Zweimal Sparkasse

Das Interessante an Bankgebäuden ist, dass sie architektonisch mit der Zeit gehen. Banken aus der Weimarer Republik waren zum allergrößten Teil modern gebaut, gegen Ende der 1920er Jahre gerne monumental, streng, mit einem deutlichen Hang zum neoklassizistischen, strengen, schließlich faschistischen Design. Die Bankhäuser der frühen Bundesrepublik waren traditionell-konservativ auf moderner Basis, bescheiden. Danach kamen Strukturalismus, Brutalismus, schließlich Postmoderne und heute oftmals (Pseudo-)High-Tech- und Schießscharten-Architektur. Das gilt auch und vor allem für Gegenden jenseits der Metropolen. Bankgebäude eignen sich also hervorragend als Anschauungsmaterial für Architekturgeschichte.

Hier sehen wir zwei Banken im Oberbayrischen (aber ungefähr 100 Kilometer auseinanderliegend) aus den 1970er Jahren. Zuerst kommt ein brutalistisches Gebäude, dann ein strukturalistisches, zumindest angedeutet strukturalistisch.

Beginnen wir mit dem brutalistischen: Hier zog man das Erdgeschoß über zwei Etagen und schuf links so eine Art Arkadengang. Die Innenseite der Arkade ist komplett verglast, der darüberliegende Aufbau wirkt durch die rauen und massiven Betonplatten um so wuchtiger. An der Frontseite gibt es dort nur ein kleines Fenster, links daneben hängt das große Sparkassen-S. Ganz oben, sozusagen unter dem Gesims, verläuft waagerecht ein Glasschlitz.

Streng genommen besteht das Gebäude aus zwei Kuben, die leicht versetzt angeordnet sind. Dadurch entsteht ein kleiner Einschnitt, der als Lichtöffnung dient. Die linke Kube ist in sich verschoben, das nimmt dem Komplex das unversöhnliche und bedient den Straßenverlauf, der sich als spitzer Winkel erweist.

Vor dem Gebäude ein paar Waschbetonelemente und solides, stämmiges Grün, das in ebendieser Festheit gut zum Charakter der Architektur passt.

Es ist, je länger man hinschaut, ein äußerst angenehmes Haus. Nicht anbiedernd an das unweite mittelalterliche Stadtbild, nicht gefällig, aber überzeugend.

Das strukturalistische Gebäude besteht aus einem klar konturierten Dreigeschosser mit einem wehrturmartigen Anbau dahinter. Auch hier sehen wir den Gegensatz der Wandöffnungen: Im vorderen Teil großzügig, dahinter wie waagrechte Schießscharten. Doch auch die vorderen Fenster sind kleinteilig strukturiert. Interessant sind auch die Dächer: ein Walmdach, das aber auf einer Seite zugunsten einer großen Dachterasse aufgeschnitten wurde und damit den eigentlichen Dachgedanken ad absurdum führt. Auch das Vordach überm Erdgeschoß enthält eine historische Reminiszenz.

Das Gebäude ist ein schönes Beispiel für das Zusammenspiel von Strukturalismus und Postmoderne, und da sind wir an einem interessanten Punkt: Der Strukturalismus hat das nachhaltig praktiziert, was gleichzeitig von den Postmodernen eingefordert wurde: Die in die Sackgasse geratene Moderne selbstreflexiv weiterzuentwickeln. Letztere taten das fast ausschließlich reaktionär, äußerlich, rein formal. Hier sehen wir ein ernstzunehmendes Beispiel reflexiver Moderne. Bemerkenswert, dass die Postmodernen solche Gebäude ignoriert haben. Sie passten ihnen nicht in den Kram, weil sie in Wahrheit gar keine vernünftige Weiterentwicklung der Moderne wollten, sondern ein Zurück in die Reaktion. Dementsprechend hat sich die Postmoderne bekanntlich entwickelt. Sie wurde zum Stil des volkstümisierenden totalen Marktes.

Loben und ehren wir also diese beiden Beispiele aus der deutschen Provinz. Sie zeigen, dass das Potenzial moderner Architektur in den 1960ern bei weitem nicht ausgeschöpft war, sondern weiterentwickelt werden konnte. Derartige Beispiele findet man heute immer noch zuhauf. Wenn man hinguckt.

(Fotos: genova 2019)

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4 Antworten zu Zweimal Sparkasse

  1. Tony Mach schreibt:

    Was mir aus meiner 80er Jahre Kindheit in Erinnerung geblieben ist war der große luftige Innenraum der Wasserburger Sparkasse, mit einer leichten Treppe, und einer leichten (verglasten?) Balustrade – und der Schock als ich das erste mal kleine enge Postfiliallen voll mit Panzerglas in Regensburg und Hamburg gesehen habe.

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  2. genova68 schreibt:

    Huch, dann ist das ja ein authentischer Erfahrungsbericht. Das erste Bild zeigt die Sparkasse in Wasserburg am Inn (wenn ich mir den Ortsnamen bei diesem Kurzbesuch richtig gemerkt habe), das zweite Bild zeigt die Sparkasse in Freilassing.

    Oder gibt es in Wasserburg eine zweite Sparkasse?

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  3. eimaeckel schreibt:

    Helmut Schmidt nannte das Gebäude des Kanzleramtes in Bonn, ein mit dunklem Metall verkleideten Pavillon, „eine Kreissparkasse“. Das zeigt wie stilprägend die Sparkassen in den 60er und 70ern waren.

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  4. genova68 schreibt:

    Danke für den Hinweis. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, wie Schmidt das meinte. Vielleicht in der Tat positiv, denn damals war man noch bemüht, die politische Architektur möglichst bescheiden und „demokratisch“ zu gestalten. Sparkassen als Modell demokratischer Finanzkultur könnte durchaus als Lob gemeint gewesen sein.

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