Die Bindermichlkirche in Linz

Die Bindermichlkirche in Linz: Ab 1954 gebaut, und zwar von Friedrich Reischl (1911-1990), der seit der Gründung der Hermann-Göring-Werke in Linz im dortigen Baubüro beschäftigt war. Man stößt in dieser Region öfter auf nazibelastete Architekten, die nach dem Krieg gute Sachen gebaut haben.

Die Bindermichlkirche – benannt nach dem Stadtteil, in dem sie steht – ist eine Stahlbetonkonstruktion mit parabolischem Grundriss. Alleine das macht ihr Inneres interessant, weil es ein eigenes, weiches Raumgefühl erzeugt. Dazu kommt das direkt unter der Decke angebrachte Band aus buntem Fensterglas, das eine weiche und warme Atmosphäre erzeugt. Die Szenerie erinnert ein wenig an die Antoniuskirche in Basel. Christliche Lehre mit LSD-Farben ergibt sicher individuell gute Glaubenserfahrungen.

Bemerkenswert ist noch der frappierende Unterschied zwischen Außen und Innen. Bewegt man sich auf der zentralen Straße der Gegend (ein von den Nazis erbautes Stadtviertel) auf die Frontseite der Kirche zu, nimmt man ein eher kühles Gebäude war, mit einem starren, rechtwinkligen Turm, der zwar verglast ist, aber wegen der dunklen Glasanmutung keinerlei Transparenz vermittelt, sondern eher Autorität oder eine Erinnerung an big brother ist watching you. Die parabolische Form nimmt man von vorne ebenso kaum wahr, da der Eingangsbereich von zwei stämmigen, fensterlosen und sehr massiven Kuben, die aus einzelnen verputzten Betonplatten bestehen flankiert wird. Der Eindruck ist kein abweisender, aber auch kein einladender, eher ein autortitärer, der vor allem vom zentralen Standort her seine Aufmerksamkeit gewinnt.

Um so verblüffender das Gefühl, wenn man die Eingangstür öffnet. Die Farben innen sind komplett andere als außen, und die verwendeten Materialien verstärken das Gefühl eines warmen und verzeihenden Raumes, in dem man sich gerne aufhält. Die Wandverkleidung besteht aus kanneliertem Putz, was man in einer Kirche praktisch nie sieht, und einer Kassettendecke mit dem Charme eines Großraumbüros. Hier aber ist es ein schönes Gestaltungsmittel, vielleicht, weil man genau weiß, dass man sich nicht in einem Großraumbüro befindet. Man atmet auch den Geist der 1950er, wo die Mittel begrenzt waren und man noch begeistert einen neuen Baustoff und neue Gestaltungsmittel in die Praxis setzte. Das weiche, glasierte Holz der Kirchenbänke passt zum weichen Charakter.

Zu den Farben und dem offenen und zugleich Geborgenheit vermittelnden Raumgefühl passt die Anordnung des Mobiliars. Die Gläubigen, wie man sagt, sitzen sich gegenüber und hegen den Pfarrer ein. Es entsteht so in der Messe vermutlich eine Atmosphäre der Präsenz, man tut sich schwer, einzunicken, man beobachtet und wird beobachtet, und dazu ist die Sonntagsmesse schließlich da. Die Orgel brettert ungehemmt und laut, nicht irgendwo abseitig versteckt, sondern zentral aufgestellt. Auf des Pfarrers Kopf fällt Gottes Segen aus dem Oberlicht, was schon etwas comichaftes hat. Die Säulen sind unverkleidet, ohne Basis und Kapitell.

Die Kirche bietet eine kleine Welt, die bunt und entspannt, sanft und freundlich und dennoch konzentriert sich präsentiert.

(Fotos: genova 2019)

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