Puchenau und Vergangenheit, die nicht vergehen will

Es geht im Folgenden um die Wohnsiedlung Puchenau (bei Linz, Oberösterreich) des österreichischen Architekten Roland Rainer (*1910 +2004). Sie wurde in drei Phasen erbaut: Puchenau I von 1963 bis 1968, Puchenau II ab 1o78 , Puchenau III von 1998 bis 2000. Offiziell wird sie als Gartenstadt bezeichnet, wobei die ursprünglichen Gartenstadtmerkmale hier nicht vorhanden sind. Aber das ist Wortgeplänkel.

Puchenau macht sofort einen sympathischen Eindruck: autofrei, viel Grün, ohne dass es überbordend wirkte, Freiflächen, Spielplätze, eine Art Zentrum mit Einkaufsmöglichkeiten, kleinteilige Strukturen, menschliches Maß, Bahnanschluss, direkt an der Donau gelegen. Insgesamt gibt es knapp 1.000 Wohnungen. Dazu eine fortschrittliche ästhetische Anmutung der 1960er Jahre mit teilweisem Sichtbeton, viel weißem Glattputz, Waschbetonbodenplatten, passendes Leuchtendesign.

Bei einem Spaziergang durch den ersten Bauabschnitt gerät man allerdings ins Zweifeln. Rainer bestand auf einer lediglich eingeschossigen Bauweise. Nur als Abschottung zur Straße und Bahnlinie ließ er drei Geschosse zu. Das führte dazu, dass die Versiegelungsdichte enorm ist. Es ist eine Art städtebauliche – nicht architektonische – Altstadtimitation, was das Platzangebot im öffentlichen Raum angeht. Autos werden vor der Siedlung geparkt, es gibt ebenerdige Garagen, allerdings sind die Wege in der Siedlung teilweise keine zwei Meter breit und verursachen ein Gefühl der Enge. Ich kann mir vorstellen, dass menschliche Begegnungen nachts hier nicht unbedingt angenehm sind. Man kann in solch einer Situation kaum ausweichen. Die Wege sind fast alle schmal, die Mauern trotzdem mannshoch, Gärten und Appartments sind dahinter verborgen. Und es ist – auch an einen sonnigen Aprilnachmittag – menschenleer. Es findet kein öffentliches Leben statt. Man bleibt drinnen, hinter den mannshohen Mauern. Hin und wieder huscht jemand durch einen schmalen Gang in sein Haus, das war´s.

Dazu kommt, dass es oftmals einen schmalen Zugangsweg für drei Appartments gibt. Der Weg mündet als Sackgasse in einen kleinen Platz, der einen sympathischen Eindruck macht, aber real doch eher ein Begegnungsvermeidungsraum sein dürfte, einfach, weil man hier beim zufälligen Aufeinandertreffen reden muss:

Die hohen Mauern erinnern an das typische Haus im suburbanen Brei in Nordportugal. Dort hat das historische Gründe, Sicherheit in unsicheren Zeiten. In Deutschland hatte man in den 1960ern die Mauern abgelegt, ähnliche Siedlungen sind offener gestaltet. In Puchenau bleibt das Konzept der Abschottung offensichtlich.

Da das Wegesystem durchweg im rechten Winkel angelegt ist, entsteht kein Labyrinth, aber eben auch nichts wirklich einladendes. Ein paar Hauptgänge sind überdacht, so dass man fast trockenen Fußes bis zum kleinen Einkaufszentrum kommt:

In Puchenau II hat man dazugelernt, die Wege sind nun etwas breiter, das Konzept ansonsten das gleiche:

Puchenau III ist kaum auszumachen.

Roland Rainers Beharren auf eingeschossiger Bauweise ist erwähnenswert, weil er schon unter den Nazis eine gewichtige Rolle spielte. Seit 1936 in der NSDAP, vertrat er deren Architekturideologie in Bezug auf das Einfamilienhaus, das er vom „kollektivistischen Wohnen“ abgrenzte. Rainer ging 1937 nach Berlin, arbeitete dort unter Speer an neuen Siedlungen für Deutsche im entslawisierten Osteuropa und verfasste eine Studie über die „Zusammenhänge zwischen Rasse und Wohnform“. Nach dem Krieg setzte er seine Karriere problemlos fort, baute neben vielem anderen das Zentrum des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ORF und ignorierte seine Nazivergangenheit. Zeit seines Lebens hat sich auch sonst niemand ernsthaft mit Rainers Nazivergangenheit auseinandergesetzt, in Österreich galt er gar als Baumeister der Demokratie. Erst nach seinem Tod änderte sich der Fokus.

In Bezug auf Puchenau bedeutet der politische Hintergrund Rainers: Er wich einerseits erkennbar von seinen alten Grundsätzen ab: kein Flachach, keine Gesimse, keine Gaubenfenster, keine Sockel, keine Heimattümelei, eigentlich nichts, was an rechte Architektur erinnerte. Andererseits bleibt er bei seiner Verbundenheit mit dem Boden, die offenbar bei einem Obergeschoss in Gefahr geraten wäre. Inwieweit die hohen Mauern mit Rainers Nazigesinnung zusammenhängen, wäre eine Untersuchung wert.

Puchenau ist eine Siedlung, in der der Enge mit hohen Mauern begegnet wird. Man sitzt dich aufeinander, und deshalb baut man eine Mauer dazwischen. Im Ergebnis sitzen alle hinter ihren Mauern, Interaktion nicht stattfindet – so mein Eindruck. Sicht in Puchenau ist immer nur eine auf die nächste und nahe Wand. Die Siedlung ist außerdem der Donau komplett abgewandt, man nimmt sie nicht wahr.

Die Bewohner sind nach diversen Selbstaussagen allerdings zufrieden, was auch eine Studie  („Wohnerfahrung und Wirtschaftlichkeit“, Wien 1974) äußert. Dort konstatiert man der Siedlung

 sehr günstige psychologische, soziale und gesellschaftliche Ergebnisse, auf Grund derer 1978 mit Puchenau II begonnen wurde. Die Ausführung spiegelt die Entwicklung der letzten Jahre wieder: anstelle von Beton und Kunststoff treten wieder Hohllochziegel und Kalkzementputz.

Das sollte der flotte Besucher dann doch ernstnehmen, wenn die Bewohner tatsächlich gefragt wurden.

Andererseits liest sich diese Studie ein wenig wie ein später Triumph des Hochhauskritikers Roland Rainer, wenn sie bestätigt, dass

die reinen Baukosten des ebenerdigen Hauses, das von den Bewohnern eindeutig bevorzugt wird, … nicht höher [sind] als die einer gleich großen Geschosswohnung im mehrgeschossigen Mehrfamilienhaus.

Das eingeschossige Wohnhaus als Nonplusultra. Da hätten sich den Machern der Studie auch schon 1974 die Nackenhaare sträuben können. „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome waren zwei Jahre vorher entstanden. Versiegelung wird verharmlost und man sieht im Geiste die riesigen Trabantenvororte amerikanischer Städte vor sich. Den Verzicht auf ein oder zwei Obergeschosse begründet die Studie an diversen Stellen mit den angeblichen Wünschen der Bewohner und gar als „von Ärzten, Soziologen und Psychologen empfohlen“. Zwischen einer Gropiusstadt und dem eingeschossigen Siedlungsbrei scheint es also keine Alternative zu geben. Sicher antworten viele auf die Frage, wie sie wohnen wollen, mit einem niedrigen Haus mit Garten. Konsequent umgesetzt wird das Land dann aber zubetoniert.

Es sind Umfragen, die an Tucholskys Gedicht „Das Ideal“ erinnern. Wie man wohnen möchte:

Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –

Vielleicht hatte Rainer auf die Studienergebnisse schlicht zu viel Einfluss. Er wird im Impressum ganz offen als einer der „Mitwirkenden“ genannt.

Das „Einfamilien-Reihenhaus mit Garten“ entspreche „allen Anforderungen in biologischer und städtebaulicher Hinsicht am besten“, schrieb Rainer 1944. Er hätte es auch 30 Jahre später schreiben können.

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Zum Ökonomischen: Eine Dreizimmer-Neubauwohnung (offenbar wird dort immer noch weitergebaut) mit 97 qm kostet inklusive Betriebskosten monatlich 810 Euro.

Felix Austria.

Und noch ein ORF-Filmchen zu Rainers 100. Geburtstag:


(Fotos: genova 2019 und wikipedia)

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2 Antworten zu Puchenau und Vergangenheit, die nicht vergehen will

  1. neumondschein schreibt:

    also ideal für alte Leute. Keine Treppenstufen. Niemand braucht mehr das Rollo herunterzuziehen, weil der Nachbar beim Blumengießen durchs Fenster schaut. Garten ist ja auch nicht schön. Alte Leute sind oft gehbehindert. Wiesenflächen stellen für gehbehinderte Leute ein Hindernis dar, weil zu uneben zum Laufen.

    Nur die Donau stört. Bei Hochwasser gibt es da andauernd Schäden.

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  2. genova68 schreibt:

    Stimmt, die Donau sollte man zügig umleiten. Am besten über Braunau, das ist in der Nähe.

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