Versprechen, Fotze und Verwertung

Die Mieten in Berlin sind seit 2011 durchschnittlich um 49 Prozent gestiegen, schrieb die Berliner Zeitung am 13. Oktober. Auch Wohneigentum ist mit durchschnittlich 3.200 Euro pro Quadratmeter „so teuer wie noch nie“. Das ist nun nichts wirklich Neues, aber das Jahr 2011 ist als Bezugsdatum interessant, weil damals in Berlin Landtagswahlen stattfanden. Man müsste sich einmal die Mühe machen und die Wahlversprechen der Politiker seinerzeit hervorkramen. Man kann davon ausgehen, dass alle einen Fokus auf bezahlbare Mieten, wie man sagt, gelegt haben.

Die reale Entwicklung ist die eines ungebremsten neoliberalen Kapitalismus.

042Derzeit treffen sich in Berlin SPD, Grüne und Linkspartei zu Koalitionsgesprächen. Wären diese Leute keine neoliberalen Büttel, sondern ernstzunehmende Politiker – also Leute, die sich um die Belang der Polis kümmern – stellten sie jetzt den Anspruch an sich selbst, bis zur nächsten Wahl 2021 die Mieten auf das Niveau von 2011 zu senken. Dann hätte man ein immer noch zu hohes Niveau, aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Stattdessen werden diese Leute irgendwelche Absichtserklärungen formulieren, danach ein Glas Sekt trinken und sich um die paar kümmerlichen Möglichkeiten kümmern, die ihnen in ihrem bürokratischen Apparat bar jeder Vision und Intellektualität geblieben sind. Vielleicht kann man ja im Innensenat das Binnen-I einführen, dem Frank Henkel sicher kritisch gegenüberstand.

Es steht außer Frage, dass in fünf Jahren die Berliner Zeitung nicht etwa über eine Mietsenkung berichten wird, sondern über weitere massive Steigerungen. Vermutlich glauben nicht einmal die merkwürdigen Wähler der genannten Parteien daran, dass sie vom Spitzenpersonal nicht veräppelt werden.

Die oben genannten Zahlen hat übrigens die börsennotierte TAG Immobilien AG ermittelt. Die freuen sich naturgemäß und reden von „attraktiven Renditen“. Vor ein paar Jahren hat der Bund noch mehr als 11.000 Wohnungen an die TAG verkauft. Die Mieten sind seitdem massiv gestiegen, wie Report berichtete.

Man kann sich in diesem Zusammenhang auch fragen, ob sich die politische Klasse nicht diebisch über den Erfolg von Pegida, AfD und Co. freut. Er lenkt zumindest von den eigenen Aktivitäten ab. Soziale Strukturen zu zerstören und sie der Kapitalverwertung zuzuführen – das Hauptanliegen der politischen Akteure – geht einfacher, wenn man sich mit der Kritik daran nicht auseinandersetzen muss und statt dessen wochenlang empört darüber diskutieren kann, dass in Dresden ein paar Leute „Fotze“ gesagt haben, als Frau Merkel in der Nähe war.

Wäre ich Veschwörungstheoretiker, ich würde diese neuen rechtsradikalen Volksgenossen als BND- und CIA-finanziert betrachten. Leichter kann man es dem Kapital nicht machen.

(Foto: genova 2016)

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5 Antworten zu Versprechen, Fotze und Verwertung

  1. dame.von.welt schreibt:

    o.T.
    … dass in Dresden ein paar Leute „Fotze“ gesagt haben …

    Die F-Fotze kommt von lat. Facies aka Gesicht und ist ein bairisches Wort für eine Ohrfeige mit wahrscheinlicher Gehirnerschütterung, mit Unterschieden zur Watschn und zur Schelln. Detailliert erklärt Ihnen das Hannes Ringelstetter: Die Dreifaltigkeit der dörflichen Züchtigung.
    In Dresden wollte man sich bestimmt mit Vogel-V verstanden wissen…;-)…

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für den Hinweis. Ich dachte bislang, dass mehrere Rechtschreibungen für so ein nur halb offizielles Wort gibt, die Semantik aber immer die gleiche ist.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Bin aus Bayern und weiß daher, dass der Begriff zweierlei bedeutet: Einmal im Sinne von „die Matz“/“die Schlampen“, nur eben noch ordinärer als weibliches Geschlechtsteil und „die Fotzen“ als Ohrfeige.Kommt halt immer auf den Kontext an? „Magst a Fotzen?“ bedeutet: Willst du eine Ohrfeige. „Die blöde Fotzen“heißtz eben: „Die blöde Schlampe“.

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  4. genova68 schreibt:

    Mein Gott, es existieren doch bedeutende kulturelle Unterschiede in Deutschland. „Magst a Fotzen“ wäre in Berlin eine ziemlich eindeutige Frage, die wohl nur ein Zuhälter einem potenziellen Freier stellen könnte. Man müsste nur das „Magst“ durch „Möchtest du“ oder „Hast du Bock auf“ ersetzen.

    Interessant aber immer wieder, wie Artikel hier im Blog gelesen werden. Das aufmerksamkeitsökonomisch Interessante ist offenbar der F- bzw. V-Ausdruck.

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  5. Jakobiner schreibt:

    Ist das denn so verwunderlich. Der gesamte US-Wahlkampf redet inzwischen auch mehr über Trump „pussy“/Fotzen Bemerkungen als sonst noch was. Wobeii beide Seiten jetzt geschändete Pussy-Vertreterinnen bis zu einer Pornodarstellerin ala Gina Lisa (Nein heißt Nein) als Kronzeuginen aufbieten.

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