Von der Legitimität des falschen Denkens

In Berlin-Kreuzberg gibt es in einem Hinterhof einen netten Laden namens Büchertisch. Dort kann man preiswerte Bücher kaufen, die Menschen spenden. Es sind viele gute Sachen dabei, Sachbücher und Belletristik und Bildbände, und einen Kaffee für wenig Geld bekommt man dort auch.

Das ist ein Geschäftsmodell, das nicht in die Neue Kreuzberger Zeit© passt. Schon gar nicht, wenn das Gebäude dem Immobilienfonds Taliesin gehört, der auf der Steuersparinsel Jersey beheimatet, wie man sagt, ist.

Der Büchertisch hat jetzt die Kündigung bekommen. Die Top-Lage ist wohl einfach zu verlockend, um dort nicht abzusahnen. Ähnlich geht es in der Gegend Kitas, Trommelschulen und anderem, was nicht die Gewinne abwirft, die das Kapital sich wünscht. Es wird verdrängt, was das Zeug hält.

Bemerkenswert ist das Statement einer Büchertisch-Mitarbeiterin, einer Germanistin. Sie meint laut Berliner Zeitung, es sei

„legitim, wenn ein Eigentümer sein Eigentum anders nutzen möchte als bisher“.

Legitim, ein nettes Wort. Ja, liebe Germanistin, deine Kündigung ist legitim, sie ist vermutlich sogar legal. Sie ist legitim,weil wir in kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen leben, wo Enteignung und Vertreibung nur um des Profits willen anerkannte Verfahrensweisen sind. Es ist völlig legitim und legal, wenn diese Firma mit einem alten, abgerockten Gebäude hohe Gewinne erzielt, vielleicht mit dem Einzug des nächsten Hostels, die Gewinne nach Jersey transferiert, dann weitere Verwertungsquellen sucht und du, liebe Germanistin, auf der Straße sitzt. Legitimität meint nichts anderes, als die Anerkennung bestimmter gesellschaftlicher Standards. Inwieweit war eigentlich das NS-System legitim? Die Germanistin erkennt die kapitalistische Ausbeutung und somit sich selbst als Opfer dessen an. Es läuft wie geschmiert.

Sie fügt dann noch hinzu, dass es

„auch legitim ist, darüber zu reden, was dies mit den Menschen macht“.

Und:

„Der soziale Reichtum im Kiez muss immer mehr dem Kommerz weichen.“

So ist es, liebe Germanistin. Woran liegt das? Vielleicht auch daran, dass es legitim ist, dass der Eigenümer sein Eigentum anders nutzen möchte als bisher?

Alles ist legitim, alles ist legal. Darüber reden zumindest. Dann wird die Germanistin vielleicht auch die leise Ahnung beschleichen, wie man sagt, dass sie sich entscheiden muss. Entweder ist es ok, was der Eigentümer mit dem Eigentum macht, oder man redet über Menschen und über Eigentumsverhältnisse. Beides gleichzeitig ist sinnlos, es ist die Beruhigungspille, die in diesem System so beliebt ist: Wir haben drüber geredet, wir haben sogar zugehört. Das muss reichen. Wenn ich Eigentumsverhältnisse als Naturverhältnisse beschreibe – und das wird im Neoliberalismus unablässig versucht – dann kann ich danach darüber reden, so viel ich will, es wird nichts ändern, es ist egal. Man redet ja auch übers Wetter.

Das grün regierte Kreuzberg und der christ- und sozialdemokratische Senat finden das alles vermutlich prima, auch wenn sie via Medien gerne die Besorgten mimen. Der Staat, die Bürokratie und das Recht haben im Kapitalismus die wesentliche Aufgabe, Verwertungsquellen zu erschließen.

Direkt um die Ecke des Büchertisches liegt die Bergmannstraße. Die wird gerade weiter verkehrsberuhigt, es entstehen „Begegnungszonen“. Wer begegnet sich da? Da trifft der neoliberal durchgestylte Konsument vielleicht auf den Chef von Taliesin, wer weiß.

Vielleicht beschreibt diese kleine Geschichte aber auch nur die gesellschaftliche Irrelevanz des Fachs Germanistik.

P.S.: Laut Tagesspiegel ist die Nettokaltmiete bei Neuvermietungen in Berlin in den vergangenen sechs Jahren um durchschnittlich 47 Prozent gestiegen.

(Foto: genova 2016)

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11 Antworten zu Von der Legitimität des falschen Denkens

  1. hANNES wURST schreibt:

    Der Investor will neu bauen, wie hier zu lesen ist: http://buechertisch.org/rettung-fuer-den-buechertisch/

    Deinen Ärger über das Verschwinden erhaltenswerter Ort teile ich, allein mir fehlen konkrete, politisch umsetzbare Vorschläge um dem entgegenzuwirken.

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  2. genova68 schreibt:

    Immobilien müssten zum allergrößten Teil aus der Verwertungslogik herausgenommen werden: Kommunale Wohnungsgesellschaften und Genossenschaften sind da ganz sinvoll. Ich verweise immer wieder gerne auf das Beispiel Wien, wo mehr als 60 Prozent der Menschen gewinnfreie Wohnungen mieten, in Altbauten für drei bis vier Euro warm, in Neubauten sieben oder acht Euro warm. In Wien wurde, wie in Berlin, ein neuer HBF auf einem alten Güterbahnhofgelände gebaut. In Wien sagt die Stadt ganz offen, dass sie keine privaten Investoren wünscht, in Berlin wird alles an die verramscht. Tempelhofer Feld ist das gleiche Spiel, in Wien heißt der alte Flughafen Aspern. Dort existiert nun ein spekulationsfreies neue Stadtviertel, in Tempelhof hat sich der damalige Bausenator und jetztige Bürgermeister Müller bemüht, das Gelände an Luxusinvestoren zu verkloppen.

    Es gibt im GG den schönen Artikel, wonach Eigentum verpflichtet. Es ist alles eine Frage des politischen Willens, aber in Deutschland ist die neoliberale Verblödung so weit fortgeschritten, dass man darüber nicht mal mehr nachdenkt, auch nicht in sogenannten linken Kreisen. Alleine eine ernsthafte Diskussion darüber, Spekulation abzuschaffen, würde die Marktpreise in den Keller gehen lassen. Dann sähe man, was ein Altbau an Material noch wert ist: Fast nichts. Und das Wohnen wäre spottbillig.

    Wie genau Gesetze beschaffen sein müssen, kann ich dir nicht sagen, ich bin kein Jurist.

    Bezeichnend, was die Germanistin in dem von dir verlinkten Blog schreibt: Der Investor…

    „…hat uns auch versichert, dass er unsere Arbeit ganz toll findet. Aber er hat halt andere Pläne mit dem Gelände…“

    Eigentlich ein netter, sozialer Mensch, der Investor.

    Das Phänomen werde ich nie verstehen: Wenn der Castor rollt, reisen tausende von Menschen von weit her an, setzen sich auf die Schienen, lassen sich festnehmen. Wenn Spekulanten die Stadt zerstören, ist das ein Naturverhältnis, worüber man lamentieren, sonst aber nichts machen kann.

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  3. genova68 schreibt:

    Ganz aktuell im Tagesspiegel:

    Und wieder gibt es Rekorde auf dem Berliner Immobilienmarkt: Die Bestmarke von 18 Milliarden Euro Umsatz im vergangen Jahr, vor allem aber die steigenden Preise in allen Teilen des Grundstücksmarktes, sind eine schlechte Nachricht für Wohnungssuchende. Denn höhere Preise schlagen sich früher oder später in höheren Mieten nieder. Und wegen des Rekordstandes bei den Grundstückspreisen muss der Neubau der dringend benötigten Wohnungen zu Mieten von weniger als zehn Euro je Quadratmeter mit noch höheren Fördermitteln erkauft werden.

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/angespannter-wohnungsmarkt-in-berlin-neuer-rekord-beihandel-mit-immobilien/13966758.html#kommentare

    Je asozialer sich das Kapital benimmt, desto mehr Steuergelder werden für die soziale Abfederung benötigt. Dann kann sich dieser Staat brüsten, dass er so sozial ist oder er beklagt, dass er die hohen Sozialausgaben nicht mehr stemmen kann. Aber diese Sozialausgaben fließen ja direkt dem Kapital in den Rachen. Es ist geschickt konstruiert.

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  4. Cornelia schreibt:

    Hallo genova68,

    es wäre schön gewesen, wenn du vor Veröffentlichung des Beitrags mit der „Germanistin“ gesprochen hättest. Dann hätte sich nämlich herausgestellt, dass die „Germanistin“ niemals Germanistiik studiert hat (es gibt auch andere literaturwissenschaftliche Fächer), dein Infragestellung der Relevanz des Fachs also ins Leere zielt. Und vielleicht wäre ein Zitat aus einem direkten Gespräch – das du ja leider nicht versucht hast zu führen – auch aufschlussreicher gewesen als ein Zitat aus einem Zeitungsartikel.
    Ich weiß nicht, wer du bist oder was du in den vergangenen Jahren gemacht hast – leider hatten wir ja nicht die Möglichkeit, uns kennenzulernen. Aber indirekt zu unterstellen, wir würden nicht nur sämtliche aktuell bestehenden gesellschaftlichen Strukturen, sondern das NS-Regime legitimieren – das ist eine pathetische Strategie, die du vielleicht selbst lächerlich fändest, wenn du Genaueres darüber wüsstest, wie wir am Büchertisch arbeiten und wer da u.a. mitwirkt.

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  5. genova68 schreibt:

    Hallo Cornelia,
    ich dachte bislang, dass eine Germanistin Germanistik studiert hat. Ist aber auch nur ein Randaspekt. Du legitimierst sicher nicht das NS-Regime, mir ging es nur um die Problematik des Begriffs „Legitimität“. Damit kann man vieles als richtig hinstellen, wenn man den Kontext nur akzeptiert.

    Gerade weil ich den Büchertisch für ein linkes Projekt halte, finde ich deine Antworten enttäuschend. Du stellst die Kapitalverwertung via Immobilien nicht in Frage. Obwohl das der Grund ist, weswegen ihr rausfliegt.

    Und ich gehe davon aus, dass der Tagesspiegel dich richtig zitiert hat. Wenn nicht, kannst du das ja richtig stellen.

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  6. Cornelia schreibt:

    Hallo genova,
    ich will mich nicht an der Germanistik-Sache festbeißen, aber da du ja dort deinen Aufhänger gesucht hast: eine Germanistin hat sicher Germanistik studiert, aber ich bin keine und weiß auch nicht, wo diese Info her hast. Ich habe auch dem Tagesspiegel kein Interview gegeben, sondern du zitierst aus der Berliner Zeitung. Ich finde, dass solche Differenzierungen wichtig sind: es gibt unterschiedliche Fachrichtungen mit unterschiedlichen Namen und es gibt unterschiedliche Medien mit unterschiedlichen Arbeitsweisen. Und wenn man schon pathetisch auf ein Projekt oder eine Vertreterin eines Projektes einschlagen will, dann wäre es auch schön, wenn man da differenziert.

    Und nein, dir geht es nicht „nur um die Problematik des Begriffs der Legitimität“, dir geht es – wenn ich dich richtig verstehe – um eine bestimmte Art des Diskurses. Offenbar findest du einen Diskurs der Differenzierungen und Zwischentöne nicht gewinnbringend.
    Für mich ist aber das, was du oben machst, nicht weit entfernt von der Differnzierungsfreudigkeit der BILD-Zeitung… Überschrift: „Germanistin legitimiert Investorenpolitik!“ Ist gar keine Germanistin? Egal! Hat nicht die Invenstorenpolitik legitimiert? Auch egal. Hauptsache, es wird ein hübsch-provozierender Blogbeitrag daraus!

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  7. dame.von.welt schreibt:

    @Cornelia
    In der Berliner Zeitung steht:
    Cornelia Temesvári sagt, es sei legitim, wenn ein Eigentümer sein Eigentum anders nutzen möchte als bisher. „Aber es ist auch legitim, darüber zu reden, was dies mit den Menschen macht.“ Für den Kiez am Mehringdamm bedeute es den Verlust von viel Lebensqualität. … „Der soziale Reichtum im Kiez muss immer mehr dem Kommerz weichen“, sagt Temesvári.

    Mich befremdet Ihre Wortwahl „legitim“ auch. Es ist weniger legitim, sondern „nur“ legal, wenn ein Eigentümer sein Eigentum anders nutzen, sprich: mehr Gewinn daraus melken will, als das mit dem Büchertisch (oder anderen nichtwohlhabenden gewerblichen und privaten Altmietern) möglich ist. Es ist auch nicht nur legitim, sondern bitter nötig, darüber zu reden, was das mit den Menschen, der Lebensqualität und dem sozialen Reichtum im Kiez macht und es ist eine Schande und ein Elend, daß das meistens den unmittelbar von der Gentrifizierung Betroffenen selbst überlassen bleibt. Es stellt sich mir aber auch die Frage – im Jahr 10 der verschärften Gentrifizierung in Kreuzberg – was mit Reden bisher politisch erreicht wurde und was mit Reden in Zukunft erreicht werden soll und kann, angesichts der Legalität der „Investoren“-Interessen, gern auch mit gelegentlicher Innensenatorunterstützung.

    Ich halte es – mit Verlaub – für einigermaßen gaga, Genova eine Blödzeitungskompatibilität unterstellen zu wollen, weil er ‚Germanistin‘ mit ‚Literaturwissenschaftlerin‘ verwechselt hat. Es mag eine kluge Taktik zur Erlangung neuer Räume sein, gegenüber der Berliner Zeitung sehr zahm aufzutreten und von Legitimitäten zu sprechen statt von Haben und Brauchen, aber Kritik an Zahmheit und an Hinnahme von „Eigentumsverhältnissen als Naturverhältnissen“ müssen Sie sich aus meiner Sicht schon gefallen lassen.

    Berliner Zeitung:
    Der „Büchertisch“, so lautet ein Vorschlag im Bezirksparlament, könnte doch die Räume der Bona-Peiser-Bibliothek an der Oranienstraße beziehen. Für die Bibliothek fehlen dem Bezirk Mitarbeiter, sie soll eigentlich zum sozialen Treffpunkt für die Nachbarschaft werden. Oder eben zum neuen Hauptstandort für den „Büchertisch“. Entschieden ist noch nichts.

    Dafür halte ich Daumen und dicke Zehen, Godspeed!

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  8. hANNES wURST schreibt:

    @Cornelia: Jetzt geht es um die Form des Diskurses, aber viel interessanter wäre es doch, von Ihnen zu erfahren, was Sie und Ihre Kollegen über diese Kündigung wirklich denken. In der BZ steht dazu nicht viel mehr als das, was genova zitiert hat, und das klingt gekürzt und resignierend – was ja auch gute Gründe haben kann, z.B. weil Sie Ihre Optionen geprüft haben und keine Aussicht auf Verlängerung des Vertrags sehen oder weil Sie auf einen besseren Nachfolgestandort hoffen.

    @genova: Jetzt doch noch was zur Form: „Germanistin“ statt „Literaturwissenschaftlerin“ finde ich ungenau aber nicht herabsetzend, aber durchweg nur als „die liebe Germanistin und Büchertisch-Mitarbeiterin“ vorgestellt zu werden obwohl Name und Funktion im BZ Artikel stehen, ist eine Gemeinheit.

    Danke für Deine bisherigen Vorschläge zur Verbesserung der Lage. Ist noch ziemlich schwammig bisher, das Thema ist schwer zu packen. Du schreibst bei solchen Gelegenheiten gerne von einer Verwertungslogik, aus der dies oder das herausgenommen werden soll. Zum Teil ist das ja bei Immobilien schon der Fall (Mietrecht) oder z.B. auch bei der Bildung. Es geht wohl darum, die Interessen der Mehrheit gesetzlich noch stärker vor bloßer Gewinnerzielung zu schützen (ohne den Immobilienmarkt gleich zu zerstören). Ich glaube, das ist in der Politik auch bewusst, man braucht sich nur im aktuellen Wahl-O-Mat für die Wahl Berlin 2016 anzusehen, wie viele Fragen zum Thema Immobilien auftauchen. Vernünftig wäre, die Ansätze der Parteien erst einmal zu prüfen. Für Fälle wie beim „Büchertisch“ (hier liegt – nehme ich an – ein gewerblicher Mietvertrag vor, der soviel ich weiß für eine beliebig lange Zeit abgeschlossen werden kann, nach Ablauf dieser Zeit aber neu verhandelt werden muss) ist aber wahrscheinlich nichts dabei.

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  9. genova68 schreibt:

    Cornelia,
    Entschuldigung, du wirst in der Zeitung als Literaturwissenschaftlerin bezeichnet und nicht als Germanistin. Da habe ich mich vertan. Es ändert aber nichts an dem Sachverhalt, um den es mir ging. Und es war die Berliner Zeitung, nicht der Tagesspiegel. Ok, das kann man richtig stellen, aber es ändert nichts am Sacherhalt. Und ob dich nun die eine oder die andere Zeitung als Literaturwissenschaftlerin bezeichnet, ist auch nicht wesentlich, oder?

    Ich schreibe Blog-Artikel meist schnell, mit heißer Nadel, ja. Das könnte man als eine Möglichkeit, einen Blog zu schreiben, bezeichnen. Ich denke, ich habe schon wesentlich das herausgestellt, worum es mir ging. Deine „Zwischentöne“ und „Differenzierungen“ würde ich nicht als solche bezeichnen, das habe ich ja versucht, zu erläutern. Das Verhalten des Investors hat etwas Zerstörerisches, man kann es als systemisch ok bezeichnen, aber ich habe keine Lust, da stehenzubleiben. Ich sehe die Logik des Systems, aber ich brauche keinerlei Verständnis für die Protagonisten dieser Vertreiberei aufzubringen.

    Hannes,
    den Immobilienmarkt zu zerstören, wäre exakt die Aufgabe. Dieser imaginäre Markt sorgt nicht für Wohnungen, sondern für Renditeobjekte. Zerstörung dieses Marktes ist genau das, was beispielsweise Wien macht.

    Beim Thema Wahlen würde ich keinerlei Hoffnungen hegen. Keine Partei wird an der Renditelogik irgendetwas ändern. Insofern stellt sich die Frage, warum man noch wählen gehen sollte. Die dame von welt bringt das ja ganz gut auf den Punkt. Das Thema Gentrifizierung ist hier eines seit zehn Jahren, und vor der letzten Wahl vor fünf Jahren erzählten alle Politiker das Blaue vom Himmel, wie sehr man doch den Mietern helfen wolle, das habe oberste Priorität. Ergebnis: Die erwähnten 45 Prozent Mietsteigerung bei Neuverträgen. Man muss eigentlich blöd sein, um noch wählen zu gehen.

    Ich schreibe dazu demnächst mal was.

    Zum möglichen neuen Standpunkt des Büchertischs: Das ist ja auch böse Ironie: Dem Bezirk fehlen Mitarbeiter, also könnte der Büchertisch dort einziehen. Hätte der Bezirk mehr Geld, hätte der Büchertisch Pech.

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  10. Cornelia schreibt:

    @all
    Ein Zeitungsartikel ist kein selbstgeschriebener Blogbeitrag, sondern gibt Aussagen meist verkürzt, gelegentlich auch verzerrt wieder. Und dass Zeitungsartikel i.d.R. auch mit heißer Nadel gestrickt sind, macht es nicht besser.

    Wenn ich sage „GRUNDSÄTZLICH ist es legitim, wenn EIN Eigentümer sein Eigentum anders nutzen will, ABER…“, dann sage ich damit eben nicht“ In diesem und ähnlichen Fällen finde ich es legitim, dass diese Art von Eigentümer…“.
    Und wenn ich sage: der Eigentümer hat uns versichert, dass er unsere Arbeit ganz toll findet. Aber er hat halt andere Pläne mit dem Gelände. Dann ist das ja gerade das Ironische: der Eigentümer, der jedes Jahr mehrstellige Millionen Gewinne einstreicht, sitzt vor uns, lächelt, und sagt, dass er ja toll findet, was wir machen, aber dass er im Gegensatz zu uns ja (noch mehr) Geld machen muss. Dass unsere Existenz (und es betrifft ja nicht nur uns) damit auf der Kippe steht, spielt für ihn keine Rolle. Netter Investor? Sicher nicht.

    @genova
    Ich weiß nicht, in welchem Umfeld du dich im Leben jenseits dieses Blogs bewegst. Vielleicht studierst du ja eigentlich genüsslich Germanistik… , wer weiß. Ich verstehe, dass meine Äußerungen als naives Anerkennen von Eigentumsverhältnissen und als Verständnis für die Investorenpolitik interpretiert werden können. Ich halte es in unserer momentanen Situation aus verschiedenen Gründen, die ich nicht alle hier erläutern kann, für sinnvoller, so zu verfahren, als so, wie ich es als Nicht-Germanistin gern tun würde…

    @Dame von Welt @hanneswurst
    Ich lasse mir gern den Vorwurf der Zahmheit gefallen, der ist auch absolut berechtigt. Nicht gefallen lasse ich mir einen Pathos-Erguss, der schulmeisterlich mit „liebe Germanistin“ beginnt und mit dem impliziten Vorwurf der NS-Legitimation endet, und das alles nur zum Zweck der reinen Provokation.

    Ich kann in unserer Situation jetzt natürlich ausführlich Systemkritik üben und damit die Erwartungen erfüllen. Aber rhetorisch Systemkritik zu üben, ändert nicht unbedingt das System. Wir könnten natürlich auch Barrikaden bauen, zum Widerstand aufrufen und uns auf die Zwangsräumung vorbereiten. Aber man muss auch wissen, welche Kämpfe man führen und gewinnen kann und welche nicht. Uns ist sehr klar gemacht worden, dass wir dauerhaft nicht am Mehringdamm bleiben werden. Und daran wird auch noch so explizit geäußerte Kritik an der Investorenpolitik nichts ändern.

    In der Realität ist es aber eben nicht so, wie mir hier vorgeworfen wird, dass wir Gesellschaftsverhältnisse als gegebene Naturverhältnisse abnicken. Sonst würden wir nicht Tausende von Büchern verschenken, die wir verkaufen könnten. Sonst würden wir auch nicht Stellen mit Leuten besetzen, die ein „normaler“ Arbeitgeber nicht in Betracht ziehen würde. Sonst würde es uns gar nicht geben.

    Wenn ich mich dafür entscheide, zu versuchen, für dieses Projekt eine Überlebensstrategie zu entwickeln, neue Räume zu suchen, Unterstützer zu gewinnen, damit das Projekt evt. weiterbestehen kann – was momentan absolut nicht gewährleistet ist, da uns die Einnahmen aus dem Laden am Mehringdamm fehlen werden und wir mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Lager- und Büroräume finden werden, die preislich vergleichbar sind – und dafür darauf verzichte, in dem Umfang Kritik an der Gentrifizierung und der stadtpolitischen Realität zu üben, wie das auf diesem anonymen Blog passiert, kann man mir das natürlich vorwerfen. Die Konsequenzen sind für uns halt ganz andere: wir haben im Team Leute, die kaum damit klar kommen, wenn ein Schreibtisch einen halben Meter verschoben wird. Was die Unsicherheit der Raumkündigung und die damit zusammenhängenden Folgen mit diesen Leuten macht, kann man sich vorstellen. Wir haben nur begrenzte Kraft und Ressourcen und müssen jetzt dafür kämpfen, dass das Projekt weiterbestehen kann.

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  11. genova68 schreibt:

    Cornelia,
    „Nicht gefallen lasse ich mir einen Pathos-Erguss, der schulmeisterlich mit „liebe Germanistin“ beginnt und mit dem impliziten Vorwurf der NS-Legitimation endet, und das alles nur zum Zweck der reinen Provokation.“

    Den Begriff der Legitimität oder der Legitimität verstehe ich so, dass du innerhalb eines gegebenen Kontextes, innerhalb dieser Gesellschaft also, die Profitinteressen des Eigentümers verteidigt hast. So kam der Satz für mich rüber. Ich finde den Begriff hier problematisch, weil er die eigenen Interessen hintansetzt. Du schreibst ja selbst:

    „Ich verstehe, dass meine Äußerungen als naives Anerkennen von Eigentumsverhältnissen und als Verständnis für die Investorenpolitik interpretiert werden können.“

    Der Vorwurf, ich hätte dir die Legitimation des NS vorgeworfen, den finde ich ziemlich weit hergeholt. Es ging nur um einen Vergleich, das ist keine Gleichsetzung. Es ging mir darum, den Legitimitätsbegriff zu untersuchen, und das am Beispiel NS. Das ist ein Begriff, der systemimmanent arbeitet, es ist die Rechtfertigung faktisch bestehender Ordnungen und das ist das Problem, wenn man ihn auf den Fall „Der Büchertisch und der Investor“ anwendet.

    Geht es im Fach Komparatistik nicht permanent ums Vergleichen? Ich kenne das nur aus der vergleichenden Geschichtswissenschaft. Natürlich kann ich den NS-Staat und die Bundesrepublik vergleichen. Was doch bedeutet, dass man Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeitet, aber nichts gleichsetzt. Wie auch immer das bei dir rübergekommen ist: Ich unterstelle dir auf keinen Fall, dass du in irgendeiner Weise den NS rechtfertigst oder legitimierst.

    Die „Germanistin“ hätte ich weglassen sollen, wie gesagt, mit heißer Nadel innerhalb von zehn Minuten gestrickt. Das tut mir leid, entschuldige bitte.

    Danke für deine weiteren Ausführungen.

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