Charlie Living: Vom Durchatmen der Concierge im Herzen Berlins

Audrey Penven kommt aus San Francisco und zog nach Berlin, weil die US-Stadt „eine Katastrophe ungleich verteilten Reichtums und eine Tech-Startup-Monokultur“ geworden sei. Die Mieten stiegen unkontrolliert und „alle, die San Fransisco zu einer lebenswerten, lebendigen Stadt gemacht haben – Künstler*innen, Musiker*innen, Theaterleute, Aktivist*innen und so weiter – haben es verlassen“. Sie möchte nicht glauben, dass die Gentrifizierung notwendigerweise alle Städte verändert. In ihrer Wahlheimat Berlin, so glaubt sie, habe das Kapital „noch nicht gewonnen, und vielleicht kommt es auch nicht dazu“.

Das schrieb kürzlich der Tagesspiegel.

Vielleicht kommt es nicht dazu, aber nur, wenn der Kapitalismus in seiner Logik außer Kraft gesetzt wird. Danach sieht es trotz Mietendeckel nicht aus. Wie hier schön öfter betont, gilt der nicht für Neubauten. Das wäre allerdings bitter nötig, denn sonst entsteht kein günstiger Wohnraum. Der Senat inklusive dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller müssten ganz klar machen, dass sich private Wohnungsinvestoren aus der Stadt verabschieden sollen. Es ist der einzige Weg, das Problem zu lösen. Denn wenn diese Leute weiterbauen dürfen, entstehen nicht nur keine preiswerten Wohnungen, sondern es werden immer weiter noch freie Grundstücke mit teuren Wohnungen zugebaut. Die Reserven schwinden.

Aktuelles Beispiel ist eine Neubausiedlung namens „Charlie Living“ (mit immerhin knapp 250 Wohnungen) von „Graft Architekten“ in Berlin-Mitte, gegenüber des Bundesfinanzministeriums:

Es ist formal eine heute übliche Architektur: im Grunde konservativ und ideenlos, was man durch ein paar Schwünge in den Fassadenelementen zu verbergen sucht. Preislich ist es ein Desaster: Eine 98-qm-Wohnung kostet nettokalt 2.116 Euro, eine Wohnung mit 53 qm liegt bei 1.227 Euro nettokalt. Eine vierköpfige Familie wäre also mit eher beengenden knappen 100 qm mit runden 2.300 Euro monatlich dabei. Einen Stellplatz für das Auto kann man für zusätzlich 150 Euro anmieten. Angeblich gibt es einen Concierge-Service. Worin der besteht, bleibt rätselhaft. In den Eingangsbereichen ist jedenfalls keine Concierge zu sehen und das nährt die Vermutung, dass sich hinter diesem schicken Begriff ein ordinärer Hausmeister verbirgt.

Im Kleingedruckten erfährt man, dass die Nutzung der Concierge, des „Gym“ und des „Clubraums“ („Meetingpoint für unsere Mieter“) mit monatlich noch einmal 53 Euro plus Mehrwertsteuer zu Buche schlägt. Perfide ist der Satz:

Der Abschluss des Servicevetrages für diese Extras ist nicht optional.

Im Klartext: Die Mieter erhöht sich um 53 Euro. Alleine die Tatsache, dass man das irgendwo weit hinten kommuniziert und sich hinter „nicht optional“ versteckt, ist ein deutlicher Hinweis auf die Unseriosität des ganzen Vorhabens. Was genau die Concierge nun für mich leistet, weiß ich immer noch nicht.

Die ausgewiesene Energieklasse B ist nichts, was Aufhorchen lässt, sondern bei einem Neubau heute schlicht Standard. Über ökologische Aspekte des Gebauten findet man keine Aussagen. Passivstandards, Photovoltaik, recyclingfähiges Material, Haltbarkeit und so weiter: keine Angaben.

Die Schwünge in der Fassade sorgen für teilweise absurd kleine Balkone:

Es ist ein schönes Beispiel für offensichtliche Funktionsdefizite, weil man einen Schein wahren will. Kein Balkon ist ohne Einschränkungen brauchbar, teilweise sind sie schlicht nicht zu nutzen, außer es reicht einem, einen Putzlappen zum Trocknen übers Geländer zu hängen. Jeder Sozialwohnungsbau aus den 1950er Jahren bot mehr, weil man auf Funktionalität achtete.

Die Ausstattung der Wohnungen ist ok, aber kein Luxus. Eichenparkett, Einbauküche, das war´s schon. Damit das nicht auffällt, setzt der Werbeprospekt auf solche Aussagen:

Großzügige Fensterfronten, offene Wohnküchen und die helle und freundliche Ausstattung der Bäder lassen durchatmen und bieten Lebensqualität.

Freundlich, da freut man sich im „Charlie Living“. Dazu gibt es eine

einzigartige Dachterrasse in luftiger Höhe mit einem großzügigen Blick über Berlin. Selbstverständlich ist sie für alle Bewohner zugänglich.

Leider ist sie von Oktober bis April wegen „Rutschgefahr“ geschlossen. Man merkt an solchen Details, wie unwichtig Details bei der Planung waren.

Überhaupt ist das Wording verräterisch. Die Wohnungen haben „Klasse und Geschmack – für Jung und Alt, für Trendsetter und Traditionalisten“. Man lebt natürlich „im Herzen Berlins“, wo „Ost und West wieder vereint sind“,  „in einer lebendig gewordenen, urbanen Idee, die kaum einen Wunsch offenlässt.“ Eine „grüne Oase, die zum Verweilen einlädt“ und Berlin ist selbstredend „eine pulsierende Stadt, die sich ständig neu erfindet und Menschen aus aller Welt magnetisch anzieht.“

Eigentlich sollten einem diese billigen Versatzstücke peinlich sein. Schlechter geht es kaum. In der Immobilienbranche jedoch ist nichts peinlich. Täuschung, Geplapper und Banalität sind das erste, was einem entgegenschlägt, wenn man im Charlie Living wohnen will. Es ist der Zustand des neoliberalen Lebens.

Ich habe hier vor einiger Zeit über einen großen Wohnkomplex in Wien berichtet. Dort gibt es nicht nur Dachterrassen (ganzjährig geöffnet), sondern dort oben sogar Freibäder. Die Balkone sind wegen der Terassenform alle gut nutzbar. Die Mieten liegen bei 300 Euro für eine Einzimmerwohnung, für fünf Zimmer zahlt man 800 Euro. 100 qm kosten runde 700 Euro, und zwar jeweils warm. Es gibt Hausmeister statt Concierges und einen Mieterbeirat für Demokratie statt Geplapper.

Das ist möglich, weil in Wien keine privaten Investoren gebaut haben und weil sich der Architekt für die Bedürfnisse künftiger Nutzer interessierte.

Wer sind Graft Architekten? Ein erfolgreiches Büro. Das Berliner Haus am Waldsee, eine vielbeachtete Galerie für „internationale Gegenwartskunst“, widmete Graft vor acht Jahren eine Einzelausstellung, die dazu diente, die Architekten intellektuell aufzuwerten. Das passiert im Haus am Waldsee meist mit ungeniert pseudointellektuellem Geplapper, das mehr an PR als an eine seriöse Ausstellung erinnert. Graft gehört demnach

zu den innovativsten Architekturlabors der Gegenwart. Da es seinen Sitz in Berlin, Los Angeles und Peking hat, erscheint es nur folgerichtig, das enorme Potenzial dieser Architekten- und Designgemeinschaft einem breiten Publikum in Berlin vorzustellen. Wie kein anderes Büro versucht GRAFT, Mehrdeutigkeiten, Gegensätze und scheinbar Unvereinbares integrativ zu denken. Aus dem Zusammenführen von Gegensätzen entsteht ein kreatives Gemisch, das zu ungewöhnlichen Lösungen führt. Grundlage dafür ist eine konsequent offene Haltung, die jeden Gedanken, jede noch so abwegige Idee der Beteiligten erst einmal zulässt.

Auch hier fragt man sich, warum eine Galerie, die vom Bezirk Steglitz-Zehlendorf und vom Berliner Senat (also aus Steuergeldern) finanziert wird, so dreist – und gleichzeitig billig – Werbung für den Ausgestellten betreibt. Der Weg zu Charlie Living war damals schon vorgezeichnet.

Man könnte den Graft-Bau wohl in eine aktuelle Tendenz der Architekturtheorie einordnen, wonach es heute weniger um Objektpräsentationen als vielmehr um Bildpräsentationen geht: Man schafft mit digitalen Technologien eine Fassade, bei der die Bildhaftigkeit dominiert. Wir zeigen diese Bilder im digitalen Raum und das reicht. Das, was in der Postmoderne begann – die Betonung des Bildes von Architektur -, setzt sich nun im digitalen Bild und dessen Formung fort. Sowohl Inhalt als auch Nutzwert rücken (siehe Balkone) immer weiter in den Hintergrund. Dieses Phänomen führt offenbar so weit, dass die Kunden(!) bereit sind, für schlecht Nutzbares viel Geld auszugeben, wenn das Bild davon etwas vermeintlich Trendiges vermittelt.

Dieser Graftbau mit seinen unverschämten Mieten, seiner banalen Bildhaftigkeit und seinem lächerlichen Werbewording ist auch in einer rot-rot-grün regierten Stadt möglich. Es zeigt, dass nach wie vor keine ernstzunehmenden Konzepte fürs soziale Wohnen existieren. Das, was an linken Ideen in der Tat vorhanden ist, schafft es weder in die öffentlichen Diskussionen noch gar in ein Regierungsprogramm. Auch unter rot-rot-grün dominieren Graft et al. und zementieren das aktualisierte Herr-Knecht-Verhältnis. Der Grundsatz der Kapitalrendite, die aus dem Boden gesaugt werden muss, ist das innerste Heiligtum. Es anzutasten, hätte vermutlich ähnliche Folgen wie die Mohammed-Karrikaturen bei verrückten Muslimen: die Ideologie siegt.

Vielleicht wird es besser, wenn die Künstler und Musiker Berlin genauso verlassen haben wie San Francisco – verlassen auch wegen der Architektur und dem Geplapper in Zusammenhang mit dem Graft-Bau. So lange warten sollten wir nicht.

(Fotos: genova 2020)

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Eine Antwort zu Charlie Living: Vom Durchatmen der Concierge im Herzen Berlins

  1. Hugo schreibt:

    (Von deren website) „Der Berliner Flughafen Tegel kann innerhalb von 25 Minuten erreicht werden.“ *loool*
    Bis auf 41 von 243 Wohnungen ist der Komplex übrigens schon vermietet.
    Und wenn die 52qm Fitnessraum, ein ebensokleines Kaminzimmer und draußen ne kleine Schaukel + kleines Trampolin unter Luxus verstehen, will ich dann doch mal wissen, was dann die Mittelklasse wäre. Luxuriös is da echt nur die Miete.
    Den/die Concierge scheints aber zu geben (höchstwahrscheinlich in dem einen Gebäude, wo sich auch die Dachterasse befindet; damit ned Hinz&Kunz da hochgeht). Muß ich mir bei meinem nächsten Berlin-Besuch, wenn die Welt wieder nur normalwahnsinnig ist, mal angucken.

    Genova: „Wir zeigen diese Bilder im digitalen Raum und das reicht.“
    Nuja, dann sollense konsequenterweise Computerspiele oder VR-Simulationen mit digitalen Ensembles ausstatten. Bei Star Trek ab TNG (also die mit Captain Picard&Data usw.) gabs schon Holodecks zur Zerstreuung, wäre doch ein zukünftige Betätigungsfeld für die „Kreativität“ von Architekten, Landschaftsplaner usw. usf.

    @“Vielleicht wird es besser, wenn die Künstler und Musiker Berlin genauso verlassen haben wie San Francisco – verlassen auch wegen der Architektur und dem Geplapper in Zusammenhang mit dem Graft-Bau.“
    Dieletzt mal in der taz: https://taz.de/Revitalisierung-schrumpfender-Staedte/!5738231&s=Zeitz/
    Ist zwar Speckgürtel Leipzig, wird aber um Berlin drumrum ähnlich sein.

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