Giancarlo de Carlo (2) – Ausflug nach Terni

Giancarlo de Carlo hat eine Universtität in Urbino gebaut – hier beschrieben – und eine Wohnsiedlung in Terni, runde 100 Kilometer nördlich von Rom.

Die Siedlung wurde von 1969 bis 1975 errichtet und war viel grlßer geplant. Tatsächlich gebaut wurde nur der kleine Teil im Modell ganz rechts – 240 von 840 Wohnungen. Man verzichtete, weil das tonangebende Stahlwerk in Terni in den 1970ern in Probleme geriet und der vermutete Zuzug an Arbeitskräften sich nicht einstellte.

Gebaut wurde eine strukturalistische Siedlung. Das bedeutet erstens Anwohnerbeteiligung, zweitens eine Planung von innen nach außen und drittens (schon damals) eine Separierung des Autoverkehrs.

Zur Partizipation sagte de Carlo:

Ich habe das fast bei allen meinen Arbeiten versucht – und ich habe, je nach den Umständen, mehr oder weniger Erfolg gehabt. Am besten ist es beim Bau einer Arbeitersiedlung in Terni gelungen, wo es mir gelungen ist, den Bauherren die Partizipation richtig aufzudrängen, und ich habe gemeinsam mit den Arbeitern die Wohnungen erörtert … Das dauert viel länger, es kostet viel mehr und es wird vor allem scheel angesehen … Natürlich haben die Leute nicht immer recht – aber es öffnen sich einfach andere Perspektiven und die Möglichkeit zu größerem Reichtum. (archplus 57/58, Juli 1981)

Wie diese Partizipation aussah, beschrieb eine Mitarbeiterin:

„Während ich mit den zukünftigen Nutzern sprach, zeichnete De Carlo. Er fertigte hunderte von Skizzen an. Es war faszinierend zuzusehen, wie die Idee Form annahm.“ (aus: werk, bauen + wohnen, 12/2018)

An anderer Stelle sagte de Carlo:

Es braucht keine Theorie der Partizipation, sondern (…) Energie, um aus der Autonomie herauszukommen», um sich «die Hände dreckig zu machen», um sich mit dem Ort zu «infizieren». (zitiert nach werk, bauen + wohnen, 12/2018)

Das sind gute Selbstbeobachtungen: Nicht der Architekt als scheinautonomer Künstler ist gefragt, sondern einer, der Macht abgibt, und zwar an die, die mit den Ergebnissen der architektonischen Arbeit leben müssen. Der lächerliche Begriff der Autonomie, den sich viele Architekten gerne anheften (der unsägliche O. M. Ungers fällt da ein) ist für de Carlo einer, der als Makel anhaftet. Stattdessen: die Hände dreckig machen, indem man sich mit Leuten abgibt, die keine Ahnung haben und zugleich die besten Experten sind: die Bewohner. Die dreckigen Hände und das Infizieren mit dem Ort, die Kontamination mit dem Minderwertigen bringt das beste Ergebnis.

Leider finde ich keine O-Töne der künftigen Bewohner, insofern bleiben hier Fragezeichen. Wem das Baugelände gehörte und inwieweit die auch in Italien damals allgegenwärtige Bauspekulation in Terni eine Rolle spielte, bleibt leider unentschlüsselt.

Die Bilder zeigen eine typische Strukturalismus-Siedlung:

Eindrücke eines Spaziergangs: Der vorherrschende Baustoff ist naturgemäß Beton, im Stil der Zeit unverkleidet. Der Beton ist durchweg skulptural eingesetzt. Es fehlen massive Wände, Barrieren, abweisende Zonen. Pflanzen, Grünzeug, mediterrane Bäume schaffen eine Atmosphäre, die das Schroffe des Betons zurücktreten lässt. Vermutlich alle Wohnungen haben Balkone und viele größere Freiflächen davor. Freiflächen, zu denen prinzipiell alle Zugang haben, was in der Praxis sich aber auf die Bewohner von drei, vier oder fünf Wohnungen begrenzen dürfte. Überhaupt sind die Freiflächen wohl das Geheimnis der Siedlung. Die Eingangssituationen sind nicht beengt, sondern jederzeit erweiterbar, indem man etwa Blumen dort postiert oder einen Stuhl. Es steht nichts im Weg.

Autos sind im Untergeschoß oder im Erdgeschoß geparkt, von wo aus man direkt nach oben in die Wohnungen gelangt.

Es ist eine Wohnanlage, deren Größe man nirgendwo spürt, weil man permanent auf eher schmalen Wegen unterwegs ist. Es ist eine Neuinterpretation eines italienischen Dorfes, das auch noch mit kleinen Wegen, mit menschlichem Maß arbeitete.

Die Siedlung ist bis auf wenige Ecken sehr gepflegt, kein Vandalismus, kein Müll. Sie scheint zu funktionieren. Die wenigen Leute, mit denen ich dort sprach, äußerten sich rundum zufrieden. Bemerkenswert auch: Es gab seit den 1970ern fast keine baulichen Veränderungen. Die Leute scheinen zufrieden, die Langzeitqualität ist gegeben.

Aus heutiger Sicht könnte man bemängeln, dass die Siedlung etwas außerhalb liegt und dort deshalb niemand ohne Auto wohnt – zumal es dort auch schnell hügelig wird. Es gibt direkt im Viertel auch keine Läden, was zu einer ziemlich ruhigen Atmosphäre führt. Auch die Passegiata am späten Nachmittag findet dort wohl nicht statt. Und der Clou wären Schwimmbäder auf den Flachdächern, was im sozialen Wohnungsbau in Wien zum Standard gehört. Das alles hängt damit zusammen, dass, wie gesagt, aufgrund außenliegender wirtschaftlicher Zusammenhänge, nur ein Bruchteil der geplanten Gebäude realisiert wurde.

Dennoch finden wir hier ein Stückchen Architektur und Städtebau, das einzigartig ist. Es ist wie mit aller strukturalistischen Architektur: Es war eine kurze Zeit, in der hervorragende Ideen realisiert wurden: Weg vom Bauwirtschaftsfunktionialismus, hin zu einer partizipativen Architektur, die den Begriff des Funktionalen wieder an dessen Ursprüngen in den 1920er Jahren orientierte, also kleinteiliger, an die konkrete Lösung denkend. Es war eine Architektur, die schwieriger zu verwirklichen war, wenn man an die Mitsprache der künftigen Bewohner denkt. Aber schon deshalb nachhaltiger. Strukturalismus bedeutete auch nie nur Architektur, sondern immer Architektur und Städtebau zusammengehörig.

Es ist eine Architektur, die im Weiteren vergessen wurde. Auffällig ist heute, dass diese Phase in der Architekturgeschichtsschreibung nicht vorkommt. In der offiziellen Lesart wurde der Bauwirtschaftsfunktionalismus von der Postmoderne abgelöst. Aktuell schiebt sich in der Geschichtsschreibung noch der Brutalismus dazwischen. (Wobei dieser Begriff sich als sinnlos erweist. Die Matteotti-Siedlung wird heute gerne als brutalistisch bezeichnet. Allein: Diese Kategorisierung sagt nichts aus.)

Strukturalistische Architektur gab es in ganz Europa und hier im Blog lassen sich viele Beispiele finden. Es ist eine Architektur, die heute notwendiger denn je wäre, aber vielleicht angesichts der rechten, reaktionären Tendenzen hierzulande ferne denn je ist. Betrachtet man sich eine durchschnittliche deutsche Neubausiedlung, erkennt man die große und übergroße Architektur- und also Geisteskatastrophe, in die wir schon längst geschlittert sind.

Man kann an der Matteotti-Siedlung auch ganz gut die beiden grundlegenden Möglichkeiten architektonischen Gestaltens aufzeigen: Einerseits die erwähnte Partizipation de Carlos, andererseits der Künstlerarchitekt, der sich für ein Genie hält und von einer authentischen Öffentlichkeit nicht gestört werden will. Eine diesbezügliche Unterscheidung in der Architekturgeschichte harrt noch der Dinge.

(Fotos: genova 2019)

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