Ungers jenseits von Schelte

Der in diesem Blog vielgescholtene Architekt Oswald Mathias Ungers hat in seiner Frühzeit und vereinzelt auch später interessante Sachen gebaut, das soll nicht verschwiegen werden. Ein Beispiel dafür ist dieses Pumpwerk in Berlin-Moabit von 1987:

Er baute unverkennbar mit seinem Markenzeichen, dem Quadrat, aber man hat den Eindruck, das geschah hier nicht als Fetisch, nicht als Zwang, sondern als eine überzeugende konstruktive Idee. Das Quadrat ist nichts angepapptes, nichts appliziertes, sondern es ist eine Grundform und insofern vor allem als Kubus gegeben. Es sind überhaupt eher Kuben, die den Bau bestimmen. Dazu kommt das Dreieck, der Kegel fehlt, das wäre Ungers dann doch zu rund gewesen. Die Vorgabe, vier hohe Schornsteine zu errichten, machte es einfach, das typologisch anzugehen: mit eine Quadrat eben, aber warum sollte ein Schornstein unbedingt rund sein?

Der Kasten erinnert an eine Kirche mit vier Türmen, irgendwas romanisches, oder auch an eine mittelalterliche Festungs- oder Burganlage. Fensteröffnungen sind kaum vorhanden. Man hat also verschiedene Kuben, die geregelt und ordentlich, für Ungers aber fast schon chaotisch, zumindest ungewohnt dynamisch zusammengesetzt wurden. Daraus ergeben sich verschiedene Schattierungen und Helligkeitsstufen auf den Klinkerwänden und eine Plastizität, die ans Neue Bauen aus den 1920ern denken lässt.

So angenehm kann man also ein Pumpwerk bauen, mit Bezügen zu Bedeutenderem, was wiederum eine Anmaßung des Betrachters ist, denn ohne das Pumpwerk hätte Moabit kein Wasser. So gesehen ist das Gebäude wichtiger, als es eine Kirche je sein könnte.

Vielleicht kam Ungers mit diesem Bau seiner Vision eines „Hauses ohne Eigenschaften“ näher als mit jedem anderen seiner Bauten.

Für die allermeisten anderen Bauten gilt das, was der Architekturkritiker Hanno Rauterberg schon vor 12 Jahren in der Zeit schrieb:

So erweist sich gerade das Streben nach Zeitlosigkeit als hochgradig zeitbedingt, als eine Abstoßungsreaktion des vergangenen Krisenjahrhunderts. Ungers wollte Schluss machen mit allen Ideologien, er glaubte an die transzendierende Macht der Abstraktion. Und wurde doch selbst zum verbissenen Prinzipienwächter. Was Ausdruck der Vernunft sein sollte, endete im Zwang.

Er selbst sieht es anders, er lebt in, mit und durch den Zwang und begreift ihn als Befreiung von allen irdischen Lasten. Unweit seines Fuchsbaus hat er sich eine solche Freiheit gebaut, einen Alterssitz für seine Frau und sich. Weiß, glatt, makellos, eine so radikal reduzierte Kiste, dass man nicht mehr weiß, was Fenster ist oder was Tür. Innen wieder Bücher über Bücher, ein paar Sofas, systemgerecht im Ungers-Raster. Und selbst die Küche ist rein-geometrisch, da wirkt das Erdbeerschälchen neben der Spüle fast wie ein Sakrileg. Diese Architektur ist nicht dafür gemacht, belebt und beschmutzt zu werden. Der Mensch stört ihre Vollkommenheit, sie hat ihre eigene Wahrheit.

Womit Ungers in diesem Blog doch wiederum gescholten wurde.

(Fotos: genova 2016)

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