„Weil wir Berlin lieben“

tikerscherk, Betreiberin des blogs kreuzbergsüdost, hat mich kürzlich auf den Berliner Makler Ziegert aufmerksam gemacht, der Luxusimmobilien vertreibt. Er selbst nennt seine Firma Immobilienconsulting, klingt besser. Kurzes googeln führte mich auf folgendes Interview mit dem smarten Herrn Ziegert im Tagesspiegel. Interessant ist wieder einmal ein Detail. Er vermarktet, wie man sagt, gerade eine Immobilie in der Nähe des Brandenburger Tores namens Lux.

Zu welchem Preis?
Der Quadratmeterpreis liegt bei 10 588 Euro, die Wohnung kostet gut zwei Millionen Euro. Es ist ein positives Signal für uns, für die gesamte Branche, dass sich in Berlin inzwischen solche Top-Preise erzielen lassen.

Mussten Sie keinen Rabatt geben?
Im Gegenteil. Die Preise für die letzten Top-Wohnungen haben wir im Spätsommer um drei Prozent erhöht.

Woher kommen die Käufer?
Sie kommen aus der ganzen Welt. Amerikaner, Australier, Israelis, Franzosen, Schweizer, Luxemburger.

Sind keine Berliner dabei?
Im Lux haben mehr als die Hälfte der Käufer bereits einen Berliner Wohnsitz. Ob sie sich alle als Berliner bezeichnen würden, vermag ich nicht zu sagen.

Zuletzt war zu lesen, dass verstärkt Chinesen und Japaner auf dem Berliner Immobilienmarkt kaufen. Auch bei Ihnen?
Die Chinesen sind nach den Amerikanern und vor den Russen die zweitgrößte nichteuropäische Käufergruppe. Auffällig ist, dass sie gerne große Wohnungen kaufen – im Schnitt für 500 000 Euro.

Diese Wohnungen kaufen also Leute, die von außerhalb kommen und von denen die meisten schon eine oder mehrere Wohnung in Berlin besitzen. Ich vermute, dass ein Großteil der Wohnungen leer stehen wird. Ähnlich wie in Paris oder London: Superreiche kaufen sich Immobilien, weil das Geld dann geparkt ist und aller Wahrscheinlichkeit nach an Wert zunimmt. Um direkte Rendite aus Vermietungen geht es nur zweitrangig. Es wird da massenhaft innerstädtische Fläche versiegelt, die nicht zum Wohnen oder Arbeiten dient, sondern alleine der Materialisierung von Geld. Soviel auch zur Nachhaltigkeit von Kapitalismus.

Das Geld, das durch realkapitalistische Verhältnisse, also durch reine Machtverhältnisse, von einer klitzekleinen Schicht verdient wird, materialisiert sich und krempelt eine Stadt um. Die Materialisierung, also die konkreten Häuser, dienen keinen realen Bedürfnissen, sondern nur dazu, den Fetisch Geld langfristig abzusichern. Ziegert und seine Kameraden betonen generell gerne, dass sich der Berliner Mark weiterhin „positiv“ entwickeln wird und die Käufer die Entscheidung auch in 20 Jahren nicht bereuen werden. Das „positive Signal“ ist ein wirklich deutliches: Berlin ist offenbar auf dem Level von Vermarktunsmöglichkeiten wie Paris oder London angekommen. Von letzterer Stadt schrieb kürzlich der Spiegel, dass Milliardäre aus aller Herren Länder die Stadt mit mehreren hundert geplanten Hochhäusern „umkrempeln“.

Ziegert bietet übrigens auch viele Wohnungen in Kreuzberg, Schöneberg und anderen Innenstadtbezirken in Berlin an. Für absurde Preise  und mit dem Hinweis, die Wohnungen könne man als „Kapitalanlage“ sehen. Altbauwohnungen, die sich seit 100 Jahren amortisiert haben.

Vielleicht sollte man sich bewusster machen, dass es nicht um Amerikaner, Israelis, Russen, Chinesen oder Araber geht, sondern um eine dünne Schicht von vielleicht 0,1 Promille der Bevölkerung dieser und anderer Länder, die aufgrund desolater gesellschaftlicher Verhältnisse ein Vermögen zusammenrauben können, das sie dann im Lux und sonstwo „investieren“.

Ziegert hat Biologie studiert. Mit anderen Worten: Er hat für seinen Job keine Ausbildung, aber ein smartes Lächeln, einen Taschenrechner und ist bereit, sich zu prostituieren. Wie weit das geht, sieht man in diesem Werbefilmchen:

Schön zu sehen, dass ihm vorher jemand sagte: Du musst dein imaginäres Gegenüber ganz lange anschauen und keine Sekunde Unsicherheit zeigen! Nicht mal blinzeln! Interesse heucheln, ganz wichtig. Heutzutage finden Leute, die sich für nichts interessieren, ja gerne alles „spannend“. Politiker gehen durch dieselbe Schule.

Wichtig an dieser Art von Rhetorik ist, alles zu vermeiden, was die Masse thematisieren könnte. Es geht nicht mehr um die Zahl an Menschen, sondern um die Zahl der Ziffern vor dem Komma und unterm Strich.  Masse ist als eine Form von Emotion gut, wenn es um Stadionkonzerte geht, aber die Ansprache erfolgt individuell. Gemäß der neoliberalen Logik, wonach es keine Gesellschaft, sondern nur Individuen gibt, geht es bei Ziegert auch nur um dieses. Es soll sich wohlfühlen.

Ziegert hat eine ganze Reihe Videos über seine Objekte gedreht. Es geht da überall ums Wohlfühlen in visuell vorkapitalistischen Verhältnissen; in Verhältnissen, in denen Geld nicht existiert, sondern das einfache Leben vorherrscht mit Sinn fürs Detail und netter, „bunter“ Nachbarschaft. Wohnen im Romantikerviertel,  Wohnen unter Künstlern in Kreuzberg. Es wird exakt das Gegenteil dessen vermarktet, worum es geht.

Künstler sind ganz wichtig im Ziegertschen Universum, sie werden in den Filmen rein instrumentalisiert dargestellt als Bespaßer, als Gute-Laune-Macher, als Unterhalter, die an der Drehorgel stehen. Als Deppen des Kapitals mit keinen weiteren Bedürfnissen. Wohnen kann er dort, wo er dem neuen Bewohner das Gefühl des bunten, lebendigen Kiezes vermitteln soll, nicht. Der Künstler ist Überlebenskünstler.

Hitlers kommunikative Fähigkeiten wirken heute lächerlich. Er ist ohne weiteres von Comedien parodierbar. Der Prototyp Ziegert ist die aktualisierte Version eines Demagogen: smart, lächelnd, in fahle Blautöne getaucht, jederzeit etwas von Nachhaltigkeit erzählend, von Menschlichkeit, von seinem Cello spielenden Bruder, von Vision, von Liebesverhältnissen zu seinen Objekten, von Begeisterung, von Schönheit, von Potenzialen, von Glück, von Menschen, von Großartigkeit, von Ganzheitlichkeit, Persönlichkeit, heile Welt, Familienbande,  eine entspannte Atmosphäre schaffend undsoweiterundsofort. Vertrauen will er schaffen, erzählt Ziegert. Alle zerstörerischen Aspekte kapitalistischer Logik, die im Ziegertschen Business hervortreten und die er mit seiner Tätigkeit verschärft, werden ignoriert zugunsten dezidiert antikapitalistischer Eigenschaften, die das Menschliche betonen, wo es um alles geht, nur nicht um Geld. Es ist eine subtile und gerade deshalb funktionierende Pervertierung der Verhältnisse.

Es sind sozialdarwinistische Verhältnisse, die die Ziegerts dieser Welt schaffen. Was der Faschismus biologistisch über die überlegene Rasse zu erreichen versuchte, macht er über den Geldbeutel.

Warum Berlin? wird Zieglert in seinem Propagandafilm noch gefragt. Antwort: „Weil wir Berlin lieben.“ Für das Kapital dieser Welt ein wahrhaft positives Signal.

Und ein P.S.: Hier erklärt ein anderer Berliner Makler, Michael Schick, in fünf Minuten ganz offenherzig, wie sein Geschäftsmodell funktioniert:

Den zugehörigen Artikel gab es bei exportabel vor gut einem Jahr.

Es ist bemerkenswert, dass in unserer Gesellschaft sowas keine Folgen hat. Brave new world.

051(Foto: genova 2013)

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4 Antworten zu „Weil wir Berlin lieben“

  1. tikerscherk schreibt:

    „Ziegert hat Biologie studiert. Mit anderen Worten: Er hat für seinen Job keine Ausbildung, aber ein smartes Lächeln, einen Taschenrechner und ist bereit, sich zu prostituieren.“

    Inzwischen gibt es überall in der Republik Akademien, an denen der Beruf des Maklers resp. des Immobilienwirtes (MA) erlernt werden kann. Voraussetzung um in dieser Branche erfolgreich zu sein, ist aber in erster Linie ein gutes Verkaufstalent, so heisst es.
    Und ein absoluter Mangel an Schamgefühl und Menschlichkeit, möchte ich ergänzend hinzufügen.

    „Gemäß der neoliberalen Logik, wonach es keine Gesellschaft, sondern nur Individuen gibt, geht es bei Ziegert auch nur um dieses. Es soll sich wohlfühlen.“

    „Wohlfühlen“ ist auch so ein moderner Euphemismus.
    Das Individuum soll nicht nachdenken.
    Kaufen, kaufen, kaufen und nicht mehr an die Anderen denken.

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  2. Babewyn schreibt:

    Hat dies auf Looney Babewynie, the jabberwock cook: rebloggt und kommentierte:
    I wonder where we are going. I cannot think of a way people like Ziegert can be stopped, at least not in the foreseeable future. I wonder if i will live to see fundamental change in peoples expectations and ways of life that would make the Ziegerts of this world redundant? Oh well, no need to be discouraged, it won’t change matters. I’ll just keep moving in another direction.

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  3. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Berliner Immobilienmarkt

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  4. genova68 schreibt:

    Toll, dass mein Artikel verfielfältigt wird. Auch eine Möglichkeit, die Produktivität zu erhöhen.

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