Berlinwahl: großer Plakatevergleichstest! (Teil 2)

Büso

Die Büso-Partei gibt sich visionär. Hier geht es nicht um popeliges wie Kommunalpolitik, sondern ums große Ganze. Der Berliner Landesverband der Büso-Partei fordert offenbar eine Autobahn von Berlin nach China, Kultur, keinen Weltkrieg und irgendwas mit Banken. Ergebnis: Alle gewinnen, keiner verliert (Ausnahme: Weltkrieg). Klingt gut.

 

Berlinbezug: So mittel, aber immerhin soll die neue Autobahn wohl in Berlin beginnen. Und ein Weltkrieg ist ja auch schon mal von Berlin ausgegangen. Note 2

Glaubwürdigkeit: Hoch. Wer will schon Krieg, Krach und Barbarei? Note 1

Gestaltung: Orange und blau sind schöne Farben, allerdings von AfD und Alfa besetzt. Insofern nicht ganz eindeutig. Viel Text, viel Information und dem wahlwilligen Bürger wird gezeigt, wie man ein Kreuz macht. Nur, damit nichts schiefgeht. Note 2

Inhalt: Die Büso-Partei geht mutig aktuelle Themen an. Die Autobahn von Berlin nach Frankfurt/Oder wird gerade erneuert, da kann man ja gleich weiterbauen. Allerdings schweigt sie sich zu wichtigen Details aus: Wird es auf der neuen Autobahn ein Tempolimit geben? Muss der Kraftfahrer mit 100 dahinschleichen oder darf er zügig nach China reisen? Und wo bleiben klare Aussagen zum Thema Autobahnmaut? Was wird uns Automobilisten der Spaß kosten? Hier herrscht Nachbesserungsbedarf. Auch die Definition der aktuellen „Kulturbarbarei“ ist unklar. Was ist damit gemeint? Architektur, Volksbühne oder die noch nicht wiederaufgebaute Neue Reichskanzlei? Note 2

 

SPD


Die SPD setzt auf ihren Spitzenmann Michael Müller, der seine Erfahrung mit Schlips und Kragen und seine Verantwortung mit offenem Hemd visualisiert. Macht sicher Sinn, wenn man einen erkennt. Erfahrung hat Müller jedenfalls darin, wie man die Mieten in wenigen Jahren um 50 Prozent nach oben treibt, da kann man nichts sagen. Und Verantwortung bedeutet, die Brille nach oben zu schieben. Täte er das nicht, fiele sie runter. Es wäre unverantwortlich gegenüber der Brille.

Berlinbezug: Hoch. Müller ist gebürtiger Berliner und die abgebildete Wohnsiedlung steht in Berlin. Kieze gibt es hier auch. Note 1

Glaubwürdigkeit: Hoch. Müller trägt ein Kassengestell, ist also einer von uns. Und die SPD ist ja traditionell eine Partei für den kleinen Mann. Note 1

Gestaltung: Ein verwischter Hintergrund ist die derzeitige Avantgarde der fotografischen Entwicklung. Müller und seine Crew sind also vorne dabei. Und wichtige Begriffe rahmt man ein, das lernen wir schon in der Vorschule. Note 1

Inhalt: Verantwortung und Erfahrung sind wichtig, wer wollte das bestreiten? Müller verfügt über beides, das ist gut. Auch gut, dass sich die Sozialdemokraten um die Wohnqualität im Kiez kümmern. Die oben abgebildete Siedlung ist eine von Bruno Taut, in den 1920ern von der GEHAG erbaut. Die haben die Sozis zusammen mit den Unionschristen 1998 privatisiert. In den ersten neun Jahren danach haben sich die Mieten durchschnittlich um über 30 Prozent erhöht. Da ist es freundlich, dass sich die Politiker jetzt kümmern. Die SPD also auch als waschechte Kümmerpartei. Note 1

 

AfD


Die noch junge AfD tritt in Berlin erstmalig an und demonstriert erfrischende Offenheit. Sie fordert mehr arische Familien, was all jenen guttut, die vor lauter Buntheit nicht mehr wissen, wo sie sind. Herr Paderski, der Anführer der Berliner AfD, steht offensiv zu seinem Alkoholkonsum. Büdchen-, Eckkneipen-, Getränke-Hoffmann-Besucher und ein paar Millionen andere könnten sich hier angesprochen fühlen.

Berlinbezug: Vorhanden. Das Arier-Thema war in Berlin ja schon einmal en vogue und angesichts des innerstädtischen Brauereisterbens ist es angebracht, dass Politiker zu ihrem Alkoholkonsum stehen.

Glaubwürdigkeit: Hoch. Die AfD sagt, was sie denkt, und was sie denkt, weiß mittlerweile eh jeder.

Gestaltung: Das Blau beansprucht auch die Büso-Partei und das Rot beanspruchen die Sozialdemokraten, die Linken und die PSG. Insofern verbesserungswürdig. Aber dankenswerter Weise zeigt uns die AfD bildhaft, wie wählen geht: Mit einem roten Filzstift ein Kreuz machen. Note 2

Inhalt: Eindeutig. Bürgerliche Wähler könnten es etwas aufdringlich finden, dass Herr Paderski sich seine Gesinnung so groß auf die Stirn tätowiert hat. Das Ganze etwas kleiner im Dekolleté-Bereich hätte es auch getan. Andererseits: Die Bürger sind flexibel. Suboptimal: Wer das Mehr an Eigentum einstreichen soll, wird nicht ganz klar. Paderskis Bartmode ist der des Tierschutzparteikindes verblüffend ähnlich (siehe Teil 1). Deutet sich hier eine Koalition an? Note 2

 

Piratenpartei


Von den Piraten redet zwar niemand mehr, aber sie treten wieder an und sind bunter denn je. Diese Truppe wird bestimmt vertrauensvoll zusammenarbeiten: keine Egozentriker, keine Selbstdarsteller, sondern Leute, denen es um die Sache geht. Das sieht man sofort. Die Sache ist: Demokratie, Menschenrechte und Transparenz. Wichtige Themen, keine Frage. Wobei: Angesichts des heißen Wetters im heißen Wahlkampf hätte man vielleicht besser auf das Thema Transpiration gesetzt. Es ist einfach aktueller. Unter den PiratInnen ist jetzt auch Lea Frings. Tragisch dabei: Vor zwei Jahren setzte sie auf den Rohrkrepierer „Montagsmahnwachen“, um berühmt zu werden. Jetzt auf die Piraten. Oje. Ein typischer Pirat bietet eine Zuhörtherapie an. Was aber, wenn ihm niemand etwas erzählen will? Wie auch immer: Die scheiß Mieten sind jedenfalls zu hoch, die Piraten kümmern sich drum. Und sehr gute Radwege sind offenbar schlechte.

Berlinbezug: Gegeben. Schätzungsweise. Note 2

Glaubwürdigkeit: Wenn die Piraten bleiben wollen, bis Berlin wieder funktioniert, wird der Kandidat 100 Jahre alt. Mindestens. Vielleicht lebt er ja gesund. Note 2

Gestaltung: Auf den Plakaten sind Menschen mit lustigen Frisuren zu sehen. Das kommt in der Nonkonformistenstadt Berlin gut an. Note 1

Inhalt: Geht ok. Die Piraten rechnen die Mieten mit dem Taschenrechner durch und stellen fest, dass sie zu hoch sind. Das ist eine neue Erkenntnis. Wie auch immer die dem Taschenrechner entlockt wurde. Ansonsten geht es bei den Piraten um alles. Ziele sind unbekannt, aber gut, dass wir darüber geredet haben. Note 2

 

Grüne


Die Grünen präsentieren eine Menge netter Menschen mit schönen Namen. Bei dem Herrn weiß man nicht genau, wo der Vorname auf- und der Nachname anfängt. Vermutlich hat sich die Druckerei vertan und der Mann heißt Alexander Elias (Vorname) Kaas (Nachname). Ist aber auch egal, denn hier zählen der weiche Blick, die weichen Haare und die weichen Backenknochen. Und dass ein echter Wilmersdorfer drin ist, wo „Echt Wilmersdorf“ draufsteht. Echt Wilmersdorf sind die Wilmersdorfer Witwen. Eigentlich nur die Wilmersdorfer Witwen. Annabelle Wolfsturm ist echt Friedenau, das ist sicher auch was tolles. Es kann nichts schiefgehen.

Berlinbezug: Top. Wilmersdorf und Friedenau liegen im Herzen der Hauptstadt. Note 1

Glaubwürdigkeit: Ein Wilmersdorfer setzt sich für die Wilmersdorfer ein und eine Friedenauerin für die Friedenauerinnen. Es herrschen klare Verhältnisse und Übersichtlichkeit. Keine Experimente. Note 1

Gestaltung: Gesichter können sprechen, was braucht man mehr? Note 1

Inhalt: Bestimmt. Note 1

Fazit:

Die Parteien sind alle so wählbar, dass man sich gar nicht entscheiden kann. Schöne Kieze, Alkohol, Demokratie, Autobahnen, Verantwortung, Buntheit, Arier, fröhliche Tiere, fröhliche Kinder, Bäume, Kiffer und schönes Wetter: Wir Berliner wollen alles, und zwar sofort. Alle Parteien sind viel zu gut, um sie nicht zu wählen.

Die Empfehlung der Exportabel-Redaktion für kommenden Sonntag ist deshalb eindeutig:

Machen Sie auf dem Stimmzettel bei jeder Partei ein Kreuz! Dann bekommen wir das Paradies an der Spree! Noch in diesem Jahr!

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8 Antworten zu Berlinwahl: großer Plakatevergleichstest! (Teil 2)

  1. Jakobiner schreibt:

    Köstliche und unterhaltsame Wahlkampfberichterstattung. Man kriegt einen guten Eindruck, was so in Berlin abgeht.Die ursprünglichen Pläne der BüSO war es ein Transrapidnetz von Lissabon über das produktive Dreieck Paris-Berlin-nochwas über Zentralasien nach China zu bauen.Auf dem Weg sollten überall atomkraftgetriebene Agrochemiekomplexe die Landwirtschaft und die Indiustrie fördern und den Transrapid betreiben. Von der BüSo gibt´s da ein ganzes Propagandabuch „Die neue Seidenstrasse“dazu.Mal sehen, ob die Autobahn Berlin-Peking auch noch kommt. Von Chongqing fährt inzwischen ein Direktzuug nach Düsseldorf.Und neben der kontinentalen neuen Seidenstrasse ist auch noch eine mariktime Seidenstrasse geplant.Vielleicht mit direkter Verbindungslinie Spreeschiffahrt zum Laiserkanal in Peking–mal sehen.

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  2. Annika schreibt:

    „Und Verantwortung bedeutet, die Brille nach oben zu schieben. Täte er das nicht, fiele sie runter. Es wäre unverantwortlich gegenüber der Brille.“

    Brüller!

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  3. hANNES wURST schreibt:

    Ich lege allen Lesern inständig nahe, die Bügerrechtsbewegung Solidarität zu wählen. Viele Unwahrheiten über die LaRouche-Bewegung sind im Umlauf, und so konnte die BüSo bei der Bundestagswahl nur 0,0% der Stimmen auf sich vereinen. Aber wer wie ich die Schnauze voll hat von Atomskepsis, Klimaaktionismus und dem TEuro, der wird hier ein neues politisches Zuhause finden und hat dazu noch eine außergewöhnliche Wahl getroffen und kann damit angeben.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Bin mal gespannt, wielange es die BüSo noch gibt. La Rouche ist ja in sehr weit forgeschrittenem Alter, dürfte bald sterben, insofern er nicht schon gestorben ist, alles ist auf seine Person ausgerichtet wie in einer Führerpartei und höchstens seine werte Gattin Helga Zepp-Larouche könnte dann übernehmen. La Rouche ist eine interessante Mischung: der erste troitzkistische/internationalistische Faschist, der eine internationale Organisation aufgebaut hat.In den 70er Jahren gaben sich die La Rouchies trotzliostisch, dann wuirden sie immer nationalistischer.Zudem sind sie sehr futuristisch und technikaffin, ein Ausläufer der technizistischen Bewegung der 30er Jahre.Aber man sollte sich nicht täuschen_-La Rouche formulierte mal: „Es kommt nicht darauf an, ein Haklenkreuz zu tragen, um ein Faschist zu sein, es kommt nicht darauf an, ein Braunhemd zu tragen, um ein Faschist zu sein, wichtig ist nur, ein Faschist zu sein.“Wen es näher interessiert, es gibt über ihn ein detailiertes Buch „La Rouche–The face of American facism“: Aber die La Rouches mit ihrer Zeitung „Neue Solidarität“ und ihrer Schillerstiftung hatten immer einen gewissen Unterhaltungswert auf politischen Veranstaltungen an der Uni, die sie zahlreich besuchten.

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  5. genova68 schreibt:

    Ich glaube, die Büso spielt nur hin und wieder an Straßenständen eine Rolle. Es ist egal, was die machen. Wären die nur ein bisschen realitätsbezogen, würden sie beim Kommunalwahlampf in Berlin nicht über die Seidenstraße fabulieren. Das hat etwas von einer Sekte, einer größeren Familie.

    Aber als guter Demokrat unterstütze ich natürlich den Wahlaufruf von Hannes Wurst.

    Es gibt einen Direktzug von China nach Düsseldorf?? Da kriegt man doch Dekubitus.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Noch aus Wikipedia:

    „Die „LaRouche-Bewegung“ gilt mindestens bis 1994 auf dem Sektor der weltverschwörungstheoretischen Feindbildpflege in der rechten Szene als tonangebend. Dabei wurden die Feindbilder häufig gewechselt. Anfang bis Mitte der 1970er Jahre waren es noch die CIA und Rockefeller. Ende der 1970er Jahre waren es die Briten, Freimaurer, Zionisten, ein schwarzer internationaler Adel. Und während man mit der Reagan-Administration sympathisierte, wurden der KGB und ein russisches „Drittes Rom“ zum Feindbild ausgerufen. Schließlich verwarf man den US-Kurs wieder und erklärte die CIA und eine geheime Nebenregierung der USA zum Feind. Die „LaRouche-Organisation“ ist streng hierarchisch organisiert, und alle Lebensbereiche der Anhänger des harten Kerns werden kontrolliert. Berufliche Fortbildung und Betätigung außerhalb der Bewegung und Urlaube sind verpönt. Seit den Gründungstagen herrscht in der Gruppe eine ausgeprägte Sicherheits-Paranoia. Anfang der 1980er Jahre sorgte LaRouche dafür, dass sich in seinem Begleitkonvoi immer mindestens acht bewaffnete Bodyguards befanden, die angewiesen wurden, sofort das Feuer zu eröffnen, sobald ein Fremdfahrzeug versuchte in den Konvoi einzudringen (…)Man sympathisierte mit dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein. Zum Regime des Irak bestanden bereits Mitte der 1970er Jahre Kontakte. Mit Beginn der 1990er Jahre solidarisierte man sich mit radikalen Islamisten. Es gab Verbindungslinien von der „LaRouche-Gruppe“ zum sudanesischen Islamisten-Regime und zur militant antisemitischen Gruppierung Nation of Islam (NOI) von Louis Farrakhan. Während des zweiten Golfkrieges kooperierte man erneut mit dem Irak, und LaRouche-Vertraute besuchten regelmäßig den Irak.[18] Den Irakkrieg 2003 lehnte LaRouche ab, jedoch nicht wegen einer Ablehnung von Imperialismus, sondern weil der Irakkrieg laut LaRouche das Ziel hatte, die US-Wirtschaft zu schädigen.“

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  7. hANNES wURST schreibt:

    Das wurde LaRouche doch alles angehängt! Und zwar von Tinkerbelle.

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  8. Jakobiner schreibt:

    Hanneswurst–ein La Rouchie? Alles so angehängt, wie der AfD ihre immer wieder rechtsradikalen Äußerungen?Und wer ist Tinkerbelle und welches Interesse hätte er La Rouche etwas „anzuhängen“?

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