Architektur und Alltag 15

Eine typische Villa im lombardischen (also italienischen) Teil der Alpen:

Wir sehen einen simplen Kasten am Hang (den späteren Anbau im Garten lassen wir außer Acht), einen fast quadratischen Kubus mit drei Stockwerken vorne und zwei hinten, Mezzanin, Flachdach, Überstand, sockellos. Wir sehen eine Natursteinfassade, keinerlei Gesimse, Friese, Pilaster, Bosse, Faschen, keine speziellen Eckgestaltungen, keine Bögen; nichts also, was dem Zweck widerspräche. Es ist eine unglaublich angenehme Architektur, die kein Protzen zulässt, sondern der Wirkung dessen vertraut, was konstruktiv notwendig ist und nichts weiter.

Die Fenster sind schmal und hoch, weil die Wände noch tragen müssen. Je breiter sie tragen, desto preiswerter die Konstruktion. Die Ecken widerstehen jeder orginellen Lösung, man lässt einfach ein Regenrohr herunterlaufen. Drohender Monotonie auf der Schauseite beugte man vor, indem man im ersten Stock einen Balkon mittig, im zweiten Stock zwei Balkone außen anbrachte. Das muss reichen. Der Eingang ist unprätentiös, ohne Markierung, ohne Stufen. Hier tritt kein König ein.

Mir fehlen sämtliche Informationen zum sozialen Status des Bauherrn und zum Baujahr. Ich vermute das 19. Jahrhundert, aber ohne triftigen Grund.

Man spürt: Hier kann man nichts hinzufügen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Man wäre Banause.

Ein prinzipiell ähnlicher Kasten ist die Villa Pisani in Montagnana in der Nähe von Padua (unteres Bild). Sie wurde 1555 von Palladio erbaut und gehört mittlerweile zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der Unterschied zu dem nicht zum Weltkulturerbe gehördenden oberen Kasten ist vor allem, dass Palladio all das, was oben weggelassen wurde, einsetzte: Gesimse, Fries, Dreiecksgiebel, Pilaster. Dazu kommen zwei übereinander angeordnete vierteilige Säulenreihen. Ein für Palladio dominanter Mittelrisalit oder ein wuchtiger Eingangsportikus fehlen bemerkenswerterweise.

Ich weiß nicht, inwieweit der Erbauer der oberen Villa sich an Palladio anlehnte. Vielleicht war das der damals übliche Stil, weil Palladios Einfluss ganz gewöhnlich, alltäglich geworden war. Die Weglassung all des Zierrats macht die obere Villa jedenfalls zu einem unerhört modernen Haus – wenn man unter modern nicht automatisch weiß getünchte Wände versteht. In gewisser Weise haben wir hier das perfekte Haus. Ästhetik und Funkionalität fallen zusammen. Repräsentation war offenbar nicht nötig, aber vielleicht hatte man auch nur kein Geld mehr.

Palladios Gefühl für Proportion in abgespeckter Variante: nicht die schlechteste Lösung.

(Fotos: genova 2018)

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Eine Antwort zu Architektur und Alltag 15

  1. eimaeckel schreibt:

    Same, Same but different. Ein kleiner Crash-Kurs in Architekturkritik. Vielen Dank 😊

    Gefällt 1 Person

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