderte Mixtour ohne zwanghafte Generalüberholung. Man kann tagelang durch eine italienische Stadt laufen, ohne auch nur einmal den Blick zu heben, und bekommt spannende Geschichten erzählt. Es wird ausgebessert, geflickt, ersetzt, erneuert, arrangiert, je nach finanzieller Lage und aktuellem Willen. Heraus kommt – fast unerklärlicherweise – immer etwas Sehenswertes.

(Fotos: genova 2017)

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Sommer in Hannover und in Potsdam oder: Der Deutsche und sein Kampf ums Klima

Kürzlich sagte die bekannte Vorsitzende der bekannten Partei Die Grünen, Annemarie Beerbröck, in der Talkshow Anne Will sinngemäß Folgendes:

Sie wolle nicht, dass ihre Kinder und Enkel solch heiße Sommer wie den letzten erleben.

Man ist sprachlos. Der letzte Sommer bedeutete, dass in einem Land, in dem normalerweise an 300 Tagen im Jahr ein kaltes und menschenfeindliches und also menschentötendes und -abtötendes Klima herrscht, ausnahmsweise ein solches Klima nur an 280 Tagen herrschte.

Frau Beerbröck wuchs in der Nähe von Hannover auf und wurde dort offenbar wettertechnisch so sozialisiert, dass sie nicht etwa Temperaturen über 25 Grad für menschenfreundlich betrachtet, sondern solche darunter.

Die jährliche Durchschnittstemperatur in Deutschland beträgt runde zehn Grad: Das ist ein Klima, bei dem man ohne Hilfsmittel, i.e. Daunenjacke, Heizung und Wärmflasche, früher oder später und im verharmlosend „Winter“ genannten Zeitraum sofort stirbt und vorher ein klimatisch bedauernswertes und vor allem geistzerstörendes und also geistvernichtendes Leben führen muss, ein solches Klima empfindet Frau Beerenbock als lebens- und erlebens- und sogar erstrebenswert. Schlimmer noch: Sie meint, ihre Kinder und ihre Kindeskinder werden einmal ein ebensolch abstruses und einem Geistes- und Kulturmenschen unerklärliches Klima- und also Wetterempfinden empfinden wie sie selbst. Es ist das typische Verhalten Nordeutscher: Ein Sommer ohne Nieselregen und mit mehr als 19 Grad gilt als abnormal und ist deshalb abzulehnen.

Wir kommen gerade aus einem neun Monate angedauert habenden durch und durch tödlichen Wetter mit Temperaturen unter zehn und unter fünf Grad, teilweise sogar unter null Grad, jeweils Celsius, und könnten uns an den ersten angenehm warmen Tagen erfreuen. Was macht Frau Beerenbröck? Sie sorgt sich darum, dass ihre Kinder und ihre Enkel einmal solch angenehme, geist- und also menschenfreundliche Temperaturen erleben könnten. Nennt man das die negative Dialektik des Paternalismus? Hätte ich eine solche Mutter oder eine solche Oma: Ich täte mich bedanken.

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Gestern las ich in der FAZ auf Seite 16 ein Interview mit Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die Überschrift des Interviews bezog sich auf das Klima in Potsdam und lautete verheißungsvoll

So warm wie in Norditalien

Ich erwartete nun eine Lobeshymne auf den Klimawandel in Deutschand und darauf, dass die Jahrhunderte des unmenschlichen und letztlich menschentötenden Klimas in Deutschland vorbei seien.

Weit gefehlt.

Denn dann kam´s: Auf die Frage, ob sich der Trend zu warmen Sommern fortsetzen werde, antwortete der Folgenforscher allen Ernstes:

„Leider ja.“

Dieser Mann könnte uns leider leidgeplagten Deutschen eine freudige Botschaft vermitteln, aber diese Vermittlung schaffen weder er noch der gemeine Deutsche an sich. Wobei die Botschaft eine freudige und menschenfreundliche ist, aber der deutsche Rezensent wird, so fürchte ich, diese freudige Botschaft, ebenso wie der Sender, als eine durch und durch katastrophale und menschenfeindliche aufnehmen. Die Tatsache, dass wir demächst nur noch 260 Tage oder gar nur 240 Tage im Jahr in unmenschlicher und todbringender und also den Menschen abtötenden Kälte leben müssen, wird von der Kleinbürgerseele, die in Deutschland naturgemäß eine durch alle Schichten reichende ist, in ein Katastrophenszenario des Untergangs verwandelt.

Es ist in dem Interview in der FAZ mit dem Folgenforscher im Folgenden von Regengüssen die Rede und von Überschwemmungen, dann wieder von Waldbränden und Trockenheit. Sie sind schon arm dran, die Deutschen.

Die schönste Stelle des Interviews in der gestrigen FAZ sei vollständig wiedergegeben:

„Das gegenwärtige Klima von Potsdam entspricht dem vergangenen Klima von Freiburg. Steigen die Temperaturen weiter, wird es in Potsdam in ein paar Jahren so warm wie in Norditalien.“

Heißt: Wir sehen paradiesischen Verhältnissen entgegen. Hoffentlich wird es kurz danach in Potsdam so warm wie in Süditalien.

In einem Interview von 2018 mit einer Potsdamer Zeitung sagte derselbe Herr Hoffmann:

„Die Dauer der Hitze ist das Problem“

So wird es sein. Ein Sommer, der tatsächlich ohne Unterbrechung im Juni und im Juli und im August stattfindet, ist für solche Leute ein Horrorszenario. Das Problem ist nicht etwa, dass es ab September wieder unerbittlich und unerträglich und also unmenschlich kalt wird, sondern, dass es vorher warm war.

Ein paar Zeilen unter dem Interview berichtete die glorreiche Zeitung aus Potsdam:

Ganz Potsdam hat mit den hohen Temperaturen zu kämpfen.

Genau. Ohne Kampf ist der ganze Deutsche und der ganze Potsdamer im Besonderen nicht in seinem Element. Und wenn ihn niemand angreift und der gemeine Krieg gerade nicht en vogue ist, kämpft er halt mit Temperaturen, der Deutsche und der Potsdamer. Man engagiert sich.

Frau Beerenberöck und Herr Hoffmann und mit ihnen tausende und abertausende und Millionen Deutsche machen aus Meldungen über italienische Temperaturen in Deutschland ein Katastrophenszenario, statt dankbar ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken. Die Freiburger haben demnach seit Jahrzehnten und Jahrhunderten mit furchtbar hohen und völlig unerträglichen Temperaturen und Waldbränden und Regengüssen leben müssen, von den Norditalienern und ihren Waldbränden und Regengüssen ganz zu schweigen. Und das sagt ein Potsdamer, wo der Winter bislang von Oktober bis Mai sich hinzog. Wo neun Monate im Jahr der klimatische und also geistige Dämmerzustand normal und somit die Katastrophe und das katastrophale Wetterereignis die Normalität war.

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Es ist bekannt und außer vom Potsdamer Klimafolgenforschungsinstitut von allen Klimafolgenforschungsinstituten erforscht und bewiesen, dass man bei Temperaturen unter 25 Grad zu kaum einem vernünftigen Gedanken fähig ist. Deutsche Geistesgrößen wie Hitler und Jünger haben vorzugsweise bei Temperaturen unter 15 Grad geschrieben. Hitler schrieb in seiner Zelle laut Historikern bei konstanten acht Grad, Jünger ließ es nicht wärmer als 13 Grad werden, jeweils Celsius. Das Anne-Will-Studio wird jeden Sonntag auf eine Temperatur zwischen 16 und 18 Grad heruntergekühlt, je nachdem, wer anwesend ist. Im Klimafolgenforschungsinstitut in Potsdam sorgt der Klimafolgenforscher Hoffmann persönlich dafür, dass in den Folgenforschungsräumen die Temperatur die 19-Grad-Marke niemals überschreitet. Deutsche Architekten wie Kollhoff und Speer verfassten und verfassen ihre baukünstlerischen Theorien, wie man sagt, gemeinhin bei runden 14 Grad.

Denk- und also Geistesarbeit von Deutschen ist nur dann lesbar, wenn sie im südlichen Ausland verfasst wurde, Goethe in Italien bei 30 Grad, Adorno in Kalifornien bei 28 Grad, Bernhard am Kamin bei 37 Grad. Ich heize mein Büro vorm Schreiben grundsätzlich auf 35 Grad hoch, jeweils Celsius.

Es ist vermutlich die aktuelle Version des deutschen Sonderwegs. Dieses Volk, wie man sagt, braucht für sich immer eine Opferrolle. Entweder ist man Opfer der Juden oder Opfer der Flüchtlinge oder Opfer der Chemtrails oder Opfer der Enteignungsforderer oder Opfer der amerikanischen Strafzölle oder Opfer der billigen Chinesen oder Opfer des verzärtelten Fußballbundestrainers oder Opfer der Demographie oder Opfer der Aliens oder Opfer der Umvolkung oder Opfer des GEZ-TV oder Opfer des Klimawandels. Heiter und allzu heiter den erfreulichen klimatologischen Entwicklungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte entgegenzusehen, ist die Sache dieses Deutsche genannten Menschenschlags nicht.

Selbst die Supermarktkassiererin, die eigentlich ganzjährig schweigt, teilt einem dieser Tage ungefragt mit, dass man „bei dieser Hitze“ – so der O-Ton – nicht arbeiten könne.

Was ist eigentlich das genaue Anliegen der Greta-Leute? Sorgen die sich um tatsächlich versinkende Inseln in der Südsee und um vermutlich äußerst unangenehme Folgen des Klimawandels in fernen Gegenden oder doch eher darum, dass die deutschen Sommer nieselregenfrei werden könnten? Wollen sie die deutschen Nieselregensommer für die nächsten tausend Jahre zurückholen und konservieren? Ich habe es noch nicht verstanden. Vermutlich sorgen sich diese jungen Deutschen, weil sie Deutsche sind und sich sorgen dazugehört. Die Grünen werden wahrscheinlich von Leuten gewählt, die sich tatsächlich vor nieselregenfreien Sommern fürchten.

Was würde man wohl erfinden, gäbe es den climate change nicht? Vielleicht wieder irgendwas mit Volk ohne Raum oder dass die Löhne und die Zahl der Feiertage zu hoch sind. Die ausländischen Investitionen in Deutschland gehen zurück, las ich gerade. Wir sind zu teuer.

Das aktuelle klimatische Hauptproblem in Deutschland besteht darin, dass wir nicht sicher sagen können, dass ab sofort in jedem Sommer die Temperatur von April bis Oktober zuverlässig und täglich über 30 Grad ansteigt. Das, was die beneidenswerten Griechen und Italiener und Spanier und Türken und Israelis und Ägypter und so fort sicher wissen, ist bei uns nur eine Hoffnung.

Aber immerhin: Laut dem Klimafolgenforscher aus Potsdam können wir diesbezüglich guten Mutes sein.

(Foto: genova 2015)

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o.T. 487

(Foto: genova 2019)

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Von Persönlichkeiten gegen Mittelmaß und Mutlosigkeit

Susanne Klatten und ihr Bruder Stefan Quandt, Hauptaktionäre bei BMW, Multimilliardäre und vor allem Milliardenerben (auf Exportabel hier und hier schon thematisiert), sind in die „Hall of Fame“ aufgenommen worden. Die Hall of Fame ist ein PR-Gag der Realsatirepublikation manager magazin.

Bei dieser Ruhmeshalle engagiert man sich

„gegen Mittelmaß und Mutlosigkeit … und zeichnet Persönlichkeiten aus, die sich um Wirtschaft und Gesellschaft besonders verdient gemacht haben“,

so die Eigenbeschreibung.

Um Wirtschaft und Gesellschaft besonders verdient gemacht: Klatten und Quandt zweigen Jahr für Jahr eine runde Milliarde Euro aus dem Gewinn des Unternehmens BMW ab. Man kann das bei den beiden nicht auf einen Stundenlohn umrechnen, weil sie dafür keine Stunde und auch keine Minute gearbeitet haben. Der Stundenlohn tendiert gegen unendlich, sozusagen.

Auf der dazugehörigen Festveranstaltung gab es noch mehr Skurriles. Die herrschende Klasse unter sich. Nikolaus von Bomhard, Aufsichtsratsvorsitzender der Münchener Rück und der Deutschen Post, lobte seiner Laudatio auf Klatten und Quandt

„ihr nachhaltiges Wirken und ihre vielfältigen sozialen wie kulturellen Engagements: „Sie wissen, dass Unternehmer eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung tragen und Vorbild sein müssen.““

Sozial und kulturell engagiert den Arbeitern das Geld aus dem Kreuz leiern. Das nennt man in diesen Kreisen gesamtgesellschaftliche Verantwortung.

Der Veranstaltungsort, so das manager magazin (bei dessen Lektüre einen schnell der Verdacht beschleicht, der Chefredakteur heiße Sonneborn) weiter,

wirkt wie eine Trutzburg im Abendlicht.

Da hatte vermutlich Freud seine Hände im Spiel. „Trutz“ bedeutet einen Akt der Gegenwehr. Die illustre Gesellschaft sieht sich offenbar in der Opferrolle und muss sich nun organisieren, um zu kriegen, was ihr zusteht. Die illustre Gesellschaft weiß sicher genau, wie asozial sie sich benimmt und ist vielleicht selbst am meisten verwundert darüber, dass die Ausgebeuteten sich das gefallen lassen. Sie, die illustre Gesellschaft, ist deshalb permanent in Abwehr- und Angriffsstellung zugleich. Und auf den Abend folgt die Dämmerung und dann die Nacht.

Bemerkenswert noch, dass in diese Hall of Fame auch zwei Gewerkschaftsbosse, nämlich der DGB-Chef Hoffmann und der IG-Metall-Chef Hofmann, aufgenommen wurden. Sicher auch wegen Verantwortung und Engagement, eben der herrschenden Klasse gegenüber.

Apropos Vorbild: Am besten nehmen sich nun 80 Millionen Menschen in Deutschland diese beiden Typen zum Vorbild: Jedes Jahr eine Milliarde Euro einsacken, ohne einen Finger dafür zu rühren. Vielleicht sollte die Putzfrau des Trutzburg-Events damit anfangen: Den Damen und Herren verkünden, sie stelle mit sofortiger Wirkung ihre Arbeit ein und verlange dafür eine Milliarde Euro pro Jahr. Die Betroffenen hätten sicher Verständnis, gehört dieses Verhalten doch zu ihrem Alltag. Was übertrieben klingt, ist exakt das, was das noble Geschwisterpaar Klatten und Quandt macht.

Die Klassenfeinde treffen sich in einer Trutzburg. Dort hocken sie für ein paar Stunden zusammen und engagieren sich gegen Mittelmaß und Mutlosigkeit.

In der Tat: Wir sind zu mittelmäßg und zu mutlos. Schade, dass wir die Gelegenheit nicht nutzen.

(Foto: genova 2016)

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Das langgestreckte Eirund

Eine Kirche von Rudolf Schwarz, ausnahmsweise nicht im Rheinland, sondern 1960 im oberösterreichischen Linz entstanden:

Ein stahlbetonbewertes Gerüst, mit Ziegel aufgefüllt, die innen unverputzt geblieben sind. Das Ganze als Oval, als „Eirund“, wie Schwarz selbst sagte, mit einer längsseitigen Ausbuchtung. Kirche zur Heiligen Theresia heißt sie.

Man hat beim Betreten des Hauptgebäudes sofort ein angenehmes Raumgefühl: luftig, hell, übersichtlich, aber nicht kalt. Schwarz braucht auch keine bunten Fenster, um dieses Raumgefühl zu schaffen. Man sieht und begreift die Konstruktion, mit einer schönen Decke aus Plattenbalken, schmal und prägnant.

Die Wandfüllungen sind Ziegel und Glas, in unterschiedlichen Anteilen. In Richtung des Altars wird der Glasanteil größer, Gott ist luftig und braucht keine Gruft. Es sind ganz einfache Baumaterialien, es ist eine simple, aber nicht funktionalistische Moderne, die Schwarz da zusammengebastelt hat.

Der Turm steht allein, auch ein ganz simples Gerüst, und neben dem Hauptbau steht ein kontrastives Element: eine Art Kapelle, die mit Naturstein hochgezogen wurde, ohne Wandöffnungen. Dort hat man ein völlig anders Raumgefühl als im Hauptraum, und dieser Kontrast ist ein besonderer.

Der Bau wirkt von außen ungemein anziehend, weil man den weißen Putz hat, der mit dem sichtbaren graugestrichenen Raster korrespondiert. Die Hintertür ist fast schon ein konstruktivistisches Bild. Figürlichkeit und Abstraktion verbinden sich. Dazu kommt der Kontrast zwischen einfachem Raster und der ovalen Form.

Die Kirche ist auch ein seltenes Beispiel für die Vereinbarkeit von Bäumen vor Häusern. Keine dummen Kastanien oder noch dümmere Platanen, die alles um sie herum erschlagen, sondern sensible Gewächse, die den Bau nicht verdecken und erdrücken und erschlagen, sondern ergänzen.

Bauhistorische Fotos zeigen schön, wie konstruktiv simpel solche Kästen hochgezogen werden:

Ein tiefes Fundament für die Stützen, die dazugehörige Schalung und dann facht man in Ruhe aus.

Es ist ein einfaches Bauen, damals sicher den begrenzten finanziellen Mitteln geschuldet, aber auch eine Misstrauen von Repräsentation und Machtdarstellung.

(Fotos: genova 2019)

 

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o.T. 486

(Foto: genova 2019)

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