Vom Wirsing in der Frankfurter Küche

Der altmodische Wirsing und die moderne Frankfurter Küche in einer Karrikatur von Martha Bertina aus dem Jahr 1930.

Titel: „Modernes Gemüse“

Das naturbelassene Gemüse ist zu unkontrolliert für eine funktionale, sachliche Küche. Eine Haltung, die wir heute nicht mehr teilen. Wir empfinden den Kontrast eines naturwüchsigen, wilden, unregelmäßigen und unübersichtlichen Wirsings auf einem modernen, schmucklosen weißen Tisch als angenehmen Kontrast. Die aktuelle Küchenwerbung spielt ständig mit diesem Gegensatz. Perlennasse Rohkost auf modern designter Apparatur. Ein unübersichtlicher Wirsing auf einem unübersichtlichen Tisch würde sich nach heutiger Meinung „beißen“. Interessant ist die Frage nach einem übersichtlichen modernen Wirsing. Dazu später.

Der Wirsing in der Frankfurter Küche 1930 war also eine sinnvolle kulturelle Entwicklung: Natürliche Lebensmittel in kulturell geprägter, funktionaler und menschlicher Umgebung. Genau diese Situation – funktionelle Küche, schöner Wirsing – hätte eigentlich den Endpunkt der Entwicklung darstellen müssen. Doch dummerweise sollte das natürliche Essen nun auch künstlich werden. Zuerst wurden aus Wirsing und Co. Foodprodukte von Dr. Oetker, Langnese und Wiesenhof. Es waren Produkte, bei denen das Rohprodukt nicht mehr erkennbar war und auch nicht sein sollte. Fischstäbchen stellten wohl den Höhepunkt oder auch nur die größte imaginierbare Perversion dieser Entwicklung dar.

Ihr Ende war in den späten 1960ern erreicht: Man aß künstlich und wohnte modern. Danach setzte eine Regression ein. Es gab eine scheinbare Rückbewegung zur Natur, zu natürlichem Essen, aber nur in der Theorie und im Branding. Heute kann man diagnostizieren: Je größer die Küche, desto weniger wird gekocht. Je bunter die Bilder in gesundheitsbewussten, wie man sagt, Kochbüchern, desto mehr life style steckt drin.

Der Trend geht weg vom Essen, hin zur Präsentation von Essen. Wichtig ist das Fotografieren des Essens.

Wir mögen das Bild des Wirsings auf dem modernen Tisch, am besten wassertropfenbesprenkelt, aber wir kochen ihn nicht. Er schmeckt uns auch nicht mehr, weil die Geschmacksverstärker fehlen. Es geht nur noch um Bilder fürs Instagram-Zeitalter, es geht um den Schein. Das muss reichen. Je seltener wir naturbelassenes Obst und Gemüse zubereiten und essen, desto wichtiger werden Bilder, die genau das suggerieren. Es ist die Konzenzration auf PR, die totalitär geworden ist.

Der Frau oben in der Karrikatur von 1930 gefiel der Wirsing nicht, aber sie bereitete ihn zu und aß ihn. Bei uns ist es umgekehrt.

Und das Küchendesign? Hier scheint sich die Moderne noch am ehesten gehalten zu haben. Postmoderne Küchen sind mir nicht bekannt, das postmoderne Küchenutensiliendesign von Alessi expandierte nicht ins Küchenmöbeldesign, warum auch immer.

Die Funktionalität der Küche – die funktionale Küche – wird heute so wenig in Frage gestellt wie in den 1920er Jahren zu Zeiten Margarete Schütte-Lihotzkys, der Erfinderin der modernen Küche. Doch der Blick aufs Essen hat sich vollständig geändert.

Die Entwicklung geht vermutlich weiter den Weg weg vom ganzen Fisch oder dem sich drehenden Spanferkel, wie auch weg vom Kohl, vom Broccoli und eben vom Wirsing. Das alles wird noch fotografiert, aber man wird es nicht mehr essen. Wir würden gerne zurück zu Natur, aber der Weg ist versperrt.

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4 Antworten zu Vom Wirsing in der Frankfurter Küche

  1. hANNES wURST schreibt:

    So sah ein Wirsing in den 1930ern aus? Ich kenne Wirsing nur so:

    Nur vernünftig, dass Bernd Höcke die Verhältnisse der 30er wiederherstellen möchte, hier beim Plädoyer für die Wirsingpflanze:

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  2. hANNES wURST schreibt:

    Kommentarfunktionalität hier ist wirklich unter aller Sau.

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  3. genova68 schreibt:

    Danke für die Aufklärung. Herr Höcke setzt sich tatsächlich dafür ein, dass der Wirsing wieder ein Wirsing ist. Ich weiß es noch genau: Wenn es damals bei meiner Oma mittags Wirsing gab, sah er so aus.

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  4. neumondschein schreibt:

    Kassler mit Grünkohl und Bratkartoffeln! Hm, so furchtbar scheint die Kommentarkurve wohl doch nicht gewesen sein.

    Grünkohl schmeckt auch besser als Wirsing, hat aber nicht so viele Vitame. Grünkohl hat zwar auch Vitame aber nicht so viel wie Wirsing und Broccoli. Deshalb möge Grüne Wirsing, wegen der Vitame, und Nazis und neumondscheine Grünkohle, weil das Leben viel zu kurz ist für Wirsing und Broccoli.

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