TV-Diskussion 1978: es krümelte noch

Auch als update zu der Diskussion im vorangegangenen Artikel zu lesen

In Zeiten von hart aber fair nicht mehr vorstellbar: Eine Diskussionsrunde, die mit einem open end konstruiert ist, letztlich gut drei Stunden dauert, eine Runde, in der die Teilnehmer sich gemütlich auf Ledersofas lümmeln, wo beim Reden gedacht werden und Pausen gemacht werden darf, ohne unterbrochen zu werden, mit Salzstangen auf dem Tisch, rauchen durfte man auch, mit einem Moderator, der in seiner ganzen Lässigkeit seinen Job ernst nimmt (und heute bei den TV-Anstalten nicht mal als Praktikant noch eine Chance hätte). Wo miteinander reden noch den Anspruch hatte, zu Erkenntnis zu gelangen.

Unvorstellbar heute. Ganz hervorragend schon die Vorstellung von Daniel Cohn-Bendit ab 1.45. Er ist stolz auf seine Arbeitslosigkeit und niemand kommt mit dem Zeigefinder. Heute führt man lieber Hartz-IV-ler vor, die mit belegter Stimme berichten, dass sie schon 500 Bewerbungen geschrieben haben. Öffentliche Entwürdigung am Fließband, um allen klarzumachen, dass man sich als Arbeitsloser devot zu verhalten habe. Selbst Matthias Walden, der konservative Welt-Journalist in der Runde, argumentiert völlig seriös und ist um Vermittlung bedacht.

Demnächst soll uns ja eine Programmreform bei der ARD jeden Abend eine Talkshow bescheren. Auch eine Art Fließband. Es ist in weiten Teilen eine Massenverblödung, die da stattfindet, das ist bekannt. Die immergleichen Gäste, die meist keine Fachleute zum Thema sind, sondern Populisten. Alleine die Tatsache, dass Generalsekretäre von Parteien eingeladen werden, lässt die Arbeitshypothese, die zuständige TV-Redaktion nehme ihre Zuschauer ernst, zusammenbrechen. Eine organisierte sanfte Entmündigung, die ohne einen rigiden Pseudorationalismus zusammenbrechen würde. In PR-Slogans verpacktes Dauergeplapper von bis in körpersprachliche Details inszenierten Teilnehmern, das als Teil der seriösen Meinungsbildung in einer Demokratie präsentiert wird. Jedes Augenzucken würde von der boulevardesken Kameraführung übergroß eingefangen und vom eingelullten Zuschauer in seiner Eigenschaft des Hobbypsychologen als Schwäche ausgelegt. Salzstangen auf dem Beistelltisch wären da ein authentisches Accessoire, es könnte krümeln, also weglassen. Das totale Geschnatter als Mittel, Menschen vom Engagement abzuhalten.

Beim Rückblick auf die Nenning-Runde kann man sich der Einsicht nicht mehr verschließen, dass wir zumindest teilgesellschaftlich auf einem katastrophalem Niveau angekommen sind.

(Mit Dank an lara.)

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5 Antworten zu TV-Diskussion 1978: es krümelte noch

  1. ppp schreibt:

    Die katastrophalste Auswahl der Gäste macht wirklich die Maischberger – interessiert sie sich gar nicht dafür, dass ihre Sendung zum Trash verkommt? Sind da irgendwelche Dadaisten in der Redaktion?

    Dazu kommt besonders bei Hart aber Fair noch diese Machart, bewusst die Gäste mit süffisanten Einspielfilmchen fertigzumachen und das aufgeblasene Ego des Moderators.

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  2. Nihilist schreibt:

    @PPP

    Eben, ich werde nie irgendwo eingeladen. Huhu, hier bin ich. ALG-2-Experte (seit 1.1.2005 im Bezug dieser „grandiosen“ Leistung).

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  3. genova68 schreibt:

    Ja, Maischberger, ist mir auch schon aufgefallen. Die lädt in gewisser Weise Extremisten ein, eine Verständigung ist nicht möglich. Und sie selbst kommt so komisch arglos und naiv daher, da blicke ich auch nicht durch. Vielleicht ist die doch eher begrenzt, ein fleißiges Bienchen, sonst nichts.

    Auf redaktioneller Seite geht es, so weit ich das mitkriege, um Zuverlässigkeit. Man lädt Leute ein, die eine bestimmte Rolle spielen und pünktlich zur Sendung kommen. Würde Baring nicht mindestens einmal pro Talk ausrasten, würde er wahrscheinlich nicht mehr eingeladen.

    Hart aber fair, ja, volle Zustimmung. Plus die lächerliche Einbeziehung des Stimmpöbels, indem man möglichst simpel formulierte Mails vorliest, die sowas wie den gesunden Menschenverstand zum Ausdruck bringen sollen. Es ist diese populistische Variante von Demokratie, die dazu geführt hat, dass heute vorwiegend Rechtsradikale Volksabstimmungen fordern, Stichwörter „gesunder Menschenverstand“ und „schweigende Mehrheit“.

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  4. Lara schreibt:

    Bei Anne Will waren vor einiger Zeit zum Thema „Dr. Guttenberg“ Dieter Wedel, Alice Schwarzer und Monika Hohlmeier neben Ulrich Jörges und Karl Lauterbach, die irgendwie noch rein passten. Dass Hohlmeier dabei war, weil sich alle anderen CSU Spitzen für die Debatte zu schade waren, war relativ klar, was die Einladung von Schwarzer und Wedel anbelangt so macht dies deutlich, dass man die Debatte notfalls auch führt, wenn sich niemand Kompetentes findet. Dazu auch die FAZ.

    Ich muss allerdings sagen, dass es mich erstaunt keine solche Debatten wie die oben genannte zu finden. Es ist schlicht keine Kostenfrage mehr, es ist eine Zeitfrage. Damals war eine solche Nachtsendung im ORF in etwa das, was heute ein schlecht besuchter Blog ist. Es ist bezeichnend, dass die Sendung – zumindest ist das meine Annahme – heute mehr gesehen wurde, als in den letzten 30 Jahren inklusive Erstausstrahlung.

    Eine regelmäßige Open-End-Diskussion, in der Zeit besteht 5 Minuten auszureden… ich denke, das hat im Fernsehen absolut keine Chance – muss es aber auch nicht. Im Internet herrscht kein Platzproblem und es herrscht weniger Zeitproblem, da hier der über Zeit gestreckte Zugriff die Regel ist.

    Vielleicht einmal alle zwei Monate? Wenn die Themen so brenzlig sind, wie das Thema 68 damals war, bin ich mir sicher, dass das ein Format mit Zukunft wäre.

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  5. genova68 schreibt:

    Ja, die Quoten dieser Club2-Talkshow waren sicher nicht doll. Aber das ist erstmal nur eine Annahme. Außerdem ist das wurscht, denn selbst 300.000 oder 500.000 sind eine große Zahl Menschen, auch wenn das als Quote heute niemanden mehr beeindruckt. Und ich weiß nicht, ob heute das Verlangen nach sowas nicht groß wäre. Ich denke, dass viele der Willetc.-Zuschauer merken, dass sie verulkt werden, aber man ist halt dressiert.

    Früher gab es die Talkshows Freitag Abends (oder vielleicht gibt es sie noch), auch mit Nenning und anderen, war das nicht das gleiche wie Club2? Jedenfalls waren die auch open end.

    Es spielt eine Menge mit rein bei der Frage, warum es solche Redesendungen nicht mehr gibt. Das Keimfreie heute, Hauptsache gesund, Hauptsache, zweckorientiert, Hauptsache allgemeinverständlich und allgemeinbekömmlich etc. Alleine die Körperhaltungen der Hampelmänner heute, die Stühle, die wahrscheinlich gar keine andere zulassen, es hat schon was geklontes. Andererseits: Wenn man heute diese Gäste fünf Minuten reden ließe, wären es in der Regel fünf Minuten PR-Geplappere. Mir imponierte wirklich Herr Walden in dem obigen Video. Solche Leute gibt es bei den Konservativen heute nicht mehr.

    Ich meine aber, hart aber fair zu WDR-Zeiten ok gefunden zu haben (ohne es ernsthaft geguckt zu haben). Warum, weiß ich nicht mehr. Ich habe das vor ein paar Monaten mal wieder gesehen, das ist Trash-TV, so offensichtlich.

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