Wo findet man die Avantgarde? Bei der CSU!

Die erste konstruktive Bemerkung zur aktuellen Diskussion um die schwachbrüstigen Klimaanlagen in ICEs kommt ausgerechnet von einem CSU-Politiker, nämlich von Verkehrsminister Peter Ramsauer. Der sagte jetzt laut Focus, dass „frühere Bundesregierungen den Weg zum Börsengang vorgegeben“ hätten. Und weiter:

„Für dieses politische Ziel haben der frühere Bahnchef Hartmut Mehdorn und sein Aufsichtsratsvorsitzender Werner Müller die Bilanz der Braut fürs Börsenparkett geschmückt“, so Ramsauer. „Ein Sparzwang war die Folge, um betriebswirtschaftliche Zahlen zu erzeugen, die den Börsengang ermöglichen sollten. Die eingebrockte Suppe muss nun ausgelöffelt werden.“

Ramsauer kündigte an, er wolle in der Bahnpolitik neue Weichen stellen: „Der Börsengang ist derzeit kein Thema.“

Für einen CSU-ler sind das bemerkenswerte Äußerungen, immerhin steht der Börsengang der Bahn als Ziel im aktuellen Koalitionsvertrag. Interessantes Bild übrigens: Die Braut wurde zur Hochzeit geschmückt, danach war das Geld alle und sie musste hungern. Jetzt steht sie ganz zerrupft da, die arme Braut. Und je zerrupfter die Braut, desto mehr freut sich der Bräutigam Börse. Solch eine klare Sprache hätte ich Ramsauer nicht zugetraut.

Bemerkenswert ist Ramsauers Statement auch aus einem anderen Grund. Es weiß natürlich jeder halbwegs politisch gebildete Mensch, dass die Ursachen der kaputten Klimaanlagen im geplanten Börsengang der Bahn liegen, genauso wie die kaputten S-Bahnen in Berlin, die absurde Preispolitik, der schlechte Service, die vielen Zugausfälle etc. Es wird gespart auf Teufel komm raus, es werden die Preise erhöht auf Teufel komm raus. Dennoch habe ich den letzten Tagen keinen einzigen journalistischen Kommentar vernommen, der diesen Bezug hergestellt hätte. Warum sind laut veröffentlichter Meinung die Klimaanlagen kaputt? Weil es bei der Bahn „drunter und drüber geht“, sie „ihre Probleme einfach nicht in den Griff bekommt“, oder, ganz lyrisch, das Unternehmen Deutsche Bahn „aus den Schienen gesprungen“ sei, haha.

Um einen konstruktiven Zusammenhang herzustellen, braucht es offenbar keinen Journalimus mehr, sondern einen CSU-Politiker.

Ramsauer hätte noch erwähnen können, dass in den frühen 1990er Jahren sein Parteifreund Otto Wiesheu, damals bayrischer Wirtschaftsminister, an dem Koalitionsvertag der Kohlregierung im Abschnitt „Verkehr“ maßgeblich mitgeschrieben hat, und zwar pro Privatisierung der Bahn (was damals in der Politik noch keine ausgemachte Sache war). Kaum war die Tinte des Koalitionsvertrags trocken, wechselte Wiesheu in den DB-Vorstand. Ein CSU-Politiker leistete damals, ganz in neoliberaler Manier, Unterstützung fürs Kapital. Jetzt ist es wieder ein CSU-ler, der als erster zum Rückzug bläst.

Die Avantgarde sitzt neuerdings offenbar in der CSU.

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8 Antworten zu Wo findet man die Avantgarde? Bei der CSU!

  1. HF schreibt:

    Der Bezug zum Börsengang dürfte eigentlich klar sein – dazu brauchte es keiner Äußerung von Herrn Ramsauer. Bemerkenswert, das er seinen Vorgänger Tiefensee nicht in die Pfanne gehauen hat.
    Avantgarde wäre es gewesen, wenn er die Verantwortung des Bundes als Eigner der Bahn AG herausgestellt hätte. Mehdorn und Müller waren Angestellte.

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  2. Nihilist schreibt:

    Haltet den Dieb – ruft quasi der Ramsauer – der zur Diebesgruppe gehört, um von der Mitverantwortung abzulenken – den Begriff der kriminellen Vereinigung, geschaffen um Kritiker am System generell in eine bestimmte Ecke stellen zu können, könnte man gerne auch auf die Parteien anwenden. Denn der Fraktionszwang …

    Und die Folgen hätte jeder Politiker sich in Großbritannien ansehen können. Es lebe die Stamokap-These.

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  3. Maximilian schreibt:

    In der CSU finden sich ohnehin viele Linksextremisten, da sollte der Verfassungsschutz mal ein Auge drauf haben.

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  4. genova68 schreibt:

    HF,
    dir und mir mag der Bezug zum Börsengang klar sein, anderen nicht, das zeigt doch schon die Beobachtung, dass die Medien diese Verbindung nicht herstellen.

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  5. JF schreibt:

    Es ist halt nicht jeder auch nur halbwegs so politisch gebildet wie Du. ;)

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  6. Nihilist schreibt:

    @ JF

    Das wollen die Politiker auch nicht. Deswegen wird ja die Bildung in den Sand gesetzt.

    Sozusagen haben einige noch „die Gnade der frühen Geburt“, als Bildung noch nicht mit dem Ziel der Volksverdummung geichgesetzt wurde.

    Aber das war das Ziel der CDU – dumme Menschen, die ihnen ihre Stimme geben und noch dümmere (wenn es denn geht) Menschen die nicht mehr wählen gehen.

    Das Ziel ist fast erreicht. Die sich noch Bildung leisten können, wählen auch noch. Die aber in ein Prekariat abgedrängten wehren sich nicht einmal mehr. Und wenn es in solchen Slums, äh, Stadtteilen, in denen die Erwerbslosen ALG-2-Bezieher noch wohnen dürfen, immer noch 20 % Wahlbeteiligung gibt, so, weil „Alteingesessene“ noch in den Gegenden leben.

    Ich wurde schon mit Don Quichote verglichen (bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeit) und den Vergleich habe ich zurückgewiesen. Der glaubte gegen Riesen zu kämpfen, dabei waren es Windmühlen. Mir ist klar, das ich gegen Windmühlen kämpfe und benutze eine „Balliste“.

    Dummerweise werden „lebende Schutzschilder“ (Richter, Ratsherren, Presse und so) vor die „Windmühlen der Behörden“ gestellt.

    „Wenn das die Merkel wüsste“ – würden die dummen Wähler sie sicher in Schutz nehmen. Darin waren „wir Deutschen“ ja schon einmal bekannt. „Wenn das der Gröfaz wüsste …“

    Ich kann nicht so viel essen wie ich wieder ausspeien möchte, wenn ich „diese, auch meine, Gesellschaft“ betrachte.

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  7. InitiativGruppe schreibt:

    Der Genova-Kommentar trifft den Nagel auf den Kopf. Jetzt, wo ich es hier lese, fällt es mir auch auf. Wieso bringen unsere Mainstreammedien den naheliegenden Zusammenhang nicht?

    Die Antwort liegt nahe. Da spielen die Eigentumsverhältnisse bei den Medien, die Anzeigenbedürfnisse und die Angst vor der Keule derer, die in den letzten 20 Jahren durch neoliberale Politik superreich geworden sind und über Geldmacht und dichte Netzwerke verfügen, eine Rolle.

    Für unsere Demokratie verheißt das nichts Gutes.

    Ich hätte ein starkes Bedürfnis, darüber kontrovers zu diskutieren, denn ich fühle mich nicht wohl bei Verschwörungstheorien. Ich würde gerne die Hypothese von der Geldmacht, die die Medien und die Politik zumindest in starkem Maße kontrolliert, auf den Prüfstand stellen.

    Was Ramsauers treffsichere Analyse betrifft: Sie klingt fast wie die versehentliche Wahrheit, die Köhler sich bezüglich Afghanistan und Bundeswehreinsatz geleistet hat. Könnte sein, dass ihm hinter den Kulissen jemand ärgerlich gesagt hat: „Das weiß man, das denkt man – aber man redet nicht darüber!“

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  8. genova68 schreibt:

    Jo, ich wollte Ramsauer natürlich nicht ernsthaft als Avantgarde hinstellen. Für die CSU ist es ganz wichtig, Volkspartei zu sein und da kann man auch mal so flapsig daherreden. Es ist ja so, dass auch seitens der Bahn derzeit der Börsengang keine Dringlichkeit hat.

    IG,
    ich glaube, die Eigentumsverhältnisse spielen bei der Berichterstattung mit rein, aber es hat sicher auch etwas damit zu tun, dass Journalismus insgesamt unpolitischer, oberflächlicher geworden ist. Die Welt wird komplizierter, aber Zeitungen sind auf Komplexitätsreduktion aus. Da ist es einfacher, auf der Bahn ein bisschen rumzuhacken und zu behaupten, der Bahnchef habe die Qualitätsprobleme nicht im Griff, anstatt strukturelle Ursachen zu benennen. Das kommt dann gleich so intellektuell rüber, und welcher Leser will das zum Frühstück schon haben?

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