Was der Struth kann…

Thomas Struth fotografiert gerne Menschen, die sich Kunst anschauen. Fotografiert man gerne Menschen, die sich ebendiese Bilder von Thomas Struth anschauen, wird man fortgejagt.

Eine Ausnahme dieser Regel:

Und sonst? Struth in einer großen Ausstellung im K20 in Düsseldorf. Hm. Seine frühen Stadtbilder, Straßen in Düsseldorf, Amerika, sonstwo, sehr respektabel. Und aus heutiger Sicht nich nur von künstlerischem, sondern auch von hohem dokumentarischen Wert. Google View schon in den Siebzigern. Seine aktuellen Sachen finde ich eher banal, weil sie das Dokumentarische zu sehr wollen. Es sind nun keine öffentlichen Straßen mehr, die Struth ohne Menschen knipst, sondern nicht-öffentliche Gebäude und Maschinen. Oder der Urwald, wo man bei Struth zu der Erkenntnis gelangt, dass ein Urwald ziemlich verwirrend sein kann. Viele Blätter und so. (siehe hier)

Der Katalog sagt zu den Urwaldbildern:

Die chaotische Dichte und simultane Präsenz der pflanzlichen Details fordern den Betrachter dazu heraus, sich den Vorgang der Wahrnehmung bewusst zu machen, und werfen ihn so auf die eigene Gegenwart zurück.

Auf die eigene Gegenwart zurückgeworfen werden. Floskel, belanglos.

Die Becher-Sachen wirken heute genau dann lächerlich, wenn sie sich zu ernst nehmen. Das Dokumentarische ist als Dokumentarisches interessant, nicht als überhöhter Kunstfetisch im renommierten Museum. Die Bechers fuhren in den Siebzigern mit ihrem VW-Bus durch Europa und formten mit einer Engelsgeduld ihren Stil. Sie hatten eine Idee und ließen sich nicht beirren, obwohl sie von vielen als irr bezeichnet wurden. Die Ruffs und Struths sind heute mit Ferrari und Kunstnutten und Stoschek-Connection und dem ganzen lächerlichen Düsseldorf-Geplänkel längst angekommen in einem Umfeld, in dem man sich nur entscheiden muss, ob man sich jetzt eine neue Rolex an den Arm bindet oder einen neuen Struth an die Wand hängt. Dann kommen noch nette Mädels dazu, die Texte wie den oben schreiben.

Es ist unausgegoren, was ich hier schreibe. Aber ich merke, dass mich diese Mixtour mittlerweile nervt: Nur noch Großformate, alles sehr gut verkäuflich, alles eher harmlos, kein dokumentarischer, eher ein technisierter Blick aufs Objekt, keine Neugier mehr, kein Ekel, marktkonform. Welchen Aspekt beim Fotografieren spielen die Urteile der Kunsthändler? Geht es nicht nur noch um die Trademark „Düsseldorfer Schule“?

Kunst in hochkapitalisierten Zeiten HAT sich zum Kapital zu verhalten, Stellung zu beziehen. Es gab Zeiten, da wollte aktuelle Kunst den Betrieb unterlaufen, subversiv sein. Die Struths und Ruffs machen heute eher das Gegenteil. Ihre Kunst ist nicht mehr autonom, sondern, so meine Vermutung, von vornherein auf den Markt ausgerichtet. Daher das Gefühl der Banalität der neueren Sachen.

Dieser Kunst ist die Aura zu nehmen. Beispielsweise, indem man sich beim Gegenfotografieren nicht verjagen lässt.

(Foto: genova 2011)

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21 Antworten zu Was der Struth kann…

  1. Jörg Kremer schreibt:

    Zuerst habe ich mich über mich selbst gefreut, dass ich erkannt habe, wen die Menschen auf den Bildern anschauen. Dann habe ich eine fast identische Aufnahme zu Deiner gemacht (mit dem iPhone). Es kam jemand und eröffnete mir, der Künstler möchte nicht, dass fotografiert wird. In dem Moment fand ich den Künstler abstoßend, der mich mit eben solchen Fotos locken möchte. Jetzt die neuere Kunst als Ganzes nach diesem Erlebnis über diesen einen Kamm zu scheren, halte ich für eine fast so befremdliche Vorgehensweise, wie das Fotoverbot des Künstlers. Es hätte mich ein Schild erfreut, das nur denen Zutritt zu dieser Kunst erlaubt, die sie auch fotografieren. Der Künstler hätte es in der Hand. Der Künstler hat sich entschieden. Nicht der Kapitalismus. Der hält sich nur an die Regeln des Künstlers, um den Wert seiner von ihm definierten Kunst nicht zu minimieren. Hätte er Fotos zur Pflicht gemacht, hätte sich der Kapitalismus auch ganz stringent darum gekümmert. Und jetzt…Sonne!

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  2. peergroup1 schreibt:

    ich darf mal hier posten ja?
    http://www.creativecommonscollages.org/

    kommt ja auch auch düsseldorf, hat auch was mit bildern zu tun.
    aber nix mit markt … is frei wie freiheit, nicht wie freibier …
    der potentielle download unter cc-license is kein zufall.

    hg
    peergroup2

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  3. hanneswurst schreibt:

    Die in Berlin so beliebte Vortäuschung des tagtäglichen Existenzkampfs scheint sich mit einem kontemplativen Kunstgenuss nicht zu vertragen.

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  4. bersarin schreibt:

    Die Museumsbilder von Struth sind über die Anordnung Beobachtung von Beobachtern interessant, und insofern gehören sie eher in ein Museum als in eine Galerie oder ein Dokumentationszentrum. Diese Photographien reichen über das Dokumentarische hinaus, weil sie das Museale selber in Szene setzen.

    Daß man diesen Raum nicht photographieren darf, habe ich mir gedacht. Obwohl es interessant wäre, die Szenerie immer weiter in Bildern zu spiegeln und auszustellen, da so ein Verfahren zu einer unendlichen Spiegelung bzw. zu einem unendlichen Progreß führen könnte. Das Verbot zeigt, daß Struth unsouverän mit seiner Idee umgeht und sie außerdem nicht zuende gedacht hat.

    Die Dschungelbilder sind platt. Das ist derart simpel, daß es nicht einmal mehr für eine kleine Galerie hätte ausreichen dürfen. Meine ersten Photos, die ich mit einer Spiegelreflex schoß waren Waldphotos. Alles nur grau in grau. Hätte diese Bilder von Stuth ein Unbekannter an einer Kunsthochschule eingereicht, er oder sie wären abgelehnt worden.Und der Katalogtext ist nichtssagendes Geblähe, weil dieser Satz auf fast jedes Bild zutreffen kann, und es wird kein Grund genannt wird, weshalb es sich bei diesen Photos um avancierte Bilder handeln solle. Und wie so häufig in der späteren Düsseldorfer Schule wirken solche Photos nur, weil sie in überdimensionierten Formaten gehängt werden. Deutlich kann man das auch an den Portraitphotos von Ruff sehen, die auf der documenta 97 ausgestellt waren. In einem normalen Format hätte das nicht diese Wirkung. Diese Portraits waren sicherlich interessant, aber nicht herausragend. Das Ideal der Bechers bzw. der frühen Düsseldorfer waren kleinformatige Bilder, am besten 18 x 24 cm nicht überschreitend.

    Diese großartigen Bilder von den Bechers changieren zwischen Dokument (Industriegebäude, die es teils nicht mehr gibt) und künstlerischer Auseinandersetzung mit Wahrnehmungsweisen bzw. mit Form.

    Völlig recht hast Du, was diesen Kunstmarkt betrifft. Bei diesem Kunstfetischismus handelt es sich einzig um die Verwandlung von Kunst in Monetäres. Von dieser Transformation oder besser noch Transsubstantiation bleibt nichts verschont, nicht einmal mehr das sogenannte abstoßende Bild, das nicht nur gefällig daherkommt, oder das kritische Bild, denn teils wird die Kritik gleich mit eingekauft.

    Ich hatte vor gehabt, irgendwann über diese Mueseumsbilder von Struth etwas bei mir zu schreiben, aber wie das so ist mit all den Projekten – es wird aufgeschoben, vertagt, vergessen.

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  5. fk schreibt:

    werter bersarin.
    das spiel des künstler-bashens kann ich sehr wohl nachvollziehen, und gerade bei den bedeutenden, wichtigen namen sorgt es ja auch bei mir für große freude. dennoch will ich hier mal einspruch erheben oder zumindest etwas anmerken.

    ich persönlich kann mit den düsseldorfer fotografen ebenfalls nicht all zu viel anfangen. das liegt aber auch an meinem ganz persönlich verhältnis zum bild und zur fotografie an sich. mich interessieren primär die kontexte, da hat die fotografie ganz einfach ein problem, wobei gerade struth dieses ja durchaus in seinen arbeiten aufgreift.

    aber ihr kommentar „Die Dschungelbilder sind platt. Das ist derart simpel, daß es nicht einmal mehr für eine kleine Galerie hätte ausreichen dürfen. Meine ersten Photos, die ich mit einer Spiegelreflex schoß waren Waldphotos.“ ist mit verlaub doch etwas unter ihrem und unserem niveau.
    dass wir mit sätzen wie „das soll kunst sein, das kann meine tochter auch.“ keine adäquate kunstkritik betreiben können, wissen sie als geistreicher mensch so gut wie ich.

    und deshalb will ich ihnen an dieser stelle auch einfach eine mögliche interpretation anbieten.
    für mich steckt in dem bild etwa eine recht kluge beobachtung bzw setzung, nämlich dass kunst, technik und natur eines sind, bzw eben nicht getrennt, sondern als ganzes gedacht werden müssen.
    diese interpretation funktioniert eher nicht über die reine bildinterpretation, sondern arbeitet auch mit dem kontext der fotografie als technologisches medium, der differenz zwischen medium und motiv usw. ist aber am ende auch wieder klassisches bildmotiv: natur ist kunst, mensch ist kunst.
    über interpretationen lässt sich trefflich streiten, ich weiß.
    man sollte einem künstler der über jahre hinweg mit einem thema arbeitet, sich durchaus klug mit dem medium fotografie und dem medium kunst, sowie dessen wahrnehmung beschäftigt hat, aber eventuell doch ein gewisses maß an intelligenz und talent zu gestehen.

    und entschuldigen sie bitte eine letzte anmerkung. ich finde diese immer wieder kehrende laier vom ‚bösen‘ kunstmarkt und der ‚guten reinen‘ kunst doch etwas zu einfach, erinnert es mich doch nun wirklich sehr an meine eigenen reden als kunststudent.
    ich verstehe sehr wohl was sie meinen, sehe auch durchaus die problemfelder, arbeite mich im übrigen nach wie vor an diesen ab. aber zu sagen, dass westliche kunstsystem wäre unabhängig vom kapitalistischen wertesystem, der kunstmarkt also nur ein, leider zu akzeptierendes anhängsel greift imho zu kurz.
    ich will keinesfalls bestreiten, dass es kreatives denken, kluge reflektion, irre weltsichten und dergleichen ohne einen kunstmarkt geben kann und selbstverständlich gibt.
    aber wenn wir über kunst sprechen, dann sind die verflechtungen zwischen künstler, galerien, museen, kunst, kunstsystem, gesellschaft und markt einfach zu eng, um da eine wirkliche trennung durch halten zu können.
    die geschichte der modernen, von der religion emanzipierten kunst ist meines erachtens zu dicht mit dem aufstieg der bürgerlichen gesellschaft verbunden, als das wir hier wirklich von antagonismen sprechen könnten.

    ich hoffe sie verzeihen mir die möglicherweise etwas barsch scheinende kritik, ich reagiere bei einigen position eventuell etwas reflexartig.
    ihre texte und kommentare schätze ich im allgemeinen sehr, glaube aber dass sie hier eventuell noch mal die ein oder andere position überdenken könnten ohne sich dabei all zu großen schaden zu zufügen.

    mfg
    fk

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  6. genova68 schreibt:

    bersarin,
    was gehört in ein Museum, was nicht? Wozu ist ein Museum gut? Mein Problem mit dem System Museum ist schon seit langem, dass dort dort einerseits das hängt, was irgendwelche Strukturen zur Kunst erklärt haben und andererseits vielem von dem, was für Kunst erklärt wurde, der Stachel genommen wird. Die Anbiederei heute an Boys, gerade durch Düsseldorf, und zwar gerne genau von den Leuten, die ihn früher gerne aus der Stadt gejagt hätten, ist nur ein Beispiel.

    Vielleicht täte es gerade den Becher-Schüler-Sachen gut, nicht mehr im Museum zu hängen, sonder als Kopie an einer dreckigen Wand.

    Die Großformate: Ja, ohne die Größe wäre die Wirkung nicht einmal die halbe. Und die technische Umsetzung macht höchstwahrscheinlich eh nicht Struth, sondern ein Hiwi. (Unvergessen in diesem Zusammenhang: Der Iglubauer Mario Merz, der ca. 50 Jahr lang nur Iglus baute, meist aus Glasscherben, immer wieder. Bei einem Ausstellungsaufbau stand er stundenlang neben den Iglus und gab Fernsehinterviews. Seine Hiwis schraubten unterdessen die Iglus zusammen, der Meister gab hin und wieder knappe Befehle.)

    Das mit dem unendlichen Spiegeln wäre in der Tat eine interessante Sache. Jemand hätte wieder mich knipsen müssen, wie ich gerade knipse und so fort.

    fk,
    was hast du denn gegen deine Reden als Kunststudent? Deine Haltung zum Verhältnis von Kunst und Kunstmarkt ist vielleicht eine, die man als Künstler selbst sich zu eigen macht, weil man da den Kunstmarkt wohl viel eher im Blick hat als ein kunstinteressierter Laie. Wenn ich mir aber den Markt der letzten zehn oder zwanzig Jahre angucke, dann war der doch international wesentlich bestimmt von Menschen, bei denen sich extrem viel Geld anhäufte und die durch ihr Geld, nicht durch irgendeine Affinität zur Kunst, den Markt und damit die Preise und damit die Aufmerksamkeit für Kunst bestimmten. Hier liegen nun vielleicht sehr „enge Verflechungen“ vor zwischen Kunst und Markt und man kann da nicht mehr trennen, weil die Kunstproduktion schon a priori vom Markt bzw. von dessen angenommener Wertschätzung bestimmt ist. So gesehen ist der Markt ein Teil der Gesellschaft und somit Teil der Kunst. Aber abgesehen davon muss es doch möglich sein, Kunst vom Markt und allem anderen zu trennen. Wenn nicht, spricht man besser von Kunstgewerbe o. ä.

    Jörg Kremer,
    ich habe nicht „die neuer Kunst als Ganzes“ über einen Kamm geschert. Und dass es der Künstler in der Hand hat, nicht der Kapitalismus, ist so eine unpolitische Aussage, die Strukturen einfach übersieht.

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  7. Jörg Kremer schreibt:

    @genova68
    Das Unpolitische ist die Qualität dieser Aussage, nicht das Manko! Ich bin da einfach mal der Gegenpol zu Deiner Überpolitiserung.

    Wenn man als Künstler um den Kapitalismus weiß und damit spielt, ist das eine Dimension der Kunst, die doch sehr attraktiv ist – sicher auch in Deinen Augen. Gerade in der Kunst kann man mit der Politik und dem Kapitalismus herrlich jonglieren.

    Wenn der Künstler das aber nicht nutzt, ist das nicht die Schuld des Kapitalismus. Der Künstler möchte nicht, dass sein Werk fotografiert wird. Der Kapitalismus würde es wollen, wenn der Künstler es wollte.

    Das passt jetzt nicht spontan in Deine Stoßrichtung, alles zu politischer Kritik zu machen. Manchmal ist aber nicht das System Schuld an Zuständen, sondern die Deppen, die es arglos füttern und groß machen. Wie Struth.

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  8. bersarin schreibt:

    Zunächst einmal Danke für Ihren Kommentar, fk. Dieser fiel keineswegs barsch aus, und ich schätze den Ton Ihrer Kritik, wenngleich ich nicht alle Positionen darin teile.

    Nein, die Dschungelbilder von Struth sind trivial, darauf wollte ich mit meinen Vergleich zu den eigenen Waldphotos als Anfängerbildern hinaus. Zumindest nach einer ersten Sichtung komme ich zu diesem Schluß. Was Sie zur Technik und zur Natur schreiben, das ließe sich auf andere Bilder von anderen Photographen womöglich genauso übertragen. Es ist nicht falsch, die auch im Rahmen von Struth so zu sehen, aber auch im Lichte dieser Interpretation bleiben die Waldbilder von Struth schwach.

    Wenn auf den Photographien nicht Struth draufstünde, käme er damit nicht durch, und nur wenige Kunsthochschulen nähmen ihn damit als Schüler auf. Gut, man muß diese Photographien natürlich im Kontext seiner übrigen Arbeiten sehen, womöglich tut sich dadurch noch einmal ein anderer Blick auf. Das Verhältnis Natur – Technik läßt sich jedoch sehr viel komplexer gestalten. Ich will aber zugestehen, daß ich nicht alle Dschungelbilder gesehen habe, womöglich ergibt sich in der Serien noch ein anderer Aspekt, woran ich so recht jedoch nicht glaube. (Und nur das große Format allein macht es nicht.)

    Bei Struth scheint mir hier der Gegenpol zur reinen Zufallsphotographie (als Extrem: die Lomographie) erreicht zu sein: Ausgefeilte Kameratechnik, vermittels einer Großformatkamera, das Sujet ist dann fast egal, die technische Perfektion wird zum Fetisch.

    Daß das System der Kunst an die Kapitalmärkte gekoppelt ist, geht gar nicht anders, da dürften wir wohl einig sein. Die reine unvernutzte Kunst zu fordern, ist naiv oder selber ein Stück Ideologie. Bekanntlich gibt es kein richtiges Leben im falschen. Und wie jeder andere auch, möchte der Künstler von seiner Arbeit leben, wenn er davon gut leben kann: um so besser für ihn. Dennoch ist das System Kunst angefressen, und was Genova zum Kunstbetrieb schreibt, das läuft genau so ab. Hiwis pinseln, basteln, machen:, ein Künstler steht daneben und erzählt Blödsinn Insofern ist das System Kunst zu überdenken. Gut, wird man entgegnen, das war in der Kunst der Renaissance auch nicht anders. Es besaß dort aber eine andere Qualität.

    Als interessanten Ansatz würde ich den von Jochen Gerz sehen.

    Ich wäre dafür, daß der Künstler selbst entauratisiert wird und sich hinter einer Maske zu verstecken habe: Kein Name, kein Eigenname, lediglich eine Zahlen-Buchstaben-Kombination ohne Gesichter, ohne Geschlecht, ohne Nationalität. So sähe die nächste von mit kuratierte documenta aus. Da gäbe es keine Meeses und Höfers und Struths und und und. Es käme sd-23-xc-4, ejm-AK-44-SD, 356lkj-4_b usw. Keine Interviews, keine Portraits von Künstlern, keine Biographien. Nur Bilder, Environments, Skulpturen, Video, Computer, Photographien.

    „die geschichte der modernen, von der religion emanzipierten kunst ist meines erachtens zu dicht mit dem aufstieg der bürgerlichen gesellschaft verbunden, als das wir hier wirklich von antagonismen sprechen könnten.“

    Da gebe ich Ihnen recht. Es ist die Kunst nicht einfach die reine, feine Gegenwelt. Die Widersprüche der Gesellschaft ragen bis ins Detail und in die Verhaltensweisen von Individuen hinein.

    Sehr wohl verstehe ich aber, was Genova meint: es geht darum Kunsträume zu entgrenzen. Komplexes Thema: ich schreibe vielleicht und demnächst etwas bei mir dazu, weil das hier und jetzt den Rahmen sprengt.

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  9. fk schreibt:

    vielleicht mal vorweg „Wozu ist ein Museum gut?“
    ein museum ist kein mystischer ort, sondern ganz einfach ein öffentliches archiv in dem artefakte aufbewahrt werden. ganz grob: die idee geht zurück auf die wunderkammern des adels. nach der französchen revolution kam das bürgertum relativ schlau auf die idee, dass die in besagten wunderkammern gelagerten artefakte nicht nur einigen wenigen adligen, sondern eben allen bürgern zugänglich sein sollten.
    dafür entwickelte man dann das konzept des museums. die funktion hat sich zugegeben etwas gewandelt …

    eventuell lässt sich daraus auch meine bemerkung verstehen, dass das moderne kunstsystem und der aufstieg des bürgertum und damit eben auch der kapitalismus imho zusammen gedacht werden sollten. die kunstvereine sind ein erfindung eben dieser gesellschaft. dabei ist es hoch interessant, das eben diese derzeit so mit dem überleben zu kämpfen haben.

    es ist schade, dass die weiteren erläuterungen nicht verfangen haben, ich hatte gedacht man könnte verstehen warum ich die unterscheidung kunst und kunstmarkt u.a. wegen diesem symbiotischen verhältnis für relativ unsinnig und nicht zweckdienlich halte.
    aber vielleicht mal ganz konkret.
    die allerwenigsten bedeutenden künstler der 20. jahrhunderts wären ohne ihre mindestens ebenso talentierten galleristen nie etwas im kunstsystem geworden. das ganze kunstsystem wäre eventuell nie in dieser form entstanden.

    einer der meiner ansicht nach wichtigsten künstler des 20. jahrhunderts, andy warhol sagte mal „ein gutes geschäft ist die beste kunst.“
    das ist keine zynische attitüde eines erfolgsverwöhnten trottels, sondern eine erkenntnis die sich aus einer langwierigen beschäftigung mit dem themenkompex ergibt.
    man kann solche leute nicht einfach als deppen bezeichnen, oder zumindest dann nicht wenn man selber mit seinen positionen zum thema ernst genommen werden möchte.

    ganz abgesehen davon implizierte die trennung kunst/kunstmarkt so etwas wie die existenz von kapitalismusfreien zonen, was ich für ein fragwürdiges konzept halte. eventuell macht aber genau dieses vermeintlich versprechen auch den aktuellen reiz der kunst aus?
    mit verlaub, poste ich jetzt hier noch mal eine zweite arbeit von mir, in der es nämlich auch diese frage geht:
    http://www.the-alpha-and-the-omega.com/

    hast du mittlerweil die gesellschaft des spektakels gelesen?

    hg
    fk

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  10. fk schreibt:

    nachtrag.
    das auch in der kunst in den vergangenen jahren einiges schief läuft, da gehe ich im übrigen mit allen beteiligten voll mit. zahlreiche der auswüchse sehe ich natürlich selber, auch im freundes- und kollegenkreis.

    ich glaube aber eben nur es greift zu kurz, wenn man versucht das mit der logischen trennung kunst/kunstmarkt abzuhandeln. das geht imho am kern vorbei. aber ich denke auch das ist soweit deutlich geworden.

    auch ich sehe ebenfalls im problem des autors eine herausforderung, und selbstverständlich funktionieren manche arbeiten nur weil sie von einem bestimmten künstler sind, und dieser über die ihm zugesprochene macht der setzung verfügt.
    thomas struth, würde ich als erfahrenem künstler durchaus zutrauen, diese mechanismen auf dem schirm zu haben. gerade weil er in seiner arbeit die frage nach der wahrnehmung von kunst, aber auch nach der rolle des publikums so deutlich angelegt hat.

    nun aber zum abschluss und weil auch das passt:
    meine absolutes lieblingswerk, wenn man das überhaupt noch so bezeichnen kann, ist derzeit die:
    241543903
    geben sie diese zahl mal bei google in die bildsuche ein. :-)

    hg
    fk

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  11. fk schreibt:

    letzter nachtrag:
    @bersarin unsere beiträge haben sich gedoppelt, ich habe ihren dann nach dem schreiben erst gelesen.

    hgfk

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  12. Nihilist schreibt:

    @fk

    241543903 struth – bie der Bildsuche bringt zwei Bilder – Welches davon ist Ihr Lieblingswerk? Star-Treck oder der Köter?

    Ohne Struth kommen viel mehr Bilder, da ist es noch schwerer zu raten, welches Bild Ihnen am besten gefällt. Etwas Delphine hauen? Oder doch eher die Frau die sich in den Kühlschrank bückt um ein Bier zu nehmen? Etwas der Mann der in einem Kühlschrank sitzt? Fragen über Fragen.

    ;-P

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  13. genova68 schreibt:

    fk
    du stehst also auf Bilder, auf denen Menschen ihre Köpfe in Kühlschränke stecken.

    Vielleicht ist die Situation bei Struth, Ruff etc. banaler. Die wissen, wie es geht, wie man Geld verdient, die Abnehmer stehen auf der Matte. Nix Gedanken zur Kunst. Ich habe Ruff vor Jahren bei einem Gespräch über seine Bilder gehört: Der bringt keinen geraden Satz zustande, auch keinen geraden Gedanken, zumindest nicht verbalisiert. Es geht da, glaube ich, viel um das große Format und um die Qualität der technischen Umsetzung und der Präsentation, was durch die Hiwis erledigt wird.

    Gesellschaft des Spektakels habe ich nur sehr rudimentär gelesen bisher. Das Architekturkapitel ist wohl lesenswert, was mich aber stört, ist der apodiktische Stil. Ich mag Bücher nicht, die auf 300 Seiten nur eine Behauptung nach der anderen aufstellen, auch wenn die für sich betrachtet legitim sind. Ich möchte jetzt aber kein Urteil fällen, eben weil kaum gelesen. Kommt aber noch.

    fk,
    deine Ausführungen zur Nichttrennung von Kunst und Markt teile ich nur bedingt. Was ist an dem Warhol-Zitat so toll? Ich bezeichne den nicht als Deppen, aber dass er keiner ist, wird mir nicht gerade durch dieses Zitat klar. Das System saugt alles auf, also auch die Kunst. Wie die damit umgeht, ist die Frage, wie sie das thematisiert. Wenn Warhol sagt, je besser das Geschäft, desto besser die Kunst, hört sich das für mich erstmal nur nach billiger Provokation an. Hauptsache nicht ewiggestrig.

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  14. fk schreibt:

    @genova

    im prinzip ist ja alles gesagt. wir nähern uns bei bestimmten positionen nicht an, das ist ja auch ok. ich habe die wahrheit schliesslich nicht für mich gepachtet.

    mir hat der (teil)satz von bersarin ganz gut gefallen „… Insofern ist das System Kunst zu überdenken.“
    weil er dort einmal andenkt, dass das system kunst an sich ein fragwürdiges konzept sein könnte.

    und köpfe im kühlschrank mag ich weil die ‚arbeit‘ auf den ganzen geniekult verzichtet, sich das projekt ständig verändert und damit dinge wie autor und den werkbegriff ziemlich radikal in frage stellt.

    mfg
    fk

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  15. genova68 schreibt:

    Es geht ja nicht um Annäherung, mir geht es ums Verstehen, da ich deine Meinung in Sachen Kunst auf alle Fälle respektiere, da du vom Fach bist. Zum Respektieren gehört aber das Verständnis, deshalb meine Nachfrage zu Warhol etc.

    Das, was du im letzten Absatz schreibst, hört sich für mich gut an, ist aber m.E. an die kapitalistische Markt- und Verwertungslogik nicht anknüpfbar, weil ohne Marke, ohne Kult, ohne Genie kein verwertbares Interesse an Kunst geschaffen werden kann. Und genau da beginnt das Problem.

    Schauen wir uns doch die letzen zehn oder zwanzig Jahre Entwicklung auf dem Kunstmarkt an.

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  16. hanneswurst schreibt:

    Die Beschwerde über die Instrumentalisierung der Kunst ist eine Instrumentalisierung der Kunst.

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  17. genova68 schreibt:

    Seit wann so apodiktisch, Hansilein?

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  18. Jörg Kremer schreibt:

    „Die Beschwerde über die Instrumentalisierung der Kunst ist eine Instrumentalisierung der Kunst.“ Zitat hanneswurst.

    hanneswurst, das sind wahre Worte!
    Ich werfe das noch in den Raum:
    Jede Einordnung der Kunst ist Kunstunverständnis.

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  19. hanneswurst schreibt:

    @ganove: Danke, dass Du meinen Aphorismus in den Rang einer Apodiktischen Aussage erhebst.

    @Jörg Kremer: Danke für Ihre Zustimmung. Dennoch möchte ich die Kritik an der Einordnung bekritteln, bzw. ich möchte Ihre Aussage gerne abschwächen. Eine Einordnung wie z.B. die Einordnung in bildende und darstellende Kunst kann unter Umständen nützlich sein. Aber ich geben Ihnen Recht: grundsätzlich kann das Schubladendenken der Kunst nur schaden. Es ist dann wiederum die Praxis, die eine völlige Offenheit unmöglich macht, da es ja unumgänglich ist Kunst auch zu bewerten und einzupassen, weil ansonsten eine Veröffentlichung und Förderung der Kunst vereitelt würde (die Werksauswahl wäre bereits unmöglich). Leider führt nicht einmal ein Weg daran vorbei, die Kunst in Währungseinheiten zu konvertieren, was sicherlich die schlimmste aller Einordnungen ist (aber für Verkauf, Versicherung, etc. unumgänglich).

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  20. fk schreibt:

    „Jede Einordnung der Kunst ist Kunstunverständnis.“

    demnach zeugt dann jede formulierung einer kunsttheorie von kunstunverständnis?
    steile these.

    mfg
    fk

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  21. Pingback: The Tired Business-Man‘s Show und der Bruch des Sinnzusammenhangs « AISTHESIS

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