Die Stadt und das umherschwirrende Geld

Der Architekt Markus Appenzeller bringt im Interview mit dem Tagesspiegel die Kapitallogik im Wohnungsmarkt, wie man sagt, gut auf den Punkt. Es ist, zusammengefasst, die Verwertung von Boden und Haus einzig mit dem Ziel, aus Geld mehr Geld zu machen. Aus g wird g´. Das eigentliche Angebot von Wohnhäusern, nämlich Raum zum Wohnen zu schaffen, spielt keine praktische Rolle. g zu g´: Das funktioniert an der Börse, bei Rohstoffen, mit Kunst, alten Autos, mit Wasser, mit realen und nicht realen Gütern. Das Objekt der Begierde gehorcht nur der einen Logik. Diese Umtriebe bei Wohnungen haben für das Kapital den Vorteil, dass man sich dem nicht entziehen kann. Man kann auf den Picasso im Wohnzimmer verzichten, nicht aber auf das Wohnzimmer selbst.

Appenzeller lenkt dankenswerterweise den Blick darauf, dass es bei diesen Bautätigkeiten eben nicht um Wohnraum geht, sondern um ein Abstraktum:

Wenn so viel gebaut wird, müsste dadurch der Wohnraum nicht billiger werden?

Ein Großteil der Preissteigerungen hat nichts mit der realen Nachfrage nach Wohnraum zu tun. Die gibt es, doch der explodierende virtuelle Immobilienmarkt kommt nun als Preistreiber hinzu. Er hat nicht mehr den Stadtbewohner als Mieter und Endverbraucher im Fokus. Sondern Investoren, die ihr Geld anlegen wollen. Die Folgen sind absurd: Man baut komplett am realen Bedarf vorbei und schafft Wohnraum, der im Zweifel gar nicht als Wohnraum gedacht ist, sondern nur als Geldanlageobjekt.

So ist es. Wenn Berlin jährlich um etwa ein Prozent wächst – zwischen 2010 und 2017 waren es nur 0,7 Prozent -, dann ist das wohnraummäßig kein Problem. Man baut ein paar Wohnungen und damit hat es sich. Dennoch behaupten Politiker und Parteien, man müsse „mehr bauen“.

Nein, man muss renditelos bauen.

Bedroht dieses globale Geschäft die lokalen Stadtgesellschaften?

Ja. Internationalen Investoren ist es im Gegensatz zum klassischen Hauseigentümer relativ gleichgültig, welche lokalen Folgen ihr Handeln hat. Sie haben nur zwei Entscheidungskriterien: die Rendite und die Sicherheit für ihr Kapital, die ihnen der Ort bieten kann. Die Stadt wird vom Wohn- und Lebensraum zu einem Finanzmodell für umherschwirrendes Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht. Ich bin grundsätzlich Optimist, aber ich mache mir da schon Sorgen.

Die Rendite und die Sicherheit bieten die Verhältnisse vor Ort, sind also vom Handeln von Politik und Gesellschaft bestimmt. Die Gentrifzierungsdiskussion läuft in Berlin seit mehr als zehn Jahren. Seit mehr als zehn Jahren behaupten Politiker hier unisono, man müsse sie nur wählen, dann erledige sich das Problem. Real sieht es so aus: „Seit 2008 sind die Bodenrichtwerte in Berlin zum Teil um mehr als 1.000 Prozent gestiegen“, berichtet der rbb.

Das ist kein Zufall, sondern das korrekte Verhalten eines kapitalistischen Staates. Der Staat sorgt für maximal günstige Renditeverhältnisse bei gleichzeitiger maximaler Rechtssicherheit – was bedeutet, dass die Besitzverhältnisse nicht angetastet werden. Der Staat unternimmt also folgerichtig nichts, was die Renditebildung beeinflussen könnte und beruhigt gleichzeitig die Öffentlichkeit, man habe alles im Griff und werde nun für die Bürger aktiv.

Die Preisentwicklung – 1000 Prozent – bildet dabei die Wahrheit ab: Gäbe es Anzeichen dafür, dass Politiker sich um das Wohl der Menschen kümmerten, würde sie sich massiv nach unten entwickeln. Gäbe es die Aussicht auf langfristige Rendite nicht mehr, würde kein Investor noch mitbieten. Die Faktizität der Entwicklung zeigt: Investoren haben nichts zu befürchten.

Diese Investoren machen alles richtig. Devote, korrupte oder nur unfähige Politiker ebnen ihnen den Weg, und ein bisschen Sozialgedöns für die Massen sorgt dafür, dass die ruhig bleiben.

Welche Folgen befürchten Sie?

Der Neid und der Kampf ums Überleben in der Stadt wird größer werden. Auch die Nationalismustendenzen und latente Ausländerfeindlichkeit in manchen Vierteln sind ein Zeichen für diesen wachsenden sozialen Unfrieden. Die Politik hat inzwischen erkannt, dass das ein Problem ist, der Wohnungsgipfel zeigt das. Aber wenn man nicht schnell deutliche Schritte unternimmt, besteht aus meiner Sicht ein reales Risiko, dass sich das zu einem explosiven Gemisch aus ökonomischem Druck, Zukunftsangst und Xenophobie entwickelt.

Dass die deutsche aktuelle Politik „deutliche Schritte“ hin zu renditefreiem Bauen unternehmen wird, ist so wahrscheinlich wie Schnee im August.

Wohin der Weg führt, zeigt London:

In London etwa wird schon lange nicht mehr für Londoner gebaut, sondern fast nur noch für ausländische Anleger. Chinesische Firmen lassen für vermögende Chinesen bauen, die ihr Geld entweder direkt in Wohnungen oder in Anteile an einem Immobilienfonds investieren. Der Verkauf läuft meist in China ab, die Wohnung ist also auf dem lokalen Markt gar nicht verfügbar. Inzwischen sieht man dieses Vertriebsmodell in immer mehr Städten, auch in Berlin.

Eine Wohnung in Berlin wird nicht mehr in Berlin angeboten, sondern in Peking. Dort kauft sie jemand, der vielleicht noch nie in Berlin war und auch gar nicht vorhat, dort zu wohnen.

Dann kommt ein weiterer hochinteressanter Aspekt:

Aber diese Objekte werden doch trotzdem nachher als Wohnraum vermietet.

Nicht unbedingt. Je nach Modell wird eine Wohnung durch die Vermietung für Anleger sogar weniger wert. Einerseits, weil sie dann schwieriger zu verkaufen ist. Außerdem besteht das Risiko, dass sie durch die real erwirtschaftete Miete abgewertet wird. Man schätzt, dass in China ein Drittel der Wohnungen leer steht. In Schanghai oder Peking gibt es bei Wohnungen Wertsteigerungen von mehr als 50 Prozent im Jahr – da gibt es keinerlei ökonomische Notwendigkeit, sie zu vermieten.

Was tut man dann damit?

Man lässt sie drei Jahre leer stehen und verkauft sie wieder. Diese Auswüchse des Renditekapitalismus sieht man weltweit. Es besteht das Risiko, dass sich die Innenstädte dadurch komplett entleeren und nur noch Arbeitsplätze, Tourismus und Dienstleistungen übrig bleiben.

Es wird viel gebaut, aber in den Wohnungen nicht gewohnt. Für Berlin gibt es keine zuverlässigen Zahlen, aber man sieht ganze neue Wohnblöcke auf dem Ex-Mauerstreifen zwischen Kreuzberg und Mitte, die unbewohnt scheinen. Offiziell haben die Eigentümer aus der ganzen Welt dort vermutlich ihre Dritt-, Viert- und Fünftwohnungen, real stehen die Wohnungen leer und erhöhen Jahr für Jahr ihren Wert. Irgendwo auf der Welt wird es weiterhin Leute geben, die dafür in ein paar Jahren noch mehr zahlen. Ein Makler eines solchen Hauses mit schätzungsweise 15 oder 20 Wohnungen gab mir gegenüber einmal offen zu, dass dort „niemand einziehen“ werde, die Wohnungen kauften Leute, „die haben das Geld auf dem Girokonto, das muss da weg“.

Was früher nur an der Börse passierte, eine Art Spiel, ist in der realen Welt zu einer perversen Variante mutiert. Alles vor den Augen der sogenannten Zivilgesellschaft und natürlich dem politischen Apparat.

Appenzeller nochmal dezidiert zu Berlin:

Berlin steht vor einer riesigen Herausforderung. Die internationalen Kapitalströme fließen extrem schnell und treffen auf Stadtentwicklungsprozesse, die sehr langsam ablaufen. In Berlin ist dadurch eine Dynamik entstanden, die viel größer als in etablierten Immobilienkapitalmärkten wie Hamburg oder Frankfurt ist. Berliner bekommen die Effekte durch den Mietwohnungsanteil von 85 Prozent viel stärker in kurzer Zeit zu spüren als Bewohner anderer Städte mit höherem Eigentumsanteil. Berlin muss schnell gezielte Gegenstrategien entwickeln.

Berlin und schnelle gezielte Gegenstrategien: Man könnte sich schlapplachen, wenn es nicht so ernst wäre.

Man müsste einmal ausrechnen, wie viel Geld Monat für Monat auf die andere Seite gescheffelt wird, ausgehend von nötigen Preisen von vier Euro Miete pro Quadratmeter für Altbauten und acht für Neubauten oder 500 Euro für den Kauf eines Altbauquadratmeters bzw. 1.000 für den Kauf einer Neubauwohnung. Wir bekämen interessante Zahlen.

Der Sozialstaat besteht nun darin, dass es in Berlin jetzt eine Art Nothilfe für Familien, gibt, die aufgrund Mieterhöhungen aus ihren Wohnungen fliegen. Dort dürfen sie dann ein paar Wochen nächtigen.

Wer sind die Investoren? Natürlich zum einen relativ wenige Leute mit sehr viel Geld. Zum anderen aber auch jeder, der eine private Altersvorsorge finanziert. Das Geld muss irgendwohin, beispielsweise in Berliner Immobilien. Es ist ein durch und durch so logisches wie perverses System. Kennzeichen unserer Zeit ist bekanntlich, dass wir all das wissen und in unserer tollen aufgeklärten, nachhaltigen und transparenten Gesellschaft nicht in der Lage sind, irgendetwas daran zu ändern.

Die Immobilienbranche ist einfach zu wichtig fürs Funktionieren des Systems, als dass man das ändern könnte. Schon vor einigen Jahren schrieb die Zeitschrift Der Architekt über die Immobilienwirtschaft:

Ihre Bruttowertschöpfung beträgt in Deutschland fast ein Fünftel der gesamtwirtschaftlichen, über 450 Milliarden Euro, etwa sechsmal mehr als der Fahrzeugbau.

Die Zahl hat viel mit dem Marktwert von Boden zu tun, also von etwas, für das höchstens der liebe Gott Geld bekommen dürfte. Und: Die niedrigen Zinsen werden nicht für Realinvestitionen im eigentlichen Sinn genutzt, sondern für unbewohnte Häuser. Der Unterschied zwischen realen und Finanzinvestitionen verschwimmt hier.

Angesichts dieser Zustände ist es so peinlich wie bezeichnend, dass zur Unteilbar-Demo vergangenen Samstag in Berlin 200.000 Leute aufstehen, aber der soziale Aspekt nur völlig verschwommen mit „Solidaritätsforderungen“ abgehandelt wird. Vielleicht meint man ja, man müsse den Alten besser über die Straße helfen. Kapitalismuskritik – nach der Finanzkrise vor zehn Jahren neu aufgeblüht – ist mittlerweile von moralischem und scheinsozialem Geplapper abgelöst worden. Das repräsentieren derzeit die Grünen par excellence, woraus sich auch ihre Beliebtheit erklärt. Man erträumt sich eine bessere Welt, das muss reichen.

Fassen wir zusammen: Es werden Wohnungen gebaut, aber nicht zum Wohnen, sondern zum Parken von Kapital. Die Gesellschaft ist gelähmt. Geplappert wird überall, aber eben ohne jeden Effekt. In einer Sendung zur bayrischen Landtagswahl wurde einem Linken-Politiker vorgeworfen, er habe von Enteignung in Bezug auf Münchner Wohnungen gesprochen. Der Mann knickte ein, diese so notwendige wie selbstverständliche Forderung war ihm im TV- Studio offensichtlich peinlich.

Fehlende Zivilcourage. Genau hier liegt das Problem.

„Die Stadt wird vom Wohn- und Lebensraum zu einem Finanzmodell für umherschwirrendes Geld, das Anlagemöglichkeiten sucht“, sagt Appenzeller im Tagesspiegel-Interview. Das Kapital benötigt die Stadt als Wohn- und Lebensraum nicht mehr.

Je absurder die Verhältnisse, desto größer die Zustimmung zu ihnen.

(Fotos: genova 2015, 2018)

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3 Antworten zu Die Stadt und das umherschwirrende Geld

  1. genova68 schreibt:

    Der Tagesspiegel von heute berichtet über die aktuelle Gesetzeslage beim „investieren:

    Das Kapital liebt Deutschland, denn hier fließt es frei, steuerfrei. Nicht mal Bundeskanzlerin Angela Merkel fand auf dem Wohngipfel eine Antwort auf diese Frage: „Warum muss jeder Deutsche beim Kauf einer Eigentumswohnung Grunderwerbsteuer zahlen, während kein Cent beim Kauf des Sony-Centers am Potsdamer Platz fällig wird?“ Dabei ist die Antwort auf die rhetorische Frage einfach: Weil der Bund ein Sondergesetz für „Share deals“ erließ, wonach beim Verkauf von Anteilen an Firmen mit Immobilien fast keine Steuern fällig sind.

    Gedacht war das als Schutz der Arbeitnehmer von altehrwürdigen Gewerbebetrieben beim Verkauf der Firma. Den Käufer wollte der Staat nicht mit Steuern auf Fabrik und Produktionsvermögen belasten. Genutzt hat es aber vor allem der Investment-Branche. Diese kaufen rechtliche Hüllen von Firmen ohne Mitarbeiter und ohne Betrieb und stecken ihre Immobilien da rein. Jetzt kann munter gehandelt werden, gekauft und verkauft werden, alles steuerfrei.

    Dieser „Standortvorteil“ gab dem großen quer über den Globus vagabundierenden Kapital ein neues Ziel: Deutschland. Zumal die Bundesrepublik internationalen Investoren das bietet, was dieselben brauchen: Rechtssicherheit und (weitgehend) freien grenzüberschreitenden Verkehr mit Steueroasen sowie Zentralen von Briefkastenfirmen wie Luxemburg, Lichtenstein oder Zypern. So rutschte Deutschland auf dem europäischen Index im Kampf gegen die Geldwäschegesetze auf Platz 17 ab.

    Das gibt dem ganzen eine weitere pikante Note. Steuerfreiheit für die Großen und unkomplizierter Zugang zu Luxemburg etc. Staatliche legalisierte Steuerhinterziehung. Wenn man dann noch mit Schwarzgeld Häuser baut, wird es noch lukrativer.

    https://www.tagesspiegel.de/berlin/wem-gehoert-berlin-woher-das-geld-kommt-und-wie-es-zu-beton-wird/23194330.html

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  2. stadtauge schreibt:

    Herzlichen Dank für jede deiner Zeilen! Lektion 1 wem gehört die stadt! Sollte jede/r in dieser stadt lesen und beherzigen, auch diejenigen, die sich gerade an ihrem grünen pseudosozialpolitischen unteilbargesabbel berauschen… lg Daniel

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  3. genova68 schreibt:

    Danke, Stadtauge. Man sollte sich mit dieser unteilbar-Demo einmal auseinandersetzen. Ich hatte davon im Vorfeld nichts mitbekommen, die war aus dem Nichts da. Da verstehen es Leute, gute Netzwerkarbeit zu leisten und mit dem Aufruf ein breites Milieu anzusprechen, ähnlich den Grünen. Es war wohl eine Wohlfühldemo, die natürlich leicht neoliberal manipulierbar ist, keine Frage. Ich habe mich kürzlich mit einem typisch grünen Pärchen unterhalten, gerade ist das zweite Kind gekommen. Es war für die beiden nun klar, dass sie einen „Van“ brauchen, Leergewicht zwei Tonnen, VW Bus oder ähnliches Ohne Van wäre das Leben nicht mehr zu meistern, also: der Einkauf und das Kind vom Geigenunterricht abholen. Man gibt sich aber dennoch umweltbewusst und vergleicht Abgaswerte und ist jederzeit für ein Seufzen offen: Man ist bewusst.

    Solche Art von Politik liegt im Trend. Man ist gegen Rechts und damit sowieso besser und der Rest wir PR-mäßig übertüncht. Man müsste natürlich herausstellen, dass man sich nur dann gegen das barbarisch Rechte wenden kann, wenn man sich gleichzeitig und genauso laut gegen das barbarisch Neoliberale wendet. Das wäre dann allerdings das Ende der Grünen und das Ende solcher Demos, befürchte ich.

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