Basel zwei und ein Wort zum Sonntag

Hin und wieder bin ich beim Betrachten von Architektur noch ganz authentisch erstaunt, jenseits aller Berechnung, Erfahrung, Erwartung und Informiertheit. Jüngst geschah das in der Antoniuskirche in Basel.

Die Kirche ist 1925 von dem Schweizer Architekten Karl Moser komplett aus Sichtbeton erbaut worden und genügt sich, von außen klassisch funktionalistisch oder gar strukturalistisch, mit Tonnengewölbe und Pfeilern in ihrer Form. Ungewohnt in einer Kirche: Pfeiler, keine Säulen. Genauer gesagt ist die Form nur die Basis – also in der Tat das Fundament -, denn den wesentlichen Effekt des Raumgefühls und der Atmosphäre erzeugen die bunten Glasfenster. Sie zeigen nur teilweise Szenen aus der Bibel und beeindrucken vielmehr einfach durch ihre kräftigen Farben, die – zumindest bei Sonnenschein – ungemein nachdrücklich ins Kircheninnere geworfen werden. ( Die hier gezeigten Fotos sind nicht nachkoloriert.) Rot, grün, blau, gelb und alle Mischungen werfen in ihrer Reinheit Beläge auf Wände, Böden, Bänke, Statuen und Besucher. Sogar der Beichtstuhl ist psychedelisch eingefärbt. Alte Frauen sitzen still ins Gebet versunken und strahlen warm. Eigentlich strahlen die Frauen nicht, sondern sind Farbe, sie sind weich.

Farbe, die man als moderne Interpretation des Bilderverbots sehen könnte. Glaube als innere, bunte Dimension, ohne vorgefertigte Geschichten.

Man könnte meinen, Moser hat die Erfindung von LSD vorweggenommen und den adäquaten Raum dafür geschaffen. Wobei auch schon Cannabis gute Dienste leisten dürfte in dieser Kirche. Vielleicht reicht der Pfarrer seiner Herde zur Messe einen fetten Kollektivjoint. Oder man glaubt einfach an die Droge Gott.

Es wäre interessant zu wissen, mit welchem Konzept die Farben der Fenster zusammengestellt wurden. Softwaregeneriert war es jedenfalls noch nicht. Farbe als architektonisches Gestaltungsinstrument. Wenn man Sichtbeton nicht massiv gestalterisch einsetzt, wie das beispielsweise Gottfried Böhm in Neviges gemacht hat, sondern im Wesentlichen konstruktiv, also die Statik in ihrer Notwendigkeit betont, dann kann man die kostenlos scheinende Sonne die Arbeit machen lassen. In den 1920er Jahren wurde da einiges geleistet, man denke an Bruno Taut. Farbe als Wandanstrich oder als virtuelle Raumfüllung, vom seinerzeit aktuellen Expressionismus beeinflusst, hat man vielfach eingesetzt, vor allem im Wohnungsbau.

Es scheint, denke ich mir gerade, dass der Einsatz der Polychromie in der Architektur in dem Maß abnahm, wie rechte Strukturen in der Weimarer Republik sich festigten. Die nationalsozialistische Architektur, in der Farbigkeit nicht denkbar war, setzte ja schon lange vor 1933 ein. Farbe galt dann als „zersetzend“. So viele Vorboten.

Zurück zu Antonius: Am Besuchstag herrschten, wie man sagt, Temperaturen jenseits der 30 Grad. In der Kirche war es, dank des netten oberrheinischen Klimas, ungefähr genauso warm, und das passte zur warmfarbigen Atmosphäre. Kirche nicht als etwas Kaltes, Düsteres, Glaube nicht als etwas Prüfendes, sondern Tiefe in wohliger, farbiger Wärme ohne Zeigefinger. Man sitzt in der Bank, es ist warm, intensiv bunt, und freut sich auf Gott oder die Hostie. Architektur als körperliche Erfahrung. Es fehlt leider der Weihrauch.

Diese Kirche ist auch erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Moser bei diesem Auftrag schon 65 Jahre alt war  und vorher ganz andere Sachen gemacht hatte, vor allem historistische Kirchen. Jemand, der sich im Alter noch komplett umorientieren kann. Miles Davis.

(o.T. 264 habe ich übrigens auch in der Antoniuskirche aufgenommen. Daher der Glanz.)

Und Basel ansonsten?

Der gleiche Eindruck wie beim letzten Mal. Sauber, adrett, solide. Das St.-Johann-Quartier, in dem die Antoniuskirche liegt, ist ein sozialer Brennpunkt, lese ich bei wikipedia. Ich lach mich schlapp: Mir fiel eher das Gegenteil auf und dachte bei den Migranten, die ich dort sah: Die ziehen hier in solch ein schickes Viertel, da scheint Integration gut zu funktionieren.

Man ist nach vielen Jahren Berlin anderes gewohnt. Die Normalität des Abgewrackten ist – abgesehen von der Tourimeile Potsdamer Platz, Holocaust, Brandenburger Tor, Hackescher Markt –  eine völlige Selbstverständlichkeit. Bürgersteige, die seit Jahrzehnten von Wurzelwerk gesprengt sind, vergammelte Fassaden, wucherndes Unkraut, übervolle Mülleimer: Das Abgefuckte, das neoliberaler Haltung entspringt, ist hier die schleichende Normalität. Ein Schweizer, der früher hier im Blog öfter kommentierte und leider verschwunden ist, sagte mir einmal: „Wir pflegen halt unser Zeug.“

In Basel jedenfalls umfassende Gepflegtheit. Selbst die Bürgersteige sind geteert, mit sehr dunklem Teer, makellos und ohne jede Unebenheit. Man könnte auf ihnen ohne Teller essen. Vermutlich wird nach punktuellen Bauarbeiten der komplette Bürgersteigabschnitt bis zur nächsten Straßenecke jedesmal neu geteert. Oder die Basler bauarbeiten organisierter als die Berliner.

Auf dem Bürgersteig zu essen hätte den Vorteil, den skurrilen Preisen der Gastronomie zu begegnen. Man zahlt 25 Franken für zwei mittägliche solide Bratwürste mit Beilage und Getränk. Und der Kellner rechnet beim Bezahlen mit Euro souverän eins zu eins in Franken um.

Autofahrer warten am Zebrastreifen nicht nur sehr geduldig, sondern mit einem riesigen Sicherheitsabstand. Hier ist nicht nur die Sprache langsam. Die Straßenbahn trödelt, die Radfahrer halten sich an unausgesprochene Tempolimits, die Langsamkeit entspricht dem Klischee.

Die innerstädtische Architektur erinnert bei den Sachen ab etwa 1920 mehr ans Tessin und Italien als an Deutschland. Das liegt, meine ich erkannt zu haben, vor allem an den Fensterlaibungen und den farbigen (gelben und dunkelgrünen) Markisen vor den Fenstern. Es ist interessant, wie undurchlässig die Grenze zu Deutschland in ästhetischer Hinsicht ist. Kaum Spuren von Freiburg oder Lörrach, dafür viele von Locarno oder Mailand. Gut möglich aber, dass ein Mailänder das anders sieht.

Bei der vormodernen Architektur sieht es schon eher süddeutsch oder alemannisch aus. In der Altstadt alles top gepflegt.

Sehr angenehm: Viel weniger Bäume als in Berlin. Man sieht Stadt, keine Pappeln und Kastanien. Pappeln und Kastanien sind zu nicht geringem Teil auch für die Abgefucktheit Berlins verantwortlich. Sie sprengen Granit, Beton, alles. Man müsste sie wenigstens regelmäßig und radikal stutzen.

Man traut seinen Augen nicht: Im Rhein, hier noch ganz grün, schwimmen hunderte Menschen, lassen sich den Fluss hinuntertreiben und gehen nach ein paar Kilometern an Land. Vielleicht fahren sie dann in der Badehose mit dem ÖPNV zurück. Auch das ist hier sicher gut organisiert.

Andererseits: Schon nach ein paar Stunden habe ich das Gefühl gepflegter Langeweile. Alles nett, alles clean, schöne Ausblicke, schöner Rhein. Aber hier leben? Nein, danke.

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3 Antworten zu Basel zwei und ein Wort zum Sonntag

  1. dame.von.welt schreibt:

    >Man traut seinen Augen nicht: Im Rhein, hier noch ganz grün, schwimmen hunderte Menschen, lassen sich den Fluss hinuntertreiben und gehen nach ein paar Kilometern an Land. Vielleicht fahren sie dann in der Badehose mit dem ÖPNV zurück. Auch das ist hier sicher gut organisiert. http://www.tiloahmels.ch/wickelfisch.php dabei, darin ist Kleidung, Hausschlüssel, Busgeld und was sonst noch so alles gebraucht wird. Wichtig ist, nur auf der Kleinbaseler Seite zu schwimmen, erst hinter der Schwarzwaldbrücke rein- und ein Stück vor der Drei-Rosen-Brücke wieder rauszuklettern – macht Riesenspaß, definitiv eine der aufregenderen Seiten von Basel…;-)…

    Vielen Dank für den schönen Kirchenbeschreibungsblog, bei Beyerle gäb’s übrigens Marlene Dumas-> http://www.fondationbeyeler.ch/dumas

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  2. dame.von.welt schreibt:

    Aus seltsamen Gründen ist der Anfang meines Kommentars verschwunden, ab Zitat: Die Baseler haben einen Wickelfisch …

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  3. genova68 schreibt:

    Ah, vielen Dank für die Erklärung mit dem Schwimmen. Die Leute im Wasser hatten tatsächlich so einen Sack dabei, ich habe ihn als Schwimmhilfe interpretiert, damit man nicht untergeht. Dumas bei Beyerle, ja, hätte mich interessiert. Ich gebe aber zu, dass ich seit Jahren bei Stadtbesichtigungen keine Museen mehr besichtige, nur noch solche, die sich mit der Architektur oder der Geschichte der Stadt beschäftigen. Ansonsten habe ich die Situation, dass ich mich bei einer Stadtbesichtigung mit etwas ganz anderem beschäftige.

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