Wo kreative Investmentbanker wohnen

Die FAZ am Sonntag publiziert allen Ernstes auf acht Seiten ein von der Redaktion mit Roland Berger durchgeführtes Städteranking mit der Fragestellung: „Wohin zieht es  die kreative Klasse?“ Kreative sind laut FAS folgende Berufsgruppen, kein Scherz: „Rechtsanwälte, Investmentbanker, Ingenieure, Wirtschaftsprüfer und Werber, aber auch Musiker, Wissenschaftler und Modeschöpfer.“ Chefärzte und ein paar andere sind auch im Boot.

innenstadtErgebnis dieser lustigen Studie: „München ist Deutschlands attraktivste Stadt“. Unter anderem, weil „im Sommer Klinsi kommt“ und die Allianz-Arena „jetzt schon leuchtet.“ Stuttgart ist „die große Überraschung“. Düsseldorf, so lernt man, hat „den schönsten Fernsehturm“ und Mannheim, ebenfalls eine tolle Stadt, „Straßen mit lauter rechten Winkeln wie in Manhattan“ (siehe Bild).

Toll an den kreativen Städten ist auch, dass dort „die Besten“ studieren, weil die Unis sich ihre Studenten aussuchen. Die anderen haben also auch als Studenten nichts mehr in diesen Supidupistädten verloren und gehen bitteschön woandershin. Klingt irgendwie sozialdarwinistisch.

Bislang dachte ich, dass es die Aufgabe von Focus ist, sich derart lächerlich zu machen. Nun also auch die FAS. Im Internet sollen die Leser jetzt die Ergebnisse diskutieren. Diskutieren tut auch der FAS-Feuilleton-Chefredakteur Claudius Seidl mit dem Hardcore-Neoliberalen Hans-Werner Sinn zum Thema: Wird München überschätzt? Haha. Überschätzt offensichtlich von der FAZ am Sonntag.

Ist doch eh klar: Die Zahl der deutschen Städte, in denen Kultur breit angelegt ist, was bedeutet, dass Subkultur in vielen Formen Möglichkeiten zur Entfaltung hat, und man dann von einer kreativen Stadt oder einer Stadt für Kreative sprechen könnte, ist begrenzt (wie wohl auf der ganzen Welt): Vor allem Berlin und Hamburg, vielleicht auch Leipzig, Dresden und Köln. Das war´s dann schon. Nischen findet man überall. (Wobei ich es mir von Stuttgart nicht vorstellen kann. Beim besten Willen nicht.) Und Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Chefärzte sind Leute, die teilweise dann in Szeneviertel ziehen, wenn das störende Gesindel wie Ausländer und Künstler und alle, die das Viertel – bewusst oder unbewusst – überhaupt erst zum Szeneviertel gemacht haben, wegen der zu hohen Preise schon längst weggezogen sind. Oder sie ziehen weg, WEIL die Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Chefärzte anrollen.

Das erinnert an den Artikel in der Zeit vor einer Weile: Der Prenzlauer Berg, der rund um den Kollwitz-Platz von einer esoterisch angehauchten Schickeria in Beschlag genommen wurde („Bionade-Biedermeier“).

Was in der FAZ am Sonntag fast überhaupt nicht vorkommt: Die Renditeerwartungen der Immobilienbesitzer, die in München oder Düsseldorf dazu führen, dass Subkultur keine Chance hat, weswegen diesen Städten einiges abgeht. Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, sagt dazu auf Seite sechs der Ranking-Beilage in der FAS lapidar und ohne jede Begründung: „Eingriffe in die Preisbildung am städtischen Immobilienmarkt bringen gar nichts.“ Aha.

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