Berlinwahl: großer Plakatevergleichstest! (Teil 1)

Die Hauptstadt, wie man sagt, ist derzeit voll von großen und kleinen Wahlplakaten einer Unmenge von Parteien und Personen. Da angeblich 40 Prozent der Wahlberechtigten noch nicht wissen, was sie wählen sollen, starte ich im Dienstleistungsblog Exportabel nun den ultimativen Plakatevergleichstest. Schulnoten dienen dem Anspruch unbedingter Objektivität, den ich selbstredend erhebe.

1 NPD:

Die nationalen Demokraten haben eine klare Botschaft, die sie in der Multi-Kultistadt Berlin freundlicherweise auch in türkisch präsentieren. Türken können ja kein deutsch. „Deutschland uns Deutschen“ bezieht sich, das ist bei der NPD klar, auf die Blutsreinheit.

Berlinbezug: Hoch, wobei es korrekterweise „Berlin den Berlinern“ heißen müsste. Allerdings sind Berliner notwendigerweise Deutsche. Note 2

Glaubwürdigkeit: Es ist davon auszugehen, dass die NPD meint, was sie sagt. Absolut glaubwürdig. Note 1

Gestaltung: Aus der Sicht eines Berliner Hipsters nicht unbedingt trendy, aber das Plakat ist authentisch: die Farbgebung erinnert an deutsches Blut und die Reichskriegsflagge, da wird klar, dass die Fahrt an die polnische Grenze demnächst etwas länger dauern soll. Der Schrifttyp im türkischen Teil zeigt schon, dass die Muselmänner nicht zu uns passen. Note 2

Inhalt: Ein arisches Deutschland in den Grenzen von 1941 ist völkerrechtlich nicht gänzlich unproblematisch. Aber bei der Wahl geht es ja um Berlin, da fordert die NPD beruhigenderweise keine Grenzkorrekturen. Und wen interessieren schon Inhalte? Note 2

 

2 Tierschutzpartei:

Das abgebildete Rentier im Gefängnis hat keinen Spaß, das Plakat spricht den Passanten offensiv an und emotionalisiert. Schluss mit dem Zirkus! Der Regenbogen zeigt, dass die Partei auch homosexuell und transgender orientierten Tieren aufgeschlossen gegenübersteht.

Das zweite Plakat betont die deutsche Komponente im Tierschutz. Es muss natürlich zuerst um den deutschen Schäferhund gehen und der junge Hundehalter trägt als ersten Flaum folglich einen Hitlerbart. Bleibt nur die Frage, ob die Tierschutzpartei für das Tierwahlrecht eintritt. Hier wünschte ich mir eine deutlichere Aussage. Auch drängende Fragen zum Thema Sex zwischen Tieren und Menschen (Mindestalter, Kondomgrößen) werden leider totgeschwiegen.

Berlinbezug: Klar vorhanden, Berlin ist Hundehauptstadt. Rentiere in Zirkussen gibt es sicher auch. Note 1.

Glaubwürdigkeit: Die Tierschutzpartei will Tiere schützen, das ist glaubhaft. Nicht völlig überzeugend ist ein Bart bei einem Zehnjährigen. Er könnte aber als Zeichen ausgeprägter Frühreife eines Großstädters durchgehen. Note 2.

Gestaltung: Konventionelle, aber verschiedene Gestaltungstypen, die den Wiedererkennungswert schmälern. Die Tierpartei empfiehlt ein Kreuz mit rotem Buntstift. Mutig. Note 2

Inhalt: Rentiere in Zirkussen sind ein vieldiskutiertes Thema, die Umvolkung des deutschen Schäferhundes auch. Note 1.

 

3 Partei für soziale Gerechtigkeit (PSG)

Gegen ein vereintes sozialistisches Europa und soziale Gleichheit kann man eigentlich nichts haben, und wenn doch, dann weiß man gleich, dass die PSG die falsche Partei ist. Hier herrschen klare Verhältnisse.

Berlinbezug: Da in Europa auch Berlin liegt, durchaus vorhanden. Note 2

Glaubwürdigkeit: Würde die Sektion der Vierten Internationale ein kapitalistisches Europa fordern, könnten leise Zweifel an der Glaubwürdigkeit aufkommen. So aber ist der Fall klar: die PSG steht zu Sozialismus in Europa. Note 1.

Gestaltung: Rot als Farbe des Sozialismus ist überzeugend, die Verwendung von fiesen Signalwörtern wie Diktatur, Nationalismus und sozialistisch zeigen, dass die Partei heiße Eisen anfasst. Geradlinig, schnörkellos, direkt.

Inhalt: Die Themen Sozialismus und Vierte Internationale sind zumindest den Älteren noch vertraut. Die Jungen müssen halt im Smartphone nachschlagen. Dank Rechtschreibkorrektur werden sie das auch schaffen. Note 2

 

4 CDU

Die Christdemokraten präsentieren sich in Berlin vielfältig. Staatstragend, kinderfreundlich, alliterationsverliebt, personenbezogen. Der dicke Spitzenkandidat Henkel wirbt mit dünnen Kindern, das kommt immer gut. Cerstin mit C Richter-Kotoswki ist die Erika Steinbach von Berlin, zumindest was die Betonfrisur und das Stahllachen angeht. Auch sie beugt sich gerne zu Kindern runter, vor allem, wenn ein Fotograf in der Nähe ist. Kinder sind total lustig und Christen müssen immer lachen, wenn sie welche sehen, das ist klar. Man spürt auch sofort, dass die Fotos nicht gestellt sind.

Ein herausragender Christen-Kandidat ist Stephan Standfuß. Wer so heißt,  hat Standkraft und standhafte Standpunkte, das steht fest. Suboptimal ist nur sein politischer Schwerpunkt („Mehr Sicherheit“), der alliterarisch aus dem Konzept fällt. Stephan Standfuß sollte sich besser mit dem Thema „Staus stoppen!“ beschäftigen. Ist ja auch wichtig.

Eine andere CDU-Kandidatin mit schönem Namen ist Jeannine Pferdefuss. Sie hat direkte, klare und andere Lippen und Augen. Frau Pferdefuss und Herr Standfuß sollten sich zusammentun und heiraten, dann kommen sie in die Bunte und sind das neue Dreamteam für Berlin und gegen Staus.

Ein wenig übertrieben scheint die Behauptung, dass nur die Unionschristen schönes Wetter können. Das können sie bestimmt, aber die Partei bibeltreuer Christen hat auch gute Kontakte nach oben, insofern ist das kein Alleinstellungsmerkmal von Henkel und Co.

Neue Bäume kann die CDU sicher auch, keine Frage. Und da auf jeden Berliner aktuell erst eine Million Bäume kommen, herrscht hier dringender Nachholbedarf.

Berlinbezug: Bäume, Staus, Standfuß, stechende Augen, standfeste Kinder, all das ist in Berlin zu finden. Note 1

Glaubwürdigkeit: Christen lieben Kinder und Cerstin schreibt man mit C. Wer wollte da widersprechen. Note 1

Gestaltung: Pausbacken, rote Lippen und Betonfrisuren setzt man groß in Szene, die inhaltlichen Aussagen treten auf dunkelblauem Hintergrund klar hervor. Allerdings ist das Kleingedruckte für die CDU-Stammwählerschaft (Altersheime) nur mit Lupe lesbar. Note 2

Inhalt: Die CDU spricht die wichtigen Themen an, an die die Politik ran muss. Wohnen, Flüchtlingsinfrastruktur oder Verwaltung sind ja in Ordnung. Aufschwung und Arbeitsplätze gab es früher nur mit Kohl, heute gibt es das nur mit Henkel. Das Wetter ist verbesserungsbedürftig und das bringt die CDU auch mutig zur Sprache. Überdies sind die Unionschristen die richtige Wahl für alle, die Berlin („Sündenpfuhl Großstadt“) optisch komplett verschwinden lassen wollen . Denn das wird beim Pflanzen weiterer Bäume zwangsläufig geschehen.  Note 1

 

5 Linkspartei

Die Linke gibt sich bodenständig. Die arme Oma muss dank der Linken nicht umziehen und auch an die Ökologie wird gedacht. Der Kandidat Yannick Tiedt wird von allen Kiffern, Dschihadisten, Ökos, Schwarz-Weiß-Fotografie-Fans und Jesus-Latschen-Trägern gewählt, da ist der Wiedereinzug ins Abgeordnetenhaus gesichert.

Berlinbezug: Oma Anni wohnt in Berlin und Yannick Tiedt sicher auch. Note 1

Glaubwürdigkeit: Da die Linkspartei sich schon in der rot-roten Koalition von 2001 bis 2011 überzeugend gegen Gentrifizierung und den fiesen Finanzsenator Sarrazin zur Wehr gesetzt hat, wäre es unfair, den sympathischen Sozialisten diesmal nicht zu glauben. Note 1

Gestaltung: Rot sind die Liebe und der Sozialismus (siehe PSG): klare Ansprachen für die Arbeiterklasse. Note 1

Inhalt: Mieterverdrängung und soziale wie auch ökologische Themen stehen hoch im Kurs. Die Chancen der Linkspartei sind bei den Wahlen deshalb exzellent: Die Zonenoma aus der Platte wählt traditionell SED und  alle anderen wählen die Linkspartei wegen Yannick. Note 1

 

Zwischenfazit:

Die Parteien sind durch die Bank plakativ hervorragend aufgestellt. Man hat tatsächlich die Qual der Wahl. Teil 2 wird die Entscheidung bringen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Alltagskultur, Berlin abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Berlinwahl: großer Plakatevergleichstest! (Teil 1)

  1. hANNES wURST schreibt:

    Mich beschleicht das Gefühl, dass Du für Politik nur noch beißenden Spott übrig hast und als ironischen Seitenhieb auf den Humanismus sicherlich die Tierschutzpartei wählen wirst.

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    „Mich beschleicht das Gefühl, dass Du für Politik nur noch beißenden Spott übrig hast “

    Keineswegs. Wäre das so, hätte ich einen DSDS-Vergleichstest gebracht.

    Gefällt mir

  3. Jakobiner schreibt:

    Wie sehen eigentlich die Plakate der La Rouchies/ Bürgerintitative Solidarität (BüSo) aus? Ich habe mal einen Wahlspot gesehen, in dem sie Berlin zum Tor der neuen Seidenstrasse der chinesischen One-Belt-One-Road-(OBOR)-Initiative machen wollten. Also Berlinbezug ganz geopolitisch und mit großer Weltpolitik, wie es einer Hauptstadt eines ehemaligen Reiches in Zusammenarbeit mit dem Reich der Mitte gebührt.Und wo bleiben die AfD-, Grünen- und SPD-Plakate?

    Gefällt mir

  4. genova68 schreibt:

    Warte mal den Teil 2 ab :-)

    Gefällt mir

  5. Annika schreibt:

    „Neue Bäume kann die CDU sicher auch, keine Frage. Und da auf jeden Berliner aktuell erst eine Million Bäume kommen, herrscht hier dringender Nachholbedarf.“

    Made my day. Ich hab so oft gelacht beim lesen von Teil 1+2.
    Danke für diese kenntnisreiche Bedarfsanalyse.

    Gefällt mir

  6. genova68 schreibt:

    Danke auch, gern geschehen :-)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s