Modena: Die Architektur und der Tod

Der berühmte Friedhof von Aldo Rossi in Modena:

Wollte man böse sein, könnte man sagen: Friedhöfe konnte Rossi gut bauen, denn da muss auch keiner mehr leben.

Man schaue sich den Eingangsbereich von Rossis Wohnquartier im Mailänder Stadtteil Gallaratese an und vergleiche ihn mit dem Pfeilergang in Modena:

Rossi macht zwischen Lebenden und Toten architektonisch keinen Unterschied. Hauptsache seine Lehre von der reinen Typologie kommt nicht durcheinander.

Aber nähern wir uns dem Friedhof nicht mit der Lust am Verriss, sondern mit lebendiger Anteilnahme. Italiener bestatten ihre Toten vorzugsweise nicht nebeneinander in der Erde, sondern platzsparend übereinander, in sechs, acht, zehn oder mehr Etagen. Insofern ist das Prinzip der Reihung, der Serie, schon vorgegeben. Und deshalb passt Rossis Reihungsvorliebe zu italienischen Friedhöfen. Dazu kommt seine Vorliebe für den puren Typus, hier den Kubus mit gleichmäßigen Wandöffnungen. Es braucht keine Rücksicht auf die Verschiedenheit des Menschen und seine unterschiedlichen Bedürfnisse, denn er ist ja tot. Und so gleicht im Hauptgebäude ein Fenster dem anderen. Auch das Satteldach kommt als Typus in Reinform zu seinem Recht. Rossi freute sich vermutlich über den Purismus und keinen störts.

Eine Tourismusseite der Region Emilia-Romagna beschreibt das Prinzip des Friedhofs unfreiwillig ganz gut:

Der Fokus des Baus war das quadratische Hauptgebäude, das kreiert wurde, um die abstrakten Konzepte darzustellen, die Rossi vorher aufgeschrieben hat.

Das Gebäude wurde also nicht gebaut, um einem inhaltlich-konkreten Zweck zu dienen, sondern um eine Abstraktion zu konkretisieren. Wem nutzt das? Vermutlich vor allem der Eitelkeit des Architekten.

Die Atmosphäre, die sich beim Schlendern auf dem Friedhofs einstellt, ist eine bemerkenswerte: Man hat all die konsequenten Formen um sich, nichts stört den Purismus, und ein blauer Himmel ohne Störungen passt dazu ganz gut. Man fühlt sich an Bilder von Giorgio de Chirico erinnert, ans Metaphysische, ans Stilisierte. Eine leere, aufgeräumte Landschaft, die in dieser Konsequenz schon wieder irreal wirkt. Es ergäbe eine gute Filmkulisse.

Es soll eine realistische Architektur sein, was bedeutet, dass sich die Grundformen der Architektur historisch sedimentiert haben: Sie sind wahr, weil sie schon immer sind. Je abstrakter diese Grundformen verwendet werden, desto wahrer sind sie. Es ist eine Absage an die tatsächliche Geschichte, die sich nicht in Grundformen wiedergeben lässt. Es ist der von Anfang an zum Scheitern verurteilte Versuch der Reduzierung von Komplexität. Geschichte wird hier etwas, was formal idealisiert wird, ohne Störungen, ohne Irritationen, ohne Wendungen.

Es ist unglaublich banal.

Man kann den Friedhof in der Tat als eine Art Rossimuseum betrachten. Die reine Form, die reine Gestaltung, Monumentalität und kein Widerstand von niemandem. Den Puristen freut es, als Kunst betrachtet ist es einiger Ehren wert.

Das Meisterwerk eines Architekten ist ein Friedhof. Rossi hätte dabei bleiben sollen.

(Fotos: genova 2017)

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6 Antworten zu Modena: Die Architektur und der Tod

  1. hANNES wURST schreibt:

    Es gibt in Italien genügend sehr konkrete Entwürfe, auch von Friedhöfen und Katakomben, die übersäät sind von Schädelskulpturen und ähnlichem Dekor. Ebenso hat Italien die konkretesten organischen Kirchen, Paläste und Villen anzubieten. Ein Besuch des Doms von Sienna bedarf ja eines regelrechten Durchtauchens. Eigentlich die ganze Toskana. Nicht, dass mir das nicht gefallen würde, aber es ist auch kein Wunder, dass die italienischen Faschisten sich von Bauhaus inspirieren ließen. Es ist eher verwunderlich, dass ein abstrakter und funktionaler Stil in Italien auch nach dem zweiten Weltkrieg hoch im Kurs stand.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, es gibt in Italien ganz andere Friedhöfe. Der von Rossi ist ja auch deswegen bekannt, weil er anders ist. Die Faschisten ließen sich vom Bauhaus nicht inspirieren, sie ließen diese Leute aber gewähren, zumindest bis Ende der 1930er. Umberto Eco schrieb einmal, las ich zufällig gestern, dass die Faschisten schlicht zu blöd und zu ungebildet waren, um kulturelle Leistungen überhaupt warzunehmen und ihnen einen Bedeutung beizumessen. Es war ihnen egal, wie ein Haus aussieht. Bis sie auf den Trichter kamen, dass man mit Monumentalarchitektur angeben kann:

    Eco:

    Der Ideologie des Faschismus fehlten in der Tat die Wucht, die Homogenität und das Paranoide des Nazismus und des Stalinismus. Hitler und Stalin verfügten über eine Philosophie und eine Logik; Mussolini hatte nur seine Rhetorik. Seinen Gefolgsmännern ging selbst letztere ab. Alle außer Bottai waren völlig ungebildet, und es überstieg demzufolge ihre Vorstellungskraft, dass Kultur gefährlich werden könne, es sei denn, das Regime würde offen von ihr attackiert. Und so ließen sie eine alternative Kultur überleben, nicht weil sie sie akzeptierten, sondern einfach, weil ihnen eine Bekämpfung zu anstrengend gewesen wäre, oder weil sie nicht einmal bekmerkten, dass sie existierte

    Aus dem Ausstellungskatalog „Italienische Metamorphose 1943-1968“, 1995.

    Der Rationalismus, das Bauhaus waren nicht wirklich kontaminiert und der Gegenspieler in Italien, Bruno Zevi mit seiner organischen Architektur, die sich an Frank Lloyd Wright orientierte, konnte sich nicht durchsetzen. Angeblich verherrlichte er nur den Meister und ging zuwenig auf die italienischen Verhältnisse ein. Heutzutage würde man wahrscheinlich sagen, dass er es nicht vermochte, ein Netzwerk aufzubauen.

    Interessant in dem Zusammenhang, das Zevis Hauptwerk bis heute nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

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  3. genova68 schreibt:

    Ich finde den Beitrag im DLF etwas verwirrend, um es freundlich auszudrücken. Corbusier wollte halb Paris abreißen, heißt es gleich am Anfang. Ja, aber da war er in guter Gesellschaft, das wollten viele Architekten, und das hat nichts mit Faschismus zu tun. Linke Architekten wollten halb Berlin abreißen, solche Pläne gab es für viele Metropolen. Es war das tabula rasa, der totale Neuanfang, die völlige Ablehnung der alten Stadt. Haussmann hat das übrigens vorher genauso gemacht, nur findet man das heute toll.

    Wie auch immer, das hat mit Faschismus nichts zu tun und Corbusier hat nie faschistisch gebaut. Er wollte sich für Mussolini bauen so wie er zu Hitler Kontakt suchte, aber das macht seine Architektur nicht faschistisch. Interessant ist der Hinweis darauf, dass er von Mussolini Hilfe bei seinem Vereinte-Nationen-Projekt in Genf wollte und sie nicht bekam. Er hat auch in Genf nicht gebaut:
    https://exportabel.wordpress.com/2017/11/03/le-corbusier-und-die-barbarei/

    Dann erwähnt der Artikel EUR, aber auch damit hat Corbusier nichts zu tun, das war die Spätphase Mussolinis, die mit Gigantismus arbeitete. Nix Corbusier.

    Die Aussage der Organisatorin des Kongresses halte ich für großen Humbug:

    „Er hat sich nie profaschistisch geäußert und hatte auch keine Sympathien für den Duce. Doch Le Corbusier war fasziniert von den vom deutschen Bauhaus inspirierten Ideen der faschistischen Architektur. Das Haus der Partei in Como beispielsweise ist die konsequente Umsetzung der Architekturideen des Bauhaus im Faschismus. In EUR wurden städtebauliche Prinzipien des modernen Bauens realisiert, so wie sie sich Le Corbusier erträumte. Er traf sich mit vielen Architekten des Regimes.“

    Das Bauhaus inspirierte keine faschistische Architektur, sie war das Gegenteil faschistischer Architektur. Diese Organisatorin bringt durcheinander, dass die rationalistische Architektur, Giuseppe Terragni war der prominenteste Vertreter, zufällig zu der gleichen Zeit entstanden, in der Mussolini aufstieg. Das Haus in Como ist von Terragni, er baute es für die Faschisten, aber kein Mensch nennt diese Architektur faschistisch:

    https://www.google.com/search?q=casa+del+fascio&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwiF7Lju_5beAhXB2ywKHSU7DyEQ_AUIDigB&biw=1305&bih=940

    Mussolini wandte sich später von diesem Rationalismus total ab und baute monumental, siehe EUR, eben tatsächlich faschistisch. Diesen Unterschied sollte man schon sehen.

    Dann erzählt die Tante etwas von den städtebaulichen Prinzipien des modernen Bauens. Ja, aber auch das hatte nichts mit Faschismus zu tun, die gab es schon vorher, es war modernes Bauen, die Tante sagt es ja selbst. Breite Straßen und Stadtautobahnen hat Hitler in seine Konzepte übernommen, diese Konzepte waren aber vorher schon alle da. Düsseldorf ist ein schönes Beispiel dafür. Hier den Bezug zum Faschismus herzustellen ist absurd.

    Auch das hier ist starker Tobak:

    Wie Le Corbusier entwarfen auch die Italiener jener Zeit ideale Städtebauprojekte mit einer klaren Trennung von Funktionszonen. So erinnern bestimmte Zweckbauten des Faschismus verblüffend an Corbusiers Unité d’Habitation in Marsaille aus den Jahren 1947 bis 1952.

    Meine Güte. Funktionszonentrennung ist ebenfalls ein Merkmal des modernen Städtebaus und nichts Faschistisches. Die Unite als faschistisch zu brandmarken ist dreist und unverschämt. Ich habe diese Deutung noch nirgendwo gelesen und ich könnte mir vorstellen, dass der Autor Thomas Migge das schlicht missverstanden hat. Er schreibt ansonsten auch nur banale Reiseführer, lese ich gerade im Netz.Schreibt für Financial Times, Brigitte und der Feinschmecker. Nichts gegen diese Publikationen, aber seine wesentliche Qualifikation schien hier sein Wohnort Rom gewesen zu sein.

    Dann behauptet er, Pio Piacentini sei ein moderner Architekt gewesen und habe sich 1934 über die weitere Architekturausrichtung gestritten. Piacentini ist aber schon 1928 gestorben und der war mitnichten modern, sondern der baute kolossale historistische Schinken. Vielleicht meint Migge seinen Sohn Marcello, aber dann verstehe ich diese Passage nicht:

    Traditionalisten und Bauhausgegner beklagten, dass der neue faschistische Stil zu modern sei für Italien. Die Modernisierer hingegen, darunter Pio Piacentini, sprachen sich für eine Architektur aus, die sich von nutzlosen Schmuck- und Zierelemente befreien sollte.

    War (Marcello) Piacentini nun ein Bauhausbefürworter? Der neue faschistische Stil war eben kein Bauhausstil. Mussolini hat diese Leute eine Weile bauen lassen und auch in seinem Heimatdorf in diesem Stil gebaut. Es war gerade en vogue. Piacentini hat sich schon deutlich Richtung Monumentalismus entwickelt, hier seine Uni in Rom:

    Dazu kommt sein Hauptwerk, die breite Straße vom Vatikan in die Stadt, als Sichtachse und Machtpräsentation angelegt:

    Das hier, ein Ausschnitt aus dieser Prachtstraße, zeigt eine typisch faschistische Fassade:

    DAS kann man noch am ehesten als faschistische Architektur bezeichnen, (EUR ist auch von Piacentini). Ausgerechnet dieser Piacentini wird von Migge nun als „Modernisierer“ und nicht als Faschist bezeichnet. Faschist ist stattdessen Corbusier.

    Man sollte den DLF auf diesen Quatsch hinweisen, auf dass die den Artikel aus dem Netz nehmen.

    P.S.: Die Links funktionieren, auch wenn sie nicht danach aussehen.

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  4. hANNES wURST schreibt:

    Mit einiger Verve wirfst Du Dich in den politischen Architekturkampf. Oder den archtektonischen Politkampf? Ich weiß es nicht, denn wie Du sicherlich weißt, kann ich die Stile der architektonischen Moderne kaum unterscheiden und kenne die historischen Verbindungen nicht. Ich weiß, dass Du Dich intensiv damit befasst und traue Deinem Urteil über den DLF Artikel.

    Was ich an der Sache eigentlich interessant finde, was Du sicherlich an meinem ersten Kommentar mit Bauhaus-Bezug bemerkt hast, ist die aktuelle Diskussion um die Bauhaus Ausladung einer linksgerichteten Band und die darauf folgende Diskussion. Das erinnert mich daran, dass Brian Eno im Oktober in Düsseldorf auftreten sollte, aber aufgrund seiner dem Veranstalter nicht genehmen israelkritischen Haltung wieder ausgeladen wurde. Einmal im Oktober, einmal im November, das ist ja schon fast ein Trend.

    Ich meine, Kunst kann sich mit Politik befassen oder von Politik beeinflusst sein, sie ist aber keine Politik und steht damit nicht politischer Verantwortung. Ich halte nichts von dieser schärfer werdenden Forderung nach politischer Korrektheit in der Kunst. Was heute politisch inkorrekt wirkt, ist vielleicht morgen wichtiges Zivilisationsgut.

    Wenn also Bauhaus eine linke Band auslädt, weil sie links ist, dann ist das sowohl eine Politisierung von Kultur als auch einer Form der kommerziellen Zensur. Wenn dann behautet wird, Bauhaus sei eigentlich links und eine Ausladung einer linken Band daher rechts, dann ist das ebenso eine Politisierung – diesmal sowohl von Kultur als auch eines Stils der Moderne.

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  5. genova68 schreibt:

    Architektur ist nur begrenzt Kunst, man könnte Baukunst sagen. Die steht im öffentlichen Raum, ist von Baugesetzen abhängig und muss finanziert werden, insofern ist Architektur zwangsläufig politisch, wenn auch nie ausschließlich und teilweise mit eher geringem politischem Anteil, je nach Bautyp. Das Bauhaus ist zumindest durch die Rezeption zwangsläufig politisch. Die Nazis machten den Laden 1932 nicht zu, weil es nur um unpolitische Architektur und Künstlerausbildung gegangen wäre. Und im vorliegenden Fall kommt die Absage, weil Nazis mit einer Demo drohen. Das ZDF hatte übrigens einen langjährigen Vertrag mit dem Bauhaus, das Bauhaus stellte bislang immer nur den Saal zur Verfügung und hatte bei den Bands kein Mitspracherecht.

    Ja, das Verhalten des Bauhauses gegenüber der Band und dem ZDF ist natürlich politisch, die Forderungen nach Absage von CDU und AfD waren auch politisch. Es sind politische Parteien. Die Band wurde nicht wegen vermeintlicher musikalischer Disharmonien oder fehlender Fertigkeiten des Gitarristen oder – um mit Adorno zu sprechen – wegen mangelnder Reflektion des aktuellen Standes des musikalischen Materials ausgeladen, sondern wegen einer politischen Haltung bzw. wegen vier Textzeilen, die viele Jahre zurückliegen. Da von einer künstlerisch motivierten Begründung zu sprechen, fällt schwer.

    Kunst an sich steht nicht in politischer Verantwortung, ja. Das Bauhaus steht bei diesem konkreten Fall sicher in politischer Verantwortung. Es ist dabei unerheblich, ob die Stiftungschefin das Bauhaus als politisch begreift oder nicht.

    Von politischer Korrektheit der Kunst halte ich auch nichts, aber ich sehe hier keine politische Korrektheit am Werk. Wo sollte die sein? Beim Nachgeben auf Nazidruck?

    P.S.: Thomas Migge berichtet viel über Italien und Mussolini im DLF, habe ich nun gelernt. Durch die Bank interessante Sachen. Bei der Architekturausstellung hat er sich wohl kurzfristig verhoben.

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