Fachwerk und Faschismus (3) – Realitäten

Noch einmal die neue Frankfurter Altstadt, die kürzlich offiziell eröffnet wurde. Man bemerkt schon an diesem wording die Absurdität des Ereignisses.

Die Frankfurter Rundschau kommentiert:

Wie kalt und seelenlos muss also die Wirklichkeit sein in den Zeiten rasanter Digitalisierung und Globalisierung. Dass sie einer solchen, romantisch aufgeladenen Kulisse bedarf wie sie zwischen Dom und Römer entstanden ist. Die neue Altstadt: Das ist die Inszenierung eines Traums. Tatsächlich war das historische Quartier im Zentrum Frankfurts niemals so sauber und aufgeräumt, wie es jetzt präsentiert wird. Die Altstadt: Das war das Viertel der armen Menschen, mit beengten, schlecht belichteten Wohnungen, mit miesen sanitären Verhältnissen, mit schmalen Gassen. Tatsächlich zog, wer konnte, aus der Altstadt weg.

Laura Weißmüller weist in der Süddeutschen Zeitung ebenfalls darauf hin (28.9., S. 9):

Bot bis zum Zweiten Weltkrieg die Frankfurter Altstadt vor allem denjenigen eine Heimat, die sich kein anderes Zuhause leisten konnten, den Arbeitern, Großfamilien und Migranten, darf heute nur noch im Herzen der Stadt leben, wer es sich leisten kann.

Man residiert

für knapp 3.300 Euro warm auf 160 Quadratmetern, zwei Bäder inklusive.

Es ist ein völlig degenerierter Heimatbegriff, der hier präsentiert wird. Heimat als Renditeobjekt, wo es reicht, wenn eine Hülle einem touristischen Publikum gefällt, das bezahlt. Heimat als eine Deutung, die sich sämtlicher eigentlicher Bedeutungen entledigt hat. Eine Gegenreaktion nur noch von ein paar Experten, Leuten vom Fach. Heimat als das Gegenteil des Wortsinns. Genau die, deren Heimat diese Altstadt einmal war, hätten keine Chance mehr.

Ein Frankfurter bringt das Problem in diesem Filmchen der Jungen Freiheit schön auf den Punkt:

Seine Vorfahren arbeiteten als Metzgerantstellte bzw. sie hatten einen Obst-und-Gemüse-Laden. Es waren Proletarier oder Kleinbürger. Exakt diese Arbeiterklasse wird mit der neuen Alstadt verhöhnt, denn die könnten dort weder arbeiten und bei Preisen ab 5.000 Euro für den Quadratmeter auch nicht mehr wohnen. Man benutzt sozusagen die Atmosphäre, die seinerzeit von einfachen Leuten, wie man sagt, geschaffen wurde, um heute irgendwelche Finanzinvestoren und Walt-Disney-Touristen anzuziehen.

Es ist eine Geschichtsklitterung par excellence und es hat eine besondere Tragik, wenn der Protagonist aus dem Filmchen seinen Vater als ein „Urgestein“ bezeichnet und sich nun über die bloße Hülle freut, die mit diesem Urgestein inhaltlich nichts mehr zu tun hat, die das Urgestein vielmehr im Sinne des Kapitals und rechter Politik instrumentalisiert.

Besonders faszinierend ist, dass auch die, die systemisch durch solche Viertel ausgenommen werden, – sei´s durch hohe Mieten, sei´s durch die Vorenthaltung ernstzunehmender Stadt, die auch ihre Interessen vertreten würde – sich diesen Vierteln gegenüber rein affirmativ verhalten. Falsches Bewusstsein.

Wie kalt und seelenlos muss die Wirklichkeit, wie falsch muss das Bewusstsein sein, dass man solcher Kulissen bedarf? Weissmüller bindet die Architekten ins Dilemma ein:

Vielleicht erzählt die neue Frankfurter Altstadt genau diese Geschichte: Wie die Architekten die Verbindung zur Gesellschaft über Jahrzehnte immer und immer wieder verspielt haben und wie in diese Kluft nun etwas stoßen kann, was harmlos erscheinen mag, aber es nicht ist.

Auf die Politik gewendet heißt das: Das linke Establishment hat immer und immer wieder durch die Forcierung neoliberaler Politik die Verbindung zur Gesellschaft gekappt und nun kann in diese Kluft etwas stoßen, was harmlos erscheinen mag, es aber nicht ist.

Welche Rolle auch immer hier die Architekten spielen, deren größter Teil naturgemäß ganz normale Mitläufer sind, die ihren Geschäften nachgehen: Weissmüller wendet die Perspektive adornitisch:

Und deswegen sollte die Frankfurter Altstadt auch den Architekten eine Mahnung sein. Ohne Bezug zur Gesellschaft fehlt ihren Bauen das Fundament. Was nun zwischen Dom und Römer Heimat vorgaukelt, schafft keine, aber es simuliert eine, und zwar im festen Bezug auf die Vergangenheit. Das schließt nicht nur die Gegenwart und die Zukunft aus. Es erteilt auch großzügig Platzverweise an alle, die nichts mit diesem geschichtsvergessenen Blick auf Frankfurt anzufangen wissen.

Der letzte Satz hat es in sich. Man solle gefälligst Verständnis für die aufbringen, die sich mit Freude und rundum affirmativ ins neue Altstadtstadtgetümmel stürzen und zumindest probeweise deren Perspektive einnehmen.

Dieser Gedanke ist eine Abwandlung eines Auszugs aus Adornos milder Architektenschelte von 1965 („Funktionalismus heute“):

Weil die Architektur tatsächlich nicht nur autonom, sondern zugleich zweckgebunden ist, kann sie die Menschen, wie sie sind, nicht einfach negieren, obwohl sie das, als autonome, ebenfalls muss. Überspränge sie die Menschen tel quel, so bequemte sie einer fragwürdigen Anthropologie und womöglich Ontologie sich an; nicht zufällig ersann LeCorbusier Menschenmodelle.

Die Bemerkung zu LeCorbusier ist zwar Humbug, denn jeder Küchenhersteller muss von irgendeinem Maß ausgehen, mit dem die Küche genutzt wird (hier wird Adorno zum Opfer seines eigenen Anspruchs), dennoch: Architektur als eine bestenfalls teilautonome Sache hat sich zugunsten des Nichtspezialisten zurückzunehmen.

Und weiter:

Die lebendigen Menschen, noch die zurückgebliebensten und konventionell befangensten, haben ein Recht auf die Erfüllung ihrer sei´s auch falschen Bedürfnisse. Setzt der Gedanke an das wahre objektive Bedürfnis sich rücksichtslos über das subjektive hinweg, so schlägt er, wie von je die volonté générale gegen die volonté de tous, in brutale Unterdrückung um. Sogar im falschen Bedürfnis der Lebendigen regt sich etwas von Freiheit; das, was die ökonomische Theorie einmal Gebrauchswert gegenüber dem abstrakten Tauschwert nannte. Ihnen erscheint die legitime Architektur notwendig als ihr Feind, weil sie ihnen vorenthält, was sie, so und nicht anders beschaffen, wollen und sogar brauchen.

Es ist ein netter Trick, den Adorno hier anwendet. Er selbst sieht sich in Besitz der Kenntnis des objektiven Bedürfnisses, will aber wohlwollend das hierarchisch tieferliegende subjektive Bedürfnis zu seinem vermeintlichen Recht kommen lassen. Vielleicht ein notwendiger Trick.

Adorno weiter:

Alles Nützliche ist in der Gesellschaft entstellt, verhext. Dass sie die Dinge erscheinen lässt, als wären sie um der Menschen willen da, ist die Lüge; sie werden produziert um des Profits willen, befriedigen die Bedürfnisse nur beiher, rufen diese nach Profitinteressen hervor und stutzen sie ihnen gemäß zurecht.

Die Frankfurter Altstadt tut nur so, als sei sie dem Profitwillen entzogen und nicht kapitalistisch zurechtgestutzt.

Was tun? Den geschichtsvergessenen Blick auf Frankfurt akzeptieren? Das richtige Leben im falschen annehmen? Die Simulation von Heimat bekräftigen?

Das, was Weißmüller über die „Mahnung an die Architekten“ schreibt, ist wohl richtig, wenn auch nutzlos. Architekten sind zu 99 Prozent keine linken Soziologen, sondern profitinteressierte Lohnabhängige, die bauen, was der Geldgeber diktiert. Mehr sollte man auch nicht erwarten. Es wäre eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wahre von der falschen Architektur zu unterscheiden, die Menschen sehend zu machen. Gesamtgesellschaftlich wäre es auch, Vielfalt, Variation, Mehrsprachigkeit, kontextloses Bauen, Inhaltsbetonung, Geschichts- und Klassenbewusstsein und so weiter. Falsche Architektur ist nur Abbild einer falschen Gesellschaft, ob modern-bauwirtschaftsfunktionalistisch oder pseudohistorisierend.

Konkret auf Frankfurt bezogen: Auf dem Gelände der heutigen Altstadt sollten noch vor 13 Jahren moderne Gebäude entstehen. Die damals geplante Architektur beschreibt man mit „phantasielos“ noch beschönigend: Typische Investorenarchitektur (Architekten: KSP) mit schießschartenähnlichen Fenstern, die schnelle Rendite ermöglichen soll, indem man sich architektonisch nicht festlegt. Und Bauherr damals war DIL, die Deutsche Immobilien Leasing, eine Tochter der Deutschen Bank. Es ging damals also auch nur um die bestmögliche Rendite, nicht um Bedürfnisse von Menschen in der Stadt. Aus kapitalistischer Sicht ist die heutige Altstadt vermutlich renditeträchtiger als der moderne Entwurf von 2005. Inhaltlich war der KSP-Entwurf eine üble Auftragsarbeit, sonst nichts. Es ist keine Wunder, dass diese klare Verweigerung guter Architektur die Menschen in die ästhetische Regression treibt. Es wird keine Alternative geboten.

Politisch ist es analog der Erfolg der AfD durch das Versagen der Altparteien, denen man naturgemäß keine Träne nachweinen sollte, würden sie verschwinden.

Mit Adorno: Die Architekten sollten sich um die echten Bedürfnisse kümmern und dementsprechende architektonische Lösungen anbieten. Die DIL kann und darf kein Ansprechpartner sein, was die Architekten wiederum nicht entscheiden.

Übersprängen die Architekten das Kapital, müssten sie das bei den Menschen nicht mehr tun. Es ginge dann um die Auseinandersetzung zwischen Fachleuten, die agieren, und Laien, die damit klarkommen müssen. Es wäre die alte Auseinandersetzung zwischen partizipativer und autonomer Architektur. Die notwendige Voraussetzung dafür, dass diese fruchtbar wäre, ist die Ausschaltung kapitalistischer Interessen.

Das falsche Leben im falschen sind die neue Altstadt wie auch weite Teile moderner, verwertungsorientierter Architektur. Die Wirklichkeit ist offenbar tatsächlich so kalt und seelenlos, dass wir auf die billigsten Verheißungen hereinfallen, heißen sie nun Altstadt oder AfD. Eine Verbesserung der ästhetischen Lage ist ohne die grundsätzliche Veränderung realer gesellschaftlicher Verhältnisse nicht zu haben.

(Foto: genova 2016)

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Eine Antwort zu Fachwerk und Faschismus (3) – Realitäten

  1. genova68 schreibt:

    Nachtrag:
    Die FR schrieb vor ein paar Tagen zur Altstadt:

    „Die Spiritualisierung der Altstadt hat bereits abenteuerliche Züge angenommen. Sie verbürge die Rückkehr des Wahren, Guten, Schönen. Der letzte Nagel war in der nigelnagelneuen Altstadt noch nicht eingeschlagen, da war sie bereits zum zukünftigen Zentrum innerer Schönheit erkoren, einer Schönheit von innen.“

    Das trifft es ganz gut. Es findet eine Spiritualisierung, wo es keinen Geist gibt, und das Wahre, Schöne und Gute sind Leihgaben, die man irgendwo in der Vergangenheit vermutet, konkret: in einer Zeit, in der die Städte so angeblich aussahen, was aber auch wieder nur Fake ist.

    http://www.fr.de/kultur/frankfurt-promenade-durch-die-neue-altstadt-von-frankfurt-a-1592087,0#artpager-1592087-1

    Gefällt mir

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