Nur ein Psychopath ist ein guter Soldat

Der Primatenforscher Frans de Waal im Interview mit der Berliner Zeitung über Primaten, Soldaten und Empathie:

„Man gibt Männern schöne Waffen und ausgezeichnete Gründe für den Mord an Artgenossen und doch kommen ein Drittel bis zur Hälfte der Männer mit posttraumatischen Belastungsstörungen aus den Kriegen zurück …

Während des Vietnamkrieges wurden pro totem Vietnamesen 50.000 Kugeln ausgegeben. Man muss davon ausgehen, dass die meisten, die Schüsse abgaben, nicht töten wollten …

Empathie ist tief verwurzelt in uns. Auch gegenüber unseren Feinden, und auch, wenn uns befohlen wird, sie zu töten. Man spricht viel vom Killerinstinkt des Menschen. Aber wir wissen, dass die große Mehrheit der Tötungen in einem Krieg von ein bis zwei Prozent der Soldaten vorgenommen werden. Das sind in etwa so viele, wie es auch Psychopathen in der Gesellschaft gibt.“

(Printausgabe vom 30. April 2011, Magazin, S. 4)

Schön, dass das mal jemand so deutlich sagt. Wer auf Angehörige der eigenen Spezies schießt, hat vermutlich einen Dachschaden. Nix mit soldatischer Ehre und dem ganzen Quatsch, was jetzt via Kerner über unsere tollen Soldaten in Afghanistan berichtet wird. Soldaten sind Mörder, oder, aktualisiert, Soldaten sind Psychopathen.

Zur Psychologie des Psychopathen führt Herr de Waal aus:

„Der Psychopath ist eine sehr interessante Persönlichkeit. Er hat alle kognigitven Fähigkeiten zur Empathie. Er erkennt die Gefühle seiner Opfer und das hilft ihm dabei, sie zu seinen Opfern zu machen. Er kann das besser als andere, weil er nur die kognitive Fähigkeit zur Emphatie hat, nicht aber die emotionale. Seine Opfer sind ihm gleichgültig.“

Also, liebe Psychopathen, geht bitte alle zur Bundeswehr! Dann wissen wir, wo Ihr seid und können Euch im Ernstfall Platzpatronen unterjubeln. Und die 98 Prozent deutsche Soldaten, denen das Töten unangenehm ist: Sucht Euch einen vernünftigen Beruf!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu Nur ein Psychopath ist ein guter Soldat

  1. Fishtank schreibt:

    Dieses Bundeswehr-Bashing scheint in Mode zu sein.
    Ich würde den Durchschnittssoldaten nicht als Psychopathen betrachten. Ohne Militär kommt diese Welt offenbar ja leider nicht aus – somit braucht es den Soldaten als Exekutive des Krieges. Ich bezweifel, dass es der großen Mehrheit der Soldaten Freude bereitet, zu töten. Ich denke, der einfache Soldat – auf allen Seiten – sieht sich primär als Verteidiger seiner Heimat und greift zur Waffe, wenn es notwendig wird. Moralisch ist das natürlich alles sehr schwierig zu beurteilen und ich kann verstehen, dass viele Soldaten mit Belastungsstörungen aus dem Krieg zurückkommen.

    Nachdenklich stimmt mich die jüngste, gezielte Tötung einer, nun ja, Zivilperson in Pakistan. Hier stellt sich die Frage, ob nicht auch ein Schwerverbrecher wie Bin Laden den Anspruch auf einen Prozess hat, statt von einer Spezialeinheit niedergemäht zu werden. Laut CNN soll eine Festnahme ja keine Option gewesen sein. Sollte dies nicht der Wahrheit entsprechen und Bin Laden im Kampf getötet worden sein (ergeben war sicherlich für ihn keine Option), relativiert dies den Sachverhalt etwas, lässt die Aktion für meinen Geschmack aber trotzdem in einem zwielichtigen Licht erscheinen.

    Gefällt mir

  2. bersarin schreibt:

    „Und die 98 Prozent deutsche Soldaten, denen das Töten unangenehm ist: Sucht Euch einen vernünftigen Beruf!“

    Du meintest sicher 9,8 Prozent.

    Die meisten würden das töten, was man ihnen befielt zu töten, und sie würden gute Gründe dafür finden, diese Morde zu rationalisieren. Ich verweise hier auf die Bücher des Essener Sozialpsychologen Harald Welzer, der das in verschiedenen seiner Bücher beschrieben hat. (Läßt sich gut lesen, die Texte sind populärwissenschaftlich ausgerichtet.)

    Und da liegt ja das große Problem: Es sind das eben keine Psychopathen, die da töten, sondern ganz normale Leute von nebenan. Der Psychopath ist eher ein schlechter Soldat, weil die Rationalisierungen dort anders ablaufen, als vom herrschenden Diskurs gewünscht, zu viel Eigenart und Undisziplinierbarkeit eignen sich nicht gut.

    Gefällt mir

  3. genova68 schreibt:

    Fishtank,
    die Osama-Geschichte ist bezeichnend für die amerikanische Art der Auseinandersetzung. Drauflosballern, funktionierte früher in Süd- und Mittelamerika auch ganz gut. Es ist da auch viel vom alten amerikanischen Mythos von Gerechtigkeit enthalten: Auge um Auge. Das, was den Amis (und auch uns) seit Jahrzehnten kulturindustriell beigebracht wird, findet hier seine reale Entsprechung: Mann gegen Mann, eine Jagd rund um die Welt, auf der Suche nach dieser banalisierten Form von Gerechtigkeit, konkret: ein Toter. Es ist ja eine Form von Selbstjustiz, wenn irgendwelche Sonderkommandos zum Einsatz kommen.

    Mit deinem ersten Absatz kann ich ehrlich gesagt wenig anfangen, da er keinen Bezug nimmt zu dem Artikel. Es geht nicht um „Freude empfinden beim Töten“, sondern um Hemmung oder Nichthemmung beim Töten aufgrund von Empathie oder dessen Fehlen. Vielleicht hätte ich das Interview ausführlich zitieren sollen. Frans de Waal sagt, zusammengefasst: Schon höher entwickelte Säugetiere empfinden außerordentlich viel Empathie (Schimpansen, Menschenaffen), bei Katzen und Hunden ist dieses Empfinden schon deutlich eingeschränkt. Der Mensch, so de Waal, ist mit einem hohen Maß an Empathiefähigkeit ausgestattet, von Geburt an, Religion diesbezüglich nicht nötig.

    Dass ein einfacher Soldat nach einem Grund für den Kriegseinsatz sucht, ist klar, aber als was er „sich sieht“, welchen Grund also er konstruiert, ist egal. Irgendeinen findet er immer, zumal er ja verarscht wird. Die Amis im Irak dachten sicher auch, sie behüten ihr Land vor einem irakischen Giftgas- oder Nuklearwaffenangriff, und die deutschen Soldaten in Afghanistan denken vielleicht in Teilen auch, dass sie dort sind, damit Mädchen zur Schule gehen können. Ich würde von einem Soldaten generell keine besonders ausgeprägten intellektuellen Fähigkeiten erwarten, sonst würde er den Job nicht machen. Insofern ist deine Formulierung „wenn es notwendig wird“, sinnlos, denn das ist ja gerade eine Frage, die nicht nach objektiven Notwendigkeiten entschieden wird, sondern nach subjektiven Machtinteressen, wo der Soldat immer der Depp ist.

    Bersarin,
    du hast das Interview sicher gelesen (wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, nach der du die Berliner Zeitung regelmäßig liest) und es geht bei diesen Zahlen (die auf Studien beruhen) sicher um eine Face-to-Face-Situation. Dass da wirklich neun von zehn Soldaten mit Freude morden, glaube ich nicht. Sicher rationalisieren sie ihr Morden, sie töten auf Befehl, das ist ihr Job. Aber mit Freude und ohne posttraumatische Störungen eben nur sehr bedingt. Aber die meisten Kriegssituationen heute sind keine Face-to-Face-Situationen mehr, die Militärtechnik hat da ja unglaubliche Fortschritte gemacht, man tötet per Knopfdruck, weitab vom Opfer, und das Bemühen, das Töten derart perfektioniert zu haben, resultiert sicher auch aus den genannten psychologischen Problemen, die viele beim Face-to-Face-Töten haben.

    Und was ist eigentlich ein Psychopath? Sicher gibt es diese Untersuchungen von Goldhagen und einigen anderen, die die KZ-Kommandanten und die unzähligen Soldaten, die an barbarischen Kommandos beteiligt waren, die zeigen, dass da ganz normale Männer am Werk waren, aber diese Urteile beziehen sich ja immer auf ihr vorheriges Leben, in dem sie nicht auffällig wurden, ihre Kinder hätschelten etc.

    Andererseits könnte man einwerfen, dass man aus jedem Menschen einen Psychopathen machen kann und aus jedem Kind einen Elternmörder. Alles eine Frage der Taktik.

    Gefällt mir

  4. Fishtank schreibt:

    Du schreibst von Hemmung oder Nichthemmung beim Töten aufgrund von Empathie oder dessen Fehlen. Nun, wenn man sich eine konrekte Kampfsituation vorstellt – unabhängig von den Hintergründen – und jemand mit einer Waffe auf Dich zielt: Würdest Du es vorziehen, erschossen zu werden oder selbst zu feuern? Ich denke, man kann da viel theoretisieren und ich lehne Krieg oder solche Tötungsmissionen grundsätzlich ab. Wenn man jedoch mitten drin ist, bleibt vermutlich oft nur noch das ER oder ICH. Die Mehrheit der Menschen wird sich aus Selbsterhaltungstrieb für die zweite Möglichkeit entscheiden. Am klügsten wäre es natürlich, den ganzen Militärkram abzuschaffen und alle Waffen zu verschrotten. Aber soweit ist die Menschheit leider nicht und wird es wohl nie sein.

    Gefällt mir

  5. InitiativGruppe schreibt:

    Da muss ich einfach mal wieder den Mephistopheles spielen.

    Mein Vater war 1939 – 45 Soldat der Reichswehr. Als ich dann 12 war – 1962 – , stand ich plötzlich vor der Frage: Für wen bin ich jetzt im Krieg, für die deutsche Armee, in der mein Vater Soldat war, oder für die Amerikaner und Engländer? (An die Russen hab ich mich da gar nicht zu denken getraut, antikommunistisch, wie wir alle damals in der Familie waren.)

    Nach einigem Hin und Her bin ich zu der atemberaubenden Entscheidung gekommen, dass ICH auf jeden Fall ein Amerikaner bin und als amerikanischer Soldat auf die Deutschen schieße, weil die Deutschen für Hitler kämpfen. Mir war klar, dass ich damit praktisch auch auf meinen eigenen Vater schieße.

    Von da an war mir die Vorstellung immer selbstverständlich: Ich wäre, wenn ich der Generation meines Vaters angehört hätte, nach Amerika emigriert und hätte mich als Freiwilliger bei der US army gemeldet, um gegen die Nazis zu kämpfen. Auch wenn mir das mein Leben gekostet hätte. Das wär es schon wert gewesen. Es gibt schließlich größeres als das eigene Leben.

    Bis heute ist das meine Intuition. Es gibt Situationen, in denen macht es nicht nur Sinn, Soldat zu sein und gegnerische Soldaten zu töten, sondern es scheint mir geradezu Pflicht zu sein, auch persönlich in den Krieg zu ziehen.

    Meine Intuition enthält übrigens keinerlei Romantik. Ich weiß, was für Scheißkerle die Amerikaner im Krieg waren. Alle Ambivalenzen sind mir gegenwärtig (- ich spüre schon euer Bedürfnis, sie hier aufzuzählen). Das ändert nichts an der Gesamtsituation und am Ruf der Pflicht: Ab 1939 war es Pflicht für einen wehrfähigen jungen Mann, gegen die Naziarmee die Waffe in die Hand zu nehmen.

    Altmodisch, natürlich, eine solche Einstellung. Ich erwarte kein Verständnis. Ich hoffe nur, euch ein wenig irritiert zu haben.

    Gefällt mir

  6. Nihilist schreibt:

    Der Zweck heiligt NICHT die Mittel.

    Und wieder Gandhi – Wer den Weg der Wahrheit gent … –

    Jedermann stimmt zu, daß es töricht ist, Böses zu tun.
    Aber die Ansicht, schlechte Mittel würden gerechtfertigt durch ein gutes Ziel, muß als noch törichter betrachtet werden.

    Mit anderen Worten: Es gibt keinen Unterschied zwischen Mittel und Zweck.

    Gefällt mir

  7. InitiativGruppe schreibt:

    Woraus dann wohl folgt, dass es nicht gerechtfertigt war, als Soldat gegen das Naziregime zu kämpfen. Oder zu versuchen, wie Elser und andere Hitler per Bombe zu töten.

    Versteh ich das richtig, Nihilist?

    Gefällt mir

  8. genova68 schreibt:

    Ich glaube, wenn ich das einmal kritisch anmerken darf, dass der obige Artikel nicht ernsthaft gelesen wurde. Deshalb nochmal kurz: Der interviewte Wissenschaftler ist Primatenforscher. Er leitet daraus Erkenntnisse bezüglich des Menschen ab, im Interview bezogen auf den Begriff der Empathie. Darauf habe ich mich bezogen und ich fand die Begriffsgenauigkeit dieses Wissenschaftlers angenehm.

    Es geht also einzig und allein um das Thema, inwieweit der Mensch empathiefähig ist. Und da sagt de Waal, dass er durchschnittlich empathiefähiger Mensch nicht auf einen Artgenossen schießt. Der Fall „er oder ich“ ist ein sehr spezieller, der wohl extrem selten vorkommt, das ist eine Hollywood-Phantasie, damit das Auge-um-Auge-Prinzip, das in den USA gerade wieder Erfolge feiert, visualisiert werden kann. In der Regel schießt man im Krieg dann auf einen Menschen, wenn der sich nicht wehrt. Man hat also in der Regel die Möglichkeit der Entscheidung: Schieße ich den tot oder schieße ich daneben oder schieße ich gar nicht. Und in dieser Situation schießen, so de Waal, die allermeisten nicht mit der klaren Absicht, den anderen zu ermorden. Hier geht es eben NICHT um einen Selbsterhaltungstrieb. Hier geht es auch NICHT darum, ob man gegen die bösen Nazis kämpfen sollte. Dass der Gegner im Krieg immer der Böse ist, ist doch eh klar. Der Feind wird geformt. Ob Nazi oder Taliban oder Franzose oder sonstwer.

    Gefällt mir

  9. Nihilist schreibt:

    Eben, ein Mensch wird nicht als „Unmensch“ geboren. Er wird durch die Umwelt, als die Gesellschaft, geformt. Unrecht, eines der „Mittel“ die Menschen zu etwas formen, damit Macht ausgeübt werden kann.

    Wer formte solche Menschen wie (alphabetisch) Bush, Gandhi, Hitler, Hussein, Jesus, PolPot, Stalin?

    Worin liegt der Unterschied zwischen den „Guten“ und den „Bösen“. Und noch eines besonders an IG, das „Experiment – Die Welle“, dürfte auch Ihnen nicht unbekannt sein.

    In einem andern Blogg, da hab ich inzwischen aufgegeben, versuchte ich den historischen Unterschied zwischen Tyrannis und Diktatur zu verdeutlichen. Meine Meinung, ohne eine Diktatur werden wir nie dazu kommen die Menschen so zu „erziehen“ das ALLE nur noch „Gut“ werden. Denn jede Form von Egoismus führt dazu, sich gegen andere Menschen zu wenden damit die nicht auch genau so viel haben wie ich selbst. Und da bin ich nah bei Nietsche – wir sind noch keine „Menschen“ im Sinne von „human“. Wir, oder die Meisten, sind noch mehr „Tier“. Ausnahmen (Jesus, Gandhi) bestätigen die Regel.

    Gefällt mir

  10. InitiativGruppe schreibt:

    Genova68,
    in einem „guten“ Krieg – wie dem Krieg GEGEN das Dritte Reich – schieße ich meine Gegner tot, ohne deshalb un-empathisch zu sein oder sonstwie verrückt oder gemein. Es geht dabei um Selbsterhaltung nicht im individuellen Sinne – ich könnte mich ja privat raushalten und andere machen lassen. Es geht um kollektive Selbsterhaltung. Ich sollte also persönlich fähig sein, als Soldat im Krieg kompetent zu handeln – und gegebenfalls effizient zu töten im Rahmen eines solchen kollektiven Selbstverteidigungsfalles.

    Das ist eine heute provokativ wirkende Lehre aus dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg.

    Der Feind wird nicht nur geformt. Er kann sich auch selbst formen. Als Engländer 1940 hätt ich mir Nazi-Deutschland nicht geformt – da war schon etwas, das außerhalb meiner Formungsmöglichkeiten lag.

    Formen wir uns unsere Feinde? – Natürlich tun wir das AUCH. Aber nicht nur. Da muss man aufpassen, dass man sich und die menschliche Gestaltungskraft nicht überschätzt. Es gibt eine Realität außerhalb und unabhängig von meinen Formungskräften, von unseren kollektiven Formungskräften auch.

    Wir sollten der Realität mit etwas mehr Demut entgegentreten. Nicht sie beugt sich uns, wir haben uns ihr zu beugen. Realität wahrzunehmen und zu akzeptieren ist der erste Schritt der Vernunft. Weitere Schritte – etwa solche zur Realitätsveränderung – können folgen. Aber erst einmal muss ich die Dinge nehmen, wie sie sind. Also auch zum Beispiel die Nazis, wenn ich im Jahr 1940 Engländer bin. Da steh ich auf Churchills Seite und schieße auf meinen eigenen Vater, wenn’s denn sein muss.

    Und werde mich dabei durch Frans de Waal nicht irritieren lassen.

    Nur ein körperlich und psychisch gesunder Mensch ist ein guter Soldat.

    Gefällt mir

  11. genova68 schreibt:

    IG,
    dass du dich von de Waal nicht irritieren lässt, ist schade. Das führt nämlich dazu, dass du schlicht nicht gechekt hast, worum es ihm (und mir in dem Artikel) geht. Ob ich einen Menschen erschieße, der mir in die Augen sieht, ist laut de Waal von seiner Empathiefähigkeit abhängig, darum geht es.

    Ansonsten, also wenn ich mich auf DEIN Thema einlasse, finde ich das alles ziemlich heikel, was du da schreibst.

    Der „kollektive Selbstverteidigungsfall“ ist erstmal eine Chimäre. Wer sagt mir in der konkreten Situation, was recht ist und was nicht? Der jetzige Verweis auf Hitler ist simpel, das hat mit heutigen Fällen sehr wenig zu tun. Du kannst dich in dein kollektives Selbstverteidigungsdingens nur so reinhängen, weil du da gegen Hitler kämpfst. Der ist aber schon tot.

    Und was heißt denn, der Realität mit mehr Demut entgegensehen? Was ist Realität? Irgendetwas höheres, außerhalb von uns befindliches? Wohlmöglich Gott oder ein ähnlicher Kollege? Dem wir uns dann beugen sollen? Oder wird Realität nicht erst durch unser Verhalten geschaffen?

    Gefällt mir

  12. InitiativGruppe schreibt:

    Ich wüsste nicht, dass die Welt erst durch mich geschaffen wird – oder durch den Menschen als Kollektiv. Mir scheint, dass das Wesentliche an der Welt grade eben nicht von uns geschaffen wird, sondern einfach da ist, und dass das Kollektiv der Menschheit gut daran täte, sich darauf mit mehr Demut zu beziehen. Was zweitens das kollektive Produkt der Menschheit angeht, so tut das Individuum gut daran, sich nicht einzubilden, es hätte dies per Ego geschaffen oder könnte es per Ego-Willen groß ändern. Auch hier wiederum gilt: Mehr Demut!

    Wir sind überheblich. Unsere Kultur trimmt uns auf Überheblichkeit. Wir wollen keine Realität mehr anerkennen, die außerhalb von uns liegt. Alles soll uns verfügbar sein.

    Ist es aber nicht. Kann es auch nicht sein.

    Man merkt, dass nicht wir über die Realität, sondern die Realität über uns verfügt, in dem Moment, in dem man dem Tod ins Auge schaut.

    Die Welt hat sich seit 1945 schon ziemlich gewandelt. Heißt das, dass wir aus den Erfahrungen der Zeit von 1933 bis 1945 nichts mehr zu lernen haben?

    Hitler ist tot. Aber die Situation, in der ich herausgefordert werde, mit dem Einsatz meines Lebens für etwas einzutreten – ist die auch tot? Unmöglich geworden?

    Besteht die ganze Lehre der Geschichte darin, dass ich als Individuum immer nur davonzulaufen habe, wenn ich in eine Situation gerate, in der es Krieg gibt oder geben könnte?

    Deutschland ist nicht in so einer Situation, will nicht in so eine Situation geraten, kann sich auch raushalten, ist durch keinen Nachbarn gefährdet. Da ich mich aber als Weltbürger sehe, kann ich mich nicht auf die deutschen Erfahrungen und Umstände beschränken.

    Was mich natürlich am meisten dazu drängt, die Frage so zu stellen, wie ich es hier tue, hat mit meiner Lust zu tun, Tabus zu berühren. Das Tabu des Todes zum Beispiel. Ich denke ständig über den Tod nach, meinen eigenen, den meiner Verwandten und Freunde, den Tod derer, von denen ich nur lese … Wie kann man den Tod in sein Bewusstsein, in sein Alltagsleben voll integrieren? Wie kann man lernen, ihm unerschrocken ins Auge zu sehen?

    Schon klar, dass DAS in unserer Zeit so provokativ ist wie im 19. Jahrhundert die Forderung, die Sexualität des Menschen zu bejahen und ins Leben zu integrieren.

    Damit bin ich bei Frans de Waal.

    Ich glaube, zuverlässige Empathie erfordert zuverlässige Selbsterkenntnis, und die besteht wiederum in der vollen Erkenntnis unserer Verletzlichkeit, unserer eigenen Schwächen und Grenzen, und dazu wiederum gehört zu allererst unser aller Sterblichkeit. Schließlich das Bewusstsein, dass wir eben nicht über die Realität verfügen, sondern dass sie über uns verfügt.

    Das persönliche akzeptierende Bewusstsein unserer Verletzlichkeit, unserer Schwächen und Grenzen macht uns empathisch.

    Gefällt mir

  13. genova68 schreibt:

    Und was hat das mit der Situation zu tun, dass ich jemandem gegenüberstehe, ihm in die Augen schaue und entscheiden muss, ob ich ihn erschieße?

    Gefällt mir

  14. InitiativGruppe schreibt:

    Kann man Empathie empfinden, ohne sentimental zu sein? – Ich denke: Ja.

    Beispiel: Im Hildebrandslied tötet Hildebrand seinen eigenen Sohn im unvermeidlichen Zweikampf zwischen den zwei Heeren. Es geht nicht anders – der damaligen Umstände und Sichtweisen eingedenk. Ein tragisches Verhängnis. Hildebrand tut, was er tun muss, wohl wissend, was er tut, und ohne Vorwurf gegen seinen Sohn, der sich ebenfalls ehrenvoll und eines Kriegers würdig verhält und die Hochachtung seines Vaters verdient.

    Im übrigen geht es doch auch um den Beruf und die Aufgabe des Soldaten. Wogegen ich mich wehre ist die Behauptung, Soldaten, die tun, was Soldaten zu tun aufgetragen ist, nämlich gegebenenfalls zu töten, müssten Psychopathen sein.

    Die Menschheit existiert seit ca. 120 000 Jahren – oder sind es 160 000? In all diesen Jahrtausenden und Jahrhunderten war das direkte Töten eines Mitmenschen – Aug in Aug, mit Körperfühlung – eine normale Sache. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich das geändert. Das hat seine Vorteile, ich bin jedenfalls froh drum, es entspricht auch meiner Empfindlichkeit. Aber ich würde jetzt nicht daraus schließen, dass die Menschheit von Anfang an bis kurz vor heute pathologisch war und vor 40 Jahren plötzlich in den kulturell gesehen westlichen Nationen angefangen hat, gesund zu werden.

    (Ich konnte meiner Großmutter nicht zuschauen, wenn sie vergnügt und entschlossen eins ihrer Hühner abgemurkst hat. Aber spricht das nun gegen meine Großmutter oder gegen mich? Ich würde sagen: WIR sind super-empfindlich geworden, generell, was das körperliche Verletzen und händische Töten angeht, bei Mensch und Tier. Soweit es nötig scheint, wollen wir es entweder virtuell geschehen lassen und/oder outsourcen. Anthropologisch gesehen sind eher WIR, die Superempfindlichen, die Psychopathen. Mich eingeschlossen. 120 000 Jahre Menschheit wiegen anthropologisch schwerer als 40 Jahre Zeitgeschichte.)

    Schließlich: So wie ich, hätte ich im 19. Jahrhundert mein Unwesen getrieben, ziemlich penetrant über das Sexualtabu und seine Folgewirkungen samt heuchlerischen Verrenkungen geredet hätte, so tu ich das mit dem Todestabu von heute. WIR Menschen sind ziemlich perverse Wesen, auch heute noch, nur dass es die Zeitgenossen halt immer nicht so recht merken und allenfalls meinen, die anderen und die früheren seien pervers gewesen, man selber aber sei natürlich grundgesund.

    Es gibt vieles, was den Menschen charakterisiert, wenn man ihn mit dem Rest des Tierreichs vergleicht. Dass er Das Eingebildete Wesen ist, gehört dazu.

    Gefällt mir

  15. genova68 schreibt:

    „Die Menschheit existiert seit ca. 120 000 Jahren – oder sind es 160 000? In all diesen Jahrtausenden und Jahrhunderten war das direkte Töten eines Mitmenschen – Aug in Aug, mit Körperfühlung – eine normale Sache. “

    Na, das würde ich doch sehr bestreiten, dass das Töten so normal war wie Brot backen. Ansonsten ist dein Beitrag interessant, mir aber immer ein wenig zu allwissend. Woher nimmst du die Kenntnis, dass früher das Töten viel selbstverständlicher war? Wann ist früher und um welche soziologischen Konstellationen geht es? Ich kann mit solchen allgemeinen Aussagen, die sich auf 120.000 Jahre beziehen, wenig anfangen, solche Aussagen sind immer richtig und falsch zugleich. Wir wissen darüber viel zu wenig, um ernsthafte Aussagen treffen zu können. Wie hat um das Jahr 1000 ein durchschnittlicher abhängiger Kleinbauer gelebt? Umgeben von Wald? Er hat viel gearbeitet und Tiere getötet, um zu überleben. Empathie und vielleicht viel direktere und ehrlichere zwischenmenschliche Beziehungen als heute könnte man ja auch annehmen, ohne mediale und andere Ablenkung.

    Und warum soll ich Psychopath sein, weil ich keinem Huhn den Hals umdrehen will? Das sind skurrile Normsetzungen.

    120.000 Jahre gegen 40 Jahre, das ist mir alles zu simpel, das ist eine egozentrische historische Perspektive.

    Aber nimm´s nicht persönlich, IG, ich lese deine Kommentare gerne, sie sind hier eine Bereicherung. Sie sind mir persönlich nur manchmal zu, sagen wir, weltanschaulich ;-) Ich jedenfalls wüsste nicht, wie ich mal flott die 120.000-jährige Menschheitsgeschichte auf einen Satz bringen soll, ohne dass zuviel hintenrunter fällt.

    Mut zur Nichterkenntnis.

    Gefällt mir

  16. InitiativGruppe schreibt:

    Der Tod war den Menschen früher sehr viel näher als heute, im Sinne von direkt erlebbar. Da war die hohe Sterblichkeit, vor allem bei den Kindern. Aber auch das Fehlen von dem, was wir heute als Rechtsstaat bezeichnen und nicht missen möchten. Die Wahrscheinlichkeit, als Mann durch körperliche Gewalt umzukommen, war früher durchgängig sehr viel größer als heute. Ich schätze mal, dass das jedem der Menschheitsgeschichte studiert, unbestreitbar erscheint, auch wenn ich jetzt keine einschlägige Studie zitieren kann.

    Wann immer man Detailstudien liest, die Gewaltverhältnisse thematisieren, bekommt man diese Information recht eindrücklich mit. Man kann das dann leicht hochrechnen und als Regelfall annehmen – der gewiss Ausnahmen zulässt. Die Tötungshemmung war gegenüber denen, die außerhalb der eigenen (engen) Gemeinschaft standen, nicht durch christliche Moral, nicht durch rechtsstaatliche Mittel, nicht durch nervliche Empfindlichkeit gesichert. Die technischen Möglichkeiten haben außerdem das Killen auf Entfernung und ohne persönliche Beobachtung auch nicht leicht gemacht – es war dann schon meistens eine direktes Handanlegen.

    Zu diesen Detailinformationen gehört, dass praktisch alle Quellen zur Vergangenheit uns nahelegen: Es gab früher sehr sehr viel mehr Schlägereien unter den Männern. Ich hab grad vorhin von den Zuständen gelesen, die in den Ratsstuben des 15. Jahrhunderts geherrscht haben, wo sich die Stadtelite gesellig getroffen hat … Da muss es oft zugegangen sein!

    Oder schau dir die Geschichte des Studentenlebens an, vom Mittelalter bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts … Da hat man gut daran getan, als Student der unter Studenten normalen körperlichen Gewalt gewachsen zu sein – auch wenn man das Gegenbeispiel nimmt, wie etwa die Studenten Goethe, Büchner oder Heine sich dem ebenso blöden wie blutigen Spiel zu entziehen versucht haben.

    Sogar in meiner Kindheit war es noch recht üblich, dass sich die Jungs gegenseitig verhauen. Das hat einfach dazugehört. Mein Vater hat darüber nur gelacht. Das braucht ein Junge, damit er stark wird. Mir hat es gar nicht gefallen, ich war dazu zu zimperlich. Bestimmt nicht zu zivilisiert oder zu friedlich oder zu empathisch.

    Schließlich, als letztes Argument hierzu: Man hatte früher kaum eine Hemmung, Tiere selber zu schlachten und auszunehmen. Heute reagieren wir da — viele von uns — ich sag mal, neurotisch, nicht psychopathisch.

    Vor diesem Hintergrund finde eher ich UNS krank. Ich mich selber auch. Es ist doch nicht normal für einen Menschen, dass es ihm davor graust, einer Henne den Hals umzudrehen. Normal ist es natürlich schon für uns hier und heute – mit normal meine ich jetzt anthropologisch die ganzen 100 000 und mehr Jahre der Menschheit betrachtend.

    Ich bleibe bei meinem anthropologischen Gesamtargument. Gewalttätiges Verhalten (bis zu Totschlag, Mord und kriegerischem Töten) ist ein ganz natürlicher Teil der Geschichte der Menschheit. Ein Mann musste das früher können. Mit den letzten Phasen des „Prozesses der Zivilisation“ wendet sich dieses Blatt, der Mensch wird schrittweise zimperlicher, körperlicher Gewalt abgeneigt.

    Das hat eine entschieden positive Seite. Aber mich interessiert auch die Rückseite der Medaille. Dem Gewinn steht offensichtlich auch ein Verlust gegenüber. Der wiegt schwer, weil er das (neben der Geburt) dramatischste empirische Faktum des menschlichen Lebens unerträglich macht: den Tod. Das Verrecken.

    Worum ging es mir? – Darum, dass ich die Soldaten, die engagiert und mutig ihren Job tun, zu dem auch das Töten gehört, vor dem pauschalen Vorwurf retten will, sie seien Psychopathen. Unter den Soldaten gibt es Psychopathen. Sadisten. Mörder. Männer, die Soldaten werden, weil sie eine Lizenz zum Töten kriegen wollen. Der Anteil der Verbrecher in einer Truppe dürfte fast immer über 10% liegen, und das ist ein Albtraum, wenn man denkt, welche Möglichkeiten sich da diesen Verbrechern eröffnen.

    Aber ich weigere mich, die Männer, die im 2. Weltkrieg gekämpft haben oder die Bosnier, die in den 90er Jahren Sarajewo verteidigt haben oder die Vietnamesen, die gegen die Amerikaner gekämpft haben oder die Guerilleros im Süd- und Mittelamerika des 20. Jahrhunderts etc. pauschal als Psychopathen zu verunglimpfen. Oder als Mörder.

    So einfach ist die Welt und ist das reale Leben nicht, dass man einfach sagen könnte: Das Töten eines anderen Menschen ist immer Mord und Unrecht und Ausdruck einer pathologischen Psyche.

    Gefällt mir

  17. genova68 schreibt:

    Alles interessant, ich antworte die Tage, habe jetzt leider nicht die Zeit.

    Gefällt mir

  18. genova68 schreibt:

    Ob wir krank sind, weil wir einer Henne nicht mehr den Hals umdrehen wollen? Hm. Wer ist „wir“? Auf dem Land werden auch heute noch Hasen geschlachtet und Hennen der Hals umgedreht, oder die vielen Angler. Ich weiß nicht, ob man da mit „krank“ argumentieren muss. In Extremsituationen sind wir auch heute in der Lage, den Mitmenschen aufzuessen um zu überleben. Krank wäre es eher, wenn ich der Henne den Hals umdrehe, auch wenn ich keinen Hunger habe.

    Und „pauschal als Psychopathen“ hat Waal niemanden verunglimpft, sondern den, der ins Auge blickend einen Menschen tötet. Aber stimmt wohl: Der Begriff „Psychopath“ ist da schon ein schwerwiegender. Ich stimme aber der Grundhaltung zu, dass man Krieg generell als etwas Perverses betrachten sollte, siehe Mladic, der jetzt gefasst wurde. Die Haltung, Krieg sei etwas heroisches, und man könne damit irgendwelches Unheil abwenden, ist populär, aber letztlich falsch. Und man komme nicht mit der Extremsituation Hitler.

    Wer einen Krieg anzettelt, ist Psychopath. Solch eine Stigmatisierung würde, gesellschaftlich akzeptiert, so manches verhindern, auch den Afghanistanquatsch.

    Gefällt mir

  19. Danny schreibt:

    Ich bin zwar kein psychopath,
    Aber ähnlich den ich bin gefühllos und denke nur an mich.
    Ich werde zur Bundeswehr gehen weil es mein Traum Job ist, wenn ich jemanden töten muss dann ist das so.

    Gefällt mir

  20. genova68 schreibt:

    Sehr richtig.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s