Neues von Gott und Teufel

Eine weiterer kleiner Beitrag aus der Rubrik „Neoliberale Gehirnwäsche“:

Florian Gathmann schreibt im Spiegel über den Berliner Immobilienmarkt und beklagt:

Die Preise für Miet- und Kaufimmobilien haben sich in den vergangenen Jahren in der Hauptstadt sprunghaft entwickelt. Der Verweis auf den Immobilienmarkt in anderen deutschen Metropolen wie München, Hamburg oder Frankfurt am Main hilft dabei nur wenig, weil dort ein viel höheres Einkommensniveau herrscht als in Berlin.

Das klingt unter den herrschenden, also katastrophalen intellektuellen Zuständen ganz vernünftig. Aber merke: Selbst wenn das Einkommensniveau in Berlin doppelt und dreifach so hoch wäre wie in München, Hamburg oder Frankfurt, gäbe es keinen vernünftigen Grund, mehr als fünf Euro warm für einen Quadratmeter sanierte Altbauwohnung und acht oder zehn Euro für einen Quadratmeter Neubauwohnung zu zahlen. Warum? Weil es nicht mehr kostet. Diese reale Kostenrechnung aufzumachen, ist allerdings tödlich fürs System.

In den Fällen der aktuellen Mietsteigerungen redet der Adept gerne von „Markt“, der das so wolle. Man könnte das auch Gott nennen oder Teufel. Es muss nur ein affizierender Autoritätsbegriff sein, und der soll eines erreichen: Das Denken aufgeben und gesellschaftliche Sachverhalte als Naturverhältnisse akzeptieren.

Gäbe es einen Markt, wäre das Preisniveau ein anderes, vermutlich knapp über fünf Euro für den Altbau. Ein Immobilienmarkt kann allerdings naturgemäß kaum existieren, da Raum nicht unbegrenzt zur Verfügung steht und der Mensch behausungstechnisch nur in der Urlaubszeit mobil ist. Es existiert eine natürliche Knappheit und eine natürliche Unbeweglichkeit. Menschen siedeln nicht gleichmäßig über die Fläche, sondern geballt, was auch ökologisch Sinn macht. Spätestens unter diesen Voraussetzungen könnte der Mensch sich auf seine rationalen Anlagen besinnen und durch vernünftiges Handeln das grundlegende Bedürfnis des Wohnens gemeinschaftlich regeln. Eine Haltung, die in den 1920er Jahren übrigens gesellschaftlich weit akzeptierter war als heute. Diese Haltung würde auch bedingen, den kapitalistischen Vewertungsgedanken außen vor zu lassen. Damit wäre schließlich nicht mehr die Perversion möglich, von Wohnungen als Rendite-, Kapital- oder Anlageobjekten zu reden.

Man muss sich nur einmal ganz simpel vor Augen führen, dass die reaktionären Kräfte in dieser Gesellschaft behaupten, dass selbst der erreichte Stand der Produktivkräfte nicht in der Lage ist, die Menschen angemessen mit dem Grundbedürfnis Wohnen zu versorgen. Diese Behauptung ist nur möglich, wenn die Behaupter davon ausgehen können, dass das Denken der Masse schon so deformiert ist, dass die Behauptung für die Behaupter folgenlos bleibt. Man hat nicht einmal eine Ahnung, wo sich die Bastille denn befinden könnte.

Es hat etwas Schizophrenes, wenn ausgerechnet in den sogenannten alternativen städtischen Lagen, dort, wo sich die Intellektualität und der Genussmensch zuhause fühlen, die Preise ins Astronomische steigen. Es sind vermutlich die gleichen Leute, die nun mit dem Rausschmiss Andrej Holms d´accord gehen, weil man ja an die Stasiopfer denken müsse.

Dass Holm von den Betonfraktionen der SPD und den Grünen abserviert wurde, ist ein anderer Ausfluss des kaputten Denkens. Holm positionierte sich klar gegen privates Gewinnstreben im Wohnungsbau, da ist die rote Linie überschritten. Die wohnungspolitischen Selbstverständlichkeiten, die Holm formuliert, bringen ihn in einem neoliberalen System ins sogenannte linksextreme Lager. Alleine das spricht Bände. Die Kettenhunde des Kapitals besorgen das Übrige. Wohltuend, dass Holm nach seinem Rücktritt noch einmal betont, dass er Hausbesetzern näher steht als privaten Investoren. Es nutzt allerdings nichts mehr. Mit der Renditelogik, dem langsamen, aber totalen Umschlag der Welt in Ware, scherzt man nicht, und dass gestern der Todestag von Rosa Luxemburg war, passt ins Bild. Damals wie heute zeigt die Reaktion in Form von Politik und Publizistik ihre Fratze, natürlich immer zeitgemäß. Man fuchtelt heute nicht mehr mit einem Gewehrkolben herum.

Was den Vormodernen ihr Gott, dessen Anzweifeln den Tod des Anzweiflers zur Folge haben muss, ist den Neoliberalen die Rendite. Diese Leute können Gott oder wem auch immer danken, dass Holm die fünf Monate bei der Stasi war. Sonst hätten sie etwas anderes konstruieren müssen.

Es ist die völlige Akzeptanz der Ausbeutungslogik, der wir solche Artikel wie den im Spiegel und überhaupt solches Denken wie im Fall Holm zu verdanken haben. Vermutlich merken Gathmänner dieser Welt nicht, welchen Unsinn sie schreiben. Sie sind so sozialisiert. Sie können nicht anders.

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