Terni, Lissabon und die Totengräber

Marcus X. Schmid schreibt in seinem Reiseführer „Umbrien“ (Michael-Müller-Verlag) über die 150.000-Einwohnerstadt Terni:

Die zerbombten Palazzi im Zentrum hingegen wurden größtenteils durch Neubauten ersetzt, denen wohl niemand etwas abgewinnen kann.

Diesen „Neubauten“ kann jeder etwas abgewinnen, der Augen zum Sehen hat. Naturgemäß haben die Autoren von Reiseführern keine Augen, die sehen. Deshalb schreiben sie Reiseführer.

Hier eine kleine Auswahl dieser Neubauten in Terni:

Man sieht jede Menge Abwechslung: Neorationalismus, Brutalismus, konservativ-zurückhaltend, leicht expressionistisch, darunter ein paar hochinteressante Häuser. Dazu noch die beiden Gebäude von Mario Ridolfi, die hier schon erwähnt wurden.

Für Herrn Schmid ist ein Haus gesichtslos, weil er nicht sehen kann. Klassische egozentrische Selbstüberschätzung. Er läuft durch das Zentrum von Terni und sieht nichts. Mir ist unklar, wie man über etwas negativ urteilen kann, das man überhaupt nicht kennt und vor allem: überhaupt nicht kennen will. Man könnte ja einfach die Klappe halten. Aber dann würde es schwierig werden mit der Schreiberei.

Überhaupt die sogennanten alternativen Reiseführer: In den 1970er und 80er Jahren hatten sie vielleicht noch eine sinnvolle Funktion, vor dem Internet und jenseits der Baedecker. Heute sticht ihre Ignoranz hervor gegenüber allem, was nicht als alternativ gilt. Zeitgenössische Architektur, zum Beispiel. Alternative Reiseführer über Italien sind das schlimmste, denn hier geht es einzig und allein um die Konservierung eines längst überkommenen – und wohl auch nie wahren – Bildes der deutschen Vorstellungen darüber, wie Italien zu sein hat.

Heute mischen die ganz normalen Zeitschriften in diesem Geschäft mit. Je mehr touristischen Andrang eine Stadt zu verkraften hat und sie also nach und nach zerstört wird, desto häufiger und plakativer ist die Berichterstattung über Geheimtipps, wie es heißt.

Im Spiegel berichtet aktuell der Journalist Alexander Smoltczyk:

Das sind die schönsten und verschwiegensten Ecken von Lissabon.

Wo essen die Einheimischen? Wo verbringen sie ihre Freizeit? Ein Lissabon-Kenner gibt Tipps für Ihre nächste Reise.

Ein Lissabon-Kenner sorgt dafür, dass demnächst auf den paar noch nicht übervollen Plätzen Lissabons der touristische Pöbel aus aller Welt sich herumtreibt und dann Selfies auf Instagramm stellt. Immer mit dem einzigen Ziel: Zu zeigen, dass ich da war. Smoltczyk weißk: Wo die Einheimischen heute noch essen, werden sie nun vertrieben, vor allem preislich. Man fragt sich, ob der Typ nicht selbst kotzen muss, wenn er seinen Artikel liest.

Die Geheimtipps, die Tipps für die angeblichen Individualisten, sind das exakte Gegenteil. Der moderne Städtetourismus ist der Ballermann für die Mittelklasse, der via neoliberaler Propaganda beigebracht wurde, dass man alles spannend finden muss, selbst wenn einen eigentlich nichts interessiert. Auch eine Form der Selbstoptimierung. Kein Mensch interessiert sich für eine Stadt, es könnten sinnvollerweise alle zuhause bleiben, aber keiner tut es. Man fährt irgendwo hin und regt sich über die Preise auf.

Der Spiegel-Experte Herr Smoltczyk weiß noch mehr:

Lissabon ist das ganze Jahr lang voll mit Besuchern, und viele reiche Ausländer kaufen sich Wohnungen in der Altstadt.

So sieht es aus: Um Lissabon herum sind wuchernde Satellitenstädte entstanden, es gibt Dauerstaus und die Stadt selbst verliert immer weiter an Einwohnern. In den schmucken Häusern wohnt niemand, die reichen Ausländer kommen ab und zu mal vorbei.

Stadt als Kulisse. Dem Kapitalismus ist es recht. Er spürt Authentisches auf, stellt es unters Renditegebot und sorgt so dafür, dass das Authentische über kurz oder lang zerstört wird. Da Zerstörung im Kapitalismus ein einträgliches Geschäft ist, wird das so bleiben.

Marcus X. Schmid und Alexander Smoltczyk: trendy Totengräber. Der eine blind, der andere zu allem bereit. Zusammen sind sie eine brisante Mischung. Desinteressiert, ignorant, zerstörerisch. Da beide Deutsche sind, bleiben sie es wohl bis in den Untergang.

(Fotos: genova 2019)

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2 Antworten zu Terni, Lissabon und die Totengräber

  1. stadtauge schreibt:

    „Naturgemäß haben die Autoren von Reiseführern keine Augen, die sehen. Deshalb schreiben sie Reiseführer“ Ein sehr guter Satz. Vermutlich wahr. Den merk ich mir.
    Danke für die Gedanken zu Stadt, Bild und Tourismus. Ich kann da nur zustimmen.

    (Und dank deiner Bilder werde ich bald nach Terni reisen, spannende Architektur knipsen und die Einheimischen durch erhöhte Preise aus den ursprünglichen Bars vertreiben… 😉 😊)

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  2. genova68 schreibt:

    Ein Teufelskreis, in der Tat. Aber ich kann berichten, dass in den Ternischen Bars noch sehr viel Platz frei ist. Du wärest dort der einzige ausländische Tourist. :-)

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