Wo man Ungers eine Träne nachweinen könnte

Schon verrückt: Da organisierte die Neue Nationalgalerie in Berlin vor runden 14 Jahren eine Einzelausstellung für den Architekten Oswald Matthias Ungers, die erste Einzelarchitektenausstellung in diesem Museum überhaupt, glaube ich. Dabei taugt nur Ungers Frühwerk etwas. Später wurde er zum Quadratefetischisten und vermutlich auch zu einem Ordnungsfanatiker.

Die Ehrung durch die Nationalgalerie hat nichts genutzt: Mittlerweile sind zwei in der Tat wichtige, bedeutende Frühwerke Ungers abgerissen. Der erste Abriss erfolgte vor runden 10 Jahren, nur ein paar Kilometer von der Neuen Nationalgalerie entfernt, am Lützowplatz. Man hatte offenbar vergessen, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen und prompt kam ein sogenannter Investor. Man zerstörte also ein vielgelobtes Wohngebäude mit günstigen Mieten aus dem Jahr 1987. Danach baute man das hier:

Lützow Carré heißt das Teil nun trendig. Alleine dieser Name ist lächerlich. Aber das fällt in der Branche nicht auf.

Es gibt eine Travertinverkleidung, die man nicht zwangsläufig politisch problematisieren sollte (faschismusbelastet), aber angesichts der Menschenverachtung, die in diesem Bau strukturell steckt, ist der Bezug zum Faschismus schon ganz folgerichtig gewählt.

In der kompletten Front sind nun keine Wohnungen mehr, sondern Büros. Es stehen also wohl weniger Wohnungen zur Verfügung als zuvor. Die Miete: Für eine Wohnung mit 65 qm verlangt der Eigentümer 1.340 Euro warm, also mehr als 20 Euro pro qm. Der Eigentümer ist die Projektentwicklungsgesellschaft, wie man sagt, Dibag.

Für 1.340 Euro pro Monat bekommt man solche Details:

Ein äußerst biederer Bau – Biederkeit gilt in Berlin/Preußen als gebaute Sittlichkeit – mit peinlichen Details. Während die Front noch an gelungene 1950er Jahre-Bauten erinnert, ist der Wohnbereich durch geschmacklose Anbiederungen an „die da oben“ geprägt. Der Travertin von der Frontseite wird an den Seiten auf das Erdgeschoß reduziert, von dem wiederum ein Sockel abgesetzt ist und mit grünem Naturstein verkleidet wurde. Wir haben hier also eine dreiteilige Abstufung, dazu kommt das lächerliche Dach über dem Eingang. Die Balkons im EG sind faktisch nicht nutzbar, wurden aber trotzdem angebracht. An der Tiefgaragenausfahrt ist der grüne Sockel plötzlich 20 Zentimeter höher geraten als am Rest des Gebäudes. Warum? Dafür wallt neben der Ausfahrt der grüne Stein auf gut zwei Meter hoch. Warum?

Dazu bekommt man billige Plastikrollläden und die Anmutung, dass die Travertinplatten nicht ganz an die Decke heranreichen, also der ganze Aufwand eines hochwertigen, ehrlichen Hauses in sich zusammenbricht.

So läuft es. Während in den Medien vor dem Mietendeckelsozialismus der rot-grün versifften Berliner Landesregierung gewarnt wird, ist das die Realität. Günstiges Wohnen eines gepriesenen Architekten (Ungers hatte die Goetheplakette, Großes Bundesverdienstkreuz und Ehrendoktorwürde) wird zerstört, dafür darf das Kapital auf den Ruinen ausbeuten und akkumulieren. Preiswertes Wohnen wird zerstört, dem Kapital wird der rote Teppich ausgerollt, auf das die Ausbeutung noch effektiver werde.

Das nur als Argumentationshilfe, falls das asoziale Deutschland sich mal wieder als Sozialstaat ausgeben will.

(Fotos: genova 2020)

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