Banger Racing – eine Sportart bricht sich Bahn

Ich möchte heute eine Sportart vorstellen, die sich ohne Weiteres zu den avanciertesten überhaupt zählen darf: Banger racing, auch Stockcar genannt.

Das simple Ziel besteht darin, mit einem alten, aber noch fahrbereiten Auto im Kreis zu fahren und andere alte, aber noch fahrbereite Autos so anzurempeln, dass sie über kurz oder lang nicht mehr fahrbereit sind. Dabei will man selbst möglichst lange fahrbereit bleiben. Am Ende fährt nur noch ein einziges Auto zwischen lauter gestrandeten Schrotthaufen umher. Ein bizarrer Moment. Klare Regeln heben die Akzeptanz für eine Sportart. Eigentlich sind es Rennen ohne Regeln, oder nur mit einer: Kein Angriff auf die Fahrertür.

Die Zuschauer freuen sich, denn es scheppert im Sekundentakt. Wie in einer Sitcom gibt es keinen Leerlauf. Statt Dosenlachen hört man es krachen. Man lehnt sich zurück, lacht in einem fort und entspannt.

Faszinierend ist die Verletzlichkeit der Fahrzeuge, die sich im Verlauf des Rennens immer deutlicher offenbart. Fahren zu Beginn noch alle Autos anstandsfrei, ändert sich nach und nach die Situation: Kühlschläuche reißen, Knautschzonen werden deformiert, Reifen entledigen sich der Felgen, Achsen brechen, Scheiben gehen zu Bruch. Wie angeschossene Tiere bemühen sich die Autos, weiterhin vorwärts zu kommen. Sie werden immer langsamer, am Ende ist selbst Schritttempo für Material und Technik eine Qual. Die Lebensgeister lassen langsam, aber unaufhaltsam nach und irgendann reicht es bei Vollgas nur noch für Tempo 10, wo sich Reifen, Bremsanlagen und Kunststoffteile unter starker Rauchentwicklung verabschieden.

Autos können sterben. Man entwickelt Empathie.

Banger Racing ist die zivilisierte, humane Form des Tierkampfes. Man führt Stellvertreterkämpfe, lässt aber nicht mehr Hähne sich gegenseitig zerfleischen. Früher noch, im alten Rom, ließ man Menschen, Sklaven, gegeneinander antreten. So gesehen ist Banger Racing eine anthropologisch hochentwickelte Variante des Spiels mit Körpereinsatz. Man sieht hier deutlich: Der Mensch als solcher entwickelt sich weiter. Evolution findet statt.

Banger Racing ist in unserer verwalteten Welt grundsätzlich sympathisch. Jenseits von Tempolimits, Ampeln, Straßenverkehrsordnungen und pseudoliberalem Verhalten wie Vorfahrt gewähren lassen geht man hier unbekümmert aufeinander los. Man braucht keinen lächerlichen Vernunftbegriff. Man braucht keine Abseitsregel, keinen Videobeweis, ein paar Zentimeter mehr oder weniger spielen keine Rolle. Man muss hier auch nichts spannend finden, es ist einfach gute Unterhaltung. Man geht ans Limit, aber man pfeift auf technische Rafinesse. Man bumst umstandslos aufeinander los, bis die Eingeweide heraushängen. Die Fahrer sind auch nicht so aggressiv wie Fußballer, sie freuen sich über jeden Crash. Das in Massen ausgeschüttete Adrenalin richtet sich nicht gegen den Menschen, sondern gegen das Auto. Die Zuschauer sind vermutlich ebenso gut drauf.

Es ist erstaunlich, wie lange ein Auto fährt, wie lange es dauert, bis seine Lebensgeister endgültig ausgeblasen sind. Das Zuschauen hat etwas Voyeuristisches, das liegt ja im Trend.

Ich vermute, die meisten Männer – und vielleicht auch ein paar Frauen – würden ihren Jahresurlaub viel lieber auf solch einem Parcours verbringen anstatt mit ihrer Familie sich langweilige Kirchen und ganze Städte angucken zu müssen. Es wäre endlich einmal eine sinnvolle Nutzung der 30 Urlaubstage im Jahr, man käme entspannt und mit einem Lächeln im Gesicht ins Büro zurück.

Banger Racing ist auch weit weniger gefährlich als die herkömmlichen Sportarten: Einen Fußball mit 100 Stundenkilometern an den Kopf zu bekommen, bedeutet eine schlimmere Körperverletzung, mit Spätfolgen, als sich in einem Stahlkäfig anfahren zu lassen. Die deutschen Krankenkassen dürften für diese Sportart leicht zu gewinnen sein, denn es stärkt einen in der modernen Welt vernachlässigten Körperbereich: die Nackenmuskulatur.

Dazu kommt: Banger Racing ist proaktiver Klimaschutz. Man kann auf diese Art alle Autos mit Verbrennungsmotoren kostengünstig und lustig entsorgen. Es ist eine sinnvolle Zweitverwertung von Schrottautos.

Banger Racing erinnert ans Boxautofahren auf der Kirmes, wobei es damals allerdings immer einen gab, der galant seine Runden fuhr, ohne anecken zu wollen. Dieser Fahrertyp scheint hier nicht zu existieren.

Diese Sportdisziplin ist vor allem in England populär. Wahrscheinlich wollte die EU diese sympathische Disziplin verbieten, die Engländer haben sich also völlig zurecht für den Brexit entschieden. Hierzulande gibt es Banger Racing nur sehr am Rande. Den Deutschen tut es bekanntlich in der Seele weh, wenn ihr Auto einen Kratzer abbekommt.

Banger Racing sollte sich zur neuen Trendsportart entwickeln: Simpel, ereignisreich, prollig, antikapitalistisch. Die englische Arbeiterklasse als Avantgarde, wie zu alten Zeiten.

Ich fordere den deutschen Sportminister Horst Seehofer auf, Banger Racing zügig in Deutschland zu etablieren.

Hier gibt es noch eine wunderbare Fotoreportage zum Thema.

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3 Antworten zu Banger Racing – eine Sportart bricht sich Bahn

  1. stadtauge schreibt:

    Du hast mich überzeugt. Ich werde jetzt banger racer!

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  2. genova68 schreibt:

    Toll, wie schnell das geht. Du kannst dort bestimmt auch gute Fotos knipsen. Würde mich wundern, wenn da nicht sehr gute Sachen bei rauskämen :-)

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  3. genova68 schreibt:

    Diese Autorennen erinnern mich übrigens an das hier:

    https://exportabel.wordpress.com/2019/07/26/waschmaschinenhappening/

    Die zuckenden Bewegungen der Autos und der Waschmaschine kurz vorm exitus ähneln sich und ähneln sterbenden Tieren. Materie scheint beseelt zu sein.

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