Adorno, das subjektive Klassenbewusstsein und die AfD

Unglaublich aktuell zu lesen: Der im vergangenen Jahr erstmals publizierte Vortrag von Adorno über Aspekte des neuen Rechtsradikalismus aus dem Jahr 1967. Adorno sprach damals vor Wiener Studenten, es ging um die Rolle der stärker werdenden NPD.

Zwei Diagnosen sind interessant.

Die Parallelen zur AfD sind verblüffend. Und manches in der Diagnose war 1967 präziser, weil man – erstens – damals von Marx noch mehr verstand und die kapitalistische Logik ins Problembewustsein mit einschloss:

„Dabei denke ich in erster Linie an die nach wie vor herrschende Konzentrationstendenz des Kapitals“

Das bedeute

„die Möglichkeit der permanenten Deklassierung von Schichten, die ihrem subjektiven Klassenbewusstsein nach durchaus bürgerlich waren … Diese Gruppen tendieren nach wie vor zu einem Hass auf den Sozialismus“.

Hass auf den Sozialismus als Zeichen für Faschismus: Das hört sich heute unerhört an, da der Begriff des Sozialismus gerne von den verteufelt wird, die sich für liberal halten. Die AfD zeichnet sich am konsequentesten dadurch aus, dass sie die Linkspartei für die Verkörperung des Teufels hält und gleichzeitig Sozialdarwinismus predigt. Auch die Affinität der FDP zur AfD lässt sich so erklären. Die FDP steht bekanntlich immer mit einem Bein im Führerhauptquartier.

Zweitens:

Adorno sieht den Nationalismus schon 1967 als massiv eingeschränkt, durch „die Integration in die großen Machtblöcke“ fast als machtlos. Aber es können

„Überzeugungen und Ideologien gerade dann, wenn sie eigentlich durch die objektive Situation nicht mehr recht substantiell sind, ihr Dämonisches, ihr wahrhaft Zerstörerisches annehmen.“

Auf heute übertragen ist die Sehnsucht, den Nationalstaat autark zu machen, noch sinnloser geworden. So wie es objektiv nicht weiterführt, sich über „Ausländer“ und emanzipierte Frauen aufzuregen, egal, was man davon hält. Sie sind da und werden auch weiterhin den Mund aufmachen, ob das dem alten weißen Mann passt oder nicht. Es ließe sich nur durch Auslöschung der betreffenden Gruppen verhindern, was ja in der Tat ein feuchter Traum aller Faschisten ist. Purismus herstellen, indem man alles Nicht-Puristische zum Verschwinden bringt.

Wer diese Auslöschungsvision für übertrieben hält: Adorno betont in seinem Vortrag, dass sich rechte Gruppen offenbar schon immer im Laufe der Zeit radikalisiert haben. Wir kennen das: Die Republikaner, die Schill-Partei, die DVU, alle möglichen Grüppchen, die dann bedeutungslos wurden. Rechtsradikal zu sein bedeutet, irgendeine postulierte Reinheit anzustreben; die des Blutes, des Volkes, der Kultur, der Uniformierung des Individuums. Insofern konnte die AfD vielleicht gar nicht anders, als sich zu extremisieren, sonst wäre das unausgesprochene Versprechen gebrochen. Höcke will ja ganz offen Teile der Bevölkerung ausradieren.

Das Beispiel der NPD zeigt, dass ihr Höhenflug aus den 1960er Jahren nicht fortgesetzt wurde und sie nur in den Nachwendewirren der Ex-DDR reüssieren konnte. Sie wurde dort nun von der AfD abgelöst. Die feierte jüngst Erfolge, aber der bundesweite Zuwachs scheint gestoppt. Und da sie kein einheitliches Programm hat und niemals haben wird, stehen die Chancen nicht so schlecht, dass sich diese Kameraden über kurz oder lang selbst zerlegen werden. Hitler radikalisierte sich und scheiterte, der NPD passierte das gleiche und nun könnte die AfD dran sein.

Die Frage ist nur: Wie viel geht bis dahin kaputt?

Das Scheitern der AfD bedeutete aber nicht, dass die Idee sterben würde. Ob man das nun NPD, DVU oder AfD nennt: Die Wurzeln rechtsradikaler Ideologie liegen anderswo.

P.S. vom 22. März: Ich habe diesen Artikel vor einigen Wochen geschrieben. Die aktuelle Entwicklung könnte mir Recht geben. Der Flügel löst sich formell auf, die Nazis in der Partei bekommen Gegenwind.

Es ist zwanghaft: Faschismus ist genuin todesaffin, deshalb ist Radikalisierung bis zum Tod ein vorgezeichneter Weg, zumindest was den deutschen Faschismus angeht. Der kann nicht anders als vernichten, was man wohl als zentralen Bestandteil dessen bezeichnen kann, was man typisch deutsch nennt.

Es bleibt spannend.

(Foto: genova 2019)

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