Formen der Entmündigung

Erste Meldung (8. März, Süddeutsche, Printausgabe, S. 8):

Die 20-jährige Marisol Valles war bis vor kurzem Polizeichefin eines von Drogenbanden kontrollierten mexikanischen Ortes mit 4.000 Einwohnern. Jetzt hat sie kapituliert. Sie war im Oktober 2010 als „mutigste Polizistin“ Mexikos gefeiert worden, weil sie einen Job übernommen hatte, bei dem die Wahrscheinlichkeit, ermordet zu werden, ziemlich groß war. Eigentlich wollte sie Ängste überwinden. Jetzt hatte sie zuviel Angst, sie befindet sich auf der Flucht und hat in Texas einen Asylantrag gestellt. Morddrohungen und Morde sorgten dafür, dass sich die Bevölkerungszahl in der Region in den vergangenen fünf Jahren halbiert hat. Journalisten, Politiker und Unternehmer fliehen, schreibt die SZ.

Zweite Meldung (Süddeutsche, 11. März, Printausgabe, S. 18):

Carlos Slim muss nicht fliehen, obwohl er auch Mexikaner ist. Er ist, genauer gesagt, Unternehmer und der reichste Mann der Welt (74 Milliarden US-Dollar). Sein Geld verdient er vor allem mit dem Lieblingskind des Kapitalismus, der Monopolwirtschaft:

„Er ist das Symbol für Mexikos Monopolwirtschaft – fast alle Bewohner und Besucher füllen die Kassen seines Imperiums, das ganze Branchen kontrolliert. Sein Fernmeldegigant Telmex ist ein Schwergewicht an der nationalen Börse, und seinem Clan gehören die wichtigsten Anbieter von Festnetz, Mobiltelefon und Internet, außerdem Immobilienriesen, Bergbauunternehmen, Autozulieferer und Kaufhäuser, Banken, Restaurants und Bohrinselbauer, Tabakkonzerne, Pensionsfonds, Fliesenhersteller, Versicherungen  und Beteiligungen in ganz Amerika. Nur der Staat hat noch mehr Angestellte als Slim, der 250.000 Arbeitsplätze stellt. ´Mexiko AG` spottete die Zeitung Jornada über Slims Konglomerat. ´Pervertierter Neoliberalismus, beschützt von der Politik`, schimpfte der linke Ökonom Mario di Constanza.“

Nebenbei: Slim war laut SZ „gut befreundet“ mit Marcial Maciel, „einem korrupten Kinderschänder und Gründer der ultrakonservativen Legionäre Christi.“

Dritte Meldung (Süddeutsche, 11. März, Printausgabe, S. 17):

„Die wachsende soziale Ungleichheit legt die Saat für neue Krisen“, schreibt Moritz Koch in einem bemerkenswerten Kommentar im Wirtschaftsteil der SZ. Dort, wo sich normalerweise Sozialdarwinisten vom Schlag eines Marc Beise austoben, stellt Koch eine interessante These auf:

„Vermögensunterschiede lassen die Nachfrage nach Krediten anschwellen, weil das Luxusleben der Oberschicht Begehrlichkeiten weckt.“

Klingt interessant. Thatcher, Reagan, Yuppietum, Prassen als Prinzip. Ob es der gaffende Kleinbürger vorm Hotel Adlon ist, die Masse an SUVs oder die Popularität Guttenbergs, weil er 600 Millionen Euro hat. Geld als Fetish oder Geld als Mittel zur Fetischisierung des Lebens, das alles kam in den 1980ern wieder in Mode. Nicht zu verwechseln mit Hedonismus.

So haben die Reichen zuviel Geld, um es noch auszugeben und legen es in virtuellen Welten an. Und die Armen nehmen Kredite auf, um so tun zu können, als seien sie reich. Auch eine Form der Entmündigung.

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