Le Corbusier und die Barbarei

1926 sollte der Völkerbund, der Vorläufer der UNO, in Genf ein neues Hauptquartier bekommen. Man lobte einen Architekturwettbewerb aus, an dem auch Le Corbusier mit einem modernen Entwurf teilnahm. Es folgte eine der wohl ersten großen Auseinandersetzungen zwischen traditioneller und moderner Architektur.

Den Wettbwerb gewann ein Jahr später nicht Corbusier oder ein anderer Moderner, sondern der konservative französische Architekt Henri Nénot, der auch Vorsitzender der berüchtigten, weil architektonisch konservierend wirkenden Académie des Beaux-Arts war. Nénots Reaktion auf die Entscheidung – abgedruckt in Corbusiers Aufsatzsammlung Vers une architecture –  ist heute noch interessant:

„Ich bin glücklich für die Kunst als solche; die französische Mannschaft hatte es sich, als sie sich in den Kampf begab, zum Ziel gesetzt, der Barbarei Einhalt zu gebieten. Wir nennen Barbarei eine gewisse Architektur, die seit einigen Jahren in West- und Südeuropa Furore macht. Sie verleugnet alle großen Zeiten unserer Geschichte und beleidigt in jedem Fall den gesunden Menschenverstand und den guten Geschmack. Sie ist unterlegen. Alles ist gut.“

Eine bestimmte Architekturrichtung ist also Barbarei. Was barbarisch ist, kann man auch abreißen. Der gesunde Menschenverstand, das normale Denken und Empfinden des Menschen, vor allem des mitteleuropäischen, wird beleidigt, der gute Geschmack kommt auch unter die Räder – der Duktus erinnert an rechtes, völkisches, wie man heute sagt, Gedankengut. Wir sind im Besitz des Natürlichen, wir haben Recht, die anderen müssen weg. Der Faschismus lässt grüßen.

Man bedenke:  Nénot sagte das 1927. Aus der damaligen Zeit ist heute nur noch die modernen Architektur im Gedächtnis, die linken Wohnsiedlungen, das Neue Bauen; die Moderne hatte – zumindest in der heutigen Erinnerungskultur – gesiegt, aber in den 20ern wurde nach wie vor mehrheitlich traditionell gebaut, vermute ich.

Der Nénot-Entwurf war in gewissem Sinn zeitgemäß: ein von Zierat befreiter Neoklassizismus und das, was man heute manchmal Neue Sachlichkeit nennt, aber eher ein neuer Monumentalismus war. An die reine Moderne mit ihren unverschnörkelten Flächen dockte die schiere Größe an, die das kommende autoritäre Zeitalter vorwegnahm. Einschüchternd sollte Architektur wirken, klein machend, im besten Fall nur imposant. Das Gesims wirkt hart, die breite Mauer in der Treppe abweisend, das ganze Gebäude ist nur für eine Diktatur repräsentativ. Die Schrulligkeit des Wallotschen Reichstages ist vorbei, fast sehnt man sie zurück.

Martin Steinmann schrieb in einem 1978 in der archithese erschienenen Artikel („Der Völkerbundpalast: eine ´chronique scandaleuse ´“, Heft 23, S. 28ff.), dass die Wettbewerbsbeschreibung eine Architektur forderte, die „durch die Reinheit ihres Stils berufen ist, die friedliche Größe des 20. Jahrhunderts zu versinnbildlichen“.

Hoppla. Die Reinheit des Stils machte ein Wiederaufleben des Historismus unmöglich und vermutlich hatte auch kein Architekt vor, einen historistischen Entwurf im Wettbewerb einzureichen. Andererseits: Um welchen Stil sollte es sich denn handeln? Aus heutiger Sicht wissen wir, dass die Monumentalität des Nénot´schen Entwurfs die friedliche Größe des 20. Jahrhunderts unmöglich versinnbildlichen konnte und der Faschismus sich in immer mehr europäischen Ländern etablierte, gerade auf architektonischen Grundlage des Monumentalismus. Die friedliche Größe hätte zwingend zu einem modernen Entwurf führen müssen.

Bemerkenswert also, dass man sich dann für Nénot entschied. Zumal von Anfang an klar war, dass sein Entwurf die maximal zulässigen Kosten von 13 Millionen Franken deutlich übersteigen würde. Von Anfang an rechnete man bei Nénot mit 27 Millionen Franken, dennoch blieb der Entwurf im Rennen. Noch bemerkenswerter: Der einzige Wettbewerbsbeitrag, der den finanziellen Rahmen einhielt, war der von Corbusier. Der kritisierte die „enormen kosten der fassadenverkleidungen in naturstein“ und die „übermäßigen raumhöhen“ der konventionellen Entwürfe.

Den von Corubiser wollte man offenbar aus politischen Gründen nicht. Hinter Nénot stand nicht nur die Akademie, sondern auch der französische Außenminister Aristide Briand. Das ist der, der 1926 den Friedensnobelpreis bekam. Kann man für den Frieden sein, wenn man eine autoritäre und imperialistisch anmutende Architektur forciert?

Es ist kein Zufall, dass die Rechten den gesunden Menschenverstand und den guten Geschmack für sich reklamierten. Das hat sicher mit Gott zu tun und mit der Natürlichkeit der Verhältnisse. Und natürlich verleugnen solch böse Menschen auf die großen Zeiten „unserer Geschichte“. Wer historistisch baute, verleugnete sie also nicht und wer neoklassizistisch baute, auch nicht. Wer sich des Zierats entledigte und die Bauaufgabe neu definierte, verleugnete die Geschichte. Eine skurrile Haltung. Jeder Stein, der auf den anderen gesetzt wird, hat seine Geschichte, jede Konstruktion hat die ihre. Ein Verleugnen von irgendwas ist da gar nicht möglich. Es ist alles nur eine Frage der Interpretation.

Nénot hatte übrigens schon in den 1880er Jahren diesen Entwurf für das Denkmal der ersten italienischen Königs Vittorio Emanuele II. mitentworfen:

Ein historistisches, klassizistisches, monumentales und verkitschtes Denkmal, ganz der alten vormodernen Zeit entsprungen. Es erinnert an den Deutschen Reichstag, der zu gleicher Zeit gebaut wurde. Ein bisschen Protzerei, um es dem Kaiser gleichzutun. Wer so architektonisch sozialisiert wurde, muss bei der Moderne ein Magengeschwür bekommen. Gleichzeitig sieht man hier, wie viel sich zwischen 1880 und 1926 getan hat.

Man müsste an dieser Stelle näher untersuchen, warum die so ungemein fortschrittlichen frühen Versuche moderner Architektur – Konstruktivisten im revolutionären Russland, Revolutionäre im Deutschland der frühen 20er Jahre und anderes – so schnell in Reaktion umschlugen. Vielleicht analog zur Entwicklung von Marx zu Stalin.

Der architektonische Umschlag von den frühen 20ern zu den späten 20ern war wesentlich effektreicher und deutlicher als der Umschlag der späten 20er zur Hitlerschen Architektur. Der konnte sich am Monumentalismus der Weimarer Republik bedienen – einer Architektur, die schönfärberisch „Neue Sachlichkeit“ genannt wurde.

Vom protzigen Kitsch des Emanuele-Denkmals (auf dessen Stufen man bis heute nicht sitzen darf, ohne von Wachpersonal zum Aufstehen genötigt zu werden) zum Monumentalismus – Nénot ist sich im Grunde treu geblieben.

Sein Völkerbundpalast-Entwurf wurde 1933 im Rohbau fertiggestellt, zwischen 1936 und 1938 bezogen die Nationen nach und nach ihre Räume. Der Friede hielt nicht lange. 1938 war das Bündnis faktisch schon tot. Eine im Rückblick äußerst deutungsschwere Entwicklung: Ein protziges Gebäude soll die Völker verbinden und führte doch nur in die Bedeutungslosigkeit seines Wirkens.

(Fotos: Wikipedia)

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