Mubarak und Guttenberg – von der Wirkungsmacht politischer Kommunikation

Die Bezug zwischen beiden Staatsmännern in der Überschrift ist hetzerisch. Wen es stört, bitte ändern in „Guttenberg geht – Frühling kommt“ o.ä. Andererseits sind Bezüge zwischen Mubaraks und  Guttenbergs letzten Tagen nicht von der Hand zu weisen. Unterschiede ebenso.

1.Beide logen bis zum Schluss, they have left the building mit Schuldzuweisungen an andere und der dreisten Bagatellisierung des eigenen Anteils. Mubarak aber weniger effektiv: pathetisch, in einem vormodernen Stil („Meine geliebten Söhne und Töchter!“) Mubarak log so plump und offensichtlich, das sein PR-Berater sicher die Hände vorm Gesicht zusammenschlug und einen Tag später weite Teile des Herrschaftssystems ihren Geist aufgaben. Mubarak knatterte mit dem Hubschrauber ins Nirgendwo.

Guttenberg war beraten von PR-Strategen, die auf der Höhe der Zeit sind. Sein wichtigster Berater hieß (und heißt wahrscheinlich immer noch) Joachim Peter. Der war vorer, oh Wunder, Parlamentskorrespondent bei der Welt, also Springer.

Die Guttenbergs Abschiedsrede war erwartungsgemäß interessant, gespickt von Tricks, die alle dazu dienten, ihn als das Unschuldslamm, den Verfolgten, den Selbstlosen, den Aufrechten darzustellen. Getäuscht hat er nicht. Nach wie vor fragt er sich offenbar: „Wie konnte das passieren?“ Er trat zurück, so erfuhren wir, weil er sich um seine toten Soldaten sorgte. So geht das. Er trat erst so spät zurück, weil er noch zu tun hatte:

„Es gehört sich, ein weitgehend bestelltes Haus zu hinterlassen, weshalb letzte Woche noch einmal viel Kraft auf den nächsten entscheidenden Reformschritt verwandt wurde, der nun von meinem Nachfolger bestens vorbereitet verabschiedet werden kann.“

Der arme Kerl. Er musste also die Tage seine Doktorarbeit nochmal komplett durchackern UND die Bundeswehrreform voranbringen! Oder wollte er noch schnell nicht mehr hintergehbare Entscheidungen treffen?

Anschaulich analysiert hat die Rede Peter von Becker im Tagesspiegel. Sie, wie auch seine vorangegangenen zwei, sollten künftig zur Anschauung in Rhetorikkursen dienen.

Guttenberg  entschwand nach seiner Rede im gut sitzenden Anzug federnd in den Hintergrund des Raumes, dann auf die herrschaftliche Treppe nach oben in den ersten Stock. Ein perfektes Bild. Kein Outlaw, keine Flucht, keine Hektik. Man stelle sich vor, er hätte eine schmale Treppe in den Keller benutzt.

2. Beide Aufstiege wären ohne die kräftige und völlig unkritische Mithilfe der Medien nicht möglich gewesen. Mubarak machte das rustikal und gewalttätig, mit Zwang, Verboten, Drohungen, Folter. Das führte zu so grotesken Berichten im Staatsfernsehen wie dem, wonach an den Vorkommnissen auf dem Tahrir-Platz nur Engländer, Tunesier und Juden beteiligt gewesen seien: „Ägypter waren keine zu sehen.“

Guttenberg ging den zeitgemäßeren Weg: Er brachte von Haus aus günstige Eigenschaften mit (blaues Blut, weiße Zähne, blonde Frau, bunte Rhetorik), erwarb einen Doktortitel und ideologisch eine neoliberale Grundausstattung. In den Machtverhältnissen bei den Medien brauchte man da keinen Zwang mehr zur positiven Berichterstattung und zur Vermeidung von allem, was nach Recherche und kritischem Journalismus aussehen könnte. Es lief wie geschmiert. Die Yellow Press stieg begeistert ein. Guttenberg mit Kerner auf Talkshow in Afghanistan war wohl der Höhepunkt dieser speziellen Form journalistischen Engagements. Zwang, Verbote und Drohungen wären da geradezu ineffektiv gewesen. Ausnahmen bestätigten die Regel. Die Wende in der Berichterstattung kam erst in den letzten Monaten.

3. Beide Rücktritte waren ohne das Internet nicht denkbar. Ohne Twitter und Blogs einerseits und das Wiki Guttenplag andererseits wäre die Organisation der Proteste bzw. das Offenlegen der Fälschungen wohl nicht rausgekommen. Kein Journalist hätte sich wochenlang hingesetzt und geprüft, Fischer-Lescano auch nicht. Die Masse macht´s, sobald sie zu einer kritischen wird. Der Begriff des informationstechnischen Zeitalters bekommt einen spezifischen Gehalt.

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Wer jetzt noch nicht davon überzeugt ist, dass die Affäre Mubarak und die Affäre Guttenberg einiges gemeinsam haben, den verweise ich auf den Freiherrn persönlich. Der beschwerte sich gestern über den

„Umstand, dass wochenlang meine Maßnahmen bezüglich der Gorch Fock die weltbewegenden Ereignisse in Nordafrika zu überlagern schienen.“

Guttenberg ist weggeschrieben worden mithilfe von Internetaktivisten, Angehörigen des Bildungsbetriebs und einer Presse, die sich dann doch mal wieder auf ihre eigentlichen Aufgaben besonnen hat. Dass die Kriterien eines kritischen Journalismus künftig generell wieder öfter Anwendung finden, ist aber eine unrealistische Hoffnung. Der Journalist Tom Schimmeck hat kürzlich beschrieben woran es krankt. Nichts neues, aber schön zusammengefasst:

„Viele Medienmacher verkünden inzwischen stolz, daß sie Bild jeden Tag als Pflichtblatt lesen – und zwar gerne. Dafür kann man aber schlecht Bild die Schuld geben. Das hat eher mit der Entleerung des Journalismus zu tun, dem Verlust von Begrifflichkeiten, Kategorien und Zusammenhängen, dem Trend zur schnellen News, zum Event. So greifen immer mehr Boulevard-Themen Platz. Auch werden immer mehr Themen nur noch als Personality-Geschichte aufgezogen, auch ein Boulevard-Phänomen. Fast alle Medien sind inzwischen Teil des Promizirkus.“

Zu ergänzen wäre, dass, meines Erachtens, hinter dem Verlust von Begrifflichkeiten, Kategorien und Zusammenhängen im Fall Guttenberg handfeste Kapitalinteressen stehen. Der Verlust von Begrifflichkeiten als Mittel zum Zweck. Die neoliberale Logik in der öffentlichen Kommunikation ist das Problem. Wäre Guttenberg seine allzu offensichtliche akademische Schummelei nicht in die Quere gekommen, es wäre in der medialen Berichterstattung über ihn munter weitergelaufen mit der Entbegrifflichung des Politischen. Guttenberg auf dem Times Square ist wirkungsmächtiger als Mubaraks Abnahme einer mächtigen Militärparade. Weiße Folter ist wirksamer als die althergebrachte. Wie schon an anderer Stelle geschrieben: Der Mann war fürs Kapital Milliarden wert. Der falsche Doktortitel war nur ein Zufallsprodukt.

Vielleicht könnte hier ja das ganze Bloggen, unabhängiger Journalismus im Internet etc ansetzen. Der professionelle Verlagsjournalismus wird das nicht leisten. Doch ich mache jetzt einen Punkt. Ist eh schon zu lang.

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4 Antworten zu Mubarak und Guttenberg – von der Wirkungsmacht politischer Kommunikation

  1. InitiativGruppe schreibt:

    Und jetzt warten wir mal ein Jährchen — und dann kommt die Dolchstoßlegende: der Held des Volkes als Opfer von Heimtücke und Hetze der linken Eliten …
    Und so wird er gloreich aus seinem politischen Grabe auferstehen und unter dem Jubel seines Volkes wieder in den Sattel steigen.

    Ihr kennt doch genug Horrorfilme, um zu ahnen: Das Böse hat Sieben Leben.

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  2. chriwi schreibt:

    Das befürchte ich auch. Die Kanzlerin und die CDU fängt ja schon fleißig mit dem Mythosbau an. Eine Kampagne der Neider sei es gewesen. Gerade die Angela solle wissen wie viel arbeit so eine Promotion macht.

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  3. Silvia Meier schreibt:

    Ich fürchte auch: Unkraut vergeht nicht….
    Mein Vater (CDU-Mitglied übrigens) kann die ganze Aufregung gar nicht verstehen. Er nimmt den Gutten doch tatsächlich in Schutz nach dem Motto: Aber er ist doch ein guter Politiker. Alle anderen taugen nichts.
    Das verstehe wer will. Ich nicht…

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  4. Nihilist schreibt:

    Heute in der örtlichen Tageszeitung – Fünf „Bürger“ wurden befragt, mit Foto dieser Leute und deren Meinung – die sind alle der Meinung das sei doch ein guter Politiker und man solle das von seinem Dr-Titel-Manöver trennen.

    Einstein hatte Recht – Die Dummheit mancher Menschen IST unendlich.

    Ich hab dann an die Zeitung geschrieben, es sollte doch in der Redaktion wenigstens einen Journalisten geben, der sich mal die – so wie Markword in der Werbung für Focus damals – Fakten, Fakten, Fakten – nimmt und sich zu einem ordentlichen Artikel zu dem Thema aufraffen sollte.

    Dazu hab ich dann Links auf Die Zeit und Spiegelfechter gesetzt. Vor allem wegen der Lüge, das Haus (also die Bundeswehrreform) sei bestellt.

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