„What the hell went wrong?“

Das fragte der Architekt Mies van der Rohe Ende der 1960er Jahre, kurz vor seinem Tod.

Das Zitat als Ganzes (aus archithese 3/2016):

I get up. I sit on the bed. I think: „What the hell went wrong. We showed them what to do.“

Er ist offenbar aus einem bösen Traum erwacht. Mies meinte die monotonen Großsiedlungen, den Bauwirtschaftsfunktionalismus, den Verrat an den Ur-Ideen moderner Architektur. Ich wusste bislang nicht, dass sich van der Rohe über die fehlentwickelte Moderne überhaupt Gedanken gemacht hat. Er selbst ist über Kritik erhaben, zumal er sich nicht mit Städtebau, sondern nur mit Architektur beschäftigt hat. Und er hat eben die moderne Idee so sehr ins Radikale getrieben, dass seine Architektur sich zum Denkmal entwickelt hat, völlig zurecht. Seiner Neuen Nationalgalerie wird das bis heute antiurbane Umfeld nicht angekreidet, seinem Seagram Building keine Monotonie angedichtet, und die Sachen wie der Barcelona Pavillion oder die Crown Hall oder das Farnsworth House entwickelten revolutionär neue Raumideen und sind sowieso außerhalb jeder ernstzunehmenden Kritik. Selbst die Leute, die aus seinem „less is more“ „less is a bore“ machten, meinten, wenn ich nicht irre, nicht seine Sachen.

Vielleicht könnte man das teilweise oder auch mannigfache Scheitern moderner Architektur mit dem Scheitern postmoderner Architektur eine Generation später vergleichen. Einer grundsätzlich guten Idee fehlte hier wie dort ein selbstreflexives Moment, das sich gegen die Idee zerstörerischen Einflüsse wehrt. Gesellschaftskritische und wirtschaftliche Sachverhalte, ohne die Architektur überhaupt nicht umfassend zu denken ist, wurden ausgeblendet. Und dann von gesellschaftlichen und ökonomischen Sachverhalten übernommen und manipuliert. Architektur geriet in beiden Fällen zum Oberflächenphänomen, das beliebig instrumentalisierbar war und wo ein Heer auftragsgeiler und banalisierter Architekten Gewehr bei Fuße stand. Vielleicht konnte Mies aufgrund einer soliden handwerklichen Ausbildung und der bauwirtschaftlich günstigen Verhältnisse, die er nach seiner Migration in den USA vorfand, seine Ideen nicht nur konsequent denken, sondern auch verwirklichen. Er war einer der wenigen. Und Mies hatte das Glück, sich nicht um Wohnungsbau für die Massen kümmern zu müssen. Seine Wohnhäuser waren welche für Millionäre, die sich um Boden- und Quadratmeterpreise vermutlich nicht scherten.

Vielleicht hat er den anderen nicht umfassend gezeigt, what to do. Vielleicht war das außerhalb seiner Perspektive.

Nur, um dem Herrn van der Rohe eine kurze Antwort zu geben, what went wrong. Eine längere würde mir mehr intellektuelle Strukturiertheit abverlangen, als ich gerade zu leisten in der Lage bin.

(Foto: genova 2015)

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