Architektur und Gewalt

„Baysals Fotografien wurden oft mit den Schlagwörtern „urbane Transformation“ oder „Gentrifizierung“ versehen, für mich aber sind sie vor allem Bilder der Gewalt gegen die Umwelt. Für mich zeigen sie gewaltsames Vorgehen gegen die baulich geschaffene wie auch gegen die natürliche Umgebung – gegen traditionelle Gebäude ebenso wie gegen Flüsse und Wiesen, und letztlich gegen die Erde selbst. Gewalt gegen und durch die Architektur. Humane Gebäude – Gebäude, deren Erbauer und Bewohner identisch sind – werden durch eine Architektur des Pomp, der Macht,der Behörden und des Gigantismus verdrängt.“

schreibt der Kritiker – oder die Kritikerin – Eray Cayli über Fotos des – oder der – 1975 geborenen Göksu Baysal, die kürzlich in Berlin gezeigt wurden.

Die Bilder zeigen auf die Schnell hochgezogene Wohnviertel mit Punkthochhäusern – ein Städtebau, der zeigt, dass die türkische Baubranche wohl gute Verbindungen zur Politik hat. Bemerkenswert ist die Formulierung Caylis, wonach gute Häuser die sind, die mit ihren Bewohnern identisch sind. Vielleicht geht es um das wohlige Annehmen von Grundrissen, Materialien, Viertelstrukturen, um das Entdecken nicht geplanter Ecken, Refugien, um das Gefühl des Ernstgenommenwerdens. All das findet sich in solchen Stadtvierteln vermutlich nicht.

Es ist kein Zufall, dass solche Viertel nur noch in autoritären Ländern hochgezogen werden – Türkei, China.

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3 Antworten zu Architektur und Gewalt

  1. neumondschein schreibt:

    Es ist kein Zufall, dass solche Viertel nur noch in autoritären Ländern hochgezogen werden – Türkei, China.

    Also genau da, wo viel Volk vom Land in die Stadt zieht, wo demnach auch viel Wohnraum hingestellt werden muß. Sonst kann exportabel-genova Architektur nicht häßlich genau sein. Hier aber, wo Menschen ihre elendigen traditionellen Behausungen hinter sich lassen, von ihren ruralen Verhältnissen mit ihren patriarchalischen Zwängen, ihrer Armut, ihrer Niedrigkeit und Rechtlosigkeit Abschied nehmen, um Bureauangestellte zu werden, und sich Smartphones zu kaufen da beschwert er sich.

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  2. neumondschein schreibt:

    Anderswo, landet dasselbe Volk in sich schnell entwickelnden Gesellschaften in Slums. Wo es kein fließendes Wasser gibt, keinen elektrischen Strom, keine Gesundheitsfürsorge, dafür extreme Ausbeutung und Kriminalität. Doch selbst das findet dieses Volk immer noch besser, als diese traditionellen Gebäude, die Flüsse und Wiesen, die irgendeinem Gutsherrn gehören, einem Baj, einem Großgrundbesitzer oder ähnlichen Scheusalen, die das arme Volk peinigen.

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  3. genova68 schreibt:

    Was hat ein Smartphone mit Punkthochhäusern zu tun? Und gibt es nichts anderes als entweder Punkthochhäuser oder Slums? Es sollte doch möglich sein, über Alternativen nachzudenken und einen Städtebau wie den da oben zu kritisieren. Und ich behaupte, es gibt nicht „das Volk“, das dies oder jenes besser findet.

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