Robert Pfaller: Von Verboten und Regression

„Lächerlich und bedenklich finde ich nur die in manchen westlichen Ländern bereist beobachtbare Tendenz, das Zigarettenrauchen zu verbieten und das Haschischrauchen zu erlauben.“

Schreibt der mir eigentlich genehme Wiener Philosoph Robert Pfaller in Kurze Sätze über ein gutes Leben, 2015. Diese Analyse hat das Niveau eines Online-Stammtischs. Niemand will das Rauchen verbieten. Und wenn Joints legal werden, dann sicherlich nicht im Restaurant oder in der Kita. Es ist diese typische Manier, sich zum Opfer zu machen. Analog fühlen sich deutsche Rechtsradikale heute „wie die Juden damals.“ Mich wundert, dass einem Geistesarbeiter sowas passiert.

Allerdings habe ich bei der Lektüre des Büchleins öfter das Gefühl, dass Pfaller sein Pulver verschossen hat. Es geht immer wieder um Rauchverbote, wobei die in Österreich doch kaum zur Geltung kommen. Und Pfallers Dauereinwand, das Rauchen sei im 19. Jahrhundert doch etwas Mondänes gewesen, Zeichen von Geselligkeit, „von der bürgerlichen Revolution“ wurde das Rauchen im Kaffeehaus erkämpft, und so weiter, dann sollte er zur Kenntnis nehmen, dass es damals wahrscheinlich noch keine suchtfördernden Zusatzstoffe im Tabak gab und das Bewusstsein einer sinnlosen Sucht noch nicht Teil des gesellschaftlichen Kanons war. Rauchen muss nicht für alle Zeit den Status des Mondänen haben. Zustimmen würde ich ihm eher allgemein, dass neoliberale Politik ohne mit der Wimper zu zucken, Millionen enteignet und sie dem Kapital zum Fraß vorwirft, andererseits „uns“ dem Alkohol entziehen will und sich rührend um „unsere“ Fitness kümmert. Es ist die Perfektion des neoliberalen und neofaschistischen Menschen, den Pfaller hier moniert.

Pfaller kritisiert zwar richtigerweise den Neoliberalismus, der öffentliche Plätze zu Shopping Malls degradiert, Bologna-Universitäten, wo es vornehmlich um Anwesenheitsquoten geht, und törichte Auseinandersetzungen um das Binnen-I. Dauerwarnende Autos und den Wahn um gesundes Essen könnte man auch auffühhren. Das ist natürlich eine gewisse Form von Entmündigung. Andererseits legen diverse Rezensionen seines neuesten Buches (Erwachsenensprache, 2017) nahe, dass Pfaller das Kind mit dem Bade ausschüttet. Einerseits moniert er auch hier die üblichen neoliberalen Verfahren (Vermögensungleichheit, Niedriglohn, Renten- und Krankenkassenleistungen, Agenda-Politik usw.), aber er bringt es direkt mit einer angeblich problematischen linken emanzipatorischen Politik zusammen. Genderpolitik, Ehe für alle, Toiletten fürs dritte Geschlecht, alles töricht, solange es Hartz IV gibt.

Sollen Schwule nicht heiraten dürfen, solange es immer noch Hartz IV-Empfänger gibt?

fragt der Autor der FAZ-Rezension, Gerald Wagner.

Pfaller will nicht „mit den Kämpfen der Diversität beginnen“ denn so komme man nicht zur Gleichheit. Man müsse stattdessen „mit der Gleichheit“ anfangen und dann „bleibt auch von den Problemen der Diversität nichts mehr übrig“. Eine Politik für Minderheiten ist demnach überflüssig, wenn eine zuvor praktizierte Politik für Gleichheit die Menschen, die Probleme mit Diversität haben, zu solchen macht, die damit keine Probleme haben.

Das sieht Dietmar Dath vielleicht genauso, wenn er in der FAZ (23.5.), sich auf die Schriftstellerin Barbara Kirchner beziehend, schreibt:

Besitzverhältnisse wie der Feudalismus oder der Kapitalismus sind wie Dreck, in dem soziale Krankheiten gedeihen, etwa Sexismus und Rassismus. Wer die Krankheiten isoliert behandelt, hat den Dreck nicht beseitigt und muss damit leben, dass sie jederzeit wiederkommen können; und wer umgekehrt nur den Dreck wegputzt, hat die Krankheiten nicht besiegt.

Gegen Pfallers These spricht, dass die aktuellen Rechten von AfD über Compact bis zur Identitären Bewegung samt ihres millionenstarken – virtuellen – Fußvolkes nur zum Teil wirtschaftlich Abgehängte sind. Dass die sich mit monatlich ein paar Hunderten in der Tasche mehr zu liberalen Menschen entwickeln, ist eine schöne Idee. Man könnte das auch mit Rückkehr nach Reims von Didier Eribon zusammenlesen, der feststellte, dass die Arbeiterklasse in weiten Teilen schon immer gegen das Fremde, das Andere eingestellt war, auch bevor sie begann, Front National zu wählen. Und das erste Auto und das eigene Reihenhaus änderten daran wenig. Wobei sie auch mit dem Reihenhaus zu den kapitalistisch Unterjochten gehören. Pfaller kann sich ganz gut auf Marx berufen. Und natürlich ist der Kapitalismus scheiße und immer schuld.

Dennoch: Das eine muss nicht gegen das andere ausgespielt werden. Pfaller übergeht diesen Einwand, indem er darauf hinweist,

dass genau jene Politik, die die Einzelnen mit Verboten und lächerlichen, bevormundenden Hinweisen schikaniert, eben ihre Fürsorgepflicht vernachlässig, indem sie den großen Konzernen zunehmend freies Spiel lässt.

Es gibt nicht „die Politik“, und es ist durchaus möglich, dass diese Kaste ein paar Sachen richtig macht und das Große eben falsch.

Dazu kommen diverse Bemerkungen, die dann doch zu simpel sind. Beispielsweise kritisiert Pfaller das Glühbirnenverbot, die Gurkenkrümmungsrichtlinie und ähnliches. Da ist er wieder, der Stammtisch, der  rechte.

Das Prinzip muss lauten: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“.

schreibt Pfaller in den kurzen Sätzen. Ja, aber auch in Hütten wohnen Schwulenhasser und Antisemiten. Die Idee von der freien Gesellschaft freier Individuen, die ihren Bedürfnissen nach leben und arbeiten, also Kommunismus oder so, sollte natürlich weiterhin angestrebt werden. Und wenn Schwule schon vor dem Paradies, also noch in der neoliberalen Gesellschaft, heiraten dürfen und ihr kapitalismusverseuchtes Leben dadurch ein klein wenig auffrischen können: Was sollte man dagegen haben?

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2 Antworten zu Robert Pfaller: Von Verboten und Regression

  1. Leo Brux schreibt:

    Ich bin grade dabei, deine letzten Artikel alle zu lesen – dieser hier ist hervorragend. Vielleicht hat ihn darum noch niemand kommentiert.

    Es wäre gut, wenn die Autoren bzw. Verlage bei der zweiten Auflage eines Buches kompetente kritische Kommentare wie den deinen als Anhang hinzufügen würden. Und der Autor dann darauf antwortet. – Bücher wollen und sollen Dialog und Debatte sein.

    Ich nehme an, Pfaller hätte Schwierigkeiten, sich gegen deine Kritik plausibel zu verteidigen. Ich bin am Überlegen, was er denn gegen deine Einwände vorbringen könnte – es fällt mir im Moment nichts ein.

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  2. genova68 schreibt:

    Vielleicht hat Pfaller ja einen Blog, da könnte man sich mit ihm unterhalten.

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