Wie man gut und günstig bauen kann – jenseits der Polit- und Baumafia

Was mit dem rausgemobbten Berliner Ex-Baustaatssekretär Andrej Holm auf dem Spiel stand, zeigt auch ein Blick auf Werner Sobek. Sobek ist ein Avantgardeeingenieur, der sich seit vielen Jahren mit aktuellen Positionen der Architektur – vornehmlich aus technologischer Sicht – beschäftigt. Bekannt geworden ist unter anderen sein mittlerweile 17 Jahre altes Haus „R128“: Schon 1999 nullenergetisch und komplett recylebar.

Sobek wurde vor einer Weile von der baden-württembergischen Stadt Winnenden gefragt, ob er Unterkünfte für Flüchtlinge entwickeln könne. Die hat Sobek nun realisiert:

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Die 22 Einheiten basieren auf der Logik der Container-Architektur, sind mit einer Lärchenholz-Fassade umhüllt und ressourcensparend, recyclebar und emissionsfrei. Sobek arbeitet mit der Firma AH-Aktiv-Haus zusammen, die die Gebäude baut und ausliefert. Ihren Angaben zufolge erfolgt die schlüsselfertige Realisierung innerhalb von zwölf Wochen. Hier gibt es weitere Fotos und Grundrisse.

Die Schorndorfer Nachrichten schreiben dazu:

Die Räume sind für heutige Maßstäbe sehr klein und kompakt. „Sie können aber später Wände herausnehmen und aus den kleinen Wohnungen größere machen“, sagt Sobek. „Sie können noch ein Stockwerk draufsetzen oder das obere herunternehmen und woanders aufstellen.“ All das versteht er unter nachhaltigem Bauen.

Die Stuttgarter Nachrichten berichten:

Die innen mit Fichtenholz-Schalplatten und Laminatböden ausgekleideten Wohneinheiten werden inklusive Fußbodenheizung, Elektrik, Bad- und Küchenausstattung bis hin zum einzelnen Lichtschalter komplett geliefert und müssen lediglich an Strom- und Wasserleitungen angeschlossen werden. Der Hersteller verspricht, dass sein Bausystem binnen zwölf Wochen gefertigt, komplett montiert und getestet geliefert werden kann.

Alle Modelle seien so konzipiert, dass sie nach individuellen Wünschen umgestaltet, oder vergrößert werden könnten, sagt die Aktivhaus-Geschäftsführerin Stephanie Fiederer.

Wir haben hier also einen Gebäudetyp, der ökologisch ok ist und fexibel nutzbar, was die Grundrisse und auch die mögliche Nachverdichtung angeht. Die Häuschen sind mit Solarzellen, Batterien und Wärmepumpen ausgestattet, die verwendeten Baumaterialien sind komplett nachwachsende. Beton wurde nicht verwendet.

Der Preis liegt laut Herstellerfirma 30 bis 40 Prozent unter dem des „herkömmlichen“ Bauens. Konkret bedeutet das: Sobek schätzte zu Beginn runde 1.650 Euro Baukosten pro Quadratmeter Geschossfläche, bezugsfertig, so wie das die Schorndorfer Nachrichten beschreiben. Nur die Anschlusskosten kommen noch dazu. Die Herstellerfirma berichtet nun von 1.380 Euro netto. Es gehört nicht viel Phantasie zur Vermutung, dass man diese Kosten noch deutlich senken könnte: bei serieller Fertigung und staatlicher Vorleistung in die Erforschung preisgünstigen Bauens – was eigentlich Standard wäre, hätten wir das, was man einen Sozialstaat nennt. Das aktuelle Vorgehen dieses Sozialstaates ist es im Wohnbereich, absurd hohe Mieten zu tolerieren und vorgeblich den Armen einen Teil der Miete zu bezahlen. Das Geld wandert direkt in die Taschen der Bonzen. So geht deutscher Sozialstaat.

1.200 Euro? 1.000 Euro? Weniger? Eine 50-Quadratmeterwohnung für weniger als 50.000 Euro neu bauen? Kein Spekulantentum zwischenschalten? Für kapitalistisch Verformte sind das paradisische, also nicht erreichbare Zustände. Das Kapital hat ganze Arbeit geleistet.

Man müsste einmal eine Rechnung aufstellen: In den Metropolen zahlt man 4.000 oder 5.000 Euro oder mehr für in weiten Teilen schlechte Architektur oder man zahlt entsprechende Mieten, Monat für Monat, selbst für einen Altbau. Welch gigantische Summen überweist man so mit der Zeit dem schmarotzenden Kapital? Welch ungeheuerliche Form der Ausbeutung findet hier statt? Demokratisch legitimiert, wie man sagt?

Sobeks Bauprojekt ist interessant, weil der Mann zeigt, inwieweit heute der erreichte Stand der Produktivkräfte zu konfortablem, ökologischem und preisgünstigem Wohnen genutzt werden kann – wenn man die erreichten Standards für den Menschen verwendet, nicht gegen ihn.

Natürlich hat diese Art von Bauen in Deutschland und ähnlich dämlichen Ländern keine Chance. Die Bau- und die Politmafia ist dagegen – wie das aktuelle Beispiel Berlin gerade zeigt. Hier sagen einem die Politiker, dass man unterhalb der aktuellen Marktpreise leider nicht bauen könne.

Die Haltbarkeit der Wohnungen gibt Sobek übrigens mit „300 bis 400 Jahren“ an – „bei guter Pflege“.

(Foto: bauwelt)

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Neues von Gott und Teufel

Eine weiterer kleiner Beitrag aus der Rubrik „Neoliberale Gehirnwäsche“:

Florian Gathmann schreibt im Spiegel über den Berliner Immobilienmarkt und beklagt:

Die Preise für Miet- und Kaufimmobilien haben sich in den vergangenen Jahren in der Hauptstadt sprunghaft entwickelt. Der Verweis auf den Immobilienmarkt in anderen deutschen Metropolen wie München, Hamburg oder Frankfurt am Main hilft dabei nur wenig, weil dort ein viel höheres Einkommensniveau herrscht als in Berlin.

Das klingt unter den herrschenden, also katastrophalen intellektuellen Zuständen ganz vernünftig. Aber merke: Selbst wenn das Einkommensniveau in Berlin doppelt und dreifach so hoch wäre wie in München, Hamburg oder Frankfurt, gäbe es keinen vernünftigen Grund, mehr als fünf Euro warm für einen Quadratmeter sanierte Altbauwohnung und acht oder zehn Euro für einen Quadratmeter Neubauwohnung zu zahlen. Warum? Weil es nicht mehr kostet. Diese reale Kostenrechnung aufzumachen, ist allerdings tödlich fürs System.

In den Fällen der aktuellen Mietsteigerungen redet der Adept gerne von „Markt“, der das so wolle. Man könnte das auch Gott nennen oder Teufel. Es muss nur ein affizierender Autoritätsbegriff sein, und der soll eines erreichen: Das Denken aufgeben und gesellschaftliche Sachverhalte als Naturverhältnisse akzeptieren.

Gäbe es einen Markt, wäre das Preisniveau ein anderes, vermutlich knapp über fünf Euro für den Altbau. Ein Immobilienmarkt kann allerdings naturgemäß kaum existieren, da Raum nicht unbegrenzt zur Verfügung steht und der Mensch behausungstechnisch nur in der Urlaubszeit mobil ist. Es existiert eine natürliche Knappheit und eine natürliche Unbeweglichkeit. Menschen siedeln nicht gleichmäßig über die Fläche, sondern geballt, was auch ökologisch Sinn macht. Spätestens unter diesen Voraussetzungen könnte der Mensch sich auf seine rationalen Anlagen besinnen und durch vernünftiges Handeln das grundlegende Bedürfnis des Wohnens gemeinschaftlich regeln. Eine Haltung, die in den 1920er Jahren übrigens gesellschaftlich weit akzeptierter war als heute. Diese Haltung würde auch bedingen, den kapitalistischen Vewertungsgedanken außen vor zu lassen. Damit wäre schließlich nicht mehr die Perversion möglich, von Wohnungen als Rendite-, Kapital- oder Anlageobjekten zu reden.

Man muss sich nur einmal ganz simpel vor Augen führen, dass die reaktionären Kräfte in dieser Gesellschaft behaupten, dass selbst der erreichte Stand der Produktivkräfte nicht in der Lage ist, die Menschen angemessen mit dem Grundbedürfnis Wohnen zu versorgen. Diese Behauptung ist nur möglich, wenn die Behaupter davon ausgehen können, dass das Denken der Masse schon so deformiert ist, dass die Behauptung für die Behaupter folgenlos bleibt. Man hat nicht einmal eine Ahnung, wo sich die Bastille denn befinden könnte.

Es hat etwas Schizophrenes, wenn ausgerechnet in den sogenannten alternativen städtischen Lagen, dort, wo sich die Intellektualität und der Genussmensch zuhause fühlen, die Preise ins Astronomische steigen. Es sind vermutlich die gleichen Leute, die nun mit dem Rausschmiss Andrej Holms d´accord gehen, weil man ja an die Stasiopfer denken müsse.

Dass Holm von den Betonfraktionen der SPD und den Grünen abserviert wurde, ist ein anderer Ausfluss des kaputten Denkens. Holm positionierte sich klar gegen privates Gewinnstreben im Wohnungsbau, da ist die rote Linie überschritten. Die wohnungspolitischen Selbstverständlichkeiten, die Holm formuliert, bringen ihn in einem neoliberalen System ins sogenannte linksextreme Lager. Alleine das spricht Bände. Die Kettenhunde des Kapitals besorgen das Übrige. Wohltuend, dass Holm nach seinem Rücktritt noch einmal betont, dass er Hausbesetzern näher steht als privaten Investoren. Es nutzt allerdings nichts mehr. Mit der Renditelogik, dem langsamen, aber totalen Umschlag der Welt in Ware, scherzt man nicht, und dass gestern der Todestag von Rosa Luxemburg war, passt ins Bild. Damals wie heute zeigt die Reaktion in Form von Politik und Publizistik ihre Fratze, natürlich immer zeitgemäß. Man fuchtelt heute nicht mehr mit einem Gewehrkolben herum.

Was den Vormodernen ihr Gott, dessen Anzweifeln den Tod des Anzweiflers zur Folge haben muss, ist den Neoliberalen die Rendite. Diese Leute können Gott oder wem auch immer danken, dass Holm die fünf Monate bei der Stasi war. Sonst hätten sie etwas anderes konstruieren müssen.

Es ist die völlige Akzeptanz der Ausbeutungslogik, der wir solche Artikel wie den im Spiegel und überhaupt solches Denken wie im Fall Holm zu verdanken haben. Vermutlich merken Gathmänner dieser Welt nicht, welchen Unsinn sie schreiben. Sie sind so sozialisiert. Sie können nicht anders.

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Müller und Holm und ein Freudentag fürs Kapital

Berlins Regierungschef Michael Müller will offenbar den Bau-Staatssekretär Andrej Holm absetzen. Holm war 1989 fünf Monate bei der Stasi, dazu hat er später nicht ganz eindeutige Angaben gemacht.

Bemerkenswert ist die Begründung Müllers, die er „nach reiflicher Überlegung“ formuliert hat. Der Tagesspiegel zitiert:

Ein Staatssekretär habe nicht nur fachliche Verantwortung, er führe eine Verwaltung und übernehme damit auch als hoher politischer Beamter Verantwortung für Menschen, so Müller. „Polarisierung in dieser Rolle kann nicht den gemeinsamen Zielen dieser Koalition dienen. Vielmehr schadet es der Umsetzung einer glaubwürdigen Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik des Senats.“

Was versteht Herr Müller unter einer glaubwürdigen Stadt- und Entwicklungspolitik in Berlin? Offenbar die, die seit 20 Jahren oder mehr von der SPD verantwortet wird. Ergebnis: Wohnungsbau ausschließlich für Reiche, Deportationen aus den Innenstadtbezirken, Mieterhöhungen ohne Ende, Gentrifizierung, eine willfährige Überlassung der Stadt für Kapitalinteressen, eine schamlose Bereicherung des Kapitals. Müller selbst war früher Stadtentwicklungssenator. Insofern muss diese Frage als beantwortet gelten. Nach den Müllerschen Maßstäben ist Holm in der Tat der falsche Mann.

Müller und die SPD hofieren die Bonzen, spätestens seit der Agenda 2010, und sie geben sich dabei weiterhin große Mühe. Dass solche Kameraden nun von Verantwortung und Glaubwürdigkeit reden, könnte man empörend finden, doch dafür ist man zuviel gewohnt. Es zeigt allerdings die Apathie der Öffentlichkeit.

Müller wird mit dieser Entlassungsankündigung durchkommen. Weil man ihn damit durchkommen lässt.

Natürlich ist die offizielle Begründung Müllers in Sachen Holm und die Argumentation der politischen Reaktion in Berlin eine Farce. Was Holm mit 18 für ein paar Monate gemacht hat, ist heute egal. Er hat niemandem geschadet, niemanden bespitzelt. Man kann ihm bestenfalls vorwerfen, ein- oder zweimal in Fragebögen missverständlich geantwortet zu haben. War er fünf Monate Hauptamtlicher oder nur in Ausbildung zum Hauptamtlichen und ist letzteres schon als hauptamtliche Tätigkeit zu bewerten oder nicht? Angesichts der täglichen Lügerei des Establishments eine Petitesse.

Es könnte schon sein, dass Müller dem Druck von rechts nicht standhalten konnte. Andererseits: Der Mann ist Regierungschef. Er hat´s bis ziemlich weit nach oben geschafft. Das kriegt man nicht hin, wenn man so ist, wie Müller scheint. Auch seine politische Biographie spricht dafür, dass er hier jemanden aus dem Weg räumen wollte, der der Verwertungslogik im Weg stehen wollte. Und wenn Müller allen Ernstes vor Springer und Koryphäen wie Hubertus Knabe eingeknickt ist, dann gute Nacht. Wie will sich ein Regierungschef durchsetzen, der bei einer so lächerlichen „Affäre“ schon einknickt? Eine Posse, die von der interessierten rechten und verwertungsaffinen Öffentlichkeit aufgeblasen wurde?

Es ist eh ein Witz der Geschichte, wenn ausgerechnet das rechte Lager mit moralischen Kategorien der Geschichtsaufarbeitung werkeln will. Das sind die Leute aus den Parteien, die nach 45 alle Seilschaften in Bewegung setzten. Und da ging es nicht um 18-Jährige.

Noch bemerkenswerter wird die Geschichte, wenn man sich die Karriere des Ex-Stadtentwicklungssenators Andreas Geisel anschaut, siehe hier. Hier auf den Gedanken der Korruptheit zu kommen, ist wohl nicht allzu abwegig. Er flog dafür nicht etwa aus dem Senat. Er sitzt jetzt auf dem Sessel des Innensenators.

Lustig auch der Berliner SPD-Abgeordnete (Danke für dame von welt für den link)

Sven Kohlmeier, der als erster Sozialdemokrat erklärte, Holm sei „nicht tragbar“, betreibt beispielsweise als Anwalt eine Kanzlei, die sich laut Webseite unter anderem mit Immobilienthemen befasst. „Neubauwohnungen, Altbauwohnungen, Villen, Mietshäuser oder Wohn- und Geschäftshäuser sind besonders gefragte Immobilieninvestments“, heißt es auf der Website. „Wir unterstützen Sie dabei, Ihre Traum-Immobilie in Berlin rechtlich abgesichert zu erwerben.“ Dies klingt eher nicht nach einer Positionierung gegen Mieterhöhungen. Unter einem Staatssekretär Holm, so befürchtet die Immobilienbranche, wird das Investieren in Berlin nicht mehr ganz so freizügig möglich sein.

Auch dieser Typ ist bei der aktuellen Sozialdemokratie so willkommen wie der ganze Laden verkommen ist.

Gestalten wie Müller, Kohlmeier und Geisel sind also moralisch und sonstwie dazu befähigt, ein hohes politisches Staatsamt verantwortungsvoll auszuüben. Sie sind sogar befähigt, einem anderen diese Befähigung abzusprechen. In der Bibel steht etwas von einem Balken im Auge.

Die reibungslose Durchsetzung der kapitalistischen Logik wird nun von Holm und somit von einer kleinen Irritation befreit. Müller und seine Kameraden werden wieder gut schlafen können.

Die Linke in Berlin könnte gegen das Müllersche Vorgehen Front machen. PR-mäßig geschickt angestellt, könnte das durchaus erfolgreich sein. Allein, es fehlt der Glaube. Und schließlich: Es spricht ja einiges dafür, dass Holm in dem lobbyfreundlichen Bürokratieapparat namens Regierung bloß verheizt worden wäre. Da spendet ein Bauunternehmer mal flott eine ordentliche Summe, nennt das „Pflege der politischen Landschaft“, und ein Holm ist ausgebotet.

Die deutsche bürgerliche Presse entrüstet sich gerne über Leute wie Putin, Berlusconi oder Erdogan. Müller ist mit diesen Leuten nicht gleichzusetzten, aber vom Effekt her läuft es nur subtiler. Mit Macho-Hampelmännern wie Erdogan oder Putin, mit dem Rekurs aufs Religiöse oder Nationalistische ist in der subtilisierten deutschen Öffentlichkeit nicht genügend Staat zu machen. Dem Anliegen, die Macht der herrschenden Klasse, um das einmal so populär auszudrücken, auszubauen, tut das keinen Abbruch. G‘ will erarbeitet sein.

041(Foto: genova 2014)

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o.T. 367

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o.T. 366

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Es ging ein Ruck durch den Roman..

…und dann war´s um ihn geschehen.

181Bemerkenswert oder auch erwartbar: Der frühe Initiator und Apologet der neoliberalen Vernichtungsmaschinerie, Roland Herzog, wird nach seinem Ableben vom deutschen Establishment zum intellektuellen Supermann hochgejazzt, wie man sagt. Der Deutschlandfunk nennt als sein wichtigstes Vermächtnis seine Aufforderung, von „liebgewordenen Besitzständen Abstand zu nehmen“. Die meinen das vermutlich positiv.

Die Würdigungen sagen viel über den geistigen Zustand dieses Landes aus. Gauck nennt ihn eine „markante Persönlichkeit, die das Selbstverständnis Deutschlands und das Miteinander in unserer Gesellschaft geprägt und gestaltet hat“. Ja, stimmt. Ähnliches wird man einmal über die deutsche Figur Gauck sagen.

Merkel meint, „seine kluge Stimme wird uns fehlen“. Nö. Denke ich an seine Stimme, denke ich vor allem an ihre unangenehme Frequenz und an diesen komischen Dialekt. Aber dafür kann er nichts. Für das, was er mit seiner Stimme inhaltlich anstellte, schon.

Der Spiegel nennt ihn allen Ernstes einen „unbequemen Mahner“. Geilomat. Ich hoffe, Herzog beschwert sich auf seiner Wolke. „Unbequemer Mahner“ läuft heutzutage auf den Levels „Querdenker“ und „Gegen-den-Strom-Schwimmer“, also Trottel, die rechtes Gemecker mit Kritik verwechseln. Total unbequem, dieser Herzog. Für wen eigentlich?

Nun hat der liebe Gott dafür gesorgt, dass Herzog von seinen ihm sicher liebgewordenen irdischen Besitzständen Abstand nehmen muss. Die hat der nette Herr bei seiner Rede sicher nicht gemeint. Aber nach unten treten war schon immer gute deutsche Tradition.

Möge seine dünne Stimme in Frieden ruhen.

(Foto: genova 2014)

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Die angebliche Mutter der Künste

Architektur ist en vogue (wie der Fußball) und erfreut sich also einer selektiven Aufmerksamkeit. Sie sei, so wird heute wieder gern betont, die Mutter der Künste.

Schreibt Robert Kaltenbrunner in der Frankfurter Rundschau. Wer auch immer das betont: Es ist Quatsch. Man muss doch einen ziemlich beschränkten Begriff von Kunst haben, vertritt man diese Meinung.

Kunst ist eine Mixtur aus interesselosem Wohlgefallen, gesellschaftlichem Resonanzraum und dem besonderen Empfinden, dem Blick, dem Genius. Architektur hat etwas mit einer Bauaufgabe zu tun, mit Funktion, mit Statik, mit der Auseinandersetzung mit Baufirmen und nicht zuletzt mit ökonomischen Restriktionen. Architektur hat etwas, wenn es gut läuft, mit Baukultur zu tun, mit Design, was schon eine Menge ist. Aber eben nicht mit Kunst.

Ich habe den Eindruck, diese Überhöhung von Architektur als Kunst ist eine Haltung, die in schlechten Zeiten Konjunktur hat. Statt sich als Architekt seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu sein, sich auch gerne auch um eine bessere Welt via Architektur zu bemühen, sich zu fragen, was die Gesellschaft eigentlich braucht, entledigt sich man diesen Verantwortungen und faselt etwas von Kunst. Architektur als Flucht. Architektur als das eine gebaute Prozent, das suggeriert, sich mit solch schnöden Dingen wie den unzähligen Bauregularien nicht abgeben zu müssen.

Gute Architektur entsteht nur, wenn sie sich des künstlerischen Anspruchs entledigt und schlicht versucht, gut zu sein. Ein baukünstlerischer Anspruch sollte da nicht fehlen, aber von Kunst zu reden, ist unangemessen. Dieses Gerede von Kunst überhöht den ohnehin zu großen Rummel um sogenannte Stararchitekten, die analog zu den Anchormen der Nachrichten und den politischen Führern ihre bürokratische Bedingtheit zu verschleiern versuchen.

Selbst wenn sich Leute wie Corbusier oder Van der Rohe als Künstler begriffen (ich bin mir bei letzterem nicht sicher), dann interessiert das die Nutzer einen feuchten Kehricht. Im Alltag -und genau das ist der notwendige Aspekt der Nutzung eines Gebäudes – muss das, was als Kunst verstanden werden will, gut sein. Es muss in einem positiven Sinn funktionieren.

Dazu kommt: Diese Debatte um den angeblichen künstlerischen Rang von Architektur findet in einer Zeit statt, in der haufenweise schlecht gestaltete und rein oberflächlich protzende Wohnungsbauten für teures Geld en masse produziert werden. Für einen sogenannten Markt, der keiner der Obdachsuchenden, sondern nur einer der Kapitalverwertung ist. Architekten sind in weiten Teilen Prostituierte des Kapitals, die angesichts des realen Schlamassels in höhere Sphären flüchten wollen. Die Architekturbegeisterung im Berlin der 90er Jahre führte auch nicht zu besseren Häusern, sondern zum Starkult und zum Aufblasen von Mythen, siehe Potsdamer Platz. Mit der intensiven internationalen Beobachtung durch eine neoliberale Öffentlichkeit entstand seinerzeit das banalste Neubaugebiet Berlins.

Kunst kann den Anspruch an gute Architektur nicht erfüllen. Less aesthetics, more ethics war vor einigen Jahren das Motto der Architekturbiennale in Venedig. Das war insofern missverständlich, als dass Architektur schon „schön“ sein sollte, aber das liegt im Auge des sozialisierten Betrachters und ist insofern nur eine zeitbedingte Scheißkategorie. More ethics hingegen ist eine konkret füllbare Forderung, die mit einem sozialen Anspruch zu tun hat. Und da sind es eben eher der Grundriss, die Flexibilität, die Detailversessenheit, die Unfertigkeit, die Regionalität, die Einbeziehung der Nutzer beim Entwurf und der Widerstand gegen baukapitalistische Verwertung, die den Anspruch erfüllen oder auch nicht.

Kunst muss nicht funktionieren, sie muss keinen Zeit- und keinen Kostenplan einhalten und sie muss niemanden begeistern außer den Künstler selbst. Ein Architekt, der sich als Künstler sieht, hat im günstigsten Fall nur keine Ahnung, was Kunst ist.

Man sollte jeden Architekten, der sich als Künstler betrachtet, mit lebenslangem Bauverbot ahnden. Sonst baut er wohlmöglich noch.

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