Das Herz schlägt, Frankfurt lebt

Im Zentrum von Frankfurt wird gerade eine Altstadt gebaut. Schon die Formulierung zeigt den Irrsinn des Vorhabens, aber eine irrsinnige Idee führt heutzutage bekanntlich nicht zwangsläufig zu Kritik und zum Überdenken.

Bemerkenswert ist die Öffentlichkeitsarbeit, mit der die Stadt dieses Vorhaben begleitet:

Menschen kehren ins Herz zurück. Die Preise für die Eigentumswohnungen liegen laut Presse zwischen 5.000 und 7.500 Euro für den Quadratmeter. Die FAZ schreibt:

Eine Ein-Zimmer-Wohnung kostet rund 175000 Euro, eine große Wohnung an der Braubachstraße rund 1,2 Millionen.

Vielleicht wird der reale Preis doch wesentlich über 7.500 Euro liegen. Es sind also eher spezielle Menschen, die „zurückkehren“. Wobei laut FAZ die realen Baukosten noch höher liegen. Eine Altstadt wieder aufzubauen, ist offenbar ein exklusives Unterfangen.

Und vermutlich wird es sich bei den meisten um virtuelle Bewegungen handeln; es werden Zweit-, Dritt- und Viertwohnungen sein, viel faktischer Leerstand, viel Kapitalanlage. Es ist die Kommune Frankfurt, die verschleiert und das Projekt als ein soziales verkauft.

Überhaupt wären es – selbst wenn die Wohnungen real bewohnt werden – maximal 200 Menschen, die hier ein Zuhause fänden. Selbst bei dieser optimistischen Annahme gäbe es nicht mehr Leben in der, ähm, Altstadt.

Dazu kommt die Pikanterie, dass man mit skurrilen Problemen zu kämpfen hat, wenn man die Vergangenheit zurückholen will, wenn man also einen Neubau als Altbau tarnt.

Die bauwelt schreibt:

In den Nachbauten musste oft ein zweiter Fluchtweg eingebaut werden, was von historischen 200 Quadratmetern auch mal nur 80 Quadratmeter Wohnfläche übrigließ. Innenräume der Häuser werden selten rekonstruiert – „es soll ja ein bewohnbares Viertel werden“, sagt Guntersdorf. Hinter äußeren Holzfenstern verstecken sich Aluminiumfenster, und manch Fachwerkhaus erhält einen bis zu zwölf Schichten dicken Wandaufbau zur Erfüllung der EnEV

Das zeigt einen Teil des Dilemmas von Rekonstruktionen. Es zeigt auch wieder einmal den katastrophalen Zustand, in dem sich diese Gesellschaft befindet. Außen Holzfenster, dahinter Aluminiumfenster. Man möchte gar nicht weiterschreiben.

Die bauwelt bringt es im Weiteren gut auf den Punkt:

Über Jahrhunderte wurde die Altstadt mit den Bauströmungen Europas überzogen, Haus für Haus und Geschoss für Geschoss – was wenig zum romantisierten Bild einer harmonischen Altstadt passt. Gerade einer vermeintlichen Homogenität aber scheinen viele der aus dem Wettbewerb stammenden Neuschöpfungen hinterherzuträumen, statt ihre eigene Zeit zu vertreten.

Eine homogene Altstadt gab es also nie. Sie ist das Ergebnis jahrhundertelanger Bebauungen, Überbauungen, Abrisse, Neubauten, Umnutzungen, Anpassungen, Renovierungen, Modernisierungen. Man nennt das Geschichte, und die ist nie homogen und heimelig. Wir nehmen das mit unserem oberflächlichen Blick nur als homogen wahr. Die professionellen Apologeten dieser Oberflächlichkeit – also die Kommune und die kapitalhörigen Architekten – nutzen das aus und frisieren Geschichte. Es ist eine einzige große Lüge, was kein Problem wäre, würde die Kommune ihr Altstadtbauvorhaben als Disneyworld promoten. Dann wüsste man, woran man ist. Die Besetzung dieses Regressionsvorhabens als ein authentisches ist das Problem, das man eigentlich eine Unverschämtheit nennen müsste. So wie Rechtsradikale derzeit Rechtsaußenpositionen in die Mitte hieven, so verklärt die kommunale Frankfurter PR-Abteilung Geschichte.

„Ihre eigene Zeit vertreten“: Einerseits könnte man mit der bauwelt sagen, dass das in Frankfurt nicht passiert. Man orientiert sich ästhetisch an irgendetwas, das man als alt oder aus der guten alten Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, kommend betrachtet. Man existiert nur noch im Blick ins Fotoalbum. Andererseits ist vielleicht genau das eben doch unsere Zeit, deren markantestes Merkmal die Verwertung von Wert ist. Gelingt dies mit einem kitschigen Geschichtsbild, wird das gemacht. Anderswo werden weiterhin Glas-und-Stahl-Wolkenkratzer gebaut, deren einziges Ziel ebenfalls die Verwertung via Immobilien ist.

Wir sind, was Rendite bringt. Und die Verwertung von Wert zeitigt die Ablehnung des Künftigen. Es kann nur schlechter werden, also suchen wir das Heil in der Vergangenheit, die wir nicht kennen.

So sieht sie aus, die Altstadt:

Man sieht an dem linken Gebäude, dass man die totale Geschichtsklitterung vermied. Die anderen beiden sind Zeichen der gesellschaftlichen Agonie. Selbst im Historismus war man produktiver.

Zuletzt noch der Hinweis auf eine Merkwürdigkeit: Laut FAZ kostete alleine der Einsatz der 81 verwendeten Spolien 1,2 Millionen Euro. Macht runde 14.800 Euro pro Spolie. Spolien sind alte, übriggebliebene, noch herumliegende oder aufgehobene Teile der Vorgängergebäude – Gesimse, Steine, Säulenreste etc. -, die in den Neubau eingesetzt werden. Das macht man seit Jahrtausenden so, ein an sich vernünftiges Verfahren, um Kosten zu senken. Ganz pragmatisch. Das sieht man in Mauern mit einzelnen alten Steinen, in Kirchen, überall. Die Spolienverwendung sollte den Bau also eher preiswerter denn teurer machen. Ich glaube angesichts der Kosten nicht so ganz an die Spolien-Theorie. Vielleicht wurden sie neu angefertigt. Wäre ja nicht untypisch für das reaktionäre Geschichtsverständnis, das in Teilen Frankfurts offenbar herrscht.

Spolien als Fetisch. Wobei ich zumindest an einer Stelle interessante Spolien entdeckt habe:

Zuvor stand an der Stelle der Altstadt das brutalistische Technische Rathaus aus den frühen 1970er Jahren, das man ab 2010 abgerissen hat – der Abriss dauerte zwei Jahre und kosteste 20 Millionen Euro (!) -, ohne auch nur die kleinste Erinnerung zu verschonen. Ich vermute, dass diese Waschbetonteile am Pfeilerabschluss von dort stammen. Immerhin ein klitzekleines bisschen Erinnerung. Das muss reichen und es ändert nichts am Urteil: Der zeitgenössische Deutsche an sich mag es homogen, und da dürfen nur Spolien verwendet werden, die Teil seines regressiven Geschichtsbildes sind.

Dass das Technische Rathaus überhaupt abgerissen wurde, ist an sich schon ein Skandal, auch unter den Gesichtspunkten Ökologie und Nachhaltigkeit. Man hätte aus dem Gebäude günstige Wohnungen für ein paar tausend Menschen machen können. Stattdessen merzt man ein Gebäude mit Leidenschaft aus, um eine Altstadt zu bauen. Perverser geht es kaum, aber dem Durchschnittsdeutschen gefällt´s. Nebenbei: Das naheliegende Historische Museum am Römer – auch ein brutalistischer Bau mit einer ungemein angenehmen Atmosphäre im Innern, was Raumgefühl und Materialität anging – ist ebenfalls abgerissen worden. Als gelegentlicher Besucher und grundsätzlicher Sympathisant Frankfurts graut es einem angesichts dieser Entwicklung. Der Unterschied zu den Zerstörungen der Nachkriegsära ist lediglich der Wandel des Geschmacks, der Objekte des Hassenswerten. Damals war es der Altbau, heute ist es die Moderne.

Ironie der Geschichte, wie man sagt: Derzeit läuft im Deutschen Architekturmuseum ein paar hundert Meter weiter eine Ausstellung über brutalistische Architektur und ihre Schutzwürdigkeit. Man ist liberal und lässt das Museum machen. Solange die sich nicht ins Reale einmischen.

Ein großes Gebäude komplett wegzureißen und dafür etwas Neues zu bauen ist die konkrete Umsetzung des modernen Tabula-Rasa-Gedankens. Er ähnelt dem Plan Le Corbusiers in den frühen 20er Jahren, weite Teile von Paris zugunsten einer Plan-Voisin-Bebauung tilgen zu lassen. Vermutlich sind heute die größten Gegner Le Corbuisiers die größten Anhänger einer neuen Altstadt. Erinnert an die AfD: Ihre angeblich größten Feinde – fundamentale Moslems – sind weltanschaulich ihre nächsten Verwandte. Wobei der Vergleich zu sehr zuungunsten Corbusiers ausgeht, merke ich gerade.

„Leben im Herzen der Stadt“ schreibt die Propagandaabteilung von Frankfurt, und ungewollt haben sie damit den Kern getroffen; Leben im Herzen einer kapitalistischen Stadt bedeutet eben nicht, dass sich dort Menschen entfalten, dass Geschichte als authentische existiert. Es entfaltet sich das Kapital, und das Kapital ist im Kapitalismus das Leben. Alles andere stört da nur.

(Fotos: genova 2017)

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4 Antworten zu Das Herz schlägt, Frankfurt lebt

  1. Mathias schreibt:

    Um’s mit Karl Valentin zu sagen: „Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie ‚mal war!“
    Noch weniger kann die Gegenwart je das sein, was sie nie sein wird: eine bessere Vergangenheit.
    Muss daran liegen, dass unsere „Zivilisation“ immer so zivilisiert ist wie die Menschen, die sie hervorbringen oder zerstören.

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  2. Leo Brux schreibt:

    Ich stimme zu.
    Aber eine marginale Einschränkung hab ich doch: Es gäbe eine noch schlimmere Entwicklung – Du weißt, wie die Zentren vieler amerikanischer Großstädte ausschauen. Wie heruntergekommen sie sind, Teils verwahrlost, teils tot. Die, die es sich leisten können, sind in die Suburbs gezogen. (Es soll vereinzelt einen Gegentrend geben.)

    Was das Frankfurter Projekt angeht: Wie sieht das Parterre aus? (Das, was man als Spaziergänger ja am stärksten wahrnimmt,) Reihen sich Luxusshops aneinander, oder ergibt sich insgesamt eine lebendige Straße?

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  3. genova68 schreibt:

    Leo,
    ja, es geht immer schlimmer. Aber die amerikanischen Großstädte sehen wo aus wie die wirtschaftliche Entwicklung. Teilweise hui, teilweise pfui. Detroit, Baltimore, unzählige Stadtviertel überall: Das hat jeweils spezifische Gründe, aber gemein ist allen die wirtschaftliche Basis, die den Städten entzogen wurde. Andere Städte sind das Gegenteil, sie blühen, aber im effektiven Kapitalismus immer auf Kosten der Masse der Menschen, also teure Wohnungen, Gentrifizierung.

    Wegzug in die Suburbs findet in prekären Städten wohl immer noch statt, wer will in Essen oder Duisburg in den Norden ziehen? Vielleicht kann man diese Gegenden in 20 Jahren mit Detroit vergleichen, wer weiß. Wobei Detroit auch wieder interessant ist, denn das Kapital ist dort weggezogen. Und erst dann kann es interessant werden. Wenn es dann aber wieder interessant geworden ist, kommt das Kapital zurück…

    Die Frankfurter Altstadt ist noch nicht ganz fertig, noch nicht bezogen, insofern weiß ich nichts über die Läden. Ich meine aber gelesen zu haben, dass die Stadt darauf achtet, dass die Ladenmieten nicht zu hoch ausfallen. Was immer das konkret bedeutet.

    Um die Ecke dieser Altstadt ist übrigens in den 1980er Jahren eine ironisch markierte gebaut worden, die Saalgasse. Im Krieg zerstört, danach komplett abgeräumt, hat man sich, ganz postmodern, von der Moderne abgewandt und kleinteilig gebaut, aber mit einem eigentständigen Stil, der Altes zitierte. Auch nach dreißig Jahren noch angenehm anzusehen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Saalgasse

    Man sieht hier den Unterschied zwischen einer mehr oder weniger gelungenen Postmoderne, die bei aller Rückschau eigenständig agiert, aber nirgendwo blind kopiert, und dem aktuellen Scheiß.

    Mathias,
    danke, so würde ich das auch sagen.

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  4. genova68 schreibt:

    Die Waschbetonteil aus dem Bild oben im Artikel stammen tatsächlich von dem abgerissenen Technischen Rathaus, weiß die FAZ:

    „Die besondere Baugeschichte des Areals wird ebenfalls nicht ausgeblendet. Gegenüber der „Goldenen Waage“ wurden in der Fassade des Hauses „Markt 8“, das als U-Bahn-Zugang dient, Waschbetonreste des abgerissenen Technischen Rathauses verbaut.“

    FAZ vom 7. Februar 2018, Autor ist Rainer Schulze

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