Architektur und Alltag 11

Gebäude, die auf den zweiten Blick verwirren, können so schlecht nicht sein. Dieses Parkhaus in der Berliner Peripherie ist ein Beispiel dafür. Es ist ein Zwitter (ist der Begriff noch politisch korrekt?) in jeder Hinsicht.

Ich beschreibe zunächst, was ich sehe.

Ein simples Stahlgerüst, das mit – wohl vorgefertigten – Ziegelplatten verkleidet ist. Die Wandöffnungen sind schmale und über die komplette Fassade vertikal gezogen. Die Ecken sind nur deshalb betont, weil dort die Wandöffnungen fehlen. Ein Sockel fehlt ebenso. Das Dach besteht aus einer rein formalen Stahlstruktur, die nicht vorm Wetter schützt. Das Gebäude ist ein schlichter Kasten, sonst nichts. Die vertikal durchgängigen Öffnungen und der fehlende Sockel geben dem Gebäude eine fragile Anmutung: Es scheint, als genüge ein Tritt, um alles in Bewegung und Unordnung zu bringen.

Der erste Blick erfasst also lediglich eine dem Norddeutschen nur zu bekannte Ziegelfassade. Der zweite nimmt wahr, dass hier sämtliche Erwartungen unterlaufen werden: Ein Parkhaus mit Ziegelfassade ist ungewöhnlich, eine Ziegelfassade ohne Sockel ist ungewöhnlich, Wandöffnungen ohne Fenster sind ungewöhnlich, Ziegelfassaden mit Flachdächern sind ungewöhnlich, Flachdächer ohne Dach sind ungewöhnlich, und schließlich ist das Edeka-Emblem ohne Supermarkt ungewöhnlich.

Das Gebäude kaschiert und legt gleichzeitig offen. Es beruhigt den Konservativen mit dunklen Ziegeln und verunsichert ihn in allen Details.

Es scheint, als habe der Architekt in eine Art Schuhkartondeckel ein paar Öffnungen geschnitten und ihn auf zwei Parkhausetagen gesetzt. Die Fassade hat mit dem Inhalt nichts zu tun und gleichzeitig doch wieder alles. Die Ziegelfassade suggeriert die übliche dumme, spießige, preußische, lächerliche Berliner Architektur, der Rest unterläuft genau das. Ein Parkhaus als Betonklotz ist heute wohl kaum noch durchsetzbar. Der Architekt schlug eine Ziegelfassade vor und desavouierte alle Vorstellungen davon.

Man müsste die Werbetafeln und Hinweisschilder auf dem Gebäude abmontieren, die Wirkung wäre noch größer.

(Foto: genova 2020)

Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Berlin abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Architektur und Alltag 11

  1. eimaeckel schreibt:

    Schön, dass du auch mal ein zeitgenössisches Bauwerk als gelungen oder zumindest als interessant gelten lässt.

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Ich finde viele zeitgenössische Bauwerke gelungen, auch wenn ich das hier selten in einem Beitrag präsentiere. Das liegt wohl daran, dass die gelungenen aktuellen Sachen in Fachzeitschriften präsentiert werden. Die Häuser von Arno Brandlhuber beispielsweise (unter anderem das Terassenhaus im Wedding), oder das Baugruppenhaus R50 in Kreuzberg von Jesko Fezer und vieles andere. Da diese Sachen aber schon mannigfach besprochen wurden, zumindest eben in Fachkreisen, fällt mir meist nichts neues dazu ein.

    Das Parkhaus oben ist vor allem ein potemkinsches Dorf, eher als Kunst interessant.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.