Marxens Distinktionsmaschine

Ein interessantes Detail über Karl Marx berichtet Francis Wheen in seiner 2001 erschienenen Biographie (die ansonsten wohl nicht viel taugt) mit ebendiesem Titel. Marx lebte demnach wie

„in Not geratene feine Leute, die verzweifelt versuchten, den äußeren Schein zu wahren und an ihren bürgerlichen Gewohnheiten festzuhalten. So konnte er in den fünfziger Jahren kaum seine Kinder ernähren, und doch bestand er darauf, einen Sekretär zu beschäftigen.“

Marx wohnte demnnach in besseren Londoner Vierteln, hatte ein Dienstmädchen und kam mit seinem Mittelstandsfamilieneinkommen nicht hin. Nicht dass ich ihm das vorwerfe, aber den Proleten wollte er sich offenbar nur theoretisch nähern. Oder fand er das Proletarierdasein so schlimm, dass er aus Empathie den armen Geschöpfen helfen wollte? Oder legte er tatsächlich Wert auf die sichtbare Distinktion, die ein Sekretär herstellt und ermöglicht? Faktisch war er ein Proletarier. Einer, der seinen Status verleugnete.

Der Proletarier soll und wird die Welt verändern, Marx will aber nur theoretisch dabei sein. Nicht unsympathisch. Aber ein Handicap.

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7 Antworten zu Marxens Distinktionsmaschine

  1. Lemmy Caution schreibt:

    Man kann solche historischen Gestalten nur aus ihrem Umfeld und ihrer Zeit verstehen.
    Elias Jaua gilt als sowas wie die Linke Hoffnung in der auch für Empathen immer düsteren Bolibananischen Robolution. Dessen Dienstmädchen wurd vor ein paar Monaten an einem brasilianischen Flughafen mit einer Pistole im Gepäck erwischt, die ihrem Dienstherren gehörte.
    Salvador Allende hat sich in den 60ern mal zu einem Duell im Stile des 18. Jdts. hinreissen lassen. Allerdings schossen beide Duellanten daneben und man einigte sich auf Unentschieden.
    Bemerkenswert find ich hier nicht die Waffen sondern das Ausmass der Bürgerlichkeit im Lebensstil. Sogar eine Bürgerlichkeit, die für uns Europäer seit vielen Jahrzehnten ausserhalb unseres Erfahrungshorizont steht: Duelle, Dienstmädchen.

    Ich hab mir grad Sperbers Marx-Biographie gekauft, die auch darauf aus ist, den Gegenstand der Untersuchung aus seiner Zeit zu verstehen. Sowas wie Hobsbawn kann ich nicht lesen. Ich habs versucht.

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  2. einer von jenen schreibt:

    Mir fiel dazu dieser ziemlich gute Text ein, den ich vor ein paar Tagen gelesen habe: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/10/karl-marx-denker-harald-martenstein
    Zum Thema „Marx will aber nur theoretisch dabei sein“: Es dürfte praktisch wohl nicht möglich sein, gleichzeitig dicke Bücher zu schreiben und Revolution zu machen, so wie es nicht funktioniert, gleichzeitig eine Banane zu essen und eine Opernarie zu singen.

    Die Frage ist, ob das, was Marx in seinen dicken Büchern schrieb, richtig und stichhaltig ist, unabhängig davon, was der Mann ansonsten so für Macken pflegte.
    Das kleine Einmaleins wurde auch von irgendwelchen sumerischen Priestern erfunden, die insgesamt wohl ziemlich komische Typen waren – die Grundrechenarten zu beherrschen, ist aber trotzdem ziemlich praktisch.

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  3. genova68 schreibt:

    Lemmy,
    historische Gestalten aus ihrem Umfeld verstehen: Genau das wird versucht, wenn man Marxens reale gesellschaftliche Stellung und sein Verhältnis zu ihr unter die Lupe nimmt.

    einer von jenen,
    ich kann das Werk von Marx nicht ohne seine Person sehen, da würde mir freiwillig viel entgehen. Wenn er einerseits kaum Proletarier kannte und andererseits auf keinen Fall einer sein wollte, dann finde ich das schon interessant, auch in Bezug auf sein Werk. Wir reden hier nicht von Bellestristik, wo man von mir aus Werk und Schriftsteller trennen kann, auch wenn man sich dadurch Einsichten verwehrt.

    Wenn wir beide der Meinung sind, dass seine Geschichtsphilosophie eher schwach war, dann ist der Hinweis auf sein reales Verhältnis zum Proletariat geradezu nötig, um seine Geschichtsphilosophie zu analysieren. Gerade Marx wollte nun nicht im luftleeren Raum agieren, sondern in der Gesellschaft, die er verändern wollte.

    Helmut Kohls Weltbild kann ich nicht verstehen, wenn ich nicht seine zerrüttete Familie mit einbaue, sein instrumentelles Verhältnis zu seiner Frau und seinen Kindern. Das sind reale Tragödien, die über Kohl viel aussagen, weil er als Heuchler, als verlogener bigotter Kleinbürger enttarnt ist.

    Bei Marx geht es auch nicht um Mathematik, sondern um die Praxis der Gesellschaft, ein großer Unterschied.

    Martenstein, nun ja, den halte ich für einen dummen Rechten, das kann man an tausend Beispielen festmachen, der wegen seiner langen Haare beim Tagesspiegel- und Zeit-Bürgertum als originell und lustig durchgeht – er ist das Gegenteil davon. Er ist Ausdruck unserer regressiven Zeit. Ich hörte von ihm vor einigen Jahren einen Vortrag: Er hatte das seltene Glück, ein paar Tage in einem der Meisterhäuser in Dessau wohnen zu dürfen. Sein Bericht dieser Tage ist ein Meisterstück an Egozentrik und kleinbürgerlicher Dummheit. Das muss man leider so deutlich sagen, da gibt es nichts zu beschönigen.

    Was er in dem Artikel oben schreibt, ist eigentlich selbstverständlich. Ok, die Marx-Zitate sind vielleicht nicht besonders bekannt,also kann man es nochmal bringen. Seine stereotypen Vorstellungen von Frankreich versus Deutschland könnte man auch kritisieren.

    Typisch für Martenstein ist der Part, der in der Erwähnung seines Hundes endet – sowas finden seine Fans lustig. Es sind billige Lacher, es sind intellektuelle Bankrotterklärungen. Es ist mir, ehrlich gesagt, zu billig.

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  4. einer von jenen schreibt:

    Bei Marx geht es auch nicht um Mathematik, sondern um die Praxis der Gesellschaft, ein großer Unterschied.

    Aber wenn z.B. Marxens Werttheorie schlüssig und gut begründet ist, dann ist sie eben schlüssig und gut begründet. Ich wollte erstmal nur sagen, dass eine Argumentation ad hominem die Theorie nicht widerlegt.
    Wenn Marx irgendwo anders nicht schlüssig oder direkt falsch argumentiert, dann ist es sicher sinnvoll zu schauen, wie er zu diesem Fehler kommt – dieselbe Methode hat er ja selbst in seiner Kritik der Politischen Ökonomie zur Genüge angewendet (was ich für einen weiteren sehr fruchtbaren Bestandteil seiner Theorie halte).

    „Praxis der Gesellschaft“ ist auch ein wenig zweideutig formuliert. Die reale Praxis der Bourgeoisie hat Marx im „Kapital“ ziemlich gut beschrieben. Mit der gesellschaftlichen Praxis des Proletariats hat er sich in diesem Buch weniger ausführlich beschäftigt. Das ist sicher eine Schwachstelle.
    Wobei ich an diesem Punkt auch einen Zusammenhang zu den Schwächen seiner Geschichtsphilosophie sehe, vor allem zu der Formel von „Produktivkräften“ und „Produktionsverhältnissen“, die er im Vorwort zum „Kapital“ bringt – also diesem Schema, dass die Produktivkräfte sich ständig weiterentwickeln und irgendwann notwendig mit den Produktionsverhältnissen zusammenstoßen, und es dann zur Revolution kommt. Das ist widersprüchlich – jedenfalls kann man sich fragen, wie das gehen soll. Sind die Produktivkräfte, die sich da entwickeln, nicht genuin kapitalistische Produktivkräfte? Wie soll deren Entwicklung dazu führen, dass der Kapitalismus gestürzt wird?
    Na gut, das ist eine verzwickte Debatte, die sich in verschiedene Richtungen auflösen lässt…

    Oder meinst du die gesellschaftliche Praxis von Marx selber? Natürlich hat Marx auch politisch praktisch daran gearbeitet, die Revolution voranzubringen – aber heute sind hauptsächlich die dicken Bücher relevant, die er geschrieben hat, seine Theorie also.
    Mit Marx als Politiker lässt sich m.E. heute nicht mehr so viel „anfangen“, einfach weil die konkreten Konflikte von damals nicht mehr bestehen. Man kann seine Auseinandersetzungen mit Lassalle, Bakunin usw. sicher zur Kenntnis nehmen, die sind als Teil der Geschichte interessant – aber um die Praxis von damals in eine sinnvolle Praxis von heute umzusetzen, muss man sie auch erstmal in Theorie umwandeln (was hat Marx gesagt? was hat Bakunin gesagt? was ist davon heute noch relevant? usw.).

    Zu Martenstein kann ich nicht viel sagen, ich kenne auch nur den einen Text von ihm. Ich fand´s aber durchaus witzig, dass er seinen Hund implizit mit Günther Grass vergleicht (bzw. umgekehrt).

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  5. Lemmy Caution schreibt:

    Was ist bitte an einer Produktivkraft kapitalistisch oder sozialistisch?
    Ich werde morgen basierend auf der alten open source Bibliothek POI, meinem inzwischen gewonnenden Wissen über die Arbeitsprozesse meines Kunden ein vorhandenes sample an Excel Dateien Auslesen und in die Datenbank des neuen Systems schreiben.
    Nichts von all den verwendeten Produktionsmitteln ist sozialistisch oder kapitalistisch. Das folgt in den Details relativ simplen Algorythmen und Datenstrukturen, denen Attribute wie sozialistisch oder kapitalistisch überhaupt nicht zugeordnet werden können.
    Komplexität entsteht durch das Zusammenspiel der Teile so zu organisieren, dass dies alles fehlerfrei abläuft und etwaige Fehler in der Input-Ressource Excel Datei entsprechend gemeldet werden, weil das ein wiederkehrender, automatisierter Prozess wird. Auch das hat mit sozialistisch oder kapitalistisch nix zu tun. Das ist alles reine Technik, wie die Strategie meiner Vorfahren zur Jagd einer Mammutherde vor 10000 Jahren oder ein Tesuji im 4000 Jahre alten Brettspiel Go.

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  6. genova68 schreibt:

    einer von jenen,

    https://exportabel.wordpress.com/2012/10/05/harald-martenstein-und-sein-rassismus-der-mitte/

    Martenstein habe ich schon lange gefressen, ich bin da nicht objektiv.

    Marxens Werttheorie kommt sicher ohne Bezüge auf die Person Marx aus. Schlüssig oder nicht, stimmt. Seine früheren Schriften oder gar seine Schriften um 1848 herum würde ich anders bewerten. Da geht es auch um Beurteilungen, um Prognosen, um Einschätzungen, und da spielen persönliche Haltungen eine Rolle. Ds kommunistische Manifest liest sich anders, wenn man das weiß, denke ich. Wenn ich das große Ganze verändern will, bin ich selbst Teil davon und verhalte mich. Es geht hier nicht um Belletristik.

    Wenn ich mich heute massiv für Hartz-IV-Empfänger einsetze und gleichzeitig meinen Hartz-Bezug mit großem Aufwand verschleiere, dann sollte das Kritiker interessieren. Es könnte sein, dass ich eigentlich nur mir selbst helfen will. Und es könnte sein, dass mein Urteil getrübt ist, wenn ich nur von außen auf etwas schaue möchte, dessen Teil ich bin. Es fehlt mir dann einiges an Erkenntnis.

    Wie gesagt, er wollte offenbar auf keinen Fall, dass seine Töchter sich mit Proletariern abgeben, sondern mit der feinen Gesellschaft, entsprechend heiraten usw. Muss man ihm nicht übel nehmen, die Töchter wären bei den Proletarieren zumindest materiell immer schlecht dran gewesen.

    Ich halte das für interessante Informationen, aber man kann sich auch nur mit dem „Kapital“ befassen und das alles weglassen.

    Inwieweit Produktivkräfte kapitalistisch sind, weiß ich nicht. Sie gibt es in jeder Gesellschaft und in einer kapitalistischen werden sie kapitalistisch entwickelt, also die Bildung entsprechend organisiert, die Organisation der Arbeit nach dem Gesichtspunkt der Profitmaximierung geregelt etc. Da ist Ideologie oder einfach die Absicht des Wirtschaftens Teil der Entwicklung der Produktivkräfte, würde ich sagen.

    Lemmy,
    der kapitalistische Part deiner Arbeit wird dir vermutlich nicht bewusst, wenn du dich nur auf Algrhythmen beschränkst. Das, was du mit deiner Arbeit erreichst, musst mit dem Kapitalismus kompatibel sein. Auch die Algorhythmen. Insofern ist deine Arbeit natürlich keine wertfreie, unideologische, mathematisch-klare.

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  7. einer von jenen schreibt:

    @ Lemmy:

    Was ist bitte an einer Produktivkraft kapitalistisch oder sozialistisch?

    Mein Argument funktioniert noch genauso, wenn du sagst, dass es keine spezifisch sozialistische/kommunistische Produktivkräfte gibt – die Frage, wie sich aus deren Entwicklung irgendein Sozialismus oder Kommunismus ergeben soll, drängt sich dann genauso auf.
    Die physikalischen oder mathematischen Gesetzmäßigkeiten, auf denen die heutige Technik beruht, sind wahrscheinlich „neutral“ und an keine besondere Gesellschaftsform gebunden – soweit gebe ich dir recht. Das heißt nicht, dass die Technik, so wie sie z.B. in den Fabriken zur Anwendung kommt, selbst neutral ist.
    Historisch gibt es einige Beispiele dafür, dass neue Maschinen/Techniken immer dann eingeführt wurden, wenn es darum ging, Streiks oder andere Widersetzlichkeiten der Arbeiter_innen unter Kontrolle zu bringen. Ich denke da z.B. an die tayloristischen Methoden der Zeitmessung und Standardisierung, das Fließband, die CNC-Technologie…
    Es gibt dazu auch eine ziemlich lange marxistische Debatte, zum Einstieg taugt vielleicht dieser Text hier ganz gut: http://www.wildcat-www.de/thekla/07/t07panzi.htm

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