Kurze Bemerkung zur Olympiade

Bei Olympia regieren McDonald’s, Coca Cola und Adidas. Deshalb behält sich das Organisationskomitee vor, Zuschauer nach Kleidung auszusuchen. Heißt: Wer den falschen Schriftzug trägt, bleibt draußen.

schreibt der Fokus. Gesagt hat das der Olympia-Chef Sebastian Coe. Das IOC ruderte danach zurück, klar. So offiziell möchte man die totale Abhängikeit vom Kapital dann doch nicht kommuniziert sehen. Aber schön, dass Herr Cloe so aus dem Nähkästchen plaudert. Diese Form der Selektion verstieße sicher gegen britische Gesetze der Gleichbehandlung. Aber die Olympiade ist wahrscheinlich offiziell eine private Veranstaltung, auch wenn die Queen mitmacht. Da laufen solche Aussortierungen wie bei einer Krawattenpflicht: Es soll ein bestimmtes Dressniveau durchgesetzt werden, aber nun nicht mehr im Namen der bürgerlichen Gesellschaft, sondern nur noch ganz unverblümt im Namen des Kapitals.

Nicht schlecht auch die Begründung Cloes laut Handelsblatt:

Die Rechte der Sponsoren müssten geschützt werden, weil ihre Gelder einen Großteil des laufenden Olympia-Etats bestritten.

Zu den „Rechten“ des Kapitals gehört also nicht nur, dass Coca-Cola überall an den olympischen Veranstaltungorten seine Produkte bewirbt, sondern auch, dass die Firma tendenziell über die Oberfläche jedes einzelnen Besuchers verfügen darf.

Mal davon abgesehen, dass die Veranstalter die olympische Idee schon dadurch pervertieren, dass mit Coca-Cola und McDonald zwei Fett-und-Zucker-Experten sich für Milliarden Menschen erfahrbar als sport-, gesundheits- und fitnesskompatibel positionieren können.

Die Olympischen Spiele finden bekanntlich im Londoner Osten statt, einem sozial benachteiligten Viertel, wie man sagt. Dass es den Leuten dort danach besser geht, ist nicht zu erwarten, eher, dass sie vertrieben werden. Wie mit den Einzelhändlern vor Ort, also mit denen, um deren Wohl man angeblich besorgt ist, umgegangen wird, schreibt der Fokus weiter:

Wie weit das IOC bei Nicht-Aktiven geht, um seine Marke zu schützen, beweist auch der Umgang mit britischen Einzelhändlern: Ein Café-Besitzer in London hatte in seiner Auslage fünf Bagel in Form der olympischen Ringe angeordnet – auf Druck der Organisatoren musste er sie entfernen. Ähnlich erging es einem Metzger in Weymouth im Südwesten Englands, der die Olympia-Ringe aus Würsten geformt hatte.

Rund um die olympischen Wettkampfstätten wurde es rund 800 Einzelhändlern untersagt, während der Spiele Pommes Frites zu verkaufen – um die Rechte des Großsponsors McDonald’s nicht zu verletzen.

Wohlgemerkt nicht nur im Stadion, sondern auch außenrum. Es geht da nicht um paar Pommes weniger, die McDonald´s ohne das Verbot während der Olympiade verkaufen würde. Es geht um die Marke, deren perfekte Inszenierung man sich nicht nehmen lassen möchte. Wo der Jesus am Kreuz heute von Titanic bis Kunstschaffenden sich die Aura nehmen lassen muss, sind Coca-Cola und McDonald´s vor solchen Beeinträchtigungen gefeit.

Es ist eine totale Kontrolle in einer einzigartigen Situation: Über mehrere Wochen werden weltweit Milliarden von Menschen vorm TV sitzen und Menschen beim Sporttreiben zuschauen. In diesem Umfeld Marken aufzuladen bedeutet, tatsächlich noch realwirtschaftliche Gewinne erzielen zu können, also nicht immer einen Großteil des Kapitals in diese hibbeligen und fickerigen Finanzmärkte kippen zu müssen, bei denen sich die Rendite als unsicher erweist.

Es sind Spiele des Kapitals, sonst nichts. „London“ bewarb sich als Austragunsort, was auch immer „London“ sein soll. Die Stadt zahlt aus Steuergeldern Unsummen für die Infrastruktur, das IOC kassiert. Es geht nicht um Stadtentwicklung, es geht ums Rentieren derer, die etwas zum Rentieren haben.

Interessant, was Wikipedia dazu schreibt:

Das IOC wehrte sich ursprünglich gegen die Finanzierung durch Sponsoren. Erst nach dem Rücktritt des als sehr prinzipientreu geltenden Avery Brundage im Jahr 1972 begann das IOC, das Potenzial des Mediums Fernsehen und den damit verbundenen lukrativen Werbemarkt auszuloten. Unter der Präsidentschaft von Juan Antonio Samaranch passte sich das IOC immer mehr den Bedürfnissen internationaler Sponsoren an, die ihre Produkte mit den olympischen Namen- und Markenzeichen bewerben wollten.

Bemerkenswerterweise fällt der Kommerzialisierungsbeginn 1972 mit dem Beginn der neoliberalen Ära überhaupt zusammen, mit der Kündigung von Bretton Woods. Bis dato war es also möglich, dass Sportler gegeneinander antreten, rennen, schwimmen, springen, spielen ohne Coca-Cola, McDonald´s und Co. Heute heißt es, diese bestritten „einen Großteil des laufenden Olympia-Etats“. Auch so ein Neusprech, der suggeriert, dass es ohne diesen Etat nicht gehe.

Fadeout

P.S.: Eine gute Nachricht gibt es doch: „Deutschland“ hat auch am zweiten Tag keine Medaille gewonnen. Das melden besorgte Radiosender.

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7 Antworten zu Kurze Bemerkung zur Olympiade

  1. chriwi schreibt:

    Die Idee Olympia ist an und für sich eine sehr gute. Aber wie alle Ideen lassen sie sich Missbrauchen. Die Spiele propagieren Frieden, sind gegen Rassimus und sollen Einigkeit symbolisieren. Hinter den Kullissen werden Menschen vertrieben die Armen müssen draußen bleiben und das Ereignis verkommt zu einer Verkaufsendung. Aufhalten wird man diesen Trend wohl eher nicht. Überall wo sich viel verdienen lässt kommen die Großen Konzerne angeschlichen und drücken Ihre Interessen durch. Wir klatschen Applaus und verbinden Coca Cola mit einem sportlich gesunden Fitness Drink (allerdings sind fast alle Säfte schlimmer als Cola, zumindest was den Zucker angeht), McDonalds mit Genuß und ettliche Sportartikelhersteller mit hoher Qualität (Artikel nicht etwa gefertigt in den Slums dieser Welt).

    „Eine gute Nachricht gibt es doch: “Deutschland” hat auch am zweiten Tag keine Medaille gewonnen.“

    Warum ist das eine gute Nachricht? Die Sportler können nichts dafür (zumindest die Amateure), dass sie dermaßen Missbraucht werden. Diese haben den Anspruch sich mit den Besten zu messen. Das sie dabei dann über Werbung Geld verdienen können, kann man Ihnen nicht verübeln. Sie prostituieren sich wie wir alle die wir arbeiten gehen.

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  2. genova68 schreibt:

    Eine gute Nachricht deswegen, weil ich heute Morgen in einem Berliner Dudelfunk Nachrichten hörte, da war die erste Meldung eben die, dass „wir“ immer noch keine Medaillien haben. Es wird in diesen Kreisen nun auch Olympia nationalistisch aufgeladen. Und da freue ich mich über jeden deutschen Sportler, der nicht auf dem Treppchen steht. Dann steht halt jemand anderes dort, der offenbar besser war.

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  3. ebookvonpewi schreibt:

    @Chriwi: Welche Amateure? Nur mal so am Rande.

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  4. hANNES wURST schreibt:

    Diese Form der Zuhälterei betreibt doch jeder, der sich nur ein Buch, eine CD oder eine DVD kauft. Etwas eigentlich befreiendes, ein kreativer Prozess, den ein Künstler ja bekanntlich durchführen MUSS ganz egal ob er will oder nicht, wird auch noch mit Geld entlohnt und der/die KünstlerIn wird so zu unserem / unserer Stricher / Nutte. Als wären Aufmerksamkeit und Lob nicht Belohnung genug.

    Der Kapitalismus könnte mir noch das Scheißen versauern, indem er meinen Haufen sponsert! Das einzige probate Gegenmittel ist, nur noch für Dinge zu bezahlen, die einen Materialwert haben, und Dienstleistungen – ganz gleich welcher Art – höchstens noch in Tauschgeschäften (einmal Ficken für zehnmal Babysitten, ein in der Ehegemeinschaft durchaus schon übliches Geschäft) einzubringen.

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  5. genova68 schreibt:

    Einmal Ficken für zehnmal Babysitten ist nur mittelprächtig entlohnt, finde ich. Aber grundsätzlich ein Geschäftsmodell mit Zukunft: Nach hundertmal Babysitten hast du dann schon zehn Babys mehr zum Sitten. Es ist fast wie Zins und Zinseszins und zeigt, dass der Kapitalismus auch ohne Geld funktioniert.

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  6. Yunus schreibt:

    Gerade erste Medaille für Deutschland (Fechtfinale -> Silber)
    Einen schönen Abend noch :-)

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  7. Yunus schreibt:

    Ich hab hier was für Dich was ich definitiv genauso peinlich und erschreckend finde wie Du.

    Damit auch mal Wasser auf Deine Mühlen von meiner Seite aus ;-)

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