Fachwerk und Faschismus (1) – Linke Eröffnung

Frankfurt hat eine neue Altstadt. Etwa 15 komplett rekonstruierte und rund 20 ans Alte angelehnte Gebäude sind auf der Fläche des ehemaligen Technischen Rathauses in Frankfurts Mitte entstanden. Das habe ich hier schon beschrieben. Eine neue Altstadt: Alleine diese in sich absurde Tatsachenbehauptung führte zu Diskussionen in diversen Medien.

Der Streit ist aufschlussreich, weil es hier um mehr als um Architektur geht. Es geht um Weichenstellungen für die künftige Nutzung von Stadt, es geht um Geschichte, es geht um Ideologie. Architektur als genuin politisches Betätigungsfeld, das alle angeht, weil alle mit Stadt zu tun haben. Es geht um die Repräsentation von Gesellschaft via Gebautem. Wobei man diese politischen Implikationen anhand der Frankfurter Altstadt, des Berliner Schlosses oder des Dresdner Neumarkts festmachen kann, genauso gut aber in jedem popeligen Neubaugebiet der Nation. Als Protagonisten haben wir auf der einen Seite linke Theoretiker und Praktiker, auf der anderen Seite konservative, neoliberale und rechtsradikale Anhänger der Stadtklitterung. Diese Anhänger kommen aus unterschiedlichen Milieus und sie haben unterschiedliche Interessen. Das Ergebnis ist das immergleiche.

Ich möchte im Folgenden die einzelnen Positionen aufdröseln.

Kritik von links

Den Anfang machte die FAZ mit einem Artikel des Architekturtheoretikers Stephan Trüby (8. April), in der er die neue historische Altstadt von Frankfurt am Main als rechtes und auch rechtsextremes Projekt kritisiert. Die Kritik aus der rechten Ecke ließ nicht lange auf sich warten. Am 24. April antwortete der Architekturkritiker Dankwart Gurtatzsch in der Welt (ebenfalls Druckausgabe). Beide Artikel gibt es hinter einer Bezahlschranke, wie man heute sagt, auch online zu lesen. Mittlerweile haben sich noch mehr deutsche Medien zu dem Thema geäußert.

Die Initiation des Wiederaufbaus der Altstadt kam allen Ernstes von Rechtsradikalen. Trübys Argumentation geht daher so: Es gehe, schreibt er unter der Überschrift „Wir haben das Haus am rechten Fleck“ hier um

die Initiative eines Rechtsradikalen mit Verbindungen ins extremistische Milieu zum Neubau eines zentralen Stadtteils der wichtigsten kontinentaleuropäischen Finanzmetropole. Claus Wolfschlag, ein 1966 geborener Autor der Neuen Rechten, der seine ersten Aufsätze Ende der achtziger Jahre in der NPD-nahen Zeitschrift „Europa“ veröffentlichte und seitdem in stramm rechten Blättern wie der „Jungen Freiheit“, den „Burschenschaftlichen Blättern“, der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“ oder auch in Götz Kubitscheks rechtsradikaler „Sezession“ publiziert; dieser Claus Wolfschlag, der offen antisemitische Publikationen wie „Zur Zeit“ und nationalrevolutionär bis rechtsextrem orientierte Zeitschriften wie „Wir selbst“ oder „Volkslust“ mit Beiträgen beliefert, hat im September 2005 als Fraktionsmitarbeiter jenen Antrag Nummer 1988 der „Freien Wähler BFF (Bürgerbündnis für Frankfurt)“ formuliert und dem Stadtverordneten Wolfgang Hübner überreicht, in dessen Folge 2006 der BFF-nahe Verein „Pro Altstadt e.V.“ gegründet

wurde. Der Stadtverordnete Hübner war Mitglied der AfD, ist bekennender Höcke-Fan und schreibt für den rechtsextremen Blog pi-news. Mit Wolfschlag und Hübner haben sich also Brüder im Geiste gefunden.

Trüby zitiert weitere Anmerkungen des Kameraden Wolfschlag aus rechtsextremen Publikationen zur Architektur. So glaubt er,

die in der NS-Zeit fertiggestellte Ordensburg Vogelsang von Clemens Klotz können als Anregungen dienen, wie eine sorgfältig plazierte, nicht antikisierende Monumentalität aussehen kann.

Man soll monumental bauen, aber nicht antikisierend. Es ist das alte Thema der Nazi-Architektur und des Nazi-Städtebaus. Germania war exakt aus dieser Haltung heraus geplant.

Und, so Trüby weiter:

Unter dem Titel „Rekonstruktion. Zur Wiedergewinnung architektonischer Identität“ ruft Wolfschlag zum Ende des „Schuldkultes“ mit Hilfe einer „Wiedergewinnung des historischen Bauerbes“ auf.

Was ist denn gemeint, wenn ein Rechtsradikaler „architektonische Identität“ fordert? Ein neues Germania will man vorerst nicht, also müssen die rekonstruierten Puppenstuben herhalten.

Es klingt hier auch die Forderung Bernd Höckes nach einer „erinnerungspolitischen Wende“ an. Das mit den Juden war entweder nicht so tragisch oder es ist gar nicht passiert, egal: Das haben wir jetzt jedenfalls aufgearbeitet. Jetzt geht es darum, das alte, das echte Deutschland wiederherzustellen. Das Berliner Schloss ist Teil dieser Logik, denn neben den ehrbaren Kaufleuten, die die Altstadt bevölkern, braucht es einen monarchistischen Herrscher, der sagt, wo es lang geht. Und der von rechten Kreisen angestrebte Wiederaufbau der Garnisonskirche in Potsdam vollendet den Dreiklang: Christen mit Nazis und Militaristen treu vereint. Nicht zufällig mischen hier Leugner der deutschen Kriegsschuld intensiv mit, wie Trüby in dem FAZ-Artikel ebenfalls ausführt.

Zurück nach Frankfurt:

Aufgrund der Umtriebe der beiden Kameraden Hübner und Wolfschlag entstand der Verein „pro Altstadt“, der sich klar zu seinen beiden rechten Ideengebern bekennt, und nun, des rechten Miefs entkleidet, bissen prompt die etablierten Parteien in Form von CDU und Grünen an. Ja, die Grünen haben gegen rechte Architekturpolitik nichts einzuwenden, solange dafür kein Grashalm gefällt werden muss.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Hinweis der FAZ zu dem damaligen SPD-Chef Frankfurts, Franz Frey. Die SPD sprangt erst später auf, aber Frey wollte die neue Altstadt. Warum?

Frey verfolgte nämlich das Konzept, den Heimatgedanken in den Mittelpunkt der bevorstehenden Wahlkämpfe zu stellen.

Die SPD forderte gar „ein Recht auf Fachwerk“. Solche Gedanken sind verräterisch, wenn auch angesichts des seit 20 Jahren katastrophalen Zustands der Sozialdemokratie nicht verwunderlich. Der Heimatgedanke in Frankfurt beinhaltet also nicht etwa, günstige Wohnungen zu bauen, vielleicht Schulen zu sanieren, den Menschen in ihrer Stadt über authentische, emanzipatorische Zustände die Möglichkeit eines Heimatgefühls zu geben; nein, es geht um Walt Disney, um Attrappe. Dunkle Wohnungen ab 5.000 Euro den Quadratmeter sind nach Ansicht von Sozialdemokraten Heimat im 21. Jahrhundert. Es sind diese kleinen Meldungen, die die großen Katastrophen beschreiben.

Die Rekonstruktionsarchitektur entwickelt sich in Deutschland derzeit zu einem Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten. Denn hinter gleich zwei glänzenden Architekturoberflächen neu errichteter oder noch neu zu errichtender Geschichtsbilder verbergen sich mitunter Machenschaften von Rechtsradikalen und selbst Rechtsextremisten, die mit Hilfe eines scheinbar nur-ästhetischen Diskurses zunehmend politische Terraingewinne im lokalstolzen, kulturell interessierten, aber teils eben auch politisch naiven Kulturbürgertum verbuchen können.

schreibt Trüby weiter und ich das ist offensichtlich. Es findet hier ja keine Differenzierung in gelungene und weniger gelungene moderne Architektur statt, es findet keine Diskussion über Nutzung, über Bedürfnisse von Stadt statt, es geht lediglich um die Form, und die hat vormodern, vordemokratisch zu sein. Das Problem der sogenannten Konservativen und Neoliberalen ist nun, dass ihre eigene Auffassung von Stadt, Geschichte und Architektur zu der der Rechtsradikalen nicht nur anschlussfähig, sondern nahezu deckungsgleich ist. Der Unterschied: Ob gestandene Konservative (und Sozialdemokraten, wer weiß?) sich die NS-Ordensburgen zurückwünschen, weiß man noch nicht so genau.

Das „politisch naive Kulturbürgertum“ wäre vielleicht einmal einen näheren Blick wert. Wer ist damit gemeint? Vielleicht die Grünen. Ob deren rechte Avancen naiv sind, müsste allerdings geklärt werden.

Kritik würde ich an einem kleinen Teil von Trübys Ausführungen anbringen. So berichtet er von Walter Dirks, dem Mitherausgeber der Frankfurter Hefte, der sich nach dem Krieg gegen einen Wiederaufbau des Goethehauses gewandt hat. Man solle hier nichts vorschwindeln, meinte Dirks, und es ist das einfachste und zugleich sinnigste Argument gegen Eins-zu-eins-Rekonstruktionen: Das Haus ist nicht mehr da.

Allerdings ergänzt Trüby:

Hinter Dirks Haltung stand – aus heutiger Sicht völlig zu Recht – die Sorge, dass man mit einer Rekonstruktion die Spuren des Nationalsozialismus und damit auch der eigenen Schuld löschen wollte.

Die Spuren des Nationalsozialismus löschen: Die eklatantesten Spuren des Nationalsozialismus in deutschen  Stadtbildern waren die Zerstörungen. Die muss man natürlich insofern löschen, als dass man wieder baut. Rekonstruktionen sind ein no go, aber die Löschung an sich sollte nicht das Problem sein. Es sind diffizile stadttheoretische und denkmalpflegerische Probleme, aber man sollte auf diese Art nicht gelungene kritische Rekonstruktionen wie die der Alten Pinakothek in München, angeleitet von dem famosen Hans Döllgast, in Frage stellen. Auch Döllgast löschte, aber eben ohne Klitterung:

Im zweiten Teil dieses luziden Beitrags gehe ich auf die Reaktionen auf den Trübyschen Artikel ein, die in weiten Teilen wie „ein Angriff der rechten Szene“ (arch+) anmutet. Festzuhalten bleibt: Trüby hat sich als erster intensiv mit der braunen Vorgeschichte der neuen Frankfurter Altstadt beschäftigt. Das passt deren Apologeten nicht.

(Foto: Wikipedia)

 

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