Adorno und die Provinz

Lucca, bei großer Vergangenheit, ist heute, nach der Rolle, die es im Lande spielt, provinziell, auch die meisten Läden sind es und die Kleidung. Illusionär wohl, sich einzubilden, das Bewusstsein der Einwohner wäre es weniger. Aber sie wirken nicht so. Die Tradition ihres Volkes und ihrer besonderen Gegend ist so tief in Erscheinung und Gebärde eingedrungen, dass sie geformt, der Barbarei der Provinz entrückt sind, vor der in nördlichen Breiten noch die schönsten mittelalterlichen Städte ihre Einwohner nicht feien. Provinz ist nicht Provinz.

Schrieb Adorno 1965. Man hat den Eindruck, dass sich daran bis heute nichts Wesentliches änderte. Urlaubsaufenthalte, auch ausgedehnte und von äußerst aufmerksamen Reisenden unternommene, sind natürlich keine Basis für profunde Urteile, es geht um den schnellen Eindruck. Eine „provinzielle Kleidung“ allerdings existiert nicht mehr, es kommt alles aus den gleichen textilen Mega-Fabriken und der Stil ist in Lucca wohl der gleiche wie in Mailand.

Nach Adorno sind die italienischen Provinzler formal der deutschen Provinz-Barbarei entrückt, im Bewusstsein nicht. Vielleicht erklärt das die aktuellen italienischen Wahlergebnisse. In Norditalien, besonders in der Lombardei, ist die Lega-Partei fast überall die stärkste. Es scheint auf eine gewisse Art ein barbarischer Provinzialismus eingekehrt, aber vielleicht trügt der Schein. Berücksichtigen sollte man immer, dass naturgemäß 80 Prozent Faschisten in der italienischen Provinz wesentlich weniger unheilvoll sind als 20 Prozent Faschisten in der deutschen. Provinz ist nicht Provinz.

Der Eindruck jedenfalls ist nirgendwo ein unangenehmer, selbst in den Lega-Hochburgen nicht. Kein Vergleich mit Deutschland. Die Menschen kleiden sich gut, ob provinziell oder nicht, es zeugt von einem gewissen Respekt vor dem Mitmenschen. Kaum jemand, der hier ein Muscleshirt trüge. Es gibt nach wie vor viele kleine Läden, in denen man einkauft, viele Cafés, in denen tatsächlich Menschen sitzen, keine Ketten, inhabergeführt. Es gibt diese Haltung, irgendwo zwischen Fatalismus und Lässigkeit, die ein Haus, das man als im Weg stehend betrachten könnte, stehen lässt. Es löst keine Nervosität aus.

Gegensätzliches erlebt man in Teilen Ostdeutschlands. Unvergessen ist ein Kurzbesuch in einem Städtchen namens Schneeberg im Erzgebirge: Ein perfekt restaurierter Marktplatz, der diese Funktion schon lange eingebüßt hatte und nur noch als Kulisse diente. Außenherum Ein-Euro-Shops, Bäckereiketten, Leerstand. Auf dem Platz geplagte – teilweise mental, teilweise finanziell – Menschen. Schneebergs Restaurierung wurde ermöglicht, indem man die Gelder der Wessis nahm, die ihnen zugleich mit gönnerhafter Pose ihr Untermenschentum klarmachten. So beginnt man zu hassen. Ein Marktplatz als Kulisse eines besseren Lebens, das versagt bleibt. Jeder Schritt auf dem Platz gerät zur Visualisierung der Lüge, zum Spießrutenlauf an den eigenen Erfahrungen vorbei.

Die Vewertung ist hier scheinbar alternativlos, man sieht in der Tat keine Alternative. Gleichzeitig spürt man, dass man deren Anforderungen nicht erfüllen kann. Es ist vielleicht der wesentliche Grund für die Entwicklung von Barbarei. Wo auch immer.

(Foto: genova 2018)

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